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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 54
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Viertes Kapitel

Ergänzung-Anhang zur sittlichen Bildung

§ 122

Welches Dritte verknüpft Liebe und Würde, was macht, daß in der Liebe nicht das Ich weich zerrinnt, und daß in der Würde das fremde nicht verschwindet, und das eigne erstarrt? – Die Religion.

Da alles Teilende wieder ein Geteiltes wird: so kommt die Geschlechterabteilung in Naturen, die sich mehr der Würde, und in die, welche sich nahe der Liebe zuwiegen, in demselben Geschlechte wieder; und der weiblichen Erziehung ist sie sehr wichtig. Das eine Mädchen ist voll Schärfe des Blicks und der Tat – voll Wahrhaftigkeit und Unduldsamkeit – ihre persönliche und ihre allgemeine Würde immer vor Augen – nur eigne Härten, nicht fremde vergebend, und doch diese leichter als einen ihrer Ehre unwürdigen Anfall und Antrag – ihre Würde mehr erwägend als wägend – das Recht über die Liebe stellend u. s. w. – Das andere Mädchen ist voll Liebe, oft auf Kosten der Würde – mehr gefallsüchtig als stolz – weniger dem Anstande als der Neigung folgsam – dem Innern die Form opfernd – hilfreich – weniger wahrhaft als duldsam u. s. w. – Nur die vollendete Seelenform ist aus beiden zusammengeschmolzen. – Weibliche Härte ist leichter zu heilen als männliche Unwürde; weibliche Unwürde so schwer als männliche Härte. Ein rein ehrloser Knabe und ein rein liebloses Mädchen verdienen weiter nichts nach zehn Jahren als ihre wechselseitige – Heirat. Das weibliche Geschlecht bleibt indes dem Meere oder Wasser gleich, das zugleich größere und kleinere Tiere trägt als das feste Land.

Da eine Erziehlehre eine sittliche Ernährkunde (Diätetik) ist, aber keine Heilkunde: so gehören Rezepte gegen Zorn, Eigensinn u. s. w. nicht in die meinige, wiewohl sie schon im vorigen liegen. Überhaupt, welch ein Werk auf Royalbogen müßte geschrieben werden, um eine Krankheit- und Heilmittel-Lehre für die Millionen Krankheit-Nuancen aufzufassen, welche das Verbindungspiel der verschiedenen Charaktere, Jahre, Tätigkeiten und äußern Verhältnisse gebären kann!

Die sittliche Technik, wie Ordnung, Reinlichkeit, Höflichkeit, hat in größern Werken schon ihre Lehrer gefunden.

Es ist sehr gut, wenn zuweilen eine Erziehlehre geschrieben wird, welche man broschiert ausgibt, und die nur in drei Bändchen besteht – langes Sprechen erzeugt abgekürztes Hören, denn man geht davon; – eine Erziehbibliothek bewirkt leicht (falls man nicht Taschenbibliotheken erfindet), daß man lieber den ersten besten anhört, als ein Heer durchliest.

§ 123

Doch mögen noch einige Sätze oder Absätze hinlaufen, ohne der Dünnheit des Werks oder der leichten Leselust zu sehr zu schaden.

Moralstunden gebt ihr? Ich dächte, lieber Moraljahre, und ihr hörtet nie auf. Keine Lehre hilft als im lebendigen Falle, und jede ist nur eine aus einer Zufall-Fabel; das fortgehende Leben ist ein stehender Prediger, das Haus ein Hauskaplan, und statt der Morgen- und Abend-Andachten müssen Leben-Andachten eingreifen. Wissenschaften könnt ihr lehren, folglich nach Stunden; Genie nur wecken, folglich mit Anlässen. Kann ein skelettiertes Herz Blut treiben? – Das Herz ist das Genie der Tugend; die Moral dessen Geschmacklehre. – Wollt ihr etwas vergessen, so schreibts nur an die Innenseite der Stubentür; wollt ihr das Heilige verwüsten, so hängt eine Gebotentabelle euch vor das Auge. – Lavater sagte. Jeder Mensch habe seine Teufels-Augenblicke. Folglich werdet nicht irre, wenn das Kind auch seine Satans-Terzien hat, so wie seine Engelminuten. Ja ihr dürft leichter an Erwachsenen verzagen als an Kindern. Denn diese verwirren euch durch ihre schöne Aufdeckung aller Gefühle und Wünsche und durch ihr svstemloses Nachzittern aller Anklänge so sehr, daß euch ihr Grundakkord verloren geht. Hingegen bei jenen setzt ein entflohener Drei-Mißklang schon ein ganzes verstimmtes Werkzeug voraus. Noch mehr: ist der Erwachsene dem Erwachsenen so unergründlich, wie viel mehr ihm seines Ungleichen, das Kind; welches nicht die Früchte in Blätter, sondern diese selber in Knospen, und die Blüten wieder in jene verhüllt. Klagt euch daher bei neuen notwendigen Entfaltungen, sogar bei den ins Schlimme ausgehenden, nicht unschuldig früherer Fehlschritte auf dem Bildungwege an; so wird z. B. der so lange stumme Geschlechttrieb, ihr möget davon weggezeigt und weggeleitet haben wie ihr wollt, doch endlich als eine fertige Minerva aus einem Jupiters-Kopfe, wo ihr dergleichen nicht gesucht hättet, bewaffnet vor euch treten.

Wir Eltern, glaub' ich, oder überhaupt wir Neuern, halten mit zu großer Bangigkeit unsere Kinder von andern Kindern abgeschieden, wie Gärtner Blumen von fremdartigen Blumen, um reinen Blütenstaub zu behalten. Kann man etwas Gutes und Schönes sehr achten, das an der nächsten Berührung verwelkt? Haben wir hingegen unsere Kinder nur ungestört bis ins sechste Jahr rein-erzogen und festgegründet: so löschen ein paar böse Beispiele in ihnen nicht mehr Gutes aus, als sie vielleicht anfachen; ist das Teewasser einmal durch Feuer in Kochwärme gebracht, so erhält ein Äther-Flämmchen es in der ganzen Teestunde darin. Nicht die Schwärze, sondern die Dauer der Beispiele vergiftet Kinder; und wiederum tun dieses weniger die Beispiele fremder Kinder und gleichgültiger Menschen als die der geachtetsten, der Eltern und Lehrer, weil diese als ein äußeres Gewissen der Kinder deren inneres zum Vorteile des Teufels entzweien oder verfinstern. –

– Ja ich gehe noch weiter und nehme das Übergewicht des fortdauernden guten Beispiels über ein fortdatierndes schlechtes, oder den Sieg des Engel Michaels über den Teufel, für so entschieden an, daß ich sogar von einer uneinigen, wahrhaft unehlichen Ehe, worin entweder nur der Vater oder nur die Mutter als Bundgenosse des Bösen ficht, erwarte, daß der andere Eheteil, der Verbündete des Engels, die armen Kinder zwar schwerer und teuerer, aber dann desto sicherer unter die weiße Fahne werbe.

Je jünger die Kinder, desto eher darf man vor ihnen schnell zwischen Ernst und Scherz hinüber- und herüberfliegen, eben weil sie selber so überflattern. So sind auch ihre anderen Übergänge immer Übersprünge; wie schnell vergeben und vergessen sie! Macht es denn ebenso mit ihnen, besonders mit euern Strafen und Nachwehen, und gebt nur kurze, damit sie ihnen nicht als unbegründete und ungerechte erscheinen. Gott sei Dank für dieses Kindergedächtnis, das schwächer für die Leiden als die Freuden ist! Welche Distelkette würde sich sonst durch ein festes Aneinanderreihen unserer Strafen um die kleinen Wesen hängen und winden! So aber sind Kinder fähig, auch am schlimmsten Tage zwanzigmal entzückt zu werden. Sie sind aus ihrem süßen Götterschlummer durch Haus- und Europa-Kriege so schwer zu wecken als die Blumen aus ihrem Schlafe durch Lärmen und Bewegung. So mögen die Lieben denn auch erwachen wie die Blumen, durch eine Sonne und zum Tage!

Es gibt ungelenke, verworrene Stunden, wo das Kind durchaus gewisse Worte nicht nachzusprechen, gewisse Befehle nicht zu erfüllen vermag; aber wohl in der Stunde darauf. Haltet dies nicht für Starrsinn. – Ich kenne Männer, die auf die Ausrottung eines angewöhnten Gesichtzugs oder Schriftzugs oder Schalt-Worts jahrelange losarbeiteten, ohne besondern Erfolg zu erleben. Wendet dies auf die Kinder an, welchen gewöhnlich ein paar tausend Gewohnheiten auf einmal abzudanken befohlen wird, damit ihr nicht sofort da über Ungehorsam schreiet, wo nur Unvermögen der überlasteten Aufmerksamkeit ist.

Die Früchte rechter Erziehung der ersten drei Jahre (ein höheres triennium als das akademische) könnt ihr nicht unter dem Säen ernten; – und ihr werdet oft gar nicht begreifen, warum nach so vielem Tun noch so viel zu tun verbleibe; – aber nach einigen Jahren wird euch der hervorkeimende Reichtum überraschen und belohnen; denn die vielfachen Erd-Rinden, die den Keimen-Flor bedeckten, und nicht erdrückten, sind von ihm durchbrochen worden.

§ 124

Die physische Natur macht viele kleine Schritte, um einen Sprung zu tun, und dann wieder von vornen an; das Gesetz der Stetigkeit wird ewig vom Gesetze des Ab- und Aufsprungs beseelt. Wir finden das letzte Gesetz am stärksten im Sprunge zur Geschlecht-Kraft ausgedrückt; aber dieser Sprünge, gleichsam der Schüsse- oder Knoten-Absätze des schoßenden Halms, sind viel mehre – und dicht am Embryo drängen sie sich am meisten; so wie das ermattende Alter sie in weite Räume auseinanderlegt. Der Sprung vom Graafischen Bläschen in den Uterus – das Stellen auf den Kopf vor der Geburt – das Eintreten in die Erden-Luft – die erste Milch – das Zahnen – die Wachstum-Fieber u. s. w. sind meine Belege. Sogar in dem hohen Alter, dem bösen Nachdruck der Kindheit, hob diese zuweilen wieder ihre Gewalt-Sprünge durch Vorstoßen von Zähnen, Haaren u. s. w. an.

Aber dem Körper kann nie die Begleitung des Geistes fehlen, er ist die Antistrophe, jener die Strophe; auch zuweilen umgekehrt. Jene überfüllten Körper-Wolken müssen sich in Platzregen auflösen; der körperliche Auf- und Vorschuß muß einen geistigen Aufschuß geben, nachholen und überholen; dieser jenen. Dann aber steht der Erzieher erstarrt vor einer neuen feindlichen (eigentlich freundlichen) Division des Wesens und glaubt seine vorige Welt verloren, bloß weil eine neue aufgetreten – er, ans Alte verwöhnt, will das kindliche Wachsen lieber nur als ein Altern sehen, kurz, immer dasselbe haben, nur höchstens den Kupferstich zum Gemälde gefärbt – das Kind soll die alten Herzblätter am Strahle der schärfer treffenden Welt nicht fallen lassen, und doch immer neue Blätter vorstoßen. – Da nun dies nie sein und bleiben kann; da jeder leibliche Ansatz an der Flöte einen neuen geistigen Ton erzeugt: so sollte der Erzieher gutes Muts sein und nur sagen: »Die Nachglieder bestehen und wachsen ja nur auf den Vorgliedern, und jene formen, nicht diese; und was hab' ich dann zu fürchten, wenn ich nichts zu widerrufen habe?«

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