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Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens

Georg Christoph Lichtenberg: Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens - Kapitel 2
Quellenangabe
typeaphorism
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleLichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens
booktitleDenken mit Georg Christoph Lichtenberg
publisherDiogenes Verlag AG
editorEgon Friedell
year2009
isbn9783257238860
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20131207
modified20150330
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Einleitung

In der Ausnützung ihrer heimischen Literaturprodukte sind uns die Franzosen und Engländer unbedingt voraus. Es herrscht dort ein ganz anderes, viel regulierteres Verhältnis zwischen dem Schriftsteller und dem konsumierenden Publikum. Nichts bleibt unausgewertet, keine geistige Energie bleibt latent liegen, sondern sie wird allsogleich in neue Energieformen: in nationale, ästhetische, ethische, kulturelle Bewegungen umgewandelt. Die Gesellschaft hält das ganze Arbeitskapital ihrer geistigen Kapazitäten unter steter Beobachtung und sucht es sich so intensiv wie möglich zunutze zu machen.

Diese beiden Länder haben einen viel größeren Verbrauch an Klassikern, als dies bei uns der Fall ist. Nicht als ob dort mehr bedeutende Köpfe hervorgebracht würden – es wäre viel leichter, das Gegenteil zu beweisen –, sondern es werden dort sozusagen viel mehr Genies »emissioniert«. Hat in Deutschland jemand etwas zu sagen, was eine neue Bedeutung enthält, so entwickelt sich sogleich im Publikum Mißtrauen in zweifacher Richtung; zunächst: ob dies nicht etwa schon ein anderer vor ihm gesagt habe, und sodann: ob es nicht etwa eine bloße Absurdität sei, ob die neue Wahrheit oder Tatsache nicht Widersprüche, Ungereimtheiten, Paradoxien enthalte (»paradox«, das ist ja das Lieblingswort des Deutschen). Da nun aber alle menschlichen Wahrheiten entweder uralt oder paradox sind (oder richtiger gesagt: stets beides zugleich sind), so ist jeder derartige Sprecher völlig hoffnungslos der Mißgunst der Kritik preisgegeben.

Andere Nationen sind nicht so vorsichtig. Sie fragen nicht lange, ob der neue Sprecher im Recht oder im Unrecht ist, ob er Vorgänger hat oder nicht, sondern sie nehmen seine Produkte hin, als bemerkenswerte Äußerungen einer hochgespannten geistigen Aktualität, als Bewegungszentren, die geeignet sind, dem Gange des öffentlichen Lebens neue Beschleunigungen zu erteilen; als etwas, das freilich erst im Laufe der Geschichte seinen angemessenen Platz erhalten wird, das aber zunächst unter jeder Bedingung gehört und aufgenommen werden muß. Und über den Streit der Partialmeinungen hinweg stellen sie die wenigen Persönlichkeiten, froh, sie zu besitzen, in ihre Nationalgalerie.

Der entgegengesetzte Prozeß ist in Deutschland nicht nur in der Aufnahme zeitgenössischer Autoren zu verfolgen. Auch zur Vergangenheit haben wir noch immer jene mißgünstige Haltung eines übergewissenhaften Lehrers, der nur widerstrebend gute Noten austeilt. Wir sind so ängstlich und behutsam in der Verleihung der Klassikerwürde, daß uns schließlich nur ein paar Bücher in den Händen geblieben sind, von denen die einen heute ganz tot und die anderen so zerlesen, abgegriffen und von der Mikrologie zerschabt sind, daß sie für uns jeden Geschmack verloren haben. Die geistige Bedürfnislosigkeit des deutschen Publikums ist derzeit erschreckend. Es gibt wenig gebildete Franzosen, die mit Vauvenargues, Chamfort, Labruyère und vielen anderen, die kaum dem Namen nach zu uns gedrungen sind, nicht eingehend vertraut wären, in England stehen die Schriften Bacons, Carlyles, Macaulays in jedem Regal, während bei uns immer noch alle Literatur, die sich nicht geradezu aus Schulautoren zusammensetzt, als Luxus gilt. Es war nicht immer so, und die unvermeidliche Reaktion beginnt sich bereits anzukündigen.

Unter diesen heimlichen Klassikern befindet sich auch Lichtenberg. Sein Mangel an jeglicher Einseitigkeit, Pedanterie und Trockenheit macht ihn für jedermann zugänglich. Von Kant hat Goethe gesagt, wenn er ihn lese, so sei ihm zumute, »als trete er in ein helles Zimmer«. Auf wenige deutsche Schriftsteller könnte dieses Bild mit ebensolcher Berechtigung angewendet werden wie auf Lichtenberg. Nur besitzt dieses Zimmer noch allerlei Winkel, Erker und Gänge, die in die absonderlichsten Polterkammern führen.

Es ist von bedeutenden Köpfen zunächst immer von vornherein anzunehmen, daß sie eine Art Brennpunkt ihres Zeitalters bilden. Und da alle Strahlen sich hier sammeln, so ist es beliebt geworden, nun die einzelnen Lichtlinien vom Kreuzungspunkt zurückzuverfolgen und so die Zeit aus ihren Menschen und die Menschen aus ihrer Zeit zu deduzieren. Dieses allgemein übliche Gesellschaftsspiel versagt bei Lichtenberg. Seine Zeit war die reichste und geistig bewegteste, die Deutschland jemals erlebt hat; dennoch war er keineswegs ihr leuchtender Fokus. Seine Wirksamkeit fällt in das letzte Drittel des achtzehnten Jahrhunderts, das Zeitalter zunächst der Aufklärung und dann der Klassiker. Die kurze Episode der deutschen Aufklärung, vielfach mißverstanden als eine Art Vorstufe der klassischen Philosophie und Dichtung, ist im Gegenteil eine jener wohltätigen rückläufigen Bewegungen, die in der Geschichte der deutschen Kultur nichts Seltenes sind. In der »Aufklärung« geht der deutsche Geist zurück: er geht zurück wie ein Springer, der sich einen bedeutenden Anlauf nimmt. Diesem Ansprung, unvermittelt und impulsiv wie er kam, entspricht dann jene außerordentliche, wunderbar intensive Geistesbewegung, die die beiden letzten Jahrzehnte des achtzehnten Jahrhunderts erfüllt hat und diesem Zeitalter den Namen eines »klassischen« eingetragen hat, obgleich es nichts weniger als langweilig war. In diesen wenigen Jahren durchläuft der deutsche Geist alle Entwicklungsstadien in Kunst, Wissenschaft und Philosophie, die nötig waren, um die neue Zeit heraufzubringen, er durchläuft sie wirklich, mit der Schnelligkeit und Energie eines Läufers, der weiß, daß die Stunde geschlagen hat und die Zeiten sich erfüllt haben. Um 1800 ist die moderne Kultur fix und fertig, in erster Linie von deutschen Köpfen geschaffen, und das neunzehnte Jahrhundert hatte nichts zu tun, als die Früchte völlig ausreifen zu lassen, zu sammeln und zu sichten.

Welche Stellung hatte nun Lichtenberg, dieser bewegliche, regsame, überall geschäftig anteilnehmende Geist in diesem atemlosen Treiben? Wir wollen es gleich vorwegnehmen: er war das ideale Publikum dieser ganzen Bewegung. Wenn wir dem oben gebrauchten Bilde aus der physikalischen Optik ein anderes entgegenstellen wollen, so könnten wir sagen, er verhielt sich zu seiner Zeit nicht wie ein Brennglas, sondern wie ein Prisma, das das zuströmende Licht seiner Umgebung in die vielfältigsten Farbennuancen auseinanderlegt.

Neben ihm lebten Kant, Lessing, Goethe, Fichte oder vielmehr: er lebte neben ihnen. Fast nirgends finden wir seinen Namen von den Zeitgenossen mit jenem Nachdruck genannt, den er verdient hätte. Im Bewußtsein seiner Mitmenschen lebte er nicht als der, der er war. Er war weder geneigt noch berufen, die Räder der Literaturgeschichte zu bewegen. Er mochte darin ähnlich denken wie der ältere Goethe, der auch lieber über Pflanzen, Steinen und alten Memoiren saß, als sich in die literarische Propaganda mischte, bis der temperamentvolle Realismus Schillers ihn wieder in die Aktualität hineinriß. Lichtenbergs äußeres Leben verfloß zwischen physikalischen und belletristischen Gelegenheitsarbeiten, zwischen Wettermachen und Kalendermachen, ein paar kleinen Mädchen und ein paar guten Freunden. Zwischen diesen Alltagsdingen wuchs sein Lebenswerk. Aber er wußte es nicht.

Es sind seine Tagebücher. »Die Kaufleute«, sagte er, »haben ihr Waste book (Sudelbuch, glaube ich im Deutschen); darin tragen sie von Tag zu Tag alles ein, was sie kaufen und verkaufen, alles untereinander, ohne Ordnung . . . Dies verdient nachgeahmt zu werden. Erst ein Buch, worin ich alles einschreibe, so wie ich es sehe, oder wie es mir meine Gedanken eingeben.« Diese losen Aufzeichnungen, denen er selbst also nur die Bedeutung einer »Kladde« zum eigenen Gebrauch zuerkennen wollte, enthalten die Summe seines Geistes, eines Geistes, der an Schärfe und Luzidität, an konzentrierter Denkenergie und empfindlicher Differenziertheit nur wenige seinesgleichen hat. Es ist im großen Ganzen eine philosophische Materialiensammlung. Es liegt schon allein in der Natur solcher Arbeiten, daß sie schwer zu Ende kommen; sie tragen den Charakter unendlicher Ausdehnungsfähigkeit schon in sich. Unter vielen anderen Denkern hat auch Emerson sich solcher tagebuchartiger Brouillons bedient, aber er fand die Kraft, sie dann zu kürzeren und zu längeren Essays zusammenzuschweißen. Indessen merkt man die Legierung auch bei ihm an vielen Stellen, es entsteht dennoch immer ein Gemenge und niemals eine wirkliche Verbindung, weshalb seine Schriften bisweilen mit Unrecht den Eindruck der Gedankenflucht hervorrufen. Aber Lichtenberg konnte sich nicht entschließen, seine Gedankenbruchstücke zu amalgamieren, er war für ein solches Geschäft zu kritisch veranlagt. Sein »Waste book« erschien erst nach seinem Tode.

Die Bücherschicksale sind eben nicht weniger unlogisch und irrational als die Menschenschicksale; wenigstens scheint es uns so. Sie folgen einem dunkeln, eingeborenen Gesetz, das niemand kennt. Wie Bücher entstehen, weiß niemand, und ihre Schöpfer am allerwenigsten. Niemand weiß das Geheimnis ihrer Wirksamkeit und Unwirksamkeit. Sie führen ein seltsames, widerspruchsvolles Leben durch die Jahrhunderte, auf das Gunst und Ungunst ohne Gerechtigkeit verteilt erscheinen. Wir sehen Schriftsteller, die sich jahrelang mit einem Problem oder einem Gedicht abmühen, ohne daß die Geschichte sie beachtet, sie verzweifeln und halten ihr Lebenswerk für nichtig: – da erscheint plötzlich in irgendeinem Winkel ihres Geistes ein Gedanke, dem sie nie besonderen Wert beigelegt hatten, und dieser eine kleine Gedanke wird leuchtend und geht durch die Jahrhunderte. Der Pessimist spricht hier von Zufall, aber man könnte ebensogut von Zufall reden, wenn man die Entwickelung einer Pflanze oder irgendeines anderen organischen Wesens verfolgt. In jeder Eizelle steckt der lebenbildende Kern, aber gerade er entgeht am leichtesten dem Blick des Betrachters. »Der Mensch ist am größten, wenn er nicht weiß, wohin er sich begibt«, sagte Cromwell.

Solche posthumen Unsterblichkeiten, die erst nach dem Tode ihres Schöpfers das Licht der Welt erblicken, sind nicht die schlechtesten. Wir finden den Fall nicht selten in der Geschichte der Weltliteratur. Die »Fragmente« des Novalis, das reichhaltigste und wertvollste Magazin romantischer Ideen, das wir besitzen, die »Pensées« des Pascal, vermutlich das tiefste Buch in französischer Sprache, die außerordentlichen »Tagebücher« Hebbels: – all dies und noch manches andere erschien erst nach dem Tode des Verfassers. Lichtenberg erblickte in dieser Unfähigkeit, zu Ende zu kommen, einen Fehler. »Der Procrastinateur: der Aufschieber, ein Thema zu einem Lustspiel, das wäre etwas für mich zu bearbeiten. Aufschieben war mein größter Fehler von jeher.« Indes, wir werden geneigt sein, das, was ihm als Mangel an Energie erschien, eher als ein Zeichen höchster geistiger Aktualität anzusehen. Gerade die ungeheure Fülle und Lebendigkeit, mit der ihm immer neue Impressionen und Beobachtungen zuströmten, verhinderte ihn am Abschluß. Er mochte ahnen, daß für einen Geist von so grenzenloser Aufnahmefähigkeit, wie er es war, eine willkürliche Abgrenzung des Stoffes eine Art Verrat an der eigenen Natur gewesen wäre. Hier stand ein unendlicher Geist der unendlichen Natur gegenüber, und er begnügte sich damit, sie in ihrer Fülle in sich einströmen zu lassen. Auch ist es kein Zufall, daß so viele Schriftsteller ihr Bestes zuletzt oder auch oft gar nicht erscheinen lassen: sie haben es zu lieb dazu, sie glauben immer, sie müßten es noch besser können, sie wollen es vollkommen sehen. »Könnte ich das alles«, sagt Lichtenberg, »was ich zusammengedacht habe, so sagen, wie es mir ist, nicht getrennt, so würde es gewiß den Beifall der Welt erhalten. Wenn ich doch Kanäle in meinem Kopfe ziehen könnte, um den inländischen Handel zwischen meinem Gedankenvorrate zu befördern!« Aber das konnte er nicht, er konnte alles nur so sagen, »wie es ihm war«, er konnte eben darum Getrenntes nicht ungetrennt empfinden und nicht künstliche Kanäle zwischen Gedanken herstellen, die nicht von Natur aus verbunden waren; er konnte die Dinge nur so denken, wie sie in seinem Kopfe lagen. Zum Systematiker war er zu ehrlich. Jene Arbeit des Zurechtmachens und Verschleifens, die jeder Systembildung zugrunde liegt, verstand er nicht.

Die zähe Energie, mit der Kant auf der Grundmauer seiner neuen seelenwissenschaftlichen Entdeckungen ein weithinragendes Systemgebäude aufrichtete, ist schon allein als geistige Kraftleistung anzustaunen, aber es steckt darin doch auch viel Entsagung, ein Verzicht auf die völlige Freiheit des Denkens: freilich ein heroischer Verzicht, den wir wiederum bewundern müssen. Aus denselben Gründen, aus denen Kant ein System schuf, ja schaffen mußte, war es für Lichtenberg unmöglich, seine philosophischen Erkenntnisse zu einer einheitlichen Gesamtkonstruktion zu ordnen. Denn er war ein völliger Impressionist, auch im Philosophischen. Für den Impressionisten aber gibt es nur eine Wahrheit: die des Augenblicks, und gerade unsere Zeit wird am wenigsten geneigt sein, diese Methode des Denkens unwissenschaftlich zu finden. Es liegt aber wiederum gerade in dieser besonderen Struktur seines Geistes, daß Lichtenberg imstande war, den Idealismus vollkommener zuendezudenken, als selbst Kant dies vermochte. »Wir kennen nur allein die Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt es blitzt. Zu sagen cogito, ist schon zu viel, sobald man es durch ich denke übersetzt.« Hier ist der Phänomenalismus bis an seine äußerste Grenze gedacht.

Denker von einer so durchdringenden Schärfe und Konzessionslosigkeit sind immer der Mystik verwandt, weil sie Skeptiker sind. Der absolute Positivist ist ebensosehr der Gegenpol des wahren Denkers wie der abenteuernde Phantast. Genau genommen ist ja der konsequente Materialismus auch nur eine andere Form der Phantasterei, nur wird dies bei ihm nicht so augenfällig, weil die Symbole und Fiktionen, mit denen er arbeitet, so trocken und unvorstellbar sind. Wir bemerken daher regelmäßig bei souveränen Naturen eine Hinneigung zum Supranaturalismus, ja selbst zum Zufallsglauben. Bei Erfolgmenschen wie Julius Cäsar und Napoleon erscheint dies ohne weiteres verständlich. Aber bei fast allen hervorragenden Künstlern und Denkern finden wir ebenso häufig Züge des Aberglaubens. Von Goethe ist es ja allgemein bekannt.

Es handelt sich hier keineswegs um bloße Schrullen. Der geniale Mensch ist von nichts mehr überzeugt als von dem Walten eines ganz persönlichen Schicksals: er selbst ist ja der tägliche und stündliche Beweis dafür. An die ausschließliche Geltung eines blinden, uniformen Naturgesetzes, das nach Art eines Reglements sich vollzieht, kann er nicht glauben. Die Welt der Materie scheint ihm nicht ein genügender Schlüssel des Geschehens zu sein. Darum begibt er sich mit Vorliebe in das Gebiet der Ahnungen und Träume, die ihm, gerade weil sie unterhalb der Schwelle des taghellen Bewußtseins leben, vertrauenerweckender erscheinen. Hier fühlt er sich noch in naher Verwandtschaft mit den niedrigeren Organisationen, den Tieren und Pflanzen, deren Instinktsicherheit er beneidet. Und so kann es sich sehr wohl ereignen, daß gerade die hellsichtigsten Köpfe zu einer Art Köhlerglauben zurückkehren, der freilich nicht ein Ausgangspunkt, sondern ein Gipfel ist. Es ist gleichsam das »dritte Reich« des menschlichen Geistes, über das der »vorurteilslose« Positivist nur deshalb zu spotten vermag, weil er noch zu sehr Parvenü ist, um sich über seine wissenschaftlichen Erkenntnisse erheben zu können.

Es gibt wenig Denker, bei denen diese Geistesrichtung schärfer ausgeprägt und klarer ersichtlich ist als bei Lichtenberg. Der Grund ist nicht darin zu suchen, daß solche Geistesverfassungen etwa zu den Seltenheiten gehören. Eine Seltenheit ist nur die rücksichtslose Ehrlichkeit, mit der Lichtenberg über diese Dinge spricht. »Über nichts wünschte ich mehr die geheimen Stimmen denkender Köpfe gesammelt zu lesen, als über die Materie von der Seele; die lauten, öffentlichen verlange ich nicht, die kenne ich schon. Allein die gehören nicht sowohl in eine Psychologie, als in eine Statutensammlung.« Der Mensch in seiner Besonderheit, in dem, worin er anders ist, mit seinen tausend Heimlichkeiten, Abstrusitäten, Zacken und Zinken wird in Lichtenbergs Aufzeichnungen lebendig. Es ist das glänzendste psychologische Aktenmaterial, das sich denken läßt. Die Seelenkunde wird hier zum erstenmal wissenschaftlich betrieben, als ein Zweig der empirischen Anthropologie, gegründet auf Experiment und Beobachtung, freilich nicht in Form physikalischer Messungen und logarithmischer Reihen, die nie in die Tiefe führen, sondern wissenschaftlich durch den Geist der Objektivität und Exaktheit. Wie die großen Philosophen seiner Zeit sich die menschliche Individualität gedacht hatten, so tritt sie uns in Lichtenberg leibhaftig entgegen: als der Mikrokosmos im Sinne Leibnizens, gebildet aus den zahllosen kleinen und dunkeln Vorstellungen, die aber gerade die Individuation in ihrer Einzigartigkeit bewirken; als die coincidentia oppositorum, die Tatsache gewordene Vereinigung der Gegensätze, in der Hamann das Wesen des Menschen erblickte. Lichtenberg ist der Meister der kleinen Beobachtungen, sein Spezialgebiet sind die schon an der Grenze der Sichtbarkeit stehenden Seelenregungen, die psychologischen Integrale gleichsam, eben das, was Leibniz »les perceptions petites« genannt hat. Er weiß, daß gerade diese unscheinbaren, im Halbdunkel liegenden Tatsachen unseres Seelenlebens die belangreichsten sind, denn sie enthalten die Kräfte, die den tiefsten Kern unseres Wesens bilden. »Es schmerzt mich unendlich, tausend kleine Gefühle und Gedanken, die wahren Stützen menschlicher Philosophie, nicht mit Worten ausgedrückt zu haben, die, wenn man sie von andern ausgedrückt sieht, Erstaunen erwecken. Ein gelernter Kopf schreibt nur zu oft, was alle schreiben können, und läßt das zurück, was er schreiben könnte, und wodurch er verewigt werden würde.«

Man streitet immer wieder über die Frage, was denn eigentlich das Wesen des Genies sei. Eine wirklich exakte Lösung des Problems ist von vornherein ausgeschlossen, weil ja jeder geniale Mensch etwas ist, wofür die Sprache immer genötigt ist, ein neues Wort zu bilden. Schon dadurch geben wir stillschweigend zu, daß wir die Sache nicht erklären können. Wie wir bei der Entdeckung einer neuen Naturkraft auch nichts andres tun können, als daß wir ihr irgendeinen willkürlichen, meist ganz zufälligen und unzutreffenden Namen geben, wie Elektrizität, Radioaktivität usw., so registrieren wir eben auch die neuen geistigen Kräfte mit allerlei Namen wie »Kant«, »Goethe« oder »Nietzsche«, und müssen uns damit begnügen. So daß man paradoxerweise sagen muß: die Definition des Genies ist seine Undefinierbarkeit.

Indes bilden doch alle diese Männer einen gemeinsamen Stammbaum, der gewisse Familienmerkmale zeigt, an denen sie sich sogleich erkennen lassen. Es ist daher möglich, nach diesen stets wiederkehrenden Kriterien die Genies zu »bestimmen«, wie der Botaniker nach gewissen Kennzeichen die Gruppe bestimmt, zu der ein Pflanzenindividuum gehört.

Das wichtigste dieser Merkmale ist nun dieses: der geniale Mensch glaubt nur an das, was er selbst persönlich erfahren hat. Für die meisten Menschen ist das ganze Leben nicht eine unmittelbare, persönliche Erfahrungstatsache, ein Erlebnis, sondern nur eine Art Mitteilung aus zweiter Hand. Das Genie aber stellt sich zu jeder, der kleinsten wie der größten Tatsache zunächst skeptisch, es läßt die Dinge an sich herankommen, um sie zu prüfen. Der Durchschnittsmensch verhält sich passiv zur umgebenden Welt, er läßt sie auf sich einwirken, seine Vorstellungen sind tote Abdrücke und nicht Resultate einer lebendigen Aktion, einer Reaktion gegen die Eindrücke. Der geniale Mensch hat den Grundsatz: es muß alles von vorne angefangen werden. Und hierin liegt die gemeinsame Bedeutung aller genialen Menschen auf allen Gebieten, in Kunst und Wissenschaft, in Religion und Politik. Es ist gleichgültig, auf welche besondere Lebenssphäre sie ihren Blick richten: immer ist dies ihr Standpunkt und ihre Aufgabe. Descartes und die Scholastik, Richard Wagner und die Oper, Virchow und die Pathologie, Luther und der Katholizismus, Ibsen und das Drama, Bismarck und die deutsche Politik, Lavoisier und die Chemie: es ist immer dieselbe Stellung. Es muß alles von vorne angefangen werden. Sie glauben nicht daran, daß etwas richtig ist, weil es bisher von allen für richtig gehalten wurde. Es kommt gar nicht darauf an, daß ein solcher Denker auf diesem Wege zu neuen, überraschenden und entgegengesetzten Resultaten kommt, sehr oft erkennt er die Richtigkeit des Bestehenden; sondern es ist eben der Weg, diese bestimmte Methode des Denkens, die ihn von anderen unterscheidet.

Das Gebiet, an das nun Lichtenberg mit seinem genialen Skeptizismus herantrat, ist die menschliche Psychologie. Nicht die Psychologie der Laboratorien und Statistiken, sondern die Psychologie der lebendigen Selbstbeobachtung, der unerbittlichen Autovivisektion. Die Schärfe und Minutiosität der Selbstanalyse erreicht bei ihm die außerordentlichste Höhe: sie wird vielleicht an Rücksichtslosigkeit nur noch von Pascal übertroffen. Dieses Geschäft ist nicht ungefährlich, auch dies wußte Lichtenberg. »Ich habe die erbarmungswürdige Fähigkeit erlangt, aus allem, was ich sehe und höre, Gift für mich selbst, nicht für andere zu saugen.« Gift; er hätte auch sagen können: Wahrheit.

Dieser rastlose, unbeugsame Wahrheits- und Selbsterkennungsfanatismus findet seine äußere Form in der vollendeten Natürlichkeit und Klarheit seines Stils, in der ihm nur Lessing und Schopenhauer ebenbürtig sind. Seine Sprache funktioniert mit der Feinheit und Sicherheit einer Präzisionsmaschine. Dies macht die Lektüre seiner Schriften zu einem so außerordentlichen Genuß. Jeder, auch der scheinbar flüchtigste Satz überrascht aufs neue durch die klassische Ökonomie seines Baus, seine Prägnanz und Durchsichtigkeit. Sein Denken ist von einer, man möchte fast sagen, zerleuchtenden Helle, dabei von jener Art Nüchternheit, die das ausschließliche Privileg genialer Köpfe ist.

Menschen von einer so außerordentlichen Natürlichkeit haben immer etwas Zeitloses. Und daher kommt es denn auch, daß die historischen Züge seines Zeitalters nicht recht auf Lichtenberg passen wollen: weder der billige Rationalismus der Aufklärung noch die berauschte Kraftmeierei der Stürmer und Dränger fanden in ihm ihren Vertreter. Er gehörte nur insofern zu seiner Zeit, als er ihr vollkommenstes Gegenspiel, gleichsam ihr umgekehrtes Spiegelbild war. Er war die andere Hälfte, das Supplement seiner Zeit, und die Zeitgenossen dieser Gattung sind, so oft sie in der Geschichte auftreten, immer die denkwürdigsten und eigenartigsten und die einzigen, die ihr Zeitalter überdauern. Lichtenberg war der scharfe Schlagschatten, den das Licht der Aufklärung warf, und es ist eine der zahlreichen Absurditäten der Literaturhistorie, daß dieser Schatten länger und kräftiger sichtbar geblieben ist als jenes Licht.

Lichtenberg hat das Zeitlose aller vollkommen freien Geister. Er stand beiseite, als die Kultur seines Volkes den höchsten Aufschwung nahm; er stand beiseite, wie der absolut vollkommene Betrachter es tun muß. Jene Zeit, die philosophischste, die Europa bis jetzt erlebt hat, hat auch den idealen philosophischen Zuschauer geschaffen: er ist verkörpert in Lichtenberg.

Er war einer jener Geister, die zu klar und zu souverän sind, um allzu tätig zu sein. Es gibt einen Standpunkt der völligen Besonnenheit, auf dem es nicht mehr möglich ist zu handeln. Eine Sache gänzlich durchschauen, bis zur absoluten Durchsichtigkeit, heißt mit ihr fertig sein. Die Blindheit und Beschränktheit des menschlichen Geistes ist vielleicht gar kein so großes Übel, wie die Pessimisten behaupten. Vielleicht ist sie eine Schutzeinrichtung der Natur, um uns lebensfähig zu erhalten. Denn die Unsicherheit ist einer der stärksten Antriebe zum Leben. Besitzt aber ein Kopf einmal jenen ungewöhnlichen Grad von Helligkeit, so wird die natürliche Folge sein, daß er jeden heftigeren Aktionstrieb einbüßt, auch im Geistigen. Alles um ihn herum: Menschen, Ereignisse, Erkenntnisse, Zeitläufte werden ihm völlig transparent, so daß er sich in der ruhenden Betrachtung genügen darf. Er hat erkannt und bedarf nichts darüber. »Was wir wissen«, sagt Maeterlinck, »geht uns nichts mehr an.«

Darum hat Lichtenberg gegen die Gebrechen seiner Zeit nie leidenschaftlich Partei ergriffen, er blieb immer in der Reservestellung eines kühlen Mentors. Dies unterschied ihn von Lessing, mit dem er im übrigen die größte Verwandtschaft zeigt. Wenn er sich ärgerte, wurde er schlimmstenfalls sarkastisch. Aber selbst durch seine schärfsten Satiren geht immer ein seltsamer Zug von Gutmütigkeit und Indulgenz, wie umgekehrt wiederum seine ernsthaftesten Äußerungen immer eine feine, oft kaum merkliche Linie von Spott bemerken lassen. Es ist jener Spott, der den wahren Denker nie verläßt, jene tiefe Überzeugung, daß nichts wert sei, wirklich ernst genommen zu werden, die selbst einem so finstern Geist wie Pascal die Bemerkung entlockte: »Le vrai philosophe se moque de la philosophie.«

Der echte Philosoph ist dem Künstler viel verwandter, als gemeinhin angenommen wird. Das Leben gilt ihm ebenso wie diesem als Spiel, und er sucht die Spielregeln zu ergründen, – nicht mehr. Auch er erfindet und gestaltet, aber während der Künstler möglichst viele und vielfältige Individuen abzubilden sucht, zeichnet der Denker immer nur einen einzigen Menschen: – sich selbst, den aber in seiner ganzen Vielartigkeit. Jede tiefempfundene Philosophie ist nichts anderes als ein autobiographischer Roman.

Was Lichtenberg nicht dazu kommen ließ, sich aus diesem Gebiete in die völlige freie Welt der Dichtung, zumal des satirischen Lustspiels zu begeben, war nicht der Mangel an irgendeinem Talent, sondern der Überschuß an einem solchen. Am völlig freien Gestalten verhinderte ihn seine stets wache Kritik. Hierin berührt er sich wiederum mit Lessing. Auch Lessings eminente historische Bedeutung lag in der Richtung der Beobachtung und Kritik und nicht der Phantasie, was er übrigens selbst sehr wohl wußte und mehr als einmal deutlichst ausgesprochen hat. Er hätte auch niemals ein Drama geschrieben, wenn es zu jener Zeit ein anderer besser gekonnt hätte. Aber da es ihm darum zu tun war, auch praktisch zu zeigen, wie er es meinte, war er genötigt, eine Reihe von Paradigmen zu schaffen, die eben genau so viel und genau so wenig wert waren wie alle Musterleistungen, d. h. didaktisch sehr viel und künstlerisch sehr wenig. Er war der geniale Regisseur der deutschen Poesie und wollte niemals ihr genialer Schauspieler sein. Aber auch im Theater bleibt bisweilen dem Regisseur nichts anderes übrig, als auf die Bühne zu springen und die Sache einmal selber vorzuspielen, nicht weil er sich für einen großen Schauspieler hält, sondern weil er sieht, daß alle theoretischen Erläuterungen kein lebendiges Bild von der Sache geben, und daß er es immer noch am besten machen kann, weil er der gescheiteste ist. Dies war der Vorzug und Mangel aller Lessingschen Theaterstücke. So paradox es klingen mag (da er ja seine Popularität lediglich seiner dramatischen Tätigkeit verdankt), man muß sagen: Lessing war zum Stückeschreiben zu gescheit.

Man hat das ausgehende achtzehnte Jahrhundert vielfach das Zeitalter der Kritik genannt. Die Bezeichnung ist durchaus zutreffend, wenn man unter Kritik das versteht, was einzig und allein darunter zu verstehen ist: nämlich nicht Destruktion, sondern Umbau; Umsturz der Grundlagen lediglich zu dem Zweck, um Platz für schon entworfene neue Gebäude zu schaffen. Die Kritik des Staates vollzog sich in Frankreich, und zwar in sehr handgreiflicher Weise. Die Kritik unserer gesamten Erkenntnis ist das Werk Kants, die Einzelwissenschaften erhielten in Männern wie Humboldt, Priestley, Winckelmann, den Schlegels und vielen anderen ihre neue kritische Basis, das kritische Genie des deutschen Schrifttums erstand in Lessing, und in Lichtenberg fand das menschliche Seelenleben seinen berufensten, neuschöpferischen Kritiker.

Richtete sich Lessings literarische Aktion mehr nach außen, so ging Lichtenbergs Polemik mehr nach innen. Beide haben gekämpft, der eine draußen im Leben und im Getümmel der Meinungen, der andere in der Stille und Einkehr, jener mit der Welt und ihren Vorurteilen, dieser mit sich selbst und seinen eigenen Gedanken.

Darum sollte man beide immer zusammen nennen. Sie bilden vereinigt die wahre geistige Signatur der deutschen »Aufklärung«, die in diesen beiden Männern eine wirkliche Aufklärung gewesen ist.

Aber man kann nicht sagen, daß Lessings Name Lichtenberg verdunkelt hat, denn das deutsche Publikum weiß ja auch von Lessing nichts.

Egon Friedell

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