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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 40
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Fünftes Kapitel

Geheime Instruktion eines Fürsten an die Oberhofmeisterin seiner Tochter

§ 101

Es sei mir verstattet, das wenige, was ich über Fürstinnen-Erziehung denke, einem Traume mitzugeben. Der Traum, wovon ich rede, erhob mich über alle Mittelstufen hinweg auf einmal in den Fürstenstand; eine Erhebung, die man weniger geheimer Ehrsucht als einer unmäßigen Zeitungleserei zuschreibe. Es kam darin mir nun vor, ich hieße Fürst Justinian und meine Gemahlin, mit der ich die Prinzessin Theoda erzeugt hätte, Theodosia, die Hofmeisterin aber Pomponne, wahrscheinlich ein französischer Geschlechtsname. Meine geheime Instruktion, die ich, mit dem Fürstenhute auf dem Kopfe, an Madame de Pomponne aufsetzte, mag ungefähr folgender Gestalt träumerisch genug lauten.

*

Liebe Pomponne, ich gehe gern offen zu Werk; was gestern meine Gemahlin mit Ihnen über Theodas Erziehung festgestellt, ratifizier' ich mit Vergnügen, da sie es so will; doch auf einige geheime Abänderungen der tätigen Konduitenliste, die man Ihnen vorgeschrieben, mach' ich mir Hoffnung, sobald Sie meine Wünsche gelesen. Denn ich gebe freilich meine Gesetze so gut als ein anderer; nehme aber auch aus Absicht einige an; man kann nicht immer die Krone in der Tasche bei sich haben, wie sonst die deutschen Kaiser ihr Krönung-Zeug auf Reisen mitnahmen; nur hüte man sich, meinen Fürstlichen Herren Vettern zu gleichen, welche – wenn die altpersischen Könige an ihrem Geburtstage ihrer Gemahlin nichts abschlagen dürfen – aus ihrem Wiegenfeste fast gar nicht herauskommen.

Ich bekenn' es Ihnen, acht Tage nach meinem Beilager war ich in Umständen und in Hoffnung – die aber nicht so gesegnet wie die meiner Gemahlin wurden –, daß nämlich die letzte, wie untere Stände tun, vielleicht selber die Oberhofmeisterin einer künftigen Prinzessin werden würde; Sie sollten bloß den Titel führen. In der Tat, ziele' ich auch nur die Langweile des Hofs – der am besten weiß, was ein längster Tag und eine längste Nacht in 24 Stunden auf einmal vorstellen – in Erwägung: so sollt' ich glauben, eine Fürstin, die jene noch härter fühlt als ihr Fürst, würde schon deshalb mit der Erziehung ihrer Tochter sich die Zeit und die Grillen vertreiben. Hat man die Hofleute, die immer auf dem Hofboden, wie Leute in Kähnen und Steigbügeln, mit gebognen Knien am festesten zu stehen glauben, so satt, daß man ordentlich nach Hunden, Papageien und Affen hinlangt, weil diese, gleichgültig gegen den Stand, sich immer frei und neu und interessant äußern: so muß ja mein Kind, das am Hofe unter die wenigen meinesgleichen gehört und folglich sehr frei ausdrückt, was es denkt, mir noch interessanter sein. Und sollte denn eine vortreffliche Fürsten-Mutter, welche ganze Jahre einem Gemälde oder einer Stickerei opfern kann, nicht lieber sich selber sitzen und sich malen in der Nachbildung ihrer Tochter? Und warum flehen die einfältigen Geistlichen auf den Kanzeln nur, daß die Fürstin glücklich Mutter werde, nicht aber auch, daß sie eine bleibe erziehend? –

Doch dies sind nur Fragen. Meine geliebte Theodosia konnte manche Schwierigkeiten nicht so leicht überwinden, als sichs eine väterliche Phantasie vormalt; sie ist übrigens eine so warme zarte Mutter, und Sie werden selber erfahren, daß sie selten oder nie eine Woche verstreichen läßt, ohne Theodan einmal rufen zu lassen.

Liebe Pomponne, viel oder das Meiste ruht denn doch auf ihrer Liebe und Sorge für das Kind. – Gestern hab' ich das lange Kapitel über äußere Dezenz, fürstlich-weibliche Würde und Zurückhaltung angehört und untersiegelt; meinetwegen sei dies; und ich will der Prinzessin gern noch zu seiner Zeit den Tanzmeister aus Paris verschreiben, der sie im Heben und Werfen der Schleppe unterweiset. Doch nicht gar zu weit werden Sie, hoff' ich, Gute, diese Sie selber bindenden Einhegungen jedes Schrittes, diese Sperren jeder wörtlichen Ausfuhr, dieses Quetsch-Formen und Krumm- und Gerade-Schließen des Körpers zu treiben trachten. O die gute Theoda! – Muß es denn sein? – Der Hof ist zwar ein pays coutumier – nur das Land ein pays du droit civil –; aber das regierende Haus ist immer jenes weniger. Mehre Attitüden und Lebhaftigkeiten, die ich meinen Kavalieren als Unschicklichkeiten und Verstöße gegen die Ehrerbietung anschreiben müßte, werden mir, dem Herrn, als originelle Züge, als pikante liebenswürdige Eigenheiten (vielleicht aus Schmeichelei) unter manchen Wünschen angerechnet, sie öfter zu erblicken. Auf diese Rechnung der Auslegung hin lassen Sie immer der Prinzessin einiges durchlaufen. Ich lernte nach meiner Vermählung eine der liebwürdigsten schönsten Fürstinnen nach der ihrigen kennen, welche die artige Unart hatte – eine andere war bei ihr nicht denkbar –, in einen vollen Konzert- oder andern Saal nie anders zu laufen als rennend mit vollen Segeln; was tat der Hof und fremde Herrschaften, z. B. ich, dabei? Wir priesen sämtlich ihr Feuer. Indes wäre sie zwölf Jahre alt gewesen und ihre Oberhofmeisterin dabei, so möchte wohl das himmlische Feuer ein ganz anderes entzündet haben.

Müssen denn die armen Prinzessinnen zu Anstand-Maschinen entseelt werden und in Säle gleichsam als Eis-Ofen hingesetzt, in welchen das kleine Naphtha-Flämmchen nicht durch kann? – Soll denn eine Fürstin so weit eingekerkert werden, daß sie nie zu Fuße über eine Brücke gehen darf, ausgenommen über die bunten Park-Stege? – Sind Tränen das beste Prinzessin-Waschwasser? – Es ist wenigstens gut, daß man von uns Prinzen etwas Härteres den Namen borgen läßt, das Prinzmetall. – Werden nicht später die armen Kinder ohnehin in Förmlichkeit golden eingeschmiedet, auf Leben-Dürre und Liebe-Verzicht angewiesen und unter dem polarischen Thron-Himmel festgebannt, der ebenso viel Nebel und Kälte schickt als irgendeiner? – Erliegt darunter doch selber ein regierender Herr, der sehr ändern könnte und donnern. Allerdings auf den Bahnen der öffentlichen Erscheinungen und Festen sei alles abgemessen und trocken; aber nicht in Ihrer und ihrer Einsamkeit; weißer Kies liege auf den Gartenwegen glänzend und glatt; aber in die Blumenbeete taugt keiner. Der Herzog von Lauzun sagte: damit man Prinzessinnen zu Liebhaberinnen behalte, so halte man sie hart und schelte sie brav. Sie werden gewiß diesen Herzogweg, geliebt zu werden, nicht mit dem einer Erzieherin verwechseln. Sie lieben, wie ich am Sonntage hörte, die nordische Götterlehre; wollen Sie nun nur die Nossa meiner Tochter, oder auch die GefioneDie Göttin Nossa gab den Jungfrauen Schönheit, Gefione Schutz. derselben sein? Die Gesundheit ist die rechte Gefione; und diese Göttin führe doch ja Theoda so gut am linken Arme als Nossa sie am rechten. Freilich hat eine schöne Fürstin mehr Untertanen als ihr Fürst; freilich prangt nirgend die weibliche Schönheit in vollern Blüten als auf den Thron-Alpen; nur werde meine Aussaat der Nachwelt nicht einer gefüllten Blume überlassen. Der Fürstensaal, in welchen die deutsche Zukunft wie in ein Festungwerk ihr Heil und ihre Freiheit niederlegt, werde von zwar zarten, schönen, doch starken Händen erbauet. Ist jede Mutter wichtig, so, dächt' ich, wäre eine fürstliche die wichtigste. Kann ichs nur im künftigen Juli machen: so begleitet mich Theoda, und ich habe die Freude, Sie zu begleiten. Dann will ich manches durchsetzen. In des alten Mandelslohs indischen Reisen steht, nur der König unter den Paradiesvögeln habe Füße – wahrscheinlich sind wir Fürsten nur Paradiesvögel, und irgendein gemeines Geschöpf ist unser König; – meine Königin Theoda aber soll da zu Fuße gehen; ferner soll sie dürfen, was kein römischer Diktator durfte: zu Pferde sitzen. Ich mag gar nicht daran denken, wie fürstliche Gesundheiten von denen untergraben werden, die sie vielleicht täglich trinken; hätt' ich schon einen Erbprinzen, ich wäre außer mir vor Angst.

Lassen Sie mir Theoda mehr englische als französische Werke, und mehr deutsche als beide lesen. Ich weiß nicht, welcher witzige Schriftsteller die Ähnlichkeit des Hof- und Welttons mit dem Tone der französischen Literatur gezeigtDies war ich selber im 3ten Bande der Ästhetik; aber im Traume ist das Bekannteste verwischt.; indes der Gedanke ist treffend. In einem französischen Buche lebt man immer in der großen Welt und am Hofe; in einem deutschen oft auf Dörfern und Marktflecken. Die Prinzessin soll mir aber etwas von der greulichen Unwissenheit über das Volk aufgeben, das sie sich nur als eine Vervielfältigung des fetten Bedienten denkt, der hinter ihrem Stuhle ihr den Teller abnimmt und ableert; sie soll mir nicht glauben, daß einem Bettler nicht mit Talern gedient sei, bloß weil sie selber wegen des leichten Gewichts und Rechnens nur Gold bei sich führt oder führen läßt. Dies ist aber das Wenigste. In den deutschen Werken herrscht im ganzen sehr derbe Kräftigkeit des Herzens – Kühnheit der Rede – Sitten- und Religion-Vorliebe – abwägender Verstand – gesunder Menschensinn – parteilose Allseitigkeit des Blicks – herzliche Liebe für alles Menschenglück – und ein Paar Augen, die gen Himmel sehen. Wird nun diese deutsche Kraft und Reinheit auf eine von Geschlecht und Stand zart ausgebildete Seele geimpft: so muß sie ja schönste Blumen und Früchte zugleich tragen.

Ein französischer Büchersaal ist hingegen – wenn ich anders nicht ungerecht anschaue, erbittert von den gallischen Zeitungschreibern und von meinen altfürstlichen Erziehern – nichts besser als ein Vorzimmer oder ein Coursaal. Theoda lieset dann nur, was sie täglich hört; – dieselbe Sprech-Weiche bei Denk-Härte (so wie gerade die Mineralogen ihr neues Gestein ›it‹, z. B. Hyalit, Cyanit, oder sonst griechisch weich benennen), dieselbe Persiflage entgegengesetzter Begebenheiten, weil der Weltmann dem Epikur gleicht, welcher leugnete, daß ein Satz entweder wahr oder falsch sei – dieselbe andere Ähnlichkeit der Weltleute und Franzosen mit der epikurischen Schule, welche, ungleich jeder philosophischen, keine Sekten hatte, weil die ganze Schule über Wein, Essen, Mädchen und Gott übereinkam. – –

– Nein, meine Theoda lese ihren Herder (die Voltaires wird sie schon als Kammerherrn hören) und Klopstock und Goethe und Schiller. Sie, liebe Kinder- und Franzosen-Freundin, sind ihr ohnehin eine ganze französische Bibliothek. An deutschen Höfen – nicht bloß an meinem – waren von jeher Ihre Landsleute und deren Werke gleich willkommen und wirksam; ordentlich als ob das, was die Römer im Ernst so befanden, daß die gallischen Sklaven die besten HirtenMeiners Geschichte des Verfalls der Sitten der Römer, aus dem Varro. waren, figürlich so gelten sollte, daß Ihr Volk die besten Hirten der Völkerhirten (nämlich Prinzenhofmeister) und der Völker, nämlich Prinzen, liefern könnte.

Nur Rousseau und Fenelon vergessen Sie nicht; und ebensowenig Mad. de Necker mit ihren Mémoires. Zärter, feiner, blühender, religiöser und doch interessanter ist schwerlich ein anderes Buch für hochgebildete Frauenseelen geschrieben als von dieser Mad. Necker, deren Edelsteine ebenso viel Arzneikräfte als Schimmer und Farben haben. Ihre Tochter aber, Mad. Stael, mag ihre Karten bei der meinigen so lange abzugeben verschieben, bis das Mädchen alt genug ist, einen so geistreichen Besuch anzunehmen.

Deutsche Fürstinnen bewohnen und verbinden jetzo fast alle europäische Thronen, wie – wenn ich so preziös sprechen darf – Aurorens Rosenketten die Bergspitzen. Sonst wurden die heidnischen Fürsten, nach Thomas' Bemerkung, durch Vermählung mit christlichen Prinzessinnen zur bessern Religion bekehrt. Dieses Kunststück ist jetzo zwar von keiner Prinzessin zu verlangen; wohl aber, daß sie nur selber zu einer erzogen werde. Wer keinen höhern und festern Himmel über seinem Auge hat als den Thronhimmel aus Samt und Holz, ist sehr beengt und hat über seinem Kopfe wenig Aussicht. Wer auf den blumigen Höhen der Menschheit doch kein Glück erreicht, der ist, wenn er ohne Gott im Innern ist, hilfloser als der Niedrige, der wenigstens in der Anklage seiner tiefen Stellung die Hoffnung der Verbesserung sucht. Nur die Religion kann Fürstinnen, die vielleicht oft, so wie die Narzissen dem Höllengotte, ebenso einem ähnlichen gewidmet sind, mit Kraft, Ruhe, Stille und Leben waffnen und lohnen. Wodurch anders konnten in vorigen Zeiten die Weiber bei weniger Bildung die größere Roheit und Härte der Männer ertragen und verschmerzen als durch Religion, die ihnen die weinende Stunde in eine betende auflösete! – Eine Frau, der so viel abstirbt, ehe sie stirbt, braucht mehr als ein Mann etwas, das sie von der Jugend bis ins Alter wie ein hoher Stern begleitet. Und wie heißt der Stern? Am Morgen des Lebens Stern der Liebe, später selber nur der Abendstern.

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