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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 41
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Heinrich VIII. von England verbot den Weibern, das Neue Testament zu lesen; jetzo tuts leider das Zeitalter. Zum Glück für meine Wünsche kenn' ich Sie und Ihr Geschlecht. Eine ungläubige Fürstin ist fast so selten als ein gläubiger Fürst; und Sie geben vielleicht beides zu. In frühern Jahrhunderten findet man freilich Gustave, Bernharde, Ernste u. s. w. mit Religion, so wie auf Gebirgen Anker.Z. B. auf den Bergen von Lachwa in Novogrod. Hubes Physik I. Vermutlich leitet mich die Lage irre; aber ich bekenn' Ihnen, wollt' ich mir ein Ideal weiblicher Schönheit bilden, so war immer der Thron sein Fußgestell – worüber mich meine Reisen entschuldigen –; allein es ging mir mit dem Ideale weiblicher Geistes-Schönheit ebenso, und ich sah es immer gekrönt. »Mit Dornen?« fragen Sie; »wahrscheinlich,« (antwort' ich) »aber noch mit Gold dazu.«

Kurz, ich glaube fest, daß eine gewisse ideale Zartheit und Reinheit der weiblichen Seele sich auf keiner Stelle so schön entwickeln könne als auf der höchsten, dem Throne, so wie auf Bergen die schönsten Blumen blühen, von Gebirgen der feinste Honig kommt; zwei Ähnlichkeiten, welche die dritte versprechen. Wenn die weibliche Natur zu ihren feinsten Blüten mehr der Form und Sitte, gleichsam der Blumen-Vase und Blumenerde, bedarf, indes die Manns-Wurzeln den weiten rohen Boden und Felsen durchgreifen und sprengen: so findet jene, was sie nur braucht, am Hofe, der bekanntlich ganz Form und Sitte ist, und zwar engste und sittlichste – ohne Selbstlob des meinigen gesprochen; denn schon die bloße höhere Ausbildung überhaupt, so wie die Darstellung einer höhern Höflichkeit, diese Formen und Widerscheine der Sittlichkeit, wollen da nicht als umgekehrte Nebenregenbogen, sondern als starkgefärbte Regenbogen aufgetragen werden. Ich könnte noch Dezenz, Ehre, Würde (sowohl männliche als weibliche), Delikatesse, Schonung anführen, welches sämtlich an allen Höfen nicht nur vom äußern körperlichen Anstand gefodert, so wie beobachtet wird, sondern auch vom innern körperlichen, ich meine von jedem Worte, womit der Hofmann nicht sich ausspricht, sondern etwas Besseres, sittlichen Schein.

Weibliche Tugend ist zwar Saitenmusik, die im Zimmer, männliche aber Blasmusik, die im Freien sich am besten ausnimmt; da nun die Menschen stets öffentlich am sittlichsten handeln – an der Spitze eines Heers oder Volks ist eine solche Feigheit wie etwa in einem Kabinett oder Walde unmöglich –; und da wir fürstliche Märterer mit unsern Zimmern nur zu sehr den griechischen Schauspielern gleichen, welche der Chor keinen Augenblick auf ihrer Bühne verlassen durfte; und da vollends Weiber die Augen-Menge scheuend achten durch schönstes Tun: so ist mein Satz natürlich.

Ich kann aber noch beifügen: Die Fürstin – ohne das verwirrende Abarbeiten im rohen Dienst des hungrigen Lebens – im milden Klima der äußern, dem Herzen wie der Schönheit gedeihlichen Ruhe – an und für sich mehr ins Anschauen als Mithandeln gezogen – wenigstens, falls sie nicht selber will, nicht hineingezwungen in jene schwarze Höhle der Staatspraxis, an deren Schwelle der Fürst und der Minister den Mantel der Liebe wie einen wollenen den untern Bedienten aufzuheben geben – – Ich weiß nicht mehr, wie und wozu ich angefangen; aber dies weiß ich, daß die höhern Frauen auch noch hinter einem langen schwarzen Leichenzuge menschenfeindlicher Erfahrungen immer ihr liebendes Herz und ihre Innigkeit lebendig bewahren, indes Männer in diesen Fällen, ja zuweilen bei einem einzigen Trauerfall des verwaiset hingeworfnen Herzens in ewigen Menschenhaß versinken. Leichter verschlösse eine Frau ihren Mund auf immer als ihr Herz.

Wozu viele Worte? Ich habe beste Fürstinnen gesehen. Ohne die Vorteile des Throns hätte ihnen viel gefehlt, ohne die Nachteile desselben der Rest. In der Tat Geduld, ein wenig Leiden – und zwar geistiges, z. B. wenn die Jahre den Ring der Ehe zur Ringkette fortsetzen – und mehr dergleichen bildet in der Blüte die Frucht, und in dieser den Kern eines himmlischen Lebens.

Dazu gehört sogar die Geduld mit der festlichen Langweile unsers Standes. Der Sonntag wurde von Moses hauptsächlich zum Ausruhen des Sklaven eingesetzt; aber gerade dieser Ruhetag ist ein Unruhetag des Hofs; und sooft mein Volk mich unter den rauschenden Festen beneidet, so komm' ich mir vor wie die spartischen Heloten, die man unter lieblichem Flötenspiele durchstäupte. –

Meine liebe Theodosia hätte gern ihre Tochter so genial, als sie selber ist, und empfahl daher Ihnen freilich die Ausbildung der Phantasie sehr stark. Vielleicht ist indes, weil ich selber etwas trockener und dürrer Natur bin und mit meinen Federn mich mehr warm halten als in den kalten Äther versteigen will, mir am gesunden Menschenverstand meiner Tochter fast unendlich gelegen. Ich untergrübe sogar ein wenig, wenn ich könnte, ihre Einbildungkraft. Phantasie in einer Fürstin gebiert häufig fürstliche Phantasien – und Sturmlaufen gegen den Himmel – und allerlei vulkanische Produkte – und Verkalkungen der Schatzkammer und Verflüchtigen der Kron-Juwelen und sonst manches, was ich weiß. Kann eine phantastische Frau das Landes-Grün in Wiesen und Wälder zusammengezogen und verdichtet an einem Ringfinger tragen in Gestalt des größten Smaragds: sie tuts, Pomponne, bei Gott! – Ich bäte mir daher lieber gesunden Verstand dafür aus, wenn ich keinen hätte. Freilich, glänzen kann man wenig mit ihm; aber desto mehr ausrichten. Letztes weiß ich gewiß; manche Fürstin, welche unter der Regierung ihres Gatten bloß als eine verständige, liebende Mutter und Gattin bescheiden dagestanden war, konnte nach seinem Tode (denken Sie nur an die Witwe meines alten Herzbruders in M-g-n) den Landesvater ersetzen durch die Landesmutter und mit klarem Auge und lehrbegierigem Ohre die Fahrt des Landes richtig steuern. Phantasie und Phantasien sind auf dem Throne, um welchen wie um andere Höhen mehr Winde wehen als hinter dem Staatsschiffe, nur aufgespannte Segel im Sturm, in welchem sie gerade der Schiffer oder der Verstand einzuziehen hat.

Heiterkeit habe Theoda so viel als möglich; Witz inzwischen in Maße; jene (verbunden mit folgerechtem Verstande und unwandelbarem Herzen) mag einen Ehe-Fürsten vielleicht lenken, wenigstens zwingen, wie ja die schwache Zauberin sonst dem Teufel gebot; aber Witz allein ohne Herz, Salz ohne Kost, verwandelt eine Frau in Loths Frau, welche zur Salzsäule wurde, und wovon der alte Loth sich schied, indem er weiterging.

Auf das Phantastische zurückzukommen, so sollt' es mir lieb sein, Gute, wenn Sie an meiner Tochter irgendein Talent zur Musik oder zum Zeichnen ausfindig oder rege und herrschend machten. Musik lässet nur gehört, aber nicht getrieben, den Gefühlen und der Phantasie zu viel Lauf; die Schwierigkeiten der Kunst erschöpfen die Seele. Daher rät ein gewisser Pfarrer Hermes in BerlinEr ist Konsistorialrat in Breslau. Fürstliche und träumerische Verwechslung zugleich! Mädchen den Generalbaß an. Auch Zeichnen ist gut, ob es gleich den Fehler hat, das weibliche Auge für Körperformen überwiegend einzunehmen. Eins oder das andere, z. B. ein Gemälde, woran eine Fürstin etwa ein Halbjahr lang arbeitete, wenn sie es nicht mit dem Hofmaler, als heimlichen Mitmeister und Vater, erzeugt, würde ihr, die wie eine Biene in die bunte Hof-Tulpe eingekerkert ist, solche lüften; denn in diesem Falle bleibt ihr doch etwas, was sie täglich wachsen sieht und läßt, worin eben das Lebens-Glück besteht. Die alte sächsische Fürstin, welche, wie ich gelesen, das rechte und das linke Rheinufer auf eine Robe stickte, war gewiß unter dem Sticken so glücklich, ja glücklicher als nachher in der Robe selber; jetzo wäre ihr schon die Hälfte des Himmels gestohlen, da wir, wie ich höre, das linke Ufer nicht mehr haben.

In Hinsicht der weiblichen Eitelkeit haben Sie nichts zu tun, d. h. zu sagen; denn jedes Wort in Ihrem Appartement ist vergeblich, wenn Theoda abends bei dem Tee oder im Konzert das Entgegengesetzte von ernsten Männern und Weibern hört, welche Stand und Geschlecht zugleich bekränzen und eben durch Verwechslung von beiden dem armen Kinde die zweite anbieten oder aufdringen. Wird sie älter oder gar alt: so ist ohnehin ein sehr starkes Bewundern die Pflicht eines jeden Hofmanns, da leider die dummen gedruckten genealogischen Verzeichnisse in jedem Jahre das Alter einer Fürstin ausschreien; wiewohl man in London noch einfältiger ist und die Alter-Zahl gar mit Kanonen in die Ohren schießt. Dann braucht sie es nicht wie die jetzigen, keine Wohlgerüche vertragenden Römerinnen zu machen, welche vom Meßaltar so weit als möglich wegtreten, aus Scheu des Weihrauchs, sondern sie kann, da jener und dieser für sie selber gehören, schon stehen bleiben.

Hier gerat' ich auf den wichtigsten Punkt: alles nämlich, was ich vorhin von Religion und von Menschenglück gewünscht aus Ihrer Hand für Theoda, soll ihrer fürstlichen Bestimmung zwar dienen und helfen, aber nicht entgegenbauen; Tröstungen und Erquickungen soll sie daraus holen, aber keine Gegen-Waffen wider Eltern. Ich meine nämlich (unter uns), ich stehe (seit der letzten Reise) nicht dafür, daß nicht nach zehn oder acht Jahren meine Theoda als ein Länder-Mörtel oder Kronen-Nietnagel an einen Prinzen kommt, den sie (was der Himmel verhüte!) von Herzen verabscheuet. Diese Furcht müssen sich fürstliche Eltern gefallen lassen. Ich bin Reichsstand und brauche auf dem Reichstage mehr Sitze und Stimmen, als mein Land gleich meinem Körper hat. In der Tat hab' ich auf den Glanz meines Hauses zu sehen; von jeher hab' ich mir Kinder als Hoheitpfähle gedacht, die ich bloß recht weit von mir einzustecken habe, um mehr Land zu gewinnen. Also hierüber, Madame, gibts für meine Tochter nichts als eine Ja-Schule. Werden doch die Bräutigame oft ebensogut als die Bräute von der Diplomatik gewählt! Auch läßt sich vieles gutmachen im schlimmsten Falle; und an Thron-Klippen, wo andere scheitern, kann man nur bluten. – Eine Frau, vorher so unbestimmt und der ganzen Windrose männlicher Zephyre folgsam, wird vom bestimmten und bestimmenden Manne zum steten Passatwind. – Oft der Häßlichste wird am Altare – oder bald darauf – der Schönste, so wie umgekehrt; und das priesterliche Wort kehrt, wie am Magnete der Blitz, wegstoßende und anziehende Pole leicht in entgegengesetzte um.

Doch viel zu viel davon! Ich achte mein künftiges Schwiegersöhnchen aufrichtig; und noch niemand weiß, was für ein Mann aus dem lustigen Männchen wird; aber gesetzt auch, die priesterliche Einsegnung wäre für Prinzeß eine priesterliche Verwünschung, so daß ihre Flitterwochen erst in die Hoftrauer um ihn einfielen: so kann ich ihr wenigstens vor der Hand nicht helfen. In Loango darf zwar eine Prinzessin – und zwar nur sie – welchen sie will, zum Mann erlesen; und in Homer hatte Penelope hundertundacht Freier um sich stehen (den auswärtigen Mann nicht einmal gerechnet); aber damit können wir (es sind weder unsere Zeiten, noch unsere Länder) unsern Prinzessinnen, zumal vor ihrer Vermählung, nicht dienen; Gesandten-Ehen müssen so wie englische Soldaten-Ehen sein, wenn anders nicht bloße Herzen und Hände, anstatt ganzer Länder, sollen verbunden werden. Träfe sich also wirklich der Fall, daß irgendein Thron zu einer Goldküste würde, wo eine Tochter in ein Sklavenschiff verkauft würde: so kann ihr keine schönere Prinzessinsteuer und Morgengabe mitgegeben werden als ein Mutterherz; dieses vergüte ihr jedes andere, das ihr entgeht; die Kindes-Liebe ist gewisser als die eheliche. – Von Ihnen begehr' ich nach einem solchen Vertrauen keine andere Antwort als Zukunft, welche die Erzieherin einer Fürstin schöner und gewisser in der Hand hat als ein Prinzenhofmeister die seines Zöglings; denn dieser wird abgelöset und abgesetzt, und seine Nachfolger gleichen weniger Päpsten, von welchen jeder den Bau der Peters-Kirche fortsetzte, als den Fürsten selber, die die Bauten des Vorgängers meist unvollendet lassen. Sie hingegen führen allein an Ihrer Hand Theoda lange, und vielleicht bis in die eheliche. – Mögen Sie gut führen!

Justinian.

 
Mit dem Briefe endigte ich den Traum und stand auf. Da ich aber mit der Nachtmütze auch die Krone ablegte und wie gewöhnlich privatisierte: so würde ein Kunstrichter, der etwas tadeln wollte, weiter nichts beweisen, als wie unbekannt oder gleichgültig ihm Kants Grundsatz ist: daß man einen entthronten Souverän durchaus wegen keiner von ihm auf dem Throne begangenen Fehler bestrafen könne. Etwas anders ist, wenn ich wach bin und fehle.

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