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Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens

Georg Christoph Lichtenberg: Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens - Kapitel 14
Quellenangabe
typeaphorism
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleLichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens
booktitleDenken mit Georg Christoph Lichtenberg
publisherDiogenes Verlag AG
editorEgon Friedell
year2009
isbn9783257238860
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20131207
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Englisches Theater

160. Ihr Verlangen, mein lieber B.Gemeint ist Heinrich Christian Boie, Herausgeber des »Göttinger Musenalmanach«., Ihnen etwas von Herrn Garrick zu schreiben, kann ich nun hoffentlich besser befriedigen, als damals, da Sie es zum erstenmal gegen mich äußerten. Ich hatte diesen außerordentlichen Mann zu der Zeit gerade zweimal gesehen, und das war zu wenig, um ihn ruhig zu beobachten, und nicht lange genug her, um an einen Freund ruhig darüber zu schreiben. Hier kommen nun einige meiner Bemerkungen; nicht alle; Sie sollen künftig die übrigen haben, wenn Sie wollen; Beobachtung und Raisonnement durcheinander, und wahrscheinlicherweise mehr Ausschweifung als beide zusammen; alles, womöglich, geradeweg, ich meine in der Ordnung und mit den Ausdrücken, die mir die Laune der Minute darbietet, in welcher ich schreibe. Ich weiß, Sie verzeihen mir dieses; ich mache mich gar nicht gerne an Briefe, wo ich das nicht tun darf, oder vielmehr, ich schreibe sie immer lieber morgen und dann – in Ewigkeit nicht. Noch eins, ob ich gleich, nächst deklariertem Nonsense, nichts im Stil mehr hasse, als den festlichen, weissagenden Ton, womit manche Schriftsteller gleich jeden großen Mann, den sie beschreiben, zum Engel und sich zum Propheten erheben, und eine gewisse Feiertagsprose zu stammeln anfangen, die der Wahrheit so trefflich zu statten kommt, so könnte es doch sein (ich hoffe es nicht), daß mir mein Gegenstand einen kleinen Streich spielte. Merken Sie so etwas, mein Freund, so berechnen Sie den Rabatt gleich selbst, und danken mir indessen, daß ich Ihnen nicht gleich anfangs geschrieben habe.

Die eine Partei schätzt den Wert des komischen Schauspielers nach der Größe des Kitzels, den er ihnen verursacht, ohne zu untersuchen, ob er es als Schauspieler durch eine vorzügliche Auszeichnung seiner Rolle oder als isolierter Hanswurst tut, und die andere verlangt aus Mangel an Geschmack oder Weltkenntnis allzustarke Züge und findet bei dem sogenannten allzu Natürlichen ihre Rechnung oder gar im Affektierten. Solche Leute würden oft Garrick schlechtweg tadeln, wenn sie es sicher tun könnten, allein sie würden zu viel für ihren Kredit wagen, daher äußert sich ihr schlechter Geschmack und ihre Unerfahrenheit nur zuweilen darin, daß sie ihn einem schlechtern Schauspieler gleich setzen. Das gebe ich gerne zu (und wer wird es nicht zugeben?), daß Tausende nicht alles sehen, was Garrick zu sehen gibt, darin geht es ihm nicht um ein Haar besser, als seinen beiden nahen Geistesverwandten Shakespeare und Hogarth. Um bei ihnen alles zu sehen, muß man zu der gewöhnlichen Erleuchtung noch sein eigenes Lichtchen mitbringen.

Was gibt denn aber nun diesem Manne die große Überlegenheit? Die Ursachen, mein Freund, sind sehr viele, und ein sehr großer Teil derselben liegt in der höchst glücklichen Bildung des Mannes. Allein ob ich gleich ihre Wirkung in der Summe bis zum Hinreißenden mächtig gefühlt habe, so wage ich es doch nicht, sie in einem jeden gegebenen Fall zu analysieren. Es gehört mehr Kenntnis der Welt und mehr Übung in dieser Analyse dazu, als ich habe, und eine öftere Vergleichung, als ich anstellen konnte. Indessen, da einem manches im Umgange mit Menschen von allerlei Stand, Form und Anstand unvermutet klar werden kann (manches ist mir jetzt schon deutlicher als es anfangs war), und ich den Mann in den Hauptsituationen mit Figur und Gesicht immer wie lebendig vor mir sehen kann, so könnte es sein, daß ich künftig einmal, wenn ich wieder bei Ihnen bin, etwas Zusammenhängenderes über ihn sagen könnte. Jetzt müssen Sie es selbst hier und da aus meinen Briefen heraussuchen. Man hat mich einmal versichern wollen, daß hier ein Mann an einem Werke für die Schauspieler arbeite, das Regeln enthalten soll, von Garrick abstrahiert, aber durch Philosophie auf Grundsätze zurückgebracht, verbunden und geläutert. Ich habe nachher nichts wieder davon gehört. Wenn es an dem ist, so gebe der Himmel, daß der Mann ein Lessing ist, aber die sind leider! hier so selten als in Deutschland. Er sollte noch jung sein, und das macht mir bange, denn auch hier wimmelt es so gut, als in Deutschland, von jungen geniesüchtigen Originalköpfen, wie sie sich nennen, die ihr halb Ausgedachtes halb gesagt bei jeder Gelegenheit darbieten, ihren jungen schwärmerischen Anbetern zum Wonnegefühl, allein dem eigentlichen Denker, dem ihr Schwall von Götterprose nicht ein Körnchen Nahrung zuführt, zum Abscheu. Nun näher zur Sache.

Herr Garrick hat in seiner ganzen Figur, Bewegung und Anstand etwas, das ich unter den wenigen Franzosen, die ich gesehen habe, ein paarmal wenigstens zum Teil, und unter den vielen Engländern, die mir vorgekommen sind, gar nie wieder angetroffen habe. Ich meine hier Franzosen, die wenigstens über die Mitte des Lebens hinaus sind; aus der guten Gesellschaft, das versteht sich wohl. Wenn er sich z. E. mit einer Verbeugung gegen jemanden wendet, so sind nicht der Kopf allein, nicht die Schultern, nicht die Füße und Arme allein beschäftigt, sondern jedes gibt dazu einen gemäßigten Anteil in dem gefälligsten und den Umständen angemessensten Verhältnis her. Wenn er, auch ohne Furcht, Hoffnung, Mißtrauen oder irgend einen Affekt, hinter den Szenen hervortritt, so möchte man gleich nur ihn allein ansehen; er geht und bewegt sich unter den übrigen Schauspielern, wie der Mensch unter Marionetten. Hieraus wird nun freilich niemand Herrn Garricks Anstand kennen lernen, den nicht schon etwa vorher das Betragen eines solchen wohlerzogenen Franzosen aufmerksam gemacht hat, in dem Fall wäre dieser Wink die beste Beschreibung. Folgendes wird die Sache vielleicht klärer machen. Seine Statur ist eher zu den kleinen als den mittlern zu rechnen, und sein Körper untersetzt. Seine Gliedmaßen haben das gefälligste Ebenmaß, und der ganze Mann ist auf die niedlichste Weise beisammen. Es ist an ihm kein dem geübtesten Auge sichtbares Gebrechen, weder in den Teilen, noch in der Zusammensetzung, noch in der Bewegung. In der letztern bemerkt man mit Entzücken immer den reichen Vorrat an Kraft, der, wenn er gut gezeigt wird, wie Sie wissen, mehr gefällt als Aufwand. Es schleudert und schleift und schleppt nichts an ihm, und da, wo andere Schauspieler in der Bewegung der Arme und Beine sich noch einen Spielraum von sechs und mehr Zollen zu beiden Seiten des Schönen erlauben, da trifft er es mit bewundernswürdiger Sicherheit und Festigkeit auf ein Haar. Seine Art zu gehen, die Achseln zu zucken, die Arme einzustecken, den Hut zu setzen, bald in die Augen zu drücken, bald seitwärts aus der Stirne zu stoßen, alles mit der leichten Bewegung der Glieder, als wäre jedes seine rechte Hand, ist daher eine Erquickung anzusehen. Man fühlt sich selbst leicht und wohl, wenn man die Stärke und Sicherheit in seinen Bewegungen sieht, und wie allgegenwärtig er in den Muskeln seines Körpers scheint. Wenn ich mich selbst recht verstehe, so trägt sein untersetzter Körper nicht wenig dazu bei. Von dem starken Schenkel herab verdünnt sich das richtig geformte Bein immer mehr, und schließt sich endlich in dem nettesten Fuß, den Sie sich denken können, und ebenso verdünnt sich der starke Arm nach der kleinen Hand zu. Was das für eine Wirkung tun muß, können Sie sich leicht vorstellen. Allein diese Stärke ist nicht bloß scheinbar. Er ist wirklich stark und äußerst geübt und flink. In der Szene im Alchimisten, wo er sich boxt, läuft er und hüpft er von einem dieser netten Beine auf das andere mit bewundernswürdiger Leichtigkeit, daß man glaubt, er schwebe; auch in dem Tanz in much ado about nothing unterscheidet er sich vor andern durch die Leichtigkeit seiner Sprünge; als ich ihn in diesem Tanz sah, war das Volk so zufrieden damit, daß es die Unverschämtheit hatte, seinem Roscius encore zuzurufen. In seinem Gesichte sieht jedermann, ohne viel physiognomisches Raffinement, den glücklichen schönen Geist auf der heitern Stirne, und den wachsamen Beobachter und witzigen Kopf in dem schnellen, funkelnden und oft schalkhaften Auge. Seine Mienen sind bis zur Mitteilung deutlich und lebhaft. Man sieht ernsthaft mit ihm aus, man runzelt die Stirne mit ihm und lächelt mit ihm; in seiner heimlichen Freude und in der Freundlichkeit, wenn er in einem Beiseite den Zuhörer zu seinem Vertrauten zu machen scheint, ist etwas so Zutunliches, daß man dem entzückenden Manne mit ganzer Seele entgegenfliegt.

Von seiner Gabe, das Gesicht zu verändern, haben Sie vermutlich, so wie ich, in Deutschland schon gehört. Der Enthusiasmus seiner Landsleute und der Reisenden hat wohl etwas hier zugesetzt, aber ich glaube doch, daß mehr als die Hälfte wahr ist, und das heiß ich für den Enthusiasmus gut observiert. Herr Garrick hat es allerdings hierin zum Erstaunen weit gebracht. Ich werde unter der Hand hiervon Beispiele geben, wenn ich ihn in besondern Rollen beschreibe; hier erwähne ich nur, daß mich z. E. im Sir John Brute, wo ich ihn ganz in der Nähe beobachtete, sein Mund aufmerksam machte, sobald er auf die Bühne trat. Er hatte nämlich die beiden Winkel desselben etwas herabgezogen, wodurch er sich ein äußerst liederliches und versoffenes Ansehen gab. Diese Figur des Mundes behielt er bis ans Ende bei, nur mit dem Unterschiede, daß sich der Mund etwas mehr öffnete, sowie sein Rausch anwuchs; diese Figur muß sich also in dem Manne so mit der Idee eines Sir Johns Brutes assoziiert haben, daß sie sich ohne Vorsatz gibt, sonst, sollte man denken, müßte er sie einmal in dem Lärm vergessen, dessen er fürwahr in diesem Stück nicht wenig macht.

Nun bedenken Sie weiter: seitdem dieser vortrefflich gebildete und dabei mit allen Geistesgaben eines großen Schauspielers von der Natur ausgerüstete Mann, in seinem vierundzwanzigsten Jahre, als Exkandidatus Juris, auf einmal auf dem Theater in Goodmansfields erschien und gleich bei seiner ersten Erscheinung alle Schauspieler seiner Zeit zurückließ, ward er der Abgott der Nation, die Würze der guten Gesellschaft und der Liebling der Großen. Fast alle die neuern englischen Schriftsteller, die man bei uns so sehr liest, nachahmt und nachäfft, waren seine Freunde. Er half sie bilden, so wie sie ihn wiederum bilden halfen. Der Mensch lag seinem beobachtenden Geiste offen, von dem ausgebildeten und ausgekünstelten in den Sälen von St. James an, bis zu den Wilden in den Garküchen von St. Giles. Er besuchte die Schule, in welche Shakespeare ging, wo er ebenfalls, wie jener, nicht auf Offenbarungen paßte, sondern studierte (denn in England tut das Genie nicht alles wie in Deutschland), London meine ich, wo ein Mann mit solchem Talent zur Beobachtung seinen Erfahrungssätzen in einem Jahre leicht eine Richtigkeit geben kann, wozu kaum in einem Städtchen, wo alles einerlei hofft und fürchtet, einerlei bewundert und einerlei erzählt, und wo sich alles reimt, ein ganzes Leben hinreichend wäre. Ich wundere mich daher gar nicht, wenn sich dort zuweilen ein Mann bildet, dessen Werke hernach Leute an andern Orten und von minderer Erfahrung zum Maßstab ihres Wachstums in der Kenntnis des Menschen gebrauchen können, ich meine, in denen man immer mehr findet, je mehr man selbst zur Lesung mitzubringen hat, sondern ich wundere mich, daß London nicht mehre bildet, ich meine nicht mehre Garricke oder Hogarthe oder Fieldinge, sondern Leute, die zwar etwas anderes wären, aber es so würden, wie jene. Kenntnis der Welt gibt dem Schriftsteller in jeder Klasse Überlegenheit. Sie gibt, wo nicht in allen Fällen seinem Was, doch immer seinem Wie eine Stärke, gegen die der große nachahmende Zauberer nicht aufkommt, so sehr auch er oder sein Klub oder sein Städtchen das Gegenteil glauben mag, und unter den Umständen glauben muß. Wenn man daher die Welt selbst etwas kennt, so wird man leicht gewahr, daß Garrick auf der Bühne von Kenntnissen Gebrauch macht, die man, dort gezeigt, fast weggeworfen nennen möchte, vermutlich aber nur solange, als man ihrer selbst noch nicht viele wegzuwerfen hat. Denn es mag damals, als ich nach Garrick hinsah, noch manches Paar Augen nach ihm gesehen haben, das mehr in ihm erblickte als ich, oder wohl gar nicht einmal alles fand, was es suchte. Stellte Garrick z. E. den wollüstigen Fresser vor, und wollte mit den Fingern untersuchen, ob sein Kapaun oder sein Fasan zur völligen Reife am Spieß gediehen sei, so wollte ich wohl wetten, er sondierte ihn auch mit dem vierten Finger der linken Hand. In allen übrigen wäre dazu zu viel Stärke und zu wenig Gefühl. Man muß aber dergleichen Dinge selbst finden; wenn man sie andern beschreiben will, so läuft man oft gerade alsdann, wenn man sich am weisesten dünkt, Gefahr, lächerlich zu werden.

Außer den einem guten Schauspieler mehr wesentlichen Eigenschaften besitzt der Mann noch eine Menge anderer, womit man in allen Ständen des Lebens sein Glück macht und die Menschen hinführen kann, wo man sie hin haben will. Dahin rechne ich seine Gabe, einzelnen Menschen sowohl, als dem Publikum seine Schwachheiten sehr geschwind abzumerken. Dieses setzt ihn in den Stand, in einem Notfall dem natürlichen Schönen noch den Zusatz von Konventionellem zu geben, ohne welches es in dem Jahre, ja ich möchte fast sagen, an dem Tage den Eindruck nicht gemacht haben würde, den es macht. Ich habe selbst bemerkt, daß, wenn ihm z. E. bei einem neuen Versuche der laute Beifall, oder die gewohnte Todesstille der Versammlung ausbleibt, so weiß er es sicherlich noch vor dem Schlusse der Handlung so zu wenden, daß sie erfolgen müssen.

Nun, mein lieber B., wenn Sie sich anders aus dem, was ich gesagt habe, schon einen Garrick haben bilden können, so folgen Sie mir jetzt mit ihm in einige Szenen. Ich will heute, weil ich eben dazu aufgelegt bin, die aus dem Hamlet nehmen, wo ihm der Geist erscheint.

Hamlet erscheint in einem schwarzen Kleide, dem einzigen, das leider! noch am ganzen Hofe für seinen armen Vater, der kaum ein paar Monate tot ist, getragen wird. Horatio und Marcellus sind bei ihm und haben Uniform; sie erwarten den Geist; die Arme hat Hamlet hoch untergesteckt, und den Hut in die Augen gedrückt; es ist eine kalte Nacht, und eben zwölfe; das Theater ist verdunkelt, und die ganze Versammlung von einigen Tausend wird so stille, und alle Gesichter so unbeweglich, als wären sie an die Wände des Schauplatzes gemalt; man könnte am entferntesten Ende des Theaters eine Nadel fallen hören. Auf einmal, da Hamlet eben ziemlich tief im Theater, etwas zur Linken, geht, und den Rücken nach der Versammlung kehrt, fährt Horatio zusammen: Sehen Sie, Mylord, dort kommt's, sagt er, und deutet nach der Rechten, wo der Geist schon unbeweglich hingepflanzt steht, ehe man ihn einmal gewahr wird. Garrick, auf diese Worte, wirft sich plötzlich herum und stürzt in demselben Augenblicke zwei bis drei Schritte mit zusammenbrechenden Knien zurück, sein Hut fällt auf die Erde, die beiden Arme, hauptsächlich der linke, sind fast ausgestreckt, die Hand so hoch als der Kopf, der rechte Arm ist mehr gebogen und die Hand niedriger, die Finger stehen auseinander und der Mund offen, so bleibt er in einem großen, aber anständigen Schritt, wie erstarrt, stehen, unterstützt von seinen Freunden, die mit der Erscheinung bekannter sind, und fürchteten, er würde niederfallen; in seiner Miene ist das Entsetzen so ausgedrückt, daß mich, noch ehe er zu sprechen anfing, ein wiederholtes Grausen anwandelte. Die fast fürchterliche Stille der Versammlung, die vor diesem Auftritt vorherging und machte, daß man sich kaum sicher glaubte, trug vermutlich nicht wenig dazu bei. So spricht er endlich, nicht mit dem Anfange, sondern mit dem Ende eines Atemzugs und bebender Stimme: Angels and ministers of grace defend us! Worte, die alles vollenden, was dieser Szene noch fehlen könnte, sie zu einer der größten und schrecklichsten zu machen, deren vielleicht der Schauplatz fähig ist. Der Geist winkt ihm, da sollten Sie ihn sich von seinen Freunden, die ihn warnen, nicht zu folgen, und festhalten, losarbeiten sehen, immer mit den Augen auf den Geist, ob er gleich mit seinen Gefährten spricht. Aber endlich, da sie es ihm zu lange machen, wendet er auch sein Gesicht nach ihnen, reißt sich mit großer Heftigkeit los, und zieht mit einer Geschwindigkeit, die einen schaudern macht, den Degen gegen sie: by heaven I'll make a ghost of him, that lets me, sagt er. Das ist genug für sie; alsdann legt er den Degen gegen das Gespenst aus: go on I'll follow thee: so geht der Geist ab. Hamlet steht noch immer still, mit vorgehaltenem Degen, um mehr Entfernung zu gewinnen, endlich, da der Zuschauer den Geist nicht mehr sieht, fängt er an, ihm langsam zu folgen, steht zuweilen still und geht dann weiter, immer mit ausgelegtem Degen, die Augen starr nach dem Geist, mit verwirrtem Haar und noch außer Atem, bis er sich ebenfalls hinter den Szenen verliert. Mit was für einem lauten Beifall dieser Abzug begleitet wird, können Sie sich leicht denken. Er fängt an, sobald der Geist fort ist, und dauert, bis Hamlet ebenfalls verschwindet. Was das für ein Triumph ist! Man sollte denken, ein solcher Beifall auf einem der ersten Schauplätze der Welt, und vielleicht von dem gefühlvollsten Publikum der Welt, müßte jeden Funken von Schauspielergenie in einem Zuschauer zu Flammen fachen. Allein da sieht man's, so handeln, wie Garrick, und so schreiben wie Shakespeare, sind Wirkungen von Ursachen, die sehr tief liegen. Sie werden freilich nachgeahmt, nicht sie, sollte man sagen, sondern das Phantom, das sich der Nachahmer nach Maßgabe seiner eigenen Kräfte von ihnen schafft. Dieses erreicht er oft, übertrifft es wohl gar, und bleibt dessenungeachtet weit unter dem wahren Original. Der Weißbinder hält sein Werk für so vollkommen als der Maler das seinige, oder wohl gar für vollkommener. Nicht jeder Schauspieler, der die flachen Hände von ein paar hundert Menschen allezeit zu kommandieren weiß, ist deswegen ein Garrick, und nicht jeder Schriftsteller, der ein paar sogenannte Heimlichkeiten der menschlichen Natur, in einer altväterischen Prose, und mit Prunkschnitzern gegen Sprache und gute Sitten auszuplaudern gelernt hat, ist deswegen ein Shakespeare.   E

 

Ich habe zuweilen, wenn ich Herrn Garrick mit so vieler Kraft dastehen sah, wenn ich so reden darf, gedacht, ob nicht mancher Schauspieler, der nicht so gut von Natur ausgebildet ist als er, dieses durch Kunst einigermaßen ersetzen könnte. Ich möchte wohl wissen, ob man sich auf den Theatern ausstopft, um sich zu verschönern, meine ich, so wie man sich bemalt. Tut man es, woran ich kaum zweifeln sollte, so ist wohl so viel gewiß, man versteht sich nicht überall darauf. Das Knochengebäude manches deutschen Schauspielers ist nicht so schlecht als der Überzug der Muskeln und des Fettes, an denen Zeit und Krankheit, und in den parisischen Provinzen unseres Vaterlandes, auch noch Hunger und Kummer unaufhörlich nagen. Die erquickende Sicherheit und Festigkeit in der Bewegung, den Vorrat von Kraft kann ja die Versammlung nicht fühlen, hören will sie sie nicht, also muß sie sie sehen; und die sehe man einmal in einem Paar spitzen Schultern, zylindrischen Schenkeln oder leeren Ärmeln oder lattenförmigen Beinen. Ich bin überzeugt, daß es oft eine Kleinigkeit in der Form des Arms ist, was einem Portebras(Franz.: port de bras) Armhaltung. ein lahmes Ansehen gibt. Eine Säule, deren Würfel nur um ein Sechstel höher wäre als breit, sieht einem geübten Auge gleich aus, als könnte sie das Gebäude nicht mehr tragen. Und was ist die Schönheit einer Säule gegen die vom menschlichen Körper, wovon das Auge der geborne und durch hundertfaches Interesse wachsam erhaltene Richter ist?

Die unbeschreiblich gefällige Leichtigkeit, Stärke und Sicherheit in der Bewegung (dieses sind noch immer die besten Wörter, die ich dafür finden kann), wodurch sich Herr Garrick so sehr auszeichnet, möchten wohl nicht so leicht zu erhalten sein, ob ich gleich nicht leugnen will, daß die richtige Form seiner Glieder etwas dazu beiträgt. Ich fürchte, es ist vieljährige Zeit und Schweiß kostende Übung des Leibes, die sich endlich zu dieser Ungezwungenheit aufgeklärt hat, und die, durch beständige Beobachtung schöner, von Personen beiderlei Geschlechts bewunderter und beneideter Männer verherrlicht, jetzt bei ihm aussieht, als hätte er sie umsonst. So wie etwa die Leichtigkeit mit Kraft im Stil der Oligographen des Altertums nicht sowohl die Frucht eines Schlaraffenklimas, als vielmehr die Folge durch tiefes Studium erworbener deutlicher Begriffe, und der Geist aus ganzen Bänden von Exerzitiis sein mag, die sie verbrannt haben.

Hierzu kommt nunmehr bei diesem Manne das seelenstärkende Gefühl seiner Überlegenheit. Er hat nichts zu fürchten. Das ganze Publikum sieht aufwärts nach ihm, und die Wenigen, die über ihm sein mögen, sind gewiß von der Klasse derer, die stille schweigen. Was Wunder, wenn diese Begeisterung zuweilen ein Licht um ihn verbreitet, das alle übrigen Schauspieler verdunkelt? In allem was er tut oder sagt, ist daher nicht die flüchtigste Spur eines ängstlichen Bestrebens zu gefallen, wodurch so mancher Schauspieler mißfällt. Weiter; wenn er den Hofmann macht, so tritt in ihm kein armer Teufel auf, sondern es ist der Mann von Welt selbst, den man sieht; der Mann, der diesen Abend an dem papiernen Hof in Drurylane und morgen Vormittag an dem goldnen in St. James glänzt. Wie viel Hofleute, und was sage ich, Hofleute? wie viel Hamlete mögen denn überhaupt wohl in der Welt sein, die das sind, was der Mann zwischen seinen vier Wänden ist? Dieses waren wieder ein paar Pinselstriche an seinem Porträt als Garrick. Nun noch ein paar an Hamlet.

In dem vortrefflichen Monolog: O that this too, too solid flesh would melt etc. bringt er, um mich astronomischer Kunstwörter zu bedienen, wieder eine Menge von den kleinen Gleichungen an, womit er die Handlung eines mittleren Menschen zur Wahrheit und Bestimmtheit des Individuums verbessert. Die Tränen des gerechtesten Schmerzes für einen tugendhaften Vater, um den eine leichtsinnige Mutter, nicht allein keine Trauer, sondern kein Leid mehr trägt, zu einer Zeit, da die Schmarotzer noch schwarz tragen sollten, die unaufhaltsamsten unter allen Tränen, vielleicht, da sie bei einem solchen Kampf von Pflicht mit Pflicht die einzige Erleichterung sind, die sich ein rechtschaffenes Herz verschaffen kann, überwältigen Garrick völlig. Von den Worten: So excellent a king geht das letzte ganz verloren; man sieht es nur an der Bewegung des Mundes, der sich gleich darauf fest und zitternd schließt, um den allzudeutlichen Ausdruck des Schmerzes durch die Lippen, der sich ins Unmännliche ziehen könnte, zu hemmen. Diese Art Tränen fallen zu lassen, die mit der ganzen Last des innern Schmerzes auch zugleich die männliche Seele zeigt, die unter ihr leidet, teilt sich unaufhaltsam mit. Ist man aber erst einmal Shakespearen in der Reihe, so wird jedes Wort ein Schlag, wenn es Garrick spricht. Am Ende des Monologs mischt sich gerechter Unwille mit seinem Schmerz, und einmal, da sein Arm heftig, wie mit einem Streich, herunterfällt, um einem Wort im Unwillen Nachdruck zu geben, bleibt dieses Wort, unerwartet für die Zuhörer, von Tränen aufgehalten aus, und kömmt erst nach einigen Augenblicken mit den Tränen zugleich nach. Ich und mein Nachbar, mit dem ich noch kein Wort gesprochen hatte, sahen uns hier einander an und sagten etwas. Es war unwiderstehlich.

Der berühmte Monolog: To be or not to be etc. macht natürlich den großen Eindruck auf den Zuhörer nicht, und kann ihn nicht machen. Er tut aber doch ungleich mehr, als man von einem Räsonnement über Selbstmord und Tod in einem Trauerspiel erwarten sollte, deswegen, weil ihn nicht allein ein großer Teil der Versammlung wie ein Vaterunser auswendig weiß, sondern auch, möchte ich sagen, jedermann wie ein Vaterunser sprechen hört, zwar freilich nicht mit den großen begleitenden Ideen unsers geheiligten Gebets, aber doch mit einem Gefühl von Feierlichkeit und Würde, wovon sich jemandem, der England nicht kennt, kein Begriff geben läßt. Shakespeare ist auf dieser Insel nicht berühmt, sondern heilig; man hört seine Sittensprüche überall; ich selbst habe sie am 7. Februar, an einem wichtigen Tage, im Parlament gehört. So verwächst sein Name mit den ehrwürdigsten Ideen; man singt aus ihm und von ihm, und daher lernt ihn ein großer Teil der englischen Jugend eher kennen als das ABC und den Pontius Pilatus.

Hamlet, der, wie ich schon erinnert habe, in Trauer ist, erscheint hier, weil er schon angefangen hat, den Verrückten zu spielen, mit dickem, losem Haar, davon ein Teil über die eine Schulter hervorhängt; einer von den schwarzen Strümpfen ist heruntergefallen und läßt den weißen Unterstrumpf sehen, auch eine Schlinge des roten Kniebandes hängt über die Mitte der Wade herab. So tritt er langsam und in tiefer Betrachtung hinter den Szenen hervor; das Kinn unterstützt er mit der rechten Hand, und den Ellbogen des rechten Arms mit der linken, und sieht mit großer Würde seitwärts auf die Erde nieder. Hierauf, indem er den rechten Arm vor dem Kinn wegbringt, aber, wo ich mich recht erinnere, ihn noch durch den linken unterstützt hält, spricht er die Worte To be or not to be etc. leise, aber wegen der großen Stille (und nicht aus einer besondern Gabe des Mannes, wie sogar in einigen Schriften steht) überall vernehmlich.

Eine kleine Sprachanmerkung muß ich hier machen. In der vierten Zeile dieses Monologs schlagen doch einige vor, against assailing troubles anstatt against a sea of troubles zu lesen, weil man gegen ein Meer die Waffen nicht ergreifen könne. Herr Garrick sagt dessenungeachtet against a sea of troubles. Ich gebe Ihnen hier bloß Garricks Stimme; was er für Autoritäten für sich hat, untersuche ich nicht. Mir würde es hier schwer werden, und Sie können das auf der göttingischen Bibliothek in einem Wink ausmachen.

Einige der schönsten Szenen muß ich übergehen, unter andern die, wo er die Schauspieler unterrichtet, und dann die, in welcher er seiner Mutter die Vergleichung zwischen seinem Onkel und seinem Vater ins Herz donnert, und der Geist darüber erscheint; ein Schlag auf den andern, ehe man sich noch erholt hat. – Es führt ins Unendliche. Ich beschließe also hier das Trauerspiel und gebe Ihnen nur noch eine kurze Farce.

Sir John Brute ist nicht bloß ein liederlicher Hund, sondern Garrick macht auch einen alten Gecken aus ihm. Das letztere ist gleich im Anzug sichtbar. Auf eine Perücke, die noch so ziemlich zu seinen Jahren paßt, hat er ein kleines bordiertes Modehütchen so leichtfertig hingeworfen, daß es schlechterdings nichts von der Stirne bedeckt, was nicht schon von der Perücke bedeckt wäre. In seiner Hand hält er einen von den eichenen Hakenstöcken, mit denen sich die jungen Poltrons im Park des Morgens (so heißt hier die Zeit von 10 bis 3 Uhr) das Ansehen von verteufelten Kerlen geben. Es ist eigentlich ein Prügel, an dem nur dünne Spuren von Kunst und Kultur zu sehen sind, gerade so wie gemeiniglich auch an dem menschlichen Bengel, der ihn trägt. Diesen Stock braucht Sir John, seine Worte mit Gepolter zu unterstützen, zumal wenn nur Frauenzimmer gegenwärtig sind, oder auch einmal in der Hitze hinzuschlagen, wo niemand steht, der es übel auslegen könnte. – –

Auf allen Schauplätzen gibt es fast immer irgend einen oder den andern Schauspieler, der den Betrunkenen mehr als erträglich macht. Die Ursache ist leicht zu finden. Es fehlt nirgends an Gelegenheit zur Beobachtung, und, was wohl der Hauptgrund sein mag, dergleichen Rollen haben ihrer Natur nach weder enge, noch sehr scharf abgeschnittene Grenzen. Dessenungeachtet spielt Herr Garrick den betrunkenen Sir John so, daß ich gewiß den außerordentlichen Mann in ihm erkannt haben würde, auch wenn ich nie etwas von ihm gehört, und ihn selbst in diesem Stück nur in einer Szene gesehen hätte. Vom Anfange sitzt die Perücke noch gerade, und man sieht das Gesicht voll und rund. Nun kommt er äußerst betrunken nach Haus, da sieht er aus wie der Mond ein paar Tage vor dem letzten Viertel; fast die Hälfte ist von der Perücke bedeckt; der Teil, den man noch sieht, ist zwar etwas blutig und glänzt von Schweiß, ist aber dafür äußerst freundlich, so daß er den Verlust des andern wieder ersetzt. Die Weste ist von oben bis unten offen, die Strümpfe voller Falten, und die beiden Strumpfbänder hängen herab, und zwar – sehr mystisch – zweierlei Strumpfbänder; es ist nur ein Wunder, daß er nicht gar Schuhe von beiderlei Geschlecht erwischt hat. In diesem betrübten Zustand kommt er zur Frau in die Stube, und auf ihr ängstliches Befragen, was ihm fehle (und sie hat Ursache so zu fragen), antwortet er mit gesammelten Kräften: Frau, gesund wie ein Fisch im Wasser, und doch regt er sich nicht vom Türpfosten weg, an dem er fest sitzt, als wenn er sich den Rücken reiben wollte. Dann wird er grob und tut auf einmal wieder so weinklug und so freundlich, daß die ganze Versammlung in einen Aufruhr von Beifall ausbricht. In der Szene, wo er einschläft, hat er mich in Erstaunen gesetzt. Die Art, wie er bei geschlossenen Augen, schwimmendem Kopf und blaß mit der Frau zankt, und, mit r und l einen Mittellaut zusammengeschmolzen, bald schimpft und bald eine Sittenlehre zu lallen scheint, wovon er das scheußlichste Widerspiel ist; wie er die Lippen bewegt, daß man nicht weiß, ob er kaut, oder schmeckt, oder spricht, das alles war so weit über meine Erwartung, als irgend etwas, was ich von diesem Manne gesehen habe. Sie sollten ihn nur das Wort prerogative aussprechen hören; er kommt ohne zwei, drei Versuche niemals auf die dritte Silbe.

Ich habe schon neulich gesagt, daß Garrick die Gabe, alles zu individualisieren, in einem so sehr hohen Grade besitzt, daß dieses nicht wenig zu seiner Überlegenheit beiträgt; und doch, sollte ich denken, müßte sich das mit etwas Aufmerksamkeit, nicht auf Schauspieler, sondern auf Menschen in Gesellschaft, zum Teil wenigstens, leicht erhalten lassen. Wenn nur die Schauspieler erst wüßten, worauf sie acht haben sollten. Der Theatermensch kann, trotz seiner Aussteuer vom Dichter, noch immer frieren, wenn ihn der Schauspieler nicht warm anzieht, zumal, wenn der erstere nur französische Zeuge gibt. Garrick greift, wenn es nötig ist, mit der linken Hand lieber in die rechte Tasche, ehe er eine Prise Schnupftabak wechselt, die er zwischen den Fingern der rechten hat. Er kann, in einen unerfahrnen, unbeholfenen Menschen verkleidet, sein erstes spanisches Rohr so tragen, daß man glaubt, er trüge es für seinen Herrn zum Silberschmied, oder feil, oder hätte ein Barometer darin. Eine Gleichungstafel, die solche Züge enthielte, wäre kein geringes Geschenk für die Schauspieler, und, unter uns, für unsere dramatischen Dichter und Romanenschreiber. Alle (man darf wohl so allgemein sprechen, wo nur zwei oder drei ausgenommen werden können, deren Wert bekannt genug ist) schreiben, als fehlte es ihnen an Stoff zur Beobachtung oder an Geist dazu, und die meisten, als fehlte es ihnen an beiden. Wenn ein Jurist aufgeführt wird, so kann man sicher darauf rechnen, daß Leges und nur der Justinian vorkommen(Lat. leges: Gesetze). Gemeint ist das »Corpus juris« des byzantinischen Kaisers Justinian.; der Advokat erscheint allemal mit seinen weitläufigen Zeilen und langen Prozessen; der Fähndrich flucht, oder spricht von Prügeln, und ihre Menschenfreunde haben, wo sie gehen und stehen, eine Träne in den Augen und einen harten Gulden in der Hand. Das ist nun alles ganz gut und mag für die Primaner genug sein, und für 9 unter 10 von den καλοῖς κ' ἀγαϑοῖς(Griech.): den Schönen und Guten., die ihre Meinungen über Bücher gedruckt sagen. Aber ist das Shakespeares Kunst? Fürwahr so wenig als Kreuzmachen Christentum. Ich sollte denken, der Advokat, der Gastwirt, der Kaufmann, der Krämer, der Barbier, der Ladendiener, der Konsul im Städtchen, alle hätten ihre eigene Staatsklugheit, ihre eigenen Grundsätze des guten Geschmacks, ihre eigene Physiognomik, ja ihre eigene Astronomie. Wer sich das Vergnügen machen will, darauf zu achten, wird es bald finden. Am deutlichsten zeigen sie sich, wenn diese Leute in Gegenwart ihrer Untergebenen sich mit einem Mann von Fach das Ansehen einer Kollegialschaft geben wollen. Ich zeigte einmal einer Gesellschaft, die wenig oder nichts von Astronomie wußte, den zunehmenden Mond durch ein Fernrohr, das stark vergrößerte. Verschiedene darunter fragten, ob nicht Tropfen auf dem Glase hingen? Die Flecken im Monde haben in den Vierteln wirklich einige Ähnlichkeit mit Regentropfen an einer Fensterscheibe, in denen sich etwa die gegenüberstehenden Häuser dunkel und der Himmel hell darstellt. Dieses war alles gut, es waren Frauenzimmer, die keinen Anspruch auf Gelehrsamkeit machten, und ihrer Empfindung getreu fragten. Allein auf einmal wendete sich ein Mann gegen mich und drückte die Unwissenden sanft zurück: sagen Sie mir einmal, fragte er, sind die Tropfen nicht eigentlich, was man influxum lunae physicum(Lat.): physikalischer Einfluß des Mondes. nennt? Wiederum, in einer gemischten Gesellschaft in einem Gasthofe, fragte mich ein anderer: Nicht wahr, Herr . . . die Polhöhe ist, wenn man des Abends hinausgeht und sieht in die Höhe? Dabei sah er wirklich unter einem Winkel in die Höhe, der vermuten ließ, daß ihm einmal jemand den Polarstern gezeigt haben mußte. Ein Muster von einer konfusen Idee, konfus ausgedrückt. Können Sie wohl raten, wer diese Leute waren? Lavaters Engel, der aus einem gegebenen Zahn den Mann restituiert, dem er zugehörte, müßte dieses augenblicklich wissen. Ihnen will ich es sagen, wenn Sie das Rätsel allenfalls jemandem aufgeben wollen. Der letztere war ein eingebildeter reicher Krämer, der sich bei einigen der Gegenwärtigen ein Ansehen von Gelehrsamkeit geben wollte, wenn es auch mit einigem Verlust bei den übrigen verbunden sein sollte, und der erstere ein nicht mehr ganz nüchterner katholischer Kanonikus.   E

 

Mich dünkt, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß Garrick den Hamlet im französischen Kleide spielt. Es scheint allerdings sonderbar. Ich habe ihn deswegen öfters tadeln hören, aber doch niemals zwischen den Akten, oder beim Nachhausefahren, oder hintendrein beim Abendessen, sondern immer nach verloschenem Eindruck und bei wieder erwachtem Kopf, im kalten Gespräch, wo, wie Sie wissen, sehr oft gelehrt für gut und auffallend für scharfsinnig angenommen und gegeben wird. Ich muß gestehen, dieser Tadel hat mir nicht so recht eingewollt. Und bedenken Sie nur, ob es so sehr schwer war, so behutsam zu sein.

Einmal wußte ich: Garrick ist ein äußerst scharfsinniger Mann, der das genaueste Register über den Geschmack seiner Nation führt, sicherlich nichts ohne Ursache auf der Bühne unternimmt, und überdies das ganze Haus voller alten Trachten hängen hat; ferner ein Mann, bei dem jedes Tags Erfahrung nicht zu monströser Erweiterung des Maulwerks, sondern zu Beförderung harmonischen Wachstums von einem gesunden Kopf den gehörigen Stellen zugeführt wird. Und der Mann sollte nicht sehen können, was jeder Londonsche Maccaroni mit Händen greifen zu können glaubt? Er, der schon vor dreißig Jahren war, was seine meisten Tadler ziemlich erbettelt jetzt sind? Anstatt also einzustimmen, fing ich an bei mir zu überlegen, was ihn wohl bewogen haben könnte, so etwas zu tun. Ich dachte lange umher, wenigstens zu meiner eigenen Beruhigung etwas zu finden, als ich bei der zweiten Vorstellung des Hamlet, die ich sah, in dem Augenblick, da er den Degen gegen den Horatio zieht, vermutlich mit Garricks Empfindung zusammentraf. Nach meinem System ist er nun entschuldigt; er würde sogar bei mir verlieren, wenn er anders erschiene. Ich lasse jedermann seine Freiheit, damus petimusque(Lat.): wir geben und verlangen.. Ich weiß es sehr wohl, daß man bei solchen Dingen durch eine gewisse vermeintliche Anspannung nur allzuoft durch den Weg des Superfeinen endlich zu demselben Irrtum geleitet wird, den der andere auf dem weit bequemeren der Übereilung geschwinder findet. Aber dem sei, wie ihm wolle, verschweigen kann ich Ihnen meine Gründe nicht, die, wenn sie auch gleich nicht Garricks sein sollten, doch denkende Schauspieler hier und da auf etwas Besseres leiten könnten.

Mir kommt es vor, als wenn alte Trachten auf der Bühne für uns, wenn wir nicht gar zu gelehrt sind, immer eine Art von Maskeradehabit wären, der zwar, wenn er schön ist, gefällt, allein das geringe Vergnügen, das er gewährt, kann selten ganz zu der Summe des übrigen geschlagen werden, das den Eindruck des Stücks vermehrt. Es geht mir hierin, wie mit den deutschen Büchern mit lateinischen Lettern. Für mich sind sie immer eine Art von Übersetzung. Der Augenblick, den ich anwenden muß, mir diese Zeichen in mein altes darmstädtisches ABC zu übersetzen, ist dem Eindruck nachteilig. Ein Sinngedicht würde bei mir die ganze Kraft des Erstenmals verlieren, wenn ich es z. B. bei umgekehrtem Buch herausbuchstabieren müßte. Von den subtilen Fäden, an denen unser Vergnügen hienieden hängt, ist es Sünde, auch nur einen ohne Not durchzuschneiden. Da also, sollte ich denken, wo unsre jetzige Kleidung in einem Schauspiel nicht die empfindliche Majestät unserer Schulgelehrsamkeit beleidigt, sollen wir sie auf alle Weise beibehalten. Unsere französischen Röcke sind längst zur Würde einer Haut, und ihre Falten zur Bedeutung von Mienen gediehen, und alles Ringen, Krümmen, Fechten und Fallen in einer fremden Tracht verstehen wir zwar, aber wir fühlen es nicht. Den Fall eines Hutes während eines Kampfes fühle ich völlig, den von einem Helm weit weniger, er könnte sich auf die Ungeschicklichkeit des Akteurs schieben lassen und lächerlich aussehen. Ich weiß nicht, wie fest ein Helm sitzen muß und kann. Als Garrick in obenerwähnter Stellung den Rücken zum Teil gegen die Versammlung kehrte, und ich bei seiner Anstrengung die bekannte Diagonalfalte von der Schulter nach der entgegengesetzten Hüfte erblickte, fürwahr, ich hätte selbst sein Gesicht ein paarmal dafür hingegeben. In dem tintigen Mantel, von dem Hamlet einmal spricht, hätte ich bei weitem das nicht gesehen. Ein gut gebauter Schauspieler (und das sollten wenigstens alle die sein, die sich mit dem Trauerspiel abgeben) verliert allemal in einer Tracht, die sich zu sehr von der entfernt, die irgend einem im Leben, bei einem früher, beim andern später, keiner der geringsten Gegenstände unserer Wünsche und die süßeste Befriedigung jugendlicher Eitelkeit wären, und in der unser Auge das zu Viel und zu Wenig bis zu Strohhalmebreiten anzugeben weiß. Wohl verstanden, daß ich hiermit nicht sage: Cäsar und Englands Heinriche und Richarde sollten in Gardeuniform mit Schärpe und Ringkragen einher treten. Diese und ähnliche Abweichungen von einem allgemeinen Gebrauch zu empfinden und zu ahnden, hat jedermann Kenntnisse und antiquarischen Stolz in der Schule und von Kupferstichen, Münzen und Ofenplatten gesammelt. Ich meine nur, wo der Antiquar in den Köpfen eines Publikums über einen gewissen Artikel noch schlummert, da soll der Schauspieler nicht der erste sein, der ihn wecken will. Das kleine episodische Vergnügen, wenn ich so reden darf, das mir der schnöde Prunk eines Maskeradenhabits macht, ersetzt mir den Eintrag nicht, der dadurch dem Stück von jener andern Seite geschieht. Alle Zuschauer leiden den Verlust, sie glauben nur nicht alle, daß das die Ursache sei. Doch ist hierin der Geschmack eines einsichtsvollen Schauspielers, der die Stärke und Schwäche der Augen kennt, vor die er treten soll, über alle Regeln. In dem Fall, den ich voraussetze, findet sich London in Absicht auf den dänischen Hamlet, und hat da Garrick nötig, es zum Schaden beider Parteien klüger zu machen? Garrick entbehrt gern von der einen Seite ein bißchen Lob seiner Gelehrsamkeit, wenn ihm von der andern die Herzen zu Tausenden zufallen.

Nun kommen Sie, mein Freund; wegen dieses ästhetischen Schattenspiels, aus dem vielleicht etwas für den Genius Quinquennii zu machen gewesen wäre, wenn einer unserer philosophischen Savoyarden sein erhabenes Babel dazu hätte anstimmen wollen, sollen Sie nun, wo nicht schadlos gehalten, doch wenigstens durch Abwechselung erquickt werden. Ich will Ihnen den drolligen Weston in ein paar Szenen zeigen. Dieses sonderbare Geschöpf kam aus der Küche von St. James, wo sein Vater Koch vom zweiten Range war, auf einmal aufs Theater, mit einer Figur, die, im Vorbeigehen auf der Straße gesehen, so wenig für dasselbe gemacht zu sein scheint, daß in der Tat ein Garrick und ein Foote nötig war, es zu finden. Denn die fanden es. Er ist von kleiner hölzerner Statur, und seine Staatspositur ist daher die mit den Händen in den Rocktaschen. Seine Gesichtsbildung ist äußerst roh, die Lippen etwas dicke, und die Nase von der Familie der Schuhleistförmigen. Allein aus den Augen, die daher kaum in dieses Gesicht zu gehören scheinen, blickt der beobachtende Schalk und Garricks glücklicher Nebenbuhler, in dem Fache nämlich. Seine Stimme ist gedrückt und pelzig, und seine Rede langsam. Ich habe solche Figuren fast in allen Städten, wo ich gewesen bin, des Sonntags gesehen, ich weiß nicht, ob es Seilwinder oder Gemüsegärtner waren, nicht ganz so glatt und auch nicht so geschmeidig, als die Bäcker. Ich muß mich näher erklären: In einem Stück, worin ich mir ihn eben jetzt denke, trug er einen Rock von himmelblauem Tuch, das sich ins Nebliche zog, eine rote Weste, schwarze Beinkleider und blaue Strümpfe; die Schuhschnallen saßen, dünkt mich, etwas am äußern Abhang des Fußes, und das ungebundene Haar hing ihm in Gruppen, wie gelbe Wurzeln, um den Kopf. Wenn er daher aufs Theater tritt, so glaubt man, es hätte sich jemand, ohne bemerkt zu werden, von der Straße dahin verlaufen, so natürlich kleidet er sich, und so ungezwungen erscheint er. Das verrät nichts Gemeines.

Sie sehen aus allem, zum Chamäleon ist er verdorben, er tut alles, was er tut, durch den Fuchs. Die Natur, die ihn von der einen Seite bestimmt zu haben scheint, Lachen zu erregen, scheint ihn von der andern der Fähigkeit beraubt zu haben, selbst zu lachen. Er ist immer ernsthaft, oder lächelt nur, und dieses selten; auch währt es lange, bis es im ganzen Gesicht herumkommt. Ich habe es einmal gesehen, da ihm in einem Stück ein niedliches Kammermädchen, um ihn ins Interesse ihrer Dame zu ziehen, die Backen tätschelt. Das Gesicht klärte sich zwar langsam, endlich aber auch zu einem solchen Grade auf, daß wenigstens zwei Dutzend Zähne herauskamen, worunter mancher nicht klein war. Da war schwerlich ein Mund im Schauspielhause, der nicht, ein jeder nach seiner Art, mitgelacht oder gelächelt hätte. Weil er bei allem diesem so sehr halsstarrig original und keinem Charakter einen Schritt zu Gefallen geht, so haben die Dichter die Charaktere zu ihm hingebracht. Ich habe in einer Szene in Farquhars Stratagem Garrick und Weston beisammen gesehen. Ich will sie Ihnen gern nach Vermögen beschreiben, wiewohl ich noch sehr zweifle, ob ich nur einen erträglichen Schattenriß davon werde machen können. Der Schauspieler sowohl als der Zuschauer sind beide immer mehr im Lustspiel zu Haus, als im Trauerspiel, und was der erstere auch selbst durch die feinste Kunst im Trauerspiel hervorbringt, läßt sich immer, dünkt mich, leichter in Worte fassen, als was die unerschöpfliche Natur im erstern sowohl tut, als bemerkt. Ich kann eine solche Szene, worin die beiden Lieblinge eines erleuchteten Volks sich bemühen, zu ihrem längst gegründeten Ruhm, ohne Übertreibung in dem Zaun der geübtesten Vernunft, etwas hinzu zu tun, nicht beschreiben. Alles, was ich tun kann, ist, einer Einbildungskraft, deren Wirkungskreis mir unbekannt ist, auf Geratewohl einige Winke zu geben, sich selbst etwas Ähnliches zu schaffen.

Garrick macht den Archer, einen Herrn von Stande, der sich aus leicht zu erratenden Ursachen in einen Bedienten verkleidet hat, und der arme Weston den Scrub, einen Aufwärter in einem armseligen Wirtshause, worin jener einkehrt, und wo man alle Bedürfnisse des Magens und Ergötzlichkeiten des Gaumens immer gestern hatte und morgen wieder haben wird, aber niemals jetzt hat. Garrick hat himmelblaue Livrée, mit funkelndem Silber reich besetzt, einen blendenden Bordenhut mit einer roten Feder, spielt ein Paar weiße, glänzende seidene Waden, und ein Paar Schnallen, die nicht besser sein können, und ist ein entzückender Kerl. Und Weston, den die schwere Last einer schmierigen Aufwartung unter zehn verschiedenen Rubriken drückt, der arme Teufel, erscheint ihm gegenüber in einer traurigen abgeregneten Perücke und einem grauen Kamisol, das vor etwa dreißig Jahren für einen glücklichern Bauch geschnitten sein mochte, mit roten wollenen Strümpfen und einer grünen Schürze. Er gerät in eine Art von andächtigem Erstaunen, da dieser Herr Bediente (wie das göttingische Mädchen sagte) auftritt. Garrick, frisch, schalkhaft und schön wie ein Engel, den niedlichen Hut mit fast gefälliger Leichtfertigkeit seitwärts aus dem hellen Gesicht gestoßen, tritt munter und voll Vertrauens auf seine Waden und neuen Anzug fest und stramm daher und fühlt sich um ein Drittel größer neben dem trübseligen Scrub. Und Scrub, der ohnehin wenig ist, scheint auch noch das zu verlieren und zittert mit den Knien, vor lauter Gefühl des dreifachen Kontrasts zwischen Aufwärter – und Bedienten, und folgt bei gefallenem Unterkinn in einer Art von Anbetung Garrick bei allen Bewegungen mit den Augen nach. Archer, der den Scrub zu seinen Absichten braucht, wird bald gnädig. Sie setzen sich nebeneinander nieder. Wer die unwiderstehliche Macht des Kontrastes auf dem Theater kennenlernen will, wenn er vom Dichter und dem Schauspieler gut und nach beiden Seiten gleich stark durchgesetzt wird, damit nicht die Struktur, deren ganze Schönheit im richtigen Gleichgewicht besteht, nach einer Seite umgeschmissen wird, wie gemeiniglich geschiehet, der muß diese Szene sehen. Garrick wirft sich mit der ihm eigenen Leichtigkeit auf den Stuhl, schlägt den rechten Arm über Westons Lehne und biegt sich zum vertraulichen Gespräch nach ihm hin; die herrliche Livrée rückwärts geschlagen, und eine Schönheitslinie schließt sich in Rock und Mann an die andere. Weston sitzt auf der Mitte des Stuhls, wie es sich gebührt, nur etwas zu weit nach vorn und auf jedem Knie eine Hand, stark versteinert da, die Schalksaugen auf Garrick gewendet. Wenn etwas auf seinem Gesicht ausgedrückt ist, so ist es Affektation von Würde mit lähmendem Gefühl des schrecklichen Kontrastes. Hierbei bemerkte ich etwas an Weston, das sich herrlich ausnahm. Während Garrick mit einer gefälligen Nachlässigkeit in sich selbst ruhte, suchte ihm Weston mit steifem Rücken allmählich die Höhe abzugewinnen, teils des Anstandes wegen und teils auch zuweilen, wenn Garrick ihm nicht ins Gesicht sieht, mit mehr Sicherheit eine neue Vergleichung zwischen sich und ihm zu stehlen. Wenn Archer endlich mit großer Leichtigkeit die Beine übereinander schlägt, so versucht Scrub ein gleiches, und bringt es auch endlich, jedoch nicht ohne einige Hilfe der Hände, glücklich zustande, alles entweder bei starrenden oder heimlich vergleichenden Augen. Endlich da Archer die herrlichen seidenen Waden zu streicheln anfängt, so will auch Weston mit seinen armseligen roten wollenen ein gleiches tun, retiriert sich aber wieder, und zieht mit mitleiderregender Demütigung die grüne Schürze langsam über das Ganze. In dieser Szene tat die natürlich dumme Miene des Weston, sein treuherziges Wesen, das bei ihm aus allem hervorleuchtet und durch den unaffektierten Pelz in seiner Stimme nicht wenig gewinnt, fast Garrick Abtrag. Das ist viel gesagt. Er hatte die Götter und die TeufelDie »Götter« hießen in London die Besucher der Galerie; entsprechend nennt L. die des Parterre die »Teufel«. auf seiner Seite. Als Bedienter in the maid of the oaks ist er in glücklichern Umständen und geputzt, aber doch auch so, daß man sieht, es kommt nicht allein selten an ihn, sondern es ist auch sogar seine Sache nicht einmal. Seine Haare hat er in einen wegstehenden Crapaud elend eingepackt, oben und an den Seiten sind sie zum Teil gepudert, wie mir's vorkam, nur mit den Fingern oder Papierschnitzeln; dabei hat er einen grauen Rock, wieder rote Strümpfe an, und ein herrliches Bukett vor. In diesem Stück unterscheidet er sich vorzüglich durch hölzerne Behendigkeit und eine Art von unnötiger Geschäftigkeit, die, trotz des Schweißes, den sie ihm auspreßt, den Gang der Sache, den sie befördern soll, nicht wenig aufhält. Er will immer, kann aber vor lauter Wollen selten, und hält sich dessenungeachtet, wenn sonst die Herrschaft nicht dabei ist, nicht undeutlich für eine der wichtigsten Personen dieses Tags. Wie gern beschriebe ich Ihnen den Mann, wie er als Schuhflicker im hinkenden Teufel (Devil upon two sticks) ein Paar Schuh, die er unter dem Rock stecken hat, in die Ecke hinlegt, um mit desto mehr Anstand auf einen Schemel zu steigen, auf welchem ihn Foote zum Doktor kreiert. Aber wenn ich das durchlaufe, was ich gesagt habe, so vergeht mir alle Neigung, mehr von ihm zu sagen. Es ist zwar ein Vergnügen, den Totaleindruck, den der Anblick eines solchen Wundergeschöpfes auf einen macht, in seine Bestandteile zu zerlegen, und Empfindungen zu Buche zu bringen (ich habe mir solche Beschreibungen zum Vergnügen eine Menge gemacht), aber die Absicht, einem andern ein ähnliches Vergnügen zu verschaffen, wird meist verfehlt, weil die unvermeidliche Unvollständigkeit der Zahl dieser entwickelten Gefühle dem Leser bei ihrer Herabstimmung zur Klarheit Raum genug übrig läßt, neben dem Endzweck des Verfassers vorbei zu schleichen, oder noch schlimmer, ihm den Vorwurf zu machen, er habe zu viel gesehen. Zwei Anekdoten von ihm, die mich mehr unmittelbar in des Mannes Seele sehen lassen, muß ich Ihnen noch erzählen.

Vor einigen Jahren wählte sich dieses hölzerne Gestell zu seinem Benefizstück – Sie raten sicherlich nicht, was? – Richard III. Daß das Haus voll werden mußte, zum Bersten, das konnte wohl Weston so gut vorher wissen, als Sie es mir jetzt glauben. Und dieses ist wohl das einzige Mal gewesen, daß Shakespeare auf dem Schauplatz von Drurylane vorsätzlich ist geschändet worden. Mir fiel, als ich es hörte, der Affen-Laokoon ein, wo sich die Schlange um drei Affen, Vater und Söhne, schlingt, die alle drei erbärmlich zusammenschreien. Es mag toll hergegangen sein. – Als er am Ende starb, so bestand das Volk darauf, er sollte wieder aufstehen und noch einmal sterben, und das vermutlich mit einem Getöse, das wohl einen Toten hätte erwecken können. Der hätte in dem bekannten Monolog sagen müssen: an ass, an ass, a kingdom for an ass! Die andere macht ihm mehr Ehre, auch war ich selbst Zeuge. In dem Rival Candidates, demselben Stück, worin er von dem Mädchen getätschelt wird, sprach er in diesem Jahr den Epilog in Gesellschaft eines großen Hundes, den er am Ring des Halsbandes hält, und der ihm fast bis an die Hüfte reicht. Es ist ein allerliebstes Tier und glotzt seinem drolligen Führer, während er spricht, zuweilen so menschlich herauf ins Gesicht, und dieser streichelt ihn wieder mit so vieler Herablassung, daß niemand zwischen beiden die Seelenvereinigung verkennen kann. Diesen Epilog zu sprechen, wurde Weston zum erstenmal überdrüssig, als ich das Stück zum zweitenmal sah, und wollte nicht erscheinen; das Volk nahm dieses sehr übel, und Epilogue! Epilogue! erschallte aus allen den Kehlen, die Richard III. von den Toten erwecken wollten; Weston erschien immer nicht. Viele Leute aus der Loge gingen weg, allein ich war entschlossen, den Ausgang abzuwarten. Auf einmal regnete es erst Birnen, dann Orangen, hierauf Quartierbouteillen auf das Theater, und einmal flog eine, die wohl drei Quartier halten mochte, an einen der Kristalleuchter hin, und alles sah einem Aufruhr ähnlich, als Weston so gelassen, als würde er allemal so gerufen, mit Dragon (so hieß der Hund) hervortrat. Es wurde ein wenig hier und da gezischt, aber das legte sich bald. Nun ist in dem Epilog eine Stelle, worin er den Hund anredet, indem er, wie ich glaube, von Kritiken spricht: Und was hängst du denn den Schwanz, Dragon? sie werden dir nichts tun: diese Stelle veränderte Weston, aus dem Stegreif, ohne weder dem Reim, noch dem Vers zu nahe zu treten, in diese: Und warum hängst du denn den Schwanz, Hans Narre? dir werden sie keine Bouteillen an den Kopf werfen. Diese in der Tat in einer solchen kritischen Lage und einer gereimten Rede angebrachte höchst sinnreiche Veränderung machte alles gut. Man hörte nicht auf zu klatschen und zu rufen. Alles das machte auf Westons Gesicht nicht so viel Veränderung als auf einer Ofenplatte. Da war keine Freude, keine Miene innerer Satisfaktion; gar nichts, so wenig als auf dem Gesicht seines vierbeinigen Freundes. So viel dieses Mal von Weston, von dem ich ungern schweige, weil es mir vorkommt, als hätte ich ihm unrecht getan, weil ich mir selbst nicht Genüge getan habe.

Ehe ich nun zu den Frauenzimmern komme, will ich Ihnen noch eine Frage beantworten, die Sie in einem Ihrer Briefe getan haben: ob denn Garrick so ganz durch und durch untadelhaft spiele, und ob ich nicht zuweilen wenigstens etwas bemerkt, das ich weggewünscht hätte? Ihnen Fehler von Garrick anzuzeigen, liebster B., davor werde ich mich wohl hüten, allein wenn Sie wissen wollen, was mir, dessen Empfindungen ich allein hier entwickele, ohne sie mit ästhetischen Fundamentalgesetzen zusammenzuhalten, zuweilen nicht an ihm gefallen hat, da lasse ich mich eher ein, wiewohl auch dieses nur sehr unbeträchtlich sein wird. Denn einmal müssen Sie bedenken: er spielt jetzt nur Stücke, die er sich völlig eigen gemacht, und über die er nun ein Vierteljahrhundert durch in seiner ausgesuchten Gesellschaft das Urteil der größten Kenner des Menschen empfangen hat. Selbst den Strumpf, der ihm so herabhängt, kann man denken, hat ihm vielleicht Fielding herabgezogen, und den Hut, der da so schön seitwärts sitzt, Sterne oder Goldsmith zurückgestoßen. Bei so bewandten Umständen, mein Freund, gibt's viel zu lernen, und wenig zu tadeln. Ferner, leugne ich nicht, sein Ruhm blendet bald mehr, bald weniger; es ist schon kein geringes Vergnügen, ich will nicht sagen Glück, ehe der Vorhang aufgezogen wird, dem Schauplatz gegenüber zu sitzen, auf dem in einigen Minuten ein Mann auftreten soll, der nach einem ziemlich einstimmigen Urteil der erste Schauspieler der neuen Zeit ist. Außerdem der Freund, Lehrer und Zögling einiger der größten Schriftsteller dieses Jahrhunderts. Ist das nichts? Ich bin, um Garrick spielen zu sehen, einmal von morgens halb zehn an einen Weg von sechs deutschen Meilen gereiset, habe nicht zu Mittag gegessen, und erst nach elf Uhr zu Abend. Ich habe mit einer Art von wollüstiger Bangigkeit die Musik anfangen hören, die vor dem Stück herging, in welchem ich ihn zum erstenmal sah. Und was Wunder? Hätte Garrick unter einem wärmern Himmel, von einem engern und höhern Gerüste, mit gleicher Kraft gesprochen und Herzen erschüttert, so würden einst seine Lumpen etwas Ähnliches tun. Es ist sehr menschlich, und wird so gehen bis an das Ende der Welt. Ich erinnere mich daher jetzt nur eines einzigenmals, und zwar im Hamlet, daß Garrick etwas auf eine Art sagte, die eine üble Wirkung auf mich tat und einen Mißklang mit meiner damaligen Empfindung machte, die vielleicht falsch gestimmt war. Ich will Ihnen sagen, was es gewesen ist. Vor Anfang des Monologs, der auf die Szene folgt, in welcher sich der Geist dem Hamlet über den Mord eröffnet, steht Garrick, als wäre er Hamlet selbst, bis zur Untätigkeit und fast zur Zerrüttung gerührt da, und wenn endlich die Betäubung, in welche eröffnete Gräber, Greuel ohnegleichen und schreiendes Vaterblut die vortreffliche Seele gestürzt hatten, nach und nach weicht, und das dunkle, schmerzhafte Gefühl sich zu Betrachtung und Worten aufklärt, und zum heimlichen Entschluß sammelt, so hat Shakespeare dafür gesorgt, daß diese Betrachtung und Worte von der Tiefe und dem Tumult zeugen, aus dem sie hervorbrechen, und Garrick sorgte, wie Sie leicht denken können, von seiner Seite auch dafür, daß jeder Gestus auch einem tauben Zuschauer wiederum von dem Ernst und Gewicht der Worte gezeugt hätte, deren Begleiter sie waren. Eine einzige Zeile ausgenommen, die, nach meinem Gefühl, so wie sie damals Garrick sprach, weder dem tauben Zuschauer, noch dem blinden Zuhörer hätte gefallen können. Er sprach die physiognomische Bemerkung, die er auch in seine Schreibtafel trägt: that one may smile and smile, and be a villain, mit der Miene und dem Ton der kleinlichen Nachspötterei, fast als wollte er den Mann damit auszeichnen, der immer lächelte und lächelte, und doch dabei ein Schurke war. Ich kann nicht leugnen, dieses fiel mir in meiner damaligen Verfassung so auf, daß ich den Augenblick erwachte.

Wehe meinem Briefe über Garrick, wenn Sie und Ihre Freunde anders stimmen sollten. Ich fürchte es nicht; denn bei der zweiten Vorstellung des Hamlet, der ich beiwohnte, hatte ich das für mich schmeichelhafte Vergnügen, ihn dieselben Worte meiner Empfindung durchaus gemäß aussprechen zu hören, nämlich mit dem Ton der wohlbedachten Anzeichnung zu nahem Gebrauch. Das Lächeln des Schurken, den Hamlet meint, war für ihn von der einen Seite zu wichtig, und zu scheußlich von der andern, sich dagegen bei einem Selbstgespräch mit mimischem Spott zu kühlen. Die Lippen, die so gelächelt hatten, mußte der Tod aus Hamlets Händen (und nichts anders) Ernsthaftigkeit lehren, und das je eher je besser. Was Garrick bewogen haben mag, jene Worte damals so zu sprechen, will ich nicht ausmachen. Ich dachte, die schönen und sanften Wörter smile and smile möchten vielleicht schwer ohne Mienen, die wenigstens zur Familie der lächelnden gehörten, auszusprechen gewesen sein, allein ich glaube doch nun, daß es eher ein Versuch, als ein unvermuteter Streich seiner Zunge und ihrer Nachbarschaft war. Sehen Sie, ist das nicht herrlich? Ich merke soeben erst, daß ich des Mannes Kunst auf Kosten seines Verstands verteidige. Also kein Wort mehr davon.

Unter den hiesigen Schauspielerinnen ist nach meinem Geschmack Mrs. Barry noch immer die größte, oder doch die allgemeinste, und die einzige, die in diesem Punkt eine Vergleichung mit Garrick aushält. Sie kann, zu einem ekeln Kammerpüppchen zusammengeschnürt, mit süßer Selbstgefälligkeit tänzeln und sich zieren und trippeln, daß den kleinen Mamsellen und den großen Bedienten das Herz im ganzen Hause aufgeht; und dann wieder mit einem Strom von rauschender und rieselnder Seide hinter sich her, mit hohlem Rücken und stolz zurückgewandtem Angesicht einhertreten, wie die Eitelkeit, wenn sie sich am Zug ihrer Schleppe weidet. Sie ist eine große Schönheit, und, wie mir gesagt worden, auch selbst ohne Schminke beim Sonnenlicht auffallend schön, eine geborne Schauspielerin. Ihr Geburtsort ist das schöne, romantische Bath, wo ihr Vater Apotheker war. In ihrem zehnten Jahre (wie mir eine Dame erzählt hat, die sie damals kannte) warf sie ihr Strickzeug weg, schlich sich mit Shakespeare auf den Boden des Hauses und sprach mit den Schornsteinen. Ihre Schönheit gehört zur Klasse der Heiligen, und der herrschende Ausdruck in ihren Mienen und dem Klang ihrer über alles reizenden Stimme, ist sanfte Unschuld und entgegenkommende Güte. Ein Weib, so wie sie der Himmel haben wollte! Sanft, nachgebend, und so wenig satirisch als heroisch. O, sie erschrickt vor einem God damn, als wenn eine Bombe spränge. Ich habe sie als Cordelia im König Lear gesehen, wie sie die von Tränen glänzenden großen Augen nach dem Himmel hob, dann sprachlos die Hände hochringend, mit dem Anstand und, wie mich dünkte, dem Glanz einer Verklärten, ihrem alten verlassenen Vater entgegeneilte und ihn umarmte. Es ist das Größte, was ich in der Art von einer Schauspielerin gesehen habe, noch jetzt das Fest meiner Phantasie, und ich werde das Andenken an diese Szene nur mit meinem Leben verlieren. Als ich vor fünf Jahren hier war, sah ich sie schon als Desdemona in Othello. Ich habe Ihnen gewiß in Göttingen davon erzählt. Auch erinnere ich mich kaum, jemals so stark Partei in einem Stück genommen zu haben, als damals. Reddish, der den teuflischen Jago vorstellte, ist mir noch jetzt unausstehlich. Wehe allen Lippen und Nasen, die der seinigen gleichen, wenn ich einmal eine Physiognomik schreibe!

Nun komme ich auf eine Schauspielerin, die ich schon einigemal genannt habe, Mrs. Abington, eine in mehr als einer Rücksicht so merkwürdige Frau, daß ich Ihnen leicht ein kleines Werk über sie schreiben könnte. Und hätte ich Ihnen durch eine solche Schrift die Talente dieser ungewöhnlichen Seele genau entwickelt, so würde ich, glauben Sie mir, stolzer darauf sein, als auf irgend ein approbiertes Werk in diesem Fach. In einem Brief so etwas auch nur zu versuchen, habe ich jetzt weder Zeit noch Geduld, und es gehörig durchzusetzen, wenn ich aus den Urteilen der Leute schließen darf, von welchen ich sie habe bewundern hören, auch sicherlich weder hinlängliche Kenntnisse noch Erfahrung. Das Wenige, das ich von ihr sagen werde, setze ich nur deswegen her, weil es nach einer solchen Entschuldigung, nach dem Plan meiner Briefe, die Ihnen eine kleine Nachricht von allen guten Schauspielern in London geben sollen, ebenso unverzeihlich sein würde, ganz von ihr zu schweigen, als das erwähnte Werk, dem ich nicht gewachsen bin, wirklich zu unternehmen.

Mrs. Abington ist von Mrs. Barry so unterschieden, wie die komische Muse von der tragischen. An Majestät und Ausdruck sanfter Empfindung steht sie der letztern nach und übertrifft sie an Talent, die bittere Wahrheit, mit allen den kleinen begleitenden Zügen, den Zeichen der eigenen Bemerkung, tief ins Herz zu reden, daß jeder glauben muß, sie meinte ihn; und dann auch an leider allzu früh geübter Kunst; bei allem diesen, den herrlichsten Wuchs mit einem gefälligen Strich von Absicht zu zeigen, der dieser großen Schauspielerin noch aus der gefährlichen Schule anklebt, in welcher ihre Reize ausgebildet worden und – – – – noch ehe sie die Bühne betrat, ihren Lohn empfangen haben. An Geist ist sie sicherlich allen englischen Schauspielerinnen sehr weit überlegen. Man merkt es ihr an, die papierne Welt in Drurylane ist ihr zu enge, auch ist es jetzt, da ich dieses schreibe, bereits mehr als Mutmaßung, daß sie dereinst ihre Rolle in dem großen Original selbst spielen wird. Ihr Gesicht ist nichts weniger als schön; sie ist blaß und dabei zu stolz sich zu schminken, ihre Nase etwas aufgestülpt und der Mund keiner von den feinsten. Allein ihre Blicke schneiden unter den schönen Augenbrauen oft, mit einem gewissen unbeschreiblichen Lächeln über entdeckte Torheit begleitet, so mächtig hervor, daß dem bange werden muß, den sie treffen. Der Schnitt ihrer Kleidung und ihr Kopfputz ist, wie mir Damen versichert haben, deren Urteil ich zur Ergänzung sowohl, als Beglaubigung der meinigen anführe, jederzeit im allergrößten Geschmack; sie tritt daher selten auf das Theater, daß nicht die Mode der feinen Welt hinter ihr herträte. In den stummen Rollen, oder wenn sie etwas gesagt hatte, dem sie mit stummem Auf- und Abgehen Kraft geben wollte, ging sie, wider die Gewohnheit der Schauspieler, oft gerade vom Zuschauer ab nach der Tiefe des Theaters. Da hätten Sie sie sehen sollen, mit welchem Anstand sie sich in den Hüften wog, und mit jedem Tritt die Blicke des kopierenden Neides und der kopierenden Bewunderung, die ihr aus tausend Augen folgten, noch mutwillig schärfen zu wollen schien. So wenig sie für das Trauerspiel geschaffen ist, so wenig ist sie es für das Niedrigkomische. Ihre Rede ist langsam, und wenn sie Torheiten kopieren soll, so müssen es nur solche sein, die sich mit affektierter oder unaffektierter Grazie im Anstand vertragen. Während sich daher die Gemahlin des Harlekins mit den Albernheiten des armen und reichen Pöbels herumzauset, so schlägt sie sich nach den bestimmten Gesetzen eines anständigen Duells mit den Torheiten der Großen. Hierin ist, wenn meine Empfindung nicht trügt, ihre hauptsächlichste Stärke, und zeugt von einer gewissen Würde der Seele, die alle niedrigen Mittel, den Beifall der Menge zu haschen, verachtet. Auch die niedrigen Rollen weiß sie von dem Staub der Werkstätte und Spinnstube zu reinigen; wenn dieses nicht allemal zu billigen sein sollte, so hat doch, einer solchen Künstlerin gegenüber, die Kritik selten Unbarmherzigkeit oder kaltes Blut genug, das am Ganzen hängend fehlerhaft zu finden, was isoliert gewiß vortrefflich wäre.

Sie hat, wie man sagt, hauptsächlich durch ihren Geist, einen Mann gefesselt, der an Glücksgütern, Stand und Ruhm nur wenige seinesgleichen in England hat, keinen Neuling. Er ist ein Witwer, und hat ihr Verbindungen antragen lassen, denen zur Vollkommenheit nichts fehlte, als die priesterliche Einweihung. Da sie mit dieser Art von Verbindung sehr bekannt ist (denn auch Herr Abington, dessen Namen und Vermögen sie besitzt, war ihr gesetzmäßiger Mann nicht), so ging sie dieselben, wie man sagt, unter folgenden Bedingungen ein: sie müsse Besuche annehmen dürfen, vor wie nach, und welche sie wolle; der Lord müsse sie nie in ihrem Hause besuchen; er müsse ihr außer Pferden und Karosse wöchentlich 50 Pfund aussetzen, und endlich niemals von ihr verlangen, das Theater zu verlassen. Es wurde alles eingestanden. Ein Sieg, weswegen sie nicht allein von allen ihres Gewerbes, sondern auch von einem großen Teil der züchtigern Schönheiten Englands beneidet wird, und der desto merkwürdiger ist, als er sich weder auf Jugend noch glühende Wangen, noch überhaupt Schönheit des Gesichts gründet. Diese Anekdote, für deren Wahrheit in allen Stücken ich eben nicht haften will, steht, dünkt mich, hier nicht am unrechten Ort, da sie einiges zu belegen dient, was ich von dieser Schauspielerin gesagt habe. Wenn Sie sie einmal im Spiegel sehen wollen, so kaufen Sie sich ein gewisses Porträt von ihr, das nach Reynolds von Elisabeth Judkins in schwarzer Kunst vortrefflich gearbeitet worden ist. Ein wahrhaftes Muster einer leichten Stellung und natürlichen Ordnung der Hände, vermutlich von dieser leichten Hexe selbst angegeben. Es sollte billig von manchen deutschen Porträtmalern studiert werden, deren Favoritstellung der Hände noch immer von der Lage der Flügel an einem gebratenen Huhn geborgt zu sein scheint.

Den wegen seiner großen Verdienste, seines Prozesses und seiner Physiognomie berühmten Macklin habe ich den Shylock in Shakespeares Kaufmann von Venedig spielen sehen. Sie wissen, Macklin als Shylock klingt auf dem Zettel so schön wie Garrick als Hamlet. Es war gerade der Abend, an dem er zum erstenmal, nach geendigtem Prozeß, wieder erschien. Als er heraustrat, wurde er mit einem dreimaligen allgemeinen Klatschen, wovon jedes wohl eine Viertelminute dauerte, empfangen. Es ist nicht zu leugnen, diesen Juden zu sehen, ist mehr als hinreichend, in dem gesetztesten Mann auf einmal alle Vorurteile der Kindheit gegen dieses Volk wieder aufzuwecken. Shylock ist keiner von den kleinlichen, beredten Betrügern, die über die Tugenden einer goldenen Uhrkette aus Tomback eine Stunde plaudern können; er ist langsam, in unergründlicher Schlauigkeit stille, und wo er das Gesetz für sich hat, bis zur Bosheit gerecht. Stellen Sie sich einen etwas starken Mann vor, mit einem gelben, rohen Gesicht und einer Nase, die an keiner der drei Dimensionen sonderlichen Mangel leidet, einem langen Unterkinn und einem Mund, bei dessen Schlitzung der Natur das Messer ausgefahren zu sein schien, bis an die Ohren, auf einer Seite wenigstens, wie mich dünkte. Sein Kleid ist schwarz und lang, seine Beinkleider ebenfalls lang und weit, und sein Hut dreikantig und rot, nach Art der italienischen Juden vermutlich. Die ersten Worte, die er sagt, wenn er auftritt, sind langsam und bedeutend: Threethousand ducats. Das doppelte th und das zweimalige s, zumal das letzte nach dem t, das Macklin so leckerhaft lispelt, als schmeckte er die Dukaten und alles, was man dafür kaufen kann, auf einmal, geben dem Mann, gleich beim Eintritt, einen Kredit, der nicht mehr zu verderben ist. Drei solcher Worte so und an der Stelle gesprochen, zeichnen einen ganzen Charakter. In der Szene, wo er seine Tochter zum erstenmal vermißt, erscheint er ohne Hut, mit aufgesträubtem Haar, wovon einiges fingerlang vom Wirbel senkrecht in die Höhe steht, bei dieser Miene wie von einem Galgenlüftchen gehoben. Die beiden Hände sind geballt, und seine Bewegungen kurz und konvulsivisch. Einen sonst ruhigen, entschlossenen Betrüger in solchen Bewegungen zu sehen, ist fürchterlich. Ich habe denselben Schauspieler auch als Macbeth gesehen. Ich kann nicht sagen, daß er mir hier sehr gefallen hat, ob er gleich mit großem Verstand spielte, allein der Mann hat nicht allein die Jahre, sondern auch die Steifigkeit des Alters. Es tut mir immer weh, wenn ich einen alten Schauspieler auf dem Theater niederstürzen sehe, weil ich weiß, es muß ihm auch weh tun.

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