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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 28
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Komischer Anhang und Epilog
des
ersten Bändchens

Geträumtes Schreiben an den sel. Prof. Gellert, worin der Verfasser um einen Hofmeister bittet.

Zur Erholung des Lesers und Schriftstellers stehe ein Traum-Schreiben hier an seinem Orte. Wenige Menschen haben noch so ein besonnenes Träumen – wovon künftig in einer Umarbeitung meiner Abhandlung darüber mehrIn Jean Pauls Briefen S. 125. – erlebt als ich; das besonnene Wachen müssen andere schätzen. Dem gegenwärtigen Traume mußte ich sogar mit einigen Unordnungen wachend nachhelfen, damit er – durch das Föderativ-System entgegengesetzter Zeiten und Zwecke, so wie von Erinnerung und Vergeßlichkeit – das wirklich scheine, was er ist. Übrigens hoff' ich ihn ziemlich echt zu geben, da ich die bekannte Traum-Gedächtnis-Kunst gebrauchte, sobald er aus war, die Augen geschlossen und jedes Glied ungeregt zu erhalten. Leider haben nur alle Einfälle oder Findelkinder des Traumes – die enfants perdus der Einbildung, um so mehr, da er durch sein gewöhnliches Zurückführen in die Kindheit-Zeit ein limbus infantum (Kinderhimmel) ist – den Fehler an sich, daß sie so lange glänzen, bis man erwacht, worauf man denn wenig oder nichts an ihnen findet. Wenigstens ist es mein Fall; und ich hoffe, der Leser fällt bei.

*

Bester, seliger Gellert! Ich brauche einen Hofmeister für meinen Max; denn ich schreibe gegenwärtig über die Erziehung und behalte folglich keine Minute für sie übrig, so wie Montesquieu seine Präsidentenstelle niederlegen mußte, um den Geist der Gesetze aufzusetzen. Da es auf jeder Universität pädagogische Grossierer und Lieferanten von Lehren weniger als ganzen Lehrern gibt, und Sie ohnehin dieses Patronat-Recht, Hofmeisterstuben zu besetzen, schon vor Ihrem Tode ausübten: so wüßt' ich nicht, warum es jetzo nicht besser abliefe, nicht nur, weil Sie mit der Zeit seitdem fortgegangen, sondern auch mit der Ewigkeit. Bei einer so ausgebreiteten Bekanntschaft, als Ihnen Ihre posthuma auf mehren Planeten erwerben mußten – da, wie Tugend künftig Lohn der Tugend ist, so auch himmlische Schriftstellerei der Preis der irdischen werden muß –, kann es Ihnen in unseren Sonnensystem zur Wahl an Leuten und Kandidaten nicht fehlen. Nur kein damaliges geschniegeltes, gebügeltes, ganz in Schönpflästerchen gekleidetes Leipziger Subjekt sollen Sie mir verschreiben, nicht einmal den vorigen Gellert selber (ausgenommen seine liebende Milde und seine naive Leichtigkeit); ein recht derbes Stück – Geist begehr' ich. Es gibt ohnehin schon so viele geborne Maroden; soll es noch erzogne geben, oder gar beide verbunden, beschnittene Katzen-Goldstücke, zugleich kriechende und gekrümmte Raupen? –

Himmel, warum find' ich in Erziehbüchern stets etwas Gutes, und an Erziehern selten dergleichen? Was hab' ich von letzten nicht gesehen, Gellert, und kann es noch sehen, in welcher Stadt ich will! Ich denke gar nicht (weil ich nicht will) an jene Sauertöpfe voll Kinder-Beize, an jene lebendigen Ekelkuren für Kleine – denn männliche Folgerechtlichkeit macht sogar einen falschen Erziehsatz gut, und nichts ist daher z. B. an Eisbergen gefährlich als die Spalten oder Lücken –, sondern an jene süßlichen, honigtauigen, bleizuckernen Immer-Lehrer – welche alles einweihen wollen für den Jungen, bis auf die Windeln, wie ein Papst die leiblichen – und die ihm gern eine Sperrordnung des Sphinkters aufsetzen möchten, und zwar ziemlich unerwartet mit folgenden Worten: »Wißt ihr denn nicht, welche Umstände bei diesem Falle, den wir nicht deutlicher nennen, schon auf dem Marsche eines Heeres gemacht werden, so daß nämlich, sobald einer die Sache begehrt, es dem nächsten Unteroffizier angesagt wird, der es dem Offizier des Zuges rapportiert, damit dieser einen Unteroffizier ernenne, der den Menschen nicht nur hin-, sondern auch herbegleite vom Sedes zurück? – Und Kinder sollen gleichwohl eines oder das andere Notdürftige verrichten dürfen, wie sie nur wollen? – Wie abgeschmackt!«

O ich versteh' ganz den Hofmeister; hinter jedem Schritte und Sprunge des Jungen will er etwas säen und noch dazu dabei in Angst sein, ob wohl die geistigen Kirschkerne, mit deren süßen Hülle er sie ihm beigebracht, im Magen so aufgehen und wurzeln, als er verhofft, oder in der zweiten andern Lebensmetapher des Genusses: ob wohl die Froscheier, die er ihm in einem Trunk Teichwasser eingegeben, sich entwickeln. »Im Physischen«, sagt er, »ist dergleichen gemeiner, aber schädlich« und bezieht sich kurz auf die Stunden, wo ers ohnedies gelehrt.

Der Hofmeister hält sich für das U, ohne welches das Q des Kindes gar nicht auszusprechen ist. – Jeder Tat gehe mein Sermon voraus, sagt er – der Mann unterstützt nämlich im Kinde jede kindliche Handlung mit männlichen Gründen und balbiert es mit der Sense.

Wer diesen Mann, wenn nicht überall, doch oft gesehen, weiß vieles; in Sina gibts ein Gesetzbuch, desgleichen Lehrer für die bessere Weise, Tee anständig zu trinken; aber gedachter Mann würde die Sache nicht nur uneigentlich tun und wünschen, sondern auch eigentlich dazu, weil er einen zu großen Mangel an Anweisungen für Kinder fände, Kaffee, Wasser, Tabak, Steine (zum Werfen), Hände (zum Küssen) und Kuchen (zum Stehlen) zu nehmen. Es ist derselbe Mann, welcher die zehn Gebote an die Stubentür als an eine Gedächtnissäule ankreidet, damit der Junge sie stets vor Augen habe – welches das kräftigste Mittel ist, sie aus den Augen zu verlieren. Die meisten elterlichen und hofmeisterlichen Gebote gleichen der Inschrift auf gewissen Türen: »Tür zu«, welche dann gerade nicht zu lesen ist, wenn man die Tür offen gelassen und an die Wand gelehnet hat.

Schauen Sie von oben herab einen Hofmeister an, der sich mit seinem Gefangnen zusammenkettet; der sich zu einem geistigen Vater adoptieren lässet, was eigentlich der leibliche sein sollte, da man wohl Unterricht einem fremden Kinde geben kann, Erziehung aber nur einem eignen, weil jener abbrechen darf, diese fortwähren muß: – so dürft' er Ihnen (auch ohne die Vogelperspektive der zweiten Welt) weniger in jenem ernsthaften Lichte, das oben gewöhnlich ist, als im andern erscheinen, wenn er z. B. spazieren ginge mit seinem Hörknechtchen und nun jeden Berg und Fluß und vorbeiziehenden Menschenhaufen (für sich zu nichts) bloß zu einem Fahrzeug zu machen strebte, womit er ins Knechtchen Lehren einbrächte. Denn solange es nicht schläft, entwickelt ers fort; obgleich der Traum es vielleicht noch reiner entwickelt. Wenn jede morgenländische Perle das Leben eines Sklaven kostet, so kostet ein abendländischer Zögling einen Erzieher und noch etwas mehr. Der Lehrer, der sich nicht leben kann, läßt den Schüler ebensowenig sich leben, und so begaben sie sich gegenseitig mit Sünden der Schwäche, etwa wie die neue Welt und die alte einander mit einer neuen Krankheit begabten, mit der doppelten Vérole.

Um in Bildern zu reden, Seliger, so verstümmeln Hofmeister und Bettler Kinder, um sich zu beköstigen, nur daß jene die Verrenkungen als Schönheit-Schnörkel, diese sie als Wunden und Spalten an lebendigen Almosenbüchsen ausstellen.

Oder sie scheuern durch langes Zuschleifen des Kindes sich selber die reine Form weg, wie die Glasschüssel, worin man mühsam Kunstgläser erhebt, zuletzt selber ihre abgemessene Tiefe verschleißen.

Darf aber dies sein, bester Verewigter? Soll mein guter Max, dessen Blick und Griff nach Kraft dringt, so öde herabermatten? Soll vollends für das neunzehnte Jahrhundert ein Knabe so dünn und zart und brechlich vom Hofmeister geblasen werden, daß er – so wie nach Lusitanus ein Mann seinen Steiß für eine Glaskugel ansah und daher sich stets nur auf den Beinen erhielt – nicht bloß etwas, sondern alles an sich für moralisch-, ästhetisch-, intellektuell-gläsern hielte und mithin weder wagte zu sitzen, noch zu stehen, noch zu liegen, noch zu sein? – Wie gesagt, Lieber, dies wollt' ich in einigem Bilderstil sagen, indem ich in die Fußstapfen des Ihrigen zu treten versuchte. Wie alle Nachahmer aber – das weiß ich zu gut – werd' ich mit langer Nase und nicht viel kürzern Ohren abziehen müssen, da Ihr jetziger Bilderstil, seitdem Sie im Himmel oder Uranus die größten Gegenstände und Welten ganz nahe, z. B. den Jupiter und die Hölle, zum Befeuern vor sich haben, sich allerdings von jedem andern Stile, auch Ihrem hiesigen, morgenländisch unterscheiden muß durch kecke Pracht, und Sie sagen werden: im Himmel schreiben ansässige Gellerte etwas blitzender und bildernder, und niemand spricht da matt.

Übrigens weiß ich sehr gut, was Sie mir gegen den Einfluß hofmeisterlicher Verglasung einwerfen, bis sogar auf Ihre Wendungen. Denn Sie finden eine Anekdote, die Sie in MarvilleMelanges d'histoire de Vigneul-Marville T. II. gelesen, hier applikabel. Ich will solche zum Beweise, wie leicht ich errate, Ihnen selber erzählen. »Ein Jungmeister von Prediger, nämlich voll schöner Gebärde, Tönung und sonst, bestieg die Kanzel und begann die Predigt; – hatte sie aber vergessen und wußte noch weniger als vorher, was er sagen wollen. Indes faßte er sich, erhob seine Stimme (und dadurch, wie er hoffte, sich selber) und trug mit seltenem Feuer den Zuhörern eine Verbindpartikel nach der andern: enfin, car, donc, si, or vor und murmelte mit zurücksinkender Stimme allerlei Unhörbares den Partikeln hinterdrein. Die Pfarrkinder-Gemeinde horchte gespitzt und gespannt, ohne doch viel zu fangen; mußte also, wie natürlich und vernünftig, das Taubsein auf das Absitzen von der Kanzel schieben, welches der eine Teil für ein zu nahes hielt, der andere für ein zu fernes. So mochte der Seelsorger mit seinen Auftakt- und Heft- und Griffwörtern etwa dreiviertel Stunden angehalten haben und sich und seinen Schafstall in Feuer und Schweiß gesetzt, als er endlich Amen sagte und sich von der Kanzel mit dem Ruhm eines wahren Kanzelredners herabbegab. Sämtliche Zuhörer aber entschlossen sich fest, künftig die Plätze verständiger zu wählen und sich teils näher, teils ferner zu setzen, um nichts zu verlieren.«

Was predigen denn die meisten Erzielter den Kindern, so wie die Philosophen den Musensöhnen und Lesern, nun anders als ein Paar tausend si's, donc's, car's, und kein vernünftiges Wort darüber?

Was sind die meisten Lehren für Kinder – wie die meisten Männergespräche für Weiber – als angewöhnende Anweisungen, nicht aufzumerken? –

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