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Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens

Georg Christoph Lichtenberg: Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens - Kapitel 13
Quellenangabe
typeaphorism
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleLichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens
booktitleDenken mit Georg Christoph Lichtenberg
publisherDiogenes Verlag AG
editorEgon Friedell
year2009
isbn9783257238860
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20131207
modified20150330
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Zur Technik des Dramas

154. Man glaube nicht, daß eine Bemerkung für ein Schauspiel zu fein oder zu tief sei. Was der Kenner in der Natur zu finden imstande ist, entdeckt er auch hier wieder. Vielleicht wäre es nicht gut, einen gar zu subtilen Satz zum Hauptgegenstand des Stücks zu machen; aber den Hauptsatz zu stützen, ist alles Wahre gut; und ist es sehr tief, so dient es dem Stück noch zu einer Stütze und, wenn ich so reden darf, zu einem Notpfennig, wenn die witzigen Einfälle und die Situationen längst nicht mehr haften wollen.   B

 

155. Die erste Regel bei Romanen sowohl als Schauspielen ist, daß man die verschiedenen Charaktere gleichsam wie die Steine im Schachspiel betrachtet, und sein Spiel nicht durch Veränderung der Gesetze zu gewinnen sucht, nach welchen sich diese Steine richten müssen; also nicht den Springer wie einen Bauern zieht und dergleichen; zweitens, muß man diese Charaktere genau bestimmen, und sie nicht außer Aktivität setzen, um seinen Endzweck zu erreichen, sondern nur durch die Wirksamkeit derselben gewinnen wollen. Das nicht tun, heißt Wunder tun wollen, die immer unnatürlich sind.   B

 

156. Die Entschuldigungen, die man bei sich selbst macht, wenn man etwas unternehmen will, sind ein vortrefflicher Stoff zu Monologen; denn sie werden selten anders gemacht, als wenn man allein ist, und sehr oft laut.   B

 

157. Ich glaube, der schlechteste Gedanke kann so gesagt werden, daß er die Wirkung des besten tut, sollte auch das letzte Mittel dieses sein, ihn einem schlechten Kerl in einem Roman oder einer Komödie in den Mund zulegen.   B

 

158. Eine glückliche Situation in einem Stück ausgefunden, macht die übrige Arbeit leicht; die, die eine Sache bloß mit Einfällen verschönern wollen, haben eine Höllenarbeit.   B

 

159. Vorschlag zu einem Orbis pictusWörtl. gemalte Welt. »Orbis sensualium pictus« hatte Joh. Amos Comenius sein 1654 erschienenes Lehrbuch benannt, das, mit Holzschnitten bebildert, über geraume Zeit das verbreitetste Schulbuch in Deutschland war. für deutsche dramatische Schriftsteller, Romanen-Dichter und Schauspieler, nebst einigen Beiträgen dazu. Ich glaube ohne weitern Beweis annehmen zu dürfen, daß die Seichtigkeit der Schauspiel-, sowohl als Romanen-Dichter unter uns zu einer Größe gediehen ist, bei der sie sich mit dem Kredit, den sie findet, nur bei einem Publikum erhalten kann, das sich jetzt über gewisse Prachtphrases, Modebilder und Modeempfindungen verglichen und dahin vereint zu haben scheint, den Wert oder Unwert einer Schrift bloß nach dem Grade der Näherung an jenes Konventionssystem zu bestimmen. Die Gabe, das Kapital von Bemerkungen über den Menschen zu vergrößern, und eigene Empfindungen mit dem verständlichsten individualisierenden Ausdruck zu Buch zu bringen und dadurch auch noch Männer zu unterhalten, die jenes System nicht kennen und mehr als transzendente Setzerkünste von einem Schriftsteller verlangen, scheint von Tag zu Tag mehr zu erlöschen. Und was Wunder? die hellsten Köpfe unserer Nation, Leute von Welt und Erfahrung, lesen nun, nachdem sie sich so viel hundertmal betrogen gefunden haben, die neuen Produkte dieser Art gar nicht mehr, und die Beurteilung, Anpreisung und Vergötterung derselben ist größtenteils in den Händen von Exprimanern, die jenen Werken ihre erste Form sowohl, als nachherige Ausbildung zu danken haben, und von Leuten, die die Welt so wenig kennen, als die Welt sie. Das Makulatur von heute rühmt das Makulatur von gestern, und Pfefferduttenkredit gründet sich auf Pfefferduttenlob. Steht irgend einmal ein Kenner in einem Journale oder einer Zeitung, die in höheren Wissenschaften Kredit hat, auf, und redet die Wahrheit, so nennt es die Menge in stolzer Bequemlichkeit Intrigue der Stechbahn oder gelehrte Pedanterei oder altkluge laudes temporis actiLobpreisungen der Vergangenheit.. Vox populi heißt auch hier vox Dei und Buchhändlerabsatz der Maßstab für innern Wert. Es hat sich nämlich in unsere Schauspiele sowohl, als Romane und Gedichte (ich rede hier von der bei weitem größeren Anzahl), eine gewisse Gradus ad Parnassum-Methode eingeschlichen, eine schlaue, den Ohren der Zeit angepaßte Versetzungskunst des tausendmal Gesagten, die die Lesegesellschaften in Erstaunen setzen, aber jeden wahrhaften Kenner des Menschen mit unbeschreiblichem Unwillen erfüllen. Hierzu trägt wohl freilich die Leichtigkeit, womit wir im zwanzigsten Jahre schon so vielerlei Kenntnisse sammeln können, nicht wenig bei. Durch die Gewohnheit, immer süße Lehre leicht zu empfangen, erschlappt bei den meisten das Talent, selbst zu suchen. Sie sehen daher in allen Dingen gemeiniglich nur, was sie schon wissen. Empfehlung vertritt die Stelle von eigener Prüfung, Nachschlagen von Nachdenken und Ansehen die von Würdigkeit. Unglückseligerweise sind die Werke, worin der moralische Mensch, oder nur gewisse Seiten desselben gut entwickelt liegen, so äußerst selten, und weil auch bei den wenigen noch scharfe Beobachtung seiner selbst und Zusammenhaltung mit sich selbst nötig ist und die Stelle der Zeichnungen vertreten muß, so werden sie so äußerst selten gelesen und verstanden, daß ihr Einfluß auf unsere jungen schönen Geister nur sehr geringe ist. Man schreibt daher leichter Romane aus Romanen, Schauspiele aus Schauspielen und Gedichte aus Gedichten, ohne imstande zu sein oder auch nur den Willen zu haben, die Zeichnung endlich einmal wieder mit der Natur zusammenzuhalten. Töricht affektierte Sonderbarkeit in dieser Methode wird das Kriterium von Originalität, und das sicherste Zeichen, daß man einen Kopf habe, dieses, wenn man sich des Tages ein paarmal darauf stellt. Was kann endlich daraus werden? Nichts anderes, als man malt den Menschen nicht mehr, wie er ist, sondern setzt statt seiner ein verabredetes Zeichen, das mit dem Originale oft kaum so viel Ähnlichkeit hat, als manches heraldische mit dem seinigen. Solche Schriften lassen sich freilich lesen, ja ich will nicht leugnen, daß ein schlauer Kopf sogar eine gewisse Art von Kunst darin anbringen könne, die einem andern Kopfe von ähnlicher Schlauigkeit Vergnügen machen und daher eines gewissen Grades von Vollkommenheit fähig sein kann. Aber das ganze bleibt doch allemal eine erbärmliche Plackerei, die weder dem Manne von Geschäften noch dem Ausländer gefallen kann. Mancher, der wohl fühlt, wo ihn der Kothurn und Sokkus drückt, wirft sich, wie man zu sagen pflegt, daher in das Fach der weinerlichen Liebe, wo sowohl ihm als dem Leser, jedem nach seiner Art, das quod natura omnia animalia docuitWas die Natur alle Lebewesen gelehrt hat. zu statten kommt, jenem das Schreiben, so wie diesem die Selbstvergleichung erleichtert und beide ihren Mangel an Einsicht nicht fühlen läßt. Ein jeder, wenn er über das sechzehnte Jahr weg ist, hat schon seine Beobachtungen hierzu gemacht, und findet sich und seine Schöne im Schauspiele und Romane, so wie der Verliebte jedes Mädchen auf ein paar hundert Schritte für die seinige hält. Was er noch nicht gefunden hat, das lernt er finden, und was er noch nicht ist, das wird er. Wo ein Volk einmal aus Mangel an Geschmack und an Kenntnis des Menschen von andern Seiten so weichlich geworden ist, daß es nur allein für Werke dieser Klasse Gefühl hat, und nur Schriftsteller, die die Heimlichkeiten ihrer Jugend unter dem Kredit des reifern Alters auf diese Art ausplaudern, für Seher zu halten anfängt, da geht es Fall auf Fall. Daher entstehen die häufigen Vermählungen von warmen Herzen mit leeren Köpfen, und durch jede wird entweder ein sogenannter liebenswürdiger Schriftsteller, oder ein sogenannter menschenfreundlicher, liebevoller Leser. Denn unter allen Verbindungen von Mängeln und Vollkommenheiten der menschlichen Seele ist, wenn mich meine Beobachtung nicht ganz trügt, gerade die eben genannte diejenige, bei der man mit der größten Leichtigkeit schreibt, und mit der größten Toleranz liest. Der Beifall eines entnervenden Buchs kann daher leicht epidemisch werden, der von einem in die Seele redenden, stärkenden ist allezeit gering. Ein alter Weiser hat schon gesagt, aus jedem Manne läßt sich ein Kastrat machen, aber aus keinem Kastraten ein Mann.

Aber das ist bei weitem noch nicht alles. Man liest nicht allein Bücher mit Vergnügen, die von kenntnisleeren Köpfen herrühren, sondern man rühmt sogar an ihnen den Mangel an reellen Kenntnissen, oder doch an Büchern. Das ist alles mögliche. Ich weiß hierauf nichts zu erwidern, als daß eben dieser Mangel Ursache ist, warum die wenigsten von Leuten gelesen werden und werden können, die etwas mehr sind als Faulenzer wie sie, und Kraftbarden wie sie. Sie selbst fühlen dieses für ihre Personen, aber für ihre Werke wollen sie es nicht fühlen. Sie vermeiden den Umgang von durchschauenden Köpfen aus Furcht entdeckt zu werden, die durchschauenden Köpfe entdecken das alles in ihren Werken, und weil diese mit Büchern keine Komplimente machen, so vermeiden sie sie – in der Stille. Ich bin daher überzeugt, die Kreditskale unserer schönen Schriftsteller würde größtenteils umgekehrt werden, wenn die Männer anfangen wollten zu reden, die immer aus Bedachtsamkeit schweigen, und hingegen die jungen warmen Herzen schweigen wollten, die jetzt aus Unverstand sprechen. Ist es nicht eine seltsame Verblendung in diesen Geschöpfen, daß sie auf ihr eigenes unreifes Gefühl hin ihre Helden der Zeit und der Ewigkeit empfehlen zu können glauben, sie, die nicht imstande sind, einen vernünftigen Mann eine Viertelstunde zu unterhalten? Indessen alles hängt doch bei ihnen zusammen. Sie schimpfen auf Voltaire, Pope und Wieland, sogar gegen Milton habe ich einige murmeln hören. Mein Gott! Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche? Daß doch diesen würdigen jungen Männern, die einmal für allemal einsehen müßten, daß wenig dazu gehört, klüger zu sein als sie, nicht ein einziges Mal einfällt, daß, um einzusehen, wie leer ihre Götzen sind, man vielleicht bloß klüger sein dürfe als sie? Milton war einer der gelehrtesten und tätigsten Männer seiner Zeit. Aus seinem verlornen Paradiese hätte Newton Ideen schöpfen können, wenn er sie nicht gar daraus geschöpft hat. Selbst die Leberreime eines solchen Mannes müssen dem Ausländer und dem Manne von Geschäften gefallen. Was aus einem solchen Kopfe kommt, darf sich auch nicht schämen, zu einem ähnlichen Kopf hinzugehen. Sein Werk gleicht den Werken der Natur. Dort hängt der silberne Mond am blauen Firmament, dem entzückten Säugling auf den Armen seiner Wärterin darnach zu greifen, dem einsamen Wanderer zu leuchten, und Eulern seine Bahn zu bestimmen. Beattie zitiert den Milton so wie er die Natur zitiert, und glaubt mit der Natur zusammenzutreffen, wenn er mit ihm zusammentrifft. Alles dieses ist dem Schüler noch verborgen, der seine Augen an dessen Bildern weidet, oder mit Entzücken die unerreichbare Harmonie seiner Verse hört. Man vergleiche nun die Werke seiner meisten Nachahmer mit ihm. Der Säugling greift darnach, der Wanderer tappt dabei, und Euler läßt sie liegen. Es ist da keine Beschäftigung für sie. Manche Dichter unter uns werden daher nur von gewissen Dichtern gelesen. Daß man so schreiben könne, daß jeder etwas in einem Werke findet, vom Schüler bis zum Philosophen und dem Weltmanne hinauf, darf ich wohl nicht erweisen, die Natur macht alle ihre Werke so, allein der Mann, der das tun will, muß kein einseitiger Tropf sein. Er muß reich genug sein an Bemerkungen, eine hinzuwerfen, auch wo er nicht gewiß ist, ob sie gleich gefunden werden wird, und Goldstücke hinzugeben mit einer Miene, aus der sich gar nichts auf den Gehalt schließen läßt: und nicht wie unsere Prächtigen, rote Heller mit einer Majestät zurückschmeißen, daß, wer bloß die Miene sieht, denken sollte, es wären Goldstücke. Unserer kritischen Jugend sind dieses noch Geheimnisse. Vorpredigen hilft hier schlechterdings nichts. Es kommt nicht auf den Beweis von ein paar Sätzen an; die warme Jugend muß vernünftiger werden. Ich sehe daher mit Vergnügen jetzt einen Geschmack an vernünftiger Naturgeschichte, die mehr als Namenregister, und an Physik, die mehr als Taschenspielerkunst ist, aufleben und mit ihm Beobachtungsgeist und Aufmerksamkeit auf sich selbst und auf die Natur. Nehmen diese mehr überhand, so möchten die Dichterstände im Tempel des deutschen Ruhms ziemlich leer werden, und mancher, der jetzt die Ewigkeit in stolzer Ruhe abwartet, sich genötigt sehen, wieder vor die Türe zu treten. Allein was wäre dann mit den jungen Posaunern und Speichelleckern anzufangen, die ihre Helden so schändlich getäuscht haben? O, die läßt man unter ihrem eigenen wertesten Namen stehen. Sich in einen Ochsen verwandeln, ist noch kein Selbstmord, obgleich nicht geleugnet werden kann, daß es schon ziemlich viel ist.

Allein bis die Zeit kommt, da die Jugend selbst in die Werkstätten gehen kann, so sehe ich nicht ein, wie man ihnen leichter nützliche Begriffe beibringen könne als durch den Weg eines Orbis pictus. Nämlich durch ein Buch, worin man ihnen allerlei Bemerkungen über den Menschen vorsagte und vorzeichnete, wodurch sie, wenn sie doch, ohne die Werkstätten besucht zu haben, fortschreiben wollen (und dieses unterlassen sie sicherlich nicht), in den Stand gesetzt werden, alles mehr zu individualisieren, und auch in einer einfältigen Geschichte doch wenigstens die Illusion so weit zu treiben, als unter diesen Umständen möglich ist. Ein anderer Vorteil eines solchen Buchs wäre dieser: der junge Schriftsteller (ich rede jetzt bloß von dramatischen und Romandichtern) würde desto mehr aufmerksam auf sich und andere gemacht, je minder gemeinplatzartig die Bemerkungen an sich wären, und lernte das, was täglich durch Augen und Ohren in ihn strömt, mehr apperzipieren, und erwachte wohl endlich in sich selbst. Ich bin aus vielfältiger Erfahrung überzeugt, daß mancher schlechte Schriftsteller ein sehr guter hätte werden können, wenn er sich, so wie er war, zu nutzen gewußt hätte. Viele beliebte Schriftsteller unter uns haben auch ihren Kredit nicht sowohl ihrem absoluten Werte zu danken, als vielmehr der Schlauigkeit, ihre Wenigkeit vorteilhaft zu präsentieren. Die meisten Menschen sind bessere Beobachter, als sie glauben, und kennen den Menschen besser, als sie wissen, es sind nur die falsch verstandenen Vorschriften anderer, die sie irre führen. Sie machen selbst von diesen Kenntnissen häufig Gebrauch, allein gemeiniglich nur im Handel und Wandel. Sobald sie die Feder ergreifen, so ist es, als wenn der Unsegen über sie käme, und das gemeiniglich desto stärker, jemehr sogenannte schöne Lektüre sie haben. Sie fangen alsdann augenblicklich an, ein Galadeutsch zu sprechen, und alles ist so festlich und buchmäßig, daß gar nichts darüber geht. Wenn sie das ganze Jahr mit ordentlichen, natürlichen Zügen einher gegangen sind, so fangen sie nun so süß und selig an zu schmunzeln, wie alte Jungfern, wenn sie sich malen lassen sollen. Es geht ihnen wie jenem Kammermädchen, die, unter ihres gleichen, sich ruhig überlassen, ganz reines Deutsch sprach, aber immer Klopfstock und Trepfe sagte, sobald sie vornehm reden wollte. Einem Werke also, das bei verschiedenen Ständen, im menschlichen Leben, nicht bloß in Regeln lehrte, sondern durch Beispiele zeigte, worauf man zu achten hätte; eine Menge von Bemerkungen selbst enthielte, keine allgemeinen, leeren Silhouetten, auf die sich in unsern neuesten Werken fast alles allein einschränkt, sondern Züge und Farben, die der Silhouette Bestimmtheit und Leben geben, könnte, sollte ich denken, der Nutzen nicht fehlen. Ja, der dramatische und Romandichter könnte solche Züge ungescheut nützen, so wie der Chirurgus oder Manufakturist die Entdeckungen des Physiologen und des Chemisten. Dieses wäre kein Plagiat; was man so aus der Natur nimmt, ist nicht gestohlen, die Ehre, es in den gefälligsten Plan zu ordnen und zum Nutzen der Welt anzuwenden, bleibt ihm ohnehin, so wie die Schande des Mißbrauchs. Schwer wäre es allemal, ein solches Werk zu verfassen. Vielleicht hat Horaz mit seinem berühmten difficile est proprie communia dicereEs ist schwierig, das Allgemeine eigentümlich auszudrücken. nichts anderes gemeint als eben dieses: dem abstrakten Charakter einer gewissen Gattung, der sich zum Teil schon mit dem Worte erlernt, alle die Bestimmtheit, Individualität und Wärme vermittelst gewisser Zusätze durch plus und minus zu geben, die sich nicht anders als durch genaue Beobachtung und nähere Kenntnis der Welt finden lassen. Horaz mag indessen gemeint haben, was er will, so macht man den Einsichten desselben wenigstens durch diese Deutung seiner Worte so lange keine Schande, als man wegen des difficile einig ist. Und dieses ist hier der Fall.

Die Beobachtung der geringeren Klasse von Menschen, die jedem frei steht, erleichtert aber doch auch von der andern Seite die Sache wieder. Ja, ich glaube, daß sich die höheren ohne Kenntnis der niedrigen nicht einmal gut beobachten lassen. Die Klasse des Pöbels enthält die Originale zu unsern Versteinerungen der höhern Welt. Niemand wird hoffentlich solche Bemühungen lächerlich finden, da ohne Beobachtung fortzuschreiben nicht für lächerlich gehalten wird. Hier einmal wieder hinzusehen, ist, dünkt mich, was es auch sein mag, gewiß nicht unnützer, als nach Griechenland zu reisen und das heilige Grab der schönen Künste zu besuchen.

Ich gebe hier unsern Lesern eine Probe, wie ich glaube, daß ein solches Werk abgefaßt werden müsse, um nützlich und lehrreich zu sein. Das Was an sich selbst ist unerschöpflich, und dieses müssen unsere Leser nicht aus diesen Proben schätzen wollen. Ich habe einen guten Vorrat von Bemerkungen liegen. Erhalten diese Beifall und sind sie nicht ohne Nutzen, so sollen die andern künftig nach und nach alle folgen. Wäre ich so glücklich, hierdurch auch nur einige unserer jungen Schriftsteller zu bewegen, nur erst ein Zehenteil ihrer Empfindelei gegen Hang zur Beobachtung umzutauschen, so hoffte ich, bald das zweite und dritte und endlich gar alles zu bekommen. Denn, ich wiederhole es noch einmal, ohne sich und andere zu beobachten und zu kennen, und das Erkannte so bestimmt sagen zu lernen, daß man die Wahrheit, Neuheit und Individualität der Bemerkung auch durch das abgeschliffenste Wort erkennt, dürfen sie keinen Anspruch auf wahren Ruhm in diesem Fache machen. Kein Mensch, der nicht so zu reden, jedermanns Heimlichkeiten zu sagen weiß, sollte sich an einen Roman oder an ein Schauspiel machen. Ich sage hiermit nicht, daß er es alsdann sollte oder könnte, wenn er dieses kann, sondern nur, daß er es ohne diese Gabe nicht kann. Auch wird ihm ohne diese Gabe alles Lesen der Alten und Neuern nichts helfen. Denn wie kann er nützen, was er nicht wahr findet, und wie kann er wahr finden, was er nicht mit einem sicher erkannten Originale, es sei nun er oder sein Nächster, zusammenzuhalten weiß. Von Shakespeares und Fieldings Wert sind, glaube ich, auch diejenigen überzeugt, von denen er nicht deutlich erkannt wird. Allein was taten Shakespeare und Fielding? Bei den großen Talenten und Erfahrungen, die vielleicht im Jahrhunderte nur einem zuteil werden, fing jener an Schauspiele, und dieser Romane zu schreiben, in einem Alter, in welchem unsere Helden, aus Verdruß über ihre mißlungenen Unternehmungen, sich in das Häusliche zurückziehen müssen, für welches sie vielleicht allein geboren waren.

Was die Ausführung unsers Vorhabens selbst betrifft, so sehe ich freilich voraus, daß wir uns mancher Deutung aussetzen werden. Wir können aber aufrichtig versichern, daß wir nie auf einzelne Personen Rücksicht nehmen wollen. Kaffeeschwesterliches Gezischel muß sich indessen, so wie das deutende Gemurmel der sich immer getroffen findenden hochmütigen Schwäche, jedermann gefallen lassen. Es ist unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne hier einen Bart und dort ein Kopfzeug zu versengen, und verdrießliche Auslegung von Satiren muß man immer erwarten, solange man die Gegenstände dazu nicht aus dem Alten Testamente nimmt.

Die Bedienten
a) männliche

A) Probe von Bemerkungen für den Dichter.
 

Die Bedienten, worunter ich alles verstehe, was wenigstens zuweilen Livree trägt oder tragen sollte, von dem nettesten Kerl an, der seine Bildung hinter den Stühlen des ersten Speisesaals der Welt empfangen hat, bis zu dem ungehobelten Bauernjungen, der noch im Kamisol mit Aufschlägen das Apportieren lernt, sind nicht die letzten Menschen, auf die der Dichter zu sehen hat. Es ist diejenige Klasse, bei der Kopf und Schwanz im Zirkel der menschlichen Gesellschaft einander fassen, und unter deren Einfluß gemeiniglich diejenigen wieder mehr oder minder stehen, die sonst keine Befehle erkennen. Die langen Arme der Großen, sich selbst überlassen, sind daher bei weitem nicht so furchtbar, als die verzwickten kurzen ihrer Kammerdiener. Sie sind daher in Schauspielen und Romanen vortrefflich zu gebrauchen, Streiche durchzusetzen, wo viel Kraft mit Unverstand nötig ist. Ein Zement in der Verbindung von Begebenheiten, das alles zusammenhält, was sonst nicht halten will. Schreiben kann man gemeiniglich über sie, was man will, denn sie lesen und rezensieren entweder nicht, oder sie machen sich eine Ehre daraus. Verweis, wenn er nur ihre Wichtigkeit zu erkennen gibt, ist ihnen lieber als Lob, oder vielmehr allein Lob – in einem gewissen Alter wenigstens. Fehlen können, heißt bei ihnen independent sein, und was ihre Herrschaft nicht erfährt, so viel als hätte sie es zugegeben. Sie rühmen sich daher immer untereinander ihrer Unordnungen, und wenn sie keine begangen haben, so werden sie erdichtet. Der Keller und die Dame vom Hause sind die wichtigsten Gegenstände, die Küche und die Kammermädchen die nächsten. Wer das nicht tut, ist ein Knasterbart oder ein Pinsel usw.

Sie sind mehr oder minder immer die Spiegel ihrer Herrschaften. Die Alten gleichen ihnen oft völlig. Der Koch des Pompejus sah aus wie Pompejus, und ich habe einen ähnlichen Fall gesehen. Es läßt sich nur schwach erklären, aber es ist wahr. Im Gehen, Stehen und Tun haben die jungen Hofleute, leichtsinnige Spieler, junge Nachtschwärmer und Räuber der Unschuld, die feinsten. Unter ihres gleichen sind diese ihren Herren völlig gleich, nur muß man sie nicht sprechen hören. Hier bleiben sie zurück, und was bei der Herrschaft bloß Mangel an Kenntnissen ist, zeigt sich bei ihnen bis auf die Sprache. Dieser Hauptartikel wird in Schaupielen und Romanen äußerst vernachlässigt und stört oft alle Illusion. Die alten treuen Bedienten sind da gemeiniglich geschwätzige, weinerliche Moralisten, und die jungen untreuen sprechen wie Leute vom Stande, die sich mit affektierter Herablassung ein paar Stufen von Liederlichkeit hinunterstellen. Machen nicht junge Kavaliere den schleppenden Postillon mit schmierigem Stiefel, klirrendem Sporn und unsymmetrischer Frisur? Das machen die Bedienten auch freilich und wohl natürlicher. Allein im Sprechen steigen sie aufwärts, so wie der Herr in Handlungen herunter, aber mit sehr ungleichem Glück.

Sie fangen ihre Perioden oft mit sondern an; sie sagen vielmehr, wo keine Vergleichung, und teils, wo es keine Teilungen gibt, vergessen also auch das Zweite. Mancher sagt erstlich, gleich darauf drittens, viertens und dann zweitens, dieses hat Shakespeare genützt. Man wird mir hoffentlich nicht vorwerfen, daß dieses den Bedienten nicht eigen sei. Ich weiß dieses, ich bringe es aber unter ihre Klasse, weil sie es auch tun, und ich mich künftig mit ähnlichen Klassen nicht viel abgeben werde. So etwas ganz in einem Charakter durchsetzen, tut eine unglaubliche Wirkung, aber es ist sehr schwer und erfordert viel Erfahrung. Fieldings Partridge ist hierin das größte Meisterstück, das ich kenne. Ich gebe daher noch einige Beispiele, alle aus eigener Beobachtung.

Die feinen unter ihnen wissen ihre Ausdrücke oft auf eine eigene Art zu reinigen. Es ist jetzt sehr viel Unkot in dem Gäßchen, sagte einmal einer, mit einer Miene, mit der er selbst das schon gereinigte Unkot noch mehr säuberte.

Er ist immer außer sich bei solchen Gelegenheiten, warf ein Herr seinem Bedienten vor. Erlauben Sie gehorsamst, war die Antwort, ich hatte wirklich meine ganze Abwesenheit beisammen. Er fängt an mit: will ich sagen und in der Hitze des Vortrages spricht er: sagt' ich. Die gemeinen Leute in England, wenn sie etwas erzählen, füllen alles mit says I, und says he an.

Subtile Verwechslungen: Er hat noch kein Blut gerochen (statt Pulver). Er hat ihn blutdürstig geschlagen; ein totaler Feldzug; die Garnison ist geräumt worden; ohne allen Respekt zu sprechen, statt mit Respekt. Da nun, wo Gott für sei, der Fall geschehen ist usw., auch gröbere, die genutzt und nachgeahmt werden können. Seine Füße hatten keine Portion zum Körper. Die königliche Sozinität zu Berlin, sagte einmal der Bediente eines Gelehrten etc.

Bringt desto mehr Französisch an, je weniger er weiß, und ist es nur ein Wort, so kommt es sehr oft.

Mein Herr, sagen sie von ihrem Herrn, wenn sie bei ihresgleichen sind, unter sich sagen sie bloß meiner. Meiner hat heute wieder gebrummt; meiner schläft noch. Zumal ist dieses unter den Deutschen gebräuchlich. Ob es wohl auch ein Zeichen von deutschem Freiheitsgeist ist? Unser kommt ebenfalls häufig vor. Ach! unser Hut ist gestern in die Gosse gefallen, sagte ein Junge von dem Hute seines Herrn, der die Familie viel gekostet hatte. Zuweilen heißt auch Wir nur so viel als meiner. Wir müssen bald heiraten, sonst geht's nicht gut.

In ihren Suffixis sind sie gemeiniglich sehr umständlich und unglücklich: Sie sagen Mitleidigkeit, Interessantigkeit, Melancholichkeit und endigen auch wohl gar, um sicherer zu gehen, in ungichkeit. Sie haben verschiedentlich eine dunkle Vorstellung von unserer hohen Prose und nennen es, vornehme Gedanken, gravitätische Redensarten und reputatische Wörter.

Übrigens gibt es unter ihnen Staatsleute, Juristen und Theologen, so gut als Jäger und Läufer, und jede Klasse hat wieder ihre eigenen Mischungen. Regierende, steigende, fallende, abgedankte, dienstsuchende, alles Ihr Gnaden und Hochwohlgeboren nennende und sich immer bückende, das sichere Zeichen, daß der schwankenden Staude die stützende Stange gebrochen ist; schmierige, und Kerls wie die Engel, denen man die Vertraulichkeit mit der Dame ansieht; junge noch unabgerichtete Pudel und alte treue Familienstücke, die nur zum Totfüttern im Gesindestall stehen; lange aufgeschossene Don Quixote, mit geerbter oder ertrödelter Livrée, die ihnen immer zu weit und zu lang oder zu enge und zu kurz ist; fette Hammel unter geputzten Schäfchen mit Berlocken etc.

 
    B) Für den Schauspieler.
 

Er liest gern Federn vom Hute und hascht Fliegen wie ein Sterbender, dreht den Hut vor dem Nabel wie eine Windmühle. Dieses muß sparsam gebraucht werden.

Poliert Knöpfe mit dem Rockärmel, oder bürstet den Hut damit, oder einen Ärmel mit dem andern, oder eine Wade mit der andern.

Überhaupt hält er viel auf Beine und Waden, weil eine Tradition unter ihnen ist, daß einige dadurch ihr Glück gemacht hätten.

Macht sich, wenn er bei Geringem ist, mit ausgespreizten Beinen kleiner, als er ist, und spricht wichtig. Dieses tun zuweilen sogar die Kurzen, wenn sie bei Langen stehen.

Schlägt, wenn er seidene Strümpfe an hat, Stechfliegen mit großem Anstand auf den Waden tot.

Faßt seinen Kameraden in der Erzählung bei den Rockknöpfen. Stößt bei seinen Scherzen seinen Kameraden mit dem Zeigefinger in die Seite, um ihm den Beifall und das Lachen zu erleichtern.

Zeigt gern ein schönes Schnupftuch, und sieht nach gemachtem Gebrauche hinein, nach Art seiner schwindsüchtigen Herrschaft. Horcht an der Uhr, die ihm doch immer zu geschwind geht, als wenn sie zu langsam ginge.

Der Hut verdiente bei ihnen eine eigene Betrachtung. Denn da die Art des Schnitts bei ihnen von dem Herrn abhängt, und die Art, ihn gelegentlich zu setzen, von ihnen selbst, so ereignet sich dabei oft der seltsamste Kontrast. Der Hut zu eines Domdechanten Livrée, zugleich zum Staat und wider den Hieb, läßt niedlich, wenn er alle die kleinen Nachlässigkeiten eines Wünschhütchens mitmachen soll. Übrigens muß er allezeit so sitzen, daß die affektierte geschwätzige Liederlichkeit zu viel Stirne, die affektierte Stille aber, oder der Hochmut, zu viel Seite sehen läßt. Je stiller die Menschen sind, desto mehr nähert sich der Hut der horizontalen Lage, und je weiser sie sind, desto mehr tritt die Griffspitze desselben über die Nase.

Von Garrick, als Archer, habe ich einmal eine Nachricht gegeben. Als Don Leon verstellt er sich ebenfalls wieder zum Bedienten, macht aber nicht den Stutzer in Livrée, sondern den unerfahrnen, unschuldigen Halbtölpel, der keinen Finger biegt, so lange er neue Handschuhe an hat, mit parallelen Füßen einherschreitet, das moralische Gewicht seines Bordenhutes balanciert, als wäre es physisch, und überhaupt die Pracht desselben bis in die Schultern herunter zu fühlen scheint.

Ich kann nicht sagen, ob dieses Stück auf das deutsche Theater gebracht ist; so viel ist gewiß, ein Schauspieler kann hier so viel Talent anbringen und Weltkenntnis zeigen, als er nur immer hat, und wäre es auch noch so viel. Ich habe es nie gelesen, sondern nur ein einziges Mal aufführen sehen, habe es auch jetzt nicht bei der Hand. Ich gebe also nur kurz die Rolle des Don Leon aus dem Gedächtnisse. Eine vornehme Dame will zum Deckel ihrer Liebeshändel mit einem Grafen einen schlechten einfältigen Menschen heiraten, den sie hernach, was das Schlechte betrifft, schon standesmäßig zu heben gedenkt, allein klüger will sie ihn nicht machen. Dieses steckt die Schwester des Don Leon ihrem Bruder, als eine vortreffliche Gelegenheit, die reiche Dame zu erwischen; er gibt sich also unter vielen andern auch bei ihr an, und zwar unter der Maske eines unerfahrnen dienstlosen Bedienten. Er erscheint vor der Dame, die ihre Freundinnen bei sich hat, welche mit erkennen helfen sollen. Seine Präsentation ist kümmerlich, mit einem langen Stocke, demütigem Rücken, und einer Blödigkeit, die über alles geht. Wie er die Damen ansichtig wird, fällt ihm der Hut, und indem der gerettet werden soll, der Stock; auf einem gewichsten Fußboden wäre er wohl selbst hintendrein gefallen, Mangel an Gleichgewicht war hinlänglich da. Dieses war ein herrlicher Anfang für einen Deckel zu Liebeshändeln, zumal da der Tölpel nicht übel aussah. Er erhielt auch gleich Beifall, »Komm, küsse mich«, sagt die Dame. Dieser Befehl bringt ihn einen Schritt näher zur Tür, und sein Gesicht und Rücken über zwei Drittel von der Dame ab, und er unterhält sich, wie man leicht denken kann, indessen hauptsächlich mit seinem Bordenhute. »Närrchen, du mußt nicht blöde sein, ich will dir ja nichts tun, komm, küsse mich.« Hierauf nähert er sich endlich, und sobald das schwere Geschäft vorüber ist, geht er heimlich froh nach der alten Stelle an der Tür und fährt in der Unterhaltung mit seinem Bordenhute fort. Dieses alles tat Garrick mit einer solchen Natur, daß man sich ganz darüber vergaß, und es mir unbegreiflich ist, wie ein so wohlgezogener, ausgebildeter Körper, wie Garricks, solchen Verstellungen gehorchen konnte. Weiter gehört eigentlich diese Rolle nicht hierher. Allein, da sie von vielen für eine der größten Künste dieses Mannes im Komischen gehalten wird, so will ich die Schilderung vollenden. Die Heirat wird richtig, und was wird da? Der Tölpel verschwindet allmählich, so wie der Kavalier auskriecht, und Garrick schleicht, wie die Geschöpfe im Nilschlamm halb Tier und halb Erdenkloß, herum. Nicht mehr blöde, aber submiß, billigt nicht alles, aber gehorcht noch aus Erkenntlichkeit, ist noch oft stumm, aber nachdenkend. Die Dame bemerkt dieses mit einer sehr zweideutigen Gemütsverfassung. Aber der Plan soll durchgesetzt werden. Sie kauft ihm eine Offiziersstelle, und er soll nach Minorca. Auch das läßt sich die gute Seele gefallen. Allein einmal, da er mit seiner Dame spricht, hört man ein starkes Pochen in dem Nebenzimmer. »Was ist das, mein Schatz?« fragt die Dame. »Ich lasse die Spiegel und Bilder abnehmen.« »Warum denn das?« »Wir wollen sie mitnehmen.« – »Warum denn mitnehmen, lieber Schatz, ich bleibe ja hier.« – Nun erhebt sich Don Leon mit unbeschreiblichem Anstande und liebreichem Ernste. »Nein, mein Engel«, sagt er, »wo ich hingehe, da mußt du mit.« Der Donnerschlag war freilich dem Grafen empfindlicher, als der Dame. Er gebietet ihr, in die Nebenstube zu treten, und als ihr der Graf mit einem verächtlichen Blick auf den Bedienten in Uniform nachfolgen will, so besteigt er nun den Gipfel seiner Rolle und erscheint als Don Leon, stößt den Grafen zurück, setzt seinen Hut mit großer Würde auf und legt die Hand an den Degen. »Fort«, sagt er, »dort hinaus liegt Ihr Weg, Herr Graf«, und zeigt ihm mit einem Kopfnicken die andere Tür. Das Stück endigt sich sehr vergnügt für die Dame, denn sie merkt nun, daß sie einen Mann von Ehre geheiratet und einen Pinsel von Buhler verloren hat.   O

 

Charaktere für den Roman oder das Schauspiel so zu individualisieren, daß der Leser, auch wenn man die Namen davor wegstriche, dennoch die Person jedesmal erkennen müßte, wie man von Shakespeares Heinrich IV. behauptet, ist eine sehr seltene Kunst. Ich sage mit Vorbedacht selten, denn wirklich ist, so schwer auch die Sache an sich selbst sein mag, doch gewiß die Seltenheit größer als die Schwierigkeit. Es liegt von der Gabe, hierin glücklich zu sein, nach meiner Beobachtung, in jedem Menschen sehr viel mehr als er selbst weiß, oder wenigstens anzuwenden imstande ist, sobald er die Feder anfaßt. Die Ursachen davon, so viel wenigstens hierher gehört, zu entwickeln, behalte ich mir vor, und führe nur einige Hauptumstände an, die das Verderben der meisten sind: Eingebildete Impotenz wirkt reelle, dieses ist der seltenere Fall bei unsern Romanenschreibern; vorsätzliche Spannung wirkt Überspannung, das ist der gemeinere; und Mangel an Philosophie und Menschenkenntnis gebiert konventionelle Phraseologie und macht Alltagsschriftsteller, das ist der gewöhnlichste Fehler. Ich habe nicht selten Leute schlecht schreiben gesehen, die in einer vertrauten Gesellschaft vortrefflich sprachen, und die, die besser träumen (im Schlaf), als sie schreiben, findet man überall. Im Traume des gemeinsten Menschen spricht der Undeutliche undeutlich und der Geheimnisvolle geheimnisvoll, oft recht zur Qual des Träumenden selbst, der doch der Urheber von allem ist, und der, wenn er wachend so etwas schreiben sollte, sich gewiß die Qual sehr erleichtern, aber auch dafür wieder als gemeiner Phraseologe einhertreten würde.

Ich überlasse die Auflösung dieses psychologischen Problems, die nicht sehr schwer ist, dem Leser selbst. Findet er sie, so wird er bald auch erkennen, was er zu tun hat, um einen Charakter so fest mit der Feder zu zeichnen, als er ihn im Traume handeln läßt, wenn es ihm nämlich nicht gänzlich an dem fehlt, was man sich hierbei zwar nicht selbst geben, aber auch gar wohl besitzen kann, ohne es zu wissen. Das erste ist auch hier das Nachzeichnen, ehe man sich ans Schaffen macht. Don Quixote, Sancho, Falstaff und Pastor Adams haben vermutlich alle existiert. Daß sie im Leben nicht alles das getan haben, wovon ihre verewigten Geschichtschreiber reden, rührt bloß daher, daß sie nicht Gelegenheit gehabt haben, es zu tun. Parson Adams lebte vor nicht gar langer Zeit noch in England, der Vikar von Wakefield wird noch jetzt hier und da anzutreffen sein, und selbst Falstaff existiert noch unter der Klasse von Menschen, die man dort Jolly Dogs nennt.

Herr Engel hat, wo ich nicht irre, in seinem »Philosophen für die Welt« zu einer andern Absicht geraten, bekannte Charaktere, z. E. den von Marinelli, vor sich zu nehmen, und nun eine Erziehung eines Menschen dazu zu erdichten, wie sie beschaffen sein muß, um zuletzt einen Marinelli aus ihm zu machen. Dieses ist gewiß ein vortrefflicher Gedanke, und wer sich an den Handel macht, wird wenigstens bald finden, was für Artikel in seinem Warenlager fehlen und notwendig erst angeschafft werden müssen, ehe er weiter geht. Leichter wäre es anfangs, sich bloß den Marinelli in einer andern Lage von Umständen zu denken, z. E. als Oberaufseher über eine Erziehungsanstalt für junge Frauenzimmer; oder als Exjesuit von Range in einem Lande, wo man anfängt, den Leuten ihre in Beschlag genommene Vernunft wieder zurückzugeben. Den Falstaff könnte man sich vor der Inquisition denken (die freilich eine bloß angestellte sein müßte), um einmal den Besserungsplan zu hören, den er sich fürs Künftige entwerfen würde, und die Buße und Bekenntnis der Sünden. Kann dieses ein Schriftsteller nicht so, daß er damit den Beifall eines Kenners erhält, so muß er wohl von Roman und Schauspiel wegbleiben, wo ja, was er also nicht kann, doch auf jeder Seite gezeigt werden müßte, wenn er anders auf wahren Ruhm hierin Anspruch machen will. Es hierin allgemein weit zu bringen, dazu gehören freilich shakespearische Anlagen, Verbindungen und Zeiten in der Welt, die vielleicht nur beisammen so selten gesehen werden: man muß aber von der andern Seite auch bedenken, daß man durch Fleiß immer ein sehr guter Porträtmaler werden kann, wenn man auch gleich nicht die natürliche Anlage jenes Reisenden dazu hat, der Voltairens Silhouette gleich vor dessen Haustür in den Schnee pissen konnte, ungeachtet er diesen Mann nur ein einziges Mal gesehen hatte.

Ich habe schon erinnert, daß ich für einen Hauptfehler der meisten Romanschreiber und dramatischen Dichter halte, daß sie in die Sprache ihrer Personen und zumal der geringeren, so selten die verwirrte Philosophie dieser Leute und die bestimmte Wörterkenntnis einmischen, die sich doch im gemeinen Leben, sobald sie nur etwas über den Alltagsdienst hinausgehen, augenblicklich zeigt. Bei dem gemeinen Mann in Niedersachsen ist offenbar nicht bloß die Sprache platt, seine Philosophie ist es auch, man findet sie nicht bloß in seinem Urteile über den Krieg, sondern über jeden Vorfall des gemeinen Lebens. Es gibt wenig Menschen, die nicht im gemeinen Leben unvermerkt über das hinausgehen, was sie verstehen, der vernünftige Mann freilich tut es entweder nie, oder doch nicht da, wo man Ernst von ihm verlangt; das gemeine Volk aber jeden Augenblick; und selbst so wie schlechte Schriftsteller sich oft am klügsten dünken, wenn sie in Worten reden, die sie nicht verstehen, ebenso redet das gemeine Volk, oft allen Vernünftigen unverständlich, gerade wenn es gut reden will, und dieses bloß, um das Vergnügen zu genießen, einen Augenblick sich selbst weise und vornehm vorzukommen. Ein Charakter, so durchgeführt, gefällt auch, wenn man ihn nicht einmal als Triebwerk zu einem großen Zweck betrachtet, allen Menschen, hohen und niedrigen, und denen doppelt, die die Kunst bemerken, die darin verborgen liegt. Der Beifall ist unausbleiblich. Das Kammermädchen der Sophie und Partridge im Fielding erhalten dadurch das Anzügliche, sehr vieles aber geht in Übersetzungen verloren, und ist kaum möglich beizubehalten, wenn man nicht statt Sprache in Sprache zu übersetzen, auch Sitte in Sitte übersetzt. Ernstliche Aufmerksamkeit auf die Sprache der Menschen aller Stände und Vergleichung ihrer Fehler mit ähnlichen in der höhern Welt gewährt gewiß größeres Vergnügen als mancher glaubt, der dieses zum ersten Male liest, und ist für unsere Absicht das sicherste und einzige Mittel wider das gemeinste, wiewohl das gröbste Vergehen der Romanschreiber – da nämlich alle Personen denken und reden, wie Se. Wohlgeboren – der Herr Verfasser.

Die Bedienten
b) weibliche

A) Probe von Bemerkungen für den Dichter.
 

Sie sind in der Komposition, des Romans zumal, von unglaublicher Wichtigkeit. Es wird selten eine Geschichte gut detailliert und gehörig gemischt werden können, ohne etwas aus dieser Klasse hineinzuschmeißen. Wir reden hier von der mittlern Klasse, die das Kammermädchen und einige Stufen unter ihr begreift. Es ist hier also die Viehmagd so gut ausgeschlossen, als die dienende Dame am Hofe, aus deren Nähbeutel das Schicksal nicht selten Fäden herholt, Weltbegebenheiten aneinander zu knüpfen.

Sie sind in großen Städten gemeiniglich sehr fein, weil sie mit Feinheit, und hier und da sogar mit Schlauigkeit gewählt werden: man darf nur an solchen Orten etwas weniges Erfahrung mitbringen, um einzusehen, daß jedes Kammermädchen das Paradigma abgeben könnte, eine Hofdame darnach zu deklinieren. Die feinsten darunter gehören auch daher mehr in jene Klasse, als hierher. Doch grenzen sie durch Niedrigkeit der Herkunft oft an die folgende Stufe, die mehr hierher gehört.

Sie besitzen, mit einem großen Teil des weiblichen Geschlechts, zumal sobald sie die Tanztarantel gestochen hat, oft in einem hohen Grade die Gabe, sich dumm zu stellen, ehe sie klug sind; das, was sie nicht verstehen, so anzuhören, als verständen sie es und was sie verstehen, als verständen sie es nicht; die Gabe, auf den nicht hinzusehen, den sie nur allein gegenwärtig fühlen, und mit dem freundlich zu tun, von dem sie sich kaum bewußt sind, daß er gegenwärtig ist; mit einem Worte die ganze Kunst, auszustreichen, auf daß und damit man es lese, wie einige Leute in ihren Briefen die Gewohnheit haben, ist ihnen bekannt. Einen Seufzer zu verhusten, ist ihnen sehr früh eine Kleinigkeit. Man irrt sehr, wenn man alle diese Züge nur in der höheren Welt sucht, dieses verstehen sicherlich Personen, die lebenslang zwanzig mit der Null voran, und Michl in ihren Hausrechnungen, wenn sie welche für sich führen, statt Milch schreiben, auch wohl gelegentlich behaupten, es sei recht. Es geht weit und würde unmöglich sein, wenn es studiert werden müßte: so aber ist es die Geometrie der Spinne, die weder von Geometrie noch von Absicht etwas weiß; genug, es fehlt ihr was, und ein dunkles Gefühl belehrt sie, daß dieses Etwas, über kurz oder lang, in ihrem Netz hängen bleiben wird.

Sie haben einen unwiderstehlichen Hang, ihr künftiges Schicksal zu wissen, oder, welches auf eins hinaus läuft, das Alter, die Schönheit und den Stand ihres künftigen Bräutigams. Sie tun unglaublich viel, es zu erfahren. Sie ziehen Karten, stechen Sprüche, zupfen Blumenblätter aus, bei welchen sie die Namen der Wahlfähigen hersagen. Sie kochen, braten, backen Weissagungen an gewissen Tagen und Stunden des Jahres; sie ließen lange vor Montgolfier Montgolfieren aus angezündetem Flachs in den Spinnstuben steigen, um etwas Künftiges zu erfahren, schämen sich, daran zu glauben, und gehen mit dem Glauben daran zu Bette; sie suchen vierblätterige Kleeblätter und legen sie in die Gesangbücher, um sich in der Kirche daran zu erbauen, wenn nichts Besseres zu tun ist; sie tragen doppelte Nüsse und Haselnüsse bei sich oder verwahren sie in ihren Kisten und Kleiderschränken. Selbst ihre Nähpulte enthalten daher gemeiniglich etwas, was nicht hinein gehört, wenn es auch nur Erbsen oder Salz wäre. Wenn sie Geduld haben, ein Punktierbuch verstehen zu lernen, so ist es fast das einzige, was ihnen den Mangel dessen einigermaßen ersetzt, was sie zu erpunktieren trachten. Diese Bücher sind für sie ganz unschädlich, denn sie punktieren fort, bis die günstige Antwort erscheint, und dann ist alles gut.

Zur Sprachverwirrung und Philosophie des Standes gehört:

Das liebe Gewitter hat eingeschlagen.

Ich werde mich bisher besser aufführen, als ich hinführo getan habe.

Du liebste Zeit! (dear me!) kommt allen Augenblick vor, wenn eine Stadtneuigkeit verschlimmert werden soll, wozu dieses Geschlecht mehr beiträgt, als man glaubt.

O Madam! Es ist der guteste, besteste, schöngewachsenste junge Herr, so sprechen die Redseligen.

Von einem Offizier sagt eine: ach es ist ein gar bequemer, theologischer Herr (sie wollte überhaupt Gutmütigkeit ausdrücken).

Von zweien, die aus der Oper kamen, konnte die eine die glitzernden Schmelzschuhe einer Jungfer Castratin nicht vergessen, und die andere sprach noch ein paar Tage von einem scharmantschönen Baßcastraten, der den Ju-Pitter vorgestellt hätte.

Eine dritte hat eine Kutsche mit zwei scharmanten Mätressen vorbeifahren sehen. (Diese war von geringerem Stande.)

Den Kerl möcht' ich nicht haben, der ist ja so schwarz wie ein Mohrenbrenner. (Das Wort ist, wie man sieht, aus Mohr und Kohlenbrenner zusammengesetzt.)

Ja, reden Sie mir nur nicht von dem Menschen, ich kenne die Hämmel in Schafskleidern. (Soll heißen Wölfe.)

Ich weiß nicht, die Französin sieht seit einiger Zeit so ungelblicht aus (aus ungesund und gelblicht). Dieses habe ich selbst gelesen und las anfangs ungebleicht.

Eine, die krank gewesen war, sagte, als sie sich besserte, sie hätte nun wieder Neigung zum Appetit.

Eine andere nannte eine Köchin, deren lediger Brotherr verstorben war, ohne damit spotten zu wollen, eine verwitwete Hausjungfer.

Er ging gesund zu Bette, und als er diesen Morgen aufstehen wollte, war er tot.

Zum wenigsten wird öfters statt sogar von ihnen gebraucht: zum wenigsten das Wasser in der Wohnstube war gefroren.

Helfen Sie mir doch sagen, was das ist, anstatt sagen Sie mir doch etc.

Das witzigste, was ich noch von dieser Klasse sagen gehört habe, war, daß einmal eine, etwas aufgebracht, von einer andern sagte, was will denn das dicke, zweischläfrige Mensch? Dieser Ausdruck würde den Falstaff nicht geschändet haben, wenn er ihn von der Wirtin (mine Hostess of the Garter) gebraucht hätte.

Wenn sie jung und gesprächig sind, so sind sie gewöhnlich unerschöpflich, sobald sie Kinder auf den Armen haben, und selbst die jüngsten und völlig unschuldigen sprechen und handeln alsdann mit einer Art von Begeisterung, und die Biegsamkeit unserer Sprache gibt ihnen dazu Raum genug; alles verkleinert sich mit dem Kinde:

Guten Morgelchen, mein Engelchen! Prositchen, mein Herzchen! (wenn das Herzchen nieset), Adjeuchen! O du lieber Göttchen! hörte ich einmal, da sich das Kind weh getan hatte; in Frankfurt einmal: Sieh, Wilhelmchen, das ist dein klein Ma Sœurchen! So geht es durchaus mit nominibus, verbis, adverbiis etc. Es läßt sich aber besser denken als schreiben oder lesen. Es ist überdem leicht und überhaupt von seltenem Gebrauche, es wäre denn, daß eine einmal zu einem wichtigern Zweck angeführt würde, und nur die Bedenkzeiten der andern Personen mit solchem Spiele unterbräche, oder auch sich selbst Herz damit zu geben, etwas, ohne sich mit Mienen zu verraten, entweder zu sagen oder anzuhören.

Überhaupt ist ihnen eine Gesprächigkeit von der Art derjenigen, durch die das Kapitol gerettet wurde, sehr eigen, hauptsächlich wenn sie einmal das Heiraten aufgegeben und sich entschlossen haben, sich in einer Familie auftrocknen zu lassen.

Im Schreiben sind die meisten wirklich unnachahmlich:

Mein geehrtestes vom 15. dieses.

Ich verbleibe Dero Hochedelgeborne Dienerin.

Da sehen wir uns mündlich.

Wenn Sie jetzt keine Zeit haben, so sehen wir uns im Dunkeln am Fenster.

Eine schrieb: Ich weiß wohl, es kömmt alles daher, weil ich einmal den Willen des Herrn nicht tun wollen. (Sie meinte, dem Herrn vom Hause nicht zu Willen sein.)

Es ist schade, daß man dergleichen Briefe so selten zu sehen bekommt, sie haben wirklich meistens etwas Auszeichnendes, und unterscheiden sich von Briefen gleich unstudierter Mannspersonen sehr. Man sollte glauben, ein besonderer Genius wache selbst über ihre Schreibfehler:

Die kleine Fröhlen ist ganz von den Pocken verschönt worden (verschändet); statt Kniee schreiben die meisten Keine, doch weiß ich auch, daß eine Dame ein Keinstück statt Kniestück schrieb.

In einer gewissen großen Stadt (vermutlich in mehren) sollen sie sogar gelehrte Briefwechsel führen, und ein paar solcher Briefe sind mir versprochen. Auch sollen sie da mitunter keinen Teufel mehr glauben, nämlich solange sie gesund sind, und das Licht brennt, und es nicht donnert. Wie sehr wohl und leicht sich Eine bei ihrer Atheisterei befunden haben muß, kann man aus einem Briefe an ihre Freundin sehen, worin sie ausdrücklich sagte: sie dankte Gott alle Morgen auf den Knien (vermutlich auf den Keinen) dafür, daß er sie zur Atheistin habe werden lassen. Die Postskripte zu ihren philosophischen Briefen handeln von Bändern, Spitzen, Schuhen etc.   O

 

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