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Levana oder Erziehlehre

Jean Paul Richter: Levana oder Erziehlehre - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleLevana oder Erziehlehre
pages515-874
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1806
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Drittes Bruchstück

Kap. I. Abschweifung über den Anfang des Menschen und der Erziehung § 41-44. Kap. II. Freudigkeit der Kinder § 45-47. Kap. III. Spiele § 48-56. Kap. IV. Tanzen § 57-59. Kap. V. Musik § 60-62. Kap. VI. Gebieten, Verbieten § 63-65. Kap. VII. Strafen § 66-67. Kap. VIII. Schrei-Weinen der Kinder § 68-72. Kap. IX. Über den Kinderglauben § 73-74.

Erstes Kapitel

§ 41

Wann fängt die geistige Erziehung ihr Werk an? Bei dem ersten Atemzuge des Kindes, aber nicht früher. Der Seelenblitz, den wir Leben nennen, und von welchem wir nicht wissen, aus welcher Sonnenwolke er fährt, schlägt ein in die Körperwelt und schmelzt die spröde Masse zu seinem Gehäuse um, das fortglüht, bis der Tod ihn durch die Nähe einer andern Welt wieder entlockt. In diesem Ur-Nu – wenn anders schon Zeit ist, da erst hinter ihm der Puls die erste Sekunde anschlägt – hat sich der unsichtbare Ich-Strahl zum Farbenspektrum seiner körperlichen Erscheinung auf einmal gebrochen; die Anlagen, das Geschlecht, sogar das Abbild des mütterlichen und väterlichen Gesichts sind mit unsichtbaren Strichen entschieden. Denn die Einheit des Organismus, dieses Staats im Weltstaate, d. h. das verkörperte System von Gesetzen, kann nicht allmählich, wie die einzelnen Teile, die es regiert, sich aufhäufen; z. B. der Bildungtrieb, der das durchsichtige Kind-Antlitz nach dem väterlichen oder großväterlichen abformt, kann nicht in den neunmonatlichen Phantasien der Mutter, sondern muß im Kinde selber wohnen.

Etwas anderes sind die beiden Lebensketten der Eltern und besonders der letzte Ring, worüber und woraus der Funke des neuen Menschen lief und absprang, um den körperlichen Erdenkloß zu einem Adam zu beseelen. Wenn man bedenkt, wie wenig hier für die Aussaat der Nachwelt (Pferde, Schafe, Kanarienvögel ausgenommen) noch gemacht worden, nicht einmal Beobachtungen, geschweige Anstalten, bloß für eine Wiege mehr als für das Wiegenkind – wie die Verhältnisse der Geschlechter, der Jahre, der Monate, der Stunden so gesetz- und sorglos eben da vergessen und beleidigt werden, wo sie die Grundsteine zu Jahrhunderten eingraben – wie hier der gaukelnde, schwelgerische Mensch mehr Gesetze als das feste Tier bedarf, das an den Leitseilen des Instinktes und der Gesundheit richtig geht – und wenn man bedenkt, daß die mit der Kultur fortwachsende Abweichung von Wilden und Ur-Deutschen, welche noch die Vorteile des Tiers hatten, die Gesetzlosigkeit neben der Gesetzunwissenheit täglich verdoppelt, und wie die Welt für die Begierde zwar immer unverschämter, aber für die Wissenschaft immer verschämter wird: so muß man aus einer Sorglosigkeit, die sich mitten in der Verfeinerung des Gefühls für sittliche Foderungen nur mit der Erfüllung bloßer zehn Gebote für Rohe befriedigt, den Schluß machen, daß man sich mit der Moral nur wie mit einer Gläubigerin abzufinden sucht. Zwar will der edelherzige Erziehlehrer SchwarzDesselben Erziehungslehre II. S. 31 etc. jede Rücksicht auf die Zukunft für Sünde am heiligen Geiste der höchsten Liebe genommen wissen; aber er hat nur bei der höchsten ersten Liebe und nur bei Abwesenheit der Besonnenheit und Kenntnis recht. Einem Arzte zum Beispiele hingegen fehlt diese Abwesenheit. Und kann nicht wenigstens ein Staat – wie so mancher alte – mit seiner kalten ewigen Hand allen Gesetze vorschreiben, die ein liebendes Einzelwesen nie zu machen gedacht hätte und doch zu erfüllen gezwungen ist, so wie nur das Gesetzbuch, nicht ein Paar Liebende, Eheverträge ersinnt?

Übrigens dürfen wir wohl klagen, daß die Natur es durch die zwölf heiligen Nächte, worin sie als Schöpferin mit ihren jüngsten Geschöpfen allein umhergeht, auch dem Gewissenhaften zu schwer mache, nicht im Dunkeln zu rauben und zu morden. Auf allen Stufen, die tiefe finstere Treppe der Zukunft hinunter, worauf Menschen und Zeiten emporsteigen, ruft das Gewissen: »hier geht ein Mensch, dort vielleicht ein Genius, ein Völkerhimmel herauf«; – aber wie Nachtwandler müssen wir, das Bekannte schonend, das Ungekannte verletzen. – –

Wenn Eltern so viel zur Schöpfunggeschichte des kindlichen Leibes mitspielen, so kann man sich der schweren Frage nicht enthalten: wie viel tragen sie zur Theogonie (Götterzeugung) des kindlichen Geistes bei? Muß man sich einmal eine dunkle Aufgabe denken: so ist auch erlaubt und notwendig, sich etwas bei ihr, irgendeine Auflösung zu denken. Die geistige Ungleichheit der Wesen ist kein bloßes Produkt der körperlichen, da beide einander gegenseitig in einem organischen Nu voraussetzen. Es wird uns zwar leichter, Verschiedenheit in Körpern als in Geistern zu begreifen; aber eigentlich wird in jenen nur eine scheinbare durch Quantität angeschauet, und nur in diesen eine wahre durch Qualität, so wie nur Geister wahrhaft wachsen oder sich angewöhnen. Will man nun nicht annehmen, daß jener Ich-Funke unter der Empfängnis aus den Sternen durch Wolken herabfliege: so muß er entweder gerade in der Sekunde, wo er die menschliche Hülle anzog, eine vom Lebenlaufe des Vaters oder der Mutter gesponnene Vorhülle abwerfen, oder er wurde, wie Gedanke und Bewegung, von Seelen erzeugt. Erschaffung der Geister wäre nicht schwerer zu begreifen als Erschaffung der Gedanken durch Geister oder irgendeine Veränderung überhaupt. In beiden Fällen, besonders im zweiten, wiegt nicht nur das körperliche Leben der Eltern der Zukunft Leiber zu, sondern auch ihr geistiges ihr Geister. Aber dann wie furchtsam sollte diese Waage gehalten werden! Wenn du wüßtest, daß ein schwarzer Gedanke von dir oder ein glänzender selbstständig sich losrisse aus deiner Seele und außer dir anwurzelte und ein halbes Jahrhundert lang seine Giftblüten oder seine Heilwurzeln triebe und trüge: o wie würdest du frömmer wählen und denken! – Aber weißt du denn das Gegenteil so gewiß?

§ 42

Ich komme zu meiner Meinung zurück, daß die geistige Erziehung erst mit der Geburt anfängt, wenn die gemeine Meinung sie schon neun Monate früher angehen lassen will. Da die Mutter – wie oft später im schlimmern Sinne – nur eine Blutverwandtschaft, aber keine Nervenverwandtschaft mit dem an der Weltpforte schlafenden Kinde hat: so ist ja alles falsch, was man sonst von der elektrischen Ladekette sagte, woran der Eingehüllte hängen soll, und welche ihn mit den Strömen und Funken der mütterlichen Leidenschaften und Gefühle laden soll. Da nämlich, nach den besten Zergliederern, die Mutter das Kind nicht unmittelbar mit ihrem Blute ernährt und berührt, sondern mittelbar: so können die mütterlichen Leidenschaften, die mit dem Blute dasselbe treffen sollen, doch nur auf zweierlei Weise damit wirken: entweder durch mechanische Veränderung, Schnelle oder Träge, oder durch chemische, oxydiert oder desoxydiert. Die mechanische teilt der Fötusseele nichts mit, weil das Mutterblut ebenso schnell im Tanzsaale der Liebe als in der Gesindestube des Zornes wallen kann, oder ebenso gut schleichen vor dem Stickrahmen voll ruhiger Hoffnung als vor einer Leichenbahre voll Verzweiflung. Die chemische Veränderung des Bluts durch Leidenschaft oder äußere Reize ist ja erst selber eine Geburt und Fabrikware des Geistes und der Nerven, die ihm dienen, entweder unmittelbar oder mittelbar. Der Nervenrausch gibt den vollen Pulsschlag, aber nicht dieser jenen; denn sonst wirkte ein Wettlauf so stark als ein Trunk über den Durst. Wie sonst noch das oxydierte oder desoxydierte Blut der Mutter den kindlichen Geist mehr berühren könnte als ihren eignen, müßte aus dem Einflusse des Blutes als Nahrung dargetan werden; denn da der Einfluß des mütterlichen, der nicht die Umkehrung der stets schädlichen Überflößung von Tierblut in Menschenblut ist, erst zugeeignet und angeglichen wird durch das fremde Körperchen, so wirkt das Blut nur ähnlich jeder andern Nahrung und pflanzt seine Verschiedenheit ernährend so wenig fort als Schaf- und Löwenblut die seinige. – Der Einwand von Ammen hergenommen kommt weiter unten bei der Rechtfertigung derselben vor.

Der größte Beweis für diese physiologische Schlußkette ist ihre Entbehrlichkeit; denn die Erfahrung führt ihn. Wär' es nämlich wahr, daß die Mutter noch einen geistigern Einfluß in wehrlose nackte Menschen hätte als den ernährenden: was für eine traurige Menschheit würde aus der neunmonatlichen Verziehanstalt in die Welt geschickt werden, da auf mütterlicher Seite sich alle geistigen und körperlichen Mängel der weiblichen Natur in neun Monate und deren Geburt zusammenhäufen, und auf kindlicher Seite das Gehirn und die Erregbarkeit am größten ist, und mithin jede Einbildung der Mutter sich als Bildung des Kindes, jeder Schmerz sich als Verzerrung fortsetzen müßte im Vergrößerspiegel des Opferwesens!

Himmel! wenn der Ekel an Speisen und Menschen, die Gier nach Unnatürlichkeiten, die Furcht, die Weinerlichkeiten und Schwächlichkeiten so geistig einflössen, daß der Mutterleib die erste Adoptionloge und Taubstummenanstalt der Geister und die Weiblichkeit das Geschlechtkuratorium der Männer wäre: welche sieche, scheue, weiche Nachwelt fortgepflanzter Schwangerer! – Es gäbe keinen Mann mehr – jeder lebte und tränte und gelüstete, und wäre nichts. – So aber ist es eben nicht; das Weib gibt Männer, wie die weiche Wolke den Donner und Hagel; die Erstgeburten und die natürlichen Kinder, wofür die Mütter am meisten leiden, sind gerade am stärksten; die Kinder der Missetäterinnen, der Nerven-, der Schwindsüchtigen, der trauernden Witwen oder auch der künstlichen, welche der Ehescheidung entgegenleben, erweisen sich ebenso geistigkräftig als die Kinder anderer, von Freude zu Freude tanzender Mütter. Drängte sich die Mutter so allmächtig und geistig, sich selber geistig kopierend, in die Kindseele hinein: so weiß ich nicht, woher die Charakter-Verschiedenheit der Kinder derselben Mutter abstamme – jedes Kind müßte ein geistiger Supernumerarkopist seiner Geschwister sein und die ganze Kinderstube ein geistiger Abgußsaal der Mutter.

Was den Körper sonst anlangt, so bildet sich der kindliche in demselben Mutterleibe und zu gleicher Zeit und bei aller Gleichbleibung der Mutter, z. B. der männliche Zwilling zu größern Kräften aus, und der weibliche zu kleinern. Wer körperliche Mißgeburten für vulkanische Auswürfe erhitzter Phantasien der Schwangern nimmt, bedenkt nicht, daß der große Haller die ganze Sache leugnete, und daß er die Mißgeburten der Tiere und Pflanzen einwendet, von welchen, besonders von den Pflanzen, wenig erhitzte Phantasien zu besorgen sind; wozu ich noch setze: daß unter 10 000 Gebärenden, wovon jede in neun Monaten vor ebenso vielen Zerrbildern erschaudern könnte, kaum eine etwas zur Welt bringt, was in die Welt nicht einpaßt. Belehrt mich nicht, daß man die lebendigen Madonnen-Gesichter in katholischen Ländern als Nachstiche der gemalten in ihren Kirchen angesehen, oder daß die Griechen schöne Bilder in die Zimmer der Gesegneten gehängt, um von diesen lebendige Urbilder zu bekommen; denn ich antworte: setzen denn nicht alle jene Verhältnisse schon die Erzeugnisse schöner Länder und schöner Menschen voraus; und prägt ferner das lebenlange Eindrücken vieler Reiz-Gestalten nicht stärker den in der Welt herausgetretenen Menschen als ein neunmonatliches?

Gleichwohl läßt der Unglaube, daß die Neun-Monat-Mutter über Geistes- und Körper-Gestalt entscheide, doch dem wahren Glauben Raum, daß ihre Gesundheit so wie Kränklichkeit sich im kleinen zweiten Wesen wiederhole; und eben daher ist der Aberglaube an Versehen, Mißgeburten u. dergl. so sehr zu bekriegen, nicht weil sich erfüllt, was er befürchtet, sondern weil er leicht mit den Übeln, welche jedes Vor-Fürchten und Nach-Zagen aussäet, den Körper entkräftet und entkörpert, den Träger schwerer Jahre.

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