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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 48
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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§ 107

Da das Verschmerzen der geschlagenen Wunden und das Verachten der kommenden sich wechselseitig stärkenWiewohl nicht ebenso voraussetzen; ein Knabe habe nur viel Phantasie, so wird er die Wunden der Zukunft sehr fürchten, indes er die der Gegenwart leicht verbeißt.: so fahr' ich hoffentlich ohne Vorwurf ihrer Verwechslung fort. Mut besteht nicht darin, daß man die Gefahr blind übersieht, sondern daß man sie sehend überwindet. Man stärke folglich den Knaben, nicht aber etwa mit der Rede: »es tut nicht weh« – denn in diesem Falle würde das Schaf so tapfer anrücken als der Löwe –, sondern mit der bessern: »was tuts? Nur weh.« Denn in jeder Menschenbrust dürft' ihr auf etwas rechnen, das keine Wunden erreichen, auf eine feste Himmelachse mitten unter geschwungenen Erdenachsen, insofern er ja, ungleich dem Tiere, noch mehr zu fliehen hat als den Schmerz.

Es gibt einen Mut gegen die Zukunft und Phantasie; aber auch einen gegen die Gegenwart und Phantasie zugleich; jenem ist Furcht, diesem Schrecken entgegengesetzt. – Muß eins von beiden sein, lieber Furcht als Schrecken, für Kinder, obwohl nicht für Männer! Wenn Furcht (nach dem Kardinal von Retz) unter allen Gemütbewegungen den Verstand am meisten schwächt und lähmt: so raubt ihn der Schreck gar und setzt Wahnsinn dafür. Die Furcht kann in kleinen Gaben so langsam und so berechnet gegeben werden, daß sie immer mehr ein Reiz des Entschlusses und des Denkens wird als ein Gift beider. Hingegen der Schreck – es sei vor Ton oder Gestalt – ist ein einäschernder Blitz des ganzen Menschen, eine Entwaffnung und Ermordung zugleich. ChiarugiChiarugi über den Wahnsinn B. I. § 282. führt aus Giasone an, daß Kinder, die rauh und von erzieherischen Schreckbildern erzogen worden, leicht dem Wahnsinn anheimfallen.

Ein Schreck kann wohl langes Fürchten erzeugen, aber die Furcht keinen Schreck gebären; denn ihre Phantasie der Zukunft findet jede Gegenwart unter der Zukunft. –

Gegen den Schreck gibts, außer der Gesundheit, kein Mittel als Bekanntschaft mit dem Gegenstande; nur das Neue bringt ihn. Der Mutigste kann erschrecken, wie die Römer vor Elefanten, oder wie der tapferste Europäer erschaudern würde vor einer fremdartigen tierischen Massengestalt, z. B. aus dem Jupiter, deren Gifte und Angriffe er nicht kennte.

So waffnet denn den Jungen gegen das Wetterleuchten des Zufalls durch elektrische Gewitter, die ihr selber macht. Leider führt die jetzige Sitz-Loge der europäischen Sitzungen in Kollegien und Gelehrten-Vereinen ihre sitzende Lebens- oder Sterbensart, ohne dadurch sonderlich keck zu werden. Bedeutend genug werden alle wichtige Ämter durch Stühle, Schöppen-, Predigt-, Bet-, Lehr-Stühle, bezeichnet, und ihr Lohn durch Abrahams Schoß oder der Apostel zwölf Sessel. Stühle sind, wie, nach dem ärztlichen Ausdrucke, Folgen der Furcht, so leicht deren Ursache. Wer sitzt, wenn der Feind anrennt, verzagt, wie jedes den Anlauf abwartende Regiment beweiset; und mit der Ferse, worin allein des homerischen Achilles Verwundbarkeit lag, entfliehen wir eben den Wunden am besten. Auch in neuern Zeiten bliebe Laufen tapfer, folgte ihm nur kein feindliches Nachlaufen nach. Für die goldenen Brücken, die man fliehenden Feinden bauen soll, erschwänge freilich kein Napoleon Gold genug.

Wenn man über jede Sache eigentlich nur einmal erschrickt, nicht zweimal: so glaub' ich, könnte man ja durch scherzhafte Vorspiele den Kindern den Ernst ersparen. Zum Beispiel: Ich gehe mit meinem neunjährigen Paul in einem dicken Wald spazieren. Plötzlich fallen drei geschwärzte und gewaffnete Kerle hervor und uns an, weil ich mit ihnen Tages vorher gegen eine kleine Diebs-Prämie den Überfall abgekartet habe. Wir beide sind nur mit Stöcken gerüstet, die Räuberhorde aber mit Stechgewehr und einer blindgeladenen Pistole. Hier gilt nun nichts als Gegenwart des Geistes und Entschlossenheit. Einer ficht gegen drei – (Paul ist für nichts zu rechnen, ob ich ihm gleich zurufe, einzuhauen) – aber dadurch, daß ich dem einen Schnapphahn die abgedrückte Pistole seitwärts schlage, damit sie mich verfehlt, dem andern mit dem Stocke den Degen aus der Hand legiere, den ich dann selber aufheben um damit auf den dritten loszudringen, dadurch, hoff' ich, soll das Gauner-Gesindel geworfen und in die Flucht gejagt werden von einem einzigen rechten Manne und dessen Föderativ-Sohn. Wir setzen dem zerstreueten Heere noch ein wenig nach, kehren aber, da es ein lebendiges Lauf-Feuer ist, bald um; und ich lasse unter fortwährendem Gespötte über die feindliche Marschsäule – die wie ein wohlgeordneter Büchersaal nichts zeigt als den Rücken – nun meinen Verbündeten selber schließen, wie viel bloße Tapferkeit gegen Überzahl ausrichte, besonders gegen Spitzbuben, welche nach allen Erfahrungen selten Mut besitzen. Allerdings (setz' ich hier in der zweiten Auflage dazu) sind solche Spiele schon ihrer Unwahrheit wegen bedenklich; auch könnten sie nur durch Wiederholung den Nachteil verwischen, welchen immer ein auch nachher in nichts aufgelöstes Erschrecken eindrückt. Recht viele Erzählungen von siegendem Mut sind vielleicht bessere Stärkmittel.

Andere Degen- und Mantelstücke – wie die Spanier (nach Bouterwek) ihre Intrigenstücke nennen – wären mit Vorteil in der Nacht aufzuführen, um die Phantasien des Gespensterglaubens zu platter Alltäglichkeit zu entkleiden, ob ich gleich gestehe, daß immer eine Grund-Furcht fest wurzelt, welche nur Gott oder die zweite Welt ausreißen kann. Sogar Gewitterfurcht ist nicht ganz (am wenigsten durch Gründe) auszuwurzeln; besser wirkt ihr noch Ruhe und am besten Lustigkeit der Erwachsenen entgegen. Da das Ungewöhnliche am leichtesten das Fürchterliche wird, so gehört es vielleicht unter die wenigen Vorteile einer städtischen Erziehung, daß die Stadt das Auge und das Ohr eines Kindes gegen mehre Gegenstände abhärtet als ein Dorf. – In Nichts, kaum die Furcht ausgenommen, wächset ein Mensch so schnell als im Mute. Noch würden Nacht-Züge – ferner eine Eidgenossenschaft von mehren Knaben – da die Gesellschaft Mut wie Furcht vermehrt – endlich Geschichten von Überhelden wie der schwedische Karl XII. den Panzer um die Brust immer härter schmieden.

§ 108

Man erlaube mir noch einige Bestandteile zur Stahlarzenei der Männlichkeit anzugeben, eh' ich zum geistigsten Stärkmittel komme. Folgende Absätze mögen denn wie Zweige dem Gipfel voranstehen.

Was überwand vom Fakir an bis zu den Märterinnen des Christentums und der Liebe und der Kinderpflicht und bis zu den Blutzeugen der Freiheit den Körper, die Meinung, den Wunsch, die Folter? Eine das Herz durchwurzelnde Idee. – Nun so gebt dem Knaben irgendeine lebendige, und wär' es die der Ehre: so ist er fähig, ein Mann zu werden. Durch Vorstellung derselben wird jede Furcht bezwinglich.

Jedes Kind malt sich irgendeinen Stand, ein Handwerk u. s. w. zum Arbeit- und Trauerhause des Lebens aus, so wie einen andern (gewöhnlich den väterlichen) zum Siehdichum (Belvedère) der Hoffnung. Zerreißet ihm diese irrigen Himmel- und Höllenkarten, die wie Haftbefehle es zu einem Gefangnen der Furcht und des Wunsches entwaffnen. Bringt es – aber nicht durch totes Hören, sondern lebendiges Schauen – in Bekanntschaft mit den Freuden der verschiedensten Stände, damit es auf das Leben als auf die Ebene eines Lustlagers hinschaue, wo sogar der Bediente sein Zeltchen aufgeschlagen hat. Doch ist mehr daran gelegen, daß das Kind keinen dunkeln Stand wehrlos schaue und fliehe, als daß es keinen glänzenden hoffend begehre und erstrebe. Denn die Hoffnung läßt uns mehr Verstand und Glück übrig als die Furcht. Um durch die Tränen-Kelter des Mitleidens einige Groschen und Gefühle für einen Bettler abzupressen, zerquetscht ihr lieber eine Kraft, die sich sogar auf dem Bettler-Lager erhielte. Was gewinnt ihr, als daß der Gescheuchte künftig gern ein paar hundert Bettler macht, um nur keiner zu werden und etwa einem zu geben. Stets lasset Einheit im Knaben regieren; er habe z. B. etwas tun oder haben wollen: zwingt ihn, es zu nehmen und zu tun. Ebenso bietet ihm nichts zweimal an.

Überall erbauet in ihm dem Begriffe einen höhern Thron als der Empfindung; begehrt er einen untersagten Gegenstand: so rückt diesen nicht hinweg, sondern höchstens näher, damit er die Empfindung durch Vorstellen besiege. – Euer Gebot stehe daher nackt vor ihm, ohne Nebenzüge oder Nebenreize, die es für ein leichteres ausgeben – durch dieses mildernde Verbergen der Regel wird ja nur der Zufall zum Herrn gemacht, der zu nichts gewöhnt; denn es ist wenig daran gelegen, daß etwas, sondern wie es geschehe. – Ebensowenig verschleiert (wie Mütter tun) ein Versagen; fortdauernde Verschleierungen sind unmöglich; warum wollt ihr nicht durch ein nacktes Nein sie euch ersparen und dem Knaben die Übung des leichten Entsagens geben? Stille Unterordnung unter Willkür schwächt, stille unter Notwendigkeit stärkt – seid denn eine Notwendigkeit! – Gehorsam der Kinder an und für sich hat keinen Wert für sie selber – denn wie, wenn sie nun aller Welt gehorchten? –, sondern nur das Motiv desselben, als verehrender, liebender Glaube und als Ansicht der Notwendigkeit, adelt ihn. Freilich bloß die der Furcht Gehorsamen werden geräderte Gliedermänner, Heuchler, Schmeichler und Ausgelaßne hinter dem Rücken des Treibers.

Ihr beugt (oder knickt) die junge Seele, wenn ihr sie (vor dem Alter der Einsicht in politische Unebenheiten) vor jemand anders höflich sein laßt als vor dem bloßen Menschen und Alter; ungebunden von Ordenbändern, blind gegen Sterne und Gold, fasse und schaue sie den Diener und Gebieter des Vaters auf gleichehrende Weise an. Von Natur ist ein Kind gegen jeden Alexander ein Diogenes, und gegen Diogenes ein sanfter Alexander; es bleibe dabei; und jene entnervende Blödigkeit gegen Stände bleibe weg.

Nur Größen spannen das Knabenherz gesund; welche aber dehnt, außer der Wissenschaft, es besser aus als ein Vaterland, die Liebe dafür, zumal im Demantmörser der jetzigen Zeit! – Man sollte folglich in Schulen dieses heilige Feuer anblasen; aber wahrlich nicht durch das Exportieren des Tyrtäus, d. h. durch Begeistern für ein altes unter- oder eingesunknes Land, sondern durch das Einführen in Klopstocks Hermanns-Schlacht und Feuer-Oden, ob ich gleich dies wenig von alten Humanisten erwarte, für welche an großen Kunstwerken das Genießbarste ist, was an Elefanten das Schmackhafteste, die Füße.

Keine Lehre findet so viele Lehrer als die Glückseligkeit- oder Lustlehre; als ob diese nicht schon in jedem Katzen-, Geier- und anderem Tier-Herzen ihren Lehr- und Thronsitz aufgeschlagen hätte. Wollt ihr lehren, was das Vieh weiß? Soll der Menschgeist als ein Zentaur mit gesporntem Leibe in die geistige Welt einreiten? – Aus welchem Grunde (außer einem schlechten) wird Kindern mehr eigennützige Übertreibung nachgesehen als widerstehende, mehr die Eß- als Streitsucht, als wären Stoßzähne nicht ebenso wichtig als Kauzähne? – Wenn ihr für die reine Würde, Gerechtigkeit und Religion mit etwas anderm begeistert als mit der Gestalt dieser Himmelkinder selber, wär' es auch nur, daß ihr den Vorteil der Brot- oder Magenstudien bloß nebenher als Anhang sehen ließet, anstatt die Lustgüter höchstens als Opfer jenen Göttinnen näher zu bringen: so habt ihr den reinen Geist besudelt und heuchlerisch und klein gemacht; ihr ließt, wie der kalte Norden, den Löwen des Südens zur Katze einschrumpfen, das Krokodil zur Eidechse.

Ist das Leben ein Krieg, so sei der Lehrer ein Dichter, der den Knaben dazu mit nötigen Gesängen begeistert; daher gewöhn' er ihn, seine Zukunft nicht für einen Gang von (obwohl schuldlosen) Genüssen zu andern Genüssen, oder gar für eine Lese vom Frühling zum Herbste, von Blumen zu Früchten, sondern für eine Zeit anzusetzen, in der er irgendeinen langen Plan durchtreibt. Kurz, er setze sich den Zweck einer langen Tätigkeit, nicht des Genusses vor. Das Genießen erschöpft sich und uns bald; nie aber das Streben. Ein Mann ist glücklich, der sein Leben z. B. auf die Urbarmachung einer Insel, oder auf die Entdeckung einer verlornen, oder auf die der Meerlänge wendet. In London tötet sich der Reich-Geborne, nicht der Reich-Werdende, so wie umgekehrt nicht der Arme, sondern der, ders wird. Der Geizhals wird alt und weniger lebensatt als lebenfroh, indes der genießende Erbe seines tätigen Sammelns ekel verfalbt. So wollt' ich lieber der Hofgärtner sein, der 15 Jahre eine Aloe pflegt und ausbrütet, bis sie ihm endlich den Himmel ihrer Blüte aufschließt, als sein Fürst, der zum Sehen des offenen Himmels eiligst hergerufen wird. – Ein Lexikonmacher geht, schön wie eine Sonne, täglich auf, um vor ein neues Sternchen seines Tierkreises zu rücken; ein neuer Buchstabe ist ihm ein Neujahrfest (der Abschluß des alten ein Erntefest), und da hinter dem Hauptbuchstaben der zweite des Alphabets, hinter diesem wieder der dritte es wiederholt: so feiert der Mann auf dem Papier oft in einem Tage vielleicht Sonn-, Marien- und blaue Montage.

Fürchtet euch nicht vor dem Aufwecken des Ehrtriebes, der doch nichts Schlimmeres ist als die rohe Hülse der Selbst-Achtung, oder die aufgespannten lauten Flügeldecken der zarten Flügel, die von der Erde und ihren Blumen erheben. Um aber die Ehre des Einzelwesens zur Ehre des Geschlechts und diese zur Würde der Geister zu steigern und zu adeln: so teilt euer Lob, zumal an die jüngern, nie an einen Preiswerber, sondern wenigstens an einige zugleich aus; gebt den Ehren-Orden nicht als eine Auszeichnung vor der überstiegenen Stufe, sondern als eine Andeutung und Nachbarschaft der höhern; und endlich gebe das Lob ihnen mehr die Freude über die eurige als den Genuß der Auszeichnung.

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