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Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens

Georg Christoph Lichtenberg: Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens - Kapitel 11
Quellenangabe
typeaphorism
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleLichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens
booktitleDenken mit Georg Christoph Lichtenberg
publisherDiogenes Verlag AG
editorEgon Friedell
year2009
isbn9783257238860
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20131207
modified20150330
projectid8943c1bd
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Über die Kunst, zu Buch zu bringen

121. Die gemeinsten Menschen, ob sie's gleich nicht der Mühe wert achten, niederzuschreiben, was sie sehen, sehen und fühlen doch alles, was des Niederschreibens wert gewesen wäre, und der Unterschied zwischen dem Pöbel und dem Gelehrten besteht oft bloß in einer Art von Apperzeption oder in der Kunst, zu Buch zu bringen.   B

 

122. Es ist ein Fehler, den der bloß witzige Schriftsteller mit dem ganz schlechten gemein hat, daß er gemeiniglich seinen Gegenstand eigentlich nicht erleuchtet, sondern ihn nur dazu braucht, sich selbst zu zeigen. Man lernt den Schriftsteller kennen und sonst nichts. So schwer es auch zuweilen eingehen sollte, eine witzige Periode wegzulassen, so muß es doch geschehen, wenn sie nicht notwendig aus der Sache fließt. Diese Kreuzigung gewöhnt allmählich den Witz an die Zügel, die ihm die Vernunft anlegen muß, wenn sie beide mit Ehren auskommen sollen.   B

 

123. Man muß keinem Werk, hauptsächlich keiner Schrift die Mühe ansehen, die sie gekostet hat. Ein Schriftsteller, der noch von der Nachwelt gelesen sein will, muß es sich nicht verdrießen lassen, Winke zu ganzen Büchern, Gedanken zu Disputationen in irgend einen Winkel eines Kapitels hinzuwerfen, daß man glauben muß, er habe sie zu Tausenden wegzuwerfen.   B

 

124. Sich erst eine Absicht zu wählen und einen Endzweck festzusetzen, und dann alles, auch sogar das geringste in der Welt dieser Absicht unterwürfig zu machen, ist der Charakter des vernünftigen und großen Mannes und großen Schriftstellers. In einem Werk muß jede tiefsinnige Bemerkung, so gut wie jeder Scherz dazu dienen, die Hauptabsicht sicher zu erhalten. Auch wenn der Leser vergnügt werden soll, vergnüge man ihn so, daß die Hauptabsicht dadurch erreicht wird.   B

 

125. Die feinste Satire ist unstreitig die, deren Spott mit so weniger Bosheit und so vieler Überzeugung verbunden ist, daß er selbst diejenigen zum Lächeln nötigt, die er trifft.   B

 

126. Ein guter Schriftsteller hat nicht allein Witz nötig, die Ähnlichkeiten auszufinden, wodurch er seinem Ausdruck Anmut verschaffen kann, sondern auch die zu vermeiden, die dem Leser zum gänzlichen Verderben desselben einfallen können. Zu oft ist nicht sowohl das, was der Autor sagt, dem Eindruck, den er machen will, nachteilig, als das, was dem Leser, dessen Gedanken minder ängstlich fortgehen, dabei einfällt, und woran er selbst nicht gedacht hat.   B

 

127. Bei einem Roman sollte hauptsächlich darauf gesehen werden, die Irrtümer sowohl, als die Betrügereien aller Stände und aller menschlichen Alter zu zeigen. Hierbei könnte sehr viel Menschenkenntnis angebracht werden.   B

 

128. Wenn ein witziger Gedanke frappieren soll, so muß die Ähnlichkeit nicht bloß einleuchtend sein, das ist noch das geringste, ob es gleich unumgänglich nötig ist; sondern sie muß auch von andern noch nicht gefunden worden sein, und doch muß alles, was dazu gehört, jedem so nahe liegen, daß es ihn wunder nimmt, daß er sie noch nicht ausgefunden hat. Das ist die Hauptsache. Hat man die Bemerkung schon dunkel gemacht, sowohl die eigentliche, als die, womit die Vergleichung angestellt wird, aber noch nie deutlich gedacht, so steigt das Vergnügen aufs höchste. Die Menschen sehen täglich eine Menge von Dingen, die sie zur Regel erheben könnten, es geschieht aber nicht; sie bringen sie nicht zu Buch, und das ist die rechte Fundgrube des Witzes.   B

 

129. Wenn du in einer gewissen Art von Schriften groß werden willst, so lese mehr, als die Schriften dieser Art. Wenn du auch schon deine Äste nicht über ein großes Stück Feld ausbreiten willst, so ist es deiner Fruchtbarkeit immer zuträglich, deine Wurzeln weit ausgebreitet zu haben.   B

 

130. Wie viel in der Welt auf Vortrag ankommt, kann man schon daraus sehen, daß Kaffee aus Weingläsern getrunken, ein sehr elendes Getränk ist; oder Fleisch bei Tische mit der Schere geschnitten, oder gar, wie ich einmal gesehen habe, Butterbrot mit einem alten, wiewohl sehr reinen, Schermesser geschmiert – wem würde das wohl behagen?   B

 

131. Wenn Scharfsinn ein Vergrößerungsglas ist, so ist der Witz ein Verkleinerungsglas. Glaubt ihr denn, daß sich Entdeckungen bloß mit Vergrößerungsgläsern machen lassen? Ich glaube, mit Verkleinerungsgläsern oder wenigstens durch ein ähnliches Instrument in der intellektuellen Welt sind wohl mehr Entdeckungen gemacht worden. Der Mond sieht durch ein verkehrtes Fernrohr wie die Venus aus, und mit bloßen Augen, wie die Venus durch ein gutes Fernrohr in seiner rechten Lage. Durch ein gemeines Opernglas würden die Plejaden wie ein Nebelstern erscheinen. Die Welt, die so schön mit Gras und Bäumen bewachsen ist, hält ein höheres Wesen, als wir, vielleicht eben deswegen für verschimmelt. Der schönste gestirnte Himmel sieht uns durch ein umgekehrtes Fernrohr leer aus.   B

 

132. Es gibt kein größeres Hindernis des Fortgangs in den Wissenschaften, als das Verlangen, den Erfolg davon zu früh verspüren zu wollen. Dieses ist munteren Charakteren sehr eigen; darum leisten sie auch selten viel; denn sie lassen nach und werden niedergeschlagen, sobald sie merken, daß sie nicht fortrücken. Sie würden aber fortgerückt sein, wenn sie geringe Kraft mit vieler Zeit gebraucht hätten.   B

 

133. Rousseau nennt mit Recht den Akzent die Seele der Rede. Leute werden von uns oft für dumm angesehen, und wenn wir es untersuchen, so ist es bloß der einfache Ton in ihren Reden, der ihnen dieses Ansehen von Dummheit gibt. Weil nun der Akzent bei den Schriften wegfällt, so muß der Leser darauf geführt werden, dadurch, daß man deutlicher durch die Wendung anzeigt, wo der Ton hingehört, und dieses ist es, was die Rede im gemeinen Leben vom Brief unterscheidet, und was auch eine bloße gedruckte Rede von derjenigen unterscheiden sollte, die man wirklich hält.   B

 

134. Um witzig zu schreiben, muß man sich mit den eigentlichen Kunstausdrücken aller Stände gut bekannt machen. Ein Hauptwerk in jedem, nur flüchtig gelesen, ist hinlänglich; denn was ernsthaft seicht ist, kann witzig tief sein.   B

 

135. Zur Aufweckung des in jedem Menschen schlafenden Systems ist das Schreiben vortrefflich; und jeder, der je geschrieben hat, wird gefunden haben, daß Schreiben immer etwas erweckt, was man vorher nicht deutlich erkannte, ob es gleich in uns lag.   B

 

136. Durch eine strikte Aufmerksamkeit auf seine eigenen Gedanken und Empfindungen und durch die stärkstindividualisierende Ausdrückung derselben, durch sorgfältig gewählte Worte, die man gleich niederschreibt, kann man in kurzer Zeit einen Vorrat von Bemerkungen erhalten, dessen Nutzen sehr mannigfaltig ist. Wir lernen uns selbst kennen, geben unserm Gedankensystem Festigkeit und Zusammenhang; unsere Reden in Gesellschaften erhalten eine gewisse Eigenheit wie die Gesichter, welches bei dem Kenner sehr empfiehlt, und dessen Mangel eine böse Wirkung tut. Man bekommt einen Schatz, der bei künftigen Ausarbeitungen genützt werden kann, formt zugleich seinen Stil und stärkt den innern Sinn und die Aufmerksamkeit auf alles. Nicht alle Reichen sind es durch Glück geworden, sondern viele durch Sparsamkeit. So kann Aufmerksamkeit, Ökonomie der Gedanken und Übung den Mangel an Genie ersetzen.   B

 

137. O, wenn man die Bücher und die Kollektaneen sähe, aus denen oft die unsterblichen Werke erwachsen sind – (ich habe die Geständnisse einiger vertrauten Schriftsteller für mich, die nicht wenig Aufsehen gemacht haben) – es würde gewiß Tausenden den größten Trost gewähren! Da nun dieses nicht leicht geschehen kann, so muß man lernen durch sich in andere hineinsehen. Man muß niemanden für zu groß halten und mit Überzeugung glauben, daß alle Werke für die Ewigkeit die Frucht des Fleißes und einer angestrengten Aufmerksamkeit gewesen sind.   B

 

138. Es schadet bei manchen Untersuchungen nicht, sie erst bei einem Räuschchen durchzudenken und dabei aufzuschreiben; hernach aber alles bei kaltem Blute und ruhiger Überlegung zu vollenden. Eine kleine Erhebung durch Wein ist den Sprüngen der Erfindung und dem Ausdruck günstig; der Ordnung und Planmäßigkeit aber bloß die ruhige Vernunft.   B

 

139. Ein guter Ausdruck ist so viel wert, als ein guter Gedanke, weil es fast unmöglich ist, sich gut auszudrücken, ohne das Ausgedrückte von einer guten Seite zu zeigen.   B

 

140. Wenn jemand alle glücklichen Einfälle seines Lebens dicht zusammen sammelte, so würde ein gutes Werk daraus werden. Jedermann ist wenigstens des Jahres einmal ein Genie. Die eigentlich so genannten Genies haben nur die guten Einfälle dichter. Man sieht also, wie viel darauf ankommt, alles aufzuschreiben.   B

 

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