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Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens

Georg Christoph Lichtenberg: Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens - Kapitel 12
Quellenangabe
typeaphorism
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleLichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens
booktitleDenken mit Georg Christoph Lichtenberg
publisherDiogenes Verlag AG
editorEgon Friedell
year2009
isbn9783257238860
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20131207
modified20150330
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Über den gegenwärtigen Zustand der Literatur

141. Ich kann nicht leugnen, mein Mißtrauen gegen den Geschmack unserer Zeit ist bei mir vielleicht zu einer tadelnswürdigen Höhe gestiegen. Täglich zu sehen, wie Leute zum Namen Genie kommen wie die Kellerasseln zum Namen Tausendfuß, nicht weil sie so viel Füße haben, sondern weil die meisten nicht bis auf vierzehn zählen wollen, hat gemacht, daß ich keinem mehr ohne Prüfung glaube.   B

 

142. Es ist ein Vorurteil unseres Jahrhunderts in Deutschland, daß das Schreiben so zum Maßstabe des Verdienstes gediehen ist. Eine gesunde Philosophie wird vielleicht dieses Vorurteil nach und nach vertreiben. Seitdem jedermann kritische Chartequen liest, sind die Produkte des Witzes der Leute gewissermaßen der Maßstab geworden, nach welchem man ihren Wert als Mensch überhaupt bestimmt.   B

 

143. Mich dünkt, der Deutsche hat seine Stärke vorzüglich in Originalwerken, worin ihm schon ein sonderbarer Kopf vorgearbeitet hat; oder mit andern Worten: er besitzt die Kunst, durch Nachahmen original zu werden in der größten Vollkommenheit.   B

 

144. Man muß sich ja vorsehen, wenn man von einem gesetzten rechtschaffenen Manne etwas Empfindsames erzählt, daß es nicht mit vielen Worten geschieht; man muß es so in der Erzählung unterdrücken, wie es der Mann in Gegenwart anderer tun würde. Es ist nun einmal in der Welt so, daß die äußere Bezeigung eines innern Gefühls durch Gebärden und Mienen, die uns nichts kosten und daher auch oft nachgemacht werden, selten für anständig und immer für unmännlich gehalten werden. Nun verfallen aber unsere dramatischen Dichter und Romanenschreiber gerade in das Gegenteil. Nichts als Empfindungsbezeigungen erzählen sie uns. Deswegen hassen wir die Gesellschaft ihrer Helden, wie die von Schulknaben.   B

 

145. Ein Unterschied zwischen unsern Dichtern und denjenigen alten, die ich kenne, und einigen Engländern, der einem gleich in die Augen fällt, ist der, daß diese selbst in ihren Oden Dinge gesagt haben, die nachher die Philosophen brauchen können; dagegen selbst diejenigen unter uns, die großes Aufsehen unter der Jugend und einigen bejahrten Vornehmen gemacht haben, nichts zustande bringen, das weiter zu gebrauchen wäre. Die Sprache der alten Dichter ist die Sprache der Natur, schon in eine menschliche übersetzt; unsere neuern sprechen die Sprache der Dichter unabhängig von Empfindung, das heißt, eine verrückte; was sie sagen, hat scheinbaren Zusammenhang und ist oft zufälligerweise richtig. Die Ursache ist, sie bilden sich nicht durch Beobachtung, sondern durch Lesen, und man kann ja nicht verstehen, wovon man keinen Begriff hat. Sie glauben, die gerühmten Alten wären das, wofür sie sie ansehen, und ahmen sie als solche nach. Horaz hat gewiß nicht für Leute geschrieben, die von einer Stadtschule auf Universitäten gehen; nicht einmal für die Lehrer solcher Leute; er konnte nicht für sie schreiben, nachdem er an dem ersten Hofe der Welt gelebt hatte. Jedermann schreibt am leichtesten für die Klasse von Menschen, unter die er gehört, wobei ich nicht die meine, unter die er in der Welt laut gerechnet wird. Wenn wir das hätten, was Horaz als Primaner geschrieben hat, das möchte vielleicht einem Primaner ganz verständlich sein, wenigstens einem römischen. Ich sage nicht, daß ein Dichter lauter Schönheiten haben soll, die nur dem Weltkenner verständlich sind. Nein, sie sollen auch hierin der Natur folgen, die für das bewaffnete und unbewaffnete Auge, ja selbst für den Blinden ihre Schönheiten hat.

Viele, die dieses lesen, werden sich oft heimlich gesagt haben, daß ihnen die Alten nicht so schmecken, als manche Neuere. Ich muß bekennen, es ist mir selbst so gegangen; ich habe manche bewundert, ehe sie mir gefallen haben; hingegen haben mir auch manche gefallen, ehe ich sie verstanden habe. Und ich bin überzeugt, es geht manchen Personen so, die Kommentarien über diese Werke schreiben. Ich habe den Horaz lange vorher bewundert, ehe er mir gefallen hat; ich mußte es tun, so wie man in Wien niederfallen muß, wenn das kommt, was man dort das Venerabile nennt. Und Milton und Virgil haben mir eher gefallen, ehe ich sie verstanden habe. Nachdem ich bekannter mit der Welt geworden bin, nachdem ich angefangen habe, selbst Bemerkungen über den Menschen zu machen – nicht niederzuschreiben, sondern nur aufmerksam zu sein – und mich dann, wenn ich diese Schriftsteller las, meiner Bemerkungen wieder zu erinnern, da fand ich, daß das, was ich in jenen Dichtern als unbrauchbares Gestein weggeworfen hatte, gerade das Erz war. Ich versuchte es nun mit andern Stellen, mit denen meine Bemerkungen noch nicht zusammengetroffen waren; sie machten mich im gemeinen Leben aufmerksam, und seit der Zeit (ich bekenne gern, daß es noch nicht lange ist) wächst meine Bewunderung der Männer täglich, und ich schätze mich glücklich, daß ich von Grund meines Herzens überzeugt bin, daß sie die Unsterblichkeit verdienen, die sie erhalten haben.

Wer sich in dieser Art die Alten zu lesen etwas geübt hat, der gehe nun einmal zu den Neuern über. Er wird nicht allein keine Beschäftigung finden, sondern wird oft einen geheimen Unwillen verspüren, wenn er sieht, was für einen Ruhm diese Leute erhalten haben, und daß es einem für Unverstand ausgelegt werden würde, wenn man es öffentlich bekennen wollte. Allein ich denke, laßt sie gehen; sie gehen gewiß nicht durch das feine Sieb, womit die Zeit unsere Werke der Ewigkeit zusichten wird. Kein Buch kann auf die Nachwelt gehen, das nicht die Untersuchung des vernünftigen und erfahrenen Weltkenners aushält. Selbst die Farce, die Schnurre muß Ergötzung für diesen Mann enthalten, und sie kann es, wenn sie zur Ewigkeit gehen soll. Geschieht es zuweilen, daß solche Dinger ohne innern Wert doch fortdauern, so ist es mehr den messingenen Krampen zuzuschreiben. Der Beifall der Primaner und der Zeitungsschreiber ist, so wie ihr Tadel, in Absicht des Ruhms eines Werks, was ein Tropfen im Weltmeer ist. Ihren gerechten Tadel wird der Fels der Vergessenheit, der schon hängt, um sich über alles Elende zu wälzen, mit dem Werke zugleich bedecken; und mit ihrem ungerechten können sie so wenig einem Werk den Weg zur Unsterblichkeit versperren, als die eintretende Flut mit einem Kartenblatt zurückfächeln. Dem Verfasser können sie allerdings schaden; den Leib können sie töten, aber die Seele nicht.   B

 

146. Witzige Schriften wollten sie. Da regnete, blitzte und hagelte es Epigrammen. Wißt ihr, was die Antwort war? Die alte abgedroschene Sentenz: es gebe hundert Witzige gegen einen, der Verstand hätte. Wer konnte es alsdann den Spottvögeln verdenken, von denen es in Deutschland wimmelt, wenn sie die Welt mit verständigen Schriften anfüllten, ich meine mit solchen, in denen kein Gran von Witz anzutreffen ist? Daher nahm die verständige Komödie, die verständige Farce, unsere verständige Satire ihren Ursprung; ja man machte sogar verständige Wortspiele.   B

 

147. Wenn man etwas Silbenmaß in den Ohren hat, und dabei zwanzig bis dreißig Oden als Stimulantia liest, so möchte ich das Gesicht von dem Sterblichen sehen, der nicht eine Ode wiederhallen könnte, die jeden poetischen Primaner zur Bewunderung hinrisse. Solche Kompositionen muß man gar nicht mit dem Maßstabe messen, mit dem man Hagedorns, Utzens und Ramlers Oden mißt; sie gehören zu einer ganz andern Klasse von Komposition, und sind das in der Poesie, was Jakob Böhmes unsterbliche Werke in Prosa sind, eine Art von Pickenick, wobei der Verfasser die Worte und der Leser den Sinn stellen. Will dieser nicht, oder kann er nicht, gut, so läßt er's bleiben; zu einem solchen Kränzchen finden sich immer Leute.   B

 

148. Ich kann nicht unterlassen, den Lesern oder vielmehr den Verlegern zu melden, daß ich endlich, nach einer fast fünfzehnjährigen Lektüre des größten Schriftstellers, den wir haben, ich meine Jakob Böhme, einige Paragraphen in ihm so verstehe, als wenn ich sie heute selbst geschrieben hätte. Es sind offenbar Weissagungen, und wer sich nur etwas im Zukünftigen umgesehen hat, wird eingestehen müssen, daß sie auf die fürchterlichen drei 7 gehen, die wir jetzt in unserer Jahrzahl (1777) haben, und seit tausend Jahren nicht gehabt und erst in tausend Jahren wieder haben werden. War nicht 1555 der Religionsfriede, und brannte nicht 1666 London ab? Ich werde aber die letzte Hand nicht eher an das Werk legen, als bis sich die Begebenheiten selbst werden ereignet haben.   B

 

149. Die schönste Stelle im »Werther« ist die, wo er den Hasenfuß erschießt.   B

 

150. Ich kann in der Welt nicht begreifen, was wir davon haben, den Alten so bei jeder Gelegenheit den Bart zu streicheln. Danken können sie es uns nicht, und aus den breiten und niedrigen Stirnen und den trotzigen Gesichtern zu schließen, würden sie es nicht einmal, wenn sie es könnten. Es ist fürwahr eine mächtige Ehre für uns, daß es vor zweitausend Jahren Leute gegeben hat, die gescheiter waren als wir. Meint ihr vielleicht, wir lebten noch in den Zeiten, wo die größte Weisheit in dem Bewußtsein bestand, daß man nichts wisse? Auf das Kapital borgt man euch keinen Magistertitel, so wenig als auf den Reichtum, der in der Armut besteht, einen Groschen. Nein, Freunde, die Zeiten sind vorbei. Solche Sätze sind heutzutage nichts weiter als schöne Nester von ausgeflogenen Wahrheiten; in den philosophischen Kunstkammern gehen sie mit, in die Haushaltung taugen sie nicht einen Schuß Pulver. Eine herrliche Ehre heutzutage, überzeugt zu sein, daß man nichts wisse! Wollte Gott, es wäre hierin noch so wie sonst! dann wären eure Klagen über die jetzigen Zeiten unnütz; denn ihr werdet nicht leugnen, daß wir Leute genug haben, die nichts wissen, und die einfältige Überzeugung davon ließe sich ihnen bald beibringen.   P

 

151. Sagt, ist noch ein Land außer Deutschland, wo man die Nase eher rümpfen lernt als putzen?   P

 

152. Es ist etwas, was, dünkt mich, unsere besten Romanendichter von den großen Männern der Ausländer in diesem Fach unterscheidet (auch der größte Teil unserer dramatischen Schriftsteller gehört mit dahin), daß man, um ihren Wert und die Schwierigkeit so zu schreiben, ganz zu fühlen, Lektüre haben muß. Sie sollten aber ihre Charaktere so entwerfen, daß man glaubte, man fände sich unter Lebendigen, und ginge mit ihnen um und lebte mit ihnen. Es scheint, als wenn der Fleiß auch sogar den Dichter bei den Deutschen machte und machen müßte.   B

 

153. Über den deutschen Roman. Unsere Lebensart ist nun so simpel geworden, und alle unsere Gebräuche so wenig mystisch; unsere Städte sind meistens so klein, das Land so offen, alles ist sich so einfältig treu, daß ein Mann, der einen deutschen Roman schreiben will, fast nicht weiß, wie er Leute zusammenbringen, oder Knoten schürzen soll. Denn da die Eltern jetzt in Deutschland durchaus ihre Kinder selbst säugen, so fallen die Kindervertauschungen weg, und ein Quell von Erfindung ist verstopft, der nicht mit Geld zu bezahlen war. Wollte ich ein Mädchen in Mannskleidern herumgehen lassen, das käme gleich heraus, und die Bedienten verrieten es, noch ehe sie aus dem Hause wäre; außerdem werden unsere Frauenzimmer so weibisch erzogen, daß sie gar nicht das Herz haben, so etwas zu tun. Nein, fein bei der Mama zu sitzen, zu kochen und zu nähen, und selbst eine Koch- und Nähmama zu werden, das ist ihre Sache. Es ist freilich bequem für sie, aber eine Schande fürs Vaterland und ein unüberwindliches Hindernis für den Romanenschreiber.

In England glaubt man, daß, wenn zwei Personen von einerlei Geschlecht in demselben Zimmer schlafen, ein Krankenfieber unvermeidlich sei; deswegen sind die Personen in einem Hause des Nachts am meisten getrennt, und ein Schriftsteller darf nur sorgen, wie er die Haustüre offen kriegt, so kann er in das Haus lassen, wen er will, und darf nicht sorgen, daß jemand eher aufwacht, als er es haben will.

Ferner, da in England die Schornsteine nicht bloß Rauchkanäle, sondern hauptsächlich die Luftröhren der Schlafkammern sind, so geben sie zugleich einen vortrefflichen Weg ab, unmittelbar und ganz ungehört in jede beliebige Stube des Hauses zu kommen, und der ist so bequem, daß ich mir habe sagen lassen, daß, wer einmal einen Schornstein auf- und abgestiegen sei, ihn selbst einer Treppe vorzöge. In Deutschland käme ein Liebhaber schön an, wenn er einen Schornstein hinabklettern wollte. Ja, wenn er Lust hätte, auf einen Feuerherd, oder in einen Waschkessel mit Lauge, oder in die Antichambre von zwei bis drei Öfen zu fallen, die man wohl gar von innen nicht einmal aufmachen kann. Und gesetzt, man wollte die Liebhaber so in die Küche springen lassen, so ist die Frage, wie bringt man sie aufs Dach? Die Kater in Deutschland können diesen Weg wohl zu ihren Geliebten nehmen, aber die Menschen nicht. Hingegen in England formieren die Dächer eine Art von Straße, die zuweilen besser ist als die auf der Erde; und wenn man auf einem ist, so kostet es nicht mehr Mühe auf das andere zu kommen, als über eine Dorfgosse im Winter zu springen. Man will zwar sagen, man habe diese Einrichtung wegen Feuersgefahr getroffen; da aber diese sich kaum alle hundertundfünfzig Jahre in einem Hause ereignet, so stelle ich mir vor, daß man es vielmehr zum Troste bedrängter Verliebten und Spitzbuben für nützlich befunden hat, die sehr oft diesen Weg nehmen, wenn sie gleich noch andere wählen könnten, und gewiß allemal, wenn die Retirade in der Eil geschehen muß, gerade so wie etwa die Hexen und der Teufel in Deutschland zu tun pflegen.

Endlich ein rechtes Hindernis von Intriguen ist der sonst feine und lobenswürdige Einfall der Postdirektoren in Deutschland, durch den eine unzählige Menge von Tugenden des Jahres erhalten werden, daß sie statt der englischen Postkutschen und Maschinen, in denen sich eine schwangere Prinzessin weder fürchten noch schämen dürfte zu reisen, die so beliebten offenen Rumpelwagen eingeführt haben. Denn was die bequemen Kutschen in England und die dortigen vortrefflichen Wege für Schaden tun, ist mit Worten nicht auszudrücken.

Fürs erste, wenn ein Mädchen mit ihrem Liebhaber aus London des Abends durchgeht, so kann sie in Frankreich sein, ehe der Vater aufwacht, oder in Schottland, ehe er mit seinen Verwandten zum Schluß kommt; daher ein Schriftsteller weder Feen, noch Zauberer, noch Talismane nötig hat, um die Verliebten in Sicherheit zu bringen; denn wenn er sie nur bis nach Charing Cross oder Hydepark-Corner bringen kann, so sind sie sicher. Hingegen in Deutschland, wenn auch der Vater den Verlust seiner Tochter erst den dritten Tag gewahr würde, wenn er nur weiß, daß sie mit der Post gegangen ist, so kann er sie zu Pferde immer noch auf der dritten Station wieder kriegen.

Ein anderer übler Umstand sind die leider nur allzuguten Gesellschaften in den bequemen Postkutschen in England, die immer voll schöner, wohlgekleideter Frauenzimmer stecken, und wo, welches das Parlament nicht leiden sollte, die Passagiere so sitzen, daß sie einander ansehen müssen; wodurch nicht allein eine höchst gefährliche Verwirrung der Augen, sondern zuweilen eine höchst schändliche zum Lächeln von beiden Seiten reizende Verwirrung der Beine, und daraus endlich eine oft nicht mehr aufzulösende Verwirrung der Seelen und Gedanken entstanden ist; so daß mancher ehrliche junge Mensch, der von London nach Oxford reisen wollte, statt dessen zum Teufel gereist ist. So etwas ist nun, dem Himmel sei Dank, auf unsern Postwagen nicht möglich. Denn erstlich können artige Frauenzimmer sich unmöglich auf einen solchen Wagen setzen, wenn sie sich nicht in der Jugend etwas im Zaunbeklettern, Elsternesterstechen, Apfelabnehmen und Nüsseprügeln umgesehen haben; denn der Schwung über die Seitenleiter erfordert eine besondere Gewandtheit, und wenige Frauenzimmer können ihn tun, ohne den untenstehenden Wagenmeister und die Stallknechte zum Lachen zu bringen. Für das zweite, so sitzt man, wenn man endlich sitzt, so, daß man sich nicht in das Gesicht sieht, und in dieser Stellung können, was man auch sonst dagegen sagen mag, wenigstens Intriguen nicht gut angefangen werden. Die Erzählung verliert ihre ganze Würze, und man kann höchstens nur verstehen, was man sagt, aber nicht was man sagen will. Endlich hat man auf den deutschen Postwagen ganz andere Sachen zu tun, als zu plaudern: man muß sich festhalten, wenn die Löcher kommen, oder in den schlimmen Fällen sich gehörig zum Sprung spannen; muß auf die Äste acht geben, und sich zur gehörigen Zeit ducken, damit der Hut oder Kopf sitzen bleibt; die Windseite merken, und immer die Kleidung an der Seite verstärken, von wo der Angriff geschieht; und regnet es gar, so hat bekanntlich der Mensch die Eigenschaft mit andern Tieren gemein, die nicht in oder auf dem Wasser leben, daß er stille wird, wenn er naß wird; da stockt also die Unterredung ganz. Kommt man endlich in ein Wirtshaus, so geht die Zeit mit andern Dingen hin: der eine trocknet sich, der andere schüttelt sich, der eine kaut seine Brustkuchen, und der andere bäht sich den Backen und was dergleichen Kindereien mehr sind.

Hierbei kommt noch ein Umstand in Betrachtung, der auch alle freundschaftliche Mischung der Gesellschaft in den Wirtshäusern unmöglich macht. Nämlich weil die Postwagenreisen mit so vielen Trübsalen verbunden sind, so hat man dafür gesorgt, daß die Wirtshäuser um so viel schlechter sind, als nötig ist, um den Postwagen wieder angenehm zu machen. Ja, man kann sich nicht vorstellen, was das für eine Wirkung tut. Ich habe Leute, die zerstoßen und zerschlagen waren und nach Ruhe seufzten, als sie das Wirtshaus sahen, wo sie sich erquicken sollten, sich mit einem Heldenmut entschließen sehen weiter zu reisen, der wirklich etwas Ähnliches mit jenem Mut des RegulusDer röm. Feldherr Marcus Atilius Regulus geriet im 1. Punischen Krieg in Gefangenschaft. Von den Karthagern zu Verhandlungen nach Rom gesandt, riet er dort vom Frieden ab und kehrte in die Gefangenschaft zurück, wo er grausam zu Tode gebracht wurde. hatte, der ihn nach Karthago zurückzugehen trieb, ob er gleich wußte, daß man ihn dort in eine Art von deutschen Postwagen setzen, und so den Berg herunter rollen lassen würde.

Also fallen die Postkutschenintriguen mit den Postkutschen selbst, den rechten Treibhäusern für Episoden und Entdeckungen schlechterdings weg. Aber im Hannöverischen, wird man sagen, ist ja nun eine Postkutsche. Gut, ich weiß es, und zwar eine, die immer so gut ist, als eine englische. Also soll man alle Romane auf dem Wege zwischen Haarburg und Münden anfangen lassen, den man jetzt so geschwind zurücklegt, daß man kaum Zeit hat, recht bekannt zu werden? Alles, was ja die Fremden tun, ist, daß sie in das Lob des Königs ausbrechen, der dieses so geordnet hat, oder schlafen. Denn sie sind gemeiniglich, ehe sie in diese Kutsche kommen, so abgemattet, daß sie nun glauben, sie wären zu Hause oder lägen im Bette. Das sind aber in der Tat die rechten Gegenstände für einen Roman, fünf schlafende Kaufleute schnarchend einzuführen, oder ein Kapitel mit dem Lobe des Königs anzufüllen. Das erstere ist schlechterdings gar kein Gegenstand für ein Buch, und das letztere für keinen Roman. Aber ich bin durch diesen unnützen Einwurf nur von meiner Sache abgekommen. Ja, wenn nicht noch zuweilen ein Kloster wäre, wo man ein verliebtes Paar unterbringen könnte, so wüßte ich mir keinen eigentlich deutschen Roman bis auf die dritte Seite zu spielen; und wenn es einmal keine Klöster mehr gibt, so ist das Stündchen der deutschen Romane gekommen.   B

 

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