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Li und Lu und andere Erzählungen für die Jugend

Tony Schumacher: Li und Lu und andere Erzählungen für die Jugend - Kapitel 7
Quellenangabe
authorTony Schumacher
titleLi und Lu und andere Erzählungen für die Jugend
publisherLevy & Müller Verlag
printrunSiebte Auflage
yearo.J.
illustratorErnst Kutzer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid4c82ce57
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Die neue Mutter

»Vatterle, mußt denn heut' auch fort; wo doch beinahe Christtag ist? ... Oder kannst mich mitnehmen? ... Gelt, ja! So schön ist's auf dem Christkindlesmarkt, und ich bleib' gewiß ganz brav neben dir stehen, wirst sehen, daß ich nicht weglauf', – nur ein kleines bißle rumgucken möcht' ich. O bitte, sag' doch ja!«

Ein blondköpfiges, kleines Ding von kaum fünf Jahren hatte die Hand eines großen, starken Mannes umfaßt, der eben seinen Schutzmannshelm vom Nagel nahm und sich den kurzen Säbel umschnallte, um nach dem schleunigst eingenommenen Mittagessen zu seinem Dienst zu eilen. Gab's je viel zu tun, so war's heute, am Nachmittag vor dem heiligen Abend.

»Kann nicht, Mariele, und heute kann ich dich schon gar nicht mitnehmen! Was meinst denn, so was Kleines in dem Menschengetriebe da draußen! Und oft passiert auch was, wobei ich dann rasch hin und her laufen muß!«

»Vatterle, ich kann laufen, so gut wie ein Großes!« und das kleine Mädchen machte solche Riesenschritte durch die Stube, daß der Vater, der inzwischen seine wattegefütterten Handschuhe überzog, laut lachen mußte.

Der Schutzmann und sein Kind

Aus einer Ecke aber, wo in einem Bett ein kranker Knabe von etwa zehn Jahren lag, kam's nicht wie Lachen, sondern eher wie ein tiefes Seufzen. Schnell ging der Vater noch einmal zurück, und indem er den Jungen bekümmert ansah, sagte er: »Hast wohl Schmerzen, Adolf? Komm, ich leg' dich nochmal auf die andere Seite!«

Der Mann tat sein Bestes im Anfassen, er schüttelte auch noch die Kissen zurecht, aber dem armen, hüftleidenden Kranken tat alles weh, und klagend jammerte er: »Du kannst's halt nicht wie die Krankenschwester!«

Das konnte der Vater freilich nicht, wie so vieles andere auch nicht, was seit der Mutter Tod nimmer geschah und liegen geblieben war und sich nun aufhäufte. Wie war's sonst so nett und behaglich in der Stube gewesen, und wie sah's nun aus! Ein halbes Jahr ist lange, wenn die Frau fehlt. Und wenn die Kathrin auch nicht immer die Sanfteste war und jeden Groschen fest in der Hand behielt, – Ordnung hatte sie gehalten. Wenn man einen frischen Kragen brauchte, so war er da. Fürs Essen war auch zur richtigen Zeit gesorgt, und das Mariele lief nie so ungeordnet und schlappig herum wie jetzt. Heute früh erst hatte die Nannette, die bei Direktors im Vorderhaus Kammerjungfer war, und die der Schutzmann des öfteren auf der Straße traf, gesagt: »Aber Herr Krüger, wie kann man sowas Bildhübsches so verunstalten? Komm, Mariele, ich tu dir die häßliche, gestrickte Haube herunter. Und wenn ich für dich zu sorgen hätte, da bekämst du ein himmelblaues Kleidchen mit Spitzen und eine feine Mütze!« Das, hatte nun Krüger gemeint, wäre unnötig, wenn nur das armselige Röcklein und die Haube geflickt wären. Er tue, was er könne, aber die Zeit und das Geschick fehlten ihm eben. Da hatte die Nannette gelächelt und dann dem Mariele »Bomboh« gekauft, und für ihn im Laden nebenan eine schöne, farbige Krawatte für die Feiertage statt des ewigen Schwarz, das er jetzt ablegen sollte. Und dabei war ihr Blick so verheißungsvoll, und sie meinte an der Ecke, als sie sich trennten: »Na, Herr Krüger, ich hätte nichts dagegen, wenn wir zusammengingen! Wie wär's morgen Nachmittag, ins Kino, und nachher in die Flora? Ich habe frei!« Dabei funkelten die schwarzen Augen so, daß Krüger freudig zusagte und dabei dachte: »Das ist eine! Recht hat sie, das Leben muß man auch genießen! Bei der kriegt man auch einmal sein Vergnügen. Und morgen wird's fest gemacht, denn daß sie mich mag, das ist sicher!«

Morgen wird's fest gemacht, aber warum nicht schon heute? Der Gedanke war ihm plötzlich gekommen, als sein Mariele ihm noch nachrief: »Gelt, Vater, heute abend kommt das Christkind?« und Adolf klagend hinzugefügt hatte: »Was haben möcht' ich, was mich freut!«

Da hatte er noch mit gedämpfter, geheimnisvoller Stimme durch den Türspalt gesagt: »Bsst, bssst, ganz brav sein! Dann bring' ich euch das Allerbeste, ein Mutterle bring' ich, und was für eins!«

Adolf lag wohl äußerlich ruhig, aber seine Augen gingen hin und her, schweiften in der Stube herum, blickten auf sein gar nicht mehr sauberes Bett und wanderten nach dem glühenden Ofen, wo der Vesperkaffee zum Aufwärmen schon jetzt brodelte. Und, als wäre es eine Fortsetzung von dem, was er alles gedacht, sagte er plötzlich: »Recht wär's schon, wenn wieder eine käme, aber ans Christkind glaube ich nicht, und vollends nicht, daß es einem eine neue Mutter bringt!«

»Aber nicht mitgenommen hat mich Vatterle!« sagte die Kleine zum Bruder, ward sich aber doch ihrer Pflichten bewußt, und, in ihrem Schürzentäschlein kramend, brachte sie ein klebriges, schon ein wenig schmutziges Honigbonbon zutage und schob es dem Jungen zwischen die Zähne. »Da, von der Nannette!«

Dieser wollte sich schon freuen, sein Mund war immer so trocken, als er aber hörte, von wem's kam, nahm er das Geschenk sogleich wieder heraus, legte es auf den Tisch an seinem Bett und sagte: »Wenn's von der ist, nehm' ich's nicht. Das kannst ihr sagen. Und kannst's ihr auch gleich wieder geben! Mit dir ist sie freundlich, und mit dem Vater auch. Aber das darfst mir glauben, daß sie mich gerade so wenig mag wie ich sie, und ihre Besuche bei uns könnte sie bleiben lassen. Nicht ein einziges Mal hat sie mir die Hand gegeben. Und wenn ich schon allein war, und sie geschwind hereinguckte, weil sie der Vater darum gebeten hatte, da riß sie nur so die Tür auf und sagte, die Luft sei gräßlich, ich solle nur brav schlafen, und dann schlug sie sie wieder zu. Zum Vater sagte sie dann, sie habe mich gepflegt. Das habe ich nun schon dreimal von ihr gehört. Aber das nächstemal, das wirst du sehen, da sage ich: ›Du Lügenmaul!‹«

Ganz erschöpft von der langen Rede fiel der Bub wieder in seine heißen Kissen zurück, und als Mariele gerade erwiderte: »Aber ein himmelblaues Kleid will sie mir anziehen, mit Spitzen dran!« da trat nach einem kurzen Klopfen Schwester Hanne, die Armenpflegerin, herein, die zweimal am Tag kam, um nach Adolf zu sehen, ihn zu verbinden und frisch zu betten.

»Wer ist ein Lügenmaul, und wo will mein kleines Frätzle ein blaues Kleid mit Spitzen dran herkriegen?« fragte sie belustigt. Und den dunkelblauen Mantel ablegend und die schwarze Tasche mit Verbandzeug auspackend, fing sie an, ihres Amtes zu walten, wobei sie sagte, sie müsse heut', des heiligen Abends wegen, früher als sonst kommen. Mitleidig meinte sie, es sei vielleicht ganz gut so, denn das Büble müsse sich heut' schon arg herumgewälzt haben in seinem Bett. Ob es denn mehr Schmerzen habe?

»Schmerzen nicht, aber so ungut ist mir halt ... und so viel denken muß ich ... und so viel Runzeln hat mein Bett! ... und naus möcht' ich eben, und gesund sein, dann könnt' ich schaffen, ... und nicht so eine – Neue!«

Der Bub fing plötzlich an zu weinen, was gar nicht seine Art war, und die Krankenschwester setzte sich auf den Bettrand, nahm seine Hand in die ihrige und sagte liebreich und beschwichtigend: »Was hast du denn, Kind? Warum bist du denn auf einmal so aufgeregt, gerade heute, wo das liebe Christkind zu uns auf die Erde gekommen ist und Friede und Freude bringt?« Sie strich die wirren Haare aus dem erhitzten Knabengesicht. Und als dieses gar so bitter und ernst dreinschaute, sagte sie: »Willst du mir nicht anvertrauen, was dich so plagt, Adolf?« Mariele war auch herzugekommen und schob der Krankenschwester die Puppe hin – der Faden war wieder aufgegangen – und vertrauensvoll sagte sie: »Da, auch verbinden!«

Aber diese Bitte blieb vorerst unberücksichtigt, denn nun brach bei dem Buben der ganze Jammer und die Sorge durch: das und das habe der Vater gesagt, und so und so sei die Nannette. Und wenn das etwa die Neue sei, die der Vater meine, dann wolle er nimmer leben, dann springe er lieber zum Fenster hinaus! Ganz außer sich war der Bub, und Schwester Hanne war innerlich, ach, sehr erschrocken, denn sie hatte ja schon längst so etwas gewittert, und nicht nur die Kinder, sondern auch der brave Mann tat ihr leid, wenn sich die Sache wirklich so verhielt. Jetzt aber mußte sie vor allem beschwichtigen, und in gutmütigem, polterndem Tone sagte sie: »Ei, Büble, Büble, wie kann man gleich so außer sich sein! Noch gar nicht sicher ist, was du fürchtest, und heulst schon! Aus dem Fenster willst gar springen, und kommst doch nicht einmal aus dem Bett heraus, und helfen tut dir dazu die Schwester Hanne nicht! Jetzt horch einmal: Was der Vater tut, das wird ja recht sein, und so vieles sieht schlimmer aus, als man glaubt. Und vorderhand denk' du an anderes, und wenn du so ruhig daliegen mußt und Zeit hast, so schadet's gar nichts, wenn du einmal die Hände faltest und sagst: »Lieber Gott, mach' du, daß alles recht wird!«

Nun wollte die Schwester noch rasch für die Feiertage das Bett sauber beziehen, aber weder im Schrank noch in der Kommode war frische Wäsche, und Mariele sagte altklug: »Vater vergißt immer die Sachen herzugeben, und die Wäscherin sagt, vor dem Fest könne sie nimmer waschen, er solle sich eben ein Hemd und einen Kragen kaufen!«

Bekümmert sah die Schwester drein, und mit ernsten Gedanken entfernte sie sich nach einiger Zeit, nachdem sie möglichst Ordnung geschafft, den Kaffee noch eingeschenkt und den Kindern aus ihrer Tasche noch etliche Lebkuchen und kleines Spielzeug gegeben hatte. Recht besorgt ging sie ihrer Wege, innerlich erwägend, ob es nicht ihre Pflicht wäre, Krüger vor dem leichtsinnigen Schritt zu warnen. Aber sie hatte zu oft im Leben erfahren, daß es nichts taugte, sich in fremde Verhältnisse zu mischen, und außerdem hatte sie die feste Überzeugung, daß Menschenhände oft gar tappig in die Schicksalsfäden unseres Herrgotts eingreifen und sie noch weiter verwirren ...

Unten am Markt, wo sich vier Straßen kreuzen, und sich rings herum die Verkaufsstände befanden, stand mittendrin im dichtesten Verkehr Schutzmann Krüger.

»Wie ein Meerfels unbewegt, wenn um ihn die Woge schlägt,« so waltete er seines Amtes, ordnete den Gang der Fuhrwerke an, hemmte den oft zu raschen Lauf der Autos und gab dann und wann ein Zeichen mit der Hand, daß all dieser Verkehr einen Moment anhielt, um eine Anzahl Menschen, die auf die andere Seite des Platzes wollten, durchzulassen. Dabei gab's zwischenhinein eine kleine Streiterei zwischen den Käufern zu schlichten, Fremden den Weg anzuweisen, kleine oder größere Diebe der Polizeistation zuzuführen. Ein vollständiges Zusammennehmen aller Kräfte gehörte dazu. Und wenn sich auch in seinem Innern immer wieder der Gedanke regte: Heut' abend gehst du zur Nannette und fragst sie, – so kam's ihm doch recht ungeschickt, als diese, mitten am Nachmittag, mit einem Täschchen zum Einkäufen in der Hand, vor ihm stand und anfangen wollte, sich mit ihm zu unterhalten. Erst hatte er sie gar nicht gekannt, so extra fein war sie heute in ihrem knappen Kostüm und mit ihrem auffallenden Hut. Sie habe frei, wolle auf die Messe gehen, und wenn es ihm recht sei, wolle sie ihm ein bißchen Gesellschaft leisten, wenn's auch hundekalt sei. Sie trat von einem der dünnen, feinen Schuhabsätze auf den andern und brachte dabei allerlei vor. Daß ihre Herrschaft über Weihnachten verreist sei, daß sie nun soviel Zeit übrig habe, wie sie wolle, und daß sie wahrscheinlich auf Neujahr kündigen werde, denn das Weihnachtsgeschenk sei gar nicht nach ihrem Wunsche ausgefallen. Das Geld, – nun, da müsse man ja eine bestimmte Summe geben, und sie gedenke auch, in diesen Tagen etwas davon springen zu lassen, – zu was man denn jung sei? – Dabei ließ sie wiederum die schwarzen Augen blitzen.

Hemden, fuhr sie fort, habe sie auch bekommen, aber ohne jegliche Stickerei! Und eine Bluse von Flanell, statt von Seide – schäbig!

In diesem Tone ging es fort. Aber Krüger konnte in all seine Aufsichtspflichten hinein nicht recht antworten, und so empfahl sich Nannette, etwas beleidigt, mit dem Zusatze: Vielleicht habe er mehr Zeit für sie, wenn sie in einer Stunde wieder zurückkomme.

Fast war es ihm eine Erleichterung, als Nannette fort war. Ein unbehagliches Gefühl überkam ihn, das er vergeblich abzuschütteln versuchte.

Tüchtig kalt war's inzwischen geworden. Da wär's für Krüger, den so recht von innen heraus fror, eine wahre Wohltat gewesen, den dampfenden Kaffee anzunehmen, den eine der zunächststehenden Verkäuferinnen – sie hatte Geschirr feil – ihm anbot. Sie war eine weitläufige Verwandte seiner Frau und nicht weit von seinem Dorfe daheim. Gern hätte er mit ihr geplaudert, aber dies sowie Annahme eines Trunkes war gegen die Dienstvorschrift. Dankend grüßte er, als sein Auge auf ein Mädchen fiel, halb städtisch, halb bäuerisch gekleidet, das der Frau beim Verkaufe half. Mit frischen, vom Eifer geröteten Wangen bot sie den Käufern die Waren an. Flink und gewandt, aber doch sehr zart faßte sie die zerbrechlichen Stücke an. Und als Krüger geschwind sagte: »Die ist ja wie von dort droben,« womit er seine Heimat meinte, da nickte die Frau und erklärte: »Ja, 's ist meines Schwesterkinds Base, die ich mir zur Hilfe hab' kommen lassen. Die kann man zu allem brauchen, an der hat man was, an dem Bärbele!«

Ein Herrschaftswagen und ein hochbepackter Geschäftswagen schienen sich ineinander zu verfahren, und Krügers ganze Aufmerksamkeit wurde dadurch in Anspruch genommen. Dann, als eine Pause im Verkehr eintrat, mußte er immer wieder zu dem frischen Ding »von da droben« hinübersehen, das so freundlich und nett mit jedermann verkehrte und dem das umgebundene Tuch über den um den Kopf gesteckten blonden Zöpfen so gut stand. Dabei legte es sich ihm plötzlich so zentnerschwer aufs Herz, was er heute noch vorhatte, und daß er jedenfalls für morgen versprochen hatte, an Orten sich einzufinden, wo er eigentlich sonst nie hinging. Und gar nicht bedacht hatte er dabei, daß doch dieser Tag eigentlich den Kindern gehörte, und daß er sie doch unmöglich am Christfest wieder allein lassen könnte. Das mußte die Nannette einsehen, das wollte er ihr gleich sagen, wenn sie nachher zurückkam.

Als Krüger so dachte, dabei aber seine Augen scharf herumgehen ließ, wen entdeckte er da, mitten zwischen Menschen und Fuhrwerken durchschlüpfend und auf ihn zueilend? – Sein Mariele! Und es lachte und freute sich, und strebte an ihm empor, während er es, jetzt auf dem Posten, doch nicht auf den Arm nehmen konnte.

»Vatterle! Nicht bös sein! Der Adölfle hat geschlafen, und da bin ich ein wenig vors Haus, und dann habe ich Läden angesehen, – und dann schöne Wägele, – und dann schöne Puppen – so viele! Und dann habe ich dich gesehen, und gelt, Vatterle, jetzt darf ich bei dir bleiben?«

Das kleine, dumme Ding sah so treuherzig und schmeichelnd in die Höhe und faßte so vertrauensvoll des Vaters Hand. Was konnte man da machen? Das Zanken nützte auch gar nichts. Aber was mit dem Kinde anfangen? Und nun kam gar, denselben gefährlichen Weg über die Straße herüber noch was getrottet, das laut aufheulte, als es gerade noch vor einem fahrenden Auto vorbeikam. Der lahme Hund, der Spielkamerad Adolfs, der Peter, der nun auch, so gut er vermochte, an dem Herrn hinaufsprang, mit dem Schweif wedelte, und so vergnügt die Oberlippe in die Höhe zog, als wollte auch er sagen: »So, jetzt ist's gut, da bin ich geborgen!«

Mariele aber schloß ihn selig in die Arme und schalt dabei: »Böses Peterle, du! Bist mir nachgelaufen und sollst doch nicht! Was wird der Adölfle dazu sagen!«

»Du hast nötig, Donnerwetter nochmal, einem andern Vorwürfe zu machen! Läufst selber davon und läßt die Tür auf, wo du doch hättest daheimbleiben sollen. Zum Kuckuck nocheinmal – was fange ich jetzt nur mit euch beiden an?«

Der Vater war so böse, daß Mariele anfing zu weinen, und der Hund ängstlich den Schwanz einzog; sie paßten beide wirklich nicht in dies Getriebe, und Krüger war ratlos. Da fiel ihm die Landsmännin ein, und das Mariele unter einen, den Hund unter den anderen Arm nehmend, ging er schnell dort hinüber. Mit kurzen Worten schilderte er seine Not und bat, ob sich die zwei bösen Ausreißer nicht hinter dem Geschirrverkaufsstand ins Stroh setzen dürften?

»Aber doch heute nicht, am heiligen Abend?« sagte da eine liebe, ganz erschreckte Stimme. Und ein Paar gute, feste Arme umschlang schützend das Mariele mitsamt dem Hund. »Bleib' du nur da bei uns, du Kleines, da bist du sicher, und für dein Hundle gibt's auch einen Platz. Aber halt's nur fest, daß es dir nicht wieder davonläuft!«

Es war das Bärbele, die Geschwisterkindstochter von da droben, die so liebreich mit den beiden sprach und ihnen schnell in einer leeren Kiste mit Stroh ein warmes Nest machte, um dann ebenso geschwind wieder nebenan die Käufer zu bedienen.

»Hier ist die Schüssel! ... Ach so, die andere meinen Sie? Die mit dem braunen Rand? Will sie sofort runterholen! – Kleine dahinten, gelt, da ist's behaglich? Nun nimmer weinen! – Sie möchten wohl Wasserkrüge ansehen? Ja? Ist der recht? ... Nein? ... Dann zeig' ich Ihnen ein paar andere. Hier vielleicht der blaue, oder der braune? ... Oder paßt Ihnen der dort ganz hinten? Bitte warten Sie nur einen ganz kleinen Augenblick.« Und Krüger, der nun wieder an seinem Platz stand, sah von dort aus, wie das Mädchen gewandt auf eine kleine Leiter stieg, noch eine ganze Reihe Krüge gar geduldig der unschlüssigen Käuferin zeigte, und dazwischen rasch dem Hund, der doch im Gedränge von einem Auto gestreift worden war, mit ihrem Taschentuch die blutende Pfote verband. Dabei hörte er abgebrochene Sätze, die sie rückwärts zu der Kleinen sprach.

»So, Peterle heißt der? Und dem kranken Bruder gehört er? ... Und was machen wir nur, daß der sich nicht so sorgt, wenn ihr so lange nicht heimkommt?«

Ganz warm ward's Krüger zumute bei der lieben Stimme, beim heimischen Dialekt und Anzug des Mädchens. Mit Gewalt drehte er sich um und wendete seine Aufmerksamkeit der Allgemeinheit zu. Der Überfall von dem verflixten kleinen Pack hatte ihn ganz verwirrt gemacht. Mit festem Auge sah er wieder straßauf und straßab. Und, wie eigen: er erschrak ordentlich, als er Nannette wieder entdeckte, die, winkend und nickend, sich ihm näherte, und dann jäh vor ihm stehen blieb.

»Sind der Herr Schutzmann jetzt vielleicht besserer Laune? Haben der Herr Schutzmann jetzt vielleicht mehr Zeit für einen? Wenn nicht, so mache ich bei der Kälte, daß ich heimkomme!«

Ziemlich schnippisch kam das heraus. Aber die Kohlenaugen funkelten dabei doch so zutraulich, daß Krüger, entgegenkommender als er wollte, sagte: »Bei dem Durcheinander ist's Reden schwer, wenn man auch gern möchte, Fräulein Nannette!« Da zeigte diese, wieder gnädig lächelnd, ihre perlweißen Zähne und blieb stehen, da und dort eine Bemerkung machend, und sich dabei nach allen Seiten umschauend. Der stattliche Mann in der Uniform und sie, das wußte sie wohl, mußten sich recht gut nebeneinander ausnehmen. Aber was hatte er wohl, daß er im Wesen auf einmal ganz anders war? Warme Fastnachtskrapfen, die sie ihm zuschieben wollte, wies er genau so energisch ab wie den Kaffee der Händlerin vorhin. Und als sie ihm in die Rocktasche ein Päckchen Zigarren hineinschieben wollte, da sagte er ganz rauh und verlegen: »Nein, nicht, – ich danke bestens, ich kann jetzt doch nicht rauchen!«

»Aber morgen mittag, und am Abend in den Florasälen, da wird's fein! Ich bin frei, vollständig frei wie ein Fisch im Wasser, solange die Herrschaft auf und davon ist!«

Lustig drehte sich Nannette um sich selbst. Als sie dann wieder, von einem Fuß auf den andern balancierend, die Hände tief in die pelzbesetzten Taschen vergrabend, das hübsche Gesicht umrahmt von einer aufgebauschten Frisur, die Augen keck zu ihm erhob, war es begreiflich, daß sowas gefallen mußte!

Aber wo war Krügers Blick hingeraten? Drüben an dem Geschirrstand sah er ein Mädchen mit buntem Kopftuch sich niederbeugen und sein Mariele, das wohl fror und deshalb nimmer gut tun wollte, auf den Arm nehmen. Er sah, wie sie ihm die Tränen abwischte, und tröstend auf es einsprach.

Nun fing's an zu dunkeln, und das Getriebe nahm einen anderen Charakter an. Es gab mehr Schaulustige noch als Käufer, mehr Herumtreiber und müßiges Publikum. Doppelt mußte jetzt aufgepaßt werden, nichts durfte mehr ablenken, kein Kind und keine Nannette, die, höchst verdrießlich, nun wohl zum sechstenmal erklärte, so sei es ihr langweilig, und jetzt gehe sie nach Hause. Eben wollte sie mit einem: »Na, denn adieu! Ich gehe!« wirklich Ernst machen, als eine ihr fremde, junge Frauensperson mit einem Kinde auf dem Arme – war denn das nicht das Mariele? – sich rasch Krüger näherte, seinen Arm berührte und sagte: »Herr Schutzmann, bitte nur für einen Augenblick! Das Kleine fürchtet sich, und frieren tut's auch, trotz dem Stroh. Wenn sich's erkälten würde, das Liebe, gerade zu Weihnachten! Wissen Sie niemand, der's heimnehmen könnte und den Hund dazu?«

Zwei blaue Augen sahen besorgt fragend zu ihm auf, und Peter winselte leise.

Nannette rümpfte die Nase: »Ach du meine Güte, was ist denn das für eine Gesellschaft – das Mariele ohne Mantel und Hut – und auch noch der Hund?«

Da kam Krüger aber schon ein erlösender Gedanke – Nannette, die konnte ja die beiden mit heimnehmen. Rasch sagte er ihr, wie alles gekommen, und bat sie um die Gefälligkeit. Der Hund müsse freilich getragen werden, aber es sei ja nicht weit, und vielleicht habe sie dann auch die große Freundlichkeit, geschwind nach dem Adölfle zu sehen, der so mutterseelenallein sei und sich gewiß geängstigt habe.

»Was fällt Ihnen denn ein, Herr Krüger? Den schmutzigen Köter soll ich tragen, während ich doch mein schönstes Kostüm anhabe? Das Mariele will ich mitnehmen. Wenn's aber so weint, schauen uns ja alle Leute nach. Schrei' doch nicht so!« sagte sie ziemlich unwirsch zu der Kleinen, die nun nur noch fester die Arme um das fremde Mädchen schlang und schluchzte: »Mit dir will ich gehen, du sollst mich heimbringen, nicht die dort!« Dabei deutete sie mit dem kurzen, dicken Fingerchen auf Nannette, die beleidigt auffuhr. Das fremde Mädchen aber sagte bescheiden: »Das Fräulein kann natürlich das Tierle nicht tragen, 's wär' Sünd' und schad' für so ein schönes Kostüm! Wenn Sie aber mir das Kind und den Hund anvertrauen, Herr Schutzmann, und mir sagen wollen, wo Sie wohnen, so bitt' ich die Frau Bas geschwind um Urlaub. Der Verkauf ist fast aus, und zum Einpacken bin ich dann wieder da.«

Mit dem ihren Hals fest umklammernden Kinde eilte sie zur Base hinüber. Der Hund blieb angeschmiegt an des Herrn Füßen liegen, denn eben war wieder ein großes Durcheinander und Gedränge.

»Was ist denn das für eine, und was hat die denn für einen Aufzug?« fragte Nannette recht spöttisch und spitz, und sah mit bösen Augen dem Mädchen nach.

»Die kommt aus meiner Heimat und trägt die dortige Tracht,« erwiderte Krüger nun ziemlich kurz.

»Da bringen Sie sie ja wohl morgen auch mit zum Tanz?« Nannettes Stimme klang scharf, als sie das sagte, und in des Mannes Herz ging was vor sich, das er sich selber nicht erklären konnte.

»Nein,« sagte er. »Ich bringe niemand mit, weil ich auch selbst nicht gehe. Hab' mich anders besonnen und will bei meinen Kindern bleiben. Nichts für ungut, Fräulein Nannette! Und – es tut mir leid, daß ich heute so wenig unterhaltsam war,« setzte er noch gutmütig hinzu.

Das Bärbele kam mit der Kleinen zurück und achtete nicht auf den wütenden Blick, den das davoneilende Fräulein ihr noch zuwarf. Sie hörte auch nicht das Wort: »Bauerntrampel!«, das die feine Dame ihr nachrief. Sie war ja so froh, daß die Base gesagt hatte: »Geh' nur!« und daß die Wohnung nicht weit war, und daß man ihr ihre kleinen Schützlinge vollends anvertraute.

»Sie können aber doch nicht beide tragen?« sagte Krüger, und versuchte, des Marieles Hände loszulösen. »Die kann doch wohl gehen!«

Aber das Mädchen lachte und sagte: »Ich bin stark, lassen Sie mich nur machen, – so kommen wir am besten durchs Gedränge!« Geschickt bückte sie sich zum Hunde hinab, nahm ihn sachte auf und wickelte ihn in ihre derbe Waschschürze. Dann sagte sie, sich entschuldigend, mit einem lieblichen Lächeln: »Ich hab' noch eine andere, saubere drunter umgebunden!« und fort war sie. Krüger konnte nur noch ein paarmal das bunte Kopftuch sehen. Warum war das nur solch ein anderer Anblick als Nannettes auffallender Hut? ...

Als der Schutzmann eine Stunde später abgelöst wurde, kaufte er noch rasch ein Schäfchen mit goldenem Halsband für das Mariele, und ein Geschichtenbuch für den Buben, an ein Bäumlein dachte er nicht. Er war recht müde, und beim die dunkle Treppe Hinaufsteigen fiel ihm ein, daß er nun wohl noch allerlei werde heute abend säubern und reinigen und aufräumen müssen, und alles, was den Haushalt betraf, machte er so tappig und ungeschickt, und deshalb so ungern. Aber als er die Stubentür öffnete, sah es so ganz anders aus als sonst. Adolf, von dem er gefürchtet, daß er ihn jammernd empfangen würde, rief: »Vater, Schwester Hanne ist heute abend noch einmal gekommen, gerade, als ich ganz verzweifelt war, weil das Mariele und mein Peter so lange fortblieben. Und frische Bezüge hat sie mitgebracht – die leihe sie uns – ich müsse doch am Weihnachtsfest sauber liegen. Und gerade, als sie mich gewaschen und frisch eingebettet hatte, da ging die Tür auf, und jemand brachte mein Peterle und das böse Mädle da!«

»Nein, ich bin nicht böse, daß du's nur weißt, bloß schläfrig bin ich gewesen, aber jetzt nimmer!« rief Mariele. »Und das Bärbele hat gesagt, ich sei sehr lieb, aber fortlaufen dürfe ich nimmer!«

Das Kind hatte gekämmte Haare und eine reine Schürze an, es sah am Tisch und sah ganz glücklich zu einem kleinen, geputzten Christbäumchen auf.

»Wer hat denn alles so gerichtet und so schön gemacht?« fragte Krüger, während er den Uniformrock mit dem Hauskittel vertauschte und Schuhe, die unter dem warmen Ofen standen, an die vom Stehen eiskalten Füße zog.

»Die Schwester Hanne,« sagte Adolf. »Und dann, als die andere mit dem Mariele kam, da hat die noch geschwind geholfen, die Stube ausputzen und das Geschirr spülen. Sowas tue sie gerne, hat sie gesagt, und die Schwester werde noch sonst zu schaffen haben. An das Schuhwärmen hat sie auch gedacht. Den Peterle haben sie dann fein verbunden und mich auch. Ein armer Kerl sei ich, hat sie gesagt, die andere! Und die Haut von der Suppe hat sie mir so nett weggenommen, und hat doch gar nicht gewußt, daß ich sie nicht mag.«

»Ja, ja, und ganz goldige Härle hat sie, gerade wie das Christkind!« fiel Mariele ein. »Ihr Tuch hat sie heruntergetan, weil ihr heiß war – da hab' ich's gesehen!«

»Der Schwester erzählte sie, sie habe keine Eltern mehr,« berichtete Adolf. »Als die ihr aber sagte, wir hätten auch keine Mutter mehr, da hat sie das Tuch schnell wieder umgebunden und hat gerufen ›ich muß heim!‹ und wollte mir und dem Mariele doch gerade von ihrem Dorf erzählen, wie's da so schön sei.«

»Warum habt ihr nicht gesagt, sie soll noch bleiben?« fragte der Vater. Aber dann gab er dem Adölfle das Buch und dem Mariele das Schäfchen, und er selber aß mit großem Hunger die gewärmte Suppe. Die dicke Haut, die sie sonst hatte, war auch hier weggenommen, alles war still und friedlich in der Stube, nur der Bub legte plötzlich sein Geschenk auf die Seite, bekam einen ganz gequälten Ausdruck ins Gesicht und fragte angstvoll: »Vater, Vater, wer ist denn jetzt die Neue?«

Da hielt dieser mit Essen inne, sah ganz versonnen drein und sagte: »Heut' war's noch nichts, aber vielleicht morgen – wer weiß?«

»Wer, Vatterle – wer?« Des Buben Kopf wurde purpurrot, und auch das Mariele sah erwartungsvoll aus. Vater brummte: »Was meinst, Bub, ich versteh' dich nicht recht?« aber dann mochte ihm eingefallen sein, was er den Kindern beim Fortgehen verheißen hatte. Und tief ausatmend umging er die Antwort und sagte: »Was haltet ihr davon? Wollen wir, weil's so schön jetzt bei uns ist, morgen nachmittag das Bärbele und die Bas zu uns einladen? Einen Hefenkranz kaufen wir, einen recht großen; und – einen Kaffee bring' ich schon noch selber zustande. Heut' hol' ich noch einen ganz feinen, und Zichorie wird gar keine genommen!«

Krüger kam ordentlich in Eifer, wie er das sagte, und hätte beinahe die Wurst zu essen vergessen, die er in seiner Rocktasche mitgebracht hatte. Vergnügt, wie schon seit langem nicht mehr, schnitt er mit seinem Taschenmesser bedächtig Rädchen um Rädchen ab, gab auch den Kindern je eins, und dem Peterle die Haut. Als aber das Mariele plötzlich sagte – es hatte sich ganz versenkt in die verheißenen Herrlichkeiten von morgen –: »Vatterle, vielleicht gefällt's dem Bärbele dann so gut bei uns, daß es dableibt – meinst nicht?« Da erwiderte dieser: »Kannst sie ja fragen, wenn sie kommt!«

Des Buben Augen aber glänzten nur so. Und über dem struppigen Fell des Peterle schoben sich ganz fest zehn magere Kinderfinger ineinander.

»Lieber Gott, mach', daß alles recht wird!« Das hatte der Bub nun schon gar oft heute gesagt. Aber jetzt fügte er hinzu: »Und, gelt, – daß es dem Bärbele bei uns gefällt. Amen!«

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