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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 20
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Fünftes Kapitel

Musik

§ 60

Musik, die einzige schöne Kunst, wo die Menschen und alle Tierklassen – Spinnen, Mäuse, Elefanten, Fische, Amphibien, Vögel – Gütergemeinschaft haben, muß in das Kind, das Mensch und Tier vereint, unaufhaltsam eingreifen. Daher könnte man dem Leben-Neuling mit der Trompete das Herz, mit Schrei- und Mißtönen das Ohr zerreißen. Darum ist es wahrscheinlich, daß die erste Musik, vielleicht als unsterbliches Echo im Kinde, den geheimen Generalbaß, in den Gehirnkammern eines künftigen Tonkünstlers das melodische Thema bilde, welches die spätern Sätze nur harmonisch umspielen.

Musik sollte man lieber als die Poesie die fröhliche Kunst heißen. Sie teilt Kindern nichts als Himmel aus, denn sie haben noch keinen verloren und setzen noch keine Erinnerungen als Dämpfer auf die hellen Töne. Wählt schmelzende Tongänge und weiche Tonarten: ihr heitert doch damit das Kind nur zu Sprüngen auf. Wilde, kräftige Völker und lustige, wie Griechen, Russen, Neapler, haben ihre Volklieder in lauter Molltönen gesetzt. Einige Jahre kann das Kind weinen über Töne, wie der Vater, aber nur jenes vor Überlust, da noch nicht unsere Erinnerung den tönenden Hoffnungen die Rechnungen des Verlustes unterlegt.

§ 61

Doch dient der Erziehmusik unter allen den Instrumenten, die in Haydns Kinderkonzert lärmen, das am besten, welches dem Spieler selber angeboren wird, die Stimme. In der Kindheit der Völker war das Reden Singen; dies werde für die Kindheit der Einzelwesen wiederholt. Im Gesange fällt Mensch und Ton und Herz in eins zusammen, gleichsam in eine Brust – indes Instrumente ihm ihre Stimmen nur zu leihen scheinen –; mit welchen Armen kann er nun die kleinen Wesen näher und milder an sich ziehen als mit seinen geistigen, mit den Tönen des eignen Herzens, mit derselben Stimme, die immer zu ihnen spricht, auf einmal aber sich in der musikalischen Himmelfahrt verklärt? –

Dabei haben sie den Vorteil und das Bewußtsein, daß sie selber auf der Stelle nachmachen können. Singen erstattet das Schreien, das die Ärzte als Lungen-Palästra und erste Rede-Waffenübung so loben. Gibt es etwas Schöneres als ein frohsingendes Kind? – Und wie pflegt es unermüdet zu wiederholen, was sonst gerade diesem Seelchen in allen andern Spielen so widersteht! Wie das spätere Alter, der Alpenhirt, der angekettete Arbeiter die Leere und den Sitzzwang versingen: so versingt das Kind die Kindheit und singt fort und hört nur sich. Denn Tonkunst, als die angeborne Dichtkunst der Empfindungen, will eben, wie jede Empfindung, nichts sagen als dieselbe Sache unersättlich im Wiederholen, unerschöpft durch Laute.

Der Vater, ähnlich den Friesländern – dem Sprichworte zufolge: Frisia non cantat –, singt nicht oder selten; ich wollte, er tät' es für seine Kinder; und die Mutter für ihn und sie.

§ 62

Wie man sich durch inneres Singen-Hören einschläfert: so könnte man wenigstens in den Fällen, wo schnelles (sonst immer bedenkliches) Aufwecken nötig ist, es nach dem Beispiele von Montaignes Vater musikalisch tun. Eine Flötenuhr wäre ein guter Wecker. – Und wie wäre nicht sonst noch die Tonkunst als Seelenheilmittel gegen die Kinderkrankheiten des Verdrusses, Starrsinns, Zürnens anzuwenden!

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