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Li und Lu und andere Erzählungen für die Jugend

Tony Schumacher: Li und Lu und andere Erzählungen für die Jugend - Kapitel 6
Quellenangabe
authorTony Schumacher
titleLi und Lu und andere Erzählungen für die Jugend
publisherLevy & Müller Verlag
printrunSiebte Auflage
yearo.J.
illustratorErnst Kutzer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid4c82ce57
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Madame Bavarias Christabend

Bum, bum, radatschin-rattatta! – Bim, bim – puff, puff! Dideldum! ...

Draußen auf der Wiese scholl all dies durcheinander, und die Menschen, besonders die Kleinen, drängten und stießen sich, wollten alles sehen und hinderten sich durch langes Stehenbleiben. Furchtbar wichtig war es auch, ob sie ihren krampfhaft festgehaltenen Zehner für Karussell, Pfefferkuchen oder Zwetschgenmänner ausgeben sollten. Dabei schneite es, was es konnte.

Es fing an zu dunkeln, die Menge lichtete sich. In den Buden wurde schleunigst, bei rötlich strahlendem Laternenlicht, zusammengeräumt. Verkäufer schlugen ihre Lattengerüste ab und packten ein, mancher trübselig die nicht verkauften Glaskugeln, Wachsengel und Pelzmärtel bis auf nächstes Jahr zurücklegend. Wagen fuhren hin und her, die Kisten aufzunehmen, und der Marktmeister mahnte zur Eile, denn morgen früh mußte Festtagsordnung auch hier auf dem Platze herrschen.

Bei den Buden mit Sehenswürdigkeiten und dahinter in den Wohnungen des fahrenden Volkes war's nun auch stille geworden. Örgelein, Trompeten und Trommeln waren verstummt. Die Schaukeln waren abgeschlagen zum Weitertransport bereit, über das Karussell war eine graue Leinwand gezogen. Die Schießbuden standen der Gewehre und ihres Flitterschmucks beraubt da, und die Besitzer all der Herrlichkeiten saßen nach dem langen Frieren irgendwo im Warmen, sei's im Wirtshaus, sei's im schützenden Wagen hinter dem eisernen Öfelein.

Dicht neben einem solchen Ofen, im Hinterraum der Bude, auf der vorne das Bild der Riesendame »Madame Bavaria« in prächtigen Farben prangte, saß diese auf einem festen Sitz, der als Unterlage zwei zusammengerückte Fässer hatte. Sie trug nicht das knallrotseidene Kleid wie auf dem Bilde außen, sondern einen buntkarierten Rock und eine etwas trüb aussehende, himmelblaue Flanelljacke. Nach dem langen Dekolletiertsein bei den Schaustellungen tat die pralle Wärme so wohl, und über die dicken Oberarme hatte sie sich noch einen wollenen Schal gewickelt. Madame Bavaria wohnte immer, auch in der kalten Jahreszeit, in einem Verschlag der Bude, denn für ihre Länge von stark zwei Meter und die dreihundert Pfund, die sie wog, wäre wohl nirgends ein Bett zu finden gewesen. Eine zusammenlegbare Bettstatt mit mächtigen Kissen und Federdecken führte sie bei sich, und jetzt lehnte sie den Rücken an eben diese Bettkiste an und wärmte sich wohlig die in wollenen Hausschuhen steckenden Füße. Die seidenen Schuhchen, die sie den Tag über tragen mußte, drückten trotz ihrer Größe und Weite doch sehr.

Herr Carlos Bosko, ihr Gemahl, trat hinter dem Vorhange vor, wo er die heutige Einnahme gezählt und gleich einen Teil davon in die Hosentasche hatte gleiten lassen. Eigentlich hieß er Xaver Grundlhuber und war seines Zeichens Kellner gewesen, ehe er Taschenspieler wurde. Kartenkunststücke, die er abgeguckt, hatten ihn zuerst auf diese ihm höher dünkende Laufbahn gebracht, und persönliche Gewandtheit verhalf ihm zu immerhin verblüffenden Kunstleistungen. Sie waren es mit, die ihm einst das Herz der gewichtigen Jungfrau Anna Maria Meschenmoser, jetzige Madame Bavaria, zuwendeten. Trotz der gewaltigen äußeren und inneren Ungleichheit der beiden war die Ehe nicht schlecht.

»Hast warme Fußerln jetzt? Kriegst bald einen heißen Kaffee ...« sprach Herr Carlos in besorgtem Ton. Dann aber kam etwas wie Verlegenheit über ihn, als er in seinem gelben Überzieher und dem hohen Hut ausgehbereit vor seiner Gattin stand. Gegen ihre Gewohnheit machte die Frau eine Bemerkung: »Willst denn schon fortgehen? – Ich mein', heut' abend hätt'st schon ein bisserl länger bei mir aushalten können!«

So was reizte Herrn Bosko, aber er blieb immer höflich:

»Aushalten, Nandl, aushalten! Brauch' doch nicht gleich so großartige Wörter! Ich weiß ja recht wohl, daß du sagen könntest – 's ist Christabend, usw. usw. Aber, meine Liebe, erstens sind wir zwei doch keine Kinder mehr. Und dann hab' ich bei meiner Wirtin schon heut' früh ein ganzes Ganserl und eine Flasche Rotwein für dich bestellt, was man dir bringen soll – jawoll! Du siehst, daß ich dich nie vergesse! Und außerdem habe ich mich mit einigen Artisten verabredet – lauter feine Leut', sag' ich dir. – Daß dein Mann da net fehlen darf, das siehst wohl ein? Na also! Darum wärm dich jetzt auf, laß dir's gut schmecken, und dann legst dich bald nieder, das ist alleweil das beste für dich!«

Mit diesen gewiß wohlgemeinten Worten und einem leichten Versuch, die in einen Schal eingewickelte Hand der Gattin zu tätscheln, schlüpfte Herr Bosko aus der Bude und strebte dann eilig dem Gasthofe zu, in dem er wohnte.

Madame Bavaria war nicht rührselig angelegt, aber heute abend überkam sie doch ein so merkwürdiges Gefühl von Alleinsein! Vorhin hatte die Kellnerin vom »Stern« das Bestellte gebracht. Das Ganserl war wirklich delikat und saftig gewesen, und der Wein wärmte von innen heraus, das tat gut. Nun wurde noch die Tageszeitung, die mitgeschickt worden war, gelesen – darauf hielt Frau Bavaria etwas. Die Kritiken übers Artistenleben mußte man doch erfahren, und dann stand doch auch sonst manches Interessante drin. Morde, Eisenbahnunfälle, Luftschifffahrten und dergleichen. Daß die gewesene Nandl Meschenmoser dabei auch meistens die Rubrik »Bayern« aufsuchte, war ihr fast selber unbewußt. Denn ein halbes Menschenleben war drüber hingegangen, daß dort einmal ihre Heimat gewesen und sie als Waisenkind dort aufgewachsen war. Schön gemacht hatten's ihr die daheim auch nicht. Ja, als ganz junges Wuzerl, da rühmten die Leute ihr fabelhaftes Gedeihen: »Die hat ein Paar Waderln und Schaffhanderln – da schaut's einmal her!«

Aber die Waden und Schaffhände wurden mit dem unnatürlichen Wachstum unförmlich. In der Schule ragte die Dirn über alle Buben sogar hinaus. Die Kinder riefen sie »Goliath-Nandl«, und alle fürchteten ihre Fäuste, höhnten dafür aber um so mehr aus der Ferne. Und später, auf dem Tanzboden, da war kein Bursche, der's mit ihr gewagt hätte, denn die Nandl war kaum zu umfassen und guckte nur so von oben auf einen jeden, selbst den Allerlängsten, herunter. Das konnte kein rechter Bursche ertragen, und »der Mehlsack«, »der Kirchturm«, die »Bavaria«, wie die Leute sie benannten, hätte geradesogut ein altes Weiberl sein können, so abseits ließ man sie bei allem stehen. Bloß der Hafner-Loisl, der hatte es einmal im Tanzen mit ihr probiert. Aber als der Tanzboden krachte und die Leute schrien: »Hört's auf, die Balken biegen sich schon,« da hatte er das Madel, das ihn dauerte, auf die Seite geführt und gesagt: »Weißt was, eh' daß d' was brichst und sie dich auslachen, tust lieber nimmer 's Tanzen probieren!«

Der Loisl! Der hatte ihr auch einmal gesagt: »Ein schön's G'sicht hast eineweg, wenn's auch ein bisserl z' groß und wie a Scheiben g'raten ist!« Er hatte es wohl gut gemeint, der Loisl, aber so mitleidig hatte er sie dabei angeschaut. Und da die Nandl noch eher das Spotten als das Bemitleidetwerden ertragen konnte, gab sie ihm eine schallende Ohrfeige. Sonst aber wäre der Loisl nicht uneben gewesen – ja, ja! ...

Mit den Schaffhanderln war's auch nichts, weil sie lappig wurden, und in keinem Dienst behielt man die Nandl wegen ihres nie zu stillenden Hungers. Je mehr Fett sie anlegte, desto mehr brauchte sie Nahrung, und in der Stube oder im Stall hatten die andern schier keinen Platz neben ihr.

Da war auf dem Münchener Jahrmarkt das Anerbieten, mit dem feinen Herrn Bosko zu ziehen, schier wie eine Rettung anzusehen. Aber: »Nur als seine ehelich angetraute Frau!« – Die eine Bedingung hatte die Nandl gestellt, anders hätte sie's nie getan, und Herr Bosko hatte sich gefügt, schon um des guten Geschäftes willen. Und nochmals – schlecht hatte es die Nandl, die nun »Madame Bavaria« genannt wurde, nicht bei ihm.

»Seine Frau gut zu halten ist Ehrensache!« sagte Herr Carlos, und je mehr die Nandl zulegte, desto wertvoller wurde sie ja für ihn.

Im Anfang überkam sie oft noch ein Weh und ein Jammer, daß sie nicht war wie andere, richtige Leut', ein Verlangen nach dem, was nicht sein konnte, ein Rückwärts- und Umsichschauen, das mit Tränen endete. Jetzt im Laufe der Jahre war das Überlegen, das Vergleichen und das Wünschen ein bißchen eingeduselt, und das war bequem für die beiden, für den Xaver und für sie. Aber doch, hie und da noch, da wurde etwas im Innern der Nandl auf einmal »lebig«. Es war plötzlich etwas da, was nicht durch Essen und Trinken satt wurde, ein Wehleid, das keinen Anfang und kein Ende hatte, und das nicht wußte, wo hinaus. So zum Beispiel heute!

»Madame, wollen Sie nicht auch ein wenig zur Bude rausschauen?« sagte jemand. »Drüben in dem Wagen der Menagerieleute brennt so ein schöner Baum, und bis da herüber hört man, wie die Kinder jauchzen!« Es war die Kellnerin, die das gebrauchte Geschirr wieder holte und die sich dann eilig empfahl mit der etwas anzüglichen Bemerkung: »Unsereins weiß natürlich nichts von Geschenktkriegen, und sogar am heiligen Abend wird man noch herumgehetzt!«

Das verstand die Madame, und sie holte umständlich aus ihrer Rocktasche einen Geldbeutel und daraus ein Markstück, das vergnügt angenommen wurde.

»Vergelt's Gott, wünsch' ich, und ein recht fröhliches Weihnachten!« sagte das Mädchen und verschwand.

»Fröhliche Weihnachten!«

Madame Bavaria zog die Füße vom Ofen zurück und erhob sich wirklich. All ihre Bewegungen waren entsetzlich schwerfällig. Eigentlich hatte sie wollen schlafen gehen, aber einen Blick vorher hinaustun, das wollte sie doch. Eine dicke Pelzkapuze aufsetzend und den Schal fester zusammenziehend, öffnete sie den Vorhang.

Das Schneien hatte aufgehört. Am Himmel glitzerten Sterne, und die kalte Luft machte munter. Richtig, da drüben hinter den kleinen Wagenfenstern war ein geschmückter Christbaum zu sehen, und der »Löwenschani«, wie man ihn nannte, in einer rotwollenen Jacke, hob sein Jüngstes hoch. Um die Mutter her zappelte und wimmelte und jubelte es von lauter kleinen Buben und Mädeln mit Puppen, Trompeten und Brezeln in der Hand. Das, was Frau Nandl heute unruhig machte, wurde stärker, aber sie bezwang's und sagte sich: »Unsinn – nett ausschauen tut's schon, aber dahinter ist doch nix als Plag' und Unruh'! Gäng' m'r schlaf'n!«

Die Vorhangfalten in der Hand horchte sie aber doch noch einmal hinaus. Von da drüben her wo die Krämer-Leute ihr Wägelein hatten, drang ein Weinen von Kinderstimmen. Nicht aufdringlich laut, aber so anhaltend jämmerlich. Kinder weinen zu hören, war Nandl von je unangenehm, und heute doppelt. Gerne hätte sie's nicht beachtet. Aber da es fortdauerte, wollte sie doch schließlich nachsehen.

»Unartige Pamperln!« sagte sie, und die Stufen mühsam hinabsteigend, ging sie über den nun menschenleeren Platz.

Auf dem Stieglein eines Wagens, um den rings herum Geschirr hing, saßen engumschlungen zwei schluchzende Kinder, ein Bub und ein Mädelchen von wohl drei oder vier Jahren. Aus dem Innern des Wagens drang das anhaltende Schreien eines ganz kleinen Kindes.

Als die Riesengestalt so plötzlich vor ihnen stand, fuhren die beiden ganz entsetzt in die Höhe und wollten schreiend auf und davon laufen. Aber eine gewaltige Hand hielt sie zurück.

»Dableib'n, Kinderl'n, dableib'n! Donner und Doria – was fällt's enk denn ein? Und glei' tut's aufhören zu schreien, wo 's Christkindl doch heut' abend umiflieg'n tut.«

Wie gebannt blieben die Kinder auf der untersten Stufe der Treppe stehen und schauten an der himmelhohen Person hinauf. Etwas in deren Stimme beruhigte sie ein wenig, und der Bub sagte leise zum Schwesterchen: »Der Niklas ist's, Lenerl, brauchst di fein net z' fürchten!« aber doch zog er sie am Rock so weit als möglich zurück. Dann aber mit einem nochmaligen, mutigen Blick stieß er 's Lenerl in die Seite und sagte: »Bet'n muß mer!«

Und ehe Frau Nandl sich besinnen konnte, standen die beiden Kinder mit brav gefalteten Händen vor ihr und sagten, wenn auch mit zitternder Stimme, das Verslein:

»Liebes, heiliges Christkindlein,
Schenk' uns bitte ein Engelein,
Ein Engelein, das bei uns wacht
Und uns beschützet Tag und Nacht!«

Dabei fingen die Glocken an zu läuten, der ganze Himmel funkelte wie ein weiter Lichterbaum, und die große Gestalt machte sich plötzlich so klein wie nur möglich, um hinab zu den Kinderköpflein zu kommen: »Brav habt ihr's g'sagt, guat habt ihr's g'lernt, das Verserl, was i a amal konnt hab'!«

Ganz weich kam's hervor, und die Kinder verloren alle Scheu, erzählten, daß die Mutter nur fort sei, um Milch und Brot zu holen, daß sie eigentlich hätten sollen im Wagen bleiben, aber weil es so lang gedauert, hätten sie sich halt herausgesetzt, und weil's kalt gewesen, hätten sie ein bisserl geweint. – Der Vater hol ein Bäumerl, hab' er g'sagt.

»Wie heißt euer Vater?« fragte Frau Nandl. Der bayerische Dialekt und etwas in der Art der Kinder war ihr aufgefallen.

»Alois Grundler, G'schirrhändler aus Bayerisch-Neuhaus,« sagten die Kinder zusammen wie etwas auswendig Gelerntes. Man hatte es ihnen auch fest eingeprägt, im Fall sie sich mal verlaufen würden. Dem kleinen Mädchen kam aber doch wieder die Angst, und es schluchzte: »'s Mutter soll kommen!«

»Vielleicht, daß ihr doch noch das Christkindl begegnet is!« suchte der Bub zu trösten. Und er berichtete – nix Großes werde das Christkindl heute bringen, hab' die Mutter g'sagt. Es sei doch schon müd' g'worden beim Hertragen vom Brüderl, da könn' man doch net no mehr G'schenk von ihm verlangen!

Das Christkindl-Geschenk im Inneren des Wagens bestätigte aufs kräftigste sein Vorhandensein, und eben begannen die beiden Großen auch wieder aufzuschreien, denn der Niklas vor ihnen hatte so gewaltig die Nase geschneuzt, daß es wirklich zum Erschrecken war. Da kam eine Frau eiligst die Budenstraße herauf und rief schon von weitem: »Net woan'n, Kinder, net woan'n, i komm scho!«

Die Kleinen flogen ihr entgegen, die Frau aber ließ fast ihren Korb fallen, als sie sah, wer vor ihrem Wagen stand.

»Jesses, was is denn dös?« schrie sie auf und umfaßte ganz fest die zu ihr Flüchtenden.

»Der Niklas ist's, Mutter, der Niklas, und wir hab'n auch schon ganz schön aufig'sagt,« beruhigte jetzt der Bub. Aber die Frau blickte nun ihrerseits ganz entsetzt an der Gestalt hinauf und wollte jäh mit den beiden zu ihrem ganz Kleinen im Wagen, als eine tiefe, aber höchst gutmütige Stimme sagte: »So erschreckt's doch net so, i tu euch doch nix! Die Madame Bavaria hat trotz ihrer Größ'n doch ihr Lebtag no kei'm Hühnerl was zuleid getan!«

Die Mutter hatte die Kinder in den Wagen geschoben und atmete jetzt ganz erleichtert auf: »O mei, verzeihen's doch, daß ich S' net glei' erkannt hab', wo i S' doch schon die Tag her auf'm Bild ang'schaut hab', Madame Riesenfrau! Jetzt aber muaß i schnell nach mei'm Kleinsten schau'n, – 's is halt net anders mögli, als daß mr die Kinder manchsmal alleinig lassen muß!«

Der Frau brannte der Boden unter den Füßen, denn das Schreien drinnen wurde gebieterisch. Frau Nandl hatte nichts mehr da zu tun, und doch zögerte sie eine Sekunde.

»Darf i's anschau'n, das Kloane?« fragte die Baßstimme fast schüchtern, und die Frau nickte freundlich und geschmeichelt: »Natürli, nur können's net eini, weg'n Platzmangel. Aber warten's, i bring's Ihnen ans Fenster!«

Gleich darauf verstummte das Schreien, und nach ein paar Minuten war das Wickelkind durchs Fensterchen gezeigt. Frau Nandl sah gerade in ein Paar Äuglein, die ihr entgegenblinzelten.

»Gelt'ns, herzig ist's?« Die Frau fragte es stolz. Schön war das Pamperl noch nicht mit seinem stumpfen Näslein und seinem vom Schreien noch krebsroten Gesichtchen. Aber das Etwas im Innern der Nandl stieg diesmal so heiß in ihr auf, daß sie sich gar nicht satt sehen konnte.

»Wenn's nur eini könnten, i tät's Ihnen gern ein bisserl auf den Schoß geben. Muß eh schnell d' Suppen kochen, bis mein Mann heimkimmt – er hat noch nach einem Verdienst g'schaut, weil er 's Standgeld no net ganz z'sammenbracht hat, und glei nach'm Fest muaß mer's zahl'n!«

Frau Nandl schaute noch immer das Kindlein an, das sich gar nicht fürchtete, sondern sogar den kleinen Mund zu einem Lächeln verzog.

»Da schauen's her, der kennt si aus, ob wer brav ist oder net!« Und schnell entschlossen sagte die Frau: »Wissen's was, i wick'l ihn fest ein – Luft ist der ja g'wöhnt. Und wenn's Ihnen Spaß macht, tragen's ihn ein bisserl herum!« Gleich darauf kam die Mutter das Treppchen herunter und legte ein warm eingewickeltes Päckchen in die Arme der Frau Nandl, die es recht unbeholfen umfaßten. So was Zartes zu halten waren sie nicht gewohnt. Mit möglichst behutsamen Schritten ging Madame Bavaria auf und ab, wiegend und »bscht, bscht!« machend und dabei immer wieder im Sternenschein das kleine Geschöpfchen sich betrachtend.

»D' Nas'n hat's vom Loisl und auch sein G'schau,« murmelte sie vor sich hin. Und das große, runde Gesicht – »wie eine Scheiben« – beugte sich über das winzige, kleine des Kindes, wobei das Gefühl, das heute in dem alten, vertrockneten Herzen rumorte, ordentlich unbehaglich überquoll. Drum war's ganz gut, als die Mutter wieder herauskam und ihr mit vielem Dank das Kleine abnahm. Auch der Geschirrfrau war's doch nicht recht wohl gewesen, ihr Kind auf so unheimlich mächtigen Armen zu wissen.

Als kurz darauf der Loisl gekommen war – viel verdient hatte er nicht mehr – und ein winziges Bäumlein mit dünnen Lichtchen angezündet hatte, als die Kinder seelenvergnügt mit angebissenen Lebkuchen in ihrem Bett lagen, da erzählte die Frau von ihrem Besuch, und der Mann sagte: »Boarisch hat's g'redt? Da is die Madame Bavaria am End gar die Meschenmoser Nandl, das arme Hascherl von derhoim, die mir mit ihren zarten Handerln amol a Watsch'n geb'n hat, daß i's jetzt no g'spür!«

»Na, Vaterl, na, der heilige Niklas ist's g'wesen!« sagte schon halb im Schlaf aus seinen Kissen heraus das Büblein.

»Der heilige Niklas!« wiederholte das kleine Mädchen, und die Mutter sagte: »Jo, jo, freili, der wird's wohl g'wesen sein!«

Die Nandl aber stapfte wieder heim. Recht angegriffen hatte sie der Gang, drum legte sie sich gleich nieder, sogar ohne den Korb mit Stritzeln, Hutzelbrot und Pfeffernüssen zu beachten, den ihr der aufmerksame Gatte noch geschickt hatte. Einschlafen konnte sie ja immer sofort. Aber ein paarmal drehte sie sich heute nacht doch unruhig herum, so daß die Kistenbettstatt in allen Fugen krachte. Heimat und Schneeberge, Engerln und Christkind, kleine und große Kinderln – alles kam ihr im Traum durcheinander.

»Nein, wie einem auch so kurioses Zeug vorkommen kann!« war's ihr beim Erwachen. Und müde, wie von einer recht großen Anstrengung, legte sie sich nochmals auf die Seite – Frau Bavaria brauchte halt ihre Ruhe! ...

Aber der Niklas war's doch gewesen, denn am Nachmittag vom Fest kam ein Riesenkorb voll Gebäck für die Kinder und ein ganz kleines Päckchen für den Vater mit was Rundem, Silbrigem drin. Den Zettel freilich, der dabei lag, verstanden nur die Eltern. Und es war darauf zu lesen:

»Dem Loisl für die damalige Watsch'n,
und er soll sein Standgeld damit bezahlen!
Die Goliath-Nandl.«

Bei der aber, die das geschrieben hatte, war – für den Augenblick wenigstens – das Etwas in ihrem Innern einmal satt geworden!

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