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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 56
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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§ 129

Von Erziehlehren wird zum Kapitel der sittlichen Bildung gewöhnlich ein Absatz über die Verhütung der Wollustsünden gefodert. Warum findet man bei den Alten und im Mittelalter diese Klagen und Heilmittel nicht? Die damaligen Erwachsenen waren doch von den jetzigen nur darin verschieden, daß diese unter dem Tragen ihres Rüge-Strohkranzes früher kahl werden als grau, jene aber umgekehrt – – die heidnische und katholische Priesterschaft war eine Unkeuschheitkommission; – und bei den Römern mußten die reinen Vestalinnen dem Priap so gut Opfer bringen als der Vesta, gleichsam Vorgängerinnen der sich selber opfernden Nonnen vor der Reformation. War demnach etwa die damalige Vorjugend viel besser? – Schwerlich viel. Vogel führt unter den Anreizen zu heimlichen Sünden Fleischspeisen, harte Speisen, Gewürze, warme Stuben, Betten und Kleider und Kinder-Windeln an; – aber nahm diese Reizmittel denn nicht das Mittelalter in noch größern Gaben, z. B. die Gewürze, das vierfach stärkere Bier, die dickern Betten u. s. w.? – Sogar derbe Gesundheit und rohe Arbeit waffnen (wie, wenn nicht der Volklehrer, doch der Volkkenner weiß) nicht die Dorfkinder gegen diesen Jugendkrebs. Wenn man also jetzo mehr darüber klagt und lehrt als sonst: so kann die Ursache – außer dem, daß man jetzo über jede Handlung eine doppelte Buchhaltung und sie in eine Buchhandlung führt – nur darin liegen, daß sonst der gesündern Vorzeit, wie jetzo noch dem tüchtigen Volke oder dem unmäßigen Tier, manche Unmäßigkeit ungestraft hinging, weil die Festungwerke dieser Ungeschliffnen nicht so leicht zu schleifen waren. Allerdings ist hier die der Kultur anhängende Kränklichkeit und Phantasie ebensogut Ursache als Wirkung; wohin noch die Beschleunigung der Mannbarkeit durch größere Städte und gewärmtere Länder gehört.

Luther sagt: contemptus frangit diabolum, observatio inflatWörtlich: Verachtung schlägt den Teufel nieder, Beobachtung bläht ihn auf., d. h. das Böse bekämpfen zwingt, es zu beschauen; und der Krieg selber ist ein Stück Niederlage. Allzufrüh gelehrte Schamhaftigkeit fängt die gefährliche Aufmerksamkeit früher an, als die Natur täte; das vorzeitige Umhängen der Feigenblätter leitet den Fall herbei, welchen es in Eden nur verdeckte. Wenn ganze Völker, wie Wilde und Sparter bei aller Sinnen-Fülle, mit mehr Gewinn als Verlust wenig von pedantischer Anzug-Prüderie und körperlicher Verschämtheit wissen; warum nicht noch mehr das ungereizte unmannbare Kind? – Man könnte die Schamhaftigkeit der schamhaften Sinnpflanze (Mimosa pudica) vergleichen, deren Blätter Gift haben, und deren Wurzel nur das Gegengift trägt. Die spätere unbefohlne, zumal weibliche Schamhaftigkeit gleicht dem Feigenbaume selber, welcher mit seinen Feigenblättern nur erlaubte süße Blüten und Früchte vor dem Reifen, nicht verbotnes Gift zudeckt.

Manche raten sogar, das Kind soll sich schämen lernen, sich selber zu sehen; sich selber? – Himmel, mit welchen giftigen Nebenbegriffen müßte die junge Gestalt sich schon beschauen, damit sie vor sich selber – etwas anders ists vor andern – über das Unveränderliche und Unwillkürliche errötete, d. h. über den Schöpfer desselben! – Auch in spätern Jahren sind Knaben unter sich allein, oder Mädchen unter sich, fast unverschämt; nur die Geschlechter gegen einander sind verschämt, ja dasselbe Geschlecht gegen das erwachsene. Doch geht hieraus für die geistige Stufenzeit des zwölften oder funfzehnten Jahres voll Revolution und Evolution die Regel hervor: mischt die Geschlechter, um sie aufzuheben; denn zwei Knaben werden zwölf Mädchen, oder zwei Mädchen werden zwölf Knaben recht gut gegen alle Winke, Reden und Unschicklichkeiten gerade durch die verlaufende Morgenröte des erwachenden Triebes, durch die Schamröte, beschirmen und beschränken. – Hingegen eine Mädchenschule ganz allein beisammen, oder so eine Knabenschule – – ich stehe für nichts. Doch schaden Knaben Knaben mehr als Mädchen Mädchen; denn jene sind kecker, zutraulicher, roher, wissenschaftlicher, in Sachen wißlustiger, so wie diese in Personen etc.

Zur erzieherischen Verführ-Schamlehre gehören die spanischen Wände und Bettschirme aus Glas, die man vor das geistige Auge der Kinder stellt; nämlich das unverständige Zudecken einer Decke, d. h. die Schafkleider eines – Schafs. Wer verrät, er verwahre ein Geheimnis, hat schon dessen Hälfte ausgeliefert; und die zweite wird er nicht lange behalten. Die Fragen der Kinder über Schwangerschaft, über das Woher eines neuen Kindes tut bloß die unbescholtene Wiß- und Fragsucht, aber kein Instinkt oder Trieb; denn dieser gibt Antworten, aber keine Fragen. Im Kinde ist die Frage über die Niederkunft der Mutter so weit vom Geschlechttriebe entlegen als etwa die, warum die Sonne, die doch in Westen niedergehet, am Morgen wieder in Osten stehe. Es gebe ihm aber nur die erzieherische Geheimniskrämerei eine gesuchte Größe in dieser Dreiheit-Regel. so wird der Instinkt, der ins Ferne wittert, in Verbindung mit einigen Erläuterungen des Zufalls vorgreifen und das Dunkle seinem Reiche einverleiben. In diese Krämerei gehört z. B. das Wort: »dies gehört für Erwachsene, oder wenn du größer bist« und das ganze ministerielle wichtige Fehlbetragen der Weiblichkeit im Hause einer Gebärerin. Geheime Artikel geben immer Krieg; und die heimliche Verlobung mit der Sünde ist von verheimlichenden Instruktionen dieser Art nicht fern.

Womit ist aber dem fragenden Kinde zu antworten? – Mit so viel Wahrheit, als es begehrt: »Wie das Käfer-Würmchen in der Nuß, so wächst das Mensch-Würmchen in der Mutter Leib von ihrem Blut und Fleisch; daher wird sie krank etc.« Da Kinder uns zehnmal weniger verstehen, als wir glauben, und, gleich den Erwachsenen, tausendmal weniger nach der letzten Ursache, sobald sie die vor-vorletzte wissen, umfragen, als einige bei beiden voraussetzen: so wird das Kind vielleicht erst nach Jahren wieder vortragen: woher aber das kleine Menschlein? Antwortet: »vom lieben Gott, wenn die Menschen einander geheiratet haben und nebeneinander schlafen.« Mehr wissen auch wir erwachsenen Philosophen von der ganzen Sache nicht; und ihr sagt mit vollem Rechte zum Kinde: der Mensch kann wohl eine Bildsäule machen, eine gestickte Blume u. s. w., aber nichts Lebendiges, das wächst. Und so wird auch durch das reine Wort SchlafZ. B. Heidegger, Bürgermeister in Zürich, hielt, da er von der Sünde gehört, bei einem Weibe zu schlafen, als Knabe neben seiner Amme liegend die ganze Nacht die Augen offen. Baurs Galerie historischer Gemälde. Band 2. den Kindern von der größten Unbegreiflichkeit nicht mehr verunreinigt oder ausgelegt, als uns die bisherigen Zeugung-Lehrgebäude gewiesen haben, an welche jedoch der scharf-, tief- und vielsinnige Oken»Die Zeugung von Dr. Oken, 1805«. Unter Sakristei mein' ich, daß er das Leben als Unbegreifliches annimmt und voraussetzt in seinen »Ur-Tieren der Infusorien«; wodurch er freilich weniger das Zeugen oder Leben als das Wachsen oder Fortleben erklärt. Auch mein' ich seine genial-kühne Annahme, daß im infusorischen Chaos (dem einzigen des Universums) mehre Leben eines werden, und diese Einheit von Mehrheiten wieder zu einer hellern Mehr-Einheit sich in höhern Lebens-Klassen verdichte. Übrigens les' ich alles über die Aufguß-Schöpfungen Geschriebene mit einem alten Schauder, so wie die Stufenfolge der aus dem großen Infusoriurn der ganzen Erde erwachsenen Belebungen; auch bin ich des vollen Glaubens, daß, da es zwischen Mechanismus und Belebung keine Brücke der Stufen gibt, das Rätsel des weiten Auf- und Belebens irgendwo anders wird aufgelöset werden als in der Scheidekunst. eine schöne Sakristei angestoßen. Wie leicht man Kinder abfertigt, abhält und befriedigt, – dafür hab' ich einen schon jahrhunderte-alten Beweispfeiler, der zugleich der alte feste Pranger der Religion-Unterweisung ist: nämlich seit dem 16ten, im 17ten, im 18ten Jahrhundert starben gewiß Millionen Christen und noch mehre Christinnen, welche von Kindheit auf und jeden Sonntag angehört, daß die Taufe das jüdische Sakrament der Beschneidung vertrieben habe, – und welche nie nachgedacht oder nur nachgefragt, was Beschneidung denn ist. So lernen und fragen Kinder. Der Verfasser dieses erhielt Belehrung über diesen christlichen Artikel erst nach 18 Jahren von jüdischen Werken. Ihr Religionlehrer, Schul-, Hof- und Kanzelmeister, denkt an die Beschneidung, damit ihr die paulinische der Lippen und der Herzen-Vorhaut an euch selber vollzieht.

Auf der andern Seite mögen diese Worte, so wie die: Gebären, Hochzeitnacht u. a., beweisen, wie gleichgültig und rein, ja heilig überall das Bezeichnete sei und erscheine, sobald nur das Zeichen es eben gleichfalls ist. – Fragt freilich ein älteres Kind: so fang' ich ruhig eine ordentliche Zergliederung-Vorlesung, z. B. vom Herzen, an (wie etwa eine Französin im andern Sinne täte) und gehe weiter; ich geb' ihm Ernst, Ruhe und Langweile, und dann eine Antwort.

Zur Beruhigung der Eltern diene noch eine Bemerkung: die Kinder in der unmannbaren und Flegelzeit haben, eben aus Unverdorbenheit und Unwissenheit, ja Unbekümmernis um alle Geschlecht-Rätsel, eine besondere Neigung – welche gerade bei eingetretner Belehrung und Umkehrung sich verbirgt –, gewisse Unartigkeiten zu begehen und auszusprechen, und zwar diese Neigung oft so befremdend, daß ich mich ganz reine gute Kinder, als der Vater ihnen garstige Worte (wiewohl ebensosehr auf Sprech-Roheit als Geschlecht sich beziehende) vorwarf und verbot, den Vater bitten hörte, diese Worte zu wiederholen, weil sie solche, sagten sie, gerne hörten. Freilich arbeitet hier schon aus dunkler Tiefe der Instinkt an seinem Maulwurf-Hügel; aber er wohnt noch tief in der Erde; und niemand befürchte. Am meisten hoffe in dieser Beziehung vom gesunden Kinde; das körperkranke wird zu leicht zum sittlichkranken.

Nur über einen Punkt müßte man bei aller möglichen Freimütigkeit der Erklärung behutsam und fast mit den ängstlichen Erziehungpredigern einverstanden sein: nämlich über die äußere Tat-Ähnlichkeit der Menschen mit Tieren. Zum Glücke ist sie nur eine Unähnlichkeit. Lasset denn nie den schamhaften Halbjüngling irgendeine Ähnlichkeit seiner Verehrten mit den Tieren des Feldes erträumen und ergrübeln. Die reine, kindliche, obwohl weissagende Natur erbebt vor dieser Ähnlichkeit. Ist sie ihm freilich erwiesen, und der heilige Schauer besiegt: so ist das Kind zu viele Jahre auf einmal alt geworden; – das Denken arbeitet hier dem Tun vor, wie sonst entgegen – außer der Wahrheit und der Wiederholung ihrer Ansicht mildert ihm noch der Trieb die brennende Farbe – und die Stürme seines Frühlings wehen und drängen.

In der Tat, gibt es irgendeine Zeit, worin ein zweiter Mensch erziehend einem ersten nötig ist: so ist es die, wo der Halb- und Drittel-Jüngling (oder das Mädchen) seine neue Amerikas-Welt des Geschlechts entdeckt, und wo auf dem welkenden Kinde ein blühender Mensch aufschießt. Zum Glücke gesellte die Natur selber dieser Zeit der geistigen Frühlingstürme ein Gegengewicht, die Stunden der schönsten Träume, der Ideale, der höchsten Begeisterung für alles Große zu. Nur noch ein Gegengewicht hat der erziehende Wächter dem Herzen zuzufügen, nämlich den Kopf; d. h. er spare auf dahin irgendeine neue Wissenschaft, irgendein Ziel ergreifender Tätigkeit, irgendeine neue Lebenbahn auf. Zwar wird dies den Vulkan nicht ersäufen, aber seine Lava wird in diesem Meere mir zum Vorgebirge erkalten, und das Übel kleiner ausfallen als die Angst. Denn ist nicht aus allen offnen und geahneten Abgründen dieser Zeit eine Mehrheit gegenwärtiger gesunder Stimmen aufgestiegen, welche nicht verstummen und nicht jammern? – Nur die kleinste Zahl ist freilich stumm – ohne Kehldeckel – ohne Lungenflügel – ohne Flügel jeder Art – ohne Geist – ohne Leib – unbegrabne Leichname umherflatternder Gespensterseelen.... Der Himmel schenke ihnen ihr Grab! –

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