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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 23
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Achtes Kapitel

Schrei-Weinen der Kinder

§ 68

Das Beste darüber ist schon geschrieben und sogar die Ährenlese vorbei. Alles, was man noch zu tun hat, ist, daß man das tue, was geschrieben ist; und dieses erwart' ich von den Weibern am ersten, wenn sie in der zweiten Welt sollten Kinder gebären oder wenigstens in der dritten. Nur jetzo wird ihr weiches und fünfsinnliches Herz vom Weinen und Schreien der Kinder, als von Welle und von Wind, überall hingetrieben; und da sie oft selber mit dem flüssigen heiligen Januars-Blute, mit der Träne, gute Wunder tun: so ist es natürlich, daß sie leicht in fremde zerfließende zerfließen. Nur für den Mann, welchem Augenwasser zu leicht versteinerndes Wasser wird, stehe hier eine und die andere Milderung voraus, damit ihn nicht jedes Schrei-Weinen eines Kindes zu wild mache, zu einem Tier und Untier.

Wenn Rubens durch einen Strich ein lachendes Kind in ein weinendes verkehrte: so tut die Natur diesen Strich ebensooft an dem Urbilde; nie zieht ein Kindauge, wie die Sonne, leichter Wasser als in dem heißen Wetter der Lust, z. B. nach der Rückkehr aus einem spielenden Kinder-Klub. Ihre Freude erfliegt sehr bald das Äußerste, das durch Erschöpfung an das zweite führt. – Bedenkt ferner, daß Kinder so gut hypochondrische Marter- und Regentage und Regenstunden haben als die Eltern – daß die vier großen Jahrzeiten-Räder an den vier Quatembern auch in junge Nerven einschneiden, und daß das kindliche Quecksilber mit dem in der Glasröhre leicht falle und springe, z. B. vor Gewittern und Kälte.Das Parallellineal oder vielmehr der Parallel-Zickzack zwischen unserer Leib-Welt und der äußern Körperwelt wäre längst richtig angelegt worden, wenn nicht die großen Veränderungen des Wetters in die unseres Leibes bei dem schwächern Teile vor ihrem Eintritt, bei einigen mit, bei starken Naturen nach demselben eingreifend erschienen, so daß der eine durch dasselbe Wetter erkrankt, das einen andern, den schon das künftige behandelt, herzustellen scheint. Aus einem ähnlichen Grunde wurde der Vater der ähnlichen Ebbe und Flut, der Mond, so lange verkannt, weil sie stunden- und tagelang hinter ihm nachblieben. Ihr sollt es aber nicht bedenken, um etwa mehr nachzugeben oder mehr abzuwehren, sondern um nichts daraus zu machen, weder Sorgen noch Predigten. –

Da Weiber so gern ihre Empfindungen in Worte übersetzen und durch Vielberedsamkeit mehr als wir uns sich von den Papageien unterscheiden, worunter die weiblichen wenig reden – daher nur männliche nach Europa kommen –: so halte man kleinen Mädchen das Vorreden zu Reden, nämlich einiges Weinen und Schreien, als Überfließungen des künftigen Stroms zugute. Ein Knabe muß seinen Schmerz trocken verdauen, ein Mädchen mag einige Tropfen nachtrinken.

Kinder haben mit schwachen Menschen das Unvermögen, aufzuhören, gemein. Oft stillt keine Drohung ihr Lachen; erwägt die Umkehrung bei ihrem Weinen, um die Schwäche mehr als Arzt denn als Richter zu behandeln.

§ 69

Man kann die Kinderschmerzen oder die Schmerzenschreie vierfach abteilen, gleichsam die vier Schneckenfühlfäden, womit sie an die Welt stoßen. Erstlich: das Schrei-Weinen über äußern Schmerz, z. B. des Fallens. – Hier ist nichts schädlicher als – was bei Foderungen ans Kind so nützlich ist – die weiche mitleidende Mutterstimme; fremdes Mitleiden flößt ihm eines mit sich selber ein, und es weint fort zur Lust. Entweder sagt trocken, fest, ruhig: es tut nichts; oder sagt noch viel besser ein lustiges altes Dakapo-Wort, z. B. Hoppas! – Die Kraft oder Schwäche des Kindes entscheidet, ob und daß man im ersten Falle den Schmerz durch ein einsilbiges Verbot seines Ausbruchs ersticke – da der Sieg über die Zeichen durch Zerstreuen und Verteilen ein Sieg über die Sache wird –, oder daß man im zweiten die Natur sich mit jenen innersten Hausmitteln heilen lasse, welche bei Erwachsenen die Ausrufzeichen und Flüche sind, und bei Kindern Träne und Laut. – Man erwidere mir nicht: »ganz gewöhnliche Ratgebungen«; denn ich antworte: »eben für seltene Erfüllungen.« Die unveränderte Auflage der alten Ratgeber soll bloß eine verbesserte der Hörer veranstalten.

§ 70

Hingegen bei dem zweiten Schrei-Weinen, dem über Krankheit, ist die milde und mildernde Mutterstimme am rechten Orte, nämlich am Krankenlager. Allein warum anders als darum, weil von Krankheiten das kleine geistige Ich oder Ichlein selber angefallen und ausgeplündert wird, das über das leibliche zu walten und zu herrschen hat und vorhat, und weil folglich der in eisernen Ketten liegende Geist nicht den Orden der eisernen Krone zu tragen weiß. – Hier verstattet die Klage, ohne sie darum mehr zu erhören als sonst. – Behaltet auch die Seelendiätetik bei, wenn ihr die körperliche ändern müßt. Kinder werden von Krankheiten, wie Weiber von Schwangerschaften, moralisch verdreht; das Krankenbette verbessert, die Krankenwiege verschlimmert. Kein krankes Kind starb noch an guter Erziehung. Aber warum ist man hier so bedenklich als bloß, weil man im stillen doch die ganze Ausbildung der kindlichen Menschheit nur zur Amme des körperlichen Fortkommens machen, gleichsam (ist diese Sprache anders erlaubt) die heilige Lebensluft zum Treiben von Windmühlenflügeln gebrauchen will und die zweite Weltkugel zur Schwimmblase auf unserer Kugel. Schlecht genug! Alles Unheilige setzt sich (und andern) eine Zeit vor, von wannen es erst in die Ewigkeit des Heiligen hinübergedenkt, als sei die Humanität an irgendein folgendes Jahr, an das 20ste, 30ste, 70ste, gebunden, anstatt an jedes jetzo. – Wo und in welcher Zeit und Lage könnte die Furcht, durch Folgerichtigkeit der Bildung dem Leben zu schaden, je vorüber sein? – Denkt doch überall nur ans Beste; das Gute wird sich schon geben.

§ 71

Das dritte Schrei-Weinen ist das fodernde. Hier bleib' es bei Rousseaus Rate, nie das Kind mit diesem Krieggeschrei auch nur einen Zoll Land erfechten zu lassen; nur ist das Unglück: die Weiber sind nie zu diesem leidenden Ungehorsam gegen einen Schreihals zu bewegen. Indes sagen sie doch zu ihnen: »Nein, du bekommst nichts, da du so unartig bist; sobald du aber nicht mehr weinen wirst, so sollst du sehen, was ich dir gebe.« Begehrt aber das kleine Despotchen denn mehr? – Das Höchste, was den Müttern in der Angst noch zu tun verstattet ist, wäre etwa, ihrem Unterköniglein, im Falle es noch klein genug wäre, statt der außerordentlichen Kriegsteuer die ordentlichen Abgaben und Kammer-Zieler abzutragen und unterzuschieben, d. h. statt der anbefohlnen Gabe eine andere zu gewähren. – Aber, Himmel! hat denn noch keine gesehen, wie selig ein Kind ist, das kein Beordern kennt und folglich keine fremde Widerspenstigkeit – das vom Nein so lachend davonhüpft als vom Ja – das noch an keiner Wechsel-Willkür zwischen Erlauben und Verbieten, zwischen Ja und Nein, zu welcher ein unterjochender Schreihals am Ende stets hintreibt, die erste bittere Erfahrung der Ungerechtigkeit gemacht – und das folglich keine andere und tiefere Wunden empfängt, als die der Körper schlagen kann? – Habt ihr Mütter dieses Freudenkind noch nicht gesehen? – So schafft es wenigstens euch zur Probe in irgendeinem Punkte nach, z. B. befehlt scharf eurem Kinde von etwa 2¾ Jahren, es solle etwa eure Repetieruhr, obgleich mehr ein Brust- als Ohrgehänge, niemals anfassen, liege die Uhr auch täglich auf dem Nähtisch frei, und handelt nur drei Tage so darnach, als widerriefet ihr euch nie: – ihr werdet eure bisherigen Reukaufgelder verwünschen.

§ 72

Gegen das vierte Schrei-Weinen – über Verlust, aus Furcht, aus Verdruß – hilft das Auftragen eines Geschäftes. Oder auch: ihr fodert das Kind wichtig zum Aufmerken vor und fangt eine lange Rede an; es ist gleichgültig, wohin sie zuletzt sich zuspitzt; genug das Kind hat sich angestrengt und vergessen. – Sehr gut ist der Donner-Funke eines starken Worts, z. B. still! Nie lasset die Seelen-Gelb- und Bleichsucht des Unmuts sich über das ganze Wesen ausbreiten. Daher ist es besonders bei kleinern Kindern sehr wichtig, daß man niemals den vollen Ausbruch des Trübsinns abwarte, sondern schon das erste kleinste Zeichen bemerke und unterdrücke. – Übrigens bringe man nur niemals Unarten, die mit den Jahren vergehen, durch solche in die Flucht, die mit den Jahren wachsen; die Kinder-Tränen versiegen noch früher, als Menschen-Seufzer anfangen.

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