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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 32
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Drittes Kapitel

Natur der Mädchen

§ 81

Die Erziehung der Töchter bleibt den Müttern die erste und wichtigste, weil sie unvermischt und so lange dauern kann, daß die Hand der Tochter aus der mütterlichen unmittelbar in die mit Eheringen gleitet. Den Knaben erzieht eine vieltönige Welt, die Schulklassen, Universitäten, die Reisen, die Landsmannschaften und die Bibliotheken; die Tochter bildet der Muttergeist. Eben darum bleibt er unabhängiger von den Stößen fremder Einwirkung als seine Schwester; denn der äußere Widerspruch nötigt ihn zu innerer Einheit der Ausgleichung, indes dem Mädchen leicht eine Weltseite zum Weltteil wird, ja zur Welt.

Vor der Ausbildung des Geschlechts muß erst die Rede von dessen Charakter sein. Nach bekannten Grundsätzen ist die männliche Natur mehr episch und Reflexion, die weibliche mehr lyrisch und Empfindung. Campe bemerkte richtig, daß die Franzosen alle Mängel und Vorzüge der Kinder haben – daher sie, wie ich glaube, sich gern Athener nennen, welche der alte ägyptische Priester gleichfalls sehr kindlich und kindisch befand –; ich habe an andern Orten ferner die große Ähnlichkeit zwischen Franzosen und Weibern dargetan. Aus beiden Behauptungen würde die dritte von der Ähnlichkeit zwischen Weibern und Kindern folgen, wenigstens von der schmeichelhaften. Dieselbe unzersplitterte Einheit der Natur – dasselbe volle Anschauen und Auffassen der Gegenwart – dieselbe Schnelligkeit des Witzes – der scharfe Beobachtung-Geist – die Heftigkeit und Ruhe – die Reizbarkeit und Beweglichkeit – das gutmütige schnelle Übergehen vom Innern zum Äußern und umgekehrt, von Göttern zu Bändern, von Sonnenstäubchen zu Sonnensystemen – die Vorliebe für Gestalten und Farben und die Erregbarkeit setzen die körperliche Nähe beider Wesen mit einer geistigen fort. Gleichsam zum Gleichnis werden daher die Kinder anfangs weiblich gekleidet.

Wer Gegensätze der neuesten Manier lieb hätte, könnte die Weiber noch antike oder griechische, ja orientalische Naturen nennen, die Männer moderne, nordische, europäische; jene poetische, diese philosophische. Ein Mann hat zwei Ich, eine Frau nur eines und bedarf des fremden, um ihres zu sehen. Aus diesem weiblichen Mangel an Selbstgesprächen und an Selbstverdopplung erklären sich die meisten Nach- und Vorteile der weiblichen Natur. Daher können sie, da ihr nahes Echo leicht Resonanz wird und mit dem Urschall verschmilzt, weder poetisch noch philosophisch sich zersetzen und sich selber setzen; sie sind mehr Poesie und Philosophie als Poeten und Philosophen. Frauen zeigen mehr Geschmack, wenn sie eine andere, als wenn sie sich anzukleiden haben; aber eben weil es ihnen mit ihrem Körper geht wie mit ihrem Herzen: im fremden lesen sie besser als im eignen.

§ 82

Wir wollen die Einheit und Innigkeit der weiblichen Natur auf mehren Wegen verfolgen. Eben weil keine Kraft in ihnen vorherrscht und überhaupt ihre Kräfte mehr aufnehmende als bildende sind, weil sie, treue Spiegel der veränderlichen Gegenwart, jede äußere Veränderung mit einer innern begleiten, eben darum erscheinen sie uns so rätselhaft. Ihre Seelen erraten, heißt ihre Körper und ihre äußern Verhältnisse erraten; daher der Weltmann sie so liebt und so nennt wie jene langen dünnen Weingläser, die man impossibles heißt, weil man sie nicht austrinkt, so hoch man sie auch aufhebt.

Gleich dem Piano-Forte möchte man sie Pianissimo-Fortissimi nennen; so unverfälscht und stark geben sie die Extreme des Zufalls wieder; indes eben darum ihr natürlicher Zustand der ruhende sein muß, der gleichwiegende; ähnlich der Vesta, deren heiliges Feuer nur Weiber bewachten, welches überall in Stadt, Tempel und Zimmer, nach dem Gesetz, den mittlern Platz einnahm. Den Mann treibt Leidenschaft, die Frau Leidenschaften, jenen ein Strom, diese die Winde; jener erklärt irgendeine Kraft für monarchisch und läßt sich regieren von ihr, diese, mehr demokratisch, läßt umgehend befehlen. – Der Mann ist öfter ernst, das Weib meist nur selig oder verdammt, lustig oder traurig; was dem vorigen Lobe der abgewognen ruhenden Verfassung nicht widerspricht: denn bei der einen Frau bleibt den ganzen Tag Lustigkeit feststehend, bei der andern Trübsinn; erst die Leidenschaft stürzt beide.

§ 83

Liebe ist der Lebengeist ihres Geistes, ihr Geist der Gesetze, die Springfeder ihrer Nerven. Wie sehr sie lieben ohne Gründe und Erwiderung, das würde man, wenn man es nicht an ihrer Kinder-Liebe sähe, aus ihrem Hassen merken, das ebenso stark und ohne Gründe fortfrißt, wie jene fortnährt. Gleich den Otaheitern, die so sanft und kindlich sind, und doch den Feind lebendig fressen, haben diese zarten Seelen wenigstens zu Feindinnen einen ähnlichen Appetit. Oft spannen sie einem Donnerwagen Tauben vor. Die etwas zänkische Juno begehrte und bekam vom Altertum die sanften Lämmer zum Lieblingopfer. – Die Weiber lieben, und unendlich, und recht; die feurigsten Mystiker waren Weiber; noch kein Mann, aber eine Nonne starb aus sehnsüchtiger Liebe gegen Jesus. Allein nur ein Mann, kein Weib konnte dem stoischen Weisen Gleichgültigkeit gegen Freundschaft zumuten. Mit diesem Brautschatz der Liebe schickte die Natur die Frauen ins Leben, nicht etwa, wie Männer oft glauben, damit sie selber von jenen so recht durch und durch, von der Sohle bis zur Glatze, liebgehabt würden, sondern darum, damit sie – was ihre Bestimmung istDer § 85 zeigts. – Mütter wären und die Kinder, denen Opfer nur zu bringen, nicht abzugewinnen sind, lieben könnten.

Die Frau verliert – ihrer ungeteilten, anschauenden Natur zufolge – sich, und was sie hat von Herz und Glück, in den Gegenstand hinein, den sie liebt. Für sie gibts nur Gegenwart, und diese Gegenwart ist nur wieder eine bestimmte, ein und ein Mensch. Wie Swift nicht die Menschheit, sondern nur Einzelwesen daraus liebte, so sind sie auch mit dem wärmsten Herzen keine Weltbürgerinnen, kaum Stadt- und Dorfbürgerinnen, sondern die Hausbürgerinnen; keine Frau kann zu gleicher Zeit ihr Kind und die vier Weltteile lieben, aber der Mann kann es. Er liebt den Begriff, das Weib die Erscheinung, das Einzige; wie Gott – wenn diese kühne Vergleichung nicht zu kühn ist – nur eine einzige Geliebte kennt, seine Welt. Noch auf andere Weise stellt sich diese Eigentümlichkeit dar. Die Männer lieben mehr Sachen, z. B. Wahrheiten, Güter, Länder; die Weiber mehr Personen; jene machen sogar leicht Personen zu dem, was sie lieben; so wie, was Wissenschaft für einen Mann ist, wieder leicht für eine Frau ein Mann wird, der Wissenschaft hat. Schon als Kind liebt die Frau einen Vexier-Menschen, die Puppe, und arbeitet für diese; der Knabe hält sich ein Steckenpferd und eine Bleimiliz und arbeitet mit dieser. Aus jenem entspringt vielleicht, daß Mädchen und Knaben, zugleich in die Schule gesandt, jene, obwohl diesen vorreifend, dennoch länger mit ihren Spiel- Puppen spielen als diese mit ihren Spiel- Sachen. Wenn indes sogar erwachsene gemeine Weiber einer von einem Kinde vorbeigetragnen Gala-Puppe von Stand inbrünstig nachschauen: so mag hier weniger die Personen- als die Kleider-Liebe vorwalten. – Ferner die Mädchen grüßen öfter als die Knaben; sie sehen mehr den Personen nach, diese etwa dem Gaul; jene fragen nach Erscheinungen, diese nach Gründen, jene nach Kindern, diese nach Tieren.

§ 84

Je verdorbner ein Zeitalter, desto mehr Verachtung der Weiber. Je mehr Sklaverei der Regierungform oder -unform, desto mehr werden jene zu Mägden der Knechte. Im alten freien Deutschland galten Weiber für heilig und gaben, gleich ihrem Ebenbilde, den Tauben des Jupiters zu Dodona, Orakel; in Sparta und England und in der schönen Ritterzeit trug das Weib den Ordenstern der männlichen Hochachtung. Da nun die Weiber stets mit den Regierungformen steigen und fallen, sich veredeln und sich verschlimmern, diese aber stets von den Männern geschaffen und erhalten werden: so ist ja offenbar, daß die Weiber sich den Männern nach- und zubilden, daß erst Verführer die Verführerinnen erschaffen, und daß jede weibliche Verschlimmerung nur der Nachwinter einer männlichen ist. Stellt sittliche Helden ins Feld, so ziehen Heldinnen als Bräute nach; nur umgekehrt gilts nicht, und eine Heldin kann durch Liebe keinen Helden bilden, obwohl gebären. Desto verächtlicher ist der enge, ekle Pariser, der über oder gegen Pariserinnen und folglich gegen alle Weiber Klage führen will, indes er selber nur seine eignen ältern Sünden einimpft und mit seinem Weibischen die Weiblichkeit vergiftet. Wie würde ein solches Aufgußtierchen der Zeit vor einer Sparterin und Altdeutschen stehen und zerfließen und vertrocknen!

Folglich klagt die jetzige Zeit in der weiblichen Sinnlichkeit nur die männliche an. Indes lassen die Teufels-Advokaten wider die Weiblichkeit und die Heiligsprecher für dieselbe sich ausgleichen, aber zum Vorteile der Weiber. Es gibt allerdings verschiedne Scherzvögel, die etwas drucken lassen, und welche bloß darum, weil sie, ohne andern bedeutenden Aufwand von Blick und Welt und Geist und Herz, jedes Weib in nichts als einen fünften oder sechsten Sinn und alle Wünsche plump in einen einzigen verwandelt haben, von den deutschen Rezensenten als große Menschenkenner angestaunt und angeschrieben werden; besonders da Rezensent (es ist ein Schullehrer) Gott und dem Verfasser dankt, daß er nun den Schlüssel des weiblichen französischen und Kombination-Schlosses auf einmal für wenige Groschen, die er noch dazu als Ehrensold nur einzunehmen, nicht zu bezahlen hat, in die Hand bekommen.

Diese Weiber-Denunzianten haben allerdings zur Hälfte Recht, aber auch zur Hälfte Unrecht; jenes, wenn sie von physiologischer Sinnlichkeit, dieses, wenn sie von moralischer sprechen. An jener – aber ohne Beitritt des Herzens ganz unschuldigen – ist niemand schuld als Gott der Vater; und ebensogut könnte man ihnen die größere Schönheit des Busens als moralische Last und Ausschweifung aufbürden. Wenn aber der Himmel sie hauptsächlich für Kinder geschaffen: so ist ja offenbar die physiologische Sinnlichkeit vom All- und Vorvater der Kinder zum Besten der nachkeimenden Nachwelt angeordnet. Die erste Erde, die der Mensch bewohnt, und neun Monate lang, ist eine organisierte; kann diese aber für die erste und ursprüngliche Bildung zu üppig und kräftig sein? Kann Mangel an Reiz und Leben je etwas bilden, ein organisches Geschöpf voll Reiz und Leben?- Und welche Sekunde ist die wichtigste im ganzen Leben? Gewiß nicht die letzte, wie Theologen sonst sagten, sondern wahrscheinlich die erste, wie Ärzte bewiesen.

Dagegen ist den Sinnen des Weibes ein reineres Herz, als das männliche ist, das mit jenen Gemeinschaft macht, zum Gegengewichte beschieden; und die Anklage des Körpers schließet hier eine Lobrede des Geistes in sich ein. Aber diese guten Wesen verteidigen sich selber nicht, außer durch Anwalde; ja bei ihrer Glaubens-Fertigkeit kann ihnen das mißtrauende Geschwätz zuletzt die Zuversicht auf ihr Inneres entwenden; so kommen jetzo manche um ihre Religion oder doch Religionmeinungen, ohne zu wissen wie, bloß weil sie teils den Gesprächen darüber zuhören, teils wenige mehr hören.

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