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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 31
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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§ 78

Allein der ernste Gegenstand fodert, daß ein

Zweites Kapitel

über Bestimmung des weiblichen Geschlechts

ihm sein Recht der Würde wiedergebe. Überhaupt muß ein Vater, der seine Kinder nur stundenlang sieht und bildet, an die Mutter, die sich tagelang mit ihnen ermüdet, nicht die Foderung seiner stündlichen Anstrengung und Haltung machen. – Dieses längere Zusammenleben entschuldigt auch manches mütterliche Überwallen in Liebe und in Zorn. So findet auch ein Fremder die elterlichen Rügen immer zu hart, weil ihm ein Fehler nur zum erstenmal und außerhalb der Kette erscheint, welchen Eltern zum tausendsten Male und in wachsender Verbindung sehen. – Überschätzung der Kinder wird Müttern noch darum leicht, weil sie, nahe genug an der Entfaltung ihrer Seelen stehend, um jedes neue Blatt aufzuzählen, eine allgemeine menschliche Entwickelung für eine besondere individuelle nehmen und daraus auf ein oder ein paar Wunder schließen. – Und wie muß nicht schon die körperliche Pflege, die im Mittelstande bloß der Mutter auflastet, diese – im Gegensatz des freien Vaters – abstumpfen und abmatten gegen die geistige!

§ 79

Die Erziehung der ersten Hälfte des ersten Leben-Jahrzehends ist – schon durch den Körper – in Mutterhand gelegt. Dem Vater läßt der Staat oder die Wissenschaft oder die Kunst nur Zwischenstunden und mehr Unterricht als Erziehung zu, zwei glückliche Väter ausgenommen. Der erste ist ein Landedelmann, der in einer so goldnen Mitte aller Verhältnisse ruht, daß er sein Schloß zum Philanthropin seiner Kinder machen kann, wenn ihm anders seine Nach-Ahnen lieber sind als Karten, Hasen und Pachtgeld. Der zweite ist der, den er beruft, ein Landprediger – die sechstägige Muße, die ländliche Einzäunung gegen städtisches Umwühlen, die freie Luft, das Amt selber, das eine höhere Erziehanstalt ist, und am Ende der siebente Tag, welcher den Kindern den leiblichen Vater auf eine verklärende Höhe als einen geistlichen und heiligen stellt und auf die Lehren der Woche das Amtsiegel drückt – alles dies tut dem Prediger einen Erzieh-Spielraum auf, in welchen er sogar fremde Kinder hineinziehen kann; daher er stets besser sein Pfarrhaus in ein Erziehhaus verwandelt als die Hofmeisterstube in eine Pfarrei. Ich würde meinen Sohn viel lieber einem Geistlichen als einem Hofmeister überlassen, auch schon darum, weil jener freier ist und auf Füßen, nicht auf Krücken steht.

In den mittlern Ständen erziehen die Männer besser (denn da sind die Weiber weniger gebildet); in den höhern, wo die Weiber zärter ausgebildet sind als die Männer, meistens die Weiber, oder auch Teufels-Großmütter.

Was kann nun der Mann tun, z. B. der Philosoph, der Minister, der Soldat, der Präsident, der Dichter, der Künstler? –

Zu allererst: seine Frau mehr lieben und belohnen, damit sie die schwerste Erziehung, die erste, durch doppelte Unterstützung leichter durchführe, durch Kindes- und durch Gattenliebe. – Auf diese Weise wird der Mann für die feinste oder erste Ausbildung durch die Mutter, welche keine spätere Hofmeister, Pensionanstalten, väterliche Belob- oder Absagschreiben ersetzen können, sowohl Achtung als Sorge tragen; das heißt, er wird die gesetzgebende Gewalt des Erziehens, wie die Frau die ausübende, behaupten. Der Mann bleibe nur der Liebhaber seiner Gattin: so hört sie ihn schon über das Erziehen, wenigstens des Geistes, an. Wie horcht nicht ein edles mannbares Mädchen oder gar eine Braut, von weiten und auf ihre Arbeit blickend, Erziehregeln zu, die etwa ein Jüngling gibt! Und sogar in der Ehe nimmt eine Frau willig über Kinderbildung manches Gute auf, das ein – Fremder vorbringt. Nur durch Vereinigung männlicher Schärfe und Bestimmtheit mit weiblicher Milde ruht und schifft das Kind, wie am Zusammenflusse zweier Ströme; – oder anders gedacht: der Sonnengott hebt die Flut, und auch die Mondgöttin hebt, aber jener nur um einen Fuß, diese um drei, beide verknüpft um vier. – Der Mann macht nur Punkte im Kindesleben, die Frau Kommata und Duopunkta und alles Öftere. Mütter, seid Väter! möchte man zurufen, und: Väter, seid Mütter! – Denn nur beide Geschlechter vollenden das Menschengeschlecht, wie Mars und Venus die Harmonia erzeugten. Der Mann tuts, indem er die Kräfte aufregt, die Frau, indem sie Maß und Harmonie unter ihnen erhält. Der Mann, in welchem der Staat oder sein Genie das Gleichgewicht der Kräfte zum Vorteil einer einzigen aufhebt, wird immer diese überwiegende in die Erziehung mitbringen: der Soldat wird kriegerisch, der Dichter dichterisch, der Gottesgelehrte fromm erziehen – und nur die Mutter wird menschlich bilden. Denn nur das Weib bedarf an sich nichts zu entwickeln als den reinen Menschen, und wie an einer Äolsharfe herrschet keine Saite über die andere, sondern die Melodie ihrer Töne geht vom Einklang aus und in ihn zurück.

§ 80

Aber ihr Mütter, und besonders ihr in den höhern und freiern Ständen, denen das Geschick das Lasttragen der Haushaltung erspart, die es mit einem heitern grünen Erziehgarten für eure Kinder umgibt, wie könnt ihr lieber die Langweile der Einsamkeit und die Geselligkeit erwählen als den ewigen Reiz der Kinderliebe, das Schauspiel schöner Entfaltung, die Spiele geliebtester Wesen, das Verdienst schönsten und längster Wirkung? Verächtlich ist eine Frau, die Langweile haben kann, wenn sie Kinder hat. – Schöngebildete Völker waren nach Herder die Erzieher der Menschheit; so sei eure Schönheit nicht nur die Einkleidung, sondern auch das Organ der Lehre und Bildung. Länder und Städte werden weiblich genannt und abgebildet; und wahrlich die Mütter, welche der Zukunft die ersten fünf Jahre der Kinder erziehen, gründen Länder und Städte. Wer kann eine Mutter ersetzen? Nicht einmal ein Vater eine Frau; denn diese, ans Kind festgeknüpft durch tägliche und nächtliche Bande der Körperpflege, muß und kann auf diese zarten Bande die geistigen Lehren schimmernd sticken und weben. –

Wollt ihr denn die schönste Zeit versäumen, rein und tief auf die Nachwelt zu wirken, da bald das stärkere Geschlecht und der Staat eingreift und statt euerer Laufbänder und Führ-Hände Hebebäume, Flaschenzüge und Schiffzieher bringt und damit hart und roh bewegt? Fürsten-Mutter, hältst du es für schöner, die Kabinetts-Intrige als den kleinen künftigen Erbfürsten zu leiten? – Ihr habt die größere neunmonatliche Last und den höchsten Schmerz, als sie euch abgenommen wurde, getragen bloß für ein körperliches Leben, und wollt das Kleinere von beiden, womit ihr erst um diesen Sieg den geistigen Heiligenschein zieht, zu unternehmen scheuen? Wie oft werden euch die Nachtwachen mit einem Kindersarge belohnt, hingegen die Tagwache über den Geist mit täglicher Ausbeute! Sobald ihr daran glaubt, daß überhaupt Erziehung wirke: welchen Namen verdient ihr, wenn ihr gerade, je höher euer Stand ist, von einem desto niedrigern erziehen laßt, und wenn die Kinder des mittlern ihre Eltern, die des adeligen aber Mägde und Ammen zu Wegweisern des Lebens bekommen!

Die ganze alte Welt erhebt die mütterliche Liebe über die väterliche; – und sie muß groß sein, die mütterliche, da ein liebender Vater sich keine größere denken kann als seine; – warum gleichwohl seid ihr, neben den Vätern, die um die Erziehung so besorgt sind und sogar Bücherballen darüber schreiben, gerade gegen die Ausführung so lau? – Für den Geliebten gebt ihr Gut und Blut; warum für die hilflosen Geliebten kaum Stunden? Für jenen besiegtet ihr Meinungen und Neigungen; warum für diese weniger? Ihr, an deren geistig und körperlich nährende Brust die Natur die Waisen der Erde angewiesen, lasset sie an einer gemieteten kalten darben und welken? Ihr, mit Geduld, Reiz, Milde, Rede und Liebe von der Natur ausgerüstet für die Wesen, die sogar vom Vater zu euch flüchten, für diese vermöget ihr nicht zu wachen – ich meine nicht etwa eine Nacht lang, sondern nur einen Tag lang? – Seht, die, welche unter eurem Herzen waren, und jetzo nicht in demselben sind, strecken die Arme nach dem verwandtesten aus und bitten zum zweiten Male um Nahrung. Wie bei manchen alten Völkern keine Bitte abgeschlagen wurde, wenn man sie mit einem Kinde im Arme tat: so tun an euch jetzo Kinder, die auf euren Armen oder denen der Ammen liegen, Bitten für sich selber.

Zwar, was ihr opfert für die Welt, wird wenig von ihr gekannt – die Männer regieren und ernten – und die tausend Nachtwachen und Opfer, um welche eine Mutter dem Staate einen Helden oder Dichter erkauft, sind vergessen, nicht einmal gezählt; denn die Mutter selber zählet nicht – und so schicken einem Jahrhundert nach dem andern die Weiber unbenannt und unbelohnt die Pfeiler, die Sonnen, die Sturmvögel, die Nachtigallen der Zeit! Nur selten findet eine Cornelia ihren Plutarch, der ihrer mit den Gracchen gedenkt. Sondern wie jene zwei Söhne, die ihre Mutter zum delphischen Tempel führten, durch Sterben belohnt wurden, so wird für euer Führen eurer Kinder euch nur das Sterben ganzer Lohn.

Aber zweimal werdet ihr nicht vergessen. Glaubt ihr eine unsichtbare Welt, worin die Freudenträne des dankbaren Herzens mehr wiegt und glänzt als die hiesigen Kronen, die mit versteinerten Qualzähren besetzt werden: so wißt ihr eure Zukunft. Habt ihr recht erzogen: so kennt ihr euer Kind. Nie, nie hat eines je seiner rein- und rechterziehenden Mutter vergessen. Auf den blauen Bergen der dunkeln Kinderzeit, nach welchen wir uns ewig umwenden und hinblicken, stehen die Mütter auch, die uns von da herab das Leben gewiesen; und nur mit der seligsten Zeit zugleich könnte das wärmste Herz vergessen werden. Ihr wollt recht stark geliebt sein, Weiber, und recht lange und bis in den Tod: nun so seid Mütter eurer Kinder. Ihr aber, die ihr nicht erzieht, Mütter, wie müßt ihr euch eures Undanks für ein unverdientes Glück schämen vor jeder kinderlosen Mutter und kinderlosen Gattin und erröten, daß eine würdige nach dem Himmel seufzet, den ihr wie gefallene Engel verlassen. O warum schlägt das Schicksal, das oft einem Jahrhundert-Wüterich Millionen Seelen zum Foltern hinleiht, einer schönsten einige, ja ein einziges Kindes-Herz zum Beglücken ab? – Warum muß sich die Liebe nach dem Gegenstand sehnen, nur der Haß nicht? – Ach, Ernestine, wie würdest du geliebt haben und beglückt! Aber du durftest nicht; die Todeswolke hob dich weg mit allen Rosen deiner Jugend, und dein warmes Mutterherz wurde kinderlos in die fremde Geisterwelt gerufen. O wie würdest du geliebt und erzogen haben mit deiner Klarheit, deiner Stärke, deiner ewig quellenden Liebe, deiner opfernden Seele, du, mit allen Tugenden eines altdeutschen Weibes geschmückt!

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