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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 51
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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§ 114

Jetzo zu unsern lieben Kindern zurück! In den ersten fünf Jahren sagen sie kein wahres Wort und kein lügendes, sondern sie reden nur. Ihr Reden ist ein lautes Denken; da aber oft die eine Hälfte des Gedankens ein Ja, die andere ein Nein ist, und ihnen (ungleich uns) beide entfahren, so scheinen sie zu lügen, indem sie bloß mit sich reden. – Ferner: sie spielen anfangs gern mit der ihnen neuen Kunst der Rede; so sprechen sie oft Unsinn, um nur ihrer eignen Sprachkunde zuzuhören. – Oft verstehen sie ein Wort eurer Frage nicht (z. B. die Kleinern verwechseln heute, morgen, gestern; so die Zahlen und Vergleichgrade) und geben mehr eine irrige als lügenhafte Antwort. – Wie sie überhaupt ihre Zunge mehr zum Spiele als Ernste verbrauchen, z. B. ihrem Puppenhelden, wie ein Minister oder ein Geschichtschreiber dem seinigen, lange Reden vor- und einsagen: so wendet dieses Spielsprechen sich leicht an lebendige Menschen. – Kinder fliegen überall auf die warme Morgenseite der Hoffnung zu; sie sagen, wenn der Vogel oder Hund entflohen ist, ohne weitere Gründe: er wird schon wiederkommen. Da sie aber Hoffnungen, d. h. Einbildungen durchaus nicht von Nachbildungen oder Wahrheiten ablösen können: so nimmt wieder ihr Selbsttrug eine Lug-Gestalt an. So malte mir z. B. ein auf Fragen wahrhaftiges Mädchen häufig Erscheinungen des Christkindchen aus, und was dieses gesagt, getan u. s. w. Dabei muß man noch fragen, ob nicht Kinder oft erinnerte Träume, die ihnen notwendig mit erlebten Geschichtchen verschmelzen, erzählen, wenn sie dichten und lügen. Hierher gehört noch das sprechende Necken aus Überfülle der Kraft im achten, zehnten Jahre der Knaben.Denn der echte Lügner scherzt wenig; und der echte Scherztreiber lügt nicht, vom scharf-offnen Swift an bis zum Erasmus zurück, der sogar eine körperliche Antipathie gegen Lügner empfand, so wie gegen Fische. Paravicini Singularia de viris claris. Cent. II. 38.

In allen diesen Fällen, wo dem Kinde in keinem rechten schwarzen Spiegel die Gestalt der Lüge vorzuhalten ist, sage man daher bloß: mache keinen Spaß, sondern Ernst.

Endlich noch wird gewöhnlich eine Unwahrheit über zukünftige Tatsachen mit einer über vergangne verwechselt. Wenn wir bei Erwachsenen den Bruch der Amteide, welche eine Zukunft versprechen, nicht jenen schwärzern Meineiden gleichstellen, welche eine Vergangenheit aussprechen: so sollten wir doch noch mehr bei Kindern, vor deren kleinem Blicke sich die Zeit, so wie der Raum, größer ausdehnt, und für welche schon ein Tag so undurchsichtig ist als für uns ein Jahr, Unwahrheit der Versprechungen weit von der Unwahrhaftigkeit der Aussagen absondern. Etwas anderes oder Schlimmeres ist freilich die Geschichtlüge, die sich eine Zukunft erst erlügen will.

Wahrhaftigkeit, welche für das Wort als Wort sogar blutige Meßopfer bringt, ist die göttliche Blüte auf irdischen Wurzeln; darum ist sie nicht die zeit-erste, sondern die letzte Tugend. Schon der einfache Wilde ist voll Trug, mündlich und handelnd; der Bauer braucht zu einer AblügeAblüge könnte Vergangenheit, Vorlüge Zukunft bezeichnen. nichts als die kleinste Gefahr; nur Vorlüge nimmt er für nicht ehrlich genug und will Wort halten. Und gleichwohl fodert ihr vom Kinde, dem ihr Erziehung erst geben wollt, schon die letzte feinste Frucht derselben? – Wie sehr ihr irrt, seht ihr daraus, daß die zuweilen lügenden Kinder wahrhafte Menschen geworden (war sonst alles gleich), und ich berufe mich auf die Rousseauschen Bandgeschichten jedes Gewissens.

Indes gibts zwei entschiedene Lügen nach den zwei Zeiten, da nicht anders als entweder in die Zukunft hinein, oder in die Vergangenheit zurück zu lügen ist, – nämlich die erste erscheint, wenn das Kind durch trügendes Tun und Wort auf irgendeine Beute losgeht, die zweite, wenn es fürchtend seine eigne Handlung abschwört. Was ist hinter beiden zu tun? –

§ 115

Was ist aber vor beiden zu tun? Dies ist die Frage. –

Das Kind, vom engen heißen Glanze seines Ich geblendet und wie vergittert, macht den Anfang der Erkennung der Sittlichkeit nur an fremden Ich; und erkennt nur die Häßlichkeit einer gehörten Lüge, nicht einer gesagten. Nun so zeigt ihm den Thron fremder Wahrheit neben dem Abgrunde fremden Trugs; seid, was ihr ihm befehlt, und wiederholt oft, daß ihr auch das Gleichgültigste bloß tut, weil ihr es vorausgesagt. Es wirkt gewaltig auf sein kleines Herz, wenn es den Vater, der ihm eine Art freier Universalmonarch zu sein scheint, zuweilen klagen hört (freilich in Fällen der Wahrheit, denn die kindliche werde nicht auf Kosten der elterlichen angebauet): er gehe jetzo z. B. ungern mit ihm aus, aber er hab' es versprochen und müsse es nun ungern halten. – Hat das Kind etwas versprochen, so erinnert es auf dem Wege dahin öfters daran, ohne weiteres Wort als: du hasts gesagt; und zwingt es zuletzt. Hat es aber etwas begangen: so kann eure Frage darnach, die so leicht eine peinliche wird, nicht genug schonen. Je jünger es ist, desto weniger fragt, desto mehr scheint allwissend, oder bleibt unwissend. Bedenkt ihr denn nicht, daß ihr Kinder auf eine Feuerprobe setzt, welche ein Huß und andere Märterer bestanden, wenn ihr solche enge Wesen – für welche der drohende Vater ein peinlicher Richter, ein Fürst und ein Schicksal ist, seine Zornrute ein Jupiter-Keil wird, die nächste Qualminute eine Ewigkeit der Höllenstrafen – mit bedecktem Zorne und durch die Aussicht einer Folter nach dem Bekenntnis in den Wechselfall versetzt, entweder dem Instinkt, oder einer Idee zu gehorchen? – Zur Wahrheit gehört, wenigstens jünger, Freiheit; unter dem Verhöre steht der Verbrecher ohne Bande da, und als Widerspiel des Proteus steht der Mensch nur ungebunden zu Rede. Je freier lassend die Erziehung, desto wahrer das Kind; so waren alle wahrheitliebenden Völker und Zeiten, von den deutschen bis zu den britischen, freie; das lügende Sina ist ein Kerker, und romanizare (römern) hieß lügen, als die Römer Sklaven waren.

Gleichwohl sei nicht der Erlaß der Strafe – wenigstens nicht der wiederholte – der Reiz und Preis der Wahrheit; ein act of indemnity (Erlaß der Verantwortlichkeit), welcher das Kind so wenig gut und wahr machen würde als überstandene Folter den ungestraften Dieb. – Müßt ihr ausfragen: so tut es mit Liebe-Worten und kündigt überall der Lüge gerade die Verdoppelung des Schmerzens an, den sie verhüten wollen.

Ist aber eine Lüge dem Kinde erwiesen: so sprecht das Urteil »schuldig«, nämlich »gelogen« mit erschrockenem Tone und Blick, mit dem ganzen Abscheu vor dieser Sünde gegen die Natur und den heiligen Geist feierlich aus und legt die Strafe auf. Nur für die Lüge würd' ich eine Ehrenstrafe zulassen, welche jedoch ebenso feierlich, plötzlich und bestimmt aufgehoben werden muß – um nicht durch allmähliche Verkleinerung anzugewöhnen – als aufgelegt. Die Irokesen schwärzen das Gesicht dessen, der lügend einen Helden besingt. Die Siamer nähen lügende Weiber-Lippen – gleichsam als Wunden, wenn sie offen ständen – zu. Ich habe nichts gegen das Schwärzen – vielmehr hab' ich selber die Lüge vielleicht etwas hart zuweilen mit einem Dintenfleck auf der Stirne bestraft, der bloß nach Erlaubnis durfte abgewaschen werden, und der sich tief ins Bewußtsein ätzte –, aber ich habe noch mehr für die siamische Lippen-Sperre, nämlich für das Verbot, zu sprechen, wenn man schlecht gesprochen. Wie die ersten Deutschen den römischen Advokaten die Zungen ausschnitten, aus demselben Grunde schickt das gemißbrauchte Glied, das dem Geiste schlechter als dem Magen dient, ins La Trappe-Kloster. Ich glaube, diese Strafe, die der Schlange, wie ein Paulus auf Malta, die Zunge versteinert, ist gerechter, leichter und bestimmter als die andere, womit Rousseau und Kant ein Lügenkind belegen, daß man nämlich ihm eine Zeitlang nichts glaube, d. h. nichts zu glauben scheine. Hier lügt ja aber der Richter selber unter dem Strafen des Lügens; und wird nicht der kleine Züchtling dieser Verstellung durch das Bewußtsein, eben wahr zu sein, nicht näher kommen? Wo und wie endlich wollt ihr den einmal unentbehrlichen Rücksprung vom Unglauben zum Wiederglauben tun und motivieren? Indes mag Kants Strafe doch zuweilen für erwachsene ausgebildete Töchter gelten und wirken.

Befehlt keinem Kinde in den ersten sechs Jahren, etwas zu verschweigen, und wär' es eine Freude, die ihr einem geliebten Wesen heimlich zubereitet; den offnen Himmel der kindlichen Offenherzigkeit darf nichts verschließen, nicht einmal die Morgenröte der Scham; an euren Geheimnissen werden sie sonst bald eigne verstecken lernen. Die Heldentugend der Verschwiegenheit fodert zu ihre Übzeit die Kraft der anreifenden Vernunft; nur die Vernunft lehrt schweigen, das Herz lehrt reden.

Daher und aus andern Gründen find' ich, wenigstens im ersten Jahrfünf, das Verbot, zu fodern, falsch; besonders wenn es die Mutter mit dem Bleizucker des Versprechens, alsdann zu geben, versetzt. – Sind denn Wünsche Sünden, oder ist das Bekennen derselben eine? Wird nicht, während das Schweigen dem Geben auflauert, eine lange Genuß- und Lohnsucht und eine lange Verstellung unterhalten und genährt? Und ist nicht das ganze Abschlagen viel leichter nach der kurzen Bitte auszusprechen als nach dem langen Warten? Aber das Fehlgebot kommt eben aus dem mütterlichen Unvermögen, ein schnelles, leichtes, allmächtiges Nein zu sagen.

Verschmäht allerlei kleine Hülfen nicht. Dringt z. B. dem Kinde nicht eine schnelle Antwort ab; vor Eile fährt leicht eine Lüge heraus, die es dann mit einer neuen verficht. Gebt ihm einige Besinnzeit zur Rede. – Ferner: bedenkt auch bei euern gleichgültigsten Versicherungen und Behauptungen – und zwar eben, weil es euch gleichgültige sind –, daß Kinder überhaupt ein besseres Gedächtnis besitzen als ihr, aber besonders für und wider euch, und daß ihr sie also mit jedem gefährlichen Scheine euerer schuldlosen oder voreiligen Unwahrhaftigkeit zu verschonen habt. –

Verf. dies hat sich zuweilen gefragt, ob nicht der Wahrheit-Sinn der Kinder sich an Sprichwörterspielen und an Kinderkomödien verletze. Für kindliche Sprichwörterspiele spricht – außer dem Zwang-Reize zu augenblicklichem Schöpfungen – mehr als für Kinderkomödien noch dieses: daß eigentlich Sprichwörterspiele nur fortgesetzte und höhere Nachspiele der Marionetten- und Puppenspiele sind, welche ja früher die Kinder mit ihren Puppen- und Mitgespielen ohne Einbuße der Wahrhaftigkeit extemporierten, als ob sie schon hinter das nachgespielte Leben sich vor der rauhen Luft des wirklichen flüchten wollten. Im Sprichwörterspiel lebt das Kind, zugleich Dichter und Spieler, zwar in einem fremden Charakter, aber zugleich mit ungeborgter, von der warmen Minute eingegebnen Sprache. Im Kinderschauspiel lernt es kalt die Vorspieglung (simulatio) des Charakters und der Sprache auswendig für eine warme Vorspieglung beider. Auch gewinnt die Wahrhaftigkeit noch dies bei dem Sprichwörterspiele, daß das Kind wenigstens der veränderlichen Gegenwart aus eigner Brust zu antworten hat, indes bei der gelernten Komödie jede Antwort schon seit Wochen ausgefertigt, mitgebracht wird. Da übrigens noch die innere allgemein-menschliche Ausbeute, ungeachtet aller künstlerischen, sogar bei großen Schauspielern nicht bedeutend ins Gewicht fällt: so sollte man daher eine Übung, worin der Gewinn noch zweifelhafter ist als der Verlust, Kindern – erlassen.

Unsere Voreltern erhöhten jede Lüge zu einem Meineide, indem sie die Kinder immer auf Gottes Allgegenwart hinwiesen; und warum soll diese Eides-Verwarnung, welche die Sünde durch das aufgeregte Bewußtsein des Göttlichen erschwert, so wie verdoppelt, nicht noch Kindern gehalten werden?

Endlich: da Wahrhaftigkeit als Bewußtsein und Opfer die Blüte, ja der Blütenduft des ganzen sittlichen Gewächses ist: so entfaltet nur mit und auf diesem jene. Bloß abzuwehren habt ihr das Unkraut, indem ihr Freiheit gebt, sieghafte Versuchungen erspart und seelenkrümmende Gewohnheiten (z. B. den Kinder-Dank für Prügel, Kinderkomplimente vor Fremden) verbietet.

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