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Li und Lu und andere Erzählungen für die Jugend

Tony Schumacher: Li und Lu und andere Erzählungen für die Jugend - Kapitel 3
Quellenangabe
authorTony Schumacher
titleLi und Lu und andere Erzählungen für die Jugend
publisherLevy & Müller Verlag
printrunSiebte Auflage
yearo.J.
illustratorErnst Kutzer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid4c82ce57
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Li und Lu

Li und Lu standen auf der Balustrade ihres Schauzeltes; Li, der Knabe, hatte einen Papagei auf dem Finger, Lu, seine Schwester, einen kleinen Affen auf der Schulter. Er war fünf, sie sechs Jahre alt, und das Zelt befand sich auf der großen Wiese mitten unter all den Sehenswürdigkeiten der Messe. Oben drüber stand mit großen Buchstaben geschrieben.

Mister Johnson und seine Familie,
Die größten Tierbändiger der Welt!«

Der Besitzer dieser verheißungsvollen Sehenswürdigkeit, der sich »Herr Direktor« nennen ließ, war ein Afrikaner, ein wirklicher, echter, wenn auch nur halbschwarzer, der einst mit Hagenbeck herübergekommen war. Er rief in komischem Kauderwelsch die Vorübergehenden an und lud sie ein: »'errreinzutreten – immerrrzu – immerrrzu – denn Sie werden sehen, was Sie noch nicht gesehen haben!«

Seine Ehehälfte, eine gute Deutsche aus Pasing bei München, ein früheres Kellnermädel, saß im schönsten Putz in einer himmelblauseidenen Bluse und mit goldener Spange in dem hochaufgetürmten Haar an der Kasse vor der Bude. An einem Pflock angebunden stand ein Dromedar, das mit gesenktem Kopf versuchte, die spärlichen Gräslein aus dem hartgetretenen Boden herauszurupfen.

Li und Lu waren in rosafarbige Trikots gekleidet. Lu hatte nur ein ganz kurzes, mit silbernen Sternchen besetztes, schwarzes Samtröcklein an, Li ebensolche Höschen.

Es war der letzte Tag der Messe und dazuhin Nachmittag vor dem heiligen Abend. Da hatte manche Mutter ihren Kindern etliche Geldstücke in die Hand gedrückt und ihnen erlaubt, damit auf die Wiese zu gehen, auf daß Ruhe im Hause herrsche und sie die kleinen Quälgeister los werde.

Ein Mädchen, etwas älter als die beiden, in feiner Jacke, eleganter Pelzmütze und mit Gamaschen an den Beinen, die Hände fest in den flaumigen Muff gedrückt, blieb mit ihrer Begleiterin vor der Bude stehen.

»Sehen Sie nur, Fräulein, den schwarzen Mann und das Kamel! Glauben Sie, daß es eins ist, wie sie in der biblischen Geschichte vorkommen? Und bitte, bitte, die Kinder – wie reizend die aussehen mit ihren Tieren, und wie freundlich sie sind!« –

Die kleine Resi Steiner, das wohlbehütete Töchterlein eines reichen Hauses, beneidete in diesem Augenblick die glücklichen Besitzer von Papagei und Affe ordentlich. »Wenn ich doch nur auch so etwas hätte!« sagte sie immer wieder, und dann bettelte sie so lange, bis ihr Fräulein zwei Geldstücke auf den Teller der sich höflich bedankenden Frau am Eingang legte, worauf beide in die Bude traten.

Resi wollte ungeduldig werden, denn nur langsam und spärlich füllten sich die Plätze. Aber dann war es auch etwas Wunderbares, was man zu sehen bekam. Zuerst führte Mister Johnson, der nun den roten Frack, in dem er draußen gestanden, mit einem goldgestickten Wams und farbigen Tuchhosen vertauscht hatte, das Dromedar am Zügel herein. Darauf sahen seine Frau, gleichfalls in orientalischem Kostüm, und die beiden Kleinen malerisch gruppiert und ritten langsam verschiedene Male vorüber. Das war ein wirklich hübsches Bild. Dann kamen etliche Äfflein an die Reihe, die Kunststücke machten, und als die verschwunden waren, begann die Hauptsache: »Die Bändigung eines der grimmigsten, wildesten und größten Bären des Urrrals!« wie Mister Johnson vorher verkündigt hatte.

Ein lautes Gebrumme verkündigte seine Ankunft, und aus dem Hintergrund trampelte ein großes, ungeschlachtes Tier, das, sein zottiges Fell schüttelnd, sich gegen das Publikum wandte und die Zähne fletschte. Plötzlich ging der Bär mit ausgebreiteten Tatzen, hoch aufgerichtet, auf Mister Johnson zu, der ihn mit einem Messer in der Hand erwartete. Und nun erfolgte ein Ringkampf mit fürchterlichem Schnaufen und Schnauben beiderseits, bis das Untier überwältigt am Boden lag. Es war wirklich unheimlich anzusehen, und die Zuschauer, hauptsächlich die Kinder, übersahen wohl, daß der gute Petz einen Ring durch die Nase hatte und an einer Kette geleitet wurde.

Zum Schlusse der Vorstellung kam nun etwas Niedliches. Li und Lu, die dunkeläugigen Kleinen, hüpften herein, verbeugten sich vor dem Publikum, und dann begannen sie ihr Spiel mit dem zottigen Tier. Sie zupften es am Fell, sie neckten sich mit ihm so, daß es fürchterlich brummte, und sie sprangen mit kühnem Anlauf über seinen Rücken hinweg. Und nach einem gebieterischen »Hoch!« führten sie mit ihm regelrecht Ringelreihen auf. Zuletzt aber, als der schwerfällige Kerl auf Kommando wieder am Boden lag, da setzte sich Li behaglich zwischen seine Pfoten, während Lu auf des Bären Rücken aufrecht dastand, die Arme wie eine kleine Siegerin hoch erhoben, dabei ihre schwarze Lockenfülle schüttelnd. Das war wirklich ein reizendes Bild, und auch verwöhntere Zuschauer gingen ganz befriedigt davon.

Das kleine, elegante Mädchen aber war ganz begeistert, und sein Fräulein hatte alle Mühe, es wegzubringen, als der Vorhang gefallen war. Resi wollte durchaus noch mit den Wunderkindern reden, und fast gewaltsam mußte sie fortgezogen werden, denn eine solche Unterhaltung hätte sich nicht gepaßt.

Zwei Stunden später – die Dämmerung war schon hereingebrochen – saßen Li und Lu auf der kleinen Treppe ihres Wohnwagens, der sie von Ort zu Ort brachte. Vater und Mutter hatten vollauf zu arbeiten, um bis 7 Uhr am Abend, wo der Platz geleert werden sollte, ihr Zelt abzubrechen und einzupacken. Drinnen, im großen Familienbett, schlief das schwarzbraune Brüderlein, das erst vor ein paar Wochen angekommen war.

Da kam über den nun ziemlich menschenleeren Platz etwas gelaufen – ein Mädchen, das sich suchend nach allen Seiten umschaute. Als es die beiden Kinder erblickte, rief es laut: »Ach, da seid ihr ja, bin ich froh, daß ich euch gefunden habe!« Und Lu erkannte die Kleine, die vor ein paar Stunden vor der Bude gestanden, und die sie im stillen so um ihren schönen Muff und um ihre warme Beinbekleidung beneidet hatte.

Im Zirkus

Noch ganz atemlos sagte das Kind: »Ihr müßt wissen, mein Fräulein hat jetzt für die Weihnachtsbescherung zu tun, die andern alle im Hause auch – da hat man nicht gemerkt, daß ich geschwind fort bin. Ich wohne nämlich da drüben über dem Platz – seht ihr, dort? – in dem großen Haus an der Ecke, und ich habe mir gleich, nachdem ich in der Vorstellung war, vorgenommen, daß ich euch noch einmal sehen muß. Und da – das habe ich euch mitgebracht.«

Die Kleine schüttelte aus ihrer weißen Schürze, die sie unter einem eilig umgeworfenen Mäntelein anhatte, eine Anzahl Bonbons den erstaunten Kindern in den Schoß: »Die habe ich gestern schon von meinem Onkel bekommen. Aber weil's heute noch so viele gibt, so kann ich euch gut die hier bringen.«

Nun aber entstand eine Pause, das fremde Kind wußte im Augenblick nichts mehr zu sagen. Es kam auch ganz in Verlegenheit durch die dunklen, forschenden Augen, mit denen es die zwei andern anblickten. Nun aber sagte Lu mit dem tiefen Ernst, der ihr zu eigen war: »Wer bist du, und wie heißt du?« während Li sie am Ärmel zupfte und fragend ansah, ob er wohl eins dieser guten Dinge anbeißen dürfe.

»Ich heiße Resi Steiner, und mein Vater ist Kommerzienrat,« sagte das Mädchen mit unbewußtem Selbstbewußtsein.

Darauf erwiderte Lu: »Ich bin Lu und das ist Li, aber eigentlich heiße ich Genoveva und mein Bruder Joseph. Wenn wir allein sind, nennt uns Mutter Veferl und Pepi, was uns viel lieber ist als die dummen anderen Namen. Aber Vater sagt, das seien unsere Künstlernamen!«

Resi kam's furchtbar merkwürdig vor, daß die Kinder zwei Namen hatten, wie überhaupt das Ganze, und sie fragte nun zaghaft nach dem, was sie eigentlich wissen wollte: »Habt ihr denn gar keine Angst, wenn ihr so mit dem großmächtigen Tier umgeht? Bären können einen doch fressen oder mit der Tatze niederhauen, das steht in den Büchern.«

Aber da lachten die beiden laut hinaus und Lu sagte: »Unser Petz und uns fressen, das fiele ihm nicht ein, dazu hat er uns doch viel zu lieb! Und er frißt doch viel lieber seine Rüben und Kartoffelabfälle, die wir ihm geben, und dann und wann einen Knochen als kleine Kinder!«

Resi mußte nun auch lachen, und bald saß sie, als dritte der Gesellschaft, auf der untersten Stufe des Wagens, und die Kinder fragten sich in immer lebhafter werdendem Gespräch über ihr Leben gegenseitig aus. Dazwischenhinein schrie das Brüderlein drinnen im Wagen, und Resi war hochbeseligt, als Lu sie aufforderte, ins Innere zu kommen. Nein, so etwas hatte sie wirklich noch nie in ihrem Leben gesehen, so etwas Entzückendes! Erstens das kleine, schwarzflaumige, winzige Ding in den Kissen, das Augen wie schwarze Perlen hatte! Und dann, daß man da in dem engen Raum so behaglich wohnen konnte! Daß sich da ein Tisch, ein Sofa und Bänke befanden, und gleich daneben ein herziges Küchelein! Und wie wonnig mußte das sein, wenn Eltern und Kinder alle beisammen in einem großen Bett schliefen!

»Herrlich!« dachte sich Resi, weil sie sich gar manchmal in ihrem schönen, ganz weiß eingerichteten Zimmer, in dem sie aber allein schlief, fürchtete. Und dann, wie furchtbar nett, wenn sich auf einmal die ganze Sache in Bewegung setzte und man lustig von Ort zu Ort fuhr, und da hielt, wo es einem gerade gefiel. Vater hatte wohl auch ein Auto, aber das hielt nicht da, wo Resi wollte, und kein Bett und keine Küche waren darin.

»Ihr habt's gut!« sagte sie aus vollstem Herzen, als die drei wieder beisammen auf dem Brettchen saßen. »Ich freue mich zwar furchtbar auf heut abend, wo ich so viele Sachen geschenkt bekomme, aber langweilig ist's, daß ich vor der Bescherung noch mein weißes Kleid anziehen und dann einen Vers aufsagen und singen muß!«

»Was sagst du denn da auf?« fragte Lu, für die alles, was mit Lernen und mit Büchern zusammenhing, einen solch großen Reiz hatte, weil sie bis jetzt noch nicht lernen gedurft.

Da fragte Resi, glücklich, daß sie sich den bewunderten Kindern gegenüber nun auch zeigen könne: »Wollt ihr's hören?« und mit heller Kinderstimme sang sie das Lied: »Stille Nacht, heilige Nacht« von Anfang bis zu Ende.

»Ist das etwas von dem Kinde, das vom Himmel kommt, und einem Sachen bringt?« fragte Li hastig, als Resi zu Ende war. Und als diese erstaunt erwiderte: »Ja natürlich, von wem soll es denn sonst sein?« da rief der Junge: »Schick's doch auch zu uns – wir binden den Petz dann ganz fest an, daß er ihm nichts tut!«

»Aber ihr habt doch auch eure Weihnachtsbescherung?« fragte Resi nach einer kleinen Pause. Sie wurde wieder verlegen, denn plötzlich fiel ihr ein, wo denn in dem engen Wagen eine solche stattfinden sollte, wo ja nicht einmal ein kleines Bäumchen Platz hatte.

Als Lu den Kopf schüttelte und sagte: »Nein, wir wissen nichts davon, aber gern sehen würden wir so etwas,« da rief die kleine Resi impulsiv aus: »Wißt ihr was? In einer Stunde brennt in unserem großen Saal der Baum, da kommt ihr dann schnell zu uns herüber, und meine Mutter wird sich dann auch furchtbar freuen, euch zu sehen!« Ganz erfüllt von dieser herrlichen Aussicht sprang Resi auf: »Ich muß jetzt nach Hause. Eigentlich darf ich nie allein ausgehen und werd' am Ende schon gezankt, daß ich fortgelaufen bin. Aber nicht wahr, ihr kommt ganz, ganz gewiß? Ihr könnt von hier aus in unseren Erker sehen, ob der Baum schon brennt, und dann springt ihr schleunigst herüber und dürft nur die Treppe hinaufgehen, dann seid ihr da!«

Lus Augen glänzten in Erwartung von so etwas Herrlichem, und Li machte vor Entzücken einen Salto mortale von der obersten Stufe des Treppchens herab, wobei er unten noch ein paar Sekunden auf dem Kopf stehen blieb – er wollte mit dieser Kunstleistung seine ganz besondere Freude ausdrücken. Und dann war Resi mit flüchtigen Sprüngen über den Platz davongeeilt.

Mister Johnson und seine Frau arbeiteten mit Beil, Säge und Hammer. Es war eine schon oft gemachte Arbeit, aber die Bude mußte haltbar sein, das war Gesetz so, und sie auseinanderzubringen brauchte Zeit.

Einmal war Frau Johnson zum Wagen hinübergeeilt und hatte dem Kleinen zu trinken gegeben. Sie hatte auch den beiden Großen gesagt, sie sollten nur inzwischen ihren Teil der Suppe essen, es könnte etwas später werden, bis sie heimkämen, und wenn sie müde seien, so sollten sie sich zu Bett legen.

Li und Lu sahen sich bedeutungsvoll an, und als die Mutter fortgegangen war, da setzten sie sich ganz oben an die Türe, um besser sehen zu können, schmiegten sich fest aneinander wegen der Kälte und spähten mit steigender Erwartung hinüber nach dem bezeichneten großen Haus mit dem Erker. Warum sie der Mutter nichts von ihrem Vorhaben sagten? Das wußten sie selber nicht, aber sie hatten das unbestimmte Gefühl, als könnte diese am Ende den Besuch nicht erlauben. Sie durften nicht in fremde Häuser gehen, wie zum Beispiel die Kinder von dem Besitzer der Photographie-Bude, die sie da und dort schon auf den Märkten getroffen und die mit Ansichtskarten von Haus zu Haus liefen, wenig verkauften und viel zusammenbettelten.

»Ich will nicht, daß ihr das tut,« hatte die Mutter einmal strenge gesagt, als die Kinder sich angeschlossen und vergnügt einige Geldstücke zurückgebracht hatten.

Der Abend rückte vor und plötzlich klangen von allen Türmen der Stadt zuerst leise, dann immer lauter, Glockentöne, und es war, als ob die ganze Luft davon erfüllt wäre und in Schwingung geriete.

»Horch!« sagte Li und erhob sein dunkles Köpfchen, und Lu preßte unwillkürlich die Hand des Brüderleins und flüsterte leise: »Das ist schön! Am Sonntag tut's auch so, aber wenn die Sterne dazu scheinen, ist's noch viel schöner!« ...

Nun aber flammte plötzlich in dem Erker gegenüber etwas auf. Wie winzige Sternlein, eins nach dem andern, immer ringsherum, und plötzlich war das ganze kleine Glashaus erfüllt von Lichtlein bis oben hinauf wie eine Pyramide. Die Kinder wußten, daß das ein Christbaum war. Voriges Jahr, als sie noch keinen Wagen besaßen, waren sie am heiligen Abend in einem Wirtshaus gewesen, wo auch ein Baum gebrannt hatte. Aber Vater wollte damals nicht, daß sie in dem Zimmer voll Leute blieben, und die Mutter hatte sie in die Kammer hinaufgenommen und ihnen ins Bett dann noch einen großen Lebkuchen gebracht, damit sie doch auch etwas hätten.

Jetzt aber erfaßte die Kinder ein großes Verlangen, der Einladung des kleinen Mädchens zu folgen, und nach einem raschen Blick, den Lu noch auf das fest schlafende Brüderlein warf, liefen sie schnurstracks, was sie laufen konnten, über den schneebedeckten Platz dem bezeichneten Hause zu. Eine große, schwere, eichene Türe, die Haustüre, war angelehnt; die Kinder zögerten einen Augenblick, dann schlüpften sie hinein. Ei, war's da hell, fast wie wenn die Sonne schien! Eine Treppe, mit rotem Teppich belegt, führte hinauf.

»Fast so schön wie im Zirkus,« flüsterte Lu. Ein bißchen ängstlich, das prächtige, goldene Geländer nur scheu mit den Fingern berührend, liefen sie die Stufen hinauf bis zum ersten Stock. Niemand begegnete ihnen.

»Wir sollten zu der Türe geradeaus hineingehen, hat das Mädchen gesagt,« erinnerte Lu, und sie nahm des Bruders Hand fest und entschlossen in die ihre. Bei der nächsten Tür war ein Spalt offen, und daraus drang helles Licht und lautes Sprechen. Dann verstummte das Sprechen plötzlich, und es wurde Klavier gespielt, und dann sang eine laute Kinderstimme.

»Das ist das Lied!« sagte Li ganz leise, und beide Kinder lauschten mit angehaltenem Atem und freuten sich, daß sie das schon einmal gehört hatten, und daß die kleine Freundin ihre Sache so gut machte.

»Wollen wir jetzt?« fragte der Bub mutig, als der Gesang verstummt war. »Das Mädchen hat doch gesagt, wir sollten nur hineingehen, es würde ihre Mutter freuen!«

In diesem Augenblick riß jemand von innen die Tür weit auf. Es war ein Diener mit einem Brett voll Tassen, und er prallte ordentlich zurück vor den beiden kleinen, dunklen Gestalten.

»Was habt denn ihr hier zu tun? Macht, daß ihr fortkommt, am heiligen Abend wird doch nicht gebettelt!« sagte der Mann in bösem Tone.

Aber da wallte Lus Blut auf: »Wir betteln nicht, sondern das kleine Mädchen hat gesagt, wir sollen kommen, und deshalb sind wir da!« Des Kindes erregte Stimme klang laut, schrill und fremdartig. Inzwischen waren einige der Menschen im Saal aufmerksam gemacht worden, und eine sehr schöne, sehr elegante Dame, die noch viel schöner angezogen war, als wenn Mutter an der Kasse saß, kam rasch auf die Kinder zu: »Was macht ihr hier?« sagte sie sichtlich ärgerlich. Und zu dem Diener, der eben wieder zurückkam, sagte sie scheltend: »War denn das Haus offen, daß diese Kinder hier herein konnten? So was müßte wenigstens die Hintertreppe benutzen, und uns nicht den schönen Teppich beschmutzen!«

In diesem Augenblick kam die kleine Resi, in lichtes, duftiges Weiß gekleidet, aus der gegenüberliegenden Ecke des Saales, wo sie sich bei einem großen Puppenhaus aufgehalten hatte, herübergeflattert und rief mit lauter Stimme: »Mama, Mama, das sind ja die Kinder, die ich mir bestellt habe!« Und als die Mutter erstaunt fragte: »Ja, wie kommst du denn dazu?« da erklärte Resi verlegen: »Es ist doch der Li und die Lu mit dem Bären und dem Dromedar auf der Messe! – Sie wissen doch?« – wendete sie sich hilfesuchend an ihr Fräulein, das eben auch dazugetreten war. Aber niemand kam zu Wort, denn die Dame sagte ziemlich aufgeregt: »Was sollen denn um Gottes willen diese schmutzigen, kleinen Dinger gerade im jetzigen Moment, wo wir Bescherung halten wollen, bei uns, Resi? Du hast doch wirklich manchmal wunderbare Einfälle! Gib ihnen meinetwegen morgen oder übermorgen etwas, aber doch jetzt nicht!«

»Den Christbaum und meine Sachen sollten sie sehen, da sie doch keinen eigenen haben und gar nichts geschenkt bekommen!« rief das kleine Ding jetzt heftig. Aber das Fräulein nahm auf einen Wink der Dame die fremden Kinder leicht bei der Schulter und drängte sie auf den Gang zurück.

»Ich will nicht, daß du solche Geschichten anstellst und uns allerlei fremdes Volk ins Haus bringst, Resi!« hörten die zwei noch die erzürnte Dame ausrufen, und dabei wurde die Türe heftig zugeschlagen.

Das Fräulein aber sagte: »Kommt, Kinder, ich führ' euch in die Küche, da bekommt ihr etwas Warmes zu essen, wenn ihr Hunger habt!«

Da aber schob Lu die sie schiebende Hand von sich, und hochaufgerichtet, mit bebenden Nasenflügeln sagte sie: »Wir haben keinen Hunger, nicht wahr, Li; wir haben eine eigene Küche ... und wir wollen wieder fort und, und ... Bettelvolk sind wir keines, daß Sie's nur wissen! ... Betteln tun nur Leute, die nicht arbeiten, sagt Mutter, und wir arbeiten alle zusammen – oft den ganzen Tag!« ...

Mit diesen Worten waren die beiden Kinder die Treppe rascher wieder hinabgeeilt, als sie heraufgekommen waren. Als sie sich eben an der schweren Haustüre unten zu schaffen machten, um sie aufzubringen, da flog etwas Weißes die rotbelegte Treppe herunter, und Resi rief: »Bitte, o bitte, geht nicht so fort, ich hab' doch hier eine Puppe für euch und ein Buch!«

Aber Lu gab trotzig zurück: »Ich will keine Puppe, und ich will kein Buch!« Und da sie zum Glück eben die Klinke erfaßt hatte, so konnte sie mit Li schnell zu dem Hause hinaus.

Im Wagen war inzwischen große Aufregung. Herr und Frau Johnson waren, müde von der schweren Arbeit, zu ihrem Wagen gekommen. Aber als sie das Trepplein erstiegen hatten und die Türe öffneten, waren keine Kinder da, nur das eben erwachte schreiende Baby.

»Sie werden wohl bei den Tieren sein,« sagte die Mutter; und sie ging um den Wagen herum, wo rückwärts an verschiedenen Pflöcken das Dromedar und der Bär angebunden waren. Die Äfflein, die Schlange und der Papagei befanden sich in vergitterten Kisten im rückwärtigen Teil des Wagens, wohin durch eine Öffnung noch die Wärme des eisernen Öfeleins drang. Die Kinder waren nicht da. Beunruhigt eilte die Mutter wieder ins Innere, und auch der Vater fing nun an zu rufen und zu suchen, aber vergeblich. Der lange Joseph in dem großen Wagen nebenan streckte den Kopf heraus und fragte, was es denn gäbe? Ebenso aus einem andern Wagen die Leute von der Schiffschaukel, aber niemand wußte etwas von den Kindern. Da wurde den Eltern doch sehr bange zumute. Bei strenger Strafe war es den Kleinen verboten, sich ohne Erlaubnis zu entfernen, und nun war's Nacht, Christnacht – wo doch so vielerlei und allerlei Menschen auch hierherum noch verkehrten.

Christnacht! Der Mutter schoß plötzlich etwas durch den Kopf: Wenn den Kindern der Gedanke gekommen wäre, daß da etwas Besonderes los sei – wenn sie irgend einer Lockung gefolgt wären, vielleicht einen Christbaum zu sehen oder dergleichen? Du lieber Gott, sie selber hatten doch keine Zeit und kein Geld, an so etwas zu denken! Sie wollte aber trotzdem nachher für die Kinder ein Stück Schaumtorte holen, und jetzt, in der toten Zeit, die folgte, wollte sie ihnen auch, wenn sie ein paar Pfennige erübrigen konnte, etwas zum Spielen kaufen, jawohl, das hatte sie sich vorgenommen! Und während sie und ihr Mann immer ängstlicher von Wagen zu Wagen liefen und in die benachbarten Straßen hineinschauten, wo aus all den Häusern brennende, kleine oder große Christbäume strahlten, da sagte sie zu ihrem Manne: »Wenn sie glücklich da sind, wollen wir ihnen doch auch noch etwas herrichten, den Kindern!«

Im selben Augenblick kam's über den weißen Platz herüber in stürmischer Eile, und Herr Johnson sagte: »Da sind sie wahrhaftig!« Und aus seinem Gesicht wich der Ausdruck großer Angst. Seine Kinder waren ja auch sein Stolz und sein Höchstes. Aber seine Liebe äußerte sich zunächst darin, daß er jedem der atemlos ankommenden Kinder eine tüchtige Ohrfeige verabfolgte: »Da – das habt ihr für das Fortlaufen, damit ihr's ein andermal wißt!«

Die Mutter aber zog die schluchzenden Kinder in den Wagen hinein und fragte immer wieder in eindringlichem Tone: »So sagt doch, wo ihr gewesen seid? So sagt doch, wie ihr auf so etwas gekommen seid?« Aber es währte lange, bis die Eltern aus der Sache klug wurden. Die Resi mit dem schönen Muff und die rote Treppe – der große Baum und der böse Mann mit den goldenen Knöpfen, das alles bildete ein wirres Durcheinander, und dabei rief Lu, deren Schluchzen aufgehört hatte, nun mit blitzenden Augen: »Wir sind doch keine Bettelleute, nicht wahr, Mutter, das sind wir nicht?«

Und der Kleine schluchzte bekümmert: »Ich hab' ja doch nur das Kind sehen wollen, das vom Himmel kommt und einem etwas bringt!«

Als die Eltern endlich klar in der Geschichte sahen, da sagte Herr Johnson entrüstet und mit großer Würde: »Das sind Menschen, zu denen ihr nicht gehört, und zu denen ihr nie mehr gehen sollt! Sie wissen nicht, was arbeiten heißt – schwer und hart – und ihr seid Artistenkinder, und darauf könnt ihr stolz sein!«

Diese Worte begeisterten Lu, es war ihr wie Balsam, was sie da hörte, und fest faßte sie die Hand, die sie soeben gezüchtigt. Sie liebte ihren Vater über alles und sah zu ihm auf als zu etwas Großem, auch wenn er manchmal scharf die Reitpeitsche führte, nicht nur bei Tieren – das gehörte eben dazu. Li aber sah unterdessen doch manchmal wieder sehnsüchtig nach dem noch immer hellen, im Lichterglanz erstrahlenden Erker hinüber, und dann nach den Sternen empor, und es war ihm, als müßte nach all dem Merkwürdigen heute abend doch noch irgend etwas Besonderes kommen.

Vater zog sein warmes Hauswams an und weiche Hausschuhe an die Füße, dann setzte er sich in die Sofaecke, und Mutter brachte die Suppe und ein Stück Wurst, das sie aus einem Papier wickelte. Die Kinder hatten ja schon gegessen. Aber wie strahlten sie, als nach kurzem Verschwinden die Mutter ihnen auf Papiertellerchen zwei große, herrliche Stücke Schaumtorte brachte. Li klatschte in die Hände und hatte alles vergessen, und auch Lu schlürfte und aß und freute sich furchtbar, so etwas Gutes zu bekommen.

Mutter hatte, nachdem sie ihr Teil Suppe ausgelöffelt, dem Säugling zu trinken gegeben. Eine Lampe brannte von der Decke und das Öfelein gab köstlich warm. Es war wirklich behaglich hier. Aber etwas Unerfülltes war doch in der Kinder Herzen zurückgeblieben, trotz der Schaumtorte, und sie hatten das Gefühl, als sei es nicht wie an andern Tagen, sondern als fehle etwas.

»Warum kommt das Christkind nicht auch zu uns?« fragte Lu, die an ihrem gewohnten Plätzchen, unten an der großen Bettstatt, kauerte, plötzlich unvermittelt.

»Müßt halt brave Kinderlein sein, dann wird's vielleicht auch einmal den Weg zu euch finden!«

Daß sie keine braven Kinder gewesen waren, das empfanden die beiden nun auf einmal doppelt, und sie saßen ganz still und nachdenklich auf ihrem winzigen Bänkchen in der Ecke.

Da klopfte etwas an ein Fensterlein, und der lange Joseph, der sich wegen seiner Größe für Geld sehen ließ, bückte sich und sah herein: »Habt ihr die Ausreißer?«

Und als er die Kinder sitzen sah, lachte er, daß der Wagen dröhnte, und dann reichte er zwei riesige Brezeln herein. »Da, die hab' ich von einer Verehrerin geschenkt bekommen. Wenn ihr wollt, könnt ihr sie essen.« Und damit war er verschwunden.

Gleich darauf klopfte es, und der Mann und die Frau von der Schiffschaukel erschienen unter der Tür: »Habt ihr ein wenig Platz für uns? Heut' abend ist man doch gern da, wo's Kinder gibt!« Und sie setzten sich lachend neben Herrn Johnson, der sich ganz fest in seine Ecke drückte. »Wir kommen aber nicht leer,« sagte der Mann und zog eine Flasche heraus. »Wenn's der Frau Johnson nicht zuviel ist, so trinken wir heute abend einen Punsch zusammen. Was man dazu braucht, haben wir mitgebracht!« Die Frau holte aus einer Flasche die nötigen Zutaten. Und dann reichte sie Lu ein kleines Schächtelchen hin, in dem sich ein prächtiges rotes Korallenkollier befand, und Li bekam ein Büchlein mit bunten Bildern. »Da, Kinderle, das schickt euch das Christkindle!« sagte sie munter, sie war eine Schwäbin.

Gleich darauf klopfte es wieder, und ein schlankes Fräulein mit rotblondem Haar und lustigen Augen drängte sich herein. Es war »die Dame ohne Kopf«, wie über ihrer Bude stand. Täglich ein paarmal, bei den Vorstellungen, wurde sie in einen Kasten gesteckt, ihr Vater hieb ihr den Kopf wirklich ganz natürlich ab, und unten kam sie dann wieder vollständig gesund und heil hervor.

»Bin heut abend allein, da habe ich gedacht, ich geh ein bißchen zu euch hinüber, da ist's gewiß mollig! Der Vater ist fort und sonst ist nichts los. Und da mir das Christkind diese große Schachtel mit Schokolade geschickt hat, und ich so süßes Zeug nicht mag, schon deshalb nicht, weil ich sonst dick werde und nimmer in meinen Kasten gehe, so dachte ich mir, ich bring's den beiden da hinüber, die werden schon wissen, was damit anzufangen ist!« Dabei übergab sie Li und Lu eine wunderschöne Bonbonniere. Nein, so etwas, da getraute man sich gar nicht, davon zu essen!

Auch für das Fräulein fand sich noch ein Platz, und Frau Johnson hatte inzwischen Gläser hingestellt und in eine saubere Suppenschüssel kochendes Wasser über die Punschessenz geschüttet. Herr Johnson schenkte ein. Und als auch noch Herr Maier, der kleinste Mann der Welt, der sich hier in dem Panoptikum sehen ließ, und der die Familie Johnson schon von vielen Messen her kannte, dazukam, da gab's eine fröhliche Tafelrunde. Er war ein vermöglicher Mann, hatte keine Familie, und weil er Kinder liebte, so hatte er für Lu einen weichen, weißen Muff mitgebracht, und für Li eine warme Mütze mit dem Zusatz: »Ein Gruß vom Christkind!« Das war nun wirklich wunderbar, daß beide gerade das bekamen, was sie sich so sehnlichst gewünscht hatten, und Li sagte leise zu Lu: »Siehst du, es denkt doch an uns, wenn's auch nicht selber zu uns kommt!«

Die Kinder hatten, als immer mehr Leute kamen, ihr Bänkchen abgetreten und sich in die Decke des großen Bettes am Fußende hineingehuschelt. Draußen brummte von Zeit zu Zeit Petz, und von nebenan ertönte hie und da ein Aufkreischen des Papageis oder ein leises Schnarchen von einem Äfflein. Vater hatte, ehe er sich zur Ruhe gesetzt, auch die Tiere vorher gründlich besorgt.

Die Unterhaltung der Erwachsenen drehte sich um die Erfahrungen aus ihrem Künstlerleben. Der Punsch tat allen gut in der kalten Nacht, aber Artistenleute sind meist ernst – es entstand kein lautes Wesen, im Gegenteil! Es lag wie ein Ausruhen nach schwerer, harter Arbeit auf den Anwesenden.

Lu ließ ihre schwarzen Augen von einem der Menschen, die ihr und dem Brüderlein so wohl wollten, zum andern schweifen und dachte: »Wenn die Resi da drüben auch ein viel größeres Haus hat und viel mehr Licht und viel mehr Sachen, so ist's trotzdem bei uns doch schöner, denn da haben sich die Menschen lieb untereinander, und niemand, der kommt, ist zuviel!«

Bei dem Denken kam ihr da plötzlich wieder das Lied in den Sinn, das das kleine fremde Mädchen draußen auf dem Treppchen und drüben im Saal gesungen. Und leise – ganz leise versuchte sie die Weise vor sich hinzusummen. Li mit seiner kleinen, aber süßen Stimme tat mit. Da hielten die Erwachsenen in ihrem Reden inne: Was war da plötzlich für ein Erinnern bei den meisten von ihnen an alte, längst vergangene Zeiten aufgewacht? ...

Und die Männer legten ihre Zigarren beiseite und lauschten, die Frauen sangen unwillkürlich das mit, was die Kinderstimmen angaben: »Stille Nacht – heilige Nacht!« Ach, wie selten bekamen die hier Anwesenden in ihrem Leben etwas von der Stille zu empfinden!

Und wenn auch die Melodie aus den verschiedenerlei Kehlen manchmal bedenklich schwankte und Ähnlichkeit mit irgend einem modernen Schlager hatte, so tat das der Weihe des Augenblicks keinen Abbruch. Und – wer weiß, ob dieser Gesang dem Christkind, das am Ende gerade da ungesehen dabei war, nicht genau so gut oder noch besser gefiel als irgend etwas schön Einstudiertes – Tadelloses?

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