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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 60
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Viertes Kapitel

Bildung und Witz

§ 136

»Eh der Körper des Menschen entwickelt ist, schadet ihm jede künstliche Entwickelung der Seele – philosophische Anstrengung des Verstandes, dichterische der Phantasie zerrütten die junge Kraft selber und andere dazu. Bloß die Entwickelung des Witzes, an die man bei Kindern so selten denkt, ist die unschädlichste – weil er nur in leichten, flüchtigen Anstrengungen arbeitet; – die nützlichste – weil er das neue Ideen-Räderwerk immer schneller zu gehen zwingt – weil er durch Erfinden Liebe und Herrschaft über die Ideen gibt – weil fremder und eigner uns in diesen frühen Jahren am meisten mit seinem Glanze entzückt. Warum haben wir so wenige Erfinder, und dafür so viele Gelehrte, in deren Kopfe lauter unbewegliche Güter liegen, worin die Begriffe jeder Wissenschaft klubweise auseinandergesperrt in Kartausen wohnen, so daß, wenn der Mann über eine Wissenschaft schreibt, er sich auf nichts besinnt, was er in der andern weiß? – Warum? Darum bloß, weil man die Kinder mehr Ideen als die Handhabung der Ideen lehrt, und weil ihre Gedanken in der Schule so unbeweglich fixiert sein sollen als ihr Steiß.

Man sollte Schlözers Hand in der Geschichte auch in andern Wissenschaften nachahmen. Ich gewöhnte meinem Gustav an, die Ähnlichkeiten aus entlegnen Wissenschaften anzuhören, zu verstehen und dadurch – selber zu erfinden. Z. B. alles Große oder Wichtige bewegt sich langsam – also gehen gar nicht: die orientalischen Fürsten – der Dalai Lama – die Sonne – der Seekrabben; weise Griechen gingen (nach Winckelmann) langsam, ferner geht langsam das Stundenrad, der Ozean, die Wolken bei schönem Wetter. – Oder: im Winter gehen Menschen, die Erde und Pendule schneller. – Oder: verhehlt wurde der Name Jehovas, der orientalischen Fürsten, Roms Schutzgottes, die sibyllinischen Bücher, die erste altchristliche Bibel, die katholische, der Vedam etc. Es ist unbeschreiblich, welche Gelenkigkeit aller Ideen dadurch in die Kinderköpfe kömmt. Freilich müssen die Kenntnisse schon vorher da sein, die man mischen will. Aber genug! der Pedant versteht und billigt mich nicht; und der bessere Lehrer sagt eben: genug!« –

Diese Stelle steht hinter einigen einleitenden Beweisen in der unsichtbaren Loge, I. S. 200 etc.

§ 137

Nach der strengen Notfrist und Lehrstunde der Mathematik folgt am besten die Freilassung durch den Sanskulottentag und die Spielstunde des Witzes; und wenn jene, wie der Neptunist, nur kalt und langsam bildet, so dieser, wie der Vulkanist, schnell und feurig. Indes durchschweift auch der Witz-Blick lange, obwohl dunklere Reihen der Vorbildungkraft, um zu schaffen. – Die Erstgeburten des Bildungtriebes sind witzige. Auch ist der Übergang von der Meßkunst zu den elektrischen Kunststücken des Witzes – wie Lichtenberg, Kästner, d'Alembert und überhaupt die Franzosen beweisen – mehr ein Nebenschritt als ein Übersprung. Die Sparter, Kato, Seneka, Tacitus, Bako, Young, Lessing, Lichtenberg sind Beispiele, wie die kraftschwere, volle, beleuchtende Gewitterwolke des Wissens ins Wetterleuchten des Witzes ausbricht. Jede Erfindung ist anfangs ein Einfall – aus diesem hüpfenden Punkte (pointe) entwickelt sich eine schreitende Leben-Gestalt. Der Bildungtrieb paart und verdreifältigt; eine witzige Idee hilft wie die neugeborne Diana der Mutter zur Entbindung ihres Zwilling-Bruders Apollos.

§ 138

Daß der Witz in der Kinder- und Schulstube anfangs, wie in Vorzimmern und Nähsälen, den Vortritt vor Reflexion und Phantasie erhalte, ist leichter einzusehen als die Mittel, wie es zu machen. Die größere Lehrer-Zahl wirft ein, er fehle ihr selber, und es sei schwer, einem französischen Sprachmeister nachzuahmen, der dem Deutschen aus dem Deutschen heraushelfe, und selber keines verstehe. Niemeyer schlägt dazu Scharaden und Anagrammen vor – die aber nur zur Reflexion über die Sprache dienen – und Rätsel – die, obwohl besser, doch mehr sinnliche Definitionen sind – und Gesellschaftspiele, von welchen, außer dem Ähnlichkeitspiel, die meisten mehr den besonnenen Geschäftgeist als den Witz entfalten. Gibt es denn aber keine Sinngedichte, keine Witzgeschichtchen und keine Wortspiele zum Vortragen? – Und ist es nicht ein leichtes, Kinder anfangs im Physischen moralische Ähnlichkeiten aufsuchen zu lassen, bis ihnen die Schwingen so gewachsen sind, daß sie vom Geistigen zur körperlichen Ähnlichkeit gelangen? (S.  Vorschule der Ästhetik II. S. 296ff.)

Der Verfasser dieses stand einmal einer Winkelschule von zehn Kindern seiner Freunde drei Jahre lang vor; unter seiner Schuljugend, verschiedenen Alters und Geschlechts, hatte der beste Kopf nichts mitgebracht als den Cornelius Nepos. Es wurde nun, nebst der lateinischen Sprache, angefangen die deutsche, französische, englische, samt allen sogenannten Realwissenschaften. Doch die Jahrbücher dieser exzentrischen Barockschule, in deren Ferien-Stunden die unsichtbare Loge und der Hesperus entstanden, gehören mit der Beichte aller Fehlgriffe in des Verfassers erscheinende Jahrbücher seines Lebens; hierher gehört aber bloß folgendes: nach einem halben Jahre täglichen fünfstündigen Unterrichts, in dessen Wiederholungen, wie es der Zufall gab, witzige Ähnlichkeiten gesucht wurden, und während desselben die Kinder die spartische Erlaubnis hatten, aufeinander Einfälle zu haben – wodurch sie auch außer der Schule der deutschen Unart, empfindlich zu werden, entwöhnt blieben –, machte der Verfasser, um aufzumuntern und aufzubewahren, ein Schreibbuch, betitelt: »Bonmots-Anthologie meiner Eleven«, in welches er vor ihren Augen jeden, nicht lokalen, Einfall eintrug. Einige Beispiele mögen bezeugen: ein Knabe G. von zwölf Jahren, der beste Kopf, mit mathematischen und satirischen Anlagen, sagte folgendes: Der Mensch wird von vier Dingen nachgemacht, vom Echo, Schatten, Affen und Spiegel – Die Luftröhre, die intoleranten Spanier und die Ameisen dulden nichts Fremdes, sondern stoßen es aus – Des Walfisches Luftsack, woraus er unter dem Wasser atmet, ist der Wassermagen des Kamels, woraus es im Wassermangel trinkt – Das Kriechen der Griechen ins trojanische Pferd war eine lebendige Seelenwanderung – Cäsar war das, was bei uns ein römischer König ist, August war der erste römische Kaiser – Die Dummen sollte man nicht Esel nennen, sondern Maultiere, weil nur ihr Verstand nicht menschlich ist – Wenn die Rechnungen länger werden, sollte man Logarithmen von Logarithmen machen – Die Alten brauchten einen Gott, um nur alle ihre Götter zu merken – Die Weiber sind Männerlehn – Merkurius ist Gift; und der mythologische Merkur brachte die Seelen auch in den Himmel und die Hölle u. s. w. – Dessen schwächerer Bruder S. von zehn und einem halben Jahre sagte: Gott ist das einzige perpetuum mobile – Die Ungarn heben zugleich ihren Wein und ihre Bienenstöcke in der Erde auf – Die Freimäuerei ist überall wie der oberrheinische Kreis in alle Kreise verstreuet; und er selber sei mit seinen Einfällen ebenso in das Einfall-Buch verstreuet – Konstantinopel sieht von weitem schön aus und in der Nähe häßlich und ist auf sieben Hügeln; so ist der Venusstern von weitem glänzend und in der Nähe höckerig und voll spitziger Berge u. s. w. - Dessen Schwester W. von sieben Jahren sagte: Jede Nacht trifft uns ein Schlagfluß, am Morgen sind wir heil – Der Fensterschweiß ist im Grunde Menschenschweiß – Die Welt ist der Leib Gottes – Wenn der Puls schnell geht, so ist man krank, wenn er langsam geht, ist man gesund; so bedeuten die Wolken, wenn sie schnell gehen, schlechtes Wetter, und wenn sie langsam gehen, gutes Wetter – Die Sparter trugen im Kriege rote Röcke, damit man das Blut nicht sehe, und gewisse Italiener tragen schwarze, damit man die Flöhe nicht sehe – Meine Schule sei eine Quäkerkirche, wo jeder reden darf – Die Dümmsten putzen sich am meisten; so sind die dümmsten Tiere, die Insekten, am buntesten etc. – Zuweilen gab es mehre Väter und Mütter desselben Einfalls zugleich; ein Funke lockte zu schnell den andern – und man drang mit Recht auf Gütergemeinschaft der Ehre, in der Bonmots-Anthologie zu stehen.

Sklaverei trübt und verscharrt alle Salzquellen des Witzes; daher Erzieher, die wie schwache Fürsten sich nur durch Zensur und Preßzwang auf ihrem Thron- und Lehrsitze erhalten, vielleicht besser Spaziergänge erwählen, um die Kleinen freizulassen und witzig zu machen. Der Verfasser der Bonmots-Anthologie erlaubte der Schule sogar Einfälle auf (nicht gern) ihn selber.

Von diesen Waffenübungen des Witzes will ein MannEs ist der göttingische gelehrte Anzeiger der Levana., so wenig er selber über sie zu klagen hat, Gefahr für den Wahrheit-Sinn befahren; aber dann hat er für noch etwas Besseres, für Empfindungen – die Stellvertreterin der Wahrheiten in unserer dunkeln und verdunkelnden Welt –, Verfälschung von allen Redekünsten zu befürchten, welche deren Ausdruck und Erweckung lehren und zergliedern. – Und aus welchem Grunde schiebt man denn den witzigen Gleichungen geradezu Ungleichsein mit der Wahrheit unter, als ob sie diese nicht auch, obwohl nur auf andere Weise, darstellten? Dabei werden ja hier keinen anderen Kindern olympische Witz-Spiele angeraten als – deutschen, welchen schon die nordische Natur ein so gutes Gegengewicht gegen Überreiz mitgegeben, daß sogar eine deutsche Universität gut dem gewaltigen und schweren Witze zweier Männer wie Kästner und Lichtenberg das Gleichgewicht zu halten vermag und ihnen in gelehrten Anzeigen die gelehrte Spitze bietet.

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