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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Zweites Bruchstück

Kap. I. Geist und Grundsatz der Erziehung § 22-26. Kap. II. Die Individualität des Idealmenschen § 27-32. Kap. III. Über den Geist der Zeit § 33-37. Kap. IV. Bildung zur Religion § 38-40.

Erstes Kapitel

§ 22

Das Ziel muß man früher kennen als die Bahn. Alle Mittel und Künste der Erziehung werden erst von dem Ideale oder Urbilde derselben bestimmt. Gewöhnlichen Eltern schwebt aber statt eines Urbildes ein ganzes Bilderkabinett von Idealen vor, die sie stückweise dem Kinde auftragen und tätuierend einätzen. Wenn man die heimliche Uneinigkeit, z. B. eines gewöhnlichen Vaters, als einen Studienplan und Lektionkatalog der sittlichen Ausbildung ans Licht zöge und auseinanderbreitete, so würde er etwa so lauten: in der ersten Stunde muß dem Kinde reine Moral gelesen werden, von mir oder dem Hofmeister – in der zweiten mehr unreine oder angewandte auf eigenen Nutzen – in der dritten: »siehst du, daß es dein Vater so macht?« – in der vierten: »du bist noch klein; dies aber schickt sich nur für Erwachsene« – in der fünften: »die Hauptsache ist, daß du einmal in der Welt fortkommst und etwas wirst im Staate« – in der sechsten: »nicht das Zeitliche, sondern das Ewige bestimmt die Würde des Menschen« – in der siebenten: »darum erdulde lieber Unrecht und liebe« – in der achten. »wehre dich aber tapfer, wenn dich einer angreift« – in der neunten: »tobe nicht so sehr, lieber Junge« – in der zehnten: »ein Knabe muß nicht so still sitzen« – in der elften: »du mußt deinen Eltern mehr folgen« – in der zwölften: »und dich selber erziehen.« So versteckt sich der Vater durch den Stunden- und Post-Wechsel seiner Grundsätze die Unhaltbarkeit und Einseitigkeit derselben. Was seine Frau anlangt, so ist diese weder ihm, noch jenem Harlekine ähnlich, welcher, mit einem Aktenbündel unter jedem Arme aufs Hoftheater tretend, auf die Frage, was er unter dem rechten trage, antwortete: Befehle – und auf die, was er unter dem linken, versetzte: Gegenbefehle – sondern die Mutter dürfte wohl mehr einem Riesen Briareus ähnlichen, der hundert Arme hätte und unter jedem sein Papier.

Diese so oft und schnell wechselnden Regentschaften der Halbgötter machen nicht nur die Abwesenheit, sondern auch die Notwendigkeit und das Recht eines höchsten Gottes klar; denn in den gewöhnlichen Seelen offenbart sich das Ideal, ohne welches der Mensch auf vier Tier-Klauen niedersänke, mehr durch innere Uneinigkeit als Einigkeit und mehr in Urteilen über andere als über sich. Was daraus aber bei Kindern werden kann – ist schon oft daraus geworden, bunt- und halbfarbige Zöglinge, welche (wenn nicht seltene Eigentümlichkeit sie hart und unverletzlich macht) der Zeitgeist oder der Zufall der Not und Lust gelenksam mit seinem Rade brechen oder gar auf dasselbe flechten kann. Die meisten Kulturmenschen sind daher jetzo ein Feuerwerk, das unter einem Regen abbrennt, unverbunden, mit zerrissenen Gestalten glänzend, halbe Namenzüge malend.

Doch die bösen und unreinen Geister der Erziehungen sind noch in andere Abteilungen zu bringen. Viele Eltern erziehen die Kinder nur für die Eltern, nämlich zu schönen Steh-Maschinen, zu Seelen-Weckern, welche man so lange nicht auf das Rollen und Tönen stellet, als man Ruhe begehrt. Das Kind soll bloß jede Minute das sein, auf welchem der Erzieher entweder am weichsten schläft, oder am lautesten trommelt; und ihm folglich jede Minute die Mühe an der Erziehung, weil er mehr zu tun und zu genießen hat, ersparen durch Früchte derselben. Daher ärgern sich diese stillen Faulen so häufig, daß das Kind nicht klüger, folgerechter und sanfter schon voraus ist als sie selber. Sogar kräftige Kinderfreunde gleichen oft, wie Staatmänner, der brennbaren Luft, welche selber ein Licht gibt, dabei jedes andere auslöscht; wenigstens soll ihnen das Kind, wie oft einem Minister sein Arbeit-Schoßjünger, bald ganz Hand, die nur nachschreibt, sein, bald ein vorausarbeitender Kopf.

Verwandt den Lehrmeistern, welche Maschinenmeister zu sein wünschten, sind die Erzieher nach außen und zu Staatbrauchbarkeit; eine Maxime, die, rein durchgeführt, nur Zöglinge oder Säuglinge gäbe, allfolgsam, knochenlos, abgerichtet, alltragend – der dichte harte Menschenkern ginge der weichen süßlichen Fruchthülle ab – und der Kindes-Erdenkloß, dem das wachsende Leben einen göttlichen Atem einblasen soll, würde als bloßer Fruchtacker niedergehalten und gedüngt – das Staatgebäude würde von toten Spinnmaschinen, Rechenmaschinen, Druck- und Saugwerken, Ölmühlen und Modellen zu Mühlen, zu Saugwerken, zu Spinnmaschinen u. s. w. bewohnt. Anstatt daß jedes Kind, ohne Vergangenheit und Zukunft geboren, stets anno Eins anfängt und ein erstes Neujahr mitbringt, muß nun der Staat an der Stelle einer Nachwelt, die ihn geistig so gut verjüngen könnte als leiblich, sich eine geben lassen, welche seine Räder aufhält und versteinernd als Eis sich um diese legt.

Gleichwohl ist der Mensch früher als der Bürger, und unsere Zukunft hinter der Welt und in uns größer als beides; wodurch haben sich denn Eltern, die im Kinde den Menschen sofort zum Diener einkleiden und umschnüren, z. B. zum Zollbedienten, Küchenmeister, Rechtsgelehrten etc., das Recht gewonnen, sich anders fortzupflanzen als körperlich, anstatt geistige Embryonen zu zeugen? Kann die Fürsorge für den Körper ein Recht auf geistige Einklemmung erteilen und für Wohlleben wie dem Teufel eine Seele verschrieben werden, da doch kein Leib einen Geist aufwiegt oder nur anwiegt? – Die altdeutsche und spanische Sitte, körperschwache Kinder umzubringen, ist nicht viel härter als die, seelenschwache fortzupflanzen.

§ 23

Von der Brauchbarkeit für andere ist die bloße für sich selber nur wie Ehrlosigkeit von Lieblosigkeit verschieden; beide schmelzen zusammen in der Selbersucht. – Auch tadelhaft sind sogar Grenzbäume und Herkules-Säulen besserer Art, sobald sie die freie Welt eines künftigen Menschen verkleinern. Wenn Mengs seinen Sohn Raphael Mengs durch Seelen- und Leib-Eigenschaft zum Maler schlug – indes sich nach Winckelmann griechische Staaten nur durch und für Freiheit zur Kunst hinauffochten –: so übte er die ägyptische Sitte, daß der Sohn das Handwerk seines Vaters treiben mußte, bloß an edlern Teilen aus.

Viel davon gilt sogar gegen die häuslichen Waisenhausprediger, welche die ganze Kinderzucht in eine Kirchenzucht und Bibelanstalt verwandeln und die frei- und frohgebornen Kinderseelen in gebückte Kloster-Novizen. Denn der Mensch soll weder bloß nach oben wachsen, wie Pflanzen und Hirschgeweihe, noch bloß nach unten, wie Federn und Zähne, sondern wie Muskeln an beiden Enden zugleich; so daß Bakons Doppel-Vorschrift für Könige: erinnere dich, daß du ein Mensch, erinnere dich, daß du ein Gott oder Vize-Gott bist, auch für Kinder gälte!

Die Erziehung kann weder in bloßer Entwicklung oder, wie man jetzo besser sagt, Erregung überhaupt – denn jedes Fortleben entwickelt, und jede schlimme Erziehung erregt, so wie auch der Sauerstoff absolut reizet –, noch in der Entwicklung aller Kräfte bestehen, weil sich nicht auf einmal die ganze Summe potenzieren läßt, so wenig als im Körper sich Empfänglichkeit und Spontaneität, oder das Nerven- und Muskelsystem zu gleicher Zeit verstärken.

§ 25

Eine rein-negative Erziehung, wie die Rousseausche nur zu sein scheint, widerspräche sich und der Wirklichkeit zugleich so sehr als ein organisches Leben voll Wachstum ohne Reizmittel; sogar die wenigen eingegangenen wilden Waldkinder genossen positive Erziehung von den reißenden und fliegenden Tieren um sich her. Nur der Kinder-Sarg könnte eine negative Winkel- und Fürstenschule und Schulpforte vorstellen. Der reine Natur-Mensch – den Rousseau zuweilen oder öfter mit dem Ideal-Menschen vermengt, weil beide rein und gleichförmig vom Säkular-Menschen abliegen – – wächset ganz an Reizen empor, nur daß Rousseau das Kind erstlich lieber mit Sachen als mit Menschen, lieber mit Eindrücken als Einreden weckt und potenziert, und zweitens eine gesündere, gedeihlichere Stufenfolge der Reizmittel verordnet, indes seine Lehr-Vorfahren immer bei der so erregbaren Kindernatur mit dem höchsten Reize vorausgeeilet waren, z. B. mit Gott, Hölle – und Stock. Gebt nur rechte Freilassung der Kinder-Seelen aus dem limbusDer Ort, wohin nach dem alten Katholizismus ungetaufte Unschuldige nach dem Leben kamen. patrum et infantum: so entwickelt (dies scheint er zu denken) die Natur schon sich selber. Dies tut sie auch, überall, immerdar, aber nur in Naturen, d. h. in der Individualität der Zeiten, Länder und Seelen.

§ 26

Vielleicht treffen wir den Mittel-, Schwer- und Brennpunkt dieser kreuzenden Linien und Strahlen auf diesem Standpunkt an:

Wenn ein jetziger Grieche, ohne alle Kenntnis der großen Vergangenheit, die Gegenwart seines unterjochten Volkes abmalte: so würd' er dasselbe nahe an der höchsten Stufe der Ausbildung, der Sittlichkeit und anderer Vorzüge finden – bis ihm ein Zauberschlag das Griechenland im persischen Kriege oder das blühende Athen oder das fruchttragende Sparta wie ein Totenreich, wie elysische Felder aufdeckte und vor das starre Auge brächte – welcher Unterschied desselben Volks, einer wie von Göttern zu Menschen! Gleichwohl sind jene Götter nicht Genies oder sonst Ausnahmen, sondern ein Volk, folglich die Mehr- und Mittelzahl der Anlagen. Wenn man in der Geschichte rund auf die Höhen und Bergrücken hinaufsiehet, wo verklärte Völker wohnen, und alsdann in die Abgründe hinunter, wo angeschlossene liegen, so sagt man sich: wohinauf eine Menge kam, dahin kannst du auch, wenn auch nicht wohinab. Der innere Mensch, welchen ein Volk, eine Mehrzahl entkörperte und in seiner Verklärung zeigte, muß in jedem Einzelwesen wohnen und atmen, das ihn sonst nicht einmal als einen Verwandten anerkennen würde.

Und so ist es auch. Jeder von uns hat seinen idealen Preismenschen in sich, den er heimlich von Jugend auf frei oder ruhig zu machen strebt. Am hellesten schauet jeder diesen heiligen Seelen-Geist an in der Blütezeit aller Kräfte, im Jüngling-Alter. Wenn nur jeder sich es recht klar bewußt wäre, was er damals hatte werden wollen und zu welchen andern und höhern Wegen und Zielen das eben aufgeblühte Auge hinaufgesehen als später das einwelkende! Denn sobald wir an irgendein gleichzeitiges In- und Umeinander-Wachsen des leiblichen und des geistigen Menschen glauben: so müssen wir auch die Blütezeiten beider zusammenfallen lassen. Folglich wird dem Menschen sein individueller Idealmensch am hellsten (wenn auch nur hinter Wünschen und Träumen) gerade in der Vollblüte des Jugendalters erscheinen. Und zeigt sich dies nicht in der gemeinsten Seele. welche z. B. während dieses Durchgangs, vorher und nachher in sinnliche und habsüchtige Liebe gesunken, einmal in edler kulminierte und mitten am Himmel stand? – Später verwelkt bei der Menge der Idealmensch von Tage zu Tage – und der Mensch wird, fallend und überwältigt, lauter Gegenwart, Geburt der Not und Nachbarschaft. Aber die Klage eines jeden: »Was hätt' ich nicht werden können!« bekennt das Dasein oder Dagewesensein eines ältesten paradiesischen Adams neben und vor dem alten Adam.

Aber in einem Anthropolithen (versteinerten Menschen) kommt der Idealmensch auf der Erde an; ihm nun von so vielen Gliedern die Steinrinde wegzubrechen, daß sich die übrigen selber befreien können, dies ist oder sei Erziehung. Derselbe Normalmensch, der in jeder bessern Seele der stehende Hauslehrer bleibt und schweigend fortlehrt, bilde außen die kindliche stellvertretend und mache ihren eignen los, frei und stark; nur aber muß er vorher erraten werden. Der Idealmensch Fenelons – so voll Liebe und voll Stärke –, der Idealmensch Katos II. – so voll Stärke und voll Liebe – könnten gleichwohl sich nie gegeneinander ohne Geisterselbstmord auswechseln oder seelenwandern. Folglich hat die Erziehung im...

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