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Li und Lu und andere Erzählungen für die Jugend

Tony Schumacher: Li und Lu und andere Erzählungen für die Jugend - Kapitel 4
Quellenangabe
authorTony Schumacher
titleLi und Lu und andere Erzählungen für die Jugend
publisherLevy & Müller Verlag
printrunSiebte Auflage
yearo.J.
illustratorErnst Kutzer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid4c82ce57
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Ruths Opfer

Ruth Eiler ging von dem Vortrag von Dr. Müller nach Hause. Es war schon ziemlich spät geworden, denn an der Ecke, wo sich die dabei beteiligten jungen Mädchen trennten, hatte es noch allerlei zu bereden und auszumachen gegeben, und Ruth beschleunigte deshalb ihre Schritte. Im Vorgärtchen ihres Hauses erblickte sie im Vorbeigehen im Rasen ein Veilchen und bückte sich rasch danach. Sie liebte Blumen so sehr, und die Treppe hinaufspringend und ins Wohnzimmer eintretend, wo die Suppe schon auf dem Tisch stand, rief sie: »Mutter, das erste Veilchen. Gott Lob und Dank, endlich wird es jetzt doch einmal Frühling werden!«

Mutter und Großmutter, die verwitwete Frau Pfarrer Schmied, eine schon alte Frau, die für ein paar Wochen zu Besuch da war, betrachteten das Blümlein gleichfalls, als wäre es etwas noch nie Dagewesenes, und auch die kleineren Geschwister drängten sich dazu.

»So ist's manchmal,« sagte Großmutter. »Merkwürdig, wie man ein so kleines Ding jetzt hochschätzt und als etwas noch nie Gesehenes betrachtet, und nachher, wenn man's in Hülle und Fülle hat, ist's einem nicht mehr wichtig.«

Inzwischen hatte man sich um den Tisch gesetzt. Die zehnjährige Marie, Mutz genannt, und der ein Jahr ältere Heinz hatten schon lange Hunger. Mutter schöpfte die Suppe heraus, und ein jedes fing an zu reden von dem, was ihm gerade durch den Kopf ging. Heinz freute sich darauf, wie er gleich nachher wieder hinunter auf den Hof gehen und an dem Modell für seinen Zeppelin, auf das er gewaltig stolz war, arbeiten wollte – er bastelte gerne. Mutz sprach von der Arbeitsstunde heute früh, und von dem »langweiligen« Fräulein Mayer, die so unausstehlich sei, was ihr einen leichten Verweis der Mutter eintrug – so rede man nicht von einer Lehrerin. Plötzlich in alles hinein verkündigte Ruth, die bis dahin ziemlich schweigsam dagesessen, laut und bestimmt: »Jetzt weiß ich's aber ganz gewiß, seit dem heutigen famosen Vortrag, Mutter – ich will Ärztin werden!«

Einen Augenblick lang erschrak die Mutter, dann aber ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen, denn solch plötzliche Einfälle war man von Ruth ja schon einigermaßen gewöhnt, und sie sagte ruhig: »Das wäre freilich schön, aber du weißt ja, daß da das Studieren allein bis zum Maturum schon einige Jahre dauern würde, und dann käme erst die Universität, und Kind, ich glaube, es ist unnütz, sich irgendwie darüber zu besinnen, denn du kennst meine Mittel und weißt, daß die nicht zu solch hochfliegenden Plänen reichen würden.«

Mit einem unmutigen: »Ach was!« und etwas verstimmt blickte Ruth einige Augenblicke vor sich hin, dann aber – sie konnte nicht lange schlechter Laune sein – sagte sie, schon wieder ganz vergnügt: »Na, dann was anderes!« Und dann verkündete sie mit ganz veränderter Stimme, daß sie heute nachmittag mit Lotte Willmer einen großen Waldspaziergang machen werde. Kurt Müller, Hans Schütz und einige Freunde kämen auch mit, sie hätten alle gesagt, diesen ersten Frühlingstag, wo endlich einmal die Sonne schiene, müsse man dazu benützen und ins Freie gehen.

Frau Eiler schwieg einen Augenblick. Sie hatte sich darauf gefreut, den Kindern einen gemeinsamen Spaziergang vorzuschlagen, und sie selber fühlte ein wahres Verlangen danach, nach langer Regenzeit endlich einmal wieder an die Luft zu kommen. Aber als Ruth so erfüllt von ihrem schönen Plan sprach, und gleich, nachdem sie den Löffel hingelegt, sich an Mutter machte und um Schokolade und »nur auch um ein paar Pfennige« zu betteln versuchte, damit man in dem benachbarten Dorf, wohin es gehen sollte, einkehren könne, da wollte Mutter keine Freudenstörerin sein.

Großmutter hatte schweigend bei der ganzen Unterhaltung gesessen. Wie war das doch jetzt so ganz anders als früher, wo die Kinder keine Pläne gemacht hätten, ohne die Eltern vorher um Erlaubnis zu fragen. Und auch noch vollends »einkehren«, nein, das wollte ihr nicht gefallen. Aber sie zwang sich zum Schweigen, nur konnte sie das eine nicht unterdrücken, und zur Tochter gewandt sagte sie: »Wolltet ihr denn nicht heute nachmittag alle zusammen einen Ausflug machen?«

Aber Mutter winkte ihr ab, und sie sagte nichts weiter. Daß aber ihre Gedanken dabei fortarbeiteten, das konnte sie nicht verhüten.

Die Frühlingssonne, nach der man sich so lange gesehnt, war nun wirklich strahlend und wärmend durchgedrungen. Die jungen Leute waren tapfer drauflosgewandert, hatten im Wald Anemonensträuße gesammelt, sich auf Raine mit sproßendem Grün gesetzt und hatten Gesicht, Hals und Hände den Strahlen zum ersehnten Bräunen dargeboten. Großmutter hätte wohl ängstlich gesagt: »Erkältet euch nicht!« denn sie hatten, unbekümmert um etwaige Feuchtigkeit, sich ihrer Jacken und Hüllen entledigt. Und Großmutter hätte wohl auch das Haupt geschüttelt, daß Buben und Mädchen keine Kopfbedeckung trugen. Zu was gab's denn zu allen Zeiten Hüte? Doch wohl um den edelsten Teil des Menschen gegen Sonne und Kälte zu schützen. Die junge Schar, unbekümmert um jeglichen einengenden Gedanken, stürmte fröhlich vorwärts. Und als sie, gegen ihre Berechnung, schon ziemlich frühe durch das genannte Dorf kamen, stimmten alle darin überein, man wolle lieber noch weiter wandern, wo es doch so wundervoll sei, und erst im nächsten Dorf einkehren.

»Natürlich setzen wir uns ins Freie,« war, dort angekommen, der allgemeine Ruf, und Ruth, die zaghaft einwarf: »Ist es nicht sehr zugig hier außen?« und sich dabei den Schweiß wischte, wurde überstimmt – gerade im Wind sitzen sei ja so herrlich! Und herrlich war's nun auch, die kühle Limonade hinabzutrinken und frischgebackenes Schwarzbrot mit Butter dazu zu essen. Käse, den Ruth so liebte, und den die andern sich leisteten, versagte sie sich rührenderweise, eingedenk ihres mageren Beuteleins.

Mutter hatte nun eben ihre Pläne umändern müssen. Großmutter war bei alten Freunden zum Kaffee eingeladen und durfte zur beiderseitigen Freude Mutz mitbringen, da dort gleichaltrige Kinder waren. Für Heinz brauchte man nicht zu sorgen, denn wenn der hinter irgend einer seiner Erfindungen her war und Pläne ausführte, so mußte man ihn gewähren lassen. So machte Frau Eiler sich hinter einen großen Haufen Wäsche, der zum Flicken und Zusammenlegen bereit lag. Das war ja auch gut, daß sie einmal so recht ruhig und ungestört dabeibleiben konnte. Und, um sich doch auch etwas Gutes zu gönnen, rückte sie Tisch und Stuhl in die Nähe des Fensters und bekam so auch einen Teil Frühlingsluft und Sonne ab.

Zum »Vesper« kam Heinz herauf, dazu mahnte sein Magen, der eine ziemlich pünktlich gehende Uhr war. Und er und Mutter ließen sich ihr Brot mit der Marmelade schmecken. Und dann ging jedes wieder an seine Arbeit.

Die Sonne fing an zu sinken, Großmutter kam von ihren alten Freunden hochbefriedigt zurück, Mutz, mit einer geschenkten Schokoladetafel in der Hand, desgleichen, und Großmutter hätte jetzt so gern der Tochter geholfen, wenn ihre Augen zum Flicken nicht zu schwach gewesen wären. Aber Zusammenlegen, das konnte sie noch, und es war recht erfreulich, den Berg Wäsche nach und nach schwinden zu sehen.

Währenddem war es dunkel geworden, und Großmutter sagte erstaunt: »Ist denn Ruth immer noch nicht zurück?« Als es aber immer dunkler geworden war, so daß man das elektrische Licht anknipsen mußte, und Mutter hinausging und das Abendbrot richtete, da sah Großmutter immer wieder auf die Uhr und wurde recht unruhig. Einmal stand sie auf und ging in die Küche hinaus, dann wieder ans Fenster, und ihre Unruhe um Ruth wuchs.

Man wartete mit dem Nachtessen, und Mutter wurde nun auch ängstlich, wenn sie an den dunklen Wald dachte, den die jungen Leute zu durchwandern hatten. Schließlich aß man, denn die Suppe wäre kalt geworden. Dann aber war's der Mutter doch zu bunt und sie wollte eben zu Lotte Willmers Eltern gehen, die in der Nähe wohnten, als von der Straße her lustiges Lachen und Auf-Wiedersehenrufe ertönten und Ruth gleich darauf die Treppe heraufstürmte.

»Wunderschön war's! Wunderbar! Sechzehn Kilometer weit sind wir gegangen, und kein bißchen müde ist man dabei geworden! Eingekehrt sind wir, Mutter,« – Ruth warf dabei die Jacke weg und setzte sich ohne weiteres an den Tisch – »den Käse hab' ich gespart – alle andern haben welchen gegessen,« sagte sie mit Genugtuung, »aber jetzt habe ich einen wahnsinnigen Hunger!« Sie wollte sich ohne weiteres noch Suppe herausschöpfen, aber es war keine mehr da, und auch das Plättchen mit aufgeschnittener Wurst war leer. »Geschieht dir recht!« dachte die Großmutter, aber die Mutter hatte etwas von ihrem Teil Wurst zurückbehalten, legte es stillschweigend auf der Tochter Teller und schnitt dazu ein großes Stück Brot herunter. Auf der Zunge war ihr ja gelegen zu sagen: »Aber Kind, so spät! Und uns alle hast du warten lassen und die Großmutter harrte sehnlich auf dich.« Aber sie schluckte es, denn tief hinten im Herzen lag ihr noch die Erinnerung aus der eigenen Jugendzeit, wo man bei ähnlichen Vorkommnissen mit Vorwürfen schon empfangen und dadurch oft alles Frohsein zerstört wurde.

Ruth, die Ähnliches vielleicht doch erwartet hatte, war einen Augenblick noch unsicher, dann aber fing sie an, begeistert von all dem Erlebten zu erzählen und es so hübsch und anschaulich zu schildern und ihre Anemonen zu zeigen und dazu noch einen großen Büschel von Palmkätzchen und Haselnußwürstchen, welche die jungen Leute von den Sträuchern heruntergeholt hatten, daß man sich schließlich nur mitfreuen konnte und ein Tadel jetzt wirklich ein häßlicher Freudenstörer gewesen wäre.

... Etliche Wochen waren vorübergegangen. Aus Frühling war Anfang Sommer geworden, und jedermann machte Reisepläne. Einmal kam Ruth von der Arbeitsschule nach Hause.

»Mutter, heute haben wir alle nur von unseren Plänen für die Sommerferien gesprochen. Du glaubst gar nicht, wie mir da zumute wurde. Hussens gehen nach Graubünden, Lilli Merz darf zu Verwandten nach Salzburg, Burgers gehen nach Helgoland, Liselore Zimmermann darf gar nach Lugano. O Mutti, und alle haben mich gefragt, wo denn wir hingehen, und alle haben sich nur so angeschaut, als ich darauf sagte, wir wüßten's noch nicht. Mutti, liebes Muttilein, ist's denn gar nicht möglich, daß wir auch einen Plan machen, und daß wir doch nicht den ganzen Sommer lang mutterseelenallein hierbleiben müssen?«

Da flog etwas wie ein Schatten über Großmutters Gesicht, und sie konnte da nicht schweigen: »Weit fort in die Welt hinausfahren, das könnt ihr freilich nicht, und ich versteh', daß man, wenn man jung ist, das auch möchte. Aber Ruth, du bist doch in einem Alter, wo du eure Verhältnisse kennst, und daß halt an etwas Derartiges einfach für euch nicht zu denken ist. Daß man jetzt durchaus einen Luftwechsel und veränderte Eindrücke braucht zum Gesundsein und -bleiben, davon hat man zu meiner Jugendzeit nichts gewußt.« Ruth dachte: Gott, jetzt fängt Großmutter an zu reden von »ihrer Zeit«! Aber interessant war es ihr dann doch zu hören, wie Großmutter erzählte, daß ihr Vater, der ein höherer Beamter war, nie mit seiner Familie eine Reise gemacht habe. »Freilich ging damals noch keine Eisenbahn, und man kam nicht so leicht und so billig vom Fleck wie jetzt. Aber man genoß doch auch die Ferienzeit mit Fußwanderungen im Ländchen herum, und schön war's, wie man das in- und auswendig kennen lernte. Und die Kinder wurden dann abwechselnd bei Verwandten in Stadt und Land eingeladen. Das hatte auch sein Schönes, und was zu derselben Sippe gehörte, wurde untereinander viel vertrauter als jetzt. – Ich habe meinen Mann auch so kennen gelernt,« fügte sie noch hinzu, hielt aber fast ein wenig erschrocken inne, denn Ruth sagte sofort: »Oh, erzähl', Großmutter, erzähle!«

»Dazu hab' ich jetzt keine Zeit, aber ein andermal!« beschwichtigte die alte Frau. Es war auch jetzt wirklich nicht die richtige Stunde zu einem solchen Gespräch, denn Mutter und Ruth überlegten zusammen noch allen Ernstes, wie man es denn mit den Ferien machen könnte, und ob denn nicht irgend eine Möglichkeit bestünde, auch ein wenig fortzukommen. Es wurde auch der liebe Vorschlag der Großmutter, doch für ein paar Wochen zu ihr in ihr kleines Dorf zu kommen, hin und her erwogen, Platz wäre ja genug, für Mutter und Ruth wenigstens, in dem von Großmutters Eltern her ererbten kleinen Haus vorhanden gewesen, in das sie sich, seitdem ihr Mann gestorben war, zurückgezogen hatte. Und die Nachbarsfrau, die Schmiedin, das war sicher, die würde gerne die zwei Kleinen bei sich aufnehmen.

»Gärten und Wiesen gibt's ja bei mir überall, aber freilich keine Berge und Flüsse und romantischen Täler,« fügte sie lächelnd hinzu. »Doch die Luft bei uns, die ist, das muß ich gestehen, frischer und freier als bei euch hier, wo all die Kamine rauchen und die Autos so abscheulich riechen.«

O wie gerne wäre Mutter sofort auf diesen Vorschlag eingegangen, aber sie wußte, daß Großmutter auch sparen mußte, und da fiel man einem doch nicht gleich mit solch einem großen Haufen Menschen ins Haus. Ruth aber hatte schon lange in der Stille die Nase gerümpft, denn nach Mittelbach in die Sommerfrische zu gehen, so nahe von hier, daß man beinahe zu Fuß hingelangen konnte, und das wirklich in ihren Augen weniger als gar keine Reize bot – das wäre doch gar zu ärmlich. Da hätte sie sich ja wirklich vor den andern schämen müssen! Dann lieber ganz zu Hause bleiben und eben in Gottes Namen auf alles verzichten müssen, was andere hatten, und so weiter. Heiß quoll es in ihr auf beim Gedanken daran, und Mutter, die den Vorgang in ihres Kindes Herzen ahnte, zog es vor, der Großmutter an diesem Abend die Antwort schuldig zu bleiben.

Heinz aber hatte vor dem Zubettgehen die Mutz noch beiseite genommen und zu ihr gesagt: »Das ist mir eins, ob die andern in meiner Klasse nach Amerika oder China gehen, ich möchte doch am liebsten nach Mittelbach, und gerade zum Schmied, der würde mir helfen, meinen Zeppelin vollends zusammenzubringen!«

Großmutter war wieder abgereist. So gerne sie bei der Tochter und den Enkeln weilte, so zog es sie doch allemal wieder zu ihrem kleinen Heim. Warm war es jetzt geworden, und die Kinder lernten mit mehr oder weniger Eifer. Ruth war nun sehr beschäftigt und absolvierte vollends der Reihe nach all ihre Kurse – Kochschule, Säuglingspflege, Kindergarten und die Anfangsübungen von Verbandlehre und Krankenpflege. Wißbegierig wie sie war, interessierte sie alles, und sie gab sich auch redlich Mühe, im Gegensatz zu mancher Freundin, die die Sache mehr tändelnd betrieb, einen wirklichen Nutzen daraus zu ziehen. Aber es war so vielerlei, was sich ihr in den letzten Monaten dargeboten hatte, jeder der Vorträge und jede der Übungen hatte so viel für und wider sich, daß Ruth nach und nach ganz irre wurde, welchem von den verschiedenen Berufen sie sich zuwenden sollte und welcher wohl der beste für sie wäre.

Das Medizin-Studieren hatte sie schon längst wieder aufgegeben, seit sie ein wenig tiefer in Spitalbehandlung und Krankenpflege hineingesehen hatte. Irgend einen Erwerbszweig im Leben, das stand fest, mußte sie ja ergreifen. Kinder hatte sie ja wohl ganz gerne, aber bei den ganz Kleinen war's doch so eine Sache: das ewige Trockenlegen, das dauernde Schreien, wo man ratlos dabeistand, und dann der Gedanke an die gestörten Nächte ... Da waren aber auch noch die Größeren in den Kindergärten! Dort war's ja schon weit erfreulicher, manch nettes Geschichtchen erlebte man da, und ganz drollige Einfälle konnte man daheim erzählen. Aber was für unartige, kleine Racker gab es doch auch darunter. Kinder, die mit vier Jahren noch nicht einmal reinlich waren, die keinen Begriff vom Folgen hatten, sich manchmal in ihrem Zörnlein auf den Boden legten, und die sich mit keiner Kunst der Pädagogik erweichen ließen, ihren Eigensinn zu brechen. Ein paar Stunden ja, so war es schon nett, aber sich einen ganzen Tag lang mit solch kleinen Rangen abgeben und plagen zu müssen, nein, das mußte doch auch wieder fürchterlich sein. Eine Hauspflegerin hatte sie in dieser Zeit auch kennengelernt. Das war schon etwas anderes, da war doch eine Abwechslung in der Arbeit, die hatte immerhin eine selbständige Stellung, und manchmal kam sie auch in ganz nette Häuser, wo man sie schätzte. Aber dann auch wieder in andere – hu – wie schauderte es Ruth, als sie davon hörte, daß es da Familien gäbe, wo man in unheimlichen Schmutz und in Elend hineinsehe, und wo die Schwester nicht einmal ein Geschirr zum Händewaschen vorfände, geschweige denn ein Handtuch zum Abtrocknen!

Ruths lebhafter Geist erfaßte alles, was sie lernte, hörte und sah mit großer Lebendigkeit, und wenn sie nach Hause kam und Mutter von ihren Eindrücken erzählte, so nahm diese warmen Anteil, aber innerlich sorgte sie sich um ihre Älteste, welchen von diesen mancherlei Lebenswegen sie einmal wohl gehen würde. Schattenseiten hatte ja ein jeder, aber welche Mutter möchte nicht ihr Kind in möglichst viel Licht und Sonne gestellt wissen?

Es war nun Juni, und in den letzten Tagen war wieder die Ferienfrage aufgetaucht, die besonders von Heinz und Mutz sehr ernst genommen wurde, während sich Ruth schweigend verhielt und ordentlich in einen verbissenen Trotz hineinarbeitete: »Für dich gibt's ja doch keine Abwechslung und kein Reisen, da ist's am besten, man redet gar nicht darüber.«

Mutter litt auch unter der Hitze, die heuer besonders drückend war. Sie sagte aber mit möglichst fröhlicher Stimme: »Wo so viel Tausende es ohne Veränderung aushalten müssen, werden wir's auch können. Und da wir ein nettes, liebes Heim haben, so können wir es uns auch recht leicht machen, und ihr werdet sehen, wir werden sehr vergnügt sein, Spaziergänge zusammen machen, und jedes den ganzen Tag lang das tun, was ihm gefällt.«

Ruth hätte gern gesagt: Ich kenne das, immer dieselben Wege wandeln wie das ganze Jahr über, und dabei nicht eine einzige der Freundinnen hier! Und dazu war gestern der Hausherr bei der Mutter und sagte, die Wände müßten getüncht werden – das fiel natürlich gerade in die Vakanz. Recht bitter begnügte sich Ruth damit, nur das eine Wort einzuwerfen: »Aber die Luft, Mutter, die Stadtluft, die bleibt eben!« und daraus wußte Mutter auch nichts zu erwidern, denn die war wirklich dick und schwer, und sie selber litt darunter.

Da, eines Tages, als Ruth aus einem ihrer letzten Vorträge nach Hause kam, lag ein Brief mit fremder Marke für sie auf dem Tisch, und die Mutter sagte: »Endlich einmal wieder Nachricht von den Wiener Verwandten, die recht lange geschwiegen haben. Aber wie merkwürdig, daß das Schreiben an dich adressiert ist, Ruth!«

Neugierig standen alle um sie herum, als sie den Brief öffnete, und wie groß war das Staunen, als sie las:

Wien, Anfang Juli.

Liebe Ruth und liebe Schwägerin!

Wir haben diesmal recht lange auf Nachricht warten lassen, nicht wahr? Unser Leben ist eben, wie Ihr wißt, immer sehr unruhig, und in der letzten Zeit waren auch meine Nerven nicht so ganz in der Ordnung, so daß der Arzt verordnete, daß ich für ein paar Wochen nach Gmunden gehen soll. Leider kann mich mein Mann geschäftehalber nicht begleiten, und so komme ich mit einer großen Bitte zu Euch. Ruth wird ja wohl mit ihrer ewigen Studiererei und Lernerei nun zu Ende sein. Das liebe Mädel hat uns bei unserem letzten Aufenthalte bei Euch gar gut gefallen, und Paul meinte, daß ich an ihr gewiß eine recht liebe, lustige Gesellschafterin beim dortigen Badeleben haben werde. Deshalb schlage ich Euch vor, sie anfangs der nächsten Woche hierherzuschicken, die Bezeichnung der Züge und Berechnung der Reisekosten, für die wir natürlich einstehen, liegen bei. Ein paar Tage lang könnte sich Ruth dann noch Wien ansehen, Onkel würde sich freuen, seiner hübschen Nichte, dem »feschen Mädel«, wie er sie immer nennt, alles zeigen zu können. Und dann würden wir zwei zusammen in die Berge fahren und vereint lustige und fidele Tage am schönen Traunsee verleben. In der sicheren Hoffnung, daß Ihr damit einverstanden seid und uns unseren Wunsch erfüllt, bittet um eine baldige Bejahung

Eure sich freuende
Tante und Schwägerin Lori Eiler.

Nachschrift: Die Geldscheine, die sofort nachfolgen, benützt zum Einkauf einiger hübschen Kostüme, oder laßt diese noch anfertigen, aber schnell, bitte und möglichst modern, und nehmt dazu eine Schneiderin, die was versteht, ich möchte, daß meine kleine Nichte auch gut aussieht!

Ein Jubelschrei ertönte, und dann fiel Ruth der Mutter um den Hals und drehte diese so lange im Kreise herum, bis sie um Gnade und um Luft rief. Nein, diese Überraschung, diese Freude! Immer wieder wurde der Brief gelesen. Gefragt, ob Mutter damit einverstanden sei, wurde nicht. Aber das war ja auch so natürlich, so selbstverständlich, daß man da ja sagte, und Mutter selber empfand es als etwas Wunderschönes für ihr Kind. Daß ihr selbst in dieser Woche die Obliegenheit für das ganze Hauswesen und die Kinder anheimfiel, das mußte schweigend hingenommen werden, angesichts von so etwas Seltenem, Verlockendem.

Und nun konnte Ruth sofort am folgenden Morgen den Mädchen beim Kurs mit glücklicher Stimme verkündigen: »Denkt euch, ich darf schon nächste Woche nach Wien fahren, und nachher mit meiner dortigen Tante in die österreichischen Berge nach Gmunden!«

Einen solch gar großen, überwältigenden Eindruck, wie Ruth sich gedacht hatte, machte diese Nachricht ja nicht auf die Mitschülerinnen, die vorher vielleicht auch gar nicht so genau beachtet hatten, wie Ruth von gar keinen Plänen gesprochen hatte – die Jugend denkt sich nicht so in andere hinein, hat noch zu viel mit sich selber zu tun.

Und vollauf zu tun gab's jetzt auch in dem kleinen Hause! Besorgungen wurden gemacht, Stoffe gewählt, Schneiderin und Modistin berufen, denn der Mutter war es Ehrensache, den Wünschen der Tante für ihr Kind nachzukommen. Aber – der Mensch denkt, und Gott lenkt!

Zwei Tage nach Erhalt des freudebringenden Briefes lag wieder einer im Briefkasten, diesmal an die Mutter gerichtet. Er war von der Schwester ihres verstorbenen Mannes, die als Klavierlehrerin in der nahen Hauptstadt wohnte, war mit fremder Handschrift geschrieben und lautete:

Liebe Elisabeth!

Es ist mir schrecklich, Dir mit etwas Unangenehmem und dazuhin mit einer Bitte zu kommen. Ich bin beim Besorgen meines kleinen Haushaltes ausgerutscht und habe mir den rechten Arm gebrochen und mich auch noch am Knie verletzt. Leider habe ich kein Anrecht auf ein Krankenhaus und weiß mir nun nicht zu raten. Hilflos, wie ich bin, bleibt mir nun nichts anderes übrig, als Dich zu bitten, mir Deine Ruth für einige Zeit zu schicken. Ich weiß, Du bringst mir dieses Opfer, und Ruth auch. Ich fühle mich gänzlich verlassen. Ich habe wenige Freunde hier, und ein jeder hat mit seinen eigenen Sachen zu tun. Eine Stadtschwester kommt einmal im Tag und besorgt mir das Nötigste. Aber nachher ist alles statt geordnet nur durcheinander, und Du weißt, wie ich auf Pünktlichkeit sehe. Um Gottes Barmherzigkeit willen bitte ich Euch, mir zu helfen!

Deine verlassene Schwägerin
Luise.

Da waren nun wieder alle beisammen um den runden Tisch, aber kein Jubelruf ertönte, und Mutter und Tochter hatten sich unwillkürlich gesetzt, so war ihnen der Schrecken in die Füße gefahren.

Mutz fragte: »Ist das die ›finstere Tante‹, die schreibt?« Und Heinz im erwachenden Gefühl seiner Männerwürde entschied aufs bestimmteste: »Das tust du nicht, nein, Ruth! Die ist immer so widerwärtig, wenn sie hier ist, kein Papierschnitzel und kein Leim soll auf meinem Tische sein, und ...«

»Immer spricht sie nur von ihren Nerven, und daß ich meine Tonleitern ganz falsch spiele, wenn sie zuhört!« ergänzte Mutz.

Ruth aber war zuerst ganz sprachlos, und dann aber ganz außer sich: »Das kann niemand von mir verlangen – das tu ich nicht! – Die Tante in Wien hat auch Nerven und braucht mich, ja, – sie braucht mich auch, und ich gehe dorthin. Und die Tante Luise soll sich einfach jemand anderes suchen.«

Die Mutter war sehr blaß geworden. Das war ein Schrecken und eine Wendung, die sie doppelt tief empfand, denn es galt ihr Kind und dessen ganze Freude. Was war da zu machen? Sie wäre am liebsten selbst zu der armen Schwägerin gereist, die in ihrer verschlossenen Art ihr ja auch nicht nahe stand, die sich aber so redlich durch ihr Leben brachte. Doch sie konnte ja unmöglich die Kinder verlassen, die die nächsten Wochen ja noch in die Schule gingen. Und dabei gab es wirklich tief eingreifende, ungute Arbeiten in der Wohnung nach außen und innen mit Handwerksleuten aller Art. Da mußte die Hausfrau dabei sein!

Ruth war inzwischen auf ihr Zimmer geeilt und hatte die Tür hinter sich verschlossen. Sie mußte allein sein, um das Unerhörte eines solchen Verlangens zu verarbeiten. Warum nahm denn die Tante nicht in solcher Not eine Pflegerin ins Haus? Warum ging sie in kein Spital? Ja so, zu beidem fehlte ja das Geld! Was brauchte sie auch so ungeschickt zu sein, den rechten Arm zu brechen? Gewiß war da wieder ihr rasches Wesen, das Ruth gar nicht mochte, daran schuld! Und da sollte sie – gerade sie – dafür herhalten und einstehen und das Herrliche, einfach Himmlische dafür fahren lassen? Nein, das konnte, weiß Gott, niemand von ihr verlangen ... Gleich sofort wollte sie ihr abschreiben – keine Minute länger warten.

An der Tür klopfte es leise, die Mutter war's, und sie sagte durch den Spalt – man merkte es ihr an, daß sie geweint hatte –: »Kannst du nicht einen Augenblick herunterkommen, die Schneiderin ist da – was soll ich sagen?«

Da fuhr Ruth in die Höhe und rief leidenschaftlich: »Jetzt kann ich doch im Augenblick, wo einem alle Freude vergällt ist, nicht mit Ruhe Kleider ansehen! Hab' mich so darauf gefreut ... Drum sag' ihr einfach, sie soll halt morgen wiederkommen!«

»Das können wir kaum verlangen,« sagte die Mutter.

Ruth hatte doch aufgeschlossen und noch der Mutter leises »Gelt, nicht so?« gehört. Da war Ruth zögernd nach ein paar Minuten ihr gefolgt. Als sie ins Wohnzimmer getreten, lagen alle möglichen Stoffmuster und Modezeitungen herum, und die Mutter war eben dabei, dem Fräulein, das sie gut kannten, von der unwillkommenen Wendung der Sache zu erzählen.

»Das ist freilich sehr bedauerlich!« hörte Ruth die Schneiderin sich äußern. »Den rechten Arm zu brechen, das kann ich nachfühlen, denn auch mir geschah's einmal, und was man da für Gedanken hat, hauptsächlich wenn man allein ist, so wie ich's damals war, und sich sein Brot mit den Händen verdienen muß, das kann niemand beschreiben! Da ist man in einer verzweifelten Verfassung.«

Ruths Augen waren inzwischen über die wunderhübschen Seidenstoffe hinweggeschweift, die das Fräulein bereits anfing wieder aufzurollen. Ruth wollte eben ein lautes »Halt! Das muß und das will ich nicht!« rufen, als die eifrig Aufräumende zu ihr gewandt sagte: »Wie gerne hätte ich Ihnen ein paar recht hübsche Kleidchen gemacht, aber daß Sie jetzt bei diesem traurigen Fall doch keine rechte Freude daran haben könnten, das verstehe ich. Übrigens komme ich morgen früh wieder vorbei – ich lasse die Sachen vorerst liegen!« Und damit empfahl sich das Fräulein.

Mutter wischte sich die Augen und sah ihr Kind voll Mitleid an. Sollte es wirklich so sein, wie die junge Arbeiterin so überzeugt sagte: sie würde keine Freude an den hübschen Anzügen haben? Ruth hatte es ins tiefste Innere getroffen, wie dieses Mädchen so ganz selbstverständlich von einem Verzicht sprach. Ihr ganzes Gebäude von Sollen und Müssen, von Pflicht und nicht Pflicht, hatte dadurch einen mehr als unbequemen Stoß erlitten.

Ganz verstört ging sie nach Tisch in ihre Verbandlehre, ein Zweig ihres Wissens, der gegenwärtig an der Reihe war. Eine merkwürdige Schickung war, daß gerade heute Hand- und Armverbände an die Reihe kamen. Es wurde Ruth dabei klar, wie hilflos ein solcher Knochenbruch machte. Unwillkürlich interessierte sie die Sache, was aber nicht mildernd zu ihrer inneren Verfassung beitrug.

»Wann gehst du nach Wien?« fragte sie zwischenhinein einmal eine ihrer Freundinnen, aber Ruth gab ihr keine Antwort. Es war ihr, als müßte sie mit der ganzen Welt zürnen, und beständig kämpfte sie mit den Tränen.

»Hast du einen Schnupfen?« fragte die Freundin mitleidig. Als aber Ruth wieder nicht antwortete, sagte sie: »Warum bist du denn heute so zuwider? Wenn ich solch eine Aussicht hätte wie du, so würde ich den ganzen Tag tanzen und springen!«

Ach, ums Jubeln und Tanzen war es Ruth wahrhaftig nicht zu tun. Der Nachmittag verlief vollends in der Frauenarbeitsklasse, und als sie spät am Abend nach Hause kam, wartete Heinz sehnlichst auf sie, daß sie ihm doch bei seinem »entsetzlich schweren« Aufsatz helfen solle. Sie tat's, aber immer wieder stieg der Gedanke in ihr auf: Soll und muß ich denn? Dabei begegnete sie aber jedesmal der Mutter Blick, der so fragend und Antwort heischend auf ihr ruhte, und beim Gute-Nacht-sagen sah ihr Mutter tief in die Augen und sagte: »Niemand kann dich zwingen, Kind, du selber mußt das Richtige finden! ... Und der liebe Gott helfe dir dazu!« – fügte sie noch leise hinzu – »Schlaf' wohl!«

Den Schlaf fand Ruth heute nicht, sie mochte sich herumwälzen, wie sie wollte, die Sache war eben auch gar zu schwer. Alles in ihr bäumte sich auf. Wie glückselig war sie gestern abend um diese Zeit, von goldenen Träumen umgaukelt, eingeschlafen, und jetzt sollte alles zunichte werden! Vergeblich zermarterte sie sich den Kopf nach einem Ausweg, aber je länger sie nachdachte, und je mehr sie sich Mutters Stillsein in dieser Frage überlegte, desto klarer wurde ihr der Weg, den sie in Gottes Namen zu gehen hatte. Wie viel, gerade im letzten Jahr, hatte sie über Opferwilligkeit, treue Pflichterfüllung in Vorträgen gehört und in Büchern gelesen. Alle die zukünftigen Berufe, die ihr in der Theorie so herrlich erschienen, verlangten das ja gerade. Nur war's eben jetzt die Wirklichkeit, die es verlangte, und das war etwas anderes ...

Plötzlich fiel ihr wieder das Wort der Schneiderin ein, das diese heute gesagt hatte: »Hilflos und allein sein, das kann einen zur Verzweiflung treiben!« Da falteten sich unwillkürlich ihre Hände: »Ach nein, nur so etwas nicht!« und mit einem tiefen Seufzer entrang sich ihrem Innern ein zaghaftes: »Wenn's sein muß, dann will ich's eben tun!« Und als ob ihr damit eine Zentnerlast von der Seele gefallen wäre, kam auch der Schlaf über sie, und am andern Morgen konnte sie der Mutter, wenn auch noch mit etwas schwankender Stimme, ihren Entschluß mitteilen.

... Im dritten Stock eines Hauses in der Landeshauptstadt stieg Ruth etliche Stunden später zögernd die dunklen Treppen hinauf. Wohl war sie schon manchmal für kurze Zeit bei Tante Luise gewesen, da war's aber nur zu kurzem Aufenthalt, wenn sie ein Konzert oder Theater hatte besuchen dürfen, und da sah sich alles ganz anders an. Das Haus lag in einer engen Straße. Draußen leuchtete noch die Abendsonne, drinnen im Haus war alles so finster und muffig.

Auf ihr zaghaftes Läuten hin schlürfte nach einigem Warten etwas zu der Tür hin. »Wer ist draußen?« rief's nicht gerade sehr freundlich, und als Ruth sagte: »Ich bin's, die Ruth!« da fuhr innen suchend ein Schlüssel am Schloß hin und her, und eine Stimme sagte: »Wart' nur, ich kann das Schlüsselloch so schwer finden.«

Als dann gleich darauf die Tür aufging, da wurde die Ankommende nicht eben sehr lieb mit den Worten empfangen: »So, kommst du endlich? Schon den ganzen Morgen habe ich dich erwartet. Es ist ein Elend, Kind, wenn man so übel dran ist wie ich gerade. Nicht einmal eine Suppe habe ich mir wärmen können, du glaubst gar nicht, wie tappig man mit der einen Hand ist!« Und dabei waren sie miteinander in die Stube getreten. Dort sah's auch nicht sehr erquicklich aus. Wohl hatte die Tante von ihren Eltern her eine hübsche, gute Einrichtung und sogar ein zweites Zimmer, in dem ihr geliebter Flügel stand, an welchem sie ihre Stunden gab. Es war auch sonst ziemlich aufgeräumt in ihren Stuben, wenn auch dabei immerhin etwas »künstlerisch«, wie Mutter lachend sagte. Doch jetzt war das Bett nicht gemacht – Tante sollte eigentlich liegen.

»Aber wie kann man das, wenn es alle Augenblicke läutet?« sagte sie und streifte dabei einen Haufen Kleidungsstücke, die auf einem Stuhl lagen, herab.

»Setz' dich,« sagte die Tante kurz, »'s ist recht, daß du da bist! Die Schwester kommt zwar alle Morgen und besorgt mich, aber sie hetzt schrecklich, bis sie mir meinen Kaffee gerichtet hat, und dabei muß ich ihn ohne Zucker trinken, denn ich kann doch nicht den Schlüssel zum Schrank stecken lassen. Und wenn sie dann geht, so steht das Geschirr herum! Und das Sich-waschen-lassen-müssen von einer Fremden ist auch so etwas Schreckliches, und überhaupt ... überhaupt ...!«

Ruth hatte inzwischen Hut und Jacke abgelegt und sich umgesehen. Das »überhaupt« war ihr ja auch aus der tiefsten Seele gesprochen, aber sie hatte sich fest vorgenommen, nichts von ihrem schweren Opfer zu sagen. Nein, das wollte sie nicht – auch noch bemitleidet werden, das konnte sie nicht ertragen.

»Du bist gewiß hungrig, Ruth? und da ist's wohl am besten, du machst gleich für dich und auch für mich einen Tee – da drüben auf der Kommode ist eine Büchse und liegt eine Tüte mit Zwieback.« Und sie wollte wieder aufstehen, um das Bezeichnete zu holen. Aber es ging schwer, das Knie wollte sich nicht recht biegen, und der Verband um dieses war gerutscht.

»Auch das Gehen fällt mir schwer, und du kannst versichert sein, nicht ohne die äußerste Not hätte ich dich gebeten zu kommen.« Dies klang nicht eben sehr liebenswürdig, sollte es aber sein. Nachdem Ruth abgelegt hatte, sah sie sich nach Arbeit um. Also zuerst den Tee machen! Das Geschirr dazu stand noch ungereinigt in einer Ecke. Dort hatte Tante hinter einem Vorhang sich eine Art kleiner Küche eingerichtet, und es war nicht gerade leicht, sich in dem Durcheinander, das da herrschte, zurechtzufinden.

»Stell' nur alles gerade so wieder hin, wie ich's gewöhnt bin!« rief die Tante ängstlich aus ihrer Sofaecke, wo sie sich hingelegt hatte. Ihr Wunsch aber war schwer zu erfüllen, denn Ruth kannte doch die bisherige Ordnung nicht. So handelte sie eben nach ihrem eigenen Gutdünken, stellte schnell auf dem vorhandenen kleinen Gasherd Wasser auf, das sie zum Glück im Gang an der Wasserleitung in einer Kanne holen konnte. Bald trat sie mit dem aufgegossenen Tee, der nach Kamillen roch, wieder hinter ihrem Vorhang hervor. Die Zwiebacke in der Tüte sahen nicht sehr verlockend aus, und Ruth fragte: »Hast du denn keine Semmeln, Tante? Ich würde dir gerne ein Butterbrot richten.«

Da aber erfolgte ein großer Jammer: »Das wäre freilich das Richtige. Gönne mir auch immer sonst zu meinem Tee ein bestrichenes Brötchen, aber ich hatte doch niemand, der mir zum Bäcker und in den Laden gegangen wäre! Gelt, Kind, das besorgst du mir doch jetzt alles? Und wenn wir Tee getrunken haben und du hast mir mein Bett gemacht und wenn ich glücklich drin liege, dann schaffst du mir vor allem Pünktlichkeit in meiner Stube, denn peinlichste Ordnung bin ich ja von jung auf gewöhnt.«

Ruth tat, was die Tante verlangte, aber das Wort »Ordnung« sah nach Ruths Begriffen anders aus. Befriedigt sah sie, wie gut der Verletzten der Tee und die ihr schnell vom Bäcker im Nebenhaus herbeigeholten Brötchen schmeckten. Butter war leider heute abend keine mehr zu bekommen. Das Bett hatte sie auch, nach ihrer Ansicht, pünktlich gerichtet, wobei die Tante aber gar vielerlei Vorschriften machte, wie dies und jenes Kissen geschüttelt, in welche Falten der Teppich gelegt und wo ein Polster untergeschoben werden mußte. Und dann kam das Insbettgehen. Nein, das war keine leichte Sache mit dem fest verbundenen Arm und dem Knie, das sich nicht recht strecken wollte. Und Ruth floß der Angstschweiß herunter, bis endlich die Kranke ihre richtige Lage hatte und einigermaßen zur Ruhe kam. Daß da jemand zur Hilfe hergehörte, das sah das junge Mädchen jetzt schon ein. Aber leicht war diese Aufgabe, in die sie so plötzlich hineingeraten war, wirklich nicht. Und ebensowenig war es für Ruth erquicklich, auf dem altmodischen Sofa zu schlafen. Sofakissen – wenn auch schön gestickt – alte Schals und Teppiche ersetzten doch keinesfalls Ruths reinliches, gewohntes Bett daheim.

Und das häufige Aufstehen in der kommenden Zeit war für das junge Mädchen, das Unterbrechung des Schlafs nicht gewöhnt war, auch keine Kleinigkeit. Aber die Tante konnte sich allein gar nicht helfen. Was ihr hinunterfiel, konnte sie nicht aufheben, ihre Lage konnte sie nicht ändern und ein beruhigendes Pulver nahm sie durchaus nicht ein – das sei gegen ihre Grundsätze – . So hatte Ruth recht wenig Ruhe, und des Morgens, wenn sie noch ein bißchen hätte schlafen können, kam dann die Stadtschwester. Es war eine gute, brave Person, und Ruth war sehr froh an ihrer Hilfe beim Waschen, Wäschewechseln und Anziehen. Dann aber – die Tante hatte recht – hetzte Schwester Beate wieder fort, sie mußte noch viele Kranke besorgen, und es war nicht zum Beschreiben, wie lange dann der Tag für Tante und Nichte war, und auch oft wie wenig erfreulich. Wie ganz anders, als wenn man es nur aus den Büchern las, war doch eine Krankenpflege in Wirklichkeit! Wie viel mußte da beobachtet werden! Und wenn Ruth meinte, ihr Äußerstes an Pflichten getan zu haben, so fing die Tante doch an zu klagen über ihr Mißgeschick, über ihre Schmerzen, die wirklich oft arg waren, über ihre gestörte Ordnung, und vor allem darüber, daß sie keine Stunden geben konnte. O wie schrecklich war eben auch der Gedanke für sie, ob sie je wieder dazu imstande sein würde. Und diese Sorge verstand Ruth vollauf.

Das Mittagessen holte die junge Pflegerin in einem nebenan liegenden Lokal. Sie trug es in einem geschlossenen Eßaufsatz, aber Ruth war doch recht froh, daß sie hier keine Bekannten hatte, die sie bei diesem Gang hätten sehen können. Dann und wann kochte sie auch eine Suppe selber und röstete Kartoffeln, oder bereitete irgend eine kleine Speise. Das freute sie, wenn es gelang, und die Tante auch.

Manchmal kam auch irgend eine Klavierschülerin, um sich zu erkundigen, wie es Fräulein Eiler gehe, aber gewöhnlich fragte sie dann gleich, ob wohl die Stunden bald wieder beginnen könnten, was die Tante entsetzlich aufregte.

Von daheim bekam Ruth auch nicht so viel Nachrichten, wie sie gern gehabt hätte. Mutters Zeit war durch Handwerksleute aller Art, die in ihrer Wohnung hantierten, sehr in Anspruch genommen, und die Kinder, denen die Schwester doch sehr fehlte, konnten sich auch nicht zu ordentlichen Briefen aufschwingen. Und wenn Heinz schrieb: »Wenn Du doch auch hier wärest, das wär' fein. Famos war, wie der Küchenboden neu gemacht wurde, und fein die vielen Farbtöpfe im Haus, und da helfe ich überall mit!« so war das alles, und Ruth konnte sich lebhaft vorstellen, was es nachher bei dieser Helferei für Mutter wieder zu reinigen gab. Mutz aber schrieb: »Jetzt noch vierzehn Tage, dann fangen die Ferien an, und ich kann's gar nicht erwarten, bis wir zu Großmutter kommen!«

Zu Großmutter, ins kleine, langweilige Mittelbach! Aber jetzt, von hier aus, erschien es Ruth gar nicht so öd und langweilig, jedenfalls war dort eine bessere Luft als hier, denn die war manchmal wirklich schwer zu ertragen. Julisonne brannte hernieder, und wer konnte und nicht verreist war, ging abends in die Parks und die Vergnügungsgärten, oder auf die Höhen, welche die Stadt umgaben. O wie sehnte sich Ruth nach einem ordentlichen Spaziergang! Die Tante hatte wohl ein paarmal gesagt: »Geh' auch spazieren, daß du mir nachher was erzählen kannst!« Aber wenn Ruth nach einer kurzen Stunde wieder zurückkam, so war gerade etwas gewesen, zu dem man sie notwendig gebraucht hätte, und erlebt hatte sie auch nichts. Manchmal wußte sie wirklich nicht, wie sie die Kranke zerstreuen sollte. Erzählte sie ihr etwas von ihrem Jungmädchenleben daheim, so fand die Tante all dies »neuzeitlich«, »unbegreiflich«, wenn nicht gar »verwerflich«. Wollte sie ihr etwas auf dem Klavier vorspielen – Ruth war freilich nie weit damit gekommen – dann tadelte die Tante beständig Anschlag und Ausführung, und so wurden diese Versuche für sie und die Nichte eher eine Qual. Und wenn Ruth ihr etwas vorlas, so schlief die Kranke gerade oft über den schönsten Stellen ein – sie hatte allerdings eben noch manchmal heftige Schmerzen – . Wenn aber Ruth je einmal der sehnsüchtige Seufzer entschlüpfte: »Ach, wie schön wäre es jetzt draußen beim Baden und im Wald!« so konnte die ja gleichfalls Eingesperrte in sehr beleidigtem Ton darauf erwidern: »Ich finde es nicht schön von dir, von solchen Dingen zu reden, die für eine arme Kranke zumal jetzt unmöglich sind!«

O wie trocken, wie furchtbar trocken war doch die zu Pflegende, und wie schwer war es, außer von ihrer Musik mit ihr über irgend etwas zu reden, das sie einigermaßen lebendig und fröhlich machte. Nach Persönlichem fragte sie nie. Wie konnte man da ein Gespräch anfangen oder fortführen? Und doch fühlte Ruth, daß der Leidenden Blick manchmal wie fragend auf ihr ruhte, als ob sie etwas von ihr erwartete. Aber was denn? Und Ruth seufzte, immer bedauernswerter kam sie sich vor, und wie sehnte sie das Ende dieses Zustandes herbei.

Die jüngere Stadtschwester wurde abgelöst, und es kam dafür eine ältere. Das war eine gute, behagliche Person, die nicht so hetzte und sich manchmal Zeit nahm, ein kleines Gespräch zu führen. Sie mochte die Tante leiden, und wenn Fräulein Eiler ihr auch viel vorjammerte, so wußte die Schwester sie immer so nett zu trösten und zu ermuntern: »Fräulein, Sie dürfen nicht so sehr klagen, wenn man solch ein liebes Sonnenscheinchen um sich hat wie Ihre Nichte!«

Ruth fühlte, daß sie gar kein Sonnenscheinchen war, trotz der Mühe, die sie sich gab. Aber sie hätte so gerne auch einmal ein lobendes Wort von der Tante bekommen, das aber stets ausblieb. Das klagte sie einmal der Schwester beim Fortgehen, wie schwer ihr eben die ganze Pflege und der Aufenthalt hier falle, und im Übermaß ihres so lange zurückgehaltenen Mitteilungsbedürfnisses erzählte sie auch der Schwester von dem Opfer, das sie gebracht hatte. Teilnahmsvoll hörte diese zu und bestätigte, daß das freilich eine große Sache gewesen sei.

»Aber Fräulein Ruth,« die Schwester blickte sie so lieb und ermunternd an, »Fräulein Ruth, wenn Sie, wie Sie mir erzählen, doch einmal Ärztin oder Schwester, oder überhaupt Hilfsarbeiterin bei der Menschheit werden wollen, so geht's halt einmal ohne Opferbringen nicht ab. Und da wird's Ihnen vielleicht doch nicht gar so schwer fallen, gerade hier zu beginnen, wo Sie mit Ihrem jugendlichen Frohsinn so viel Licht und Erleichterung in ein etwas verbittertes Herz bringen können. Soviel ich hörte, hat das Fräulein ein schweres Schicksal hinter sich.« Nach diesen Worten eilte die Schwester mit einem warmen Händedruck davon, denn gar zu viel reden durfte sie auch nicht.

Ruth kehrte zu der Kranken zurück, und da diese gut versorgt in ihrem Bett lag und ein wenig schlummerte, setzte sie sich mit einem Buch ans Fenster. Es war eine moderne Abhandlung über »Das Recht des Ich«, und wie begeistert hatte sie derartigen Vorträgen gelauscht. Aber heute gingen ihre Gedanken einen andern Weg. Wie hatte die Schwester doch gesagt? Von einem »schweren Schicksal«, das die Tante gehabt? Ja freilich, das war so, und Mutter sprach manchmal davon, aber es hatte Ruth keinen besonderen Eindruck gemacht, um so weniger, da ihr die Tante eben ein für allemal unsympathisch erschien. Es war freilich hart gewesen, daß sie, die einst als verwöhnte Tochter in reichem Hause ausgewachsen war, ihr Vermögen und dann auch dadurch den Bräutigam, den sie glühend geliebt, verloren hatte. Schön soll sie gewesen sein – Ruth blickte hinüber zu der Schlummernden, und zum erstenmal sah sie sich ihre Züge mit Interesse an. Nichts konnte sie mehr davon entdecken, und hart mochte es ja schon sein, wenn aus etwas Hübschem so etwas Verrunzeltes, wenig Anziehendes wurde. Und es überkam Ruth auch zum erstenmal die Erkenntnis davon, was es wohl heiße, ein schweres Schicksal gehabt zu haben. Und unwillkürlich schob sie das Buch über »Das Recht des Ich« beiseite und ihre Gedanken schlugen einen anderen Weg ein, den vom Drangeben des eigenen Ich!

Es war heute ganz besonders schwül, o wie sehnte sich Ruth nach frischer Luft und Bewegung im Freien. Auch der Kranken schien es so zu gehen. Wohl waren die Schmerzen in den letzten Tagen leichter geworden und die Sache fing an zu heilen, aber nun kam die Unrast der Genesung. Ruth verhalf ihr zu einer besseren Lage, und unwillkürlich war es heute in einem anderen Tone, in dem sie Mut zusprach und Mitleid zeigte. Und nach und nach, wenn auch langsam, war es dem jungen Mädchen möglich, etwas mehr Liebe für die ihr Anbefohlene zu empfinden. Und merkwürdig, sie vermochte es, je mehr es ihr möglich wurde, die Gedanken an das von ihr gebrachte Opfer zurückzudrängen. Und, bildete sie sich das nur ein, oder war es wirklich so? Der Tante Wesen wurde auch etwas zugänglicher und milder, und es kamen sogar Stunden, wo sich ein gewisses Verständnis zwischen den beiden Bahn brach und fast eine wenn auch bescheidene Fröhlichkeit.

»Fräulein Ruth!« sagte die Schwester, als sie einmal hinzukam, »Fräulein Ruth, jetzt haben Sie das Richtige getroffen. Ein liebes Lachen, das gehört auch in eine Krankenstube, wo Trübsinn herrscht. Das wirkt auch erwärmend.«

Und die Tante schwieg nun nicht mehr, wenn die Schwester »Sonnenscheinchen« sagte. Ja einmal erklang's sogar ganz unvermittelt und in liebem Ton zu der Nichte: »Bin froh, daß du zu mir gekommen bist, weiß nicht, wie es mir sonst gegangen wäre.« ...

Nun hatten die Ferien begonnen, und Mutters und der Kinder Briefe – jetzt aus Mittelbach – lauteten so glücklich. Und jetzt war nun auch der Zeitpunkt gekommen, wo die Tante keine Pflege mehr brauchte, und wo Ruth gleichfalls bei der Großmutter erwartet wurde.

Sollte man's glauben? Fast schwer ward nun der Abschied der jugendlichen Pflegerin von ihrem alten Pflegling. Es war ein Strahl der Liebe, die nicht nur an sich selbst denkt sondern auch an andere, zwischen die beiden gefallen, und solch ein Strahl erwärmt und erweckt schließlich Gegenliebe auch in dem verdüstertsten Gemüt!

Trotzdem Ruth sich nun wahrhaft freute auf das Hinausdürfen in die freie Luft und auf die Bewegung und selbst auf Mittelbach, so hätte sie es doch nicht über sich vermocht, die Tante zu verlassen, ohne daß auch sie irgendwo eine Erholungsstätte gefunden hätte. Die Schwester, vereint mit dem Arzt, hatte Fräulein Eiler einen Aufenthalt vermittelt, wo sie Tannenluft und heilende Bäder fand, und – wie die Tante mit einem solch glücklichen Gesichtsausdruck, wie man es selten an ihr gesehen, hinzusetzte – »auch Konzerte bekomme ich dort zu hören, und es sollen wirkliche Künstler sein, die da mitwirken! Und nachher, versichert mir der Arzt, werde ich keinerlei Schwäche mehr in meinem Arm empfinden und sofort wieder meine Stunden beginnen können!«

... Mittelbach! Gab's irgendwo anders noch solch eine herrliche Luft? Solch köstliches Rauschen in dem Nußbaum vor dem Hause? Solch lustiges Plätschern des kleinen Baches und solch fröhliches Mitarbeiten auf den Wiesen und im Garten? Das fragte sich Ruth täglich, und schon des Morgens, wenn sie erwachte, lag ein Tag voll Freude und Vergnügungen vor ihr. Und so wie sie empfand es auch die Mutter, die ein wenig abgeschafft hierhergekommen war und sich nun täglich und sichtlich erholte.

Heinz fand, daß es nichts Herrlicheres auf der ganzen Welt gäbe als eine Schmiede, in der man auch das richtige Handwerkszeug finde und schmutzige Hände haben dürfe. Mutz hatte beständig eine Schar von Dorfkindern um sich, die sie viel netter und lang nicht so »fratzig« wie die Mädels in der Stadt fand.

Als Ruth hinkam, wartete allerdings auch gleich hier Arbeit auf sie. Großmutter war froh, daß sie eine Hilfe in der Küche bekam, denn für so viel hungrige Mäuler zu kochen war sie doch nicht gewöhnt. Auch des Morgens und Abends war sie froh, daß jemand da war, der ihr das Gießen im Gemüsegarten abnahm. Das Bücken fing an, ihr schwer zu fallen, nur das Blumengärtchen behielt sie sich noch vor. Und was war es für Mutter ein Glück und eine Freude, hier, vereint mit ihren Kindern, einmal große Wanderungen vorzunehmen. Wohl waren's schlichte, einfache Wege, aber sie führten durch blumige Wiesentäler und mit Obstbäumen bewachsene Abhänge, und schließlich auch durch Tannenwälder, bis zu dem kleinen Fluß, wo gebadet werden konnte, und wo es keine Untiefen, keine Wehre und keine Stromschnellen gab. Bei all diesem konnte das Mutterherz so recht ausruhen, ohne sich Sorge machen zu müssen über waghalsiges Schwimmen und Paddeln, über schwindlige Gebirgswege, Kletterpartien und dergleichen. Wie herrlich war doch dieses vereinte Genießen! Und des Abends, wenn alle beieinander auf der Bank vor dem Haufe saßen, der Mond und die Sterne schienen und die Herzen so stille wurden, da sagte wohl Großmutter: »So ist's gut!« und auch die Jungen empfanden tief innen einen Gottesfrieden und das Glück eines Beisammenseins ...

Etliche Wochen später kehrten sie alle zurück – die in der Stadt, die Weitgereisten, und sie wußten viel zu erzählen vom Badeleben in den großen Hotels, von den Meereswellen in Helgoland, von ihren Kraxelpartien in den Bergen, wo sie »beinahe verunglückt wären«, und von Lugano und den Segelpartien. Auch die Wandervögel, die gruppenweise weit draußen bis in Thüringen gewesen, wußten von »Freiheit und ungehemmtem Genießen« zu berichten. Ruth wäre wohl bei allem auch gerne dabei gewesen, aber sie schämte sich jetzt nicht mehr zu sagen: »Nach Österreich bin ich nicht gekommen, aber wir waren bei unserer Großmutter in Mittelbach, und da war's vielleicht am allerschönsten!«

... Welchen Beruf Ruth wählte, das wurde vorerst noch nicht entschieden, jedenfalls aber wird es einer sein, in dem das Ich nicht die Hauptrolle spielt. Und ob Ruth noch einmal nach Wien kommt, das müssen wir dahingestellt sein lassen, denn wir wissen ja noch nicht, ob die Tante dort sie noch begehrt oder nicht.

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