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Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens

Georg Christoph Lichtenberg: Lichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens - Kapitel 10
Quellenangabe
typeaphorism
authorGeorg Christoph Lichtenberg
titleLichtenberg. Ein verkleinertes Bild seines Gedankenlebens
booktitleDenken mit Georg Christoph Lichtenberg
publisherDiogenes Verlag AG
editorEgon Friedell
year2009
isbn9783257238860
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20131207
modified20150330
projectid8943c1bd
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Zur Psychologie der Schreibenden

96. Schlechte Schriftsteller sind hauptsächlich diejenigen, die ihre einfältigen Gedanken mit Worten der guten zu sagen trachten; könnten sie, was sie denken, mit angemessenen Worten sagen, so würden sie allezeit zum Besten des Ganzen etwas beitragen und für den Beobachter merkwürdig sein.   B

 

97. Wenn er philosophiert, so wirft er gewöhnlich ein angenehmes Mondlicht über die Gegenstände, das im ganzen gefällt, aber nicht einen einzigen Gegenstand deutlich zeigt.   B

 

98. Was eigentlich den Schriftsteller für den Menschen ausmacht, ist, beständig zu sagen, was der größte Teil der Menschen denkt oder fühlt, ohne es zu wissen. Der mittelmäßige Schriftsteller sagt nur, was jeder würde gesagt haben. Hierin besteht ein großer Vorteil zumal der dramatischen und Romanendichter.   B

 

99. In jedem Menschen liegen eine Menge von richtigen Bemerkungen; allein die Kunst ist, sie gehörig sagen zu lernen – das ist sehr schwer, wenigstens viel schwerer, als mancher glaubt; und gewiß kommen alle schlechten Schriftsteller darin miteinander überein, daß sie von allem dem, was in ihnen liegt, nur das sagen, was jedermann sagte, und was daher, um gesagt zu werden, nicht einmal in einem zu liegen braucht.   B

 

100. Nicht jedermann ist es gegeben, so zu schreiben, wie es dem Menschen in abstracto zu allen Zeiten und in allen Weltaltern gefallen muß. In einer Verfassung der Welt, wie die jetzige, gehört viel Kraft dazu, um immer im wesentlichen zu wachsen, und sehr viel Ballast, um nicht, wenn alles schwankt, auch mit zu schwanken. Auf diese Art natürlich zu schreiben, erfordert unstreitig die meiste Kunst, jetzo da wir meistens künstliche Menschen sind. Wir müssen, so zu reden, das Kostüme des natürlichen Menschen erst studieren, wenn wir natürlich schreiben wollen. Philosophie, Beobachtung seiner selbst, und zwar genauere Naturlehre des Herzens und der Seele überhaupt, allein, und in allen ihren Verbindungen, diese muß derjenige studieren, der für alle Zeiten schreiben will. Das ist der feste Punkt, wo sich gewiß die Menschen einmal wieder begegnen, es geschehe auch, wann es wolle. Ist ein solcher Geschmack der herrschende, so ist der Wert des menschlichen Geschlechts, mit den Mathematikern zu reden, ein Größtes, und kein Gott kann es höher bringen. Wer nur für etliche Jahre, nur für eine Messe, oder nur für eine Woche schreibt, kommt mit wenigerm aus. Er darf nur neuere Schriftsteller lesen, die Gesellschaften seinerzeit besuchen, so gibt sich, wofern er nur ein Mensch ist, wie man ihn in der Haushaltung braucht, das übrige von selbst. Der Gedanke, daß es so außerordentlich leicht ist, schlecht zu schreiben, hat mich daher oft beschäftigt. Ich meine nicht, daß es leicht sei, etwas Schlechtes zu schreiben, das man selbst für schlecht hielte, nein! sondern daß es so leicht ist, etwas Schlechtes zu schreiben, das man für sehr schön hält. Hierin liegt das Demütigende. Ich zeichne eine gerade Linie, und die ganze Welt sagt, »das ist eine krumme« – ich zeichne noch eine, diese wird gewiß gerade sein, denke ich; und man sagt gar, o! diese ist noch krummer. Was ist da zu tun? Das beste ist, keine gerade Linie mehr gezeichnet, und dafür anderer Leute gerade Linien betrachtet oder selbst nachgedacht.   B

 

101. Es ist, als ob unsere Sprachen verwirrt wären: wenn wir einen Gedanken haben wollen, so bringen sie uns ein Wort, wenn wir ein Wort fordern, einen Strich, und wo wir einen Strich erwarten, steht eine Zote.   B

 

102. Es ist keine Kunst, etwas kurz zu sagen, wenn man etwas zu sagen hat, wie Tacitus. Allein wenn man nichts zu sagen hat, und schreibt dennoch ein Buch, und macht gleichsam die Wahrheit selbst mit ihrem ex nihilo nihil fit zur Lügnerin, das heiße ich Verdienst.   B

 

103. Es ist mit den Sinngedichten, wie mit den Erfindungen überhaupt: die besten sind ebenfalls diejenigen, wobei man sich ärgert, den Gedanken nicht selbst gehabt zu haben. Das ist es wohl, was die Leute meinen, wenn sie sagen, der Gedanke müsse natürlich sein.   B

 

104. Die Beweggründe, aus denen man etwas tut, könnten so wie die zweiunddreißig Winde geordnet und ihre Namen auf eine ähnliche Art formiert werden, z. B. Brot-Brot-Ruhm, oder Ruhm-Ruhm-Brot.   B

 

105. Mit Witz, verbunden mit Weltkenntnis, biegsamen Fibern und einem durch etwas Interesse gestärkten Vorsatz, eigen zu scheinen, läßt sich viel sonderbares Zeug in der Welt anfangen, wenn man schwach genug ist, es zu wollen, unbekannt genug mit wahrem Ruhm, es schön zu finden, und müßig genug, es auszuführen.   B

 

106. Alles, was unsere Schriftsteller noch zu schildern vermögen, ist etwas Liebe; und auch diese wissen sie nicht in die etwas entfernten Verrichtungen des menschlichen Lebens zu verfolgen. Bemerkungen in einem Roman anzubringen, die sich auf die längste Erfahrung und tiefsinnigsten Betrachtungen gründen, soll sich kein Mensch scheuen, der solche Bemerkungen vorrätig hat. Sie werden gewiß ausgefunden; durch sie nähern sich die Werke des Witzes den Werken der Natur. Ein Baum gibt nicht bloß Schatten für jeden Wanderer, sondern die Blätter vertragen auch noch das Mikroskop. Ein Buch, das dem Weltweisen gefällt, kann deswegen auch noch dem Pöbel gefallen. Der letzte braucht nicht alles zu sehen; aber es muß da sein, wenn etwa jemand kommen sollte, der das scharfe Gesicht hätte.   B

 

107. Mir ist es immer vorgekommen, als wenn man den Wert der Neuern gegen die Alten auf einer sehr falschen Waage wäge, und den letztern Vorzüge einräumte, die sie nicht verdienen. Die Alten schrieben zu einer Zeit, da die große Kunst schlecht zu schreiben noch nicht erfunden war, und bloß schreiben hieß gut schreiben. Sie schrieben wahr, wie die Kinder wahr reden. Heutzutag finden wir uns, wenn wir im sechzehnten Jahre zu uns selbst kommen, schon, möcht' ich sagen, von einem bösen Geist besessen; und diesen erst durch eigene Beobachtung und Streit gegen Ansehen und Vorurteil und gegen die Macht einer 14jährigen Erziehung auszutreiben, und dann noch wieder die eigene Haushaltung der Natur anzufangen, erfordert sicherlich mehr Kraft als in den ersten Zeiten der Welt natürlich zu schreiben, jetzt da natürlich schreiben, möcht ich sagen, fast unnatürlich ist. Homer hat gewiß nicht gewußt, daß er gut schrieb, so wenig wie Shakespeare. Unsere heutigen Schriftsteller müssen alle die fatale Kunst lernen: zu wissen, daß sie gut schreiben.   B

 

108. Ist es nicht sonderbar, daß man das Publikum, das uns lobt, immer für einen kompetenten Richter hält; aber so bald es uns tadelt, es für unfähig erklärt, über Werke des Geistes zu urteilen?   B

 

109. Man klagt über die entsetzliche Menge schlechter Schriften, die jede Messe herauskommen; ich sehe das schlechterdings nicht ein. Warum sagen die Kritiker, man soll der Natur nachahmen? Die schlechten Schriftsteller ahmen der Natur nach, sie folgen ihrem Triebe so gut, wie die großen; und ich möchte nur wissen, was irgend ein organisches Wesen mehr tun könne, als seinem Triebe folgen? Ich sage: sehet die Bäume an, wie viel werden von ihren Früchten reif? Nicht der 50. Teil; die andern fallen unreif ab. Wenn nun die Bäume Makulatur drucken, wer will es den Menschen wehren, die doch besser sind als die Bäume? Ja, was sage ich die Bäume; wißt ihr nicht, daß von den Menschen, die das prokreirende Publikum jährlich herausgibt, mehr als ein Dritteil stirbt, ehe es zwei Jahre alt wird? Wie die Menschen, so die Bücher, die von ihnen geschrieben werden. Anstatt mich also über die überhandnehmende Schriftstellerei zu beklagen, bete ich vielmehr die hohe Ordnung der Natur an, die es überall will, daß von allem, was geboren wird, ein großer Teil zu – Dünger wird und zu Makulatur, welches eine Art von Dünger ist; die Gärtner, ich meine die Buchhändler, mögen auch sagen, was sie wollen.   B

 

110. Ich habe wohl hundertmal bemerkt und zweifle nicht, daß viele meiner Leser hundert und ein oder zweimal bemerkt haben mögen, daß Bücher mit einem sehr einnehmenden, gut erfundenen Titel selten etwas taugen. Vermutlich ist er vor dem Buche selbst erfunden, vielleicht oft von einem andern.   B

 

111. Das Gute ist deswegen so schwer in allen Wissenschaften und Künsten zu erreichen, weil ein gewisser festgesetzter Punkt erreicht werden soll. Etwas nach einer vorgesetzten Regel schlecht zu machen, wäre ebenso schwer, wenn es anders alsdann noch den Namen des Schlechten verdiente.   B

 

112. Unter die größten Entdeckungen, auf die der menschliche Verstand in den neuesten Zeiten gefallen ist, gehört meiner Meinung nach wohl die Kunst, Bücher zu beurteilen, ohne sie gelesen zu haben.   B

 

113. Die Dichter sind vielleicht eben nie die weisesten unter den Menschen gewesen; allein es ist mehr als wahrscheinlich, daß sie uns das beste ihres Umgangs und ihrer Gesellschaft liefern. Da Horaz uns so viel Vortreffliches hinterlassen hat, so denke ich immer, wie viel Vortreffliches mag nicht in den Gesellschaften gesprochen worden sein; denn schwerlich haben die Wahrheiten den Dichtern mehr als das Kleid zu danken.   B

 

114. Wenn uns von einer Gesellschaft von Leuten träumt, wie sehr in ihrem Charakter lassen wir sie nicht reden! Warum gelingt uns das nicht ebenso, wann wir schreiben?   B

 

115. Was hilft das Lesen der Alten, sobald ein Mensch einmal den Stand der Unschuld verloren hat, und wo er hinsieht, überall sein System wieder findet? Daher urteilt der mittelmäßige Kopf, es sei leicht, wie Horaz zu schreiben, weil er es für leicht hält, besser zu schreiben, und weil dieses besser zum Unglück schlechter ist. Je älter man wird (vorausgesetzt, daß man mit dem Alter weiser werde), desto mehr verliert man die Hoffnung, besser zu schreiben als die Alten. Am Ende sieht man, daß das Eichmaß alles Schönen und Richtigen die Natur ist, daß wir dieses Maß alle in uns tragen, aber nur so überrostet von Vorurteilen, von Wörtern, wozu die Begriffe fehlen, und von falschen Begriffen, daß sich nichts mehr damit messen läßt.   B

 

116. Es soll Menschen gegeben haben, die, wenn sie einen Gedanken niederschrieben, auch sogleich die beste Form dafür getroffen haben sollen. Ich glaube wenig davon. Es bleibt allemal die Frage, ob der Ausdruck nicht besser geworden wäre, wenn sie den Gedanken mehr gewandt hätten; ob nicht kürzere Wendungen möglich gewesen wären; ob nicht manches Wort hätte wegbleiben können, und dergleichen. – Gleich auf den ersten Wurf so zu schreiben, wie z. B. Tacitus, liegt nicht in der menschlichen Natur. Um einen Gedanken recht rein darzustellen, dazu gehört vieles Abwaschen und Absüßen, so wie einen Körper rein darzustellen. Um sich hiervon zu überzeugen, vergleiche man nur die ersten Ausgaben der Reflexions von Rochefoucauld mit den spätern. Man sehe die Ausgabe des Abbé Brotier (Paris 1789), so wird man finden, was ich gesagt habe. Wenigstens wird es kaum möglich sein, gleich das erstemal so zu schreiben, daß man eine Schrift öfters wieder liest, und immer mit neuem Vergnügen. Brotier drückt sich in eben dieser Ausgabe vortrefflich hierüber aus. Er sagt: »Corneille, Bossuet, Bourdaloue, la Fontaine et la Rochefoucauld ont pensé et nous pensons avec eux, et nous ne cessons de penser, et tous les jours ils nous fournissent des pensées nouvelles; que nous lisons Racine, Fléchier, Neuville, Voltaire, ils ont beaucoup pensé, mais ils nous laissent peu à penser après eux. Tels sont dans les arts Raphael et Michel-Ange, qui ont animé et animent encore tous les artistes, tandis que Guido et le Bernain plaisent, sans qu'il sorte de leurs ouvrages presque aucune étincelle de ce feu, qui porte la lumière et la chaleur.« – Auch verliert sich beim öftern Hin- und Herwenden des Gedankens der Kitzel zu glänzen, und man streicht weg, was bloß des Glanzes wegen dasteht.   B

 

117. Das, was man wahr empfindet, auch wahr auszudrücken, das heißt, mit jenen kleinen Beglaubigungszügen der Selbstempfindung, macht eigentlich den großen Schriftsteller; die gemeinen bedienen sich immer der Redensarten, die immer Kleider vom Trödelmarkt sind.   B

 

118. Die beiden ersten Menschen hat man betrachtet; ich wünschte, die Dichter möchten es einmal mit den beiden letzten versuchen.   B

 

119. Der einzige Fehler, den die recht guten Schriften haben, ist der, daß sie gewöhnlich die Ursache von sehr vielen schlechten oder mittelmäßigen sind.   B

 

120. Eine seltsamere Ware, als Bücher, gibt es wohl schwerlich in der Welt. Von Leuten gedruckt, die sie nicht verstehen; von Leuten verkauft, die sie nicht verstehen; gebunden, rezensiert und gelesen von Leuten, die sie nicht verstehen; und nun gar geschrieben von Leuten, die sie nicht verstehen.   B

 

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