Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Tony Schumacher >

Li und Lu und andere Erzählungen für die Jugend

Tony Schumacher: Li und Lu und andere Erzählungen für die Jugend - Kapitel 8
Quellenangabe
authorTony Schumacher
titleLi und Lu und andere Erzählungen für die Jugend
publisherLevy & Müller Verlag
printrunSiebte Auflage
yearo.J.
illustratorErnst Kutzer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid4c82ce57
Schließen

Navigation:

Rosels Prüfungszeit

Die Witwe Klein ging von der etwa eine halbe Stunde von ihrer Wohnung entfernten Fabrik, in der sie arbeitete, nach Hause. Sie trug einen Pack mit Heimarbeit, und ihre Nachbarin, die gleichfalls dort beschäftigt war, gesellte sich zu ihr. Eine Strecke weit sprachen sie nicht viel zusammen. Beide waren müde und eine jede hatte wohl den Kopf voll eigener Gedanken.

Frau Bürger, die Nachbarin, sah den Pack, den die andere trug, und sie sagte: »Wie kannst du's nur auch möglich machen, auch zu Hause noch für die Fabrik zu arbeiten? Wenn ich heimkomme, empfängt mich meist solch ein arger Kinderumtrieb, daß ich zuerst Ruhe schaffen und mich dann schnell ans Kochen machen muß, denn mein Mann will doch zur richtigen Zeit sein Essen haben! Und dann kommt ein jedes der Kinder und will etwas, und geflickt muß doch auch werden und eingekauft und dann wieder gewaschen. Und bis die Kinder alle im Bett sind, geht die Zeit vollends herum und man hat absolut nichts von seinem Abend nach der Schinderei in der Fabrik den ganzen Tag!«

Frau Klein hätte manches zu sagen gewußt von »besserer Einteilung«, von »vielen Zeitversäumnissen durch Schwatzen« usw., aber sie schwieg lieber, denn Frau Bürger war im Grunde eine gute Frau. Sie waren Schulfreundinnen gewesen und hielten trotz ihrer verschiedenen Art doch treue Nachbarschaft. So erwiderte sie nur: »Ich könnt's ja auch nicht, wenn ich nicht meine Rosel hätte. Kann ja nicht froh genug sein, daß die gerade aus der Schule kam, wie mein Mann starb, und ich dann die Arbeit in der Fabrik annehmen mußte. Hart geht's schon manchmal her, bis ich an seiner Stelle mich und meine Drei versorge. Aber das versteht die Rosel und tut deshalb, was sie kann.«

»Es wäre mir auch recht, meine Elsa würde mir mehr helfen, aber du weißt, sie wollte durchaus zu Fräulein Müller in die Lehre als Putzmacherin gehen, wozu sie auch viel Geschick hat, und mit der Zeit kann sie da ein schönes Stück Geld verdienen.« Mit einem kurzen Gruß verabschiedete sich Frau Bürger, und die Freundin hätte gerne gesagt, ob's nicht doch besser wäre, sie behielte vorderhand die erwachsene Tochter daheim zur Hilfe im eigenen Haushalt, wo es oft bei den vielen Kindern drunter und drüber ging. Ob's nicht auch einträglicher wäre, wenn die Mutter daheim bliebe, wo doch der Vater noch da war, der durch seine Tischlerei immerhin verdiente?

Von einem kleinen Häuschen her erscholl ein fröhliches: »Grüß Gott, Mutterle! Kommst schon? Wart', ich nehm' dir den schweren Pack ab!« Und Rosel, von der vorhin gesprochen wurde, wollte aus dem Hausflur herausspringen, als die Mutter rief: »Laß nur, bleib' nur bei deinem Geschäft!« Und dabei war sie selber ins Haus getreten und hatte den schweren Pack auf eine Bank fallen lassen.

Rosel stand an einem Waschzuber und wand eben die letzten Wäschestücke aus der Brühe. »Fertig, Mutterle, fertig! Und jetzt ist noch so schön Tag, und der Abendwind weht, und da kann ich schnell noch aufhängen, dann haben wir den Abend für uns!« Ein Paar liebe, freundliche Augen sahen die Mutter strahlend an, während die fleißigen Mädchenhände noch schnell den Rest der Arbeit vollbrachten. Mutter war inzwischen in die zu ebener Erde gelegene Stube getreten, in welcher an dem Tisch in der Ecke ein Knabe von etwa 15 Jahren saß und eifrig lernte.

»Hast deine Aufgaben bald fertig?« fragte die Mutter. »Ist dir's heut' gut gegangen in der Schule?« Und der Bub konnte vorerst nur mit dem Kopf nicken, denn er schrieb eben den letzten Satz an seiner Arbeit.

»Glänzend ist's gegangen, Mutter, und der Lehrer hat mich gelobt!« Der Bub war aufgesprungen und ergriff seine Mütze. »Aber jetzt gehe ich noch zu Bürgers Robert hinüber, das Essen ist doch noch nicht gerichtet!« Und er wollte fortstürmen, als die Mutter fragte: »Wo ist denn unser Jörg?« Auf die flüchtige Antwort Pauls: »Der wird wohl unten auf der Gasse sein!« sagte die Mutter in etwas ärgerlichem Ton: »Dann hol' ihn zuerst herauf, und danach hilf schnell Rosel den schweren Waschkorb tragen, und dann ist's immer noch Zeit, zu dem Robert hinüber zu laufen.«

Frau Klein gönnte ihren fleißigen Kindern gewiß Erholung nach ihrer Arbeit, aber die Freundschaft mit Bürgers Robert gerade sah sie nicht sehr gerne. Vor allem aber kam die Pflicht, vollends seit sie den Tag über nicht mehr zu Hause sein konnte, denn ihr Mittagessen nahm sie in einem Korbe mit sich und verzehrte es, gleich den anderen, zwischen 12 und 1 Uhr in dem Kantinenraum der Fabrik. Ihren dreieinhalbjährigen Jörg hatte sie deshalb der Obhut der Geschwister übergeben, und besonders Paul sollte sich in seiner freien Zeit seiner annehmen. Zu lange wußte sie nicht gerne das Kind auf der Gasse, die man ihm ja nicht verwehren konnte. Aber der Kleine war gut veranlagt und war auch ganz zufrieden, wenn er in der Nähe von Bruder und Schwester sitzen durfte, während diese arbeiteten; das Kind wußte sich auch ganz nett selbst zu beschäftigen. Aber wie schon manchmal hatte Paul über seinem Lernen und seinen Kameraden den kleinen Bruder vergessen, und auch jetzt erhob sich von der Straße her ein Geschrei, und der Jörgle kam, über und über mit Schmutz bespritzt, an der Hand des Bruders daher.

»Ich kann nichts dafür, daß der Bub immer dahin geht, wo's am schmutzigsten zugeht!« entschuldigte sich Paul und nahm dann schnell Reißaus, während Rosel inzwischen dazugekommen war und, den kleinen Bruder beschwichtigend, sagte: »Schrei' nicht und trockne deine Tränen! Und wenn ich meine Wäsche vollends aufgehängt habe, dann steck' ich dich geschwind in die noch übrige Seifenbrühe, und dann wird aus unserem Dreckmännle wieder ein ganz sauberes Büble.«

Mutter ging jetzt in die Küche, denn der Rosel konnte sie ja getrost ihren Kleinen überlassen. Und als einige Zeit nachher die Familie vereint um den Tisch saß, auch Paul stellte sich dazu zur richtigen Zeit ein, da schmeckte es allen herrlich, besonders auch der Mutter, für die es die Hauptmahlzeit war. Als es aber Abend wurde – es herbstelte schon gewaltig – da machte die Mutter ihren Pack auf, legte sich die zugeschnittenen Trikotteile von Hosen und Leibchen zurecht und fing an zu nähen, und die Rosel half, sie konnte schon ganz nett Knopflöcher machen. Und das Rasseln der Nähmaschine hinderte Paul nicht, aus einem interessanten Buch, das der Lehrer ihm geliehen hatte, vorzulesen. Der Jörgle war vorher zu Bett gebracht worden und schlief friedlich hinter der angelehnten Schlafstubentüre. Wie gut und schön war's da, auch die beiden Ältesten verlangten nach nichts anderem, und wenn auch der Mutter Gedanken oft den früheren Zeiten nachgingen, wo ihr Mann, der als Gartenarbeiter beim Fabrikbesitzer angestellt war, ebenfalls gerne und zufrieden dabeisaß, so ward ihr wohl manchmal recht wehmütig, recht heimwehig zumute. Aber der Blick auf ihre Kinder gab ihr dann immer wieder Mut und Kraft zum Weiterleben.

Es war nun November geworden und Rosel sagte eines Morgens: »Mutter, heute will ich ins Gärtchen gehen und die Rosen niederlegen, überhaupt die Beete mit Tannenzweigen belegen, denn wer weiß, ob nicht über Nacht Frost kommen kann, und dann ist vorgesorgt.« Rosel hatte die große Vorliebe für Blumen vom Vater geerbt, und der kleine Garten war ganz ihrer Fürsorge übergeben, seit Mutter in die Fabrik ging.

»Bind' auch ein warmes Tuch um, wenn du vorher in den Wald gehst und die Zweige holst!« sagte die Mutter noch beim Fortgehen, und sie warf einen etwas besorgten Blick auf ihr Kind, das ein wenig hustete. Die Nachbarin hatte ihr erst gestern gesagt: »Die Rosel schießt aber gewaltig in die Höhe. Mutest du ihr denn nicht zuviel zu?« Und der Arzt, der so treulich ihren Mann besucht hatte und öfters vorbeikam, hatte kürzlich die Bemerkung gemacht: »Ißt die Rosel auch fest? Die muß man füttern bei ihrem starken Wachsen, und ich werde ihr Lebertran verschreiben, daß sie wieder rötere Backen bekommt!«

Es blies heute ein abscheulich scharfer Herbstwind, als Rosel hinter ihrem Hause den Abhang, an dem oben ein kleiner Wald begann, hinaufging. Sie hatte einen Henkelkorb am Arm, eine Baumschere drinnen und noch ein großes Tuch dabei liegen, um weitere Tannenzweige hineinzubinden. Der Weg war nicht weit, und gleich am Anfang des Waldes stellte sie den Korb neben sich und fing an zu schneiden. Sie wußte, daß sie das durfte, denn der Ochsenwirt, dem gerade dieser Teil gehörte, hatte Vater immer erlaubt, seinen Bedarf dort zu holen. Auch wußte Rosel ganz genau, welche Zweige sie abschneiden durfte und welche nicht. Etliche lagen schon am Boden, und sie schichtete sie in den Korb.

»Weiß gar nicht, warum ich heute so müde bin,« dachte sie, und sich aufraffend, streckte sie sich in die Höhe, um hoch oben zu schneiden. Da plötzlich fühlte sie am Knie etwas wie einen Stich, dem ein recht merkwürdiger Schmerz folgte, der auch nachher, als sie sich auf einen abgesägten Stamm setzte, nicht weichen wollte.

»Ist das dumm!« dachte sie. »So was habe ich noch gar nie gehabt. Aber es wird schon bald wieder vergehen!« Und von neuem gab sie sich einen Ruck, denn sie mußte die Zweige doch haben. Sie brachte es auch zustande, selbst das Tuch noch zu füllen und es beim Hinabschreiten hinter sich nachzuschleifen. Aber als sie unten ankam, mußte sie sich auf das Bänkchen vor dem Haus niedersetzen, denn es war ihr vor Schmerzen ganz übel geworden. Nach einiger Zeit wurde es besser, und sie machte sich an ihre vorgehabte Arbeit im Garten. Aber sie kam nicht vorwärts damit, so daß sie wieder ins Zimmer ging und anfing, Pauls zerrissene Hosen zu flicken. Als der Bub aus der Schule kam und sah, daß es der Schwester nicht gut war, bot er sich an zu helfen, aber der Wind hatte sich gelegt und es begann zu regnen, so daß es mit der Arbeit draußen nichts war.

Paul mußte, so ungeschickt er sich auch dabei anstellte, die Suppe, die zum Glück noch vom Tage vorher vorhanden war, wärmen und übrige Kartoffeln, die sich im Küchenschrank befanden, rösten. Rosel war wirklich nicht imstande aufzustehen, und ein arger Schrecken überfiel sie. Aber so was mußte doch, so schnell wie es gekommen, auch wieder vergehen, und wieder und wieder griff sie nach der Arbeit. Nein, so etwas mußte sich doch erzwingen lassen! Mit einem raschen Entschluß wollte Rosel aufstehen, denn das Brüderlein kam gerade von der Gasse herauf und rief nach der Schwester. Aber es gelang ihr nicht, auf dem Bein zu stehen, das Knie knaxte wieder zusammen, und sie mußte Paul von seiner Kocherei wegrufen, um dem Jörgle zu Hilfe zu kommen. Das Büblein wollte sein noch vom Vater gemachtes Leiterwägelein hereinschleppen, das mit einem Haufen Steine beladen war, und der Stubenboden war doch heute morgen so rein geputzt worden.

Inzwischen streckte Elsa Bürger, die gerade von ihrem Geschäft am Hause vorbeikam, den Kopf zu der offen gebliebenen Tür herein, von wo es nach angebranntem Fett roch, und da die Mutter ihr alleweil die Schulfreundin als Beispiel hinstellte, rief sie nicht ohne kleine Schadenfreude: »Wo steckt denn die Rosel? Da riecht es ja einfach fürchterlich!« Als diese aber mit kläglicher Stimme aus der Stube heraus antwortete: »Ich weiß nicht, was ich habe, mein Bein tut mir so weh!« und es der inzwischen eingetretenen Elsa vorwies und erzählte, wie es zugegangen war, da sagte das Mädchen gutmütig, wie sie im Grunde war: »Wart' nur, da schick' ich dir gleich die Kreszenz von da drüben, die weiß für alles Rat, und sie hat erst neulich meinem Bruder seinen bösen Finger geheilt, in den der Doktor hineingeschnitten hatte, so daß er laut schreien mußte. Mir hat sie vom Zahnweh geholfen und der Schlossersbase vertreibt sie allemal wieder ihre Gliederschmerzen.« Und Elsa hätte noch allerhand solche Fälle gewußt, aber Rosel war's jetzt wirklich nicht darum zu tun, von anderen Leuten reden zu hören, und sie sagte: »Wenn du vielleicht nur nach Pauls Rösterei sehen würdest – mit der Kreszenz will ich doch lieber warten, bis die Mutter kommt!«

Die Kreszenz, ein altes Jüngferlein, das sich viel mit Hausmitteln aller Art befaßte, kam trotzdem nach ganz kurzer Zeit und strich und bearbeitete das Knie und schmierte dann eine selbstverfertigte Salbe darauf, was im Augenblick den Schmerz etwas dämpfte, der aber im Laufe des Nachmittags, wo Rosel gezwungenerweise sitzen blieb, erneut auftrat.

Um halb sechs kam Frau Klein und war nicht wenig erschrocken, als ihr Kind, statt wie sonst die Mutter mit fröhlichem Gruß zu begrüßen, so elend dasaß und sagte: »Ich weiß nicht, Mutterle, was mit mir ist, 's tut halt so arg weh!« und dann mit unterdrücktem Weinen die Sache erzählte.

»Warum hast du dich denn nicht gleich ins Bett gelegt, Kind?« Als aber die Mutter gleich darauf Rosel dahin führen wollte, das Mädchen aber nicht stehen konnte, da war's das erste, daß sie sich die Sache ansah, die nicht gut riechende Salbe entfernte und nachher mit starkem Arm ihr Kind glücklich ins Bett brachte. »Wart' nur, ich mach' dir warme Umschläge, – hab's auch einmal so gehabt. Es wird eben ein verknaxter Fuß sein, und die Kreszenz hätten wir dazu nicht gebraucht, die meint's gut, aber ich will sie lieber nicht im Hause haben,« sagte sie.

Die Nacht verlief jedoch sehr unruhig. Mutter goß auch noch Arnika zu den Umschlägen, und dann versuchte sie es, weil die Schmerzen gar nicht besser werden wollten, zur Abwechslung mit kaltem Wasser. Der Tag kam heran und beide hatten nicht geschlafen, und in einer Stunde sollte Frau Klein doch zur Fabrik gehen. Rosel unterdrückte ihr Stöhnen um der Mutter willen, aber als diese in dem Augenblick das Tuten eines Autos auf der Straße hörte und wußte, daß um diese Zeit der Oberamtsarzt durch das Dorf fuhr, da sagte sie rasch entschlossen: »Ich bitt' ihn, daß er geschwind hereinkommt. Ich weiß, daß er das tut!« Gleich darauf hielt das Auto vor dem Häuslein, und des Doktors breite Gestalt trat unter die Türe.

»Was ist denn mit dir, Rosel? Soll ich dir vielleicht einen Zahn ausziehen?« fragte er in seiner immer zu Spässen bereiten Art. Aber als Rosel mit ängstlicher Stimme den Sachverhalt erzählte, und als er den nun recht angeschwollenen Fuß besah und von allen Seiten befühlte, da hatte er statt eines Spasses nur ein trockenes »Hm, hm!« bereit, und sein Gesicht zeigte gar nimmer den lustigen Ausdruck.

»Frau Klein,« sagte er nach einigem Besinnen, »die Sache ist nicht so einfach, wie ich hoffte, und wir werden auf ein längeres Liegenbleiben gefaßt sein müssen.«

Die Mutter erblaßte, denn wie sollte das möglich sein, wo auf Rosel doch der ganze Haushalt ruhte? Der Arzt, der die Verhältnisse seiner Kranken kannte, wußte wohl auch, was er mit diesem ärztlichen Rat verlangte, denn eine Kranke fehlt ja nicht nur bei der Arbeit, sondern sie muß auch verpflegt werden. Deshalb sagte er erst wieder nach längerem Besinnen und nachdem er sich einen Augenblick an das Bett gesetzt und Rosels Hand ergriffen hatte: »Jetzt, Mädel, zeig' mal, was du kannst, nicht nur im Schaffen, sondern auch darin, daß du es dir und deiner Mutter dessetwegen nicht schwer machst, was ich euch jetzt sagen muß. So eine Kniegeschichte währt oft etwas länger und braucht Pflege, und hier kannst du deshalb nicht bleiben.«

Ganz entsetzt fuhr Rosel in die Höhe, aber der Arzt drückte sie beschwichtigend wieder in die Kissen.

»Jetzt sei gescheit!« sagte er freundlich, aber sehr bestimmt. »Sei gescheit bei dem, was ich dir nun sage! Heute mittag komme ich wieder durchs Dorf und fahr' dann nach T. in die Universitätsstadt, wo ich zu tun habe. Das Vernünftigste ist – Mädel, den Kopf hoch – daß Mutter dich dann inzwischen richtet und gut warm einpackt, und ich bringe dich dann gleich selber in ein Haus, Klinik nennt man es, wo alle derartigen Sachen wie das, was du jetzt eben einmal hast, behandelt werden.«

»Oh, Herr Doktor, Herr Doktor, nur nicht von hier fort! Mein Mutterle und die Kleinen brauchen mich ja doch!« rief Rosel bei dieser Eröffnung ganz entsetzt. Aber Mutter wußte von Vaters Kranksein her, daß, wenn der Doktor irgend etwas so fest bestimmte, da nichts zu machen war. Tief erschrocken, denn auch sie wußte nicht was werden sollte, rang sie nach den richtigen Worten.

»Leicht wird's nicht gehen, aber wenn der Herr Doktor eben meint ...« Mutter schluchzte, und sie vermochte nicht weiter zu reden. Dieser aber ging gar nicht auf weiteres ein und sagte nur noch einmal ganz sachlich, aber aufs eindringlichste, zu Rosel gewandt: »Ich werde dich dort auf die Abteilung für jugendliche Kranke bringen und du wirst da noch manche andere Leidensgenossin finden und dich mit der Zeit ganz gut einleben. Im übrigen werde ich der Pflegerin dort sagen, was du für ein braves Mädel bist, und werde dich dem Arzt empfehlen.« Mit diesen Worten war er aufgestanden und hatte seinen Hut ergriffen. Die Mutter, die sich nur noch schwer fassen konnte, begleitete ihn hinaus.

»Herr Doktor, was soll denn dann aus uns ohne unsere Rosel werden? Herr Doktor, ich muß doch in die Fabrik gehen, – Sie wissen ja, daß es nötig ist. Mein Jörgle ist ja aber doch noch so klein, und der Paul steckt so mitten drin in seinem Lernen, und überhaupt Buben ...«

Aber da wußte der Doktor, dessen Fuß schon auf dem Trittbrett seines Wagens stand, auch keinen Rat, denn wie oft schon hatte er durch einschneidende Verordnungen, die er eben machen mußte, neue Sorgen in ein Haus gebracht, und mit einem kurzen: »Abwarten, auf Wiedersehen nach dem Essen, und nehmt's nicht zu schwer!« kurbelte er an, und das Auto ratterte davon.

»Nehmt's nicht zu schwer« ... Ja, das war leichter gesagt als getan. Besonders als Frau Klein ihre Rosel in Tränen fand, hätte sie am liebsten selbst geweint. Vorderhand wußte sie aber vor Denken und Richten nicht, wo ihr der Kopf stand, – es mußte doch vor allem erst für ihr krankes Kind gesorgt werden. Und erst als um zwölf Uhr Paul zurückkehrte und die Sache erfuhr, da wurde es allen klar, was bevorstand und wie es denn nun eigentlich werden sollte.

Daß Mutter nach wie vor in die Fabrik müsse, das stand fest. Des Abends, wenn sie heimkam, konnte ja noch manches im Haushalt geschafft werden. Die Heimarbeit, die mußte man freilich in dieser Zeit unterlassen, – das konnte nicht auch noch bewältigt werden. Paul saß zuerst dabei, als ginge ihn die ganze Sache nichts an, aber als er Rosel so bitterlich in sich hineinweinen sah, und als Mutter so ratlos war, da raffte er sich plötzlich zusammen, und er sagte mit einem gewissen Trotz: »Kochen werd' ich doch auch noch können, hab' ja oft genug zugesehen. Und Mutter kann ja doch auch manches im voraus machen. Was aber den Buben anbelangt, den nehme ich auf mich. Freilich muß er jetzt eben auch wie andere auf die Gasse gehen, so lange ich in der Schule bin, sonst aber könnt ihr sicher sein, daß ich ihm nichts geschehen lasse. Muß eben in Gottes Namen mein Lernen ein wenig zurückstellen,« fügte er mit etwas leiserer Stimme hinzu. Die beiden Frauen aber wußten, was dieses Versprechen dem Buben bedeutete. Mit Pauls Endsatz: »Eine Ewigkeit wird's ja wohl nicht währen!« suchten sich aber alle zu trösten. Und als um zwei Uhr das Auto vor dem Hause hielt, da war der alte Hausfreund erleichtert, die Beteiligten in etwas ruhigerer Verfassung zu finden.

... In der Jugendabteilung der Klinik in T. lag nun Rosel schon seit ein paar Tagen in einem großen Saal, inmitten von Mädchen und Kindern in jedem Alter, und es kam ihr immer noch nicht so recht zum Bewußtsein, wie das nur alles sich so rasch zugetragen hatte. Heute vor einer Woche noch stand sie am Waschzuber. Freilich hatte sie schon seit längerer Zeit eine leichte Schwäche in ihrem Fuß gespürt, aber sie hatte nicht darauf geachtet. Und nun war sie hier in dieser ganz fremden Umgebung, und das Arge und gänzlich Ungewohnte war, sie mußte vorerst ganz wagrecht, ohne Kissen, in einem sogenannten Zugverband liegen und konnte sich nach keiner Seite hin rühren, denn ein schweres, an einem Gestell angebrachtes Gewicht verhinderte sie daran.

»Das halt' ich nicht aus!« hatte sie am ersten Tag zu ihrer Pflegerin, einer noch ganz jungen Schwester, gesagt.

Die aber erwiderte gleichmütig: »Das meinen alle und haben's dann doch ausgehalten!«

Nicht einmal die Nachbarinnen rechts und links konnte man sich ansehen! Was es doch nur auch mit dem Bein war, daß der Doktor unterwegs es ein paarmal so sorgsam anders bettete? Und dann, als sie angekommen waren, und die vielen Herren in weißen Röcken um sie herumstanden und untersuchten, da war ihres Doktors fröhliches Gesicht ganz ernst gewesen, als er ein paar fremd lautende Wörter sagte. Und der Anstaltsarzt, der seither täglich einen Besuch in dem Saal machte, wußte gar nichts anderes zu sagen, wenn er an ihr Bett kam, als: »Brav liegen bleiben, das ist die Hauptsache!«

Ja, das war freilich die Hauptsache, aber keine leichte. Nicht einmal lesen konnte man in der ebenen Lage, wo einem gar bald die Augen weh taten und die hocherhobenen Hände das Buch bald wieder fallen ließen. Die junge Schwester hatte gar viel zu tun mit Verbinden und Hilfeleisten, und kaum daß sie ein paar Worte mit einem sprach, wurde sie schon wieder zu jemand anderem gerufen. O wie lang waren da die Tage, und dann erst die Nächte, wo Rosel dazu noch manchmal husten mußte, – wie dumm, daß sie sich scheint's auch noch erkältet hatte! Aber das Schlimmste waren doch die Gedanken, welche die Wachliegende quälten, die Gedanken an daheim, und wie es da wohl gehen würde. Es war ja alles so schnell gekommen, daß man gar nicht darüber hatte reden können. Ganz heiß wurde es Rosel oft. Wer würde nun wohl kochen? Mit Schrecken fielen ihr dabei Pauls meist mißlungene Versuche ein. Die Mutter, wenn die doch eine andere Arbeit gehabt hätte! Sie ging nicht gerne in die Fabrik, aber sie mußte doch verdienen, von was hätten sie denn sonst leben sollen? Und der Jörgle, das Büble, das keine Aufsicht hatte, jetzt wo es doch anfing schon recht kalt zu werden, und da so allein auf der Gasse! Ach, wenn doch T. nicht so weit von daheim wäre, daß sie hätte fragen können, – gewiß eine Stunde lang war man mit dem Auto gefahren, und niemand, auch der Paul nicht, konnte nach ihr sehen. Wie's dem auch mit seinem Lernen ging? Und ob er, wenn er keine warme Stube hatte, nicht zuviel zu dem Bürgers Robert hinüberlief?

Und wenn es Rosel endlich einmal gelang, den Schlaf zu finden, so stöhnte ein junges Mädchen, das neben ihr lag, vor Schmerzen oft so laut, daß man da wieder jäh aufwachte. Mine hieß sie, war 17 Jahre alt und hatte keine Eltern. Sie diente in einer Wirtschaft und hatte sich beim Heben eines Kessels mit heißem Wasser die Hände und das halbe Gesicht verbrüht. Freilich, wenn Rosel sich damit verglich, so war ja das, was sie auszustehen hatte, nichts dagegen. Auf ihrer anderen Seite lag ein Kind, ein Mädelchen von vielleicht sechs Jahren – wegen Kinderlähmung hieß es – das auch einen Zugverband hatte. Es lag schon, wie die Schwester sagte, monatelang, hatte aber keine Schmerzen und war's wohl auch gar nimmer anders gewöhnt, denn es spielte den ganzen Tag mit seiner Puppe, die nur einen Arm hatte, und die sie der neuen Nachbarin gleich am ersten Tag vertrauensvoll durch das Gitter ihres Bettchens zugeschoben hatte. Ein ganz klein wenig konnte Rosel den Kopf wenden, und sie sah dann runde Bäckchen mit einer Stülpnase und strohgelbe, kurzgeschnittene Härchen. Und so wenig wie die arme Mine sprach, so viel plapperte und plauderte die Kleine auf der anderen Seite. Das war ja nett. Aber manchmal mitten während dem Spiel, und besonders des Abends in der Dämmerung, fing das Kind plötzlich an zu weinen und »Mamme! Mamme!« zu rufen. Es fiel ihm seine Mutter ein, welche aber recht wenig nach ihm sah. Das steckte Rosel an, und wenngleich sie doch soviel älter war, so überkam sie dann auch Angst und ein Wehgefühl, so daß sie mit der Kleinen um die Wette schluchzte, natürlich möglichst unterdrückt, die Schwester mochte das nicht und sie sagte: »Seid still, denn wenn alle im Saal zusammenweinen würden, das gäbe ein schönes Konzert!«

Gleich in den ersten Tagen war ein Brief von der Mutter gekommen. Er war natürlich nur kurz, denn wo sollte sie zu einem langen die Zeit hernehmen? Aber er enthielt viel Liebes und vor allem die Mahnung, Rosel solle sich nicht absorgen, der liebe Gott werde ja schon weiterhelfen. Vorderhand bleibe sie einmal ein paar Tage zu Hause und dann sehe man weiter. Der Jörgle gehe nicht von ihr weg. Paul tue, was er könne. Die Hauptsache sei jetzt, daß sie, die Rosel, gut versorgt sei und bald wieder gesund werde ...

Rosel bekam dann von der Schwester einen Briefbogen und Bleistift, aber nicht gerne, denn der Herr Doktor liebte nicht, wenn man liegend schrieb. Aber die Mutter mußte doch Nachricht bekommen. Und so hatte die Kranke, wenn auch mühsam, doch einen Brief zustande gebracht, der schloß: »... Und, Mutterle, ich hab' wohl Heimweh, da kann ich nichts dafür, aber sorgt Euch nicht um mich. Ich meine, das Bein sei schon besser, denn wenn ich ganz ruhig bin, schmerzt es schon nimmer so arg, und ich wollte nur, ich könnte den Jörgle den Tag über hüten, Zeit hätte ich schon dazu. Und er könnte sich mit der kleinen Ingeborg, die neben mir liegt und etwas an der Hüfte hat, wohl unterhalten. Aber das geht ja nicht ...«

Dies und noch vielerlei Pläne, die Rosel in ihren einsamen Stunden in ihrem Bett für die daheim ausdachte, waren ja auch nicht brauchbar. Eine Schachtel mit Wäsche und sonst noch Verschiedenem, was in der Abreiseeile damals nicht mitgenommen wurde, hatte Mutter inzwischen geschickt, und ein Weißbrot nebst einer Schokoladetafel lag auch dabei, und sie schrieb nur kurz: »Sie haben mir durch Frau Bürger Heimarbeit aus der Fabrik geschickt, aber du weißt ja, bei dem besten Willen bringt man nicht viel zustande, – bin ja doch auch keine gelernte Näherin ...« Ob Rosel das wußte! Mutter war ja ein Bauernkind, das, wie Rosel selber, am liebsten im Freien arbeitete, – das Sitzen fiel ihr schwer. Und von neuem dachte sie an alles mögliche, ob wohl Mutter dazukam, Paul seinen warmen Winterkittel herauszuflicken? Dann sollten seine Stiefel gesohlt werden, und Mutter selber sollte so notwendig ein warmes Tuch haben! ...

Wochen waren nun schon verflossen, seit Rosel von zu Hause fort war, und gerade heute Nacht hatte sie das Heimweh nach den Ihrigen besonders stark überfallen – vielleicht hatte sie auch im Traum geweint – so daß die Mine neben ihr, deren Wunden anfingen zu heilen, ihr zurief: »Was hast? Tut dir denn das Bein wieder weh? Oder sonst etwas?«

Nein, das Bein war's nicht, obgleich es ihr vorkam, als ob die kleine Besserung, an die sie geglaubt, doch nichts gewesen wäre. Rosel schlief gegen Morgen wieder ein, und wachte – es war ein Sonntag – erst wieder auf, als die Schwester ihr das Frühstück brachte und ein wenig zugänglicher als sonst ihr die Brezel, die es an diesem Tag gab, zuschob und die Tasse zurechtrückte.

»Recht häßliches Wetter ist es heut',« sagte sie. »Schneewirbel! Auf den Dächern liegt es schon ganz weiß! ... Es werden heute wenig Besuche zu den Kranken kommen, was ja auch wieder gut ist, denn die fremden Leute tragen einem oft viel Schmutz herein und bringen unnötige Eßwaren, durch die es nachher nur wieder verdorbene Mägen gibt.«

Rosel dachte: Zu mir kommt doch niemand, da dürfte die Schwester ruhig sein. Und nach dem Essen – es gab heute Braten und Salat und ein Stück Kuchen – versuchte sie ein wenig zu lesen, nachdem es ihr gut geschmeckt hatte. Gegen zwei Uhr füllte sich das Zimmer mit Besuchen, und auch Ingeborgs »Mama« kam – sie war Putzmacherin in einem Geschäft. Und auch nach der Mine sah jemand. Es war die Wirtin, in deren Küche das Unglück damals geschehen war, eine sehr gesprächige Frau, die nur immer wieder hervorhob, daß es einfach ein schändliches Pech sei, daß die Brühe gerade das Gesicht getroffen habe. »Denn arg verschandelt siehst halt jetzt doch aus,« sagte sie, »und zur Kellnerin wirst eben nimmer taugen.« Mitleidsvoll hörte Rosel den Reden der Frau zu, als ein junger Bub sich durch die vielen Leute schob und dann fragend bei der Krankenschwester stand. Diese wies nach der Richtung zu ihr hin. Ja, war's denn möglich? ... Gleich darauf stand der Paul vor ihrem Bett, und sein ganzes gutes Bubengesicht strahlte als er sagte: »Gelt, das hättest du nicht gedacht? Die Mutter hat gemeint, es sei zu weit zum Gehen, vier Stunden hin und wieder vier zurück. Aber ich bin, wie's noch dunkel war, heute früh daheim fortgegangen und bin gewandert – fein war's, auch der Schnee – und jetzt bin ich da!«

Ja, war's denn möglich? Eins von zu Hause? Ihr Bruder stand leibhaftig vor ihr? Und als dann die Krankenschwester einen Stuhl herbeibrachte – sie freute sich wirklich, daß auch einmal jemand zu der Rosel kam – da setzte sich Paul gerne. Den Schnee hatte er draußen von Mütze und Jacke geschüttelt.

»Hast denn etwas gegessen?« war Rosels erste Frage, und erst als Paul ihr sagte, er sei vor einer Stunde schon gekommen, habe aber natürlich nicht hineingedurft, und da habe er drunten im warmen Gang sein Mitgebrachtes verzehrt, da konnte sie sich so recht von Herzen freuen. Und dann kam das Fragen und das Erzählen, und die Stunde, die den Besuchenden vergönnt war, verging viel zu schnell.

»Wie macht's Mutter? ... Wer wäscht? ... Wer kocht? ... Wer paßt auf den Jörgle auf? ... Denkt er noch an sein Rosele?« ... So überpurzelten sich die Fragen, und es war, Gott sei tausendmal Lob und Dank, nur Beruhigendes, was Paul berichten konnte. Die Leute im Dorf, sagte er, hätten recht Anteil genommen, und wie Rosel fortgewesen, sei gleich die Ochsenwirtin gekommen und habe gesagt, Paul dürfe, solange sie fort sei, jeden Tag Suppe und Gemüse bei ihnen holen. Wo so viele in ihrem Hause essen würden, mache so ein bißchen mehr Gekochtes nichts aus. Deshalb könne die Mutter getrost nach wie vor in die Fabrik gehen.

»Und wegen dem Jörgle, läßt Mutter dir sagen, sollst du dich auch nicht sorgen. Die Kreszenz ist am selben Abend noch, wo du fort bist, gekommen, um nach dir zu sehen, und sie hat sich angeboten, man solle nur den Jörgle zu ihr bringen, soviel Kraft habe sie schon noch, das Büble zu hüten, und sie sei doch nicht umsonst so viele Jahre Wärterin bei kleinen Kindern gewesen.«

»Fein!« sagte Rosel, »aber nur soll sie unser Büble nicht einsalben, das möchte ich nicht, – er hat ja doch hoffentlich kein Wehweh?« fügte sie lächelnd hinzu. Nun blieb aber nur noch der Paul übrig, und wie der wohl seine Tage zubringe? Aber der Bub war beleidigt, als sie darnach fragte, – sie wisse doch, wie wichtig ihm sein Lernen sei, und daß er doch nicht zu schlimmen Streichen neige. So war es nur eitel Freude, was die beiden Geschwister bei ihrem Zusammensein erfüllte. Und wenn auch Paul mit mißtrauischen Blicken den schweren Stein an Rosels Fußende betrachtete, und sich auch gar nicht recht hineindenken konnte, wie man es denn so lange in dem Bett da drinnen aushalten könnte, so sah Rosel ja eigentlich nicht krank aus, wie er nachher der Mutter versicherte, und sie sei auch so vergnügt, gerade wie zu Hause.

Die Mutter freilich, die hätte bei seiner Rückkehr gerne noch allerlei gefragt und gewußt. Aber viel mehr war aus dem Buben nicht herauszubringen, als daß sie gejammert habe, daß die Rosenstöcke am Ende doch erfroren seien, weil man sie so spät zugedeckt habe, und daß die Mutter kein warmes Tuch besitze.

Rosel aber schlief in dieser Nacht zum erstenmal auch ohne Kopfkissen und mit gestrecktem Rücken doch sorgenerleichtert und friedlich ein.

... Doch nicht immer blieb es so. Langsam schlich Woche um Woche nun dahin und Rosels Befinden besserte sich eigentlich nicht. Und wenn sie nach einer schlechten Nacht dann angstvoll die Pflegeschwester fragte: »Wie lange muß ich denn noch liegen bleiben, Schwester? Wird's denn aber auch immer noch nicht besser?« da hatte diese nur immer den einen Trost bei der Hand: »Solche Sachen brauchen halt Zeit, da muß man eben Geduld lernen!« Aber gerade dies war eine härtere Aufgabe, als wenn Rosel noch so viel und manchmal recht schwere Arbeit daheim auf sich nehmen mußte. Wenn sie nur irgend etwas hätte schaffen können! Die Schwester brachte ihr auf ihre Bitten hin Binden zum Säumen, oder auch Verbandflecke zum Legen. Aber es war dasselbe wie beim Lesen, Augen und Hände ermüdeten gar bald.

Einmal hatte Rosel eine große Freude gehabt, denn beim alltäglichen Ärztebesuch sah sie plötzlich auch unter den gewohnten Gestalten ihren lieben, alten Doktor von daheim. Schon von ferne grüßte er sie. Als er aber nachher an Rosels Bett stand, ihr die Hand gedrückt und sie prüfend angesehen hatte, da sagte er mitleidig: »Gelt, Rosel, ein bissele lang währt's schon, daß du so daliegen mußt?«

Ja, lange! Und Rosel, obgleich sie sich fast schämte, wußte wieder nichts anderes zu tun, als bitterlich zu weinen. Der Chef der Klinik war inzwischen dazugekommen, und nach gründlichem Untersuchen des Knies sprachen die Ärzte in ihrer kurzen, für Rosel kaum verständlichen Art zusammen. Nur einzelnes konnte sie erfassen: daß die Herren von Vaters Krankheit redeten, und das gehörte doch gar nicht daher! Und dann kamen dazwischenhinein Worte in einer anderen Sprache, aber als der Chefarzt sich entfernte, um seine Runde durch den Saal zu machen, da setzte sich ihr lieber, alter Freund einen Augenblick an ihr Bett, und Rosel hatte nun endlich Gelegenheit zu fragen, wie lange wohl das Kranksein noch dauern würde. Sie habe doch so ganz sicher darauf gerechnet, an Weihnachten wieder gesund zu sein und heim zu dürfen. Und jetzt sei das doch schon bald, und Mutter brauche sie doch daheim. Da streichelte der liebe Besucher des Mädchens Hand und er sagte: »Daß es lang dauern würde, das habe ich ja gleich gefürchtet, aber ebenso kann ich dir die Versicherung geben, daß es mit der Zeit wieder entschieden besser mit dir werden wird und daß du wieder heim darfst. Nur kann niemand sagen, wann das sein wird. Aber gib acht, wenn Weihnachten vorüber ist und die Tage länger werden, und die Sonne kommt und man euch arme Tröpfle hinaus auf die Terrasse legen kann, da wirst du bald sehen, daß das schlimme Knie seine Mucken aufgibt und sich besinnt, ob's nicht doch gescheiter wäre, zu werden wie es vorher war!« Des alten Freundes Stimme klang so beruhigend, daß Rosel sich schämte und lieber das schluckte, was sie sagen wollte: »Also noch so lange?«

... Doch mochte er ihr nachfühlen, was sie dachte, denn es klang ganz scherzend, als er sagte: »Kopf hoch, Rosel, was ist denn lang, und was ist kurz? Und wenn du, was ich ja gut versteh', gerne arbeiten möchtest, so braucht Arbeit doch auch nicht gerade in Waschen und Putzen und Kochen zu bestehen. Und wer wie du hier« – er blickte nach den Betten rechts und links – »so eine nette Nachbarschaft hat, wo man da und dort ein wenig helfen kann und wär' es nur mit einem fröhlichen Wort, der darf mir gar nicht von Langeweile reden. Und im übrigen, Rosel, soll ich dir ausrichten, daß es daheim auch ohne dich gehe, und daß, wenn sie's irgendwie möglich machen könne, die Mutter dir dein Christkindle selber bringe.«

Was war das für eine frohe Aussicht, über der Rosel in den nächsten Tagen alle quälenden Gedanken vergaß. Und überhaupt war im ganzen Saal jetzt eine erwartungsvolle und frohere Stimmung. Selbst die Mine vergaß das Jammern über ihr verunstaltetes Gesicht, das übrigens bereits anfing, sich wieder zu glätten und außer einigen Narben sein früheres Aussehen wieder zu gewinnen. Und die kleine Ingeborg, die sich über nichts Sorgen machte, plauderte den ganzen Tag von einer neuen Puppe, die sie vielleicht bekäme. Rosel aber hatte vermittelst einer Knüpfarbeit, die Augen und Hände nicht zu sehr anstrengte, kleine, bunte Sächlein verfertigt, Arbeiten von Kranken, die dann durch Damen in einem Bazar verkauft wurden. Dafür erhielt Rosel zu ihrer Wonne ein blankes Zweimarkstück, das sie sofort mit Hilfe der Schwester an Mutter schickte als Reisegeld.

Und diese war wirklich am ersten Feiertag nach Tisch gekommen, und, o Freude, sie hatte auch den Jörgle mitgebracht! Aber auch wieder die zwei Mark, weil der »liebe Herr Doktor« sie im Auto mitgenommen hatte. Jetzt solle nur Rosel sich eine Freude damit machen! Aber das war alles, alles ja jetzt Nebensache, denn Mutter war da, und sie saß an ihrem Bett, und sie konnten über alles jetzt zusammen reden, während der Jörgle sofort einen Nachbarschaftsbesuch bei Ingeborg machte, sich deren neue Puppe und andere kleine Spielsachen besah, und Guckguck durch das Gitterchen der Bettlade spielte. Obgleich nun die Mutter ihrem Kind immer wieder versicherte, daß alles ganz gut gehe auch ohne sie, so strafte ihr Aussehen sie doch Lügen, denn Mutters Gesicht war recht hager geworden, und Rosel empfand nur zu gut, daß doch nicht alles stimme. Wenn doch nur die Fabrikarbeit nicht sein müßte, und dazu noch am Abend die Arbeit daheim!

»Ist denn das Essen aus dem ›Ochsen‹ auch immer gut und genügend?« fragte Rosel besorgt. Und die Mutter bejahte es. Aber der Jörg sagte nachher, wie er in ein großes Stück Kuchen hineinbiß, das die Schwester ihm geschenkt hatte: »Das Mutterle gibt uns immer ihr Teil beim Essen, und dann hat sie selber nichts.«

»Wenn du nur wieder selber kochen könntest,« sorgte sich Rosel, denn sie kannte in dieser Hinsicht ihre Mutter. Aber das war eben nicht möglich wegen der Heimarbeit, oft bis tief in die Nacht hinein, die zum Durchkommen nötig war. Rosel meinte: »Wenn der Paul nur etwas verdienen könnte!« Aber das schnitt die Mutter sofort ab: »Da und dort hilft er ja schon bei irgend einem Bauern, aber für lange kann das nicht sein, denn du weißt ja, wie gut und wie gern er lernt, und wenn ich das erleben dürfte, daß er wie mein Vater einmal auch ein Lehrer würde, da täte ich mein Äußerstes, um ihm dazu zu verhelfen.«

Nur zu schnell verflossen die Stunden, wo der liebe Besuch dableiben durfte, und immer wieder mußte Mutter berichten und stellte Rosel wieder neue Fragen. Im Ganzen wußte Frau Klein ihr Kind ja gut versorgt hier, und da die Pflegerin ihr auch gesagt hatte, die Herren seien zufrieden mit dem Verlauf der Sache, da war es ihr ein großer Schrecken, als beim Scheiden Rosel auf einmal fragte: »Mutter, wie hieß denn die Krankheit, an der mein Vater gestorben ist?«

»Wie kommst du denn auf einmal auf diese Frage?« Und die Mutter wußte nicht, was sie darauf sagen sollte, als Rosel fortfuhr: »Wie unser Doktor da war, da fragte ihn der Chefarzt danach, und sie sprachen dann von Tu ... tub, ich weiß eben gerade dies Wort nicht mehr. Aber sie machten so ernste Gesichter hin, und seither packt mich oft eine solch dumme Angst, ich hätte dasselbe wie unser Vater, und ich müsse am Ende auch sterben. Sag', Mutter, sag'? Das Denken darüber macht mich oft so ängstlich und so traurig!«

Und erschrocken war die Mutter auch bis ins Tiefste ihres Herzens, denn sie kannte ja genau den Namen der Krankheit ihres Mannes, und daß es Schwindsucht gewesen war. Aber sich zusammennehmend, antwortete sie: »Dein Vater hat doch nie etwas am Bein gehabt, Rosele! Nur so schwer husten und atmen hat er müssen – du weißt es ja – und das kam bei ihm von den vielen Erkältungen her, die er immer wieder hatte.«

Erleichtert, aber doch noch prüfend sah Rosel der Mutter ins Gesicht, aber da kam eben ein Bote, der sagte, das Auto des Herrn Doktors sei unten. Da gab's nur noch einen kurzen Abschied, was dem Jörgle gar nicht behagte, denn er wäre am liebsten bei dem »netten Mädele« geblieben. Draußen aber im Flur gelang es Frau Klein, die Schwester noch zu erwischen, und aufs höchste beunruhigt konnte sie bloß noch fragen: »Schwester, was ist mit meiner Rosel? Schwester, muß ich mich sehr um sie sorgen, weil mein Mann an Tuberkulose gestorben ist?«

Die Schwester hatte ein Brett mit einer Tasse voll heißen Tees in der Hand und sollte eigentlich nicht zurückgehalten werden, auch war es nicht ihre Sache, solch ernste Fragen zu beantworten. Aber sie sah die Angst der Mutter, und da war es ihr immerhin eine Freude, antworten zu können: »Unsere Rosel hatte freilich etwas Ähnliches in ihrem Knie, als sie zu uns kam, auch hat uns der Husten nicht gefallen, aber der ist ja gottlob ganz vergangen, und das, was in dem Bein steckt, hoffen wir mit Höhen- und Frühlingssonne zum Stillstehen und Heilen zu bringen. Und ihre anfängliche Ungeduld hat sich ja jetzt auch gebessert!« fügte die junge Schwester lieb, aber doch etwas im Lehrton hinzu, und entfernte sich dann eilig. Es war ja in der Tat so, die Schwestern hatten wirklich keine Zeit sich zu unterhalten, besonders nicht mit den Besuchenden, und das hatte ja auch seinen guten Grund.

Auf dem Heimweg, als Frau Klein dem Herrn Doktor auch ihr Herz ausschüttete, da sagte dieser polternd: »So ist's, wenn die Kranken aufhorchen, was wir Ärzte miteinander reden, und dann nur die Hälfte verstehen. Die Hauptsache ist, daß Rosels Knie nicht schlimmer geworden ist, und im übrigen hatte die Schwester recht, Sie zu beruhigen. Wenn wir nur einmal das Rosele aus ihrem Zugverband wieder heraushaben, sie in Sonne und Luft bringen können, dann wird das Prachtsmädel, will's Gott, wieder ganz recht werden.«

Wie gerne hätte Frau Klein noch weiter geredet, aber das durfte man ja nicht, wenn jemand wie der Doktor sein Auto selber lenkte, der jetzt auch gar keine Antwort mehr gegeben hätte.

Nur einmal wendete er jäh den Kopf, als Jörgle gebieterisch forderte, man solle doch wieder umkehren, er wolle auch in so ein nettes Bett und in ein Spital, wie die Ingeborg. Und er erschrak, als der sonst so freundliche Doktor zurückschrie: »Schwätz nicht so dumm heraus und sei froh, daß du im Auto sitzest und mit deiner Mutter heimfahren darfst, Zipfel!«

... Weihnachten und Neujahr waren vorüber, und es kam der große Tag, wo mit Rosel der Versuch gemacht wurde, den Verband wegzunehmen und sie das Stehen probieren zu lassen. Wie hatte sie diesen Tag herbeigesehnt, und nun, da er da war, bangte ihr davor, und wohl mit Recht. Das Stehen ging ja schon, aber es war immer noch ein leichter Schmerz vorhanden, und unter Tränen vernahm sie den ärztlichen Bescheid eines nochmaligen Liegenmüssens. Wo sollte sie von neuem die Geduld dazu herbringen? Nein, das war zu schwer, – wieder warten und warten zu müssen, und daheim schaffte sich die Mutter ab und alles ging wohl drunter und drüber.

Die Schwester hatte Mitleid und brachte ihr einen Strauß Palmkätzchen und tröstete: »Jetzt harr' nur vollends aus, bis der Frühling kommt und man dich in die Sonne legen kann, da tut's auf einmal einen Ruck.«

Ach ja, der Frühling! Aber bis dahin war's noch lange, und wie sehnte sich Rosel nach Licht und Luft und Hinausdürfen! Einmal, im Anfang Februar, da ging ein Freuen durch den ganzen Saal: »Die Sonne scheint und wir dürfen auf die Terrasse!« Bis aber die Kranken alle gerichtet waren, kroch die Sonne schon wieder hinter Wolken, und alles war umsonst. So ging's noch manchmal, denn das Frühjahr kam gerade heuer recht spät. Die künstliche Höhensonne, die sollte ja wohl ein Ersatz sein, sie tat ja wohl auch gut, aber freie Luft und die wirkliche Sonne am blauen Himmel, die ersetzte sie eben nicht. Und wie sehnte sich Rosel danach, wie malte sie sich in den Stunden des Stilliegens in Gedanken ihr Heim aus, wandelte den Wiesenweg hinauf bis an den Waldrand, schaffte im Haus herum, – Mutter konnte ja nicht überall Ordnung halten! – vor allem aber ging sie mit wehem Herzen im Geiste durch den Garten, schorte und pflanzte, beschnitt die Sträucher, richtete die Beete und machte alles bereit für den kommenden Lenz. So vieles hatte sie vom Vater gelernt – und Mutters Freude war es ja auch – und jetzt konnte niemand, etwas tun, und wie mochte das liebe Gärtchen aussehen?

Die arme Verbrannte im Nebenbett war als geheilt entlassen worden und ein elendes, von Jugend an verkrüppeltes Wesen lag jetzt darin. Die wurde wohl nicht mehr gesund, denn sie hatte es auf der Brust, und Tag und Nacht quälten die Schmerzen. Wenn Rosel oft in der Nacht ihre schlaflosen Stunden hatte, da tauschten die beiden wohl auch manchmal gegenseitig ihre Lebensgeschichten aus, und dann schämte sich Rosel, wie wenig sie doch im Ganzen zu tragen hatte im Vergleich mit der Nachbarin. Wenn aber diese allemal ihr Lieblingssprüchlein sagte: »Klag' deine Not dem lieben Gott!« da tat der Friede, der von dem armen Geschöpf ausging, auch Rosel wohl, obgleich auf der andern ja kein beständiger Druck und keine Sorgen wegen daheim lagen wie auf ihr, denn sie hatte kein Heim. Aber Rosel faltete dann doch manchmal ihre Hände, und von ihren Sorgen ums irdische Heim lenkten sich ihre Gedanken auch nun hinüber auf eine Heimat, in der weder Krankheit noch Sichabsorgen mehr sein wird.

Die kleine Ingeborg neben ihr, die schlief meist gleich ein, die brauchte sich in ihrem Kindergemüt nicht um irgend etwas außer um ihre Puppe zu kümmern, und Rosel wußte doch, daß die Lähmung bei der Kleinen nie mehr heilen würde. Ihre regelmäßigen Atemzüge waren manchmal eher beruhigend als störend ...

Der zweite Stehversuch wurde gemacht, und er gelang. Wohl wankte und schwankte der Fuß und hatte noch keine Kraft, aber, o Wonne! Rosel fühlte keine Schmerzen mehr, die Ärzte zeigten sich befriedigt.

An einem der darauffolgenden Tage, als Rosel unter Aufsicht der Schwester Gehversuche machen durfte, die sie aber noch recht angriffen, da kam auch der treue Freund von daheim, ihr lieber Doktor, zufällig dazu, und seine Freude war groß: »Jetzt, Rosel, sind wir über dem Berg!« sagte er und klopfte sie auf die Schulter. »Und jetzt, wo die Sache verheilt ist, gehört nur noch Sonne und Bewegung im Freien dazu. Aber freilich, die Sonne, die läßt heuer lange auf sich warten, das ist ein Elend für alle unsere Kranken, und hauptsächlich für die Genesenden. Was hast du dich aber gestreckt, Mädel! Das ist recht, doch dein Aussehen, das gefällt mir noch nicht ganz!« Und er sah Rosel mit einem väterlich prüfenden Blick an. Da brachen bei Rosel, die sich eben noch recht schwach und elend fühlte, die Tränen aus.

»Oho! Steht's so mit den Nerven?« Der Doktor winkte der Schwester, und als er Rosel einen Schluck von dem herbeigebrachten Wein gegeben und dabei wiederholt gesagt hatte: »Jetzt trink', und dann heul' dich einmal aus!« da ging dem jungen Mädchen das Herz auf, und unter Schluchzen schilderte sie dem alten Freunde all ihre Sorgen, und wie sie eben nie recht schlafen könne, aus lauter Angst, der Fuß werde nicht mehr recht, und es gehe dann wie beim Vater, und die Mutter brauche sie eben, und ... und ...«

Nun sprach der alte Freund wie zu einem Erwachsenen, ernsthaft und sachlich: »Anfangs hatten wir auch Angst um dich gehabt, Rosel, aber daß es bei dir nicht so geht, wie bei deinem Vater, das kann ich dir jetzt schon versichern, und die Ärzte hier stimmen mit mir überein. Aber jetzt müssen wir vor allem etwas für deine Nerven tun, und ich hoffe, daß ich dafür sorgen kann. Vorderhand bleibst du einmal noch brav hier, machst fleißig Gehübungen und kannst, wenn du willst, jetzt auch im ganzen Saal herumlaufen und dir deine Leidensgenossen ansehen und mit ihnen reden. Und vielleicht kannst du auch nebenher den Schwestern ein wenig helfen, denn sie haben's wahrlich nicht leicht!« fügte er bei.

Ganz glücklich über diese Aussichten wollte eben Rosel noch manches fragen, nach daheim und so weiter, aber der Arzt war schon wieder im Begriff zu gehen.

»Wenn du magst, kannst du auch bald einmal den Versuch machen, die Treppe und in den Garten hinunter zu gehen!« sagte er noch, wehrte aber schnell ab, als sich bei Rosel schon wieder Tränen zeigen wollten, aber diesmal vor Freude, denn an so etwas Glückseliges hatte sie ja gar nicht zu denken gewagt. In einen Garten dürfen, Blumen und Bäume wieder sehen, das ging ja über alles Erwarten. Der Doktor aber sagte: »Von heute aber, das bitt' ich mir aus, wird dann nicht mehr gejammert und geflennt!« und damit war er schon wieder draußen, und kurz darauf ratterte sein Auto davon. Wie war er froh, daß Rosel ihn nicht direkt nach der Mutter gefragt hatte, denn die von ihm so geschätzte Frau, die täglich elender aussah, machte ihm seit einiger Zeit Sorge, – sie konnte entschieden die Fabrikarbeit nicht ertragen, und was dann? ...

Rosels Gehen machte von Tag zu Tag Fortschritte. Es kamen jetzt auch Stunden, wo wirklich Lenzesluft wehte, die Kranken endlich hinausdurften, und Rosel den ersten Gang in den Garten hinab wagte. Leberblümchen und Krokus blühten, Stachelbeersträucher trieben das erste Grün, und an den Bäumen waren Knospen zu sehen. Rosels Herz ging auf, und sie konnte nur immer wieder sagen: »Ach, lieber Gott, wie schön, wie schön!«

Daß es aber noch schöner für sie kommen könnte, das ahnte sie noch nicht. Ihr alter Freund hatte es zustande gebracht, daß Rosel mit noch verschiedenen anderen Krankgewesenen, zu denen auch die kleine Ingeborg gehörte, in einem großen, geschlossenen Auto in ein Kindererholungsheim tief hinein in die Berge fahren durfte.

Der Doktor hatte einige Tage nach dem Besuch in der Klinik in T. Frau Klein am Abend in ihrer Wohnung aufgesucht, um ihr die günstigen Nachrichten über ihr Kind zu bringen und sie von ihren Sorgen um Rosel zu befreien.

»Wir haben alle Ursache zu hoffen, daß sie in einiger Zeit, die sie noch im Schwarzwald zubringen soll, gesund und gekräftigt wieder nach Hause kommen kann!« sagte der Arzt. Aber mit einem prüfenden Blick auf Frau Klein und mit Kopfschütteln fragte er die vor ihm Stehende nach ihrem eigenen Befinden. Zuerst lautete die Antwort: »Mir geht's gut, und den Kindern auch!« Aber als der Arzt kurzweg sagte: »Ich glaub's nicht!« da kam's so nach und nach heraus, daß das Wort »gut« nicht recht passe, daß der Verdienst in der Fabrik ohne Nebenarbeit eben nicht genügend sei für sie alle, daß das tagelange Sitzen an der Maschine sie mehr ermüde, als wenn sie einstens draußen den ganzen Tag auf dem Felde gearbeitet habe, und daß sie immer die Sorge um die aufsichtslosen Kinder herumtreibe. Der Paul lerne wohl, aber lang nimmer so gerne und so gut, seit der Freundschaft, die er mit den Bürgerskindern geschlossen habe, besonders mit dem Robert, der ein Schlingel sei. Und wegen dem Kleinen sei sie auch recht in Not, denn gerade heute habe die Kreszenz ihr gesagt, sie möge das Büble ja recht gerne leiden, aber seit einiger Zeit werde er so wild und gehe ihr immer durch, und sie könne ihm doch nimmer nachlaufen und ihn einfangen. Und ihre Katze, die bravste, die es gebe, habe er kürzlich in sein Leiterwägelein hinein festgebunden und habe die arme Miez durchs ganze Dorf gefahren und schließlich umgeschmissen, so daß das liebe Tierle hilflos in einer Dreckpfütze gelegen sei, und sie es nachher kaum mehr sauber gebracht habe.

»Das Kind ist gewiß nicht bös, aber eben sehr lebhaft!« entschuldigte die Mutter, und der Doktor konnte zu all diesem Anvertrauten eigentlich keinen rechten Trost geben. Den einzigen Rat, sie solle eben die Fabrikarbeit lassen, war unausführbar.

Der Doktor gehörte zu der Sorte Ärzte, denen die Sorgen ihrer Patienten auch noch zu Herzen gingen, und nachdenklich fuhr er weiter bis zur Fabrik, wo er noch nach dem Jüngsten der Frau Direktor sehen wollte, der etwas Halsweh hatte. Er fand die Dame im Hof in eifrigem Gespräch mit ihrem Gärtner, der sagte: »Seit der Klein nicht mehr da ist, finde ich eben niemand Zuverlässiges mehr, der mir bei der Gartenarbeit hilft. Hab's mit Männern und Frauen probiert, aber keins hat nur auch ein wenig Verständnis und Interesse für die Sache, besonders auch für die Blumen.«

Da schoß dem Arzt, der noch ganz unter dem Eindruck seines letzten Gespräches stand, plötzlich ein Gedanke durch den Kopf. Und als der Gärtner, der schon lange Jahre im Dienste der Direktorsfamilie stand, sich bescheiden entfernen wollte, faßte er ihn am Rockzipfel und rief hastig: »Nicht fortgehen! Dableiben! Verzeihung, Frau Direktor, daß ich mich so dreinmische, aber ich glaube, daß das, was ich sagen kann, Sie beide interessieren wird.«

Und das, was der Arzt nun in wenigen Worten vortrug, mußte von wirklichem Interesse für die aufmerksam Zuhorchenden sein, denn die Unterredung endete mit einem Handschlag von seiten des Gärtners und einem: »Das wäre etwas, ... ja, das wäre wirklich etwas, Herr Doktor!« Die Frau Direktor aber sagte erfreut: »Wenn etwas daraus wird, Herr Doktor, so verdanken wir's Ihnen ... Dem Buben oben geht's gottlob heute abend wieder gut, und da könnten Sie vielleicht gerade noch schnell nach einem Besuch bei ihm die nötigen Schritte einleiten.«

... Oben auf der Schwarzwaldhalde, wo die Sonne, die sich nun endlich ihrer Pflicht erinnerte und den ganzen Tag auf das freundliche Kinderheim herabstrahlte, befand sich Rosel wie im Himmel. Ob's wohl dort noch schöner sein konnte als hier? fragte sie sich stündlich und gedachte dabei der lieben, armen Buckligen im Krankenhaus, die so geduldig gewesen und nun ausgelitten hatte, und die ihr so neidlos beim Scheiden noch nachgerufen hatte: »Wenn du auf deinem Berg droben bist, so denke daran, daß ich bald noch höher hinauf darf, wo's noch viel schöner sein wird!«

Aber herrlich, einfach herrlich war's hier. In langen, offenen Hallen durften sie liegen und sich von der Sonne wärmen und bestrahlen lassen, während hie und da noch Reste von Schnee lagen, neben denen schon rote und blaue Blümlein die Köpfe herausstreckten. Singen und Jubeln ertönte den ganzen Tag, und freundliche Mädchen – Tanten genannt – betreuten ihre Pfleglinge und taten fröhlich mit bei Spiel, Reigen und Gesang. Ach, wie war das so anders als drunten in dem Krankensaal mit der dumpfen Luft und all dem Jammer. Und nach und nach gewöhnte sich der Fuß auch immer mehr an kleine und an größere Spaziergänge. Stärkende Bäder gab es auch, und der junge Arzt, der hier oben waltete, sagte: »Wenn du so fort machst, Rosel, und so brav ißt, und weiterhin so rote Backen bekommst, so können wir dich als Reklamestück zeigen.«

Viele Fremde, die der Frühling herauslockte, kamen auch vorüber, die sich neugierig die Sache da oben anschauten, und sich dann aber gerne abseits auf die Gasthausterrasse setzten, weil doch immerhin auch manche Leidenden unter dieser jugendlichen Schar waren, deren Anblick doch recht »unangenehm« wirkte. In einer solchen Gesellschaft, wo es bei Wein und Forellen sehr lebhaft zuging, erkannte Rosel auch die Elsa Bürger von daheim. Rosel schob eben die kleine Ingeborg in einem Wägelein, das sie und andere mit Blumen bekränzt hatten, an der Gaststätte vorbei, und war auch von Elsa erkannt worden. Ein wenig verlegen, denn es berührte Elsa nicht gerade angenehm, jemand aus ihrem Dorf hier zu finden, begrüßte sie die frühere Freundin, und nach einem leicht hingeworfenen Wort: »Dir geht's ja allem Anschein nach wieder ganz gut?« fügte sie noch mit einem Blick auf das Wägelein hinzu: »Aber mit was plagst du dich denn hier so herum? Kann denn das Mädchen, das doch mindestens schon sechs Jahre alt ist, noch nicht gehen?«

Ein Dämchen aber aus der Gesellschaft bemerkte leichthin: »Ach, das ist ja die Kleine von unserer Madame, die das Unglück hat, ein Kind zu besitzen, das, wie der Arzt sagt, niemals wieder gesund werde.« Rosel, die das auch wußte und deshalb um so mehr Mitleid mit ihrem lieben Ingelein hatte, wollte mit einem kurzen Gruß rasch wieder davonfahren – sie wurde auch von den sie umgebenden Kindern dazu am Rock gezupft – als Elsa ihr noch schnell verkündigte: »Daß du's weißt, meine Mutter geht nimmer in die Fabrik, sie hat's satt bekommen, und sie sagt, deine Mutter bliebe auch besser von dort weg, denn der fällt's scheint's alle Tage schwerer!«

Elsa wurde wieder in ihren munteren Kreis hineingezogen, und Rosel fuhr mit ihrer kleinen, aber so lieben Last davon, dem Heim zu, wo schon die Glocke zum Abendbrot läutete. Wie fröhlich war sie heute nach Tisch ausgezogen, und wie bedrückt fühlte sie sich jetzt wieder, denn seit längerer Zeit hatte die Mutter nicht mehr geschrieben. Wieder legte sich der dumme Druck auf sie, und er wurde noch verstärkt, als sie von einer der Tanten ans Telefon gerufen, die Stimme des Doktors erkannte.

»... Bist du da, Rosel? ... Nur schnell! Wie geht's dir?«

Vor lauter Schrecken konnte Rosel nur das eine Wort »gut!« sagen.

»... Gut? Auch wirklich? ...« Und ganz unvermittelt kam dann die Frage: »Wie weit läufst du? ... Eine Stunde? ... Hab' ich recht verstanden?«

»Ja, ja!«

Und die Stimme am anderen Ende des Hörers fuhr in merkbarer Eile fort: »Bitte euren Arzt, daß er mich heute abend noch womöglich anruft. Die Adresse weißt du? ... Meine Nummer ist 352. Mach' wacker so weiter!« ... Und als Rosel angstvoll noch fragen wollte: Und wie geht's meiner Mutter? da läutete das Telefon ab und die Unterredung war fertig.

Was das wohl alles bedeutete? Und auch nachher, als sie dem jungen Doktor, der der persönliche Freund aller der ihm hier Anvertrauten war, ihres alten Arztes Wunsch ausrichtete, konnte sie nichts näheres erfahren. Sie hatte in der Aufregung vergessen, ihn zu bitten, direkt nach der Mutter zu fragen, und von selber sagte er nichts über das Gespräch.

Ach, wenn doch nur auch alles gewiß zu Haus in Ordnung war! Ach, wenn nur Elsa nicht die dumme Rede: »Der fällt's immer schwerer« ausgesprochen hätte. Ach, wenn doch nur bald ein Brief käme!

Und es kam einer, aber nicht von der Mutter, sondern vom Doktor, und was er enthielt, war in seiner Kürze so wunderbar, daß Rosel ihn ein paarmal lesen mußte, um ihn nur annähernd zu fassen, und er lautete:

»Liebe Rosel!

Ich schreibe an Deiner Mutter Tisch in Eurem Häusle, sie hat mich darum gebeten, weil sie ganz zittrig sei (Oh Gott! dachte Rosel.) Und so sag' ich Dir denn nun folgendes: Die Fabrikarbeit ist nichts mehr für Deine Mutter, die ist eine Bauerntochter und gehört ins Freie und nicht hinter die Maschine. Nun sucht der Gärtner bei Direktors eine Hilfe im Blumengarten. Dazu braucht er eine, die's versteht. Da fiel uns Deine Mutter ein, die doch früher manchmal Deinem Vater geholfen hat. Und da habe ich auch gesagt: das wird wohl das Richtige für Frau Klein sein. Und ich habe eben mit Deiner Mutter darüber gesprochen. Daß sie geweint und nicht gejubelt hat, verstehe ich, denn viele Frauen machen es so, wenn sie was Gutes erleben. Und daß dieser Wechsel für Deine Mutter gut ist, das weiß ich, und freue mich darüber, und für Dich auch. Denn, Rosel, jetzt bleibst Du einmal noch drei Wochen da droben auf dem Berg und lernst vollends fest stehen und gehen, und dann weiß ich und auch der Arzt dort, daß Dein Knie geheilt ist. Und jetzt soll ich Dir noch sagen, daß Deine Mutter, der ich diesen Brief an Dich vorlas, nimmer weint, sondern, wie sie sagt, ihrem Herrgott dankt. Und auch das noch: Den Jörgle kann die Mutter dann mit zu ihrer Arbeit nehmen, das wird ihm besser tun als das Gehocke bei der alten Hexe. Und du kannst derweilen dann wieder Euern Haushalt besorgen, daß die Sache in Ordnung kommt, und auf den etwas verwilderten Paul achtgeben. Und daneben kannst Du ja auch dann Euer Gärtlein wieder so bepflanzen, wie's Dich freut. Den ersten Strauß Sommerblumen aber – das bitte ich mir aus – schenkst Du

Deinem alten Doktorfreund ...«

Hier folgten ein paar Schnörkel, die, wie Rosel wußte, des Arztes Namenszug bedeuteten.

Was Rosel bei diesen Zeilen empfand, und wie es ihr zumute war, das können nur diejenigen ermessen, auf die nach Wochen schwerer Sorge und Bedrücktseins plötzlich wieder die Sonne scheint, so daß alle Nebel weichen müssen. Und so was gibt dann unser Herrgott meist solchen, die ihm in der Prüfungszeit ihre Not geklagt und Geduld gelernt haben.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.