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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 29
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Sie wissen nun, welchen geistigen Vater ich als leiblicher adoptieren will für den Jungen. Ich spreche ganz natürlich nur von des Hofmeisters Seele. Denn sein Leib mag ebensogut aus Uranus-, Saturns-, Monds- oder Sonnen-Erde als aus Erden-Erde geknetet sein. – Die Seele wünscht' ich nun, daß Sie solche aus den jetzigen zehn Planeten, wie Sie sonst aus zehn deutschen Kreisen Kandidaten auslasen – welche Kreise, bester Gellert, seit Ihrer Entfernung fast zehn Christen-Verfolgungen und Wisthnus-Verwandlungen ausgestanden haben –, ebenso gewählt aus den Wandelsternen aussuchten für mich. Mit einem Subjekt aus dem bleischweren, bleitrüben, selbstischen Saturnus, der mit aller Breite und Hülle und Fülle von Monden und Ringen langweilige Jahre und schlechtes Licht hat und gibt, werden Sie mich ebenso verschonen als mit einem Springkäfer aus dem lustigen, um die Sonne hüpfenden Merkur, dem Hausfranzosen des Planetensystems, der sich immer in Sonnenglanz ertränkt und doch da, wo er recht vor und in die Sonne kommt, nur als schwarzes Punktum erscheint. Bester Professor, Sie kennen alles, und manches jetzo viel früher als wir, wovon ich nur die Pallas, Ceres, Juno und die künftigen entdeckbaren Planeten hier nenne. Aus der Pallas – einem abgesprengten Drittelstück von Erde, und noch dazu in solcher Licht- und Feuerweite von Sonnen-Apollo – will ich keinen Informator; ich gedenke absichtlich dieses Zwerg-Planeten namentlich, da Ihre Vorliebe für Pleiß-Athen, wessen Schirmvögtin Pallas gewesen, Sie vielleicht bestäche. Sie sollen für nichts parteiisch sein als für die zweite Welt und für meinen ersten Jungen.

Mit einem Worte, ich wüßte keinen so ausgezeichneten Stern, worauf ich mir meinen Hauslehrer aussuchen möchte, als den Abend- und Morgenstern; und der bleibts, Gellert! – Vom Sterne wäre ohnehin viel zu sagen – und schon sein Doppelname sagt zwei Dinge – ferner ist er auf die Göttin der Schönheit getauft, dann auf einen gewissen Lichtträger (Luzifer), nicht Lichttöter – überhaupt hat der Stern das Gute an sich (und sonst manches), daß er recht geschickt am Himmel steht, weder der Sonne zu fern, noch der Erde zu nahe, und daß er sich nicht so auffallend (für Kinder) leert und füllt als z. B. der nähere Mond. Kurz, ich halte die Venus für die beste Bonne. Mithin begehr' ich meinen Hauslehrer ans dem Hesperus.

Denn Ihr Hesperide wird gewiß mit dem Jungen ganz gut umspringen, denk' ich. Er wird – da Liberalität überall unschätzbar ist, folglich – warum nicht in der Erziehung zuerst – ihn mit gewandter Freiheit und Kraft behandeln und ihm die eigne lassen. Gegen das Kindische wird er wenig haben. Das Innere und das Äußere schnell und heimlich aufgreifend, wird er nirgend viel Worte und Zurüstungen machen, nur im Großen und Ganzen, nicht im Kleinen entwickeln und mehr Arzt der Schwäche als der Dämpfer der Stärke sein. Nachhelfen und nach- und vorleuchten wird er dem Erdensohn allerdings, wie es der Erde sein Wohnplanet, der Hesperus, auch tut, also nur dann, wenn die Sonne entweder noch nicht da ist, oder schon hinunter; am Tage will ein so kluger Hesperide gewiß der Sonne nicht beistehen; ich kenn' ihn zu gut.

Sogar im Physischen wird er nicht mit weibischer Bangigkeit überall besorgen, der Junge breche auf jedem Zweige das Bein – wiewohl ein Beinbruch doch besser ist als die Angst davor und auf der andern Seite Kinder schon die Neuheit der Versuche und die bei der kurzen Körper-Elle natürliche Überschätzung der Fall-Räume behutsam macht –, oder er werde von Bleisoldaten und Kindertrompeten vergiftet, von Schaukelpferden entmannt, von Hosen verdorben. Wer im Namen des andern so viel fürchtet, ist selber der Furcht verdächtig, und der Feige bildet einen Feigen, wie ein Einsiedler einen Einsiedler. Unsere Vorfahren, alter Gellert, sind doch bei allen Hosen, Federbetten, Sätteln und Gewürzen stark und keusch ausgefallen.

Es ist mir noch aus einem andern Grunde besonders lieb, von Ihnen meinen Hofmeister aus der Venus verschrieben zu sehen, weil da, nach den besten Gläsern und Sternsehern, die höchsten Berge – gegen welche in Vergleich mit den unserigen nur eine Maulwurf-Schnauze den Chimborasso aufgeworfen hätte – und mithin die reinste Bergluft neben der wärmsten Tal-Schwüle (auch denk' ich mir die Hitze des Luzifers oder der Venus leicht) sich aufhalten. Welche kräftige männliche Alpen-Brust samt einem warmen Welschland im Herzen muß der Phosphorus-Bewohner zu mir nach Baireuth herabbringen, ordentlich als ein recht sorgfältiger auserlesener Hofmeister, welcher einem Feldherrn gleichen muß, voll entgegengesetzter Kräfte, in unwiderruflicher Strenge und Anordnung, ernster Freundlichkeit, Genossenschaft und Zuredsamkeit.

Ich bin überzeugt, der Informator versteht mich, wenn ich sage: »Da der Mann den Gelehrten entbehren kann, aber nicht der Gelehrte den Mann: so impfen Sie mir vor allen Dingen (nicht aber umgekehrt) auf den Mann den Gelehrten. – Unser neunzehntes Jahrhundert (so könnt' ich mit ihm noch heller aus der Sache sprechen, abends unter dem warmen Regen des Punsches) wird, welches Jahrtausend Sie auch auf Ihrem kleinern Wandelsterne zählen, nicht das beste, wenigstens nicht das stärkste, ob es gleich, wie Ihrer, den Namen Phosphorus und Luzifer verdienen mag. Worauf wir groß tun, ist auf die Pariser Revolution oder Umwälzung von etwas Kleinem. Aus den Steinen, welche sonst die Giganten warfen, wurden Inseln; jetzo werden aus Wurf-Inseln Steine, Zwicksteine, Leichensteine, Abziehsteine. Die Revolution brachte, wie ein Erdbeben, in die Gerippe eines Zergliederhauses einige Bewegung. – Hofmeister suchen, wie der Anatom Walter in Berlin, ihren Ruhm darin, Gerippe zu präparieren durch Entfleischen und sie dann zu bleichen. Venus- oder vielmehr Erden-Bruder! könnten Sie so denken? Dann würd' ich mein Schreiben an Gellert bereuen! Kräftigen und Kraft lassen wird, hoff' ich, Ihr erstes und letztes Erziehwort sein. Was für die Zeit erzogen wird, das wird schlechter als die Zeit.« Der Hesperide antwortet mir darauf: »In die Frühlingplätze der Kindheit schauen ohnehin so oft die Väter als ferne schneeweiße Berghäupter hinein und zeigen dem Frühling den Winter. Lieber den Windbruch der Frühlingstürme als den Schneebruch des Alters!« – »So wahr als schön, Kandidat!« versetz' ich darauf. »Lavoisier machte einen Eisapparat zum calorimetre, zum Wärmmesser: – so wird so oft das Feuer vom Eise gemessen, der Knabe vom Greise.«

Der Kandidat will viel am mündlichen Stile seines Brotherrns finden; ich fahr' aber wenig bestochen fort: »Wie ich mich auch ausdrücke, so ists gewiß, daß die künstliche Doppelfraktur, worin die Schreib- und die Hofmeister die Seelen wie Buchstaben brechen, von den Doppelfrakturen der Wundärzte in nichts als im Witze verschieden sind, der freilich Verschiedenheit fodert, wenn er die fernsten Ähnlichkeiten unbefangen finden will.« –

»Man gebe«, versetzt der Kandidat, »nur der Grundkraft eines Kindes Entfaltung und Lebensaft, so braucht man nicht an den einzelnen Ästen zu impfen oder die Blätter auszukerben und die Blüten anzufärben; wie ein Fürst muß man das Ganze lenken, ohne das Einzelne zu betasten.«

»Sie sind mein Mann,« sagt' ich, »wenn nicht mehr. Ständen die Hofmeisterstellen, die ich sonst bekleidete, noch offen: so sollten Sie in ihnen vikarieren für mich – – Doch Sie tuns ja bei der letzten, die ich selber versehe und vergebe als Vater und Patron. Die leichten Bedingungen brauchen kaum gesagt zu werden. Sie quälen den Jungen nicht mit tausend Sprachen – denn bloße Sprachen lernen, heißt sein Geld in Anschaffen schöner Beutel vertun, oder das Vaterunser in allen Sprachen lernen, ohne es zu beten –«

»Ich schlage ein, freier Kopf!« sagte er kühn –

»Sondern Sie lehren ihn bloß französisch, englisch, spanisch, welsch; – griechisch und lateinisch und deutsch ohnehin; doch letztes gründlicher. – Was Wissenschaften anlangt, so werde der Junge von Ihnen, wie von der Rauchschwalbe das Junge, nur im Fluge geätzt – an keine lange Bestimmung der Lehrstunden geknüpft – –«

»Sie kennen das menschliche Herz und zeigen das schönste«, unterbrach er mich und trank –

»Sondern, wenn Ihre gewöhnlichen acht Lehrstunden vorbei sind, und der Junge oder Sie noch neue Schullust spüren, so greifen Sie ohne Bedenken noch aus dem Tage so viel vom zweiten, ja dritten Drittel, als Sie wollen, heraus und dozieren es durch. Was nun Wissenschaft selber anlangt – denn Fecht-, Tanz-, Schwimm-, Reit,- Voltigier-, Geig-, Sing-, Blas-, Klavierkunst bleibe Ihrer beider Erholung –, so soll es mir genug sein, wenn der arme Junge nur Geschichte lernt – so viel nämlich von Vergangenheit schon da ist, wiewohl ich doch in die neueste ein wenig pikante Zukunft eingetröpfelt wünsche – samt den andern nicht weniger nötigen Geschichten: Natur-, Bücher-, Ketzer-, Götter-, Kirchengeschichte etc. – desgleichen die nötigsten Kunden: Sternkunde, Münz-, Altertum-, Wappenkunde etc. – und die Lehren: Naturlehre, Recht-, Arznei-, Größen-, Sittenlehre etc. – und die Beschreibungen: wie Erdbeschreibung etc. – einige Iken, wie Ästhetik, Diätetik, Phelloplastik etc., denn wozu, Henker, sagt' ich häufig, soll ein armer unbärtiger dünner Kindskopf unmäßig befrachtet werden mit dem gelehrten Fett und Wust? Wozu sein Leben durchschossen, nicht von weißen Blättern, sondern von ganzen vollen Büchern? Und er selber ein Pack- und Bagage-Pegasus? Wozu, sag' ich? – –

Sie haben und vermögen viel zu tun; denn Sie sind ein paar tausend Hofmeister auf einmal. Oft begriff ich gar nicht, warum man nicht ein ganzes Regiment von Hofmeistern und Hofmeisterinnen auf einmal anwirbt, wenn ich ernst bedenke, wie viele Halbgötter und Halbgöttinnen die Römer bei den Kindern anstellten und anbeten, z. B. die Nascio oder Natio, vorstehend der Geburt – die Rumina, vorstehend dem Säugen – die Edusa dem Essen – die Potina dem Trinken – die Levana ohnehin – den Statilinus und die Statana dem Stehen beider Geschlechter – den Fabulinus dem Sprechen, wobei ich absichtlich aus Haß fremder Langweile noch Halb-Gottheiten wie Vagitanus, Ossilago, Nundina, Paventia, CarneaAugustin. de civit. dei l. 4 et 9. vergesse. Könnte man es daher machen und bezahlen, so sollte man fast für jede besondere Seelenkraft des Kindes einen eignen Lehrer besolden, der sie abrichtete; ja Unterlehrer für die besonderen Unterabteilungen derselben Kraft wären wenigstens – fromme Wünsche. Es sollte mir lieb sein (es wird aber nichts daraus), wenn ich die verschiedenen Lehrer-Heere hätte und z. B. in der Ästhetik einen Sohn nach den verschiedenen Einteilungen von Krug könnte exerzieren lassen und der eine ihn dessen Hypseologie, der andere die Kalleologie, der dritte die Krimatologie dozierte und so der Junge bald seinen erhabnen Lehrer hätte, bald seinen weichen, bald seinen naiven. Auch in Tugenden wünscht' ich, Bester, daß Sie besondere Privatübungen und Stunden für jede Tugend gäben, damit nicht das Ganze ineinanderflösse und ein armes Kind nicht wie ein dummer Engel dastände, der nicht weiß rechts oder links, sondern nur was rechts ist. Wenn Franklin sich in jeder Woche in einer andern Tugend übte und schulte: könnten nicht die verschiedenen Sonn- und Festtage, welche ohnehin als Ferien zu wenigem Reellen anzulegen sind, zum Einkäuen mehrer Tugenden vernützt werden? An jedem Feste nähme man eine andere vor, oder an den drei Feiertagen die drei Teile der Buße, und an jedem Aposteltage schaffte man ein Laster fort. Ja ich kann mir lange Trinitatis gedenken, an welchen man von Stunde zu Stunde alle Tugenden den Kleinen durchmachen lassen könnte, so daß er bei dem Gebetläuten als ein Monatheiliger und Heiligenbild dastände.

– Um desto eher könnte ein so trefflicher Hauslehrer meines Jungen sich von mir versichert halten, daß ich ihn, lebte anders der gute Gellert noch, am Ende seiner Laufbahn (wenn Max ihn nicht mehr nötig hätte) mit Vergnügen und mit allem Gewichte, was ich etwa als Autor bei Gellerten haben möchte, diesem empfehlen würde, bloß damit er den jungen Mann weiter empföhle und so nach Verdienst unterbrächte. Aber Gellert ist freilich entschlafen.«

*

Hier erwachte ich selber und wollte wissen, was ich geträumt hätte, und sann zurück. Ich fand aber bald, daß ich aus dem geträumten Bittschreiben an Gellert – ganz und gar so recht der tollen Traum-Ordnung gemäß – verschlagen worden in ein fremdes Gespräch mit einem Informator, der schon vor mir sitze. Indes ist ein solches Umhergleiten insofern gut, als dasselbe, wenn man es drucken läßt, beweisen kann, man habe nicht, wie leider sehr gewöhnlich, zum Scherze und Drucke geträumt, sondern in der Tat.

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