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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 27
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Noch gibt es ein Bad, welches Kindern und Eltern so nützlich wäre, und ungenutzt bleibt, nämlich das Donnerwetterbad. Die Ärzte setzten als Arbeitzeug den elektrischen Wind – das elektrische Plätten – das elektrische Bad an Nervenschwachen an; aber den Donner, oder vielmehr das Donnerwasser, verschrieben sie noch wenig. Haben Sie es noch nie erfahren, daß man sich nie frischer, heiterer, elastischer verspürt, als wenn ein warmer oder lauer Regen bis auf die Haut gegangen? – Da der Mensch schon trocken nach dem Gewitter sich kräftiger fühlt, und die beregnete Blumenwelt sich noch mehr: warum will er nicht diese vereinigte Feuer- und Wassertaufe von oben herab einsaugen und sich vom wundertätigen Arm aus der Wetterwolke heilen und heben lassen? – Man sollte besondere Regen- oder Badekleider als ein Badgast der Frühlingwolken haben; dann, wenn einige Hoffnung schlechten Wetters ist, eine Regenpartie verabreden und tropfend nach Hause kommen.

Leider muß die Badegesellschaft die Kleider wechseln – das einzige, was mir weniger gefällt. Der Hirtenknabe läßt sich an kaltregnerischen Novembertagen keinen Kleiderschrank aufs Feld nachfahren – auch kein französischer Soldat, der den ganzen Tag sich warm im Regen marschiert, und Nachts sich auf die kalte Erde legt – der Fischer steht mit den Füßen im Wasser und mit dem Kopfe unter der Sonne und kehrt und stürzt gerade die ärztliche Regel um – der einzige 170jährige Mann in England war ein Fischer, doch aber auch früher ein Soldat und Bettler – – Himmel! mit welchem schönen Spielraum und Freistaat ist ursprünglich vom Körper unser Geist umschrieben! Und wie lange muß dieser erst der Sklave der Sünde und der Meinung gewesen sein, ehe er zum Ruderknecht oder Schiffzieher des Körpers verurteilt wird! – Geistige Allseitigkeit, nämlich Allkräftigkeit, ist uns nicht vergönnt, aber wohl leibliche; nun so werde dieser wenigstens die Kindheit zugebildet und der Körper, der alle Länder bewohnen kann, auch alle zu vereinigen geübt, wie es der Russe tut, der seinem eignen Reich, dem klimatischen Klein-Europa, nachschlägt und Schwitz- und Eis-Bad und Hunger und Überfälle aushält. Ists nicht genug, wenn man so verzärtelt ist, daß man einen Schneeballen zum Kopfkissen macht? Und nun vollends einen Mantelsack oder gar ein Federbett!In Homes Geschichte der Menschheit steht S. 384 nämlich folgendes: eine Gesellschaft Hochländer wurde von der Nacht überrascht und nahm ihr Lager auf dem platten Schnee. Ein etwas verzärtelter Jüngling von Geburt wollte sichs bequemer machen und ballete aus Schnee sich ein kleines Kopfkissen. »Was?« (sagte sein Vater, Sir Evan Cameron) »so weibisch willst du werden?« und stieß ihm das Schneefederbette mit den Füßen unter dem Kopf weg. – Ach! unser Ideal wäre, nur den Sohn von Sir Evan Cameron zu erreichen.

Ich setze noch zum vorigen: die Eltern sollen im Physischen – leider geschiehts im Moralischen – von Kindern mehr fodern als von sich; mithin lasse man zu gewählten Zeiten die Regenkleider an den Kindern selber abtrocknen.

Möchte doch jede Mutter bedenken, daß sie, wie sonst gegen die Natur-Pocken die Impf-Pocken, aus denselben Gründen gegen den Windstoß der zufälligen, unberechneten, wehrlos findenden Gefahr die langsamer von der beweglichen Kindheit so schön begünstigte Abhärtung, und bei so leichter Wahl des Schlachtfelds, vorzukehren habe! –

In jedem Punkte könnten die jetzigen Weiber den alten Deutschinnen leichter nacharten als darin, daß sie Heilkünstlerinnen sein wollen und dadurch die Hebammen für die zweite Welt. Wär' ich ein Arzt oder ein bedeutender Lehrer in einer weiblichen Pensionanstalt: so würd' ich es für mein nützlichstes Werk ansehen, wenn ich eine medizinische Zweifellehre für Weiber lieferte; ich würde darin lauter Fragen tun und auf eine hundert Antworten geben und dann zu wählen bitten; ich würde darin unentscheidend z. B. die Fieberlehre in ihrer Unendlichkeit darstellen, ja bloß die tausend Ursachen des Kopfschmerzens, deren Verwechslung ihn vergrößert. Auch wer nur erst in der Wiege der Arzneiwissenschaft antichambriert – einer Wissenschaft, worin mehr als in einer andern der Genius und der Gelehrte ein unteilbares Gemeinwesen bilden müssen –, der erstaunt über die Keckheit, womit der erste beste Nichtarzt, und vollends seine Frau, jeder Krankheit Vater und Namen und Abhülfe zuerkennt. Himmel, Freund, die Weiber wollen in der schwersten aller angewandten Wissenschaften, der angewandten auf die vielförmige, geistig und körperlich ineinandergewundne organische Natur, etwas verstehen, z. B. das Allergeringste, indes ganze Städte Gott dankten, wäre in jeder von ihnen wenigstens ein graduierter Mann zu haben, oder Kreisphysikus, Medizinalrat, Protomedikus, welcher weniger in den Himmel als auf die Beine hälfe, und der nicht, wie ein Papst, jeden Erdenpilger für einen Kreuz-Pilger hielte, den er fortzuschicken habe, um sein heiligen Grab (wenn er eines verdient) zu erobern? – Ein bester Arzt ist ein Gewinn im Lotto, eine beste Arznei von ihm ein Gewinn in der Lotterie. Gleichwohl hält doch jede Frau sich für Lotterie und Lotto, für großes Los und Quinterne zugleich.

Woher kommt diese Unart der Heilsucht den Weibern und – lassen Sie uns dazusetzen – den andern Menschen, z. B. mir (mein ganzer Brief bezeug' es), und den vorigen Menschen, wie ein langes lateinisches SprichwortFingunt se medicos quivis idiota, sacerdos, Judaeus, monachus, histrio, rasor, anus; d. h. jeder Laie glaubt ein Arzt zu sein, der Pfarrer, der Jude, der Mönch, der Hanswurst, der Bartscherer, die Alte. und Eulenspiegel beweisen, dem jeder Vorbeigehende gegen sein Vexier-Zahnweh ein Mittel verschrieb? – Sie kommt, die Unart, aus hundert Gründen zwar, z. B. von der Verwechslung der Heillehre und Wundarznei-Kunde, von der Verschiedenheit der Ärzte, von Angst und Menschenliebe u. s. w.; – doch glaub' ich, aus dem Satze des zureichenden Grundes am ersten. Der Mensch, ebensosehr ein Ursach- als ein Gewohnheittier, kann – so sehr er bescheiden still dasitzt zu allen wissenschaftlichen Sachen, die sich mit Geschichte oder Kunde enden, zu Welt- und Natur- Geschichte, Meß-, Münz-, Sprach-, Wappen-, Altertum-, Geschicht- Kunde – dieser kann durchaus vor Kraft und Einsicht nicht mehr an sich halten, sobald er eine Wissenschaft- Lehre vor sich bekömmt, z. B. diese selber, Naturlehre, Sitten-, Geschmack-, Krankheitlehre. Der Bauer sagt über die Ursache der Welt, eines Gewitters, Lasters, Orgelstücks und Körperwehs seine Gründe; denn überall hier schöpft er seine Lehre bloß aus seinem Ich.

Wünschten die Weiber doch etwas zu heilen, so schlüg' ich ihnen außer den Seelen – für welche sie bessere Seelensorgerinnen wären als die Seelensorger – noch die Wunden vor; wie sie in einigen spanischen Provinzen den Bart, so sollten sie auch Bein und Arm abnehmen; ihre feinere, zärtere, anstelligere Hand, ihr scharfer Blick auf die Wirklichkeit und ihr schonendes Herz würden gewiß gemeine Wunden so süß heilen, als sie die des Herzens machen. Mancher Krieger würde, wenn seine Bataillonfeldschererin reizend wäre, schon darum Wunden entgegengehen, um nur verbunden zu werden von ihr und dadurch etwa mit ihr, oder sich von ihr den Arm abnehmen lassen, um ihr die Hand zu geben. Das blutscheue Auge der Weiber würde sich so gut abhärten – obwohl nicht so sehr – als das männliche; wie es die Pariser Fischweiber beweisen durch Wunden-Schlagen. Auch macht ja die Erde jetzo überall Härt-Anstalten des Gefühls, nämlich Kriege.

– Ich will meinem überlangen Briefe nur noch einige Bogen anschließen und dann abschnappen. Obgleich jede Mutter immer den Arzt spielt, so fodert sie doch überall noch einen für das Kind. – Dann fodert sie recht viele Mittel, um jedes nur einmal einzugeben, folglich nicht zur falschen Zeit. – Dann fodert sie viele Ärzte, um viel zu hören und zu sagen. Auch glauben manche, den Arzt zu einem eifrigern Feldzuge gegen die Krankheit anzufeuern, wenn sie ihm sie ein wenig stärker malen, als sie ist, und die mildernden Zeichen unterschlagen, als ob man sich aus der Wassernot hälfe, wenn man Feuer schreit, oder aus dem Feuer durch Notschüsse auf der See.

Indes, da keine weibliche Seele sich den Arzneifinger samt Doktorring daran oder das Köpfchen samt dem Doktorhütchen darunter nehmen läßt: so möchte man, z. B. ich, der Hauspraxis einer Kreisphysika des Familienkreises den ersten Gift benehmen durch einige allgemeine Regeln, wie folgende wären:

– z. B. da überhaupt die meisten Kranken asthenische oder abkräftige sind – nach Brown über 8/9, nach Schmidt gar 9/9 –, die Kinder aber, je jünger, desto asthenischer, und daher leichter an schneller Abschwächung als an schneller Überreizung sterben: so greife man in jedem Falle zu stärkenden Haus-, nämlich Nährmitteln am unschädlichsten –

Fieberhitze sei folglich mit nichts zu kühlen, was das Kind nicht eben begehre –

Noch weniger sei es mit Arzneimitteln anstatt mit Lebenmitteln, am wenigsten mit Essen anstatt mit Getränk zu stärken – Doch darüber könnte sogar der Laie etwas sagen: der Vorzug des Weinglases vor dem Arzneiglase in Krankheiten der Schwäche bestätigt sich auch an Erwachsenen, in welchen nach allen Apotheker-Essenzen oft aus einer Verstärkflasche voll Wein der elektrische Lebenfunke wieder zurücksprang, wovon ich fremde Entscheid-Beispiele erfuhr. Und manches an letzten wäre leicht herzuleiten: die Weinflasche hat den Vorteil der längern, langsamern, stetern Fortwirkung für sich, indes die Stärk-Essenzen der Apotheken den Namen Aquavit (daher sie mit Recht wahren verkaufen) schwer vermeiden und, wie Erdbeben, in heftigen Stößen, folglich nur in kleinen Gaben und in großen Zwischenräumen wirken.

Ich würde aber nach jenem guten Rate den Weibern noch einen geben, einen besten, nämlich den, bei der Krankheit eines Kindes gar nichts zu tun – besonders nichts Neues – die mäßige Temperatur nicht zu ändern – ihm zu geben, wornach es hungert und dürstet – nichts darnach zu fragen, wenn es einige Tage fastet – und selber die Hausmittel zu scheuen. Ein Fehlgriff in den Hausmitteln, z. B. Wein anstatt Weinessig, oder umgekehrt Obst anstatt Eier, kann ja ebensogut umbringen als einer in den Rezepten. Das Einzige, was man noch dabei empfehlen könnte, wäre der vortreffliche Haus- und Reise-Arzt von Doktor Kilian für die Frau – nicht um darnach zu heilen, sondern um, wenn ein Arzt ihr die Krankheit genannt hätte, darnach die Pflege richtiger zu treffen –; für den Mann würd' ich Kilians klinisches Handbuch empfehlen, eine neue, aber vermehrte und mit Rezepten bereicherte Auflage der ersten. Beide Ausgaben kommen diesem Briefe zu Ihrer Einsicht mit der fahrenden Post nach.

Über die Gymnastik Ihres Pauls ein andermal, nach sechs oder acht Jahren, wenn er geboren ist und diese Jahre hat. In jedem Falle würd' ich den meinigen zwar wochenlang klettern, voltigieren, schwimmen, wettlaufen, ballspielen und kegeln lassen; aber ebensogut wochenlang einschrauben wie eine Bohrmuschel und einsperren wie einen Genesenden vom Scharlachfieber; nicht etwa, damit er gesund werde, sondern damit ers bleibe und in ein mehr Sitz als Stimme habendes Jahrhundert sogleich so viel Sitzfleisch mitbringe, daß er nicht über die Sessionen (Sitzungen) die Sedes (Stühle) einbüße. Wenigstens würd' ich den Starken ebensowohl im Sitzen als den Schwächling im Bewegen üben. Auch würd' ich ihn mehr abends als morgens in Schweiß setzen und folglich die körperlichen Anstrengungen den geistigen nach-, nicht vorschicken; Denken und Sitzen nach heftiger Bewegung ist nicht halb so gesund und lustig als das Umgekehrte. Starke Morgen-Bewegung erschöpft als reizende Potenz bei dem langsamen Früh-Puls und bei der größern Erregbarkeit oft für den ganzen Tag. Auch zeigen die Sprünge, worin die Knaben auf dem Wege aus der Schule sich üben, den Wink der Natur. – Ungeachtet aller dieser Gründe werd' ich das Gegenteil tun – nicht immer, aber doch – zuweilen, um den Körper auch hiezu abzurichten.

Ich schließe meinen Brief, der fast aus lauter Postskripten besteht, weil ich immer aufhören wollte, und immer nachtrug. Leben Sie wohl und Ihre Frau noch besser!

J. P. F. R.
 

N. S. Sollten Sie Doktor Marschalls Unterricht zur Pflege der Ledigen, Schwangern, Mütter und Kinder in ihren besondern Krankheiten, zwei Teile, dritte Auflage, gekauft haben: so sein Sie gegen diesen Unterricht etwas harthörig und ungehorsam, oder lassen Sie ihn wenigstens von einem brownischen Arzte erst filtrieren und raffinieren. Wenn er z. B. der Gebärerin in den ersten neun Tagen nichts reicht als Obstsäuren, Salpeter und andere abschwächende Kost: so ist dies so viel, als wenn man einen Schein-Erfrornen, welcher der Wärme nur in leise steigenden Graden, obwohl freilich vom kleinsten an, zu nähern ist, einige Tage lang in ein Gefrierzimmer einsperrte, damit er sich langsam von der Kälte erholte. Langsam genug tät' ers auch, da er schwerlich eher warm würde als bei der – Auferstehung.

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