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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 43
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Ein Fürst kann vielmehr nicht früh genug den Thron-Tabor erblicken, damit er einst sich darauf selber verkläre, nicht aber den Berg umwölke, den Sinai, wo er betend Gesetze empfangen soll, um widerglänzend sie in die Wüste herabzutragen. Zur Flucht vor antizipierten Höfen wüßt' ich freilich für einen einzigen Erbprinzen kein Mittel als etwa ein fremdes Land, wo der eingeborne dem eingewanderten schon die Schmeichler abfangen würde. Doch ließe sich von der unentbehrlichen Aussicht seiner künftigen Hoch-Würde durch manches der Nebenschade abwenden. Vor dem Kinde werden immer die Lebens-Ansichten sich verwirren, wenn dessen Gebieter zugleich dessen Diener ist, oder gar, wie ein schlechter Prinzenhofmeister, eine Doppel-Hälfte von Tyrann und Knecht. Ungleichheit sei, aber hinaufwärts. Bei uns unten ist jeder Vater zu Zeiten der Mitarbeiter und Korrepetitor des Hof- und Schulmeisters; sollte ein Landesvater nicht auch zuweilen der Vater seines Sohnes und Nachfolgers sein können? – Das Altertum erhebt schon Fürsten, welche Mitspieler ihrer Kinder gewesen; wie viel mehr Lob würde Mitlehrern derselben gebühren! – Ich wüßte keine ehrwürdigere Gruppe als einen fürstlichen Vater unter seinen Söhnen, ihnen die hohen Kron-Gesetze strenge einprägend, die er selber erfüllte.

Nähme aber dem Vater das Regieren, und dem Regieren wieder das Erholen zu viele Zeit hinweg: so ist ja noch die fürstliche Mutter mächtig mit ihrem Herzen und mit ihrer Muße. Der Schauspieler Baron sagte: einen Schauspieler (nämlich einen tragischen französischen) müsse man auf dem Schoße der Königinnen erziehen. Mich dünkt, dahin gehöre noch früher der Dauphin, den er vorspielt und voräfft; und eine hohe Mutter wird immer nützlicher dem Sohne als dem Vater desselben regieren lehren. »Gekrönte Mutter, was die ungekrönte der Gracchen tat, tue für deinen Sohn, damit er so edel werde als einer von ihnen, und glücklicher als beide!« So möcht' ich, lieber Adelhard, fast öffentlich sagen, um vielleicht die eine und die andere Fürstin zu erfreuen, die es schon getan.

Gut wär' es auch, wenn Fürstenkinder auch ihresgleichen in dem Erziehzimmer haben könnten – ich meine, wenn es eine Fürsten-Schule im höhern Sinne gäbe als die bei Naumburg. Wir alle hinauf und hinab wurden immer, an Kinder-Gemeinschaft verknüpft, zusammenwirkend erzogen; der Erbprinz sitzt allein im Zimmer beim Hofmeister. Nur Kriegskunst treiben die Fürsten mit einem Kommilitonen-Heer; vielleicht ist dies eine Ursache mehr, daß sie diese am meistern lieben und verstehen.

Es ist mir gar nicht unerwartet, wenn Sie Ihren Friedanot – ob er gleich schon über 11 Jahre zählt – vor dem Gifte des kindlichen Geistes dadurch zu bewahren glauben, daß sie ihn zwingen, sich dem Alter und dem Verdienst unterzuordnen. Er ist jetzo bloß noch ein Untertan, wie sein Lehrer und selber seine Mutter. Noch wichtiger ist, daß ein Kind, welches Erwachsene nicht als solche achtet, auf den Weg zu Menschenverachtung gerät, die ohnehin so oft auf Thronen regiert. Überwiegt der Rang, noch dazu ein künftiger, den Menschen, welchem allein eigentlich jener zu dienen hat: so wird die größere Zahl der Staatsbürger künftig in dem Fürsten-Auge bald den Hirschköpfen in Fontainebleau ähnlich, worunter stand: »Ludwig der und der erwies mir die Ehre, mich zu erschießen«, und die kleinere Zahl wird einem und dem andern königlichen Jagdhund aus derselben Gegend gleich, welchen ein Hofmann gern Vous, Monsieur Chien, benannte, obgleich Monsieur früher sogar nur den Heiligen gegeben, und später sogar den fünf Direktoren in Paris abgeschlagen wurde. Da überhaupt vor dem Fürsten, wie vor einem Gesetze, oder besser vor beider Bunde, die Individualitäten in Geister zergehen, und diese in eine Geister-Masse: so wird für einen gekrönten Menschen-Verächter leicht aus dieser nur eine Körpermasse des Kriegs und Friedens; bloß ein Mensch bleibt übrig, er.

Darum messe ein Fürst das Verdienst stets nach Zollen – solange er ein Kind ist; – da sind noch Zolle Jahre, und Jahre Gaben. Es ist freilich eine Kleinigkeit, daß Sie – gegen die Sitte – Ihrem Prinzen, wenn Sie erwachsene Gäste an der Tafel haben, nicht zuerst vom Bedienten dienen lassen, so viel ich vermute; aber das Gegenteil wäre gar keine. Immer gebe ein Louis XV. in seinen Kinder-Jahren andern Mitkindern (so sehr hatte dieser Monarch sogar schon in seiner Unschuld Kinder lieb) einen Orden mit blau und weißem BandFragmens de lettres orig. de Mad. Elizabeth de Bavière etc.T. I.p. 253. und einem Medaillon mit dem Bilde des Pavillons, worin sie spielten; nur empfange das Kind kein Ordenband des reifen Alters als Wickelband; noch weniger halt' es, wie jenes und sein Vorgänger Louis XIV., ein lit de justice beinahe in der Wiege, oder bekomme, wie andere Fürstenkinder, in Händchen, die noch die Rute füllt, schon den Kommandostab gelegt. Warum sitzen auf dem Fürsten-Kinder-Stuhle nicht ebensogut kleine Minister und Präsidenten, oder fahren im Kinderwagen kleine Gesandte vom ersten Range?- Diese Herabwürdigung des Staats und der Menschheit wirkt in der erregbaren Kindes-Seele wie auflösender Gifttrank nach. Daher auf den Gesichtern so mancher Fürsten-Kinder jene überreife, abgelebte, listig-schale, kühle Miene, aus Übermut des Standes und der Vorjugend und aus Schwäche des Alters gemischt. –

– Sonderbar, eben da ich dieses schreibe, kommt Ihr vorletzter Brief erst an, auf den Sie sich in Ihrem letzten schon bezogen, doch ohne recht von mir gefaßt zu werden. Jetzo versteh' ich vieles. Ihr neuliches Friedanots-Fest aber wurde ordentlich dazu als ein Bundes-Fest zwischen meinen Weissagungen und Ihren Maßregeln gefeiert, oder als ein Übergang vom vorigen zum Folgenden, von der negativen Erziehung zur positiven.

Ich schreibe denn fort: nur Fürsten und Weiber allein werden für eine bestimmte Zukunft erzogen, die übrigen Menschen für unbestimmte, für den Reichtum des Schicksals an Richtungen und Ständen. – Dies ist der Lebensgeist Ihres Lebens und des Ihnen anvertrauten. Die Erziehung eines Fürsten ist die einzige ihrer Art, wie der Gegenstand selber der einzige des Staats. Ihr Zögling kann, wie nicht zu bescheiden genug über sich, so nicht stolz genug von seiner Würde denken: die Umkehrung von beidem ist überall Unglück. Sein Amt, ein Hoch-Amt am Altare des Staats, fodert einer zerbrechlichen Menschen-Form die Wirkungen eines Gottes ab. Er ist nicht bloß der erste Diener, sondern das Herz des Staats, das seine Blut- und Lebenströme wechselnd aufnimmt und aussendet, der Schwerpunkt desselben, der den mannigfachen Kräften Form aufnötigt. So zeig' ihm deutsche Philosophie etwas anders in seiner Hochwürde, als die persiflierende französische Philosophie und die der Weltleute tut, welche den Thron als eine höchste geerbte Hofstelle oder eine Regentschaft mit hübschen Einkünften, oder das Land als das größte Regiment gleich lächerlich und nutzbar vorzustellen sucht. O, der alte Irrtum, sie für Gesandte und Gesalbte Gottes zu halten (was am Ende jeder Mensch, nur in verschiedenen Graden ist, z. B. das Genie, oder jeder gegen die Tiere), ist viel edler und wirkender als der spätere, sie für Gesandte des eigensinnigen Erpressens, d. h. des Teufels auszugeben. Sondern der deutsche Herzens-Ernst zeige dem jungen Fürsten-Adler seine Flügel und seine Berghöhe und seine Sonne. – Als irgendein guter, warmer, aber zu rascher Genius der Erde das irre Auseinanderbilden der Menschheit sah, die, in Einzelwesen zerlaufend, wie ein Meer nur Wellen ohne Richtung erhob, und als er dem Meere ein Ufer und schnellen Stromzug geben wollte: so schuf er den ersten großen Fürsten, der die zerstreueten Kräfte zu einem Ziele sammelte und triebe. Auch würde der Genius das Glück, die Völker wie glänzende Venus- und Erdengürtel um unsere Kugel geschlungen zu sehen, erlebt haben, wenn er etwas nicht vergessen hätte, was doch ein anderer Genius besser bedachte, der immer mehre Genies als Geister-Fürsten zu gleicher Zeit erscheinen ließ – ich meine, wenn er dafür gesorgt hätte, daß eine Raum- und eine Zeitreihe guter Fürsten, ein heiliger Familien-zirkel über die Kugel und eine regierende Schönheit-, Glück- und Ehrenlinie durch die Zeit wäre gezogen und beschrieben worden. O was könnte nicht die verarmte Menschheit geworden sein, wenn, so wie dreißig Päpste hintereinander an der großen Doppelkirche Roms den Bau fortgeschaffen, ein gleich- und nachzeitiger Fürsten-Bund ebenso den großen Tempelbau der Menschheit, Tempel auf Tempel türmend, fortgeführet hätte! – Kann die Menschheit das Schicksal anklagen, daß es ihr durch einen Einzigen die Wege der schnellsten Erhebung (so wie Vertiefung) auftat, wenn man die Anzahl der Fürsten mit der freien Macht, Chorführer der Zeiten und Länder zu sein, überrechnet und sie, wie viele ebene Spiegel vor der Sonne auf einmal, zu einem Himmelfeuer zusammengestellt sich denkt? Nicht himmlische, sondern menschliche Schuld ist es, wenn sie leichter sich zu Kriegs- und Plagegöttern der Staaten als zu Schutzgöttern verbanden. –

So würd' ich, um Sie nachzuahmen, meinem Prinzen seine Würde malen, weil nur der die seinige ziert, der sich von ihr gezieret glaubt. Fürsten denken leicht von Fürsten klein, wie auf Bergen Berge sich verkleinern. Ich würde sogar, als Ihr Kollaborator, meinen Kronerben jährlich ein Einweihfest, ein Vorfest der Krönung (z. B. an seinem Geburttage) begehen lassen, wo ihm die Heiligkeit seiner Zukunft, die Unverletzbarkeit seiner Seele, wie eines jungfräulichen, für ein Wesen bestimmten Leibes, in den Siegesbogen aufgerichteter Völker vor den Fahnen und Wappen großer Vorahnen oder doch Vorzeiten feurig und nahe vor das junge tugenddurstige Auge träte. An einem solchen Tage könnt' er auch in die Abgründe untergesunkener Völker schauen. Er lerne Plutarchs Größen-Geschichte auswendig, ihm nützlicher als die neuere, und bete aus Antonins Betrachtungen auf alle Tage. Der Adlerorden, der Name Landesvater, den der edle Camillus zuerst als Ordenstifter trug, und darauf der antikatilinische Cicero als Mitglied – bis er sank und an einen Cäsar, August u. s. w. geriet –, glänze ihn wie ein Feuerwerk auf sieben Freiheit-Bergen an. Er lerne sich nicht als einen Generalissimus oder als einen Minister der auswärtigen Angelegenheiten, als einen Präsidenten der Gerichtsstube oder der Kammer oder als einen Rektor magnifikus der Wissenschaften sehen, sondern als einen Land-Pfleger im höhern Sinn, der für und über alle Zweige des Staats den Blick hat, wie der Kunstrichter für alle Schönheiten den Geschmack. Er sei ein Jupiter, der seine Nebenerden und Hof-Ringe zugleich um sich und die allgemeine Sonne führt.

»Nach den gewöhnlichen Forderungen der Gelehrten« – schreiben Sie – »müßte ein Fürst, der selbst regieren will, die Wissenschaften aller Staatsdiener in sich vereinigen, um darüber entscheidend zu stimmen. Aber weniger die Kenntnis der Sachen, die nicht zu umfassen sind, als die Kenntnis der Menschen, welche vortragen und vollstrecken, ist nötig und möglich; folglich habe ein Fürst nur Charakter, und wenn nur dieser fest und rein vor dem Lehrer erwachsen, so wird er ebensogut durchschauen als durchgreifen.« Sie haben dies aus meiner Seele geschrieben. Wenn Menschen uns zu leicht und stark verblendeten, so hatte hundertmal eine Schwäche unsers Herzens, nicht eine Schwäche unsers Auges die frühere Schuld. Besonders gehört ein rein-fester Charakter beim Fürsten zum Sehen und Handeln (denn auf dem Throne wird der Sehnerve leicht zum Bewegnerven des Muskels). Güte ohne Charakter wird (oder kanns) von allen Volk-Feinden, hingegen ein Charakter ohne Güte höchstens von einem Volk-Feinde, von sich selber, beherrscht oder benützt. Die ganze jetzige Zeit ist eine Königmörderin des Charakters, besonders der Gesundheit vorher, die seinen Wurzeln Flugerde gibt; überdem werden vergiftende Hostien Leibern und Geistern gereicht und zum Meßopfer eines Gottes ein Mensch dazu geopfert. Daher so viele marklose, aber zepterhaltige Armknochen, daher manches Fürstenleben ein passiver Rat von 500 ist,- und sogar das Gute wird mit Erlaubnis der – Untern getan und gedruckt.

Desto besser, lieber Adelhard, daß Sie so strenge für einen festen Körper Ihres Zöglings sorgen; nur bewachen Sie ihn so lange, bis die gewöhnlichen Sukzessionpulver der Fürstenjugend vor ihm vorübergegangen sind, z. B. die Hauptstädte der großen Tour, ein paar Weiber mittlern Alters und die Volljährigkeit.

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