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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 45
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Wenigstens ließe sich noch manches tun. Man löse doch in der Geschichte und Zeitung die so kurz und leicht hinschwindenden Laute: »Schlachtfeld, Belagerung-Not, hundert Wagen Verwundete«, welche durch ihr ewiges historisches Wiederkommen aus Gebilden zu Gemälden und dann zu Getöne geworden, einmal recht in ihre entsetzlichen Bestandteile auf, in die Schmerzen, die ein Wagen trägt und tiefer reißet, in einen Jammertag eines Verschmachtenden. Nicht nur die Geschichte, in welcher ganze Zeiten und Länder verbluten, sogar die gemeine Zeitung und Sprechart und die wissenschaftliche Ansicht der Kriegs- und der Wundarznei-Anleitungen verwandeln Wunden in Worte, das ungeheure All-Weh in einen Buchstaben. Daher denselben Minister, welcher die Regentabelle des kriegerischen Blut- und Aschenregens ruhig liniert und heiter zweien Ländern ein Blutbad verordnet, eine Bühnen-Wunde und –Träne erschüttert, bloß weil die Dichtkunst das Wort wieder rückwärts in die lebendige Gegenwart verwandelt. Auch könnte man einen Prinzen von bedenklichen Anlagen mit demselben Warn-Vorteil auf ein blutiges Schlachtfeld führen als Kinder von ganz andern in ein verwesendes Krankenhaus; aber mög' es stets der Menschheit an solchen Schul- und Heil-Anstalten fehlen! –

Eigentlich sollte nur das Volk – dies könnte man wenigstens einem Erbprinzen erziehend sagen – über den Krieg mit einem andern, d. h. über die Rückkehr in den ersten Naturstand, besonders da nur dessen harte Früchte, nicht dessen süße auf dasselbe fallen, abzustimmen haben, ob es sich als Totenopfer dem Gewitter und Sturm des Krieges weihe, oder nicht. Es ist schreiend gen Himmel, der noch nicht hört: daß ein Fürst für den Witzstich eines andern Fürsten zwei Völker unter die Streitaxt treiben darf. Man schaudert in der neuern Geschichte über die kleinen Zündruten der Kriegsminen; wie eine Weiber-Stecknadel, ein Gesandten-Finger oft der Leiter eines länderbreiten Gewitters geworden. Wenigstens sollte der Krieg der neuern Zeiten nur die Krieger treffen, nicht die entwaffneten Stände. Sobald der tätigere Anteil der letzten jene beeinträchtigt, z. B. Schießen aus Häusern: so berufen sie sich gern auf das Recht einer Absonderung und bestrafen und bekriegen zugleich; warum soll dann aber der wehrlose Stand ohne die Vorteile doch alle Leiden des bewehrten, die der Plünderung, Gefangennehmung u. s. w., teilen? – Von drei Zeiten muß einmal nach dieser schlechten vierten eine oder jede kommen, damit die Zukunft die Vergangenheit entsündige: daß es entweder Seekriege ohne Kaperbriefe gibt, und zum Landkrieg man sich, als zu einem vielstimmigen und vielhändigen Zweikampfe, in eine Wüste bestellt – oder daß wieder, wie in eingesunknen oder aufgeflognen Republiken, jeder Bürger Soldat, folglich jeder Soldat auch Bürger ist – oder endlich, daß vom Himmel die ewige Frieden-Fahne herunterflattert und über die Erde im Äther weht. –

Mir ist, als wenn Sie oder einer Ihrer Freunde einmal die Geschichte – diesen langen Kriegsbericht und Bulletin der Menschheit – für eine Kriegs-Ansteckung junger Fürsten erklärt hätten. Fast aber wollt' ich ihr die Heilung von der Kriegslust anvertrauen. Karl XII. von Schweden wurde schwerlich bloß durch Curtius' Leben des Alexanders ruhm- und länderdurstig, da Alexander selber es gewesen, ohne seinen Biographen gelesen zu haben; wie auch Cäsar, der von Curtius nichts gekannt als dessen Helden. An der Geschichte läßt sich eben die Anker- und Klingenprobe des See- und Land-Kriegschwertes machen. Sie allein zeigt dem ruhmdürstigen Prinzen, wie wenig bloße Tapferkeit auslange zum Ruhm. Denn auf der Erde ist ein feiges Volk noch seltener als ein kühner Mann; welche Völker der alten und neuen Zeit waren nicht tapfer? Jetzo z. B. fast ganz Europa, die Russen, Dänen, Schweden, Österreicher, Sachsen, Engländer, Hessen, Franzosen, Bayern und Preußen. – Je tiefer Roms freier Geist einsank, desto wilder und kräftiger hob sich der tapfere empor; Katilina, Cäsar, August hatten siegende Knechte. Die häufige Bewaffnung der alten Sklaven (wie in der neuern die der Bettler) beweiset gegen den Wert der gemeinen Faust- und Wunden-Tapferkeit. Der Athener Iphikrates sagte: raub- und lustgierige Soldaten sind die besten; und der General Fischer setzte dazu: Landstreicher. – Kann ein Fürst in die Nachwelt mit nichts als mit den schönen Tigerflecken der Eroberer strahlen wollen, womit ihn die Timurs, Attilas, Dessalines und andere Geißeln Gottes oder Knuten des Teufels überbieten? – Wie kalt geht man in der Geschichte über die unzähligen Schlachtfelder, welche die Erde mit Todes-Beeten umziehen! Und mit welchen Flüchen eilt man vor der Krone vorüber, welche, wie sogenannte Ajüstagen oder Blechaufsätze nur auf dem fortsprützenden Wasserstrahl der Fontänen, ebenso nur auf emporspringenden Blutströmen in der Höhe sich erhalten! Wo aber einige Helden davon ein ewiger Nachschimmer überschwebet, wie Marathons Ebene, Thermopyläs Tiefe: da kämpften und opferten andere Geister; – himmlische Erscheinungen, der Freiheit-Mut. Und welcher Einzelne in der Geschichte groß dasteht und ihre Räume erfüllt, der tut es nicht auf einer Pyramide von Totenköpfen aus Schlachten, sondern eine große Seele schwebet, wie die Gestalt einer überirdischen Welt, verklärt in der Nacht und berührt Sterne und Erde.

Denn es gibt eine höhere Tapferkeit, welche einmal, obwohl nicht lange, Sparta, Athen und Rom besaßen, die Tapferkeit des Friedens und der Freiheit, der Mut zu Hause. Wenn manches andere Volk, im Vaterland ein feigduldender Knecht, außer demselben ein kühnfassender Held, dem Falken gleicht (nur weniger durch Schlaflosigkeit, wie er, als durch Einschläfern zahm geworden), welcher vom Falkenmeister so lange verkappt auf der Faust getragen wird, bis er, als augenblicklicher Freier des Äthers in alte Wildheit losgelassen, kühn und klug einen neuen Vogel überwältigt und mit ihm auf die Sklaven-Erde niederstürzt: so führt das recht- und frei-mutige Volk zu Hause seinen Freiheit-Krieg, folglich den längsten und kühnsten, gegen jede Hand, die den Flug und Blick einschränkt; der einzige Krieg, der keinen Waffenstillstand haben soll. Ebenso tapfer im höhern Sinne kann der einzelne Fürst sein. Das Ideal in der Kunst, Größe in Ruhe darzustellen, sei das Ideal auf dem Throne. Das Kriegsfeuer zu besprechen, ist eines Fürstens würdiger, so wie schwerer, als es anzuzünden. Ist aber diese Tapferkeit des Friedens vorhanden – womit man allein sich vor der Geschichte noch auszeichnen kann –, so ist die zweite des Kriegs, sobald er nötig ist, die leichtere, und jede Wunde ein Glück und ein Spiel. Daher sind die Großen der alten Geschichte mehr durch Charakter als Taten, mehr durch Friedens- als Kriegs-Züge bezeichnet, und die Pflughelden der Schlachtfelder durch eine Liebe-Größe, welche, wie ein Phocion, die steile Felsenklippe gegen das Volksmeer oben voll Würzblumen für einzelne säet – welche wie Kato II. den Bruder weiblich liebt und weiblich beweint, wie Epaminondas auf dem Schlachtblocke ein Gastfreund ist, wie Brutus ein zartliebender Gatte, wie Alexander ein vertrauender Freund, wie Gustav ein Christ.

Von dieser Geschicht-Seite und Öffnung müßte, dünkt mich, ein junger Fürst in die Zukunft schauen, die er bauen und füllen hilft; auf diese Weise müßte er der schönern Tapferkeit die niedere unterordnen. Freilich wäre ein Fürst, der den Krieg aus Unmut flöhe, gefährlicher – zumal der deutschen Zeit – als einer, der ihn aus Übermut suchte; denn er wäre unheilbarer dazu. Der Zepter gleiche Saturns Sense, welche ebensowohl das Sinnbild der Erntezeit als der Sterbezeit ist.

Was mich freilich bei einer Erziehung von solchem Werte wie die Ihrige betrübt, das ist, lieber Adelhard, daß sie wenig oder nichts hilft, wenn Sie nicht geadelt werden, es müßte denn sein, daß der Prinz zu Hause bliebe. Ich meine nämlich meine Klage, daß er den Wanderstab früher als den Zepter zu nehmen und durch die drei Naturreiche oder drei Instanzen der großen Tour, Welsch-, Eng- und Franzland, zu gehen hat, damit er anders wiederkomme, als er gegangen ist! – Man kann nicht genug für das Reisen sagen, nur nicht für das frühe. Der Mann reise, nicht der Jüngling; sein Pilgerhut sei die Krone. Geht er ungekrönt, als Eilgut auf die Pariser Messe versandt, so wissen wir – schon aus dem Beispiele seiner adeligen Begleiter –, was er, den Körper nicht gerechnet, meistens mitbringt, nämlich eine Seele voll Verschmähung seines kleinern Inlands, voll Plane von Miniatur-Nachahmungen und voll Eingebrachtes, dessen Einfuhr eben der preußische Lykurg und der spanische Friedrich II., jener bei dem Adel, dieser bei dem Volke, abschnitt durch Reise-Verbot. Wenn wir vom Ausland, das genug tut, wenn es in Friedenschlüssen – im westfälischen, im Luneviller – die deutsche Staatsverfassung ändert und regelt, vollends noch die In- und Machthaber derselben umgebildet verlangen: so bürden wir uns, glaub' ich, eine zu schwere Last der Dankbarkeit auf, bei so seltener Gelegenheit der Wiedervergeltung. – Ist ausländisches Reisen der innern Bildung unentbehrlich: warum sieht man denn so wenige Dauphins, Wallis-, Asturien-, Brasilien-Prinzen auf dem Nachtzettel und im Gasthof? – Ist der Anstrich mit Welt-Firnis durch Fremde nicht zu entraten: so wird ja sein Hof von ihnen zum Glück so oft besucht und so gern und lange bewohnt, daß er leicht zu Hause bleiben kann. So brauchen bei den Handwerkern Meistersöhne in Berlin, Königsberg u. a. O. nicht zu wandern wie andere Gesellen.

Doch ein Land mag ein Erbprinz wirklich bereisen, sein eignes, je tiefer in die untern Stände hinein, desto ergiebiger; wie ein Äneas und Dante wird er aus dieser Unterwelt belehrt in die Oberwelt seines Thrones zurückkommen. Ein Fürst kann sich den Hunger nicht anders vorstellen als wie eine seltene Gabe Gottes und des Magens, und die Arbeit wie eine artige Falkenbeize, die solchen erjagt, und das Volk, das beide sattsam hat, wie sein fettes Hofbedienten-Volk. Wenn in Korea das Volk vor dem kommenden König Türen und Fenster verschließen muß: so wird er gewiß ebenso die seinigen vor jenem zusperren; und so gebiert eine Unsichtbarkeit die andere.

Ist er aber gekrönt und vermählt und etwa so alt oder noch älter als Joseph II. – oder als Peter der Große – oder als Päpste auf Reisen – oder als alte Römer, deren Prokonsulate gleichfalls Reisen waren: – so tut er sie gewiß mit noch höherm Nutzen, als wär' er sein eigner Gesandte; denn von sich erfährt er alles richtiger, schneller und portofreier. Wie man (nach Bolingbroke) im 40sten Jahre in einem Jugendbuche, so findet man ebenso alt in einem Jugendlande eine neue, vorher übersehene Welt. Ein junger Fürst bringt aus dem fremden Lande vielleicht einen welken Gedenk-Strauß seltner Freuden-Blumen nach Hause, ein älterer aber den Blumensamen dazu. Als der warmherzige, mannfeste, kerndeutsche Herzog von Meinungen ein Jahr vor seinem Tode nach einer südlichen Hauptstadt Deutschlands reisete: so sah er Höfe, Bälle, Prinzen, Weiber – nicht, sondern Maschinen, Fabriken, Suppenanstalten, Schachte, Künstler und ihre Werke, Finanz-Reformatoren und ihre Tabellen; – warum mußte er darauf so früh die längste Reise nach dem fernsten Lande machen? Auch diese kann ein edler Fürst, der seines liebt, nie zu spät antreten. Geht aber Ihr Friedanot doch früher auf Reisen als auf den Thron: so wollt' ich, Sie würden geadelt und gingen mit. Jeder Prinzenhofmeister sollte durch den Umgang mit den Fürsten den Adel, wie Eisen vom Magnet den Magnetismus, annehmen, damit man denselben Mann fortgebrauchen könnte an Speise- und Spieltischen, an welche man jetzo statt seiner einen tafelfähigen von Adel setzen muß. Wie glücklich ist eine Prinzessin, deren Orbilia und La plus Bonne gleich anfangs von so gutem Adel ist, daß sie bleiben kann. Turba medicorum perdidit Caesarem; diese Hadrians-Grabschrift gilt auch von der Seelen-Ärzte-Schar.

Manche Ihrer Fürsten-Orden-Regeln lassen sich freilich leicht weissagen, weil sie auch in der Erziehung jedes Kindes vorkommen; nur daß Sie Eigenschaften, die jeder wie kleines Geld zum Leben bedarf, vom Fürsten wie Gold als Schlagschatz und Hausschmuck fodern. Zuerst nenn' ich Worthalten. Fürsten brechen selten ihr Wort anders als gegen ganze Länder, eigne und fremde. Einem Menschen halten sie, sich etwa ausgenommen, immer alles. Chamfort bemerkt, daß man von Heinrich IV. bis zum Ministerium des Kardinals von Loménie sechsundfunfzig Brüche des öffentlichen Worts aufzähle. Erklären läßt sichs leicht aus der verdünnenden Kraft des Raums, der weit mehr als die Zeit die stärksten Kräfte auf der Stelle zersetzt, z. B. die Elektrizität, Anziehkraft, Menschenliebe, Freiheit und ein gegebenes Wort. So löset der weite Raum z. B. die britische Freiheit schon in Irland unglaublich auf, wie sonst in Nordamerika; aber auf den Meeren und in den Kolonien ist sie durch die Entfernung bis zu einem Grade weggedünstet, den nur noch das scharfe Auge eines Kapitäns und Nabobs von gänzlicher Knechtschaft unterscheiden kann. Auf dieselbe Weise nun wird ein Versprechen durch den Raum dermaßen entkräftet, daß sogar vor einigen Jahrhunderten ein Frieden, den Seemächte zwischen sich in Europa geschlossen, in Indien dem Kriege nicht wehren konnte; den Grund zeigt, wie gesagt, die Physik. Um desto nötiger ist vielleicht einem Erbprinzen für die Sprache der Wahrheit ein Sprachmeister und Sprachzimmer; ja diese Sprache ist ebenso wichtig als die wendische und italienische, welche nach der goldenen BulleAur. Bull. c. 30. § 2. ein künftiger Kurfürst, König von Böheim und Rhein-Pfalzgraf schon im siebenten Jahre zu erlernen hat; oder als die gallische, welche die Bulle gar nicht fodert.

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