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Li und Lu und andere Erzählungen für die Jugend

Tony Schumacher: Li und Lu und andere Erzählungen für die Jugend - Kapitel 10
Quellenangabe
authorTony Schumacher
titleLi und Lu und andere Erzählungen für die Jugend
publisherLevy & Müller Verlag
printrunSiebte Auflage
yearo.J.
illustratorErnst Kutzer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid4c82ce57
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Scherben bringen Glück

Eine Geschichte nach einer wahren Begebenheit

Ein alter Herr schrieb an seinen Neffen, und dies ist nun der Schluß seines Briefes:

»... Daß Du mir aber auch das antun und krank werden mußt, und daß Du gerade heuer nicht zu unserer Bescherung kommen kannst, wo wir doch eine ganz besondere Überraschung für Dich in petto hatten! Diese verflixte Grippe muß einen doch um alle Freude bringen! Hättest Du Dir doch von Deinem alten Drachen zu richtiger Zeit einen Fliedertee kochen und Dich warm einpacken lassen, statt der dummen, neumodischen Behandlung mit dem kalten Wasser!

Aber nun ist's zu spät, und das Ärgern hilft auch nichts mehr! Du schreibst, ob ich Dir nicht Dein Christgeschenk schicken würde. Ja, da kannst Du lange warten! Das der Kinder wäre bald beisammen, aber das Deinige ist so schwer, daß ich mich bedanke, auch noch das viele Porto auszugeben. Das beste ist, Du holst Dir's bald selber! Trinke recht tüchtig Kognak, denn schwach und wackelig darfst du nicht sein, wenn Du's mitheimnimmst! Inzwischen kannst Du Dich besinnen, was es ist!

Mit Gruß an die Kinder
Dein verstimmter, treuer Onkel Karl.«

Herr Schöller, an den dieser Brief gerichtet war, und der ihn im Bett gelesen hatte, warf sich voll Ungeduld auf die andere Seite. Auch er war tief »verstimmt«. Noch immer saß es ihm auf der Brust, und der Kopf schmerzte, und darüber vergingen die Weihnachtsfeiertage, und man hatte nichts davon gehabt. – In kurzem rasselten wieder die Räder seiner Fabrik, der ganze Umtrieb begann von neuem, und um die Freude, mit seinen Kindern wie alljährlich zur Bescherung des gütigen Onkels in St. zu fahren, war er gekommen. Dafür mußte er still liegen und sich vom Fieber und seinen Gedanken plagen lassen. Fröstelnd vor Unbehagen zog er sich die Decke herauf.

»Herr Schöller, – ein frischer Wickel!« erscholl da eine etwas näselnde Stimme neben ihm, und Fräulein Berta Hager, seine Haushälterin, stand vor seinem Bett und hielt mit ausgespreizten Fingern ein ausgewundenes Leintuch.

»Donnerwetter, geht die Komödie schon wieder los, – kann man mich denn nicht einen Augenblick in Ruhe lassen? ...«

»Aber, Herr Schöller, Sie haben doch selbst gesagt, daß der Wickel alle zwei Stunden gemacht werden soll! Ich halte es auch für sehr unnötig, und es ist auch für mich gar kein Vergnügen, bei dieser Kälte mit den Händen in dem eisigen Wasser herumzuhantieren, und ...«

»Zum Kuckuck, verschonen Sie mich mit Ihren Ansichten und geben Sie das Ding her!«

Herr Schöller richtete sich auf und versuchte, den Wickel richtig zu machen, aber es gelang ihm nur schlecht. Eigentlich hätte ihm jemand helfen müssen, aber Fräulein Hager hatte schleunigst die Stube verlassen, und sonst war niemand da. – Herr Schöller seufzte, und dabei suchte er sich in eine einigermaßen behaglichere Lage zu bringen. Das Fräulein hatte noch im Hinausgehen gesagt: »Herr Schöller, Sie sind ja jetzt auf zwei Stunden versorgt, da kann ich ja wohl so lange einen Besuch bei der Frau Notar machen, – die Kinder sind sehr lieb beim Schlittenfahren – man möchte doch auch wissen, daß man in den Weihnachtstagen ist!«

»Versorgt!« – Herrn Schöller kam es ein paar Augenblicke lang auch so vor, als sei dies der Fall, denn trotz der vielen Falten, auf denen er lag, spürte er doch die Reaktion des Umschlages und es kam eine wohlige Wärme über ihn.

»Vaterle, mich friert, und ich möchte in der Stube bleiben!« rief da ein kleines, blondes Mädelchen mit weinerlicher Stimme und lief auf das Bett zu.

»Bitte, Lenchen, die Türe zumachen,« sagte Herr Schöller und bemühte sich, recht geduldig zu sein, obgleich ihn der Kopf wieder schmerzte. Bums! flog die offengelassene Tür nach Kinderart mit einem Schlage zu, und Lenchen stand wieder am Bett und stellte sich auf die Zehen: »Vaterle, gelt du machst mir die Schleife an meiner Kapuze auf? Ich krieg's nicht fertig, und die Knöpfe an meinem Mantel gehen auch so schwer!« Lenchen streckte ihm ihr von der Kälte rotes Gesichtchen entgegen, und Herr Schöller hatte sich wieder aufgerichtet und knotete an den Bändchen herum, die, statt aufzugehen, sich immer mehr zusammenknoteten. Endlich brachte er mit einem Riß die Geschichte auseinander, und auch der Mantel war glücklich abgelegt.

»Vaterle, kann ich jetzt bei dir bleiben? Drüben in der Wohnstube bin ich so allein!« sagte die Kleine, und kletterte auf den Stuhl, auf dem Herrn Schüllers Kleider lagen.

Lenchen war des Vaters Herzblatt, mußte sie ihm doch so vieles von dem ersetzen, was ihr kleines Leben ihm einst geraubt hatte. – Aber sein Kopf schmerzte doch sehr, und es war ihm kaum möglich, das lebhafte Kind im Zimmer bei sich zu haben. Daß Fräulein Hager auch gerade jetzt fortmußte! Und die Köchin war auch zu »ihren Leuten« gegangen, es war eben Weihnachtszeit.

»Hol' dir dein Bilderbuch, Lenchen, und setz' dich dann ruhig ans Fenster, der Papa ist krank!« sagte Herr Schöller ergeben und fuhr sich mit der Hand über die schmerzende Stirne. Lenchen setzte sich auch ganz still hin und fing an, in dem Buche zu blättern.

»Ha, die Lene! – Hurra, da sitzt sie! – Wart', ich will dir vor den Schneeballen davonlaufen, jetzt aber krieg' ich dich!« und heida, flog einer hier und der andere dort, und Lenchen jagte kreischend, mit vorgehaltenen Händen im Zimmer herum, und der siebenjährige Hans hinterdrein.

»Jaso du,« sagte Lenchen plötzlich und hielt mitten im wildesten Lauf inne, »Vaterle ist doch krank!« Und beide Kinder blickten scheu und betroffen nach dem Bett. Herr Schöller war wirklich zu müde, um schelten zu können, was die Kinder wohl erraten mochten. Er rief Hans nur zu sich her und sagte: »Spiel' doch auch mit den schönen Sachen, die du bekommen hast, kannst dich meinethalben an den Schreibtisch setzen, dann hab' ich dich im Auge. – Aber dann, Kinder, seid ums Himmels willen auch ein bißchen ruhig und still!«

Hans holte sehr glücklich seine Bausteine und Soldaten nebst der hübschen, kleinen Kanone mit den Erbsen herbei, es war so selten, daß er an dem großen Schreibtisch spielen durfte; Lenchen nahm ihren alten Platz wieder ein. Es war nun wirklich Ruhe eingetreten, und Herrn Schöller fielen die Augen zu. – Wie war seine Marie, sein Weib, einstens immer neben ihm gesessen, wenn er einmal nicht wohl war! Wie hatte die linde Hand ihm über die Stirn gestrichen, wenn er je einmal krank war, wie hatte sie den kleinen, wilden Buben damals im Zimmer zu halten gewußt, und wie beruhigend hatte ihre Stimme geklungen, wenn sie leise zu ihm gesagt hatte: »Komm her, Liebling, wir müssen still sein, ich erzähle dir was!«

Herrn Schöller überkam in seinem halbwachen Zustande der peinigende Gedanke: den Kindern wird jetzt nie etwas erzählt, – Fräulein Berta sorgt zwar gut für Essen und Kleider, ich selbst habe aber keine Zeit zum Erzählen.

Der Knabe am Schreibtisch hatte seine Soldaten in Reih und Glied aufgestellt, und das kleine Mädchen wendete Blatt für Blatt seines schönen Bilderbuches um, der Vater war eingeschlafen. Er mochte wohl träumen, denn er sah sich plötzlich unter einem Weihnachtsbaum, – es war der erste in seiner Ehe gewesen, und seine Marie hielt ihm die Augen zu, und jubelnd zeigte sie ihm dann sein Geschenk, – eine hübsche, kleine Marmorfigur von Bismarck, die er sich schon immer gewünscht hatte. Lachend sagte sie: »Das ist der einzige Mensch, Georg, auf den ich bei dir eifersüchtig bin!« und sie betrachteten dabei miteinander das kleine Kunstwerk, die stattliche Haltung, den martialischen Schnurrbart und den merkwürdigen Ausdruck in den eckigen Zügen. Und Marie sagte: »Siehst du, dort in der Mitte des Schreibtischs, da hat er den allerbesten Platz!« und sie stellten ihn zusammen hin, und ...

»Bum, bum!« und »Klirr, klirr!« ging es, und dann noch einmal »Pardauz!« scholl es, und Herr Schöller fuhr entsetzt aus seinem Schlummer in die Höhe und riß in der Dämmerung, die inzwischen eingetreten war, die Augen auf, soweit er konnte. Der Tannenbaum mit seiner lichten Helle war verschwunden, sein Mädel hörte er rufen: »Aber Hans, das Vaterle!« Und beide Kinder rutschten am Boden herum und suchten weiße Bruchstücke zusammen.

»Was ist denn um's Himmels willen los?« rief Herr Schöller, und durch den Schrecken und die Anstrengung brach der Grippehusten, der schon besser geworden war, wieder los.

»Ich kann gewiß nichts dafür!« kam es heulend unter dem Schreibtisch hervor, »ich hab' mit den Klötzchen eine Festung gebaut, und die kann man doch nicht mit Erbsen beschießen ... und deshalb hab' ich Steinkugeln hineingeladen ... und wie die Festung eingefallen ist, da ist auch die weiße Figur mit heruntergefallen ... und ich will's gewiß nicht wieder tun!« setzte Hans, noch lauter weinend, hinzu, denn die Stille des Vaters fing an, ihn zu beunruhigen.

»Mein Bismarck!« war es diesem mit schrecklicher Klarheit durch den Kopf geschossen, und er war für den Augenblick sprachlos.

»Du meine Güte, was ist denn hier vorgefallen?« sagte Fräulein Hager ganz erregt, als sie, gerade von ihrem Besuch zurückkommend, in das Zimmer trat. »Ihr unartigen Kinder, was habt ihr denn überhaupt hier zu suchen? Kann man denn auch nicht einen Augenblick von euch fortgehen? In einem fort habt ihr Schnee haben wollen, und jetzt, wo ihr Schlittenfahren könnt, hockt ihr in der Stube und richtet Unheil an! – Es wird doch hoffentlich nicht die schöne Wasserkaraffe gewesen sein, die ihr hinuntergeworfen habt? – Ach nein, gottlob nur der alte Bismarck!« und sie bückte sich ebenfalls, um den Kindern beim Zusammenlesen der Scherben zu helfen.

Da aber erscholl ein solch kräftiger Krach von der Bettlade herüber, der Kranke hatte sich mit einem Ruck aufgesetzt, ein weißer Arm und ein Zeigefinger streckten sich aus und deuteten nach der Türe, und eine Stimme rief, so laut sie nur rufen konnte: »Hinaus!«

Fräulein Berta stieß mit dem Kopf an die Schreibtischplatte, so entsetzt fuhr sie in die Höhe. »Aber Herr Schöller, ich bitte Sie, regen Sie sich doch nicht so auf – Sie sind ja krank!«

»Hinaus!« schrie er aber doch noch einmal energisch, so daß Fräulein Hager wirklich schleunigst der Weisung folgte, die weinenden Kinder hinter sich nachziehend. Ein schüchterner Versuch, dem Kranken heute abend noch eine Suppe einzuflößen und einen frischen Wickel umzulegen, mißlang auch gänzlich, und das Fräulein zog sich tief gekränkt in ihre Stube zurück, nachdem sie die Kinder noch tüchtig gezankt und zu Bett gebracht hatte.

Herr Schöller verbrachte diese Nacht ohne kühlenden Umschlag, ohne geschüttelte Kissen und ohne liebliche Träumereien! Der gute Onkel in St. wäre aber zufrieden gewesen, wenn er gesehen hätte, wie der Kranke immer und immer wieder einen Schluck aus der Kognakflasche nahm und gegen Morgen in einen heilkräftigen Schweiß und tiefen Schlaf verfiel.

Und Herr Schöller überwand die Grippe! Als in der Fabrik die Räder wieder rasselten, da war er auch wieder auf seinem Platze, und er gab sich Mühe, nicht mehr an die verdorbenen Feiertage zu denken, aber er nahm sich vor, am nächsten Sonntag zum Onkel nach St. zu fahren.

Es regnete zwar in Strömen, als er sich eine Fahrkarte kaufte, – die Kinder hatte er deshalb zu Hause lassen müssen, aber er war doch zu begierig auf das ihm verheißene, mysteriöse Weihnachtsgeschenk!

»Wenn's nur nichts Großes für die Stube ist!« sagte Fräulein Hager. »Oder etwas Zerbrechliches! – Es gibt ohnedies schon genug zum Abstauben!« – Dem Fräulein steckte der Schrecken wegen der zerbrochenen Figur noch in allen Gliedern, auch war sie tief beleidigt, daß der Herr seither nur das Allernötigste mit ihr besprach.

Herr Schöller wurde mit Jubel von Onkel und Tante empfangen, denn er war deren Lieblingsneffe. Nachdem er sich seines nassen Überziehers entledigt und einen guten, warmen Kaffee getrunken und dabei noch viele Fragen der Tante über Kinder und Haushalt gebührend beantwortet hatte, wurde er im Triumphe in die gute Stube geführt. Als er schon auf der Schwelle war, riß ihn aber die gute Tante plötzlich am Rockschoß noch einmal zurück: »Wie vergeßlich! – Ich habe ja deinetwegen ein paar Lichtlein an den Baum stecken lassen, die muß ich geschwind noch anzünden!«

Das zweitemal durfte Herr Schöller dann wirklich die Schwelle überschreiten, und was er nun sah, übertraf allerdings seine hochgespannten Erwartungen! Auf einem schönen Sockel stand aus farbiger Terrakotta eine lebensgroße Büste Bismarcks, – fast hätte man meinen können, er stünde lebendig vor einem.

Der braune Jagdrock, der weiße Bart, der schwarze Schlapphut und die buschigen Augenbrauen! – Herr Schöller war wirklich hocherfreut, und auf der Tante gutem, altem, etwas breitem Gesicht stand die Frage zu lesen: »Aber nun – he – was sagst du dazu?«

Der Onkel meinte, vergnügt weiterrauchend: »Gelt, der gefällt dir? ... Mir auch, – aber ein Heidengeld hat er gekostet! Mußt ja nicht glauben, daß das nun so fortgeht! Das nächste Jahr bekommst du dafür nichts!« – Eine Drohung, die Herrn Schöller in seiner Freude nicht zu stören vermochte.

Nun wurden noch die Geschenke für die Kinder bewundert und dann in ein Körbchen gepackt, denn Herr Schöller mußte noch einen Geschäftsfreund besuchen. Gegen Abend wollte er dann vorbeikommen und die Gegenstände abholen, – um halb acht Uhr ging sein Zug. Aber nun, wie mitnehmen? Herr Schöller meinte: »Ich nehme ihn einfach auf die Knie bei der Fahrt!« Aber als er ihn rasch aufheben wollte, da ging das nicht so leicht. »Donnerwetter, ist der schwer!« sagte er nach einem vergeblichen Versuche. »Ja freilich, der taugt nicht zu einem Schoßkind, aber mit muß er doch!« Herr Schöller versuchte, ihn zum zweitenmal zu heben, und bekam ihn dann auch glücklich auf die Arme. »So geht's schon!« sagte er, indem er ihn ein bißchen liebreich gewogen und dann mit einem unterdrückten »Uff« wieder abgesetzt hatte. »Das beste ist, ich komme heute abend mit einem Wagen, und an der Bahn gibt's Gepäckträger. Da ich zweiter Klasse fahre und es bei dem Regenwetter wohl genug Platz gibt, so setze ich ihn einfach neben mich! Hurra, mein Bismarck – jetzt hab' ich wieder einen!« und Herr Schöller schloß in überquellendem Dankgefühl den Onkel und die Tante auf einmal in seine Arme und erzählte ihnen die Tragödie von der zerbrochenen Figur.

»'s ist ein guter Mensch, der Georg!« sagte die Tante gerührt, als er fortgegangen war, und rückte ihr Spitzenhäubchen wieder zurecht. »Wenn er doch nur wieder eine brave Frau hätte!« setzte sie klagend hinzu. »Die Hager taugt nichts für ihn. Nicht einmal die Wäsche hält sie ihm ordentlich im Stande, denn der Hemdkragen, den er heute anhat, ist oben ausgefranst wie eine Säge, und fürs Gemüt hat er gar nichts. Den Kindern tät's auch gut, wenn sie mehr liebreiche Worte hörten, und mit dem Hans sollte jetzt jemand lernen!«

Die Tante hatte bei diesen Worten kopfschüttelnd die Lichtlein ausgelöscht und das ziemlich umfangreiche Körbchen noch einmal verschnürt, denn da sahen ein paar Puppenarme und dort ein Ulan mit seiner gelben Uniform heraus.

»Es ist mir doch etwas bange!« sagte sie, indem sie den Korb und auch noch ein umfangreiches Paket mit »Gutsle« zurechtstellte, »wie er dies alles heimbringt?«

Hatte es den ganzen Tag geregnet, so goß es nun in Strömen, als Herr Schöller am Abend mit der Droschke vorfuhr. Er hatte sich etwas verspätet, und es eilte. Mit kräftigem Ruck schwang er die schwere Last auf die Schulter und schritt damit vorsichtig die Treppe hinunter. Mine, die alte Köchin, trug das Körbchen und das Paket hintendrein. Ami, der geliebte Hund des Hauses, wollte auch mit und wäre Herrn Schöller beinahe zwischen die Füße gekommen, und der Onkel und die Tante trippelten auch nach, denn sie wollten doch sehen, wie der Neffe in den Wagen käme.

An der Haustür schlug ihnen der Regen ins Gesicht.

»Gottlob, daß er waschecht ist!« sagte der Onkel und wischte sich die Tropfen von der kahlen Stirn.

Der Wagenführer guckte neugierig, was denn da los sei. Herr Schöller kam glücklich zur Wagentüre hinein und setzte die Büste, tief aufatmend, auf den Sitz, wo am meisten Platz war. Ganz in der Stille muß ich gestehen, daß er sie beinahe hineinschmiß, denn er konnte sie in dem Augenblick einfach nicht mehr halten. Aber die Kissen waren zum Glück weich, und niemand hatte es gesehen, – die Krankheit hatte ihm doch ein wenig zugesetzt. Mine schob schnell noch die anderen Sachen nach, der Onkel und die Tante riefen noch: »Glückliche Reise!« Der Wagen fuhr rasch an, und Ami quietschte beleidigt auf, weil das Hinterrad ihn noch leicht gestreift hatte – so ungemütlich ging es doch sonst nicht zu! – und er folgte knurrend den andern in den Hausflur zurück.

Am Bahnhof sprang der Führer vom Bock.

»Rufen Sie einen Gepäckträger!« sagte Herr Schöller gewitzigt.

»Mein Wagen steht ruhig,« sagte der Führer. »Ich kann's auch verdienen! Herr – lassen Sie mich den da tragen!« sagte er mit leuchtendem Auge, als er in das Innere des Wagens geblickt und erkannt hatte, wer es war. »Das schätz' ich mir zur Ehre, – dafür brauchen Sie mir kein Trinkgeld extra zu geben!« Und er trug die schwere Figur durch die gaffende Bahnhofsmenge mit stolzem Ausdruck, als wäre es eine leichte Last. – Herr Schöller hatte ordentlich Mühe, ihm mit dem Körbchen und den anderen Sachen nachzukommen. Auch noch die Wagentreppe des schon bereitstehenden Zuges trug er ihn hinauf und setzte ihn dann behutsam auf eine Bank nieder. Das Trinkgeld mußte Herr Schöller ihm wirklich aufnötigen.

»Ich nehm's ungern,« sagte er. »Es war mir wirklich eine Freude!« Und dabei sah er die Figur noch einmal liebevoll bewundernd an, ehe er hinausging.

Herr Schöller machte sich's nun bequem. So ganz leer, wie er sich's gedacht hatte, war es gerade nicht, aber er konnte doch zwei Plätze benützen, und die große Büste stand fest und sicher zwischen ihm und dem Körbchen.

Gegenüber von ihm saß eine Dame, die zum Fenster hinaussah, neben ihr ein kleiner Knabe, der einen Lebkuchen aß. Herr Schöller, der zwei Stunden Fahrt vor sich hatte, ruhte nun ein bißchen aus und schloß die Augen. Der Zug fuhr zum Bahnhof hinaus in die dunkle Regennacht! Herr Schöller mußte wohl ein bißchen geschlafen haben, als ein Stoß am Wagen und ein leises »Oh!« ihn aufsehen machten.

Der Zug war über eine Weiche gefahren, und sein Bismarck neben ihm kam ein wenig ins Schwanken. Er sah, wie sich zwei Damenhände schnell nach ihm ausstreckten, als wollten sie ihn halten.

»Ich danke Ihnen!« sagte Herr Schöller und schlang nun selbst den Arm beschützend um die Büste. Sein Gegenüber schien noch nicht ganz beruhigt.

»Mit dem da hätten Sie müssen erster, nicht zweiter Klasse fahren!« sagte eine angenehme Stimme. Ein gutes, freundliches Gesicht mit ein paar verständigen, klaren Augen schaute ihn an.

»Sie erlauben vielleicht,« setzte sie nach einigen Sekunden etwas schüchtern hinzu und schob unter die Kanten ein kleines, wollenes Tuch, das sie schnell abgebunden hatte. »Es wäre so schade, wenn er einen ungeschickten Stoß bekäme!« und sie sah ordentlich mütterlich besorgt dabei aus. Herr Schöller sprach seinen Dank und die Besorgnis aus, das Fräulein möchte sich erkälten.

»O nein!« sagte sie lachend. »Das macht mir nichts, und jetzt kann ich doch auch ruhig diesen wundervollen Kopf betrachten. Auf dem Dorf, in dem ich wohne, sieht man sowas nicht, – gelt Fritzchen?« Und sie putzte dem kleinen Manne, der eben mit seiner süßen Arbeit fertig geworden, die Händchen ab.

»Jetzt schau' dir ihn nur auch einmal an, den Bismarck!« sagte sie, und zog den Kleinen, der in bedenklicher Weise mit den Beinchen anfangen wollte zu baumeln, näher an sich. »Gelt, der ist schöner als all die Bilder, die wir von ihm zu Haus haben?«

»Mann groß!« sagte der Kleine und sah fast ängstlich auf den gewaltigen Kopf.

»Ja freilich ist der groß!« sagte die junge Dame lachend, aber ihr Auge leuchtete dabei vor Begeisterung.

Herrn Schöller war es ganz warm ums Herz geworden. Wer mochte die junge Dame wohl sein? – Doch wohl nicht gar die Mutter des Knaben? Mit einem unbewußt unbehaglichen Gefühl sah er sich um. Über dem kleinen Gang drüben auf der andern Seite saßen zwei Männer, – und jetzt – er konnte sich nicht täuschen, denn die Lampe brannte hell – sah er plötzlich, wie der eine von ihnen mit erhobener Faust herüberdrohte. Herr Schöller war mutig, und wenn es darauf ankam, kannte er keine Furcht. Mancher an seiner Stelle hätte geschwiegen, aber es betraf seine heiligsten Gefühle. Mit unterdrückter, aber sehr bestimmter Stimme sagte er, zu den Männern gewandt: »Ich darf Sie wohl fragen, wem die Faust gegolten hat, die Sie soeben gemacht haben? Ich hoffe nicht einem, für den ich gleichfalls mit der Faust antworten müßte?«

Die Männer, die wohl auch ein bißchen zuviel getrunken hatten, sahen einander verdutzt an, sichtlich eingeschüchtert durch den drohenden Blick Herrn Schöllers.

»Nun, ja, ich hab' halt gedacht, weil der blinde Passagier da drüben wohl keine Fahrkarte hat!« zog sich der eine Mann schlau aus der Streitlage und schwieg ganz stille, als Herr Schöller grollend sagte: »Das ist meine Sache und geht Sie nichts an! – Im übrigen hätte ich Ihnen nicht raten mögen, daß Sie sich was anderes dabei gedacht hätten!« Und er drehte sich tief aufatmend auf seinem Sitze wieder um.

Als seine Augen sein Gegenüber streiften, traf ihn ein solch warmer, leuchtender Blick, daß ihm, er wußte nicht wie, dabei wurde! Hätte er doch herausbekommen können, wer es war! –

Das Büblein war inzwischen schläfrig geworden, und die Dame hatte ihn, um ein für allemal die Gefahr mit den strampelnden Beinchen abzuwenden, auf den Schoß genommen, und sein Köpfchen mit der dicken Pelzmütze lag auf ihren Armen.

»Dat – Daten!« sagte der Kleine schläfrig und deutete mit den herabhängenden Ärmchen nach dem Korbe, wo Hansens Ulanen gerade nach ihm herüberschauten.

»Willst du einen haben, kleiner Mann?« fragte Herr Schöller freundlich, und zog den Soldaten, der am neugierigsten über den Rand des Körbchens herausschaute, vollends heraus und drückte ihn in das Händchen.

»Aber Sie berauben andere Kinder!« sagte die Dame zögernd und sah ihn dabei etwas unsicher an.

»Für meine Kinder ist noch genug in dem Korbe!« erwiderte Herr Schöller herzlich. »Es taugt gar nichts, wenn die Kinder zu viel Spielsachen haben!«

»Ach, Sie haben Kinder?« rief die junge Dame, und in dem Ausruf mochte ein Gemisch von Teilnahme und auch Überraschung liegen. Sie hatte in dem Dämmerlicht und über der Bismarckbüste den Inhalt des Körbchens ganz übersehen. Aber nun gab ein Wort das andere, und die beiden Reisegefährten wurden ganz gesprächig. Die junge Dame erzählte, wie sie Bismarck einmal beinahe gesehen hätte, als sie vier Stunden im Regen an einer Parkpforte in Friedrichsruh gewartet hatte. »Aber da war er zu einem andern Tor hinausgefahren, und das hatte fast Tränen gekostet, denn ich durfte nicht mehr länger warten. Ich war damals nämlich Erzieherin in Berlin,« setzte sie unbefangen hinzu, »und hatte nur einen Tag Urlaub.«

»Aber jetzt sind Sie wieder bleibend hier in der Gegend?« fragte Herr Schöller erwartungsvoll.

»Freilich, im Pfarrhaus zu Mühlheim, wo ich jetzt meine Heimat habe,« sagte die Dame mit bewegter Stimme und drückte den inzwischen eingeschlafenen Jungen zärtlich an sich.

Sollte es die neue Pfarrfrau von Mühlheim sein, von der Herr Schöller erst kürzlich hatte erzählen hören, sie sei mit Mann und fünf Kindern eingezogen? Verstohlen und prüfend blickte er wieder hinüber nach dem lieben, sympathischen Gesichte, das sich über den kleinen Schläfer beugte und das wohl nicht mehr so ganz jung, aber doch auch nicht gerade alt aussah. Herr Schöller mußte unverwandt hinsehen, – Herrgott, wenn man nur wüßte, ob! ... Die junge Dame mochte wohl den Blick gefühlt haben, denn sie fuhr erschreckt und etwas verwirrt in die Höhe und zog die Uhr.

»Ach, da hab' ich ja nur noch zwei Minuten bis zu meiner Station – wie man sich auch so vergessen kann! – Komm, Fritzchen, wach' auf, – wir kommen zu Mama und Papa, und dann erzählen wir, wie schön es in St. gewesen ist! – Und dann gib dem lieben Herrn auch den Soldaten wieder, so,« und sie entwand ihn der kleinen, widerstandslosen Hand und reichte ihn Herrn Schüller hin, während das Kind schlaftrunken »Tante« murmelte und sein Köpfchen wieder an ihre Schulter fallen ließ. Der Zug fuhr langsam, das Fräulein stand auf.

»Jetzt haben Sie wohl auch Ihr Ziel bald erreicht,« sagte sie herzlich, »und werden sich freuen, bis Sie Ihrer Frau das schöne Geschenk zeigen können! Kommen Sie glücklich nach Hause!« und sie schritt rasch dem Ausgang zu, denn der Zug hatte angehalten, und es hieß aussteigen.

Herr Schöller war von dem Augenblick an, als sich sein Gegenüber nicht als Mutter, sondern als Tante entpuppte, in einer Art Erstarrung gewesen, aus der er plötzlich erwachte, als er den Platz gegenüber leer sah.

»Aber Fräulein – Fräulein, so warten Sie doch, – ich will Ihnen helfen! – Geben Sie das Kind her, – ich reiche es Ihnen hinaus, – so,« und Herr Schöller hatte den kleinen Schläfer mit kräftigen Armen gefaßt. Die junge Dame hatte mit der einen Hand das Geländer ergriffen und setzte vorsichtig schon den Fuß auf die zweite Stufe, als ein warmer Atem sie streifte und eine tieferregte Stimme ihr ins Ohr flüsterte: »Fräulein – liebes, liebes Fräulein, ich hab' ja gar keine Frau mehr, ich hab' nur ein leeres, verödetes Heim und zwei Kinder, die der Liebe entbehren! Darf ich? ...«

»Tante, hier! Tante, wir sind da! Tantchen, wo ist denn Fritz? Paß auf, Schwester, stolpere nicht!« scholl es draußen durcheinander, und viele Hände streckten sich nach Fritzchen und der Tante aus.

Herr Schöller, der den Knaben abgegeben, hatte – er wußte nicht, wie es über ihn gekommen – noch schleunigst eine kleine Hand vor ihm auf dem Bahnsteig erfaßt. »Ich komme bald ins Pfarrhaus – nicht wahr, ich darf?« und schnell schwang er sich wieder hinauf, denn der Zug setzte sich in Bewegung. Ein paar liebe Augen hatten ihn noch rasch, aber nicht unfreundlich angesehen, und er steuerte auf seinen eben verlassenen Platz zurück. – Wie war doch innerhalb weniger Minuten alles so ganz anders geworden. Herr Schöller war noch wie trunken, als bald darauf auch er aussteigen mußte. Wie sollte er's nur machen – es eilte – der schwere Bismarck – und das andere – er hatte sich's ja gar nicht überlegt – und er sah ganz verwirrt um sich.

Die beiden Mitreisenden, welche seither geschlafen hatten, stiegen gleichfalls aus und bemerkten seine Not.

»Geben Sie mal den Korb her, Herr – ich trage ihn,« sagte derselbe Mann, mit dem Herr Schöller vorher das Gespräch geführt hatte. »Bin nicht so schlimm, als Sie glauben!«

»Auch den Pack geben Sie mal her, – Sie kommen ja sonst nicht zur Tür hinaus! Aber den blinden Passagier dort, – den tragen Sie nur selber, – warum, das brauch' ich Ihnen nicht zu sagen, – mag ihn eben nicht leiden, und dabei bleibt's!« Und damit stieg der Mann schleunigst aus, der sich höflich bedankende Herr Schöller mit der Büste auf der Schulter hintendrein. Merkwürdig, er fühlte diesmal keine Last und über des Mannes Rede keinen Ärger, – oder hatte er sie gar nicht gehört?

Er konnte sich überhaupt von seinen Gedanken keine Rechenschaft ablegen, auch als er in seinem eigenen Wagen vollends nach Hause fuhr. Erst der entsetzte Ausruf Fräulein Hagers, als der Wagen hielt und sie ins Innere blickte, versetzte ihn vollständig in die Gegenwart.

»Um des Himmels willen, Herr Schöller, was bringen Sie denn da für ein Ungeheuer?« schrie sie. »Ja, dafür haben wir wahrhaftig keinen Platz! Wäre es doch wenigstens eine neue Mange oder eine Auswindmaschine gewesen, – was denkt nur aber auch die Frau Tante!« Und des Fräuleins Gesicht wurde ganz rot vor Aufregung. –

Trotzdem kräftige Dienerarme nun dagewesen wären, faßte Herr Schöller seinen neuen Schatz noch einmal mit allen Kräften und trug ihn schweigend ins Haus und in die gute Stube hinauf. Dort setzte er ihn mit einem so kräftigen Schwung mitten auf das schöne Plüschsofa, daß die Federn krachten und Fräulein Hager laut aufkreischte.

»So, hier bleibt er einstweilen sitzen, und einen Platz werden wir für ihn finden – den besten, den es gibt – und Platz wird überhaupt für vieles gemacht!« sagte Herr Schöller, hoch aufatmend, und sah dabei so triumphierend und so eigenartig aus, daß Fräulein Hager zitterte und sich gar nicht mehr getraute, nach weiterem zu fragen. Im stillen aber dachte sie ernstlich: »Sollte der Herr Schöller neulich, als er seine Grippe mit der Kognakflasche kurierte, am Ende Freude am Trinken bekommen haben?«

Herr Schöller aß kräftig zu Nacht, denn er war sehr hungrig geworden! Spät in der Nacht aber, als er mit dem Lichte noch vor die Betten seiner schlafenden Kinder trat, da fuhr er ihnen mit der Hand zärtlicher als sonst über die blonden Köpfe, so daß Lenchen schlaftrunken seine Hand faßte und sagte: »Vaterle, bist du da?« ...

Dann blickte er zu einem eben solch blonden Frauenkopf über den Bettchen auf, und dann durch die geöffnete Tür zu dem Bismarck hinüber, und er winkte mit dem Kopfe und sagte leise vor sich hin: »Es wird recht werden!«

Und es wurde recht! Acht Tage nachher erhielten der Onkel und die Tante in St., welche tagtäglich sich noch darüber sorgten, wie es dem Georg wohl ergangen sei, folgendes Telegramm:

»Als Verlobte empfehlen sich:

Georg Schöller
Marie Maier

Pfarrhaus Mühlheim

Hurra, Bismarck als Ehestifter. Unsere Hochzeitsreise machen wir nach Friedrichsruh!!!«

»Na, so etwas!« rief die Tante und ließ vor Überraschung beinahe die Frühstückstasse fallen.

Ami grunzte wohlwollend vom Ofen her.

Der Onkel aber sprach: »Ich sag's ja, der ist einer, der alles zustande bringt!« Und er zündete eifrig seine ausgegangene Pfeife an.

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