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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 47
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Drittes Bändchen

Sechstes Bruchstück

Sittliche Bildung des Knaben

Kap. I. Sittliche Stärke – körperliche – Verwundspiel – Schädlichkeit der Furcht und des Schrecks – Lebenlust – Unzulänglichkeit der Leidenschaft – Notwendigkeit der Jugend-Ideale § 103-110. Kap. II. Wahrhaftigkeit – Sprichwörterspiele und Kinderkomödien § 111-115. Kap. III. Bildung zur Liebe – Erregmittel – Liebe gegen Tiere § 116-121. Kap. IV. Ergänz-Anhang zur sittlichen Bildung – vermischte tröstende Regeln – Geschichte der Eltern für ihre eignen Kinder – über Kinderreisen – Mißlichkeit voreiliger Schamlehre und über Kinderkeuschheit § 122-129.

Erstes Kapitel

§ 103

Ehre, Redlichkeit, festes Wollen, Wahrhaftigkeit, Angehen wider drohende Wunden, Ertragen der geschlagnen, Offenheit, Selberachtung, Selbergleichheit, Verachtung der Meinung, Gerechtigkeit und Fortdringen – alles dies und ähnliche Worte bezeichnen doch nur die eine Hälfte der sittlichen Natur, die sittliche Stärke und Erhabenheit. Die zweite Hälfte umfasset alles, was sich auf fremdes Leben bezieht, das Reich der Liebe, Milde, Wohltätigkeit – man kann sie die sittliche Schönheit nennen.

Wenn sich jene nach innen oder dem eignen, diese nach außen oder dem fremden Ich zu kehren scheint, jene als ein abstoßender Pol, diese als ein anziehender, und wenn jene mehr eine Idee, diese ein Leben heilig hält: so bleibt doch beiden dieselbe Erhabenheit über das Ich, auf das sich nur die Begierde und die Sünde gegen jenes Zwillinggestirn des Herzens beziehen; denn die Ehre opfert so gut als die Liebe die Selbstsucht auf. Auch die Liebe sucht und schauet im fremden Ich nicht, was sie am eignen flieht, sondern sie schauet und ergreift daran die Darstellung des Göttlichen. Wir finden Gott zweimal, einmal in, einmal außer uns; in uns als Auge, außer uns als Licht. Indes ist es überall dasselbe ätherische Feuer, gleichgültig ob es positiv aus- oder negativ einspringe, und das eine setzt das andere voraus, und folglich ein Drittes, das beide erzeugt und verknüpft. Nennt es das Heilige. Im geistigen Reiche gibt es eigentlich kein Außen und kein Innen. An wahrer sittlicher Stärke hängt ohnehin die Liebe, wie immer am dickern Aste die süße Frucht; und die Schwäche zittert nur wie ein Vesuv, um zu verwüsten. Ebenso vermag reine Liebe nicht nur alles, sondern sie ist alles.

§ 104

Allein wir haben uns hier bloß auf den Unterschied der Erscheinungen einzulassen, nicht auf ihre Ergründung. Jene zeigen uns den Mann mehr zur sittlichen Stärke oder Ehre, das Weib mehr zur sittlichen Schönheit oder Liebe geboren und ausgerüstet. Schon aus dem oben ausgestellten Satze, daß die Frau nicht, wie der Mann, sich zerteile und beschaue, könnte man die Verteilung beider sittlichen Pole mit wechselndem Übergewicht an beide Geschlechter, also der Liebe an das weibliche, der Stärke an das männliche, folgern, weil jene mehr außer sich, diese mehr in sich blickend handelt. Aber wozu ein Folgern der Tatsachen? Diese geistige Geschlecht-Trennung wiederholet sich, obwohl kleiner, in jedem Einzelwesen, wovon nachher. Jetzo wollen wir die Erziehwege überschauen, den Knaben durch Entwickelung der sittlichen Stärke für seine Bestimmung zu bilden.

§ 105

Die eine Zeit braucht Männer, um zu entstehen, die andere, um zu bestehen; die unsrige hat sie zu beidem nötig; dennoch fürchtet die Erziehung nichts mehr als die Bemannung der Knaben, die sie entmannt, wo sie nur kann. Kinder- und Schulstuben sind nur Sakristeien zu jenen Tempeln, die die Römer dem Pavor und Pallor (dem bleichen Schrecken) gebauet. Ordentlich als wenn die Welt jetzo des Mutes zu viel hätte, wird von Erziehern Furcht durch Strafen oder Taten eingeimpft, Mut nur durch Worte empfohlen; kein Unternehmen, nur das Unterlassen wird gekrönt. Die Furchtsamen hatten in Nestors SchlachtordnungHom. Il. IV. 297. den mittlern Stand; – so auch in unsern Staaten; und im höchsten und tiefsten Stande wohnt mehr äußerer Mut, als der Gelehrte, der Schulmeister gewöhnlich hat. Daher sinnt dieser den Knaben an, Irokesen zu sein, welche den Hasen für eine Gottheit halten, und will selber sie in diesen Götterstand erheben. Die Alten vergaßen über das Stärken die Menschenliebe, wir über diese jenes. Allerdings kann der entmannende Lehrstand sich mit einer Täuschung entschuldigen; der Kindheit-Mut schlägt nämlich wegen des mangelnden Gegengewichts von Besonnenheit leicht zum Übermut aus und bekämpft Lehrer und Glück. Aber man bedenke, daß die Jahre zwar das Licht vermehren, aber nicht Kraft, und daß man leichter dem Leben-Pilger einen Wegweiser besoldet und mitgibt, als ihm die Beine und Flügel, die man ihm wider das Verlaufen und Verfliegen abgesägt, wie einer Statue wieder restauriert. Wir wollen, wie Krieger, von dem gemeinen Mute anfangen, und zur Ehre kommen.

§ 106

Der Körper ist der Panzer und Küraß der Seele. Nun so werde dieser vorerst zu Stahl gehärtet, geglüht und gekältet. Jeder Vater erbaue, so gut er kann, um sein Haus ein kleines gymnastisches Schnepfenthal; die Gasse, worin der Knabe tobt, rennt, stürzt, klettert, trotzt, ist schon etwas. Gassenwunden sind heilbarer und gesünder als Schulwunden und lehren schöner verschmerzen. Aus der wilden englischen Jugend wird ein besonnenes Parlamentglied, wie aus den anfänglichen Räuber-Römern ein tugendhafter sich dem Ganzen opfernder Senat. Dem übermäßig Kühnen ließen die Römer zur Ader; die Lehr-Rute lässet auch Blut, und die Erkältung-Methode, die Einsperrung u. s. w. verbleicht das bleibende. Nie ist eine Kraft zu schwächen – kann man nicht oft genug wiederholen –, sondern nur ihr Gegenmuskel ist zu stärken; an Eichhörnchen wächset oft die obere Zahnreihe bis zu Schmerzen lang, aber bloß wenn die untere ausgefallen ist. Einen zwölfjährigen übermütigen Wagehals könnte man leicht besonnen machen: man ginge nur mit ihm ein anatomisches Buch, oder gar ein chirurgisches durch; indes ist dieses Heilmittel nur wie Arsenik in den seltensten Fällen und kleinsten Gaben anwendbar. Körperliche Entkräftung macht geistige; aber alles Geistige lässet festere, ja ewige Spuren nach, und ein zerbrochener Arm am Kinde heilet leichter aus als ein gebrochnes Herz. Übrigens werden in der kindlichen Krankenstube zweierlei Kinder verdorben, die gesunden durch Härte, die kranken durch Weichheit und Weichlichkeit, indes den Kranken statt aller, sogar physischer Weichlichkeiten bloßes geistiges Anregen durch Bilder, Spiele auf Deckkissen und Märchen besser heilend diente. Ist die Gesundheit die erste Stufe zum Mut: so ist die körperliche Übung gegen Schmerzen die zweite. Dies wird neuerer Zeit nicht nur unterlassen, sondern sogar bekämpft, und der Knabe wird bei uns gegeißelt, nicht sowohl etwa, daß er es aushalten, als daß ers nicht aushalten lerne, sondern zu beichten anfange. Häßlich! – Wie kann die Verwechslung der Folter-Kunde der strafenden Polizei mit der Erziehlehre euch so weit verwirren, daß ihr die Kraft des Geistig-Stärkern gegen die Kraft des Körperlich-Stärkern nicht achtet, sondern Standhaftigkeit für Wiederholung des verleugneten Verbrechens anseht? – Es ist ebenso verrechnet als Lockens Rat, Kindern das Kartenspielen zu verekeln durch Antreiben dazu; da diese offizinelle Veränderlichkeit aus Ekel des Befehlens und Wiederholens ja eine schlimmere Krankheit wäre als die geheilte. Muß uns nicht dabei die widrige und doch von der Gewohnheit ausgeschminkte Erziehsünde hart auffallen, Kinder vor Kindern stark zu züchtigen und ein sogenanntes Exempel zu statuieren? Denn entweder teilt das Kind schon als kalter Zuschauer die Gesinnung des warmen und empfindet kein Mitleiden mit dem Martergeschrei seinesgleichen, keinen Abscheu vor dem widerlichen Anblick der Übermacht der Stärke über die Schwäche – und dann weiß ich nicht, was sein Herz noch zu verlieren hat –; oder das Kind fühlt alle Schmerzen nach, welche das in der Kinderstube eingerückte Hochgericht austeilt, und findet also, wie das erwachsene Volk bei Hinrichtungen, die Strafe schlimmer als die Sünde – und dann geht der Gewinn des quälenden Anblicks verloren –; oder endlich hat es zugleich Mitgefühl und Einsicht der Strafe und nur gräßliche Schmerzen-Scheu – und dann habt ihr wohl den Gehorsam, aber auch die Furcht vermehrt. Kurz große Strafen gebt nicht vor den Augen der Kinder und begnügt euch, daß deren angekündigte Unsichtbarkeit euch die Vorteile ohne die Nachteile gewährt.

Man sollte vielmehr Übungen im Ertragen des Schmerzes, Kreuzschulen im stoischen Sinne erfinden ; wie denn die Knaben selber schon ähnliche Spiele haben. In Mexiko band sonst ein Kind seinen Arm an den Arm eines andern und legte eine glühende Kohle dazwischen; beide wetteiferten im längsten Erdulden des Brennens. In Montaignes Kindheit hielt der Adel die Fecht-Schule für schimpflich, weil sie den Sieg nicht mehr von bloßer Tapferkeit entscheiden ließ. Die alten Dänen winkten nicht einmal mit dem Auge vor Wunden ins Gesicht.Bibliothèque universelle. T. XV. p. 385. Was aber früher ganze Völker vermochten, und was folglich nicht Gabe der Geburt, sondern der Bildung war: dies muß im einzelnen zu wiederholen leicht gehen.

Zeigt nur nie Mitleid mit Schmerzen, sondern treibt Scherz damit. – Läuft das kleinere Kind mit dem Berichte seiner Wunde zu euch, so lasset es auf euer Gehör und euere Besichtigung erst ein wenig harren, indem ihr ruhig sagt: »Ich muß erst ausschreiben, oder diese Masche aufstricken.« – Oder gebt ihm den Befehl, irgend etwas zu tun, zu holen; nichts zieht so leicht den Stachel des Schmerzes heraus als Tätigkeit, so wie der Krieger die Wunden vor lauter Fechten nicht spürt. – »Meine Nase blutet«, sagt die Kleinere erbärmlich. »Ei, sieh das hübsche, rote Blut, und wie es tropft; und wo kommts denn her? Vorher war in deinen Nasenlöchern ja gar keins«, sagt ihr und zerlegt die Qual in Untersuchung, das Innere ins Äußere. – Ferner: bewacht fleißiger das Ohr des Kindes als dessen Auge. Das Ohr ist der Sinn der Furcht, daher leis'-hörige Tiere furchtsamer sind. Wie die Tonkunst im Entzücken, so hat der Schall und Schrei im Entsetzen unser Herz unmittelbar in der Gewalt. Der unergründliche Ton ist die rechte Nacht für die Furcht. Jede ungeheuere Gestalt ordnet sich endlich, wenn sie stehen bleibt; aber der Abgrund des Tons wird nicht heller, sondern nur grausender durch Fortdauern. Ein Mädchen, dem die Farbe des Kaminfegers bloß bedeutend war, hatte die erste Furcht seines Lebens, da es das unauflösliche Geräusch seines Fegens hörte. Erteilt daher sogleich jedem fremden Getöne, z. B. des Windes, einen alten frohen Namen. Unsere Zeit macht Regeln gegen die Furcht, die den ganzen Menschen entwaffnet und bindet, am ersten zur Pflicht. In jedem Kinde wohnt neben der romantischen Hoffnung eines unendlichen Himmels ebenso der romantische Schauder vor einem unendlichen Orkus. Aber diesen Orkus haltet ihr ihnen greulich offen, sobald ihr der romantischen Furcht den allmächtigen Gegenstand dadurch gebt, daß ihr irgendeinen benennt. Diesen Fehler beging der Verfasser, indem er seinen Kindern, um sie vom Hassen und Fürchten der Krieger oder anderer Menschen abzulenken, sagte: nur der böse Kerl ist zu fürchten. Dadurch aber zog sich ihnen die bisher über wechselnde und sichtbare Gegenstände zerstreuete Furcht in den festen Brennpunkt eines einzigen unsichtbaren Gegenstandes zusammen, und sie brachten diesen tragbaren Schreck-Gegenstand überall mit und blickten ihn an. Übrigens treibt die Phantasie in keiner Seelenbewegung – nicht einmal in der Liebe – ihre Schaff- und Herrschkraft so weit als in der Furcht; Kinder, sonst alles fromm ihren Eltern glaubend, begehren zwar eifrig das aufrichtende bewaffnende Wort wider das Gespenst, erliegen aber mit dem Worte im Herzen doch der Phantasie. – Ferner: Kinder, welche den Gegenstand der Furcht, z. B. einen Mantel mit Hut auf einem Stocke, längst durchsucht und selber zusammengebauet, laufen doch vor ihm mit Grausen davon. – So fürchten sie weniger das, was sie schon verwundet hat, als was ihnen durch Mienen oder Worte von den Eltern furchtbar benannt worden, z. B. eine Maus. Daher vermeidet und verhütet vorzüglich jede Plötzlichkeit des Worts – z. B. in der Nacht: Schau! oder gar Horch!, welches noch mehr erschreckt – oder die der Erscheinung – denn hier können die Sinne die überflammende Phantasie nur befeuern, nicht bezwingen, und die Wirklichkeit verzerrt sich wild vor der schleunigen Beleuchtung. So entsteht die Gewitterfurcht größtenteils von der Plötzlichkeit des Blitzes, womit er vor dem gespannten Blicke den finstern Himmel aufreißet. Bliebe der Himmel ein langer Blitz, wir fürchteten ihn weniger.

Nicht bloß mit Jammerblättern, dergleichen sich einige aus der peinlichen Theresiana in Basedows Elementarwerk verlaufen haben, verschone man die Kleinen, sondern auch mit jedem wörtlichen Gemälde unbekannter Körper-Schrecken – da in Kindern von Phantasie aus Körperfurcht leicht Geisterfurcht wird, und zwar – woran man nicht denkt – durch den Traum. Dieser chaotische riesenhafte Seelen- und Geistermaler bildet aus den kleinen Schrecken des Tages jene ungeheuern Furienmasken, welche die in jedem Menschen schlafende Geisterfurcht wecken und nähren. Überhaupt sollte man auf die Träume der Kinder merken, mehr als auf die der Erwachsenen, besonders schon des Unterschiedes wegen, daß in unsern immer die Kindheit wiederklingt, was aber in ihren? Wen haben nicht oft schnelle Ahnungen, ein unerklärliches unerwartetes Anwehen von Wohl- oder Weh-Sein wie ein Wehen aus tiefen Gebirgschluchten überfallen und angehaucht – oder wer hat bei neuen Landschaften, Begebenheiten, Menschen nicht zuweilen tief in sich einen Spiegel gefunden, in welchem seit alter Zeit dasselbe dunkel gestanden und geblickt, und wem ist in seinen spätern Träumen und Fiebern nicht dasselbe Schlangengewürm und Mißgeburtengewinde wiedergekehrt, wozu in seinem ganzen erinnerlichen Leben kein Urbild dagewesen? – Wie, könnten diese Geburten nicht unterirdische Reste alter Kinderträume sein, welche wie Seeungeheuer in der Nacht aus der Tiefe aufsteigen? –

Besonders verbergt euer eignes Gewimmer, es sei über fremde oder eigne Nöten. Nichts steckt leichter an als Furcht und Mut; nur daß elterliche Furcht sich im Kinde gar verdoppelt; denn wo schon der Riese zittert, da muß ja der Zwerg niederfallen.

Überhaupt nie stelle sich der Vater mit einem Karenz- und Pönitenz-Gesicht oder leidtragendem Anstand vor das Kind, als sei in einem Leben so viel zu verlieren, das man doch selber verliert; er zeige höchstens irgendeine böse Zukunft, aber nie die Angst davor; wenigstens veranstalte er von seinen Klagliedern und libris tristium keine Auflage weiter als auf einige Exemplare für Frau und Freund. Gleichwohl ist gerade das Umgekehrte das Gewöhnlichste; eben zu Hause (ordentlich als mache jede Einhegung und Stadtmauer feige) wirft der auswärts gepanzerte Hummer in seinem Uferloch die Schale ab, und im Neste mausert sich der kecke Adler vor den armen Jungen, die auf diese Weise nur die häusliche Feigheit, nicht die öffentliche Keckheit zu sehen bekommen. Jeder sei doch lieber ein Pastor Seider, der sich in verschiedenen Intelligenzblättern darüber beklagte, daß seine von andern gedruckten Leiden keine wahren gewesen.

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