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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 25
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Zweites Bändchen

Anhang zum dritten Bruchstücke

Über die physische Erziehung

Der Ausdruck ist eigentlich falsch; denn als die Pflege-Lehre des Leibes gälte sie auch für Tiere, Männer und Greise, die Köchin wäre eine Labonne und die Küche eine Schulbuchhandlung. – Es werde mir erlaubt, einiges über die Leibpflege der Kinder hier aus einem Briefe mitzuteilen, den ich an einen Neuverehlichten drei Monate vor der Niederkunft der Frau geschrieben. (Diesem Briefe wollten einige Leser nicht in allen Punkten so theoretisch zustimmen, als es meine drei Kinder, welche während des Abdrucks und Vergriffs der ersten Auflage darnach erzogen wurden, praktisch durch Fortblühen tun.)

*

– Sie dürfen es ihrer lieben Gattin frei eröffnen, warum ich schon jetzo – und nicht ein halbes Jahr später – darüber schreibe; jetzo ist sie nämlich noch gläubig, künftig aber so ungehorsam als möglich. Ich kannte die geistreichsten Weiber, die ihren geistreichsten Männern wirklich in der körperlichen Pflege ihres Kindes so lange beitraten und nachfolgten, als das zweite noch nicht gekommen war; dann aber, oder vollends bei dem vierten, hob das diätetische Küchen-Latein und medizinische Patois der Weiber die Regierung an, und nichts war weiter zu machen als eine und die andere Vorstellung ohne Erfolg.

Hufelands guten Rat an Mütter könnte wohl eine erste Schwangere in neun Monaten, da im Auszuge auf jeden nur 3½ Seiten kämen, auswendig lernen.

Der Himmel bewahre aber jede vor jener bangen Übersorge, welche der Natur mißtrauet und jeden Zahn eines Kindes von Arzt und Apotheker heben läßt. Wagt man nichts an Kindern, so wagt man sie selber, den Leib wahrscheinlich, den Geist gewiß. Man halte doch die blühenden Kinder auf einsamen Dörfchen, wo die ganze brownische Apotheke in ihren Gläsern nichts zu geben hat als Branntwein, oder gar die stämmigen der Wilden gegen die welke Flora vornehmer Häuser, welche täglich aus allen möglichen Gläsern begossen wird.

Indes wird nirgends so wenig Hufelands guter Rat an Mütter gehört als in Bauern- und Armen-Hütten. Daher sehen kleine bleiche Wesen genug aus den engen Fenstern heraus, wenn man auf dem Schlitten vorüberfährt. Aber mit der Erde blühen sie wieder auf; die freie Luft rötet sie früher als die Sonne den Apfel.

Jäger, Wilde, Älpler, Soldaten fechten alle mit ihrer Kraft für die Vorteile der freien Luft; alle die, welche anderthalb Jahrhunderte durchlebet haben, waren Bettler – und in der Tat, wenn ein Mensch nichts werden will als alt, und nichts bleiben will als gesund, so gibts keine zuträglichere, mit frischer Luft tränkende Bewegung als Betteln – dennoch glauben die Mütter, ein dreißig Minuten lang ins offne Fenster gestelltes Kind hole aus der Stadt, die selber nur ein größeres Zimmer ist und für die Stubenluft bloß Gassenluft gewährt, schon so viel ätherischen Atem, als es nötig hat, 23½ Stunden voll Grubenluft abzuschlämmen und zu seihen. Erinnert denn keine sich oder eine andere bei ihrer Luft-Scheu, daß sie im elenden Herbstwetter, des Krieges wegen, drei Tage lang mit ihrem Wochenkinde im Wagen durch lauter freie Luft gefahren, ohne sonderlichen andern Schaden als den, hier angeführt zu werden? – Könnte denn kein Scheidekünstler den Müttern einer Stadt durch sichtbare Darstellungen der Giftluftarten Sinn für die Himmelluft beibringen, um sie von der Sorglosigkeit über das einzige unsichtbare und immerwirkende Element zu entwöhnen?

Warum schreiben Sie: »Ich fürchte nichts mehr als die Ammen-Prokuratel«? – Zwei meiner Kinder, gerade die kräftigsten, wurden ohne Menschen-Milch auferzogen. Ist sonst eine Amme nur gemein gesund, und läßt man sie nicht viel weniger arbeiten und nicht viel mehr genießen, als sie in ihrer dürftigen Einsamkeit getan: so mag sie heute noch ihren Dienst antreten. Freilich gegen geistige Vergiftung durch ihre Sitten und ihre Pflege verbürg' ich mich bei ihr nicht, so wenig als – bei allen weiblichen Dienstboten, von der Hebamme an; ein ehrlicher alter, aber frohlauniger Bedienter, z. B. Ihr Johann, wäre einem Kinderherzen gesünder als jede Wart- und Kinderfrau; so wie aus demselben Grunde später Kinder in den freundlichen lobenden nachsichtigen Weiber-Zirkeln mehr verdreht und entkräftet werden als in den kalten trocknen Herren-Gelagen. – Was aber die körperliche Vergiftung der Milch durch Gemütbewegungen anbelangt – so zieh' ich die Amme der Dame vor. Man sieht oft eine gemeine Mutter als Bombardierschiff oder Bombardierkäfer mit einer andern stundenlang jene Unterredung pflegen, welche die einzige ist, die noch niemals in der Welt langweilig ausgefallen, und die man Zanken und Schimpfen nennt; aber der Säugling verspürt und beweint wenig davon. Hingegen eine Dame, die schon der Fehlstich der Kammerjungfer, wie ein Tarantelstich, in Waffen-Tanz setzt, kann des Tags drei- bis viermal vergiften. Was eine andere, geistige Giftmischung für das Kind betrifft: so leugne ich sie ganz. Wenn, wie ich glaube beweisen zu können, schon von der Mutter in das neugeborne Kind keine teilweise Seelenwanderung möglich ist: wie viel weniger kann auf einem Nährmittel, das erst der Magen umarbeitet, Geist zu Geist überschiffen! Ebensogut könnte man mit den Karaiben glauben, daß Schweinefleisch kleine Augen, oder mit den Brasiliern, daß Entenfleisch trägen Entengang fortpflanze.Homes Geschichte der Menschheit, 2ter Band. Auf diese Weise müßte Ziegenmilch und vielleicht die meiste Ammenmilch so einfließen, als die von Jupiters Amme den Gott wirklich so umgewandelt hat, daß er bei manchem der zehn Gebote gar nicht zu gebrauchen ist als Muster. Bechstein bemerkt zwar, daß Fischottern durch Menschenmilch zahm geworden; aber die Ursache davon könnte man wohl näher und richtiger in dem zähmenden Umgange finden, den eine solche Milchspeise voraussetzt.

Über die Verwandtschaft der Muttermilch mit dem Kindkörper ließe sich viel streiten. Wenn der gesunde Magen, wie der Tod, alles gleichmacht (nämlich zu Milchsaft), Kartoffeln, Milchbrötchen, Hirschkolben, Schiffzwieback, Aale, Insekten (Krebse), Würmer (Schnecken) und zuletzt Menschenfleisch: sollte der Kindmagen nicht Milch der Menschen gleich machen können? – Und ist denn der kindliche Körper nicht ebensooft dem väterlichen in allen organischen Eigenheiten als dem mütterlichen verwandt? – Warum werden nicht, wenn die Milch (anstatt der Organisation) so viel entschiede, die meisten Großen Riesen, da meist bäurische Milch dem adeligen Blute, wie Wein dem Wasser, zugegossen wird? – Ja aus dem Grundsatze der mütterlichen Wahlanziehung wäre eben mehr für als wider eine Amme zu schließen. Der Körper polarisiert sich unaufhörlich; folglich müßte z. B. dem oxydierenden Sauerstoff der Dame der Stickstoff der Amme entgegenarbeiten, und umgekehrt würde eine Stadtdame die offizinelle Amme eines Bauernknaben abgeben. – Ein kosmopolitischer Hof- und Speisemeister könnte noch weiter gehen, um schon ein Wickelkind – Mumien sind Wickeltote, und Ruderknechte Wickelmänner – allseitig einzuüben und einzufahren, darauf bestehen, daß es heute Eselmilch (Thesis, Vorpol), morgen Hundmilch (Antithesis, Gegenpol), übermorgen Menschenmilch (Synthesis, Indifferenz) genösse.

So früh als möglich bestimme die Uhr die Eß- und folglich die Schlafzeiten, nur freilich in den ersten Jahren mit häufigern kleinern Abteilungen. Der Magen ist ein solches Gewohnheittier, eine solche Journalière, daß, wenn man bei Hunger um einige Stunden den Termin (fatalis) versäumt, er nichts tut, sondern ausschließt (präkludiert). Sind ihm aber die Fronstunden anberaumt, so arbeitet er über Vermögen. Nur in spätern Jahren, wo der Umriß und die Farbengebung des kleinen Menschen sich stärker ausgezogen haben, wage man sich mit Mitteltinten und Halbschatten daran: das Kind werde, wie der Wilde, im Schlaf und Essen öfters frei und irre gemacht; die leibliche Natur wird dann entweder geübt oder besiegt, und die geistige krönt sich in beiden Fällen.

Lassen Sie nicht vom Wochenkinde, als wäre es ein vornehmer Patient, das Tagesgeräusch verbieten. Wenn sich nur nicht gerade die Feuertrommel oder das Schießgewehr neben seiner Wiege hören läßt: so wird sein langes tiefes Hereinschlafen in die Welt dasselbe gegen jeden Lärm so abhärten, daß es später darunter auch bei dem leisern Ohre und, was das Beste ist und das verderbliche nächtliche Säugen aufhebt, in der abstechenden Nachtstille desto fester schläft. Ich eifere gegen das Nacht-Säugen; denn Ihre Frau soll schlafen, und es ist genug, wenn sie kurz vor dem Einschlummern und sogleich nach Aufwachen das Geliebte tränkt. – Es ist eine Kleinigkeit, aber eine Zeile ist auch eine; warum will ich nicht beide einander geben? Ich meine, warum legt man den neugebornen Kopf höher als den Rumpf? In den letzten Monaten vor der Geburt stand der Rumpf gar auf dem Kopf. Ich dächte, waagrechte Lage nach der steilrechten wäre schon genug; wozu die Erschaffung eines neuen Bedürfnisses oder das schwächende Vorwegnehmen einer Arznei, welche die höhere Kopflage in den Kinder-Steckflüssen ist?

Mit Fleischspeisen – sagen die meisten zu Ihnen – werde gewartet bis aufs Gebiß dazu. Warum? Fleischbrühe und den stärksten honigdicken Fleischextrakt, den ich kenne, den Eidotter, nehmen zahnlose Kinder mit Vorteil. Auch Fleischspeisen haben weniger ihre Größe, da man ebenso klein schneiden als käuen kann, als das Verschlucken ohne Käuen, nämlich ohne Speichel, wider sich. Aber die Kinder genießen und vertragen ja Milch und Brei fast ohne allen Vor-Magensaft, den Speichel, wie die Raubvögel die Fleischstücke. Wahrscheinlich schaden auch große Bissen am meisten darum, weil man ihrer mehre und schneller in gleicher Zeit nimmt als kleine; denn das Sattwerden berechnet der Magen – im Hunger wie Durste – nicht nach Maßen (denn ein halbes Maß Wasser stillt oft nicht so sehr den Durst als eine Zitronenscheibe), sondern nach organischer Aneignung; daher isset man von keinen Speisen leichter so viel als von unverdaulichen, bloß weil die schwierige und spätere Aneignung das Gefühl des Sättigunggrades verschiebt und verbirgt. – Was Verdauen ist, weiß ohnehin noch kein Physiolog. Der Magensaft, der Hunger erregen oder erzeugen soll (gibts denn aber für den Durst einen Durstsaft?), reicht mit seinem Paar Eßlöffeln voll nicht hin, von einer Flasche Wein und einem Teller Suppe verdünnt und umwickelt, wie von Öl eine Arsenikspitze, nur einen steyerischen Hahnenkamm aufzulösen, geschweige ein Früh- oder gar Spätstück. Die laue Tierwärme, welche, wie der August der Weinkoch ist, umgekehrt der Kochwein für das Essen werden soll, wird durch kalte Getränke sogar mit weniger Nach- als Vorteil des Verdauens erkältet und ersäuft. Soll der Magen des Menschen, wie überall dessen Wesen, als eine Ellipse mit zwei Brennpunkten, also nicht nur als ein häutiger Geiermagen, sondern auch als fleischiger Hühnermagen arbeiten, mithin neben der Chemie zugleich durch Mechanik: so begreife ichs eben nicht, wie ein Pressen, z. B. der Fleischbrühe oder des Breies, diese verdauen helfe.

Doch nun geht nur die Sache, nicht ihre Erklärung an. Die Fleischspeise scheint überhaupt gegen die Schwäche der Kindheit und gegen das Übergewicht der Säure heilsam; da sogar die Jungen des körnerfressenden Gevögels sich vorteilhaft mit Eiern, Würmern und Insekten nähren. – Eine kleine, aber seltene Überfracht wird die Tragkräfte des Magens üben und stärken; nur werde das Lasttier nicht mit leicht verderblichen Waren (z. B. Eier, Fleisch), sondern mit ziemlich dauerhaften (wie Hülsenfrüchte, Kartoffeln) überladen.

Warum gibt man den Kindern nicht in Zeiten, wo sie nichts genießen wollen, wenigstens Zucker (von Konfekt wie Kost von Gift verschieden), mit dessen Nahrungstoff der Neger sich und sein Pferd auf tagelangen Reisen abspeiset? –

In den ersten Jahren – – so wollt' ich wieder anfangen, aber ohne allen Grund; denn die strenge Lebensordnung versteht sich ohnehin eben nur so lange, bis das Sparrwerk des Lebens befestigt und eingefuget ist. Wie aber die Sterblichkeit mit jedem Tage abnimmt – die bekanntlich in den ersten am größten ist –, so muß wachsende Freiheit und kräftige Vielseitigkeit das Kind gegen alle zweiunddreißig Winde und Stürme des Lebens zurüsten.

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