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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 65
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Neuntes Bruchstückchen
oder
Schlußstein

§ 151

Eine Erziehlehre schließt weder die Unterrichtlehre in sich, deren weites Gebiet die Felder aller Wissenschaften und Künste umfaßt, noch die Heilmittellehre, welche für die Ineinanderverdoppelung von Fehlern, Jahren, Anlagen, Verhältnissen statt der Bändchen Bände begehrt. Indes keine Wissenschaft bewegt sich ganz ohne Mitregung der andern, so wie die Füße sich nicht ohne Hände.

§ 152

Lavater malte in einer Stufenfolge von vierundzwanzig Gesichtern einen Froschkopf zu einem Apollons-Kopfe um; ich wünschte, daß irgendeine Dichtung ebenso die Zurechtrückung irgendeines verschobenen Kraftkindes in die reinen Linien der Menschheit darstellte, anstatt, wie Xenophon und Rousseau, bloß ein Sonnengötterchen in die Schule zu nehmen. Ja man könnte eine Erzieh-Geschichte mehrer falscher Heilungen an demselben Glieder-Männchen zeigen und es wäre nichts als nützlich und – schwer. Wie oft wird nicht der falsch vom Bruch geheilte Arm der Menschheit wieder gebrochen, um recht eingerichtet zu werden!

§ 153

Rein durchgeführte Erziehung – dies sollten gleichfalls romantische Cyropädagogen eines Einzigen bedenken – erweise nicht an einem Kinde, nur an einer ineinander wurzelnden Kinder-Zahl die rechte Kraft; ein Gesetzgeber wirkt nur durch Menge auf Menge; einen Juden allein formet kein Moses. Aber eben dieses mosaische Volk – das, wie die Seepflanzen in allen Zonen des Welt-Meers, so des Zeit-Meers unverändert gedieh und die mosaische Farbengebung behielt, wenn ihm die körperliche im schwarzen Afrika ausging – ist um so mehr der Zeuge der Erzieh-Macht, da es die mosaische Volk-Erziehung während seiner Umherverstreuung nur in Privat-Erziehungen festhalten kann. Dies verleihe allen jetzigen Vätern Mut gegen jede feindselige Zukunft, in welche sie ihre Kinder schicken müssen.

§ 154

Dieser Mut werde eben darum durch eine bekannte Gegen-Erscheinung nicht schwächer, daß nämlich Kinder, gleichsam klimatische Gewächse der Kinder- und der Schulstube, oft kaum mehr zu erkennen sind in einem fremden Zimmer, im Reisewagen, im Freien, in der Mitternacht u. s. w. »Es war Treibscherbenfrucht,« sagt dann der gute erhitzte Vater, »und ich habe meine Mühe und Hoffnung verloren.« Setzt sich indes der erhitzte Mann nieder und bedenkt, daß er, ein ebenso klimatisches Gewächs seiner Nachbarschaft, oft in der Fremde von Ort und Verhältnis sich plötzlich selber fremd geworden, aber doch nur mit kurzer Innehaltung seiner Kraft: so kann er sich kühlen, indem er dasselbe noch stärker auf seine Kinder anwendet, die, als empfänglicher, schwächer, unbekannter, natürlich jeder neuen Gegenwart unterliegen und gehorchen müssen.

§ 155

Man kann in einem Falle dem Kinde nicht weitläuftig genug sein, in einem andern nicht kurz genug. Die lange Breite sei bei Erzählungen, bei Abkühlungen der Leidenschaft, zuweilen als rednerisches Signal kommender Wichtigkeit. Die schmalste Kürze sei bei Gegeneinanderstellung der Vernunftsätze zur Übung – ferner bei Verbot – ferner in der unerläßlichen Strafe, hinter welcher nach dem Legen der Wogen gut die Redseligkeit wieder beginnt.

§ 156

Wenn man der richtigen Regel kühn gehorsam ist, einen Knaben, zumal den der Gelehrsamkeit gewidmeten, im ersten Jahrfünf ohne Lernzwang, bloß der Selbbelehrung und geistig brach zu lassen, damit der Körper zum Träger der künftigen geistigen Schätze erstarke: so halte man sich bei seinem Eintritte in die ersten Schulstunden auf eine vielleicht monatelang dauernde Not gefaßt, daß nämlich der bisher immer gegen innen und inneres Selbstlehren zugewandte Knabe sich schwer den Lehren von außen zukehrt und nur wie mit einem zerstreuenden Hohl-Glase die fremden Strahlen auffängt. Doch bald werden diese von einem erhabenen gesammelt und verdichtet.

Da ich einmal wieder auf das Unterrichten, welches überhaupt in spätern Jahren immer mehr mit dem Erziehen zusammenfällt, verschlagen werde: so weiß ich diese Abschweifung durch nichts Besseres gut zu machen als durch Fortsetzung derselben, indem ich den Grundsatz eines vortrefflichen herz-, lehr- und geistreichen Schulmannes meiner BekanntschaftProfessor L. H. Wagner in Baireuth, durch seine Logik, Physiologie und seine reichen Programmen schon dem gelehrten Publikum vorteilhaft bekannt. hereinstelle, daß der Knabe nach dem ersten Jahrfünf in keine bessere Vorschule gelehrter Bildung (obwohl täglich nur auf einige Stunden) gehen könne als in die aus drei Klassen bestehende, die lateinische, die mathematische, die geschichtliche. In der Tat stimmen diese drei Weisen von Wissenschaften das Innere in den Dreiklang der Bildung. Erstlich: die lateinische Sprache übt durch ihre Kürze und durch ihre scharfe Gegenform der deutschen dem kindlichen Geiste Logik und also eine philosophische Vorschule ein. Sprachkürze gibt Denkweite. – Zweitens die Meßkunst als Vermittlerin zwischen sinnlicher und intellektueller Anschauung regt und bauet eine andere, von der Philosophie abgelegene, aber nicht genug erwogene Kraft für das sinnliche Universum an, welche durch die Scheidekunst des Raums von außen und Zeit von innen, in der Zahlenlehre das letzte in die Denkgewalt bringt. – Drittens die Geschichte vermählt ja als eine Religion alle Lehren und Kräfte; nämlich die alte Geschichte, d. h. die Geschichte der Jugendvölker, besonders die griechische und römische und erstjüdische und erstchristliche. Wie das Epos und der Roman zum schwimmenden Fahrzeuge aller Kenntnisse, so ist ja deren Mutter, die Geschichte, noch leichter zur festen Kanzel jeder sittlichen religiösen Ansicht zu machen; und jede Sittenlehre, Moraltheologie, Moralphilosophie und jede Kasuistik, alle finden in der alten Geschichte nicht nur ihre Flügelmänner, sondern ihre Flügelgeister. Das jugendliche Herz lebt der hohen jugendlichen Vergangenheit nach, und durch diese handelnde Dichtkunst glühen vor ihm die begrabnen Jahrhunderte in wenigen Schulstunden wieder auf. Die Teufel, in die historische Ferne gerückt, erbittern weniger und verführen noch viel weniger als vor uns stehende; die Engel hingegen, durch dieselbe Ferne von ihren Verdunkelungen entkleidet, glänzen und entflammen zugleich stärker und sie sagen uns an, was in der Zukunft zu tun sei, das würdig wäre der Vergangenheit. Die Geschichte ist – wenn ihr sie nicht zur Biographie des Teufels machen wollt – die dritte Bibel; denn das Buch der Natur ist die zweite, und nur die alte Geschichte kann die neue bekehren.

Der Vater der Levana – wiewohl dieser Name bei einer Göttin bescheidner mit dem eines Anbeters derselben vertauscht wird – hat (jetzo darf er sich zurückberufen) das Versprechen der Vorrede gehalten, sich wenig auf Scherze einzulassen, drei Bändchen hindurch. Mehr eigentlich der Ort – den ein anderes Buch geben wird – als der Anlaß zu zwei Stachelschriften hat ihm gemangelt; welche beide bloß ein Leiden angreifen, das der Kinder, das der Lehrer. Bloß ein ernster Auszug möchte hier zu entschuldigen sein.

Denn allerdings, was erstlich die Kinder-Leiden (ein Pein-Recht, eine Theresiana, Karolina derselben) betrifft, so geht die Natur uns hierin vor, welche sie früher weinen als lachen läßt. Nicht der Mensch, nur das Bienen-Ei wird auf Honig gelegt. Unter allen Eintritten in neue Verhältnisse gibt es keinen wichtigern als den ins Leben, und mithin ist der Lehrpursche in etwas zu hänseln – oder, als ein Epopt der Leben-Mysterien, wie ein griechischer notdürftig zu geißeln – oder er soll das, was man in Zuchthäusern (wofür Plato die Erde nimmt) einen Willkommen benennt, empfangen, der nicht bloß in einem altdeutschen gefüllten Becher (diesen reicht die Mutterbrust), sondern in dem besteht, was der große Haufe sich als ausprügeln denkt. Nach der katholischen Kirche waren die Kinder (in Bethlehem unter Herodes) die ersten Märterer oder Blutzeugen; – was sich doch auch noch annehmen läßt als Nachbild. Zufolge derselben Kirche kamen die ungetauften entweder ins Höllen- oder ins Fegefeuer; zwischen zwei Feuer geraten sie aber stets auf der Erde, wenn sie den Weg vom ersten Sakrament zum zweiten machen. Ist Taufe unentbehrlich zum Seligsein, so ists auch das Liebe- und Abendmahl; folglich regiert vor dem Liebemahl mit einigem Recht alles, was mehr dem Hasse ähnlich sieht. Daher die Tränen, welche Garrick durch die bloße Hersagung des Abc zu erregen wußte, das Kind bei ihr selber leicht vergießen lernt. Nur möchte unter allen Schullehrern, welche den Verfasser und die Leser desselben geprügelt haben, und welche mit dem Stocke als mit einer pädagogischen Stocklaterne und einem Laternenpfahl zu erleuchten gewußt, oder welche mit ihrer Faust so zu wuchern verstanden wie Waldhornisten, die ihre an den Becher, die weite Öffnung des Waldhorns, legen und damit die zarten Halbtöne vorrufen, nur möchte, sag' ich, unter allen Schullehrern selten ein Johann Jakob Häuberle aufzutreiben sein. Wer unter uns will sich rühmen, wie Häuberle in 51 Jahren und 7 Monaten Schulamts 911 527 Stock- und 124 000 Ruten-Schläge ausgeteilt zu habenDiese und die folgenden Zahlen stehen im 4ten Quartal des 3ten Jahrganges der pädagogischen Unterhandlungen für Erzieher. – dann 20 989 Pfötchen mit dem Lineal – nicht bloß 10 235 Maulschellen, sondern dabei noch 7905 Ohrfeigen Nachschuß – und an den Kopf im ganzen 1 Million und 115 800 Kopfnüsse? Wer hat 22 763 Notabenens bald mit Bibel, bald mit Katechismus, bald mit Gesangbuch, bald mit Grammatik, gleichsam mit 4 syllogistischen Beweis-Figuren oder einer sonate à quatre mains, gegeben als Jakob Häuberle? Und ließ er nicht 1707 Kinder die Rute, die sie nicht empfingen, doch emporhalten, wieder 777 auf runde Erbsen und 631 auf einem scharfen Holz-Prisma knien, wozu noch ein Pagencorps von 5001 Esel-Trägern stößt? Denn wenn es einer getan hätte, warum hätte er diese Wundenzettel nicht ebensogut als Häuberle, von welchem allein es ja nur zu erfahren war, in einem Prügel-Diarium oder Martyrologium oder Schul-Prügel-Reichs-Tags-Journal eingetragen? – Ich fürchte aber sehr, die meisten Lehrer verdienen bloß den Ekel-Namen des CäsariusSiehe die sehr gelehrten Anmerkungen zum Schauspiel Fust von Stromberg, von Maier., welcher der Milde hieß, weil er keiner Nonne über sechsunddreißig Streiche geben ließ.

Ist aber der Nutzen dieser Vorhöllen des Lebens mehr als Schein: so müssen gute Höllenmaschinen – die uns immer besser geraten als die Himmelmaschinen – dazu angesetzt und Leute da sein, die plagen. Niemand plagt aber besser als einer, der selber gepeinigt wird, so z. B. die Mönche; soll ich weinen, sagt Horaz, so weine zuerst. Und letztes kann der Schulmann; einem Albrecht Dürer, der gern Kreuzigungen malte, hätte niemand besser sitzen können als der Schulstand, nämlich der deutsche; und wenn auf das vierjährige Lehramt Christi die Kreuzigung erfolgte, so begleiten sogleich beide einander bei uns. England, das einem Subrektor eine jährliche Einnahme von sechstausend Talern gibt, wird wahrscheinlich diesen Zweck, durch Kreuzträger zu kreuzigen, – so sehr es auch in allen seinen Schulen die Rute zum erziehenden Hoheitpfahle und Perpendikel erheben will – viel weniger erreichen als solche Länder, wo, wie z. B. im Preußischen, das ganze Maximum der Schulmeisterstellen nur zweihundertundfunfzig Taler beträgt, wobei wir (da doch die Summe noch immer beträchtlich ausfällt) billig mit anschlagen müssen, daß hundertundvierundachtzig Stellen aufzuweisen sind, welche gar nur zehn bis fünf Taler hergeben.Allg. Lit. Zeitung Nr. 267. 1805. Fünf Taler? – Freilich könnt' es weniger sein; aber im Baireuthischen fällts auch schmäler aus, indem da ein Dorfschulmeister von jedem Kinde für sämtliche Monate November, Dezember, Januar, Februar, März und April nur vierundzwanzig leichte Kreuzer, folglich eine Monatgage von vier Kreuzern erhält. Nur setzt unerwartet der Schulmann in den Sommerferien wieder Fett an, weil er mit dem Viehe (nur im Winter ist er Seelen-Hirt) sich selber weidet; – und die bösen Folgen davon brechen auch schnell an ihm aus, indem er das Vieh schon weniger mit dem Stecken von unrechten Wegen abtreibt als die Jugend. Gleichwohl das Vierkreuzer-Gehalt und Schmerzengeld! Sollte hier nicht, wenn Isokrates bei der ersten Annahme des Kollegiumgeldes von dreitausend Pfund von seinen hundert Zuhörern darüber weinte aus Scham, Weinen und Schämen noch leichter statthaben? – Genug, nur auf diese Weise und auf keine andre arbeitet der kürzere Stock auf der dienstfähigen Kanton-Jugend dem längern vor. Glücklich greift dem Staate, welcher Schulen zu Erwerbschulen der Schüler mehr als der Lehrer errichtet, der Umstand unter die Arme, daß überhaupt bloß die Gottesgelehrten als Schullehrer und nur Kandidaten als Hauslehrer der vornehmsten Zöglinge (wie dem Dalai Lama nur Priester) aufwarten, indem gerade Theologen aktive Theopaschisten sind und leichter jede andere Bibel als biblia in nummis in die Hand bekommen, weil es bisher immer protestantischer Grundsatz geblieben, um von den katholischen Geistlichen nicht ganz abzuspringen, die lutherischen unter den drei Gelübden wenigstens bei dem der Armut festzuhalten. Kurz, sie haben wenig; desto mehr ist ihnen zu nehmen, wenn man ihnen Schulstellen gibt.

Geht man zu höhern Schulstellen hinauf, so sind da, wo die schon zur Gymnasium-Würde geschlagenen Knappen weniger Mortifikationen (Abtötungen) bedürfen, diese freilich auch bei Lehrern weniger nötig; daher ein Rektor stets einige Groschen mehr erhebt als sein Quintus. Und dazu kommt noch der zweite Grund, daß letzter mehr Arbeit auf sich und folglich mehr Anspornung oder Gelenksaft und Räderöl zu seiner schweren Bewegung nötig hat, nämlich mehr unverbrauchten anspornenden Magensaft. Denn nach einem alten Staatengesetz wächst Taglast und Mühe des Postens im umgekehrten Verhältnis mit dessen Sold: und wo in einem jede fehlt, so wird nach dem Gebrauche der Handwerker verfahren, wornach ein einwandernder Geselle überall, wo er keine Arbeit bekommt, ein Geschenk erhält.

Indes sind auch in den obersten Schulposten Verfügungen getroffen, daß, so wie im fruchtbaren Hindostan jährlich drei Ernten und eine Hungernot ist, die vier Quatemberernten immer einige Hunger-Nöten nicht ausschließen. Was Trinken anlangt, so weiß man aus Langens geistlichem Recht, daß Carpzov als ein Privilegium aller Schuldiener Befreiung von Tranksteuer aufgestellt. Hierbei hat der Staat wohl nicht so sehr (als es scheint) auf Wunsch und Durst des Standes Rücksicht genommen, als nur sich dem alten Herkommen gefügt, das noch wichtigere Privilegien der Schulleute festsetzt, z. B. Tokaier-Steuerfreiheit, Fasanenfleisch-Akzisefreiheit oder die Erlaubnis, daß alle ihre Juwelen und Perlen die Rechte des Studentengutes genießen.

§ 157

Genug darüber! Ich sprach oben von einer feindseligen Zukunft für unsere Kinder; jeder Vater setzt diese Ansicht fort, die ihm wieder der seinige vererbte. Welcher wäre auch so glücklich, beim letzten Schlusse seiner Augen auf zwei schöne Welten zugleich zu rechnen, auf seine verdeckte und auf eine seinen Kindern zurückgelassene? Immer wird uns das Ganze der Menschheit als ein salziges Meer erscheinen, das süße Flüsse und Regenwolken der Einzelwesen nicht versüßen; aber doch versiegt auf der Erde das reine Wasser so wenig als das Salz-Meer; denn aus diesem sogar steigt jenes wieder auf. Je höher du dich also, Vater, mit Recht oder Unrecht, über deine Zeit erhoben glaubst, folglich über die Tochter derselben, der du wider Willen alle deine Kinder anheimgeben mußt: desto mehr Dankopfer für die Vorzeit, welche dich edler gebildet, hast du abzutragen; und wie kannst du sie deinen Eltern anders darbringen als auf den Händen deiner Kinder? –

Was sind denn eigentlich Kinder? Nur die Angewöhnung an sie und ihre uns oft bedrängenden Bedürfnisse verhüllen den Reiz dieser Seelengestalten, welche man nicht weiß schön genug zu benennen, Blüten, Tautropfen, Sternchen, Schmetterlinge. – Aber wenn ihr sie küßt und liebt, gebt und fühlt ihr alle Namen. – Ein erstes Kind auf der Erde würde uns als ein wunderbarer ausländischer Engel erscheinen, der, ungewohnt unserer fremden Sprache, Miene und Luft, uns sprachlos und scharf, aber himmlischrein anblickte, wie ein Raffaelisches Jesuskind –, und daher können wir jedes neue Kind auf ewig an Kindes Statt erwählen, nicht aber jeden fremden Freund an Freundes Statt. So werden täglich aus der stummen unbekannten Welt diese reinen Wesen auf die wilde Erde geschickt, und sie landen bald auf Sklavenküsten, Schlachtfeldern, in Gefängnissen zur Hinrichtung, bald in Blütentälern und auf reinen Alpenhöhen an, bald im giftigsten, bald im heiligsten Jahrhundert; und suchen nach dem Verlust des einzigen Vaters den adoptierenden hier unten.

Ich dachte mir einmal eine Dichtung vom Jüngsten Tage und den zwei letzten Kindern; – das Ende davon mag hier stehen und wieder beschließen.

»– Und so geht denn hinunter zur Erde«, sagte der Geist zu zwei kleinen nackten Seelen, »und werdet geboren als Schwester und Bruder!« – »Es wird aber sehr schön drunten seine« sagten beide und flogen Hand in Hand zur Erde, welche schon im Brand des Jüngsten Tages stand, und aus der die Toten traten. »Schau doch,« sagte der Bruder, »dies sind sehr lange, große Kinder, und die Blumen sind gegen sie ganz kurz; sie werden uns viel herumtragen und das Meiste erzählen; es sind wohl sehr große Engel, Schwester!« – »Schau doch,« antwortete sie, »wie der große Engel ganz und gar Kleider an hat, und jeder – Und wie überall das Morgenrot auf dem Erdboden läuft.« – »Schau doch,« sagte er, »es ist die Sonne auf den Erd-Boden gefallen und brennt so umher – Und dort macht ein entsetzlich breiter Tautropfe feurige Wellen, und wie darin die langen Engel sich herumtauchen.« – »Sie strecken die Hände herauf,« sagte sie, »sie wollen uns eine Kußhand geben.« – »Und schau doch,« sagte er, »wie der Donner singt und die Sterne unter die großen Kinder hüpfen.« – »Wo sind denn aber«, sagte sie, »die großen Kinder, die unsere zwei Eltern werden sollen?« – »Schaust du nicht,« sagte er, »wie diese Engel unter der Erde schlafen und dann herauskommen? – Fliege nur schnell!« – »Nun so seht uns freundlich an, ihr zwei Eltern,« sagten beide näher an der flammenden Erde, »und tut uns nicht wehe und spielet mit uns, aber lange, und erzählt uns viel und gebt uns einen Kuß!«

Sie wurden geboren, als eben die Welt voll Sünden unterging, und blieben allein; sie griffen mit spielenden Händen nach den Flammen, und endlich wurden sie auch davon, wie Adam und Eva, ausgetrieben, und mit dem kindlichen Paradiese beschloß die Welt.

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