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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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§ 43

Endlich kann das Kind zum Vater sagen. bilde höher, denn ich atme. – Der erste Atemzug schließet, gleich dem letzten, eine alte Welt mit einer neuen zu. Die neue ist hier die Luft- und die Farbenwelt; – das Erdenleben fängt, wie der Zeichner, mit dem Auge an. Das Ohr ging ihm zwar voraus – so daß es der erste Sinn des Lebenden, wie der letzte des Sterbenden ist –, aber noch ins Reich des Gefühls gehörig; daher Vögel in Eiern und die weichen viellöcherigen Seidenraupen am Knalle sterben. Das erste Tönen fällt mit einem dunklern Chaos in die eingewindelte Seele als das erste Leuchten. So hebt denn der Lebenmorgen mit zwei Sinnen der Ferne im losgelassenen Gefangnen an, wie der tägliche Morgen mit Licht und Gesang oder Getöse. Indes bleibt Licht der erste Schmelz der Erde, das erste schöne Wort des Lebens. Der Schall, der ins fortschlummernde Ohr eingreift, kann nur ein starker sein – diesen erregt aber niemand neben der Gebärerin als ihre Geburt selber, das Kind, und so fängt die Tonwelt mit einem Mißton an, aber die Schauwelt mit Glanz und Reiz.

Alles Erste bleibt ewig im Kinde, die erste Farbe, die erste Musik, die erste Blume malen den Vorgrund seines Lebens aus; noch aber kennen wir dabei kein Gesetz als dieses: beschirmt das Kind vor allem Heftigen und Starken, sogar süßer Empfindungen! Die so weiche, wehrlose und so erregbare Natur kann von einem Mißgriff verrenkt und zu einer wachsenden Mißgestalt verknöchert werden. Aus diesem Grunde ist sogar das Schreien der Kinder, sobald es sich aus Mißton, Heftigkeit, Befehl und Zorn zugleich zusammenflicht, durch alle männliche Gegenmittel zu verhüten, obwohl nicht durch weibliche, die es vermehren.

§ 44

Soll man im Meer einer menschlichen Seele Abschnitte, und auf ihm Grade der Breite und Länge angeben: so muß man beim Kinde einen ersten Abschnitt der drei ersten Jahre machen, innerhalb welcher es, aus Mangel an Kunstsprache, noch im tierischen Kloster lebt und nur hinter dem Sprachgitter der Naturzeichen mit uns zusammenkommt. In dieser sprachlosen Periode, wovon jetzo gehandelt werden soll, fallen die Zöglinge noch ganz den Redekünsten der Weiber anheim; wie diese freilich jetzo zu erziehen hätten, kann erst später unten bei der Untersuchung vorkommen, wie sie selber zu erziehen wären. In dieser Dämmerperiode, in diesem ersten Mondviertel oder -achtel des Lebens lasse man das Licht nur selber wachsen, ohne eines anzuzünden. Hier sind noch die Geschlechter ungeteilt und weder vom platonischen Aristophanes noch vom Schneider getrennt. – Der ganze Mensch ist noch eine dicke feste Knospe, deren Blume oder Blüte sich bedeckt. – Wie die Eier der Sing- und der Raubvögel und wie das neugeborne Küchlein der Taube und des Taubengeiers, so verlangen anfangs alle nur Wärme, keine Nahrung, die nur verschieden ausfallen könnte.

Und was ist Wärme für das Menschenküchlein? - Freudigkeit. Man mache nur Spielraum – indem man die Unlust wegnimmt –, so fahren von selber alle Kräfte empor. Die neue Welt, die der Säugling mitbringt, und die neue, die er vorfindet, wickeln sich an ihm als Lehren ab, oder als Kenntnisse auf; und beide Welten bedürfen noch nicht fremder Ackerpflüge und Aussaaten. Sogar jene köstliche Gymnastik der Sinne, die ein Jahrkind will sehen und hören und greifen lehren, ist nicht viel nötiger als die Laufbänder, die im Gehen unterweisen; und kann es denn der Vorteil, irgendeine Sinnen-Kunst etwa drei Monate früher einzuschulen, als der vierte sie von selber zuführt, belohnen, daß man in den ersten Jahren und über das erste Kind sich zum Nachteil der späten Jahre und der folgenden Kinder über ein Etwas abmüde und versäume, das den Wilden und Landleuten und jedem ungehemmten Leben sich von selber aufnötigt?

Der treffliche Schwarz in seiner Erziehlehre fodert durch seinen Entwurf eines Früh-Gymnasiums aller Sinne zu einem Zusatze für diesen Paragraphen auf. Was den materialen Vorteil dieser fünf Sinnen-Schulklassen betrifft, so erzieht und übt das reiche vielgestaltige Leben die Sinne durch Unaufhörlichkeit mit einer Macht, welche der Armut einiger Übanstalten nicht bedarf, bloß den Fall ausgenommen, wenn ihr das ganze Kind in einen einzigen Sinn verwandeln wollt, z. B. in ein Maler-Auge, in ein Kunstohr. Hingegen formelle Nützlichkeit haben diese Übungen, insofern sie den Geist anhalten, sich seiner Empfindungen in feinern Abteilungen bewußt zu sein, und anstatt die Welt mit Ellen, besser mit Linienteilern auszumessen. Indes bietet sich die innere Welt zu einer feinern und höhern Schule dazu an als die äußere. Besonders die Exerzitien des Geschmacksinnes lasse man weg, für dessen haut-goût ohnehin die Küchen die hohen Schulen sind; zumal da wir jetzo nicht erst durch ihn zwischen Gift und Kost zu richten brauchen, sondern vielmehr durch seine Übung an großen Tafeln beide verwechseln lernen, so daß wir, ungleich den Tieren, welche nur jung aus ungeübtem Geschmack auf der Weide zu schädlichen Kräutern fehlgreifen, alt aus versteinertem gerade nach Giftschüsseln und Giftkelchen langen.

Hier sei nicht sowohl eine Aus- als eine Vorausschweifung über die Entfaltreihe der Sinne. Schwarz setzt in seiner Erziehlehre die Geburtzeit des Schmeck- und des Riechsinnes zu spät an und fast über das Kindalter hinaus. Er scheint aber die Verfeinerung dieser Sinne, welche allerdings in ein erwachsenes Alter fällt, mit der Innigkeit und Kraft derselben zu vermengen, welche mit ihrer größten Stärke gerade im kindlichen blüht. Es erinnere sich doch jeder, wie er als Kind, gleich dem Tiere (auf dessen oberster Stufe wohnhaft) und gleich dem Wilden, das Schmackhafte, Früchte, Zucker, süßen Wein, Fett, mit einer Wollust und Innigkeit in sich gezogen, welche mit jedem Jahre der späteren Sinnverfeinerung sich verwässerte, daher eben die zu sehr beklagte Naschhaftigkeit aller KinderWovon später unten., daher die Erfahrung so vieler Erwachsenen, die sich Lieblingspeisen ihrer Kinderzeit nachkochen ließen, daß sie ihnen nicht geschmeckt. Kleine Kinder nehmen allerdings bittere Arzeneien ohne Widerwillen; aber dies ist kein Einwand gegen ihren Geschmack: das reine Bittere suchen wir ja selber später als höhern Reiz in bitteren Bieren, Wassern und Mandeln. Frißt ein junges Tier Giftkräuter, vor denen sich ein altes hütet: so ist damit weniger Mangel an Zunge als Überfluß an Magen bewiesen, nämlich Hungergier, die leicht so den Instinkt besiegt wie bei uns leider dieser die Vernunft.

Der Geruch, dessen Stumpfheit so wenig für als die Augen- oder Ohren-StumpfheitHaller mit seinen stumpfen Augen; Pope und Swift mit musiklosen Ohren. gegen geistige Feinheit spricht, erwacht mit dem Bewußtsein, also zuletzt im Kinde. Nun wird man seine Ankunft weniger gewahr, weil er wenig den Bedürfnissen zu dienen hat, und weil seine umfangende Fortdauer, z. B. in Gewürzinseln oder in Augiasstall-Gassen, das Bewußtsein desselben erschwert. Kinder haben Riechwärzchen sogar für die nächsten Personen, z. B. für die Eltern, und unterscheiden sie von seltener gesehenen Menschen. Und gerade der Geruch stirbt unter allen Sinnen zuerst ab, so selten ihn auch, ungleich anderen Sinnen, Überreize abnützen. Und wer hat nicht an sich meine Erfahrung gemacht, daß oft ein ländlicher Blumenstrauß, welcher uns als Kindern im Dorf ein Lustwald gewesen, in späten Mannjahren und in der Stadt durch seine alten Düfte unnennbare Zurückentzückungen in die göttliche Kindheit gegeben, und wie er, gleich einer Blumengöttin, uns in das erste umfassende Autorengewölke der ersten dunkeln Gefühle hineingehoben! – Aber wie könnte eine solche Erinnerung so stark an uns selber berauschen, wäre nicht die kindliche Blumen-Empfindung so stark und innig gewesen! – Mithin schreibe man dem spätern Alter nichts weiter zu als die Verfeinerung einer solchen Innigkeit.

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