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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 24
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Neuntes Kapitel

Über den Kinderglauben

§ 73

Lange vorher, eh' das Kind sprechen kann, versteht es die fremde Sprache, auch ohne Gebärde und Tonfall, so wie wir etwa eine fremde Sprache verstehen, ohne sie reden zu können. Darum findet dieses Kapitel schon hier Platz.

Man braucht dem Kinderglauben (fides implicita) der ältern TheologenWelche darunter den von Gott den Kindern und Heiden in der Sterbestunde geschenkten verstanden. nur nähere Gegenstände zu leihen, so ist ihr Wort wichtig und wahr. Wenn das Kind einen heiligen Vater an seinem Vater hat mit allen Vorteilen der Unfehlbarkeit und mit dem Überschusse einer heiligen Mutter; – wenn es die Aussage eines Fremden, sowohl mit Glauben als Unglauben innenhaltend, zu den Eltern trägt und fragt: ists wahr? – wenn ihm gleichsam, nach den Ur-Sätzen der wolffischen Philosophie, der Vater der Satz des zureichenden Grundes ist, die Mutter der Satz des Widerspruchs und der Lehrer der Satz des Nichtzuunterscheidenden; – wenn es, ohne Beweis glaubend, folglich ein Paar Menschen der ganzen äußern Welt entgegen und seiner innern gleich setzt; – wenn es sich bedroht in die elterlichen Arme körperlicher Stärke nicht zutrauender wirft als in die der geistigen: so tut dieses einen so kostbaren Schatz der Menschheit vor uns auf, daß wir, um seinen Wert genug auszuschätzen, ihn bloß in ältern Herzen wiederzufinden und zu beschauen brauchen. Was ruht denn auf dem noch so wenig ausgemessenen Glauben an Menschen? In der gelehrten Welt beinahe alles, folglich sie selber; und in der sittlichen wenigstens ebensoviel.

Die gelehrte wird es zwar am wenigsten zugeben von sich. Aber was wissen wir von der ersten besten Insel, die ein Reisebeschreiber entdeckt, als was unser Glaube von ihm annimmt? Oder was von ganzen Weltteilen? Ein roher Seefahrer beherrscht an der gelehrten Welt mit seinem Zeugnis den geographischen Weltteil. Wendet man die Zeugen-Menge ein – wiewohl wenige ferne Länder so viele Zeugen haben als ein Testament –, so antwort' ich: auch aus der Menge der Zeugen würde sich kein Wahrscheinlichkeit-Gewicht ergeben, wenn nicht jener große Glaube an ein Ich sich durch die Vervielfältigung der Ich verstärkte. Der Mensch glaubt dem Menschen leichter über das Ferne und Breite, über Vorzeiten und Weltteile, als über das Nahe und Enge, und er läßt bei dem fremden Ich die Wahrscheinlichkeit, zu lügen, nicht mit der Leichtigkeit und Straflosigkeit, es zu können, wachsen, sondern sich umkehren.

So schöpfen wir unsere griechische und römische Geschichte meist aus einigen Hauszeugen derselben – denn den Persern, welche dem Herodot widersprechen, widersprechen wir selber –, und wir machen bei diesen Rückbürgen tausend anderer Zeugen, da kein Historiker alles erlebt, was er belebt und beschreibt, über eine Verlassenschaft von Millionen Tatsachen nicht einmal nur die halbe Schwierigkeit, welche Juristen über eine Tatsache machen, wozu sie zwei Zeugen fodern. Was gibt uns diese Gewißheit? Der Glaube an Menschheit, mithin an Menschen, folglich an einen.

So ist ferner die Arzneilehre, Sternkunde, die Naturgeschichte, die Scheidekunst früher und breiter auf fremde als auf eigne Erfahrungen gebauet, folglich auf Glauben. Selber unsere Überzeugung aus philosophischen Rechnungen nimmt zur Wahrscheinlichkeit, daß wir uns nicht verrechnet haben, den Glauben an andere zu Hülfe. Und warum treibt uns eine unaufhaltsame Sehnsucht so heftig zu den Meinungen großer Menschen über die Schlußsteine unseres Daseins, über Gott und Ich, als weil wir ihren Versicherungen mehr glauben als fremden oder eignen Beweisen. Und wie hängt nicht die trunkne Jugend trinkend – wie Bienen am blühenden Lindenbaum – am Geiste eines berühmten Lehrers!

Am reichsten aber offenbart dieser Glaube seinen glänzenden Gehalt, wenn zugleich sein Gegenstand sittlich ist. Hier erquickt sich das Herz am wahren seligmachenden Glauben. Denn im gelehrten Reiche glaubt man mehr dir, im sittlichen aber mehr an dich. Wie Liebende an einander glauben, wie der Freund an den Freund glaubt, und der edle Geist an die Menschheit, und der Gläubige an die Gottheit – dies ist der Petrusfels und feste Platz der Menschenwürde. Alexander, der die verdächtige Arznei trank, war größer als der Arzt, der sie bloß heilsam anstatt giftig machte; es ist erhabener, ein gefährliches Vertrauen zu hegen, als es zu verdienen; aber worin liegt das Göttliche dieses Vertrauens? Nicht etwa bloß darin, daß du im fremden Ich keine Kraft mit Leben-Gefahr voraussetzen kannst, ohne sie im eignen lebendig zu haben und zu kennen – denn du kannst sogar haben und kennen, und doch nicht voraussetzen; und dann wird in Gefahren, wie von Alexander, nur vom Gläubigen gewagt, nicht von dem Beglaubten –, sondern darin bestehen die Siegzeichen des Glaubens der Menschheit und der Himmel-Bürgerkranz, daß der Gläubige unterlassen und stillhalten muß – was, wie im Kriege, überall schwerer ist als Handeln und kämpfen –, und daß der Glaube, indes die Handlung nur ein Fall ist, alle Fälle, ein ganzes Leben voll, anschauet und umfaßt. Wer recht vertrauet, zeigt, daß er die sittliche Gottheit von Angesicht zu Angesicht gesehen; und es gibt vielleicht auf der Erde keinen höhern sittlichen Genuß, als der ist, wenn Sinne und Zeugen über den Freund in deinem Herzen herfallen, um ihn herauszuwerfen, dann ihm beizustehen mit dem Gott in dir, um zu behalten und ihn zu lieben, nicht wie sonst, sondern stärker.

Darum ist, wenn dieses Glauben der heilige Geist im Menschen ist, die Lüge die Sünde gegen diesen Geist, da wir fremdes Wort so hoch stellen – über unser inneres sogar –, daß (nach Pascal) ein Mensch, dem jeder Verrückung zuschriebe, sie zuletzt glauben und realisieren würde. Platner behauptet, je schwächer das Gehirn, desto leichter werde geglaubt, z. B. von Trunknen, kranken Weibern, Kindern; aber hier ist die Frage, ob diese (nur physische) Schwäche, die so vielen zarten Entwickelungen des Herzens Raum gibt, z. B. der Liebe, der Religion, der Begeisterung, der Poesie, nicht gerade eben dem Heiligsten Sinne, dem für fremde Heiligkeit – wiewohl auf Kosten anderer Kräfte –, die rechte reine Einsamkeit zubereite. – Der Engländer ist leichtgläubiger als jedes andere Volk, aber weder schwächer, noch schwach; er haßt die Lüge zu sehr, um sie oft vorauszusetzen.

§ 74

Ich kehre zum Kinderglauben zurück. Gleichsam bildlich hat die Natur sich schon für das Aufnehmen reicher ausgerüstet: die Gehörknochen sind (nach Haller) die einzigen, die das Kind so groß hat als der Erwachsene; oder in einem andern Bilde: je jünger (nach Darwin), desto voller sind die Einsaug-Adern. Heilig bewahre den Kinderglauben, ohne welchen es gar keine Erziehung gäbe. Vergiß nie, daß das kleine dunkle Kind zu dir als zu einem hohen Genius und Apostel voll Offenbarungen hinaufschauet, dem es ganz hingegebener glaubt als seinesgleichen, und daß die Lüge eines Apostels eine ganze moralische Welt verheert. Untergrabt also eure Unfehlbarkeit weder durch unnütze Beweise, noch durch Bekenntnisse des Irrtums. Das Bekenntnis eurer Unwissenheit verträgt sich leichter mit ihr. Kraft und Skepsis kann das Kind ohne eure Kosten schon genug an fremden Aussprüchen polemisch und protestantisch üben und stärken.

Am wenigsten stützt Religion und Sittlichkeit auf Gründe; eben die Menge der Pfeiler verfinstert und verengt die Kirchen. Das Heilige in euch wende sich (ohne Schluß- und Schließer-Mittler) an das Heilige im Kinde. Der Glaube – gleichsam die Vor-Moral, der vom Himmel mitgebrachte Adelsbrief der Menschheit – tut die kleine Brust dem alten großen Herzen auf. Diesen Glauben beschädigen heißt dem Calvin ähnlichen, welcher die Tonkunst aus den Kirchen verwies; denn Glauben ist Nachtönen der überirdischen Sphärenmusik.

Wenn in euerer letzten Stunde, bedenkt es, alles im gebrochenen Geiste abblüht und herabstirbt, Dichten, Denken, Streben, Freuen: so grünt endlich nur noch die Nachtblume des Glaubens fort und stärkt mit Duft im letzten Dunkel.

Ende des ersten Bändchens

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