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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 62
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Sechstes Kapitel

Über die Ausbildung der Erinnerung, nicht des Gedächtnisses

§ 141

Der Unterschied der Erinnerung vom Gedächtnis wird mehr von den Sittenlehrern als von den Erziehlehrern erwogen. Das Gedächtnis, ein nur aufnehmendes, nicht schaffendes Vermögen, unter allen geistigen Erscheinungen am meisten körperlichen Bedingungen untertan, da alle Entkräftungen (unmittelbare und mittelbare, Verblutung und Trunkenheit) es vertilgen, und Träume es unterbrechen, ist, als unwillkürlich und auch TierenIn der Mause (eine Tier-Asthenie) vergißt der Dompfaffe seinen Gesang, der Falke seine Kunst, wie vorher durch die schwächende Schlaflosigkeit seine Natur. gemein, nur vom Arzte zu erhöhen; eine bittere Magenarznei stärkt es besser als ein auswendig gelerntes Wörterbuch. Denn gewänne es Kraft durch Aufnehmen: so müßte es ja mit den Jahren, d. h. mit dem Reichtume aufgespeicherter Namen wachsen; da es doch die stärksten Lasten gerade im leeren ungeübten Alter am besten und so sicher trägt, daß es solche, als Wintergrün der Kindheit, noch unter die grauen Haare hinüberbringt.

§ 142

Hingegen die Erinnerung, die schaffende Kraft, aus gegebnen Gedächtnis-Ideen eine folgende so frei zu wecken und zu erfinden oder zu finden als Witz und Phantasie die ihrigen, – diese dem Tiere versagte Willkür, und mehr dem Geiste gehorchend und daher mit dessen Ausbildung wachsend, – diese gehört ins Reich des Erziehers. Daher kann wohl das Gedächtnis eisern sein, aber die Erinnerung nur quecksilbern; und nur in jenes gräbt die Wiege als Ätz-Wiege ein. – Die Einteilung in Wort- und Sachgedächtnis ist daher falsch ausgedrückt; wer einen Bogen hottentottischer Wörter behält, dem bleibt gewiß noch leichter z. B. ein Band von Kant im Kopf; denn entweder versteht er ihn: so erweckt jede Idee leichter verwandte als ein Wort ein ganz unähnliches; oder er versteht ihn nicht: so behält er eben bloß ein philosophisches Vokabularium und behilft sich mit ihm so gut in jeder Disputation und zu jeder Kombination, als bedeutende Schüler der Kritik bisher bewiesen. Hingegen Sachgedächtnis setzt das Namengedächtnis nicht voraus; aber nur darum, weil man statt Sachgedächtnis Erinnerung sagen müßte.

Erinnerung schaffet, wie jede geistige Kraft nur nach und aus Zusammenhang, den aber nicht Laute, sondern Sachen, d. h. Gedanken bilden. Leset einem Knaben einen historischen Folioband vor und vergleicht den dicken Auszug, den er davon liefern kann, gegen die dünnen Überbleibseln aus einem vorgelesenen Bogen mexikanischer Wörter von Humboldt! Platner bemerkt in seiner Anthropologie: Dinge nebeneinander werden schwerer behalten als Dinge nacheinander; mich dünkt aber darum, weshalb ein Tier gerade die umgekehrte Erfahrung machen würde; das Gedächtnis ist für das Neben, die Erinnerung für das Nach, weil dieses, nicht jenes durch ursächlichen oder andern Zusammenhang zur Tätigkeit des Schaffens reizt. Pythagoras ließ seine Schüler jeden Abend ihre Tagsgeschichte zurückdenken, nicht bloß zur Selbst-Beichte, sondern auch zur Erinnerung-Stärkung. Kalov wußte die Bibel auswendig – Barthius im neunten Jahre den Terenz – ein Scaliger in einundzwanzig Tagen den Homer – Sallust den Demosthenes – u. s. w., aber es sind Bücher voll zusammenhängender Wörter, keine Wörterbücher; die Allg. Deutsche Bibliothek ist mit allen ihren Bänden leichter zu behalten – denn der Zusammenhang beseelt die Erinnerung – als ihr kleineres Register. Wenn d'Alembert das leichtere Behalten eines Gedichts als Beweis von dessen Vorzüglichkeit aufstellt – wiewohl der Satz durch die versus memoriales, die Denkreime und die in Versen-»Gesetzen« gegebenen Verordnungen der alten Gesetzgeber an Neuheit verliert, und an Wahrheit gewinnt –, so ist das Erinnern auf die schärfere Aufeinanderfolge gebauet, die gerade dem bessern Gedichte zuerst zukommt. Daher der Abbé Delille mit Recht seine Gedichte für besser hält als z. B. seine übersetzten Urbilder, da er nicht nur jene sogar noch früher behält als aufschreibt und daher dem Buchhändler eine Handschrift voll Reim-Enden verkauft, an welche er später den Vers-Rest gar stößt, sondern da er aus dem Milton und Virgil, sooft er beide auch gelesen, vieles nicht behalten konnte. –

Um die Verbindkraft der Erinnerung zu üben, so lasset folglich euern Knaben schon von frühesten Jahren an Geschichten, z. B. die seines Tages, oder eine fremde oder ein Märchen wiederholen; daher früher der Verflechtungen wegen die weitläuftigste erzählte Geschichte die beste ist. Ferner: wenn er recht schnell in einer fremden Sprache und zugleich im Erinnern wachsen soll, so lern' er nicht Wörter, sondern ein ausländisches Kapitel, das er einigemal durchgegangen, auswendig; die Erinnerung steht dem Gedächtnis bei; Worte werden durch Wortfügung gemerkt, und das beste Wörterbuch ist ein Liebling-Buch.

Einer einzigen Sache erinnert man sich schwerer als vieler verknüpfter auf einmal. – Lessings Beispiel, der immer eine Zeitlang sich ausschließend einem und demselben Wissenszweige ergab, bewährt Lockes Bemerkung, daß der Kunstgriff der Gelehrsamkeit sei, nur einerlei auf einmal lange zu treiben. Der Grund liegt im systematischen Geist der Erinnerung, da in ihrem Boden natürlich dieselbe Wissenschaft sich mit ihren Wurzeln fester verflicht. Daher entkräftet nichts so sehr die Erinnerung als die Sprünge von einem gelehrten Zweige zum andern; so wie Männer durch Verwaltung mehrer fremdartiger Ämter vergeßlich werden. Eine und dieselbe Wissenschaft einen Monat lange mit dem Kinde unausgesetzt getrieben: – welcher wahrscheinliche Wachstum von zwölf Wissenschaften in einem Jahre! Der Ekel am Einerlei würde sich bald in den Genuß des Fortschrittes verlieren; und die immer gründlicher und weiter auseinandergehende Wissenschaft würde auf ihrem eignen Felde die Blumen des Wechsels anbieten. Wenigstens sollten die Anfanggründe (beinahe ein Pleonasmus) in jeder Wissenschaft unvermischtSogar für das mechanische Schreiben wäre eine monatliche Übung im langsamen zu wünschen, von keinem schnellen unterbrochen, damit der fester eingeübte Handzug den spätern Verzerrungen der Eile widerstände. mit den Anfängen einer andern eine Zeit lange gelehrt und festgelegt – erst dann eine neue begründet und jene zum Wechsel nur wiederholt und so fortgefahren werden, bis man endlich durch Fortbauen von Gerüsten sich zu Gebäuden höbe, welche als Menge erst zu einer Gasse zusammenstoßen dürfen; denn nicht dem frühern Alter, das nur Einzelnes faßt, sondern dem spätern, das vergleichen kann, gebührt und taugt die gleichzeitige Mehrheit der Wissenschaften.

Die Erinnerung durch Ort-Zusammenhang – die man falsch memoria localis nennt –, dieser Spielraum der sogenannten Gedächtnis-Künste, erweiset – wie die in Wäldern gefundnen Kinder und die Wilden, welche durch den Sprung-Tausch unverknüpfter Zustände die Erinnerung einbüßen – die Notwendigkeit der Verknüpfung; Reisen schwächt eben daher örtliche Erinnerung. Ein Kerker, sagte ein Franzose, ist eine memoria localis; und mehre, z. B. Bassompierre, schrieben darin ihre Mémoires bloß an die – Gehirn-Wände an.

§ 143

Doch gibt es auch für das Gedächtnis einen geistigen Talisman, nämlich den Reiz des Gegenstandes; die Frau behält ebenso schwer Büchertitel als ihr gelehrter Mann die Namen der Modezeuge; ein alter, schon vergeßlicher Sprachforscher lässet doch ein ungehörtes Wort, das die Zulage zu seinem Sprachschatze ist, nicht fahren. Daher hat kein Mensch für alles ein Gedächtnis, weil keiner für alles ein Interesse hat. Aber auch dem Gedächtnis stärkenden Einflusse des Reizes – bedenkts bei Kindern – setzt der Körper Grenzen; z. B. einen hebräischen Wechselbrief auf eine Million, unter der Bedingung des Auswendig-Behaltens zu ziehen, geschenkt, wird jeder zu behalten streben, aber wenn er kein Jude ist, werden ihm doch die Kopf- und Handgedenkzettel dazu fehlen.

Wenn Erwachsene durch Schwabacher und Fraktur für ihr Merken sorgen: so, dächt' ich, dürfen die Kleinen auch dergleichen fodern. Die Erzieher aber muten ihnen unausgesetztes Merken zu und werfen, wenn sie ganze Bücher (oder Lehrstunden) mit Schwabacher und Fraktur gedruckt, die Frage auf: »Ists möglich, und kann man eine Sache mit anderem oder großem Druck übersehen?« Erlaubt, etwas zu vergessen, wenn ihr befehlt, vieles zu behalten.

Ähnlichkeiten – die Ruder der Erinnerung – sind die Klippen des Gedächtnisses. Unter verwandten Gegenständen kann nur einer den Reiz der Neuheit und Erstgeburt behaupten. So wird z. B. die Rechtschreibung ähnlicher Wörter: ahnen, ahnden; malen, mahlen; das und daß; Katheder und Katheter (wiewohl letzte beide zuweilen beisammen sind) schwerer behalten als die der unähnlichen. So wird es wenige Menschen von Jahren geben, welche zu Hause bleiben und doch fähig sind, nur 14 Tage ihres sich wiederkäuenden Alltag-Lebens zu behalten und zu erzählen; durch die Wiederkehr des täglichen Echo wird die Lebengeschichte so verkürzt, als sich das Leben verlängert; das vierte oder fünfte Jahrzehend schrumpft zu einer Note unter dem Geschicht-Kapitel des vierten oder fünften Jahres ein; eine Ewigkeit könnte zuletzt kürzer werden als ein Augenblick.

Desto unbegreiflicher ist es, wie man Kinder die Buchstaben leichter lesen und schreiben zu lehren glaubt, wenn man diese ihnen auf der Ahnentafel der Verwandtschaft nach dem Satze des Nichtzuunterscheidenden (der eigentlich principium discernibilium heißen sollte) so vorführt, z. B. im Deutschen: i, r, y, ö, e etc., oder lateinisch: i, y, x, c, e – oder schreibend: i, r, x etc. – Umgekehrt stelle man i neben g, v neben z, o neben r; die Kontraste heben einander wie Licht und Schlagschatten heraus; bis Widerscheine und Halbschatten wieder einander von neuem abteilen. Die festgewurzelten Unähnlichkeiten halten endlich auch das Ähnliche fest, das sich um sie legt. Daher wird die Lehrweise einiger alter Schullehrer, die Wörter nach dem Alphabete auswendig lernen zu lassen, durch die Schwierigkeit, die Ähnlich-Laute zu trennen, verwerflich; so wie bekanntlich umgekehrt die in einigen alten griechischen und hebräischen Wörterbüchern aus einem Urworte ableitenden Sippschafttafeln dem Behalten helfen, weil das Wurzelwort sich nicht verändert, sondern nur verzweigt. – Gehörte der Unterricht und also die Gedächtniskünste in die Levana: so könnte man zu diesen folgende spielende mit vorschlagen: z. B. tägliche Ziehungen aus einer Vokabeln-Lotterie; und jeder würde nicht nur sein gezogenes Wort, wohl auch die fremde Ziehung merken. – Man könnte täglich jedem Schüler ein fremdes Wort als Parole ausgeben, als Morgengruß an den Lehrer – Man könnte aus einer Taschendruckerei oder auch mit bloßen gemalten Buchstaben den Schüler einen kurzen Satz lateinisch und verdeutschet setzen lassen – Man könnte dasselbe Wort einmal in kleinster Perlenschrift, dann wieder in Fraktur-Buchstaben schreiben heißen – Man könnte, besonders bei Jahrzahlen, für welche überhaupt alle diese Künste noch nötiger wären als für Vokabeln, eine Sache bloß mit Mitlautern ohne Selblauter aufgeschrieben mitgeben, weil das Erinnern der vorgesetzten Selblauter die ganze Zeile einprägte – Man könnte schlechte Landkarten in Städte und Flüsse zerschneiden, die Schnitte nach Hause mitgeben und dann nach Art der Spielbaukästen wieder ihr Aneinanderreihen verlangen. Und so weiter; denn es wäre schlimm, wenn einem Lehrer nicht dergleichen Künste zu Hunderten einfielen – Ich indes würde, statt aller von mir vorgeschlagenen Jägerkünste und Vorspannschaften der Aufmerksamkeit, keine einzige wählen, sondern sogleich einen derben Stoß und Fleiß. Wahrlich eine Rute wäre besser, um das kriechende Kind zum Schreiten aufzutreiben, als unter den Armen zwei Krücken, welche es anfangs tragen sollen, und die es später selber trägt. Jaja und Neinnein, oder Wärmen und Feuern sei euere Doppel-Parole an Kinder.

§ 144

Artemidor, der Grammatiker, vergaß alles, da er erschrak. Furcht oder gar Schreck macht körperlich als Asthenie, geistig als Vor-Reiz das Gedächtnis lahm, und das Eis der kalten Furcht sperrt sich gegen alles Lebendige, das einlaufen will. Werden doch dem Verbrecher die Banden abgenommen zum Verhören und Sprechen! Gleichwohl legen so viele Erzieher neue an zum Hören und drohen, eh' sie lehren, und setzen voraus, die bestürmte Seele bemerke und behalte etwas Besseres als die Wunden der Angst und des – Stocks! Ist freies Umherwenden des geistigen Blickes bei verworrner Knechtschaft des Herzens erwerblich? Wird oben auf der Richtstätte der arme Sünder den Umkreis der Landschaft erfassen und darüber das versteckte Schwert vergessen?

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