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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 36
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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§ 93

Sonst hieß die Frau eines Edelmannes Hauswirtin. – Die alten Briten wurden öfters von tapfern Weibern in Schlachten geführt. – Mehre skandinavische Weiber waren nach Home Seeräuberinnen. – Eine Nordamerikanerin tut auf dem Felde und eine Pariserin im Kaufladen alles, was bei uns der Mann. – Sollte es sonach genug sein, wenn ein Mädchen bloß stickt, strickt und flickt? – Als Schweden unter Karl XII. alle Männer nach Ruhm ausgeschickt hatte, wurden Weiber die Postmeister, die Landbauern und die Vorsteher öffentlicher Anstalten.Mémoires secrets sur les règnes de Louis XIV., par Duclos. Da aber allmählich durch die Zeit sämtliche Männer auf den Kriegs- und Friedensfuß gesetzt werden: so sollte man, dächt' ich, mehr darauf denken, die Mädchen vor der Hand zu Geschäft- und Lehnträgerinnen derselben zu erziehen; denn später dürfte auch von Weibern, wenn die Männer tot geschossen worden, ein anderes Konskribieren und Enrollieren als das unter Ehegatten gefodert werden.

Lebens- und Arbeit-Gymnastik ist, wenn irgend zwei vorige Paragraphen recht hatten, das dritte Gebot weiblicher Erziehung. Doch besteht sie nicht in sogenannter Frauenzimmerarbeit. Nähen, Stricken oder Spinnen an einem Pariser Taschenspinnrad ist Erholung und Arbeitlohn, keine Arbeit und Übung, man müßte denn das Spinnen wie die MoldawerinnenSumarokoffs Reise durch die Krim. gehend verrichten. Das Sticken, diese weibliche Musaik, mehr den höhern Ständen zuständig, welche von Nichtstun sich durch Wenigtun erholen müssen, gibt leicht das Stickmuster zu einer siechen trüben Dächsin. Lykurg schickte seine Sparterinnen (nach Xenophon) in die öffentlichen Übungplätze, und nur die Sklavinnen vor den Webstuhl und Spinnrocken. Ich rechne nicht die körperlichen Nachteile am meisten, z. B. die Sklaven-Haltung des Leibes, welche von der Tanzschule erst an der Nähschule verbessert werden muß – denn eine fortbewachende Mutter könnte ebensogut bei dem Sticken als ein Schreibmeister bei dem Schreiben gerade Haltung bewahren –; ich rechne auch nicht den nervenschwächenden, prickelnden Fingerspitzen-Reiz des Strickens; und der körperliche Nachteil des Sitzlebens mag erst nachher mehr vortreten. Aber die meisten Finger-Arbeiten, womit man das weibliche Quecksilber fixiert, führen den Schaden mit sich, daß der müßiggelassene Geist entweder dumpf verrostet, oder den Wogen der Kreise nach Kreisen ziehenden Phantasie übergeben ist. Strick- und Näh-Nadel halten z. B. die Wunden einer unglücklichen Liebe länger offen als alle Romane; es sind Dornen, welche die sinkende Rose selber durchstechen. Es habe hingegen die Jungfrau, wie meistens der Jüngling, ein Geschäft, das jede Minute einen neuen Gedanken befiehlt: so kann der alte nicht immer durchsagen und vorglänzen. Überhaupt schlägt der Wechsel der Geschäfte mehr der weiblichen Seele zu, festes Forttreiben eines einzigen der männlichen.

Zerstreuung, Vergeßlichkeit, Mangel an Besonnenheit und an Geistes-Gegenwart sind die ersten und schlimmsten Folgen dieses süßen innern und äußern far niente; mehr aber braucht eine Frau nicht, um die Ehe-Dreifaltigkeit zu vergiften, Kind, Mann und sich. Himmel, wie muß der Jüngling jeden Tag seinen Lebensfaden aus neuen Flocken ziehen, oder seinen Plan auf weitem Wege dem Ziele näher führen, indes eine Jungfrau im Heute das Gestern wiederholt als Spiegel des Morgen. Er freilich schreitet, und sie sitzt; jenen läßt man stehen, diese sitzen.

Das weibliche Geschlecht hat eine solche Vorliebe für ankernde Lebensart, daß es gern, wie (nach Gerning) die Griechinnen, sich Einlegstühle nachtragen ließe, um nach jedem Schritte einen Sitz bei der Hand zu haben. Sie könnten sich aber, dächt' ich, begnügen, der Sonne nur darin ähnlich zu sein, daß sie glänzen und erwärmen, ohne auch, wie sie, unbeweglich zu sein. Sie haben mit den sitzenden Professionen, den Schneidern und Schustern, Milzsucht und Schwärmerei gemein. Dieses Sitzleben voll Mittagruhe, Morgen- und Vormittagruhe und Vesperruhe, das besonders die höhern Damen bei vollen Tischen und Mägen führen, setzt die Ärzte so in Angst, in Lauf und Umlauf, daß am Ende ein Chevalier d'honneur und Kammerherr ebensogut Arzneikunde verstehen sollte als Französisch. In diesem Kreise dürfte man freilich wenige Schweizerinnen, geschweige jene Szeklerin aus dem Gyergyoer Stuhle suchenErgänzungsblätter der Allg. Literatur-Zeitung 1803. Nr. 19., welche im Gefechte gegen die Moldauer sieben davon mit einem Spieß niedermachte und abends wieder- und sogleich niederkam mit einem Sohn. Der Vorfall trug sich zu den siebenten September – 1685.

Ein gewisser Quoddeusvult glaubt im (noch ungedruckten) 23ten Bändchen der Flegeljahre einiges zu entschuldigen, wenn er sich, nachdem er so lange von weiblicher Sitz- und Tanzlust gesprochen, bis er auf die Schwebfliegen geraten, die unverrückt schweben, und pfeilschnell schießen, darüber so ausläßt: »Wie die weibliche Natur lieber ruht als die männliche, dies seh' ich weniger an den Krebsen – wovon der weibliche viel weniger Afterfüße unter dem Schwanze hat – als am menschlichen Fötus selber: der Knabe setzt sich schon im dritten Monat in Bewegung, das Mädchen im vierten. Auch durch die Culs de Paris spricht sich sitzende Lebensart genug aus. Aber die Natur mildert hier so stark; wie sie dem Fieberkranken Hunger nach Sauerkraut und Hering als Heilspeisen gibt: so pflanzte sie der bett- und sophalägerigen Frau den Kunsttrieb nach Tanzen ein, so wie dem faulen Wilden. Wie im Konzert kommt nach dem Adagio bei ihr das Prestissimo. Ich wüßte aber auch nicht, was dem jetzigen Sitz-Largo di molto nötiger wäre als das Hops-Furioso. Ein Ball ist eine stärkende Schnecken- und Austerkur schleichender Schnecken und sitzender Austern; ein tanzender Tee ist das beste Gegengift gegen getrunkenen – die beiden Arzneifinger treten an den Füßen als zehn Arznei-Zehen auf – und auf einem Maskenball hat die offne Dame den Pestilenziarius an der Hand, da der Pestarzt sonst in Wachs-Masken ging. – Wenn ihr wollt, daß Damen schneller gehen als Posten und Läufer, so stellt nur eine englische Kolonne von Leipzig nach Dessau und lasset das Mädchen chassieren: und seht nach, wer zuerst ankommt, die Post oder die Tänzerin« – – und so weiter. Denn so vieles auch wahr davon ist, so bleibt es doch besser an seinen Ort gestellt, nämlich in den dreiundzwanzigsten Band.

Diese Seßsucht oder Sitzsamkeit greift auch in die kleinern Zweige der Kinder- und Haushalt-Zucht, indem Weiber oft bloß erlauben und versäumen, um nur nicht – aufzustehen, oder ungern die Bewegung des Kindes durch die eigne erkaufen, oder gern das Physische verzögern, wie das Geistige übereilen. In London ruft zweimaliges Klingeln den Kammerdiener, dreimaliges aber die Kammerjungfer, wahrscheinlich um dem Geschlechte Zeit zu lassen.

§ 94

Wie ist nun diesem abzuhelfen? – So wie ihm in den niedern Ständen abgeholfen wird. Das Mädchen treibe statt der träumerischen einseitigen Dreifingerarbeiten die vielseitigen Geschäfte des Hauswesens, welche das Träumen und Selbst-Verlieren jede Minute durch neue Aufgaben und Fragen aufhalten; in den ersten Jahren von der Kochkunst an bis zur Gärtnerei; in den spätern von der Statthalterschaft über die Bedienten an bis zur Rechnenkammer des Hauses. Was ein Minister im kleinen Staate ist, dies ist eine Frau in ihrem kleinern; nämlich der Minister aller Departements auf einmal – der Mann hat das der auswärtigen Affären –; und besonders ist sie der Finanzminister, der im Staate, nach Goethe, zuletzt den Frieden entscheidet, so wie, nach Archenholz, die Magazine den Krieg. Auch die vornehme Frau würde gesünder und glücklicher werden und machen, wenn sie mehr der maître d'hôtel, ja die femme de charge sein wollte – für das Haus, mein' ich; denn dem Manne ist sie oft beides. Im ganzen zwar bleibt das Weib der höhern Klassen durch Nichtstun zärter-schön; aber diese Venus gleicht der römischen, die zugleich die Göttin der Leichen war; man verstehe unter letzten nun ihre Kinder, oder ihren Mann, oder sie selber. Doch sprech' ich nicht von der Kochkunst, um nicht so lächerlich zu werden als Kant, welcher begehrt, daß man darin so gut ordentliche Stunden (wie in Schottland) geben sollte als im Tanz; vielmehr wird der schöne Spruch Senekas für Opfernde: puras deus, non plenas adspicit manus (Gott sieht auf reine Hände, nicht auf volle) auch für die höhere Frau Bedeutung gewinnen, und sie wird erwägen, daß der Mann reine, weiße Hände mehr ansieht als das, was volle etwa Gutes auftischen.

Sonst aber, warum ist denn in der weiblichen Rangliste der Realtitel »Hauswirtin« kein großer? Bereitet sie nicht als solche den Kindern – so wie sonst physisch – so kameralistisch eine freiere Zukunft zu? Und kann eine Frau etwas im einzelnen unter ihrer Würde finden, worin die größten Männer im ganzen die ihrige gesucht, ein Kato von Utika, ein Sully u. s. w.? Verwaltet muß doch einmal das Hauswesen werden; soll denn lieber der Mann noch gar diese Überfracht zu seinen äußern Frachten laden? Alsdann aber geriete ich bloß in Erstaunen, daß die Frauen – denn tulich ists, da Humboldt und andere die Beispiele an Männern in Süd-Amerika gesehen – nicht das so billige und wichtige Säugen der Kinder uns auftragen. Nach einiger erregender Übung hätte man, statt der Still-Ammen, Still-Männer; die Minister, Präsidenten und andere Chefs (die Kinder würden in die Sessionen nachgetragen) hielten es besser aus als ihre Weiber u. s. w.

Übrigens sage nur keine mehr luftige als ätherische Frau, Haushalten sei als mechanisch unter der Geistwürde, und sie wolle lieber so geistig-glücklich sein wie ein Mann. Gibts denn irgendein Geistwerk ohne ein Handwerk? Setzen die Rechnenkammern, die Schreibkammern, die Paradeplätze des Staats weniger oder anders als Küche und Haus die Hände in Bewegung? Kann denn der Geist früher und anders erscheinen als hinter dem mühsamen Körper; z. B. das Ideal des Bildhauers anders als nach Millionen gemeiner Stöße und Schläge auf den Marmor? Oder kann gegenwärtige Levana anders in die Welt und den Druck gelangen, als daß ich Federn schneide, eintunke und hin- und herziehe?

Ihr heiligen Weiber deutscher Vorzeit! ihr wußtet von einem idealen Herzen so wenig als vom Umlaufe des reinen Bluts, das euch rötete und wärmte, wenn ihr sagtet: »ich tu' es für meinen Mann, für meine Kinder«, euch mit euren Sorgen und Zielen nur unterordnend und prosaisch erscheinend! Aber das heilige Ideal kam durch euch, wie das Himmelfeuer durch Wolken, auf die Erde nieder. Die mystische Guyon, welche im Hospital einer eklen Magd die Dienste abnimmt und nachtut, hat einen höhern Seelenthron als der Feldherr, der mit fremden, ja eignen Waffen die Wunden schlägt, die er nicht schließt. – Alle Stärke liegt innen, nicht außen; und ob ein Dichter auf dem Druckpapier, oder ob ein Eroberer auf dem Gesandten- und Traktatenpapier die Länder stellt und mischt, ist an und für sich nur äußerlich so verschieden als Nichts und Alles; ich meine für den Pöbel.

§ 95

Von Natur sind die Frauen geborne Geschäftleute; berufen dazu vom Gleichgewichte ihrer Kräfte und von ihrer sinnlichen Aufmerksamkeit. Die Kinder fodern ein immer offenes Auge, obwohl keinen immer offnen Mund; claude os, aperi oculos. Aber welcher Sprechzirkel, der immer nur kleine und leichte Verhältnisse umschließt, könnte jenen allgegenwärtigen Blick so üben als ein häuslicher Handelkreis? – Knaben von gewisser Bestimmung, z. B. zu Künstlern, zu Gelehrten, zu Mathematikern, können den Geschäftgeist entraten, aber nie ein Mädchen, das heiraten will, besonders einen von den obigen Knaben. Überhaupt müßte man viel stärker wider das Zerstreuetsein eifern, das keine Schuld der Natur, sondern eigne ist und nie die entscheidende Bedingung einer überragenden Kraft. Jedes Zerstreuetsein ist teilige (partielle) Schwäche. Würde z. B. der Dichter und Philosoph, der in der äußern, seiner Tätigkeit aber fremden Welt zerstreuet fortschreitet, ebenso zerstreuet auch in seiner innern Welt arbeiten, die er allein zu beschauen und zu beherrschen hat, so wäre er ja eben toll oder unnütz. Dasselbe gilt für den umgekehrten Fall, wenn die zerstreuete Frau die äußere, worin sie zu tun hat, über die innere versäumt. – Soll nun ein Mädchen um- und vielsichtig werden – soll sie nicht in Gesellschaft ihre vielen Augen, wie Argus die seinigen, bloß zu bunten Augen in einen Pfauenschweif versetzen – oder soll sie nicht wie der Seefisch, die Butte, auf der rechten Seite zweiäugig sein, blind aber dafür auf der linken: so werde sie vom wirtschaftlichen Leben vielseitig geübt; und die Eltern müssen nichts daraus machen, daß etwa ein Liebhaber dergleichen der Äther-Braut verdenkt, so wie Plato dem Eudoxus vorwirft, er habe die reine Meßkunst durch Anwendung auf die Mechanik entheiligt; – denn heute oder morgen tritt doch die Ehe ein, und der Ehemann, der gesetzte Flitter-Wöchner, küßt alsdann die mütterliche Hand für alles, was gegen sein Erwarten die töchterliche tut.

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