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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 44
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Aus Ihrem Briefe erklär' ich mir leicht die Vermutungen – die ich hege –, daß Sie Ihren Friedanot zu keiner tätigen Lieblingkunst, z. B. Malerei, Musik, Baukunst, reizen und raten, damit er nicht, sagen Sie, das Regieren zur Nebenkunst mache. Nero war wirklich ein Kunstgenie (wie Friedrich II. ein Regierunggenie); sein ganzes Leben, von seiner Unterwerfung unter die Kunstgesetze anEr befolgte die Bühnenmusik-Ordnung, sich nie zu setzen, kein Schnupftuch und kein Spuckkästchen nötig zu haben etc. Tac. Ann. XIV. 15., sogar durch einige Grausamkeiten hindurch, bis zum letzten Todes-Seufzer kündiget so viel Gefühl für Kunst an, als ihm für Menschheit abging. Ein Fürst lege sich nun z. B. – ältere Beispiele gar nicht anzuführen, geschweige neuere – mit dem mazedonischen König Europus aufs Leuchter-Machen (metaphorisch gält' es wohl) – oder mit den parthischen Königen aufs Schärfen der Spieße (gälte gleichfalls anders) – oder mit Attalus Philometor auf den Anbau von GiftpflanzenAlex. ab Alex. L. III. c. 21. (nur dies nimmt keinen guten Metaphern-Bei-Sinn an): so verkehrt sich der ganze Hof, z. B. der des Attalus in einen Garten, und jeder fällt und greift den guten Hofgärtner bei der schwachen Seite an, bei der botanischen. Alle Hofleute wollen eben, daß der Regent noch etwas anders liebe als Regieren und Land. Jeder Großherr muß zwar nach dem Gesetz ein Handwerk treiben; allein bloß weil jeder Muselmann eins verstehen muß, wie bei den Juden jeder Rabbine; nicht aber, wie Montesquieu und andere vermuten, damit er nicht etwa zum Zeitvertreibe manche Leute erwürge; denn vierzehn davonDes Fürsten Kantemirs Geschichte des osmanischen Reichs, in Struves Nebenstunden. B. 5. werden ihm als einem Begeisterten sogar jeden Tag zum Niedermachen von seiner Religion nach- und freigelassen; ich dächte, mehr könnt' er für das Faustrecht des Handwerks, für seinen Säbel, nicht fodern.

Bin ich denn hier nicht einerlei Meinung mit Ihrer vorigen, wenn ich eben sage, daß Fürsten mit keinen Nebenkünsten, so wie die alten Statuen mit keinen Farben, geschmückt zu sein bedürfen? Wie viel leere Vollständigkeit in Geschichte, Sprachen und Künsten könnte und sollte ihnen nicht erspart werden! –

Nur Vorliebe für Wissenschaft überhaupt wird, wie bei Friedrich dem Einzigen, als ein Wechselgang zwischen zwei Höhen erquicken und bereichern; vom Parnasse kann man noch weiter umhergehen als vom Throne; ich wollte, man nennte auch da, wie auf hohen Schulen, Lesen und Lehren Regieren. Und was wäre weiter davon zu besorgen, wenn ein Fürst Präsident in der großen Akademie aller Wissenschaften wäre, als daß Günstlinge und Hofleute zu Mitgliedern würden und sehr viel verständen? – Und ist es nicht besser, daß er wie Louis XIV. den Gelehrten 66300 Livr. Pensionen auswirft, als daß er, wie derselbe Louis, 32 Millionen für bloßes Blei am Versailles-Schloß und Wasserwerk vergeudet?Pièces intéressantes et peu connues par M. D. L. P., t. I. 1785. – Sagen Sie nur frei Ihrem Friedanot, daß es in jedem Lande, sowohl in dem zensurfreien als in dem zensurbedrückten, für niemand so viele verbotene Bücher gibt als für den Fürsten selber; die Zensur erlaubt ihm selten ein Blatt.

– Dennoch muß der Fürst, ob er gleich weder so viel von Rechtsgelehrsamkeit zu wissen braucht als sein Justizminister, noch so viel von Staatswirtschaft als sein Finanzminister, doch so viel und mehr Kriegskunst selber verstehen als sein bester General. Diese Anlötung des Zepters an das Kriegsschwert tritt unverkennbar hervor; schon der Fürstenknabe wird mit keinen andern Inaugural-Ehrenämtern eingeweiht als mit kriegerischen; seinem Leben geht eine gehelmte Vorrede vor (praefatio galeata); er antichambriert im Zeughause. Kein Fürst bedenkt sich, der Kriegsdiener unter den Kriegsknechten eines fremden größern zu sein und für ihn so unbedingt zu kämpfen und zu bluten als dessen kleinster Untertan, indes ers für Unwürde halten müßte, dessen erster Minister, Präsident oder gar Generalsuperintendent zu werden. Woher, warum diese Gleichsetzung fürstlicher und kriegerischer Ehre in diesen und noch andern Punkten, als wäre der Fürst ein erster Diener des Staats bloß als erster Verfechter desselben?

Voltaires Wort: der erste König war ein glücklicher Soldat und ein Schluß daraus: ein glücklicher König ist der erste Soldat – erklärt nicht genug einen Zustand in Staaten aus einem Zustande vor Staaten. Auch ist der Krieg jetzo nur die Ausnahme, und der Friede die Regel; und so sehr man das Staatsgebäude zum Zeughause ausbauet, und den Thron zur Festung. so dauern doch die Friedenanstalten wenigstens so lange und eifrig fort als die Kriegsanstalten. Allein der thronfähige Vortritt der Kriegskunst vor allen Friedenkünsten wird von zwei ganz andern Gründen und Gefühlen gerechnet und erklärt. Erstlich bauete die Notwehr der Einzelnen den Staat; da aber noch die Notwehr der Völker gegen Völker fortdauert, so tut der Fürst seine Staatspflicht, scheint es, am besten als Küstenbewahrer gegen außen, nicht als Bau-, Brot-, Pacht- und Münz-Herr des Innern, mehr mit äußerer Waffen-Faust als mit innerem Adern-Herz. Nur findet sich dabei das Übel ein, daß die Völker, die überall aus Einzelwesen bestehen, durch die Kriegssucht der Staaten wieder in das Verhältnis sinken, woraus sich eben das Einzelwesen durch den Staat hat ziehen wollen. So wenig geht bisher der Mensch noch den Menschen an; geheftet auf die Scholle, wie das Kerbtier auf das Blatt, sieht er – wie Büchernachdruck, so Mord zwischen Völkern sittlich verzeihend – noch nicht, daß jeder Erdenkrieg ein Bürgerkrieg ist; und ein finsteres Meer gibt, wie physisch, so geistig, durch sein Bedenken dem um die Erde laufenden Gürtel-Gebirge den Schein gefälliger, auseinandergeworfener Inseln.

Doch hat ein Fürst noch einen wichtigern Grund seiner Liebe für Kriegs-Kunst, das Gefühl: daß alle Würde nur eine moralische sei; und der Vorgrund der männlichen nur Mut oder Ehre. Der tapfere Fürst krönt sich selber und den innern Menschen mit einer andern Krone, als auf dem äußern ruht. Tapferkeit oder Ehre wird jedem zugemutet, nicht aber Talent. Der Fürst, gleichsam der höchste Adel des hohen Adels, der Flügel-Edelmann, muß mit dem Ehrenpunkte des Muts als mit einem lichten Brennpunkte dem Feinde entgegenstehen. – Über Mut gibt es keinen zweifelhaften Schein, so wie keine Entzweiung oder Auswahl der Urteile. – Ein Fürst, der seinen lange bewahrten, vom Staate geheiligten Körper wie einen gemeinen der unebenbürtigen Kugel bloßstellt, gegen welche seine Krone auf fremden Boden kein Helm, sondern ein Ziel ist, pflückt vor tausend Augen mit eignen Händen den Lorbeerzweig; – hingegen die Ehre der Friedentalente fällt ihm nicht so unbestritten heim, weil mancher Fürst oft eine SonneNach Herschel gibt nur das Sonnengewölke Licht, und nur der Sonnenboden Flecken. war, welche erst der Minister mit seinem Gewölke umziehen mußte, damit sie Strahlen warf.

Freilich hat der Krieg noch Nebenreize; und es ist gut, sie vor dem zu zergliedern, dem man sie verleiden will. Da ein Regent gern regiert, besonders leicht und stark: so findet er auf der Trommel einen tragbaren Thron; denn die Kriegskunst ist eine verdichtete, mehr bestimmte und mehr vortretende Regierkunst, und die Bewegungen des Kommandostabs fallen stärker in die Augen als des Zepters seine.

Die Pulvermühle des Kriegs treiben Glückräder; wie das Kap wird hier das Vorgebirge der Stürme das Vorgebirge der guten Hoffnung genannt. In welche Lotterie soll ein Regent lieber setzen als in die des Kriegs, – zumal da er auswärtige verbeut, und in der inwärtigen darum nichts gewinnt, weil er sie selber gewinnt? – Ferner, nichts quält einen Jüngling mehr, als wenn er volljährig den Thron besteigen muß und nun von da aus sein ganzes Leben bis an den Gesichtkreis schon ausgebreitet und beschlossen übersieht. Der Fürst-Jüngling will doch erstlich etwas tun im Leben, und zweitens hinlänglich unsterblich sein hinter demselben; was gibt es dann aber für den ersten Wunsch Näheres und mehr Phantastisches als Krieg, der ihm eine Laufbahn in fremde Länder hinaus aufreißet, und für den zweiten Leichteres, da auf dem Schlachtfelde die kostbare Fackeldistel der Unsterblichkeit in einem Tage aufbricht, welche auf dem Throngestelle ein ganzes Leben begehrt? – Der edle Heinrich IV. von Frankreich sagte: lieber nehm' ich den Harnisch, als mach' ich Gesetze. Aus einem ähnlichen Grunde fangen daher Jünglinge in der Poesie und Jünglinge in der Schauspielkunst gern mit dem Fürchterlichen an, dessen Ruhm leicht und schnell und hastig erworben wird.

Sie sagen, dünkt mich, in einem Ihrer Briefe, die Sättigung der Fürsten an Lobe und Wettstreite untergeordneter Menschen werde leicht zur kriegerischen Sehnsucht nach einem Wettkampfe mit Fürsten, Feinden und vor Europa. Recht wahr! mit dem Gähnfieber, woran im siebenten Jahrhundert so viele in Italien starben, steckt die böse Hofluft leicht an; durch Schießpulver will man die Luft wieder erfrischen.

Aber wie soll nun ein junger Fürst die glänzende Gestalt des Kriegs – dieses Höllenflusses, der die lebendige Erde umgürtet, und die tote innere bevölkert – auf der schwarzen Seite zu sehen bekommen? Denn wahrlich nötig ists, besonders für Deutschland, das immer mehr der Hyde-Park und das Holz von Boulogne wird, wohin Europa sich bestellt, wenn es sich schlagen will. Werden Sie ihm den Chorfluch aller Weisen und Dichter auf den Krieg, das letzte Gespenst und wilde Heer aus der Barbarei, hören lassen? Werden Sie gleich mir eine Friedenpredigt vor dem Kriege an den Fürsten, der eben den Brandbrief zum Kriegsfeuer hinwerfen will, etwa so halten: »Bedenk es, ein Schritt über dein Grenzwappen verwandelt zwei Reiche, hinter dir verzerrt sich deines – vor dir das fremde. – Ein Erdbeben wohnt und arbeitet dann unter beiden fort – alle alte Rechtsgebäude, alle Richterstühle stürzen, Höhen und Tiefen werden ineinander verkehrt. – Ein jüngster Tag voll auferstehender Sünder und voll fallender Sterne, ein Weltgericht des Teufels, wo die Leiber die Geister richten, die Faustkraft das Herz. Bedenk es, Fürst! Jeder Soldat wird in diesem Reich der Gesetzlosigkeit dein gekrönter Bruder auf fremdem Boden mit Richtschwert, aber ohne Waage und gebeut unumschränkter als du; jeder feindliche Packknecht ist dein Fürst und Richter, mit Kette und Beil für dich in der Hand! – Nur die Willkür der Faust und des Zufalls sitzt auf dem Doppel-Throne des Gewissens und Lichts. – Zwei Völker sind halb in Sklavenhändler, halb in Sklaven verkehrt, unordentlich durcheinander gemischt. – Für höhere Wesen ist das Menschenreich ein gesetz- und gewissenloses, taubblindes Tier- und Maschinenreich geworden, das raubt, frißt, schlägt, blutet und stirbt. – Immerhin sei du gerecht, du lässest doch durch die erste Manifestzeile wie durch ein Erdbeben die gefesselte Ungerechtigkeit aus ihren Kerkern los! Auch ist ja die Willkür so hergebracht groß, daß dir kleinere Mißhandlungen gar nicht, und große nur durch ihre Wiederholung vor die Ohren kommen. Denn die Erlaubnis, zugleich zu töten und zu beerben, schließt jede kleinere in sich. Sogar der waffenlose Bürger tönt in die Miß- und Schrei-Töne ein, vertauschend alle Lebens-Plane gegen Minuten-Genuß und ungesetzliche Freiheit und von den befreundeten Kriegern als ein halber, von den anfeindenden als ein ganzer Feind behandelt und aufgereizt. Dies bedenke, Fürst, bevor du in die Heuschreckenwolke des Kriegs alles dein Licht verhüllst und in dein bisher so treu verwaltetes Land alle Krieger eines fremden zu Obrigkeiten und Henkern einsetzest, oder deine Krieger ebenso ins fremde!« –

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