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Leute eigener Art

Timm Kröger: Leute eigener Art - Kapitel 9
Quellenangabe
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typenovelette
authorTimm Kröger
titleLeute eigener Art
publisherGeorg Westermann
seriesTimm Kröger Novellen ? Gesamtausgabe
volumeDritter Band
printrun4.-13. Tausend
firstpub1900 - 1911
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senderwww.gaga.net
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Hans Stäwelmann, ein Geheimer

Musikalisch (was man musikalisch-sein nennt) war er gar nicht, zum Nachsingen behielt er selten eine Melodie im Gedächtnis, aber der Fluß, der Rhythmus mancher vergessener summten im Untergrund seiner Seele. Und Walzermelodien erweckten Gesichte.

Im Marktflecken war Bürgerscheibenschießen. Der Meisterschuß war früh gefallen, die Sonne lag noch voll und warm auf der Lindenallee der Hauptstraße, da flossen schon die jauchzenden, die klagenden Walzer aus den geöffneten Saalfenstern der ›Erholung‹.

Hans Stäwelmann, im Hinterzimmer des Festhauses, hatte mit dem Trubel nichts zu tun, wollte damit nichts zu tun haben und durfte es auch nicht. Er war erst siebzehn, höchstens achtzehn Jahre alt. Und war kein Ortsangehöriger, sondern vom Lande her, aus dem Fleckenskirchspiel, ein Sohn vom Hofe Sellentwiel. Hier war er zurzeit nur, weil er vom Ortsgeistlichen Privatstunden in Latein und Griechisch erhielt.

Im Hinterzimmer saß er und las Cicero. Über ihm wogte der Tanz, das Schurren und Schleifen der Paare. Von dort jauchzten und klagten die Geigen, tröstete die Klarinette und grollte der Baß; sie jauchzten und klagten und grollten und trösteten in seine Einsamkeit und in sein Latein hinein.

Er legte Cicero hin und stützte sein Haupt. Der Walzer, ›die Musik der faßlichen Tagesfreude‹ (Schopenhauer sagt so), trug ihn davon. Ihm war, als sei er gestorben, gestorben und könne doch von der Erde und ihrem Leid nicht lassen.

Bei Hans Stäwelmann war vieles anders als bei andern Leuten, bei ihm war etwas geheim. Er war ein geheimer Baron. Da klopfte jemand ans Fenster – leise zwar, aber es klopfte. Hans Stäwelmann erschrak nicht, er kannte das Zeichen. Eine platt gedrückte Mädchennase und das dazu Gehörige sahen zu ihm hinein. Es war ein Kind, wenigstens ein halbes, ein hübsches braunes Kind, ein Jahr, vielleicht zwei Jahre jünger als Hans. Es war Ännchen, Hans glaubte: Ännchen Lassen, genau wußte er das nicht, um den Nachnamen hatte er sich nie expreß gekümmert. Sie war irgendwo her, das weit weg war, sie war beim Pastor in Kost. Weshalb? Hans wußte es nicht. Wenn er beim Pastor war, brachte sie mitten in den Homer oder in den Cicero den Nachmittagskaffee des Pastors hinein. Sie trug ein kurzes Kleid und lief im Haus und auf der Straße immer so flink – ach, wie entzückend lief sie, wie flink! Dabei baumelte ein dicker, tiefbrauner, von einer roten Schleife gezähmter Mädchenzopf lang und dreist den Rücken hinunter. Wenn sie Hans Stäwelmann begegnete, lachte sie, und wenn sie den Kaffee hineinbrachte, griente sie. Sie lachte viel, und das Lachen stand ihr gut.

Das war die Anna, die, als Hans aufsah, eine kleine Nase an seinem Fenster platt drückte. Eine runde Stirn, auf der runden Stirn ein kleiner Leberfleck dicht über dem Auge, in den Backen ganz kleine Grübchen. ›Spucknäpfchen für Liebesgötter‹, sagt Heine. So sah sie hinein.

Hans wußte, was sie wollte, er ging immer mit ihr spazieren, heimlich, in den Anlagen, in der Ecke nach Ludwigstal hinunter – da waren sie allein. Wer ging denn sonst wohl um die Zeit in den Anlagen, zumal in der Ecke nach Ludwigstal? Auf ihr Klopfen nickte er – das war genug, dann wußten beide Bescheid. Er hatte sie kaum gesehen, da flogen schon der Haarzopf und die lebenslustige Schleife um die Hecke. Sie lief den Weg, der durch die Gründe nach den Anlagen geht; fünf Minuten nachher folgte Hans gemächlich die grade Straße zur Mühle hinauf und an der Sandkuhle vorbei.

Einen Kopf voll summender Musik trug er zur Mühle hinauf und in die Anlagen hinein nach Ludwigstal hinunter. Am gewohnten Platz, auf der Bank unter der Iplandsbuche (vor Herrichtung der Anlagen hat der Baum in Iplands Brook gestanden), saß Ännchen Lassen.

Als sie ihn sah, stand sie auf. »Es ist gut, Hans, daß du kommst.« Sie war und sprach ernst und eilfertig. »Ich wurde schon bange, du könntest nicht. Ich muß dir was sagen!«

Sie gingen trocken im dichten, verschwiegenen Busch nebeneinander her. »Nun, Ännchen, was ist denn?« fragte Hans, der Geheime.

»Papa ist da!«

»So!« antwortete Hans. »Da freust du dich wohl?«

»Ja, freuen tue ich mich auch. Aber ... Hans, o Hans ...« Ännchen ließ eine Reihe Empfindungswörter folgen und sah ihren trockenen Begleiter mit nassen Augen an.

»Nu, was ist denn?« fragte der.

»Er will mich mitnehmen.«

»Mitnehmen, wohin?«

»Ach, Hans, tu doch nicht und sei doch nicht so dumm! Natürlich nach Haus will er mich mitnehmen – wohin sonst wohl?«

»Das kann ich mir denken, da freust du dich wohl tüchtig.«

»O Hans, wie du redest! Ja, ich freue mich, aber ich bin doch noch mehr traurig als froh.«

»Traurig?« Hans Stäwelmann blieb der, der er war.

»Ja, soll ich nicht traurig sein?« Ännchen weinte vor Zorn und Liebe. »Ich komm ja nicht wieder, ich seh dich nimmer. Aber du, du machst dir nichts daraus, du dummer Hans Stäwelmann.«

»So«, sagte Hans darauf trocken und lang wie ein dürres Jahr. »Ja, das ist wahr, wenn du weg bist, bist du nimmer hier und wir sehen uns nicht.«

Er stand und grübelte und zog mit seiner Stiefelhacke Striche im weichen Steig. »Wann gehts denn los?« fragte er und setzte die Stiefelsohle auf die Erde.

»Morgen früh. Um acht fahren wir fort und den Weg an Wesselmanns Laagkoppel vorbei. Geh hin! Bei Wesselmanns Laagkoppel will ich winken, und du rufst – das kannst du ja so gut. Hoi, holla, hoi! rufst du. Papa meint, es ist ein Kuhhirt. Aber ich hörs und weiß Bescheid und weiß, daß du auf der Laagkoppel bist und an mich denkst.«

»Jawohl«, erwiderte Hans, »das will ich«.

»Gut«, sagte Ännchen, besann sich einen Augenblick und trat dicht vor Hans Stäwelmann hin. »Ja, Hans, was sagst du denn, wenn ich weggeh und wir uns nimmer wiedersehn?«

Der Geheime blieb, der er war. Er fühlte wohl, daß ein bißchen Gefühl und Empfindung am Platze sei. Und wie viel rauschte davon mit den Walzermelodien in seiner Seele! Aber er konnte nichts davon in Worte fassen. »Ja, Ännchen, was soll ich dazu sagen?« stammerte er kümmerlich.

Ännchen brach in Tränen aus. »Nein, es ist zu toll. Da gehen wir und stehen wir und wissen, daß wir uns lieb haben. Ich reise, ich sags ihm, daß wir uns vielleicht nicht wiedersehen werden, vielleicht im ganzen Leben nicht ... niemals wieder bis zum Grab ... Und da sagt er erst: ›So!‹ und dann: ›Was soll ich dazu sagen?‹ Und ich« (da brach das Weinen wieder aus), »ich hab mir den Abschied so schön gedacht. Hans, Hans, bist du denn gar nicht ein bißchen traurig?«

»Ja ... a ... a!« erwiderte der Unverbesserliche. Und dann kam es nicht so ganz alltäglich, beinahe feierlich kam es, jedenfalls ernst und aufrichtig: »Jawohl bin ich traurig. Ich kann nur nicht Worte finden. Anna, wenn du wüßtest! Aber sei ruhig! Wie werd ich an dich denken, wenn ich dich nicht mehr sehe! Ich werds keinem sagen, aber wie werd ich in Gedanken bei dir sein!«

»Denken! Denken!« rief Ännchen und ihre Lippen (halb waren es noch Kinderlippen) zitterten. Sie wollte keine Zukunftswechsel. »Was hilft denken, wenn ich dich nicht seh? Was hat man von denken? Sieh, Hans, ich hab dich so gern, und das Herz tut mir weh.«

»So!« sagte der Unglücksmensch. Wieder und wieder arbeitete er mit der Stiefelhacke im Steig.

Anna hörte es und sah es und war erstaunt und wollte erst zornig werden. Aber sie sah ein, daß ihr trockener, ihr lederner Hans Stäwelmann nicht anders konnte. Da lachte sie. »Ja, Hans, wenn du denn nichts anderes weißt als ›So!‹, dann muß ich zufrieden sein. Und es scheint, du kannst nicht. Junge, Junge! Wenns mal zum Heiraten kommt, muß ichs sicher sagen. Du tust es nicht und kannst es nicht.«

»Ja, Ännchen«, erwiderte Hans, »das wird wohl so. Tu das man ja! Sagen tu ich nicht viel, aber lieb habe ich dich sehr. Das kannst du glauben.«

»Ich glaubs, Hans. Und nun muß ich gehen, sonst merken Onkel und Tante was. Zum Abschied darfst du mich mal küssen. Das gehört sich so; in den Romanbüchern ists auch nicht anders.«

Da hat er es getan. Was er dabei gedacht, hat seine Baronsbrust verschlossen. Und da soll es geheim bleiben.

Am andern Morgen fuhr ein offener Wagen an Wesselmanns Laagkoppel vorüber, Ännchen saß mit ihrem Papa darin, Papa sah wie ein Gutsbesitzer aus.

Sie winkte mit dem Taschentuch. »Holla, Holdrio!« jodelte von Wesselmanns Laagkoppel her ein Kuhjunge hinter der Hecke. Auf den Kuhjungen hatte Papa nicht geachtet, aber das mit dem Taschentuch Winken hatte er bemerkt.

»Wer war da?« fragte er.

»Ach, ich meinte, Lene Maassen sei da, aber die wars nicht.« Sie knüllte ihr reines, glatt geplättetes Taschentuch mitleidslos in den Kleiderrock.

Der Wagen rollte. Ännchen schnob ein bißchen durch die Nase, das Tuch mußte wieder heraus, es wurde gegen die Augen gedrückt.

»Sieh, sieh! Töchterchen, Tränen?«

»Mir flog was ins Auge.«

Papa küßte sie auf die Stirn und zog das Tuch sanft herab. »In beide Augen, Kind? Sie sind beide rot und voller Tränen! – Ists schlimm?« fragte er nach einer Weile.

»Nein, Papa, es ist schon wieder gut.«

Der falsche Kuhjunge saß im Busch und sah dem Wagen nach. Ihm war, als wenn mit dem Wagen alles, was dem Leben Wert verleihe, in die Ferne jage.

Das Dorf, wozu der Hof Sellentwiel gehörte, lag Stunden weit vom Flecken. ›Sellentwiel‹, das wollte was sagen. Auf Sellentwiel wurden sechzig Milchkühe gehalten. Die Familie Sell hatte den Hof schuldenfrei, ja, Geld dazu ... Sells? Dagegen konnte kein Mensch an. Peter Sell, der Vater des Geheimen, hatte, als die Regierung vor etwa zwanzig Jahren die am Wald belegene Holzvogtei eingehen ließ und die Stelle verkaufte, auch diese erworben. Die Sells konnten alles und durften alles, wozu sie Lust hatten.

Es mag um die Zeit gewesen sein, als der alte Fritz aufhörte die Welt zu regieren und die Augen schloß, da ist, so sagt man, Jürgen Sell von Sellentwiel mit vier starken, vor einen Leiterwagen gespannten Ackergäulen ( four in hand) zur Stadt gefahren. Die Stadt war eine Festung mit Mauern und Toren und Torschreiber, mit Vieren durften nur titulierte Adelige fahren.

»Wer sind Sie?« hat der Torschreiber den Bauern angefahren.

»Baron Jürgen Sell von Sellentwiel«, hat die Antwort gelautet.

Einen Baron dieses Namens kannte man nicht – genug, der sonderbare Baron wurde entlarvt, er sollte für seine Übeltat die Summe von fünfhundert dänischen Speziestalern zahlen.

»Gut«, sagt Jürgen Sell, zieht den Beutel und fängt an, aufzuzählen – einhundert... zweihundert... dreihundert ... vierhundert... fünfhundert – lauter neue, schöne blanke Silberspeziestaler, jeder nach jetzigem Geld vier Mark fünfzig wert, damals eine ungeheure Summe. Als die Zahl fünfhundert erfüllt ist, ist der Tisch ganz voll.

Aber in der Ecke der Amtsstube steht ein zweiter. Den setzt der Bauer neben den andern – und zählt weiter auf. Der Torschreiber sieht verwundert drein. Jürgen Sell schichtet Stapel auf Stapel. Was das solle? fragt der Schreiber. Da sagt Jürgen Sell von Sellentwiel: »Fünfhundert zahle ich, weil ich als Baron zum Tor hineingefahren bin, noch einmal fünfhundert Spezies, damit ich auch als Baron hinausfahre.«

»Das geht nicht«, erwiderte der Schreiber, »dann wärest du ja auch im Lande Baron.«

»Nun, warum soll ich nicht auch im Lande Baron sein?«

Aber man hat sich nicht darauf einlassen wollen. Und das ist schade. Denn dann würde Jürgen Sell wirklicher Baron geworden sein, und alle nachgeborenen Sells von Sellentwiel wären es auch gewesen.

Es ist ein Jammer! Jürgens Urenkel, Hans Stäwelmann, wäre gar zu gern ein ›offenbarer‹ Baron gewesen. Sich für einen heimlichen zu halten, das sollte und konnte ihm niemand verwehren. Und ein geheimer ist er sein Leben lang geblieben.

Die Benennung ›Stäwelmann‹ hat Hans aus der Dorfschule mitgenommen. Er besuchte sie bis kurz vor der Konfirmation. Die Dorfkinder gingen, es mußte denn schon ein richtiger Schneesturm alle Heckenwege verwehen, in Pantoffeln zur Schule und hatten im Winter die Strümpfe meistens naß. Die Frau von Sellentwiel zog ihrem Hans Stiefel an. Da hieß er im ganzen Dorf von Thoms Knies an bis nach Steinberg hinunter Hans Stäwelmann.

Bei Schneesturm trugen alle Kinder Stiefel. Dann kam eine schwere Zeit für den Lehrer. Sechzig Paar frisch eingefettete Transtiefel und die Güte Gottes lehren – nun, das Leben kennt ja noch härtere Prüfungen. Die Pantoffelkinder drängten sich vor Anfang des Unterrichts um den heißen Ofen, die nassen Strümpfe an die Platte zu bringen. Dann zischte es. Dampf stieg auf, es roch ›sengerig‹. Hans Sell, genannt Stäwelmann, war es einerlei, er saß in Stiefeln auf seinem Platz und überhörte sich die ›Lex‹.

Barfuß ging er (immer auf die Zeit bezogen, wo er noch die Dorfschule besuchte) nur in ganz heißen Tagen, die meiste Zeit war er auch im Sommer ein Stiefeljunge. Auf schmalen Lattenzäunen balancieren oder an einer Esche hinaufklimmen, wie es die Barfüßler taten, das konnte Hans Stäwelmann nicht. So kam er durch die Stiefel in eine Ausnahmestellung, er wurde ein Stubenhocker, dafür ein Musterknabe, ein die andern Kinder im Lernen und Wissen um Haupteslänge überragender, an Artigkeit seinesgleichen nicht findender Knabe. Er war nachher im Leben auch nicht wie andere Leute, und alles schreiben wir auf Rechnung seiner Stiefel.

›Alles auf Rechnung seiner Stiefel‹, sagten wir und sagten es leichthin. Und da wir es gesagt haben, ist es uns leid. Die Stiefel, jedenfalls die Stiefel allein, haben ihn doch wohl nicht zu dem gemacht, was er war. Wunderlich waren alle Sells und in jeder dritten Generation kam ein ganz Verschrobener. Bei Hans war er wieder fällig geworden. Und dann ist die Geschichte von der geheimen Baronie derer von Sellentwiel sicherlich auch nicht ohne Einfluß gewesen. Hans schätzte sich für einen Bruchteil von Baron, soviel, wie man für fünfhundert Spezies haben könne, und diesen Bruchteil hielt er dabei im geheimen. Hätte er ganz offen sagen wollen, was er dachte, so hätte er den Wunsch, ein offenbarer, ein öffentlicher Baron ohne Bruchteil zu sein, eingestehen müssen.

Bald nach Ännchens Abreise kehrte Hans Stäwelmann in sein Dorf zurück, freilich nur auf kurze Zeit, da seine Mutter (der Vater war tot) beschlossen hatte, nach einer kleinen Gymnasialstadt überzusiedeln. Sellentwiel wurde verpachtet, die Holzvogtei erhielt der treue Johann Harder in Verwaltung.

Es war die letzte Nacht, eine helle Sommernacht. Hans und Johann Harder schliefen in den Wandbetten der Holzvogtei. Da träumte Hans, er sehe in eine schattige Kastanienallee. Die Drosseln zankten in den Kronen, die Sonne warf helle Flecke durch das Blätterdach auf die Erde. Da kam ein junges schönes Frauenzimmer daher, das stellte sich vor ihn hin und sagte: »Sieh doch mal, wie schön ich bin!« Hans glaubte sie zu kennen, sah sie an, kannte sie aber nicht. Eine schöne gelbe Blume trug sie in ihrem schwarzen Haar. Nun war auch seine Mutter da. Die sagte: »Hans, geh mit ihr!« Da gingen Hans und die Schöne zusammen die Allee entlang. Und es war ein ganz langer Weg. Er fragte: »Gehen wir zu Ende?« Sie antwortete: »Nein, nicht weit.« Und ihre Stimme klang traurig. Und wie sie das gesagt hatte, war auf einmal alles verändert. Er saß in einer Stube und sah in einen Saal, an dessen Fenster weiße Vorhänge wie im leisen Atemzug wogten. Von dem Saal aber führte eine Tür in einen schattigen Garten. Zwei Zitronenfalter haschten sich vor Rosenbüschen. Da kam eine schöne dunkle Dame. Erst meinte er, es sei die, die vorher mit ihm gegangen war, aber sie war es nicht. Und, wie er sie ansah, kannte er sie und sagte ganz laut in seinem Platt: »So, du büst dat?«

Wie er das gesagt hatte, wachte er auf. Er lag noch immer im Wandbett der Holzvogtei, Johann stand vor dem blinden Wandspiegel und schnitt sich den Bart ab. Hans konnte sich nicht besinnen, wer es gewesen, zu der er gesagt: ›So, du büst dat?‹

Er und seine Mutter zogen nach der kleinen Stadt. Hans Sell hieß auch dort Hans Stäwelmann – der Name war mit ihm gegangen. Wie so was kommt? Der Himmel weiß es, der Himmel soll sein Geheimnis behalten. Der Übername Hans Stäwelmann begleitete ihn zur Universität, kam mit ihm zurück, er überstand mit ihm die rigorosesten Prüfungen, ja selbst als Hans ›Doktor‹ hieß, da sagten die Leute der Stadt ›Doktor Hans Stäwelmann‹.

Als Hans in allen staatlichen und akademischen Prüfungen gehärtet war (der Glanz seiner Gelehrsamkeit konnte echt sein), da schien er sein Pfund vergraben und über seine heimliche Baronie nachdenken zu wollen. Er setzte sich müßig bei Frau Dodo, seiner Mutter, an den Herd.

An der Ecke der Wenzel- und Priesterstraße pflegte in der Mittagsstunde eine Gruppe Handwerksmeister zu stehen und zu plaudern – beschürzt und unbeschürzt, Arme aufgekrempelt und nicht aufgekrempelt, kurze Pfeifen unter und Kaffeeglanz auf der Nase. Die taten freundlich und sprachen mit Hans Stäwelmann ehrerbietig über das Wetter, wenn er vorüberging. War er aber außer Hörweite gekommen, dann zog man über den Müßiggänger her. Anstatt spazieren zu laufen oder bei Muttern zu sitzen, solle er man hingehen und eine Anstellung suchen. Das war der Grundton. Wenn die Mutter auch keine Not leide, eine Schande sei doch, ihr zur Last zu liegen. Hans Stäwelmann solle man hingehen und ›was tun‹, wiederholten die Meister, der von dem Hobel, der vom Pfriem und der vom Trog. Aber der Goldschmied Wilhelm Möller, bei dem die Sells wohnten, ließ nichts auf seinen Doktor kommen. »Der wird schon anfangen, wenns für ihn Zeit ist« erklärte er. »Laßt den man zufrieden«, setzte er hinzu, »der wird seinen Weg finden. Doktor Stäwelmann ist ein richtiger. Geld hat er wie ein Baron, warum soll er nicht leben wie ein Baron?«

Das war getroffen. Aus seiner geheimen Baronie schöpfte Hans die Rechtfertigung für seinen scheinbaren oder wirklichen Müßiggang.

Wenn er dahinging, tadellos gekleidet, durch die Spießrutengasse der Meister dahinging, nach den Wiesen hinunter, dann sah er in seinen immer wie neu ausschauenden Stiefeln, in den hellen, scharf gebügelten Beinkleidern, im schwarzen Rock (ein weicher Panamahut auf dem weichen, vollen, leicht gelockten, angenehm blonden Haar), er sah aus wie ein wirklicher Baron. Jawohl, man konnte ihn für einen wirklichen Baron halten.

Er hatte schläfrige, verträumte Augen und weiche, lyrische Lippen. Wenn nur nicht die häßliche Falte über der Nasenwurzel gewesen wäre! Woher kam diese Falte? Die Sells von Sellentwiel hatten sie alle, der eine mehr, der andere weniger.

Hans Stäwelmann teilte nun nicht allein den seinem Stamm eigentümlichen schweren Sinn, er trug auch durch all die Jahre seine Liebe zu Anna Lassen wie eine geheime Herzenslast hin. Er tat aber nichts, den Gegenstand seiner Liebe zu erlangen, er war ja ein geheimer Baron. Die Zeit rinnt, der Strom rauscht ... Ein schnappender Ton, inmitten tiefer, ernster Eile: die Flußsohle hängt, es geht rasch hinab. Dann ... Löcher im Grund ... Gurgellaute, Strudellaute zeigen es an.

Im Lebenslauf unseres Hans bedeuten die Strudellaute Seufzer und Liebesweh.

Plötzlich, ganz plötzlich! In welcher Verfassung ist Hans Stäwelmann? Er ist von der alten Liebe geheilt. Hans Stäwelmann ist Bräutigam – jawohl, Bräutigam einer andern. Nicht nur ein glücklicher, er ist ein seliger. Wie ist das gekommen?

Die Gefahr geistiger Verfettung ging vorüber; er wollte arbeiten, er wollte der Welt zeigen, was er zu leisten vermöge.

Man sieht ihn umgeben von gelb gebundenen, aus der Landesuniversität entliehenen Büchern. Er liest, er macht Notizen und Auszüge, im Kasino redet er viel von tiefsinnigen Einrichtungen der Natur, ausgeklügelt, Lebewesen zur Liebe zu zwingen. Um die Bierstunde des zweiten Schoppens herum gibt er Auseinandersetzungen, die ihn und meistens auch die Stammgäste fesseln. Aber, als sein Zettelkasten just voll war, er auch schon eine Art System des Buches aufgestellt und von der Einleitung drei Seiten geschrieben hatte, da kam sein Lebensschiff ins Strudeln und sein Werk ins Stocken. Freilich war gerade das die glänzendste Rechtfertigung des noch nicht geschriebenen Buches. Denn jetzt hatte die Natur bei Hans Stäwelmann Einrichtungen ausgedacht, ihm das Gebot seiner Liebespflicht mit elementarer Gewalt in die Seele zu schreiben.

Welche Vorsicht, welche Weitsicht, welche Weisheit der Natur! Nicht lange nach Hans Stäwelmann war die geboren worden, die Hans Stäwelmanns Frau zu werden Befehl erhielt. In all der Zeit hatte die Natur, hatte der Schöpfer ganz genau gewußt, wie die aussehen müsse, die Hans Stäwelmanns Liebe verdiene. Viele, viele Jahre hindurch hatte die Kraft, die uns alle schafft, sich Mühe gegeben, sie so zu machen, wie Hans Stäwelmann sie brauchen konnte. Sie muß groß sein, hatte die Natur sich gesagt, sie muß frisch und kräftig und dabei schlank und biegsam sein. Eine Hoheit, eine Ruhe und Würde muß sie in ihrer Haltung haben, als ob sie mindestens eine Gräfin wäre. Dem heimlichen Baron gebührt eine heimliche Gräfin. Ihren Scheitel muß volles Haar bedecken – schwarz wie die Nacht. Zum blonden Hans gibt es vortrefflichen Klang. Dunkles Feuer im Auge. Das wirkt auf schläfrige Lider wie Granaten. Wenn sie lacht... die Engel in den kalten Wolken werden freilich das Streiten bekommen, ob sies ihr nachmachen können. Das macht aber nichts, hat der Schöpfer gesagt – laß sie nur streiten!

So sollte die sein, die bestimmt war, Hans Stäwelmann für dieselbe Pflicht zu gewinnen, deren Wurzel er in seiner Abhandlung fein säuberlich ausgrub. Der Natur gelingt nicht immer, was sie vorhat. Hier war es ihr gut gelungen.

Wir wollen gleich erzählen, wie er sie fand, und nur vorwegnehmen, daß er jetzt wieder sein Pfund vergrub. Seine Teleologie der Liebe schien ihm wie Tand. Er war Subjekt, er war forschende Einsicht gewesen, jetzt war er nur noch ein von den Wogen seiner Leidenschaft um und umgewälzter, ein liebender Mann. Er fühlte es, und es war ihm recht. Er war entgöttert, und nicht allein das, er war auch seiner heimlichen Baronie entsetzt. Er war ohne eigenen Willen und war – wir kennen unsern Hans Stäwelmann nicht wieder – mit allem war er einverstanden, war selig.

Trotz der warmen Jacken seiner Knabenjahre hatte er tanzen gelernt und schleifte, wenn auch selten, seinen Walzer. Aber bei Ballfestlichkeiten fing er sich bald einen guten Freund für eine trauliche Ecke und eine nette Flasche. So auch an dem Abend, da die Zeit gekommen war.

»Da ist«, sagte er in seiner Ecke zum Rechtsanwalt Bruhn, »da ist zum Beispiel die Gruppe der Dassel- oder Biestfliegen, Oestridea. Als geflügelte Insekten leben sie nur kurze Zeit. Sie haben keinen Mund, der sparsame Schöpfer hält dafür, daß es sich nicht lohne. Wenn sie ausschlüpfen, ist Sonnenglanz und Sonnentag. Die Behauptung, daß das auch bei Mondschein geschieht, ist unerwiesen. Männchen und Weibchen suchen sich und finden sich. Sie lieben. Ihr Lebenszweck ist Liebe. Sie lieben, und dann sterben sie. Der Mann muß wohl früher daran, die Frau hat noch die Aufgabe, die Eier so zu placieren, wie die heilige Ordnung seit Anbeginn bei den Ostriden vorgeschrieben hat. Als bremsende Biestfliege schlägt sie ganze Rinderherden in die Flucht. Die ›biesen‹ wie toll, aber es hilft ihnen nichts: die Eier bekommen sie doch. Dann geht auch die Frau zur Ruhe, dann stirbt auch die Mutter des Biestfliegen-Geschlechts.«

»Darf ich Sie mit meiner Schwester bekannt machen?« unterbrach der Rechtsanwalt die Biestfliegen-Abhandlung.

Wenn Hans Stäwelmann in Zug kam, war er für Fremdkörper der Unterhaltung seelisch harthörig. »Nicht wahr?« sagte er, »da haben Sie recht. Die Natur macht wunderbare Sachen. Daß es ihr nicht auf das Individuum, sondern nur auf die Gattung ankommt, ist ja eine bekannte Sache. Aber warum? Das ›Warum‹ dieser Erscheinung läßt mich nicht schlafen.«

»Mich persönlich stören mehr Prozesse und Prozeßfristen als dies ›Warum‹. Aber darf ich Ihre Aufmerksamkeit nicht einen Augenblick auf die junge Dame lenken, die vor uns steht, von der Dasselfliege zum ersten male hört und vor Bewunderung Ihrer Gelehrsamkeit gar nicht zu sich kommen kann? Also: meine Schwester ...« »Zu den Biestfliegen«, fuhr Hans Stäwelmann harthörig fort, »dazu gehört auch der Oestrus oviz. Das ist die, die als Larve die sogenannte falsche Drehkrankheit (die echte hat ein anderer Übeltäter auf dem Gewissen) der Schafe verursacht.«

Nun wurde es dem andern zu arg. Er packte sein Gegenüber am Kragen und füllte seine Baßstimme wie zum »Wacht auf!« des ewigen Gerichts. »Doktor, ich bitte Sie! Was hat meine Schwester mit der Drehkrankheit der Wollträger zu tun? Lassen Sie doch die ollen dummen Fliegen! Meine Schwester will Ihre Bekanntschaft machen, und wenn Sie nicht bald aufhören, so ›biest‹ sie davon. Und sie wünscht doch so sehr, den Mann kennen zu lernen, von dem sie so viel gehört hat.«

Doktor Hans lächelte; er lächelte etwas blöd, denn noch dachte er an die Teleologie der Liebe.

»Ich stelle also dem Doktor Hans Sell vor meine Schwester Elfriede, bisher in Hamburg, jetzt bestrebt, Tante Schröder auf Kampenhagen zu stützen und sich ihr nützlich zu machen.«

Nun erst schlug Hans Stäwelmann die Augen auf und war hin. Innerlich fiel er wie Bileams Eselin, als der Engel des Herrn sie an die Mauer drängte und Bileam sie schlug, in die Knie. Er sah oder fühlte – nun wurde das Unausgesprochene, das dunkel Geahnte Ereignis. Er sah sich dem Lichterglanz, dem Saal entrückt und saß in der Holzvogtei seiner Heimat. Vor den Fenstern webte der lichte, lange Sommertag und die Drosseln lärmten. Er sah wieder die Allee. Die Sonnenlichter fielen durch die Kastanienbäume auf den breiten ebenen Steig. Und er sah sich mit einer jungen Dame den Weg entlang gehen. Und die junge Dame stand in Person vor ihm.

Wir kennen die Maschinenmeister dieser Schattenbilder nicht, wissen aber, daß sie sich auf Zerlegung der Szenen verstehen und unsern Augen gerade nur das vorführen, was ihren Zwecken entspricht. So machten sie es auch bei Hans Stäwelmann. Er fühlte, wie er da wachend stand, wie er sich vor dem jungen Mädchen verneigte, ja ihr sogar die Hand gab, da fühlte er ganz dunkel, daß er von ihr geträumt haben müsse. Die Maschinenmeister waren rücksichtsvoll genug, die zweite Hälfte des Bildes selbst nicht im Unterbewußtsein auftauchen zu lassen.

Wo blieb der gefällige Redefluß, der Hans Stäwelmann doch sonst zur Verfügung stand? Er sprach mit ihr, es war nicht viel, und es war banal. Wie lange sie schon in der Gegend sei, und ob es ihr gefalle, Kampenhagen liege schön. Er bewundere immer die schönen Platanen.

»Platanen?« fragte sie. »Platanen haben wir gar nicht. Herr Doktor, Sie können nur die Ulmen meinen, die im Garten dicht an den Wettern stehen.«

Tänze hatte sie nicht mehr frei, aber beim Kotillon holte sie ihn zweimal zu einer Extratour.

Er konnte kein Auge von ihr wenden. Er hatte Mühe, die Schicklichkeit zu wahren, schließlich konnte er auch das nicht mehr. Er ließ sich gehen und seine Augen bohrten.

Wir wissen, wie sie aussah ... Sie war dunkel gekleidet. Ernste Farben verstärkten den Eindruck der Reinheit. Als einzigen Schmuck trug sie eine gelbe Rose im Haar – eine mit den gefälligen matten Goldtönen, eine Blume, die um so zuversichtlicher aussieht, je einsamer sie ist. Die Ballmode schrieb ausgeschnittene Kleider vor, so viel Fleischton, wie sich nur mit dem Anstand vertrug. Aber die Schöne zeigte wenig. Und doch wußte Hans, daß ihm alles beschieden sein werde. Wenn sie im Gespräch die Arme hob, so war ihm immer, als wollten sie sich um seinen Nacken legen. Diese weichen, diese runden Arme waren offen und ehrlich, sie verbargen nichts von ihrem Reiz. Von diesen Armen (das prophezeite bei aller Zaghaftigkeit ein zuversichtlicher innerer Ton), von diesen Armen wirst du umwunden sein. Wo wird dann deine Baronie sein und wo die Teleologie der Liebe?

Denselben Abend noch barg der große Hans Stäwelmann das Haupt in seiner Mutter Schoß. Frau Dodo erfuhr alles, was ihm geschehen war, und schluchzend warf er sich an ihre alte Brust.

»Jung, Hans, hab dich doch nicht so! Wenn du das Mädchen liebst, und sie ist ein ordentliches, dann heirate sie!«

Nach wenigen Wochen war die Sache fertig, von Frau Dodo fertig gemacht. Die beiden Brautleute begannen ihre Promenade auf dem langen, dem sonnigen Weg. Er mußte immer, wenn er mit Elfriede ging, denken, er habe sie mal in den herben Formen eines halben Kindes gekannt. Die Glückwünsche kamen, die Gesellschaften und auch die anonymen Schmähbriefe, die den Zweck verfolgten, das junge Paar auseinander zu hetzen – alles, alles, wie es sich gehört, alles in Ordnung.

Die anonymen Schmähbriefe ... Es kamen aber andere namenlose Briefe, die keinen Fluch, sondern Segen enthielten. Ein Gedicht war darunter, ein Gedicht von weiblicher, verstellter Hand. Das Gedicht hatte zu viel Füße, was sich reimen sollte, reimte sich nicht immer, aber es wurde von einer hohen Gesinnung getragen, es atmete tiefe Trauer. »Geh du den Weg, den dich das Schicksal führt«, hieß es,

»es komme, wie es kommen muß,
ich denk an dich und deinen Kuß.
Ich segne dich, du teurer Mann,
mein Auge stehet himmelan,
ich suchs zu tragen, wie ich kann.«

Als Hans das Gedichtchen las, stützte er sinnend das Haupt. Er fühlte eine Art hochmögenden Stolz, weil er je und je eine Seele besaß, die ihm gehörte. Mitleid fühlte er mit seiner Vergangenheit, weil er nicht gesucht und nicht gewonnen hatte, was ihm zukam, und Mitleid fühlte er mit ihr. »Es ist schade!« murmelte er. Da trat Sie hinzu und er war selig.

Die Teleologie der Liebe zu schreiben, daran dachte er nicht mehr, dagegen regte sich mitunter der Lehrtrieb oder der apologetische Trieb, seiner Braut über die klingenden Sphärenmomente seiner Leidenschaft zu sprechen, um so lieber, weil ihr Gesicht eine so sanfte Kindlichkeit annahm, wenn sie ihn aus der Höhenluft herunter reden hörte. Seine Seele sah aus ihren Schultern für profane Augen unsichtbare Engelsfittiche hervorbrechen, und dann sorgte er sich, ob sie ihm nicht davonfliege. Er überlegte, ob er wohl ein Gewichtchen anhängen dürfe, sie zu behalten. Zwanzig Kilo war zuviel – ein ganz kleines Ding, drei bis fünf Kilo? Sie darf nicht wegfliegen, ich müßte mitfliegen, und ich hab keine Flügel.

Solche Gedanken dachte er, und Sehnsucht beschwerte sein Herz. Er wollte sie ganz haben und möglichst bald. Am liebsten wäre er gleich nach der Großstadt gereist, Aussteuer und alles zu kaufen bis zum Scheuerlappen und Küchenhandtuch, und hätte den Hochzeitstag sofort festgesetzt. Aber sie, die Schwarze, die Engelgleiche, die mit den unsichtbaren Flügeln, dachte niedrige wirtschaftliche Gedanken, sie dachte an die Wohnung, an die Einrichtung der Wohnung, und vor allen Dingen dachte sie ganz anders von der Leinenaussteuer. Er hatte seine Ideale, sie hatte ihre Ideale. Sie wollte die Aussteuer selbst nähen und sticken. Wenn er überlegte, wieviel Pfund er anhängen dürfe, die himmelstrebenden Kräfte zu bändigen, da flog auch ihre Phantasie, aber nicht gen Himmel, sondern nach ihrem Zukunftswäscheschrank. Und in Gedanken stand sie vor ihrem Zukunftswäscheschrank und schwelgte. Wie schneeig, wie weiß lag alles da, mit Spitzen, mit roten Bändern, mit gelben Bändern, mit roter Seide, mit gelber Seide, Damast und reines Leinen, und Halbleinen, und ... und ... Auf dem Papier macht sichs prosaisch, in ihrer Vorstellung war alles Poesie. Jedes Wäschestück war mit Namen versehen: E. B., mit Namen und Krone und Zahlen, alles von ihrer Hand gestickt. Es war eine beseligende Leinen- und Wäschesymphonie.

Selbstverständlich behielt sie den Sieg. Vielleicht hätte sie nachgegeben, wenn sie begriffen, was in ihm vorging. Aber es kommt vor, daß Engel mit unsichtbaren Flügeln für die Sehnsucht lodernder Mannesseelen kein Verständnis haben. Sie stickte, sie nähte, sie schaffte – sie stickte, sie nähte, sie schaffte sich krank. Als alles fertig war, wurde die Hochzeit aufgeschoben.

Kluge Ärzte umstanden ihr Lager, die einen rieten zur Ehe, die andern zuckten die Achseln. Die Ehe und das, was mit der Ehe verbunden zu sein pflege, könne zur Genesung, könne aber auch zum Tode führen.

Er stand in Flammen, mehr als sie ahnte, er brannte lichterloh. »Sei mutig. Liebste«, bat er, »und wage!«

»Und wenn es mein Tod sein wird?«

Er hob die Hand zum Himmel. »Mir soll Gott dreifach vergelten, was dir Übles geschieht! Auf mein Haupt sein Zorn! Ein Meer von Elend will ich durchwaten. Es kann nicht schlimmer sein als die Qual, die ich jetzt trage. Sieh her! Sieh in mein Herz – Elfriede, sieh du auf meine Leiden!«

»Aber Hans, was ist das? Du lästerst, du lästerst ja den Himmel!«

»Lästere ich, so lästere ich bei meiner übermenschlichen Liebe zu dir.«

Da tat sie es; da machten sie Hochzeit.

Und nach einem Jahr, da kam sie nieder. Mutter und Kind gingen zugrunde.

Und, nach weiteren Monaten war Hans Stäwelmann schwermütig. Frau Dodo brach die Zelte ab und ging mit ihrem Sohn auf Reisen.

 

In der Stadt klatschte und sagte man vielerlei. Wir lassen uns nicht darauf ein, was man sagte. Wir suchen mit Hans Stäwelmanns Schwager seine Wohnung durch und finden folgende Notizen und Zettel:

»Im Himmel wurde Leid verteilt. Alle hatten, aber es war noch ein Haufen übrig. ›Wir legens ihm zu‹, sagte der, der darüber zu bestimmen hatte. Und er nannte meinen Namen. Da warf sich mein guter Engel dem Herrn zu Füßen: ›Warum ihm allein?‹ Da sagte der Herr, der ewige, allmächtige, der gerechte Herrscher des Himmels und der Erden: ›Er hats gewollt!‹ Da stand mein schöner, guter Engel auf und schwieg und ging traurig vom Angesicht des Herrn.«

»Ich las Auerbachs Erzählung ›Diethelm von Buchenberg‹. Ich las zum dritten mal. Ich sah mich selbst. Und mein Herz war voll Furcht.

Es ist da ein Mann, ein Mensch, ein schwacher, ein großtuender Mensch. Er spielt den Reichen, er füllt sein Haus mit Waren und versichert bei der Feuerkasse mehr, als er hat. ›Ists so weit, daß du brennen mußt?‹ fragt ihn seine Frau. Es ist eine kranke, eine ahnungsvolle Frau. In dem Augenblick hat er den Plan nicht, die Tat glimmt nur ganz entfernt in seiner Seele. Mit einer gewissen Aufrichtigkeit weist er den Verdacht seiner Frau zurück. Die Sonne steht hoch am Himmel, sie scheint heiß auf ihn herab. Zu ihr, zur goldenen Sonne am Himmelsbogen erhebt er die Rechte und schwört: ›Ihr Strahl soll mich nie mehr erwärmen, wenn ich das, was du gesagt hast, jemals tu.‹

Im Zuchthaus sitzt ein altes, graues, ein eiskaltes Männchen. Kein Sonnenstrahl erwärmt ihn. Ihn friert, er klappert vor Frost. Am besten geht es noch bei schwerer Arbeit. Deshalb darf er Holz im Zuchthaushof sägen. Er ist ein eiskalter Greis, und für und für schrillt die Säge des Diethelm von Buchenberg.«

»Vorige Nacht hielt ich sie in meinen Armen. ›Elfriede‹, bat ich, ›flehe den Herrn an. Er ist der Gott der Güte, er wird die Worte, die ich sprach, auslöschen im Buch des Frevels, er wird meinen Namen niederschreiben im Buch des Lebens.‹ Aber die Gute sah traurig drein. ›Ich liege Tag für Tag vor seinem Thron. Aber der Herr schweigt. Und durch die Dome des Himmels bis zu den Pforten der Hölle hallt es hin: Er hats gewollt!‹«

»Gestern, glaube ich, reckte schwarzer Wahn nach mir die Fänge. Nun hab ich einen ganzen Tag philosophiert und hab ihn niederphilosophiert. Alles ist notwendig, jede Bewegung meiner Finger, jedes Wort, das aus meinem Munde geht. In allem bin ich unfrei, mithin in allem ohne Schuld.«

»Mit Pastor Ritter streite ich über die Willensfreiheit, den Weg nach den Wiesen hinunter. Mäher, Sensen auf den Schultern, begegnen uns, Melkerinnen mit blauen Eimern. Sonst begrüßte ich mich umständlicher mit den Leuten. Nun gestikulieren wir, der Pastor und ich, ich aber heftiger. Da wird der Gruß rasch abgemacht. Alle stehen einen Augenblick still, wenn wir vorübergehen.

›Die Tat‹, sagte der eine, ›wird auf einer Wage gewogen, der Zeiger schlägt nach der Schale des Unrechts, wenn darin die stärksten Beweggründe liegen.‹

›Und der Wille und der Charakter?‹ wendet der andere ein.

›Wille und Charakter gehören zu den Gewichten, lassen Sie mich, wissend, daß es nicht korrekt ist, den Namen ›Beweggrund‹ darauf mitbeziehen. Wille und Charakter sind entweder angeboren oder durch andere von mir unabhängige Umstände bestimmt. Sie sind also im Kreis der Notwendigkeit mitbeschlossen.‹

Und darauf die Entgegnung: ›Nein, der Mensch hat in sich die Kraft und auch die Pflicht, seinen Charakter zu ändern und zu bessern, auch den stärksten Beweggründen gegenüber ist er in keiner Zwangslage – der Wille des Menschen ist frei.‹

Darauf der erste: ›Das würde in meine Sprache übersetzt heißen: In den Apparat der Wage hat der Werkmeister eine vernünftige Dominante hineingelegt, die ein Zuviel aus der Schale des Unrechts selbsttätig herausschmeißt. Ich glaube vor der Hand nicht an diese Erfindung.‹

In der Stadt erzählt man sich, es sei eine neue Wage erfunden worden, die Domino heiße. Nun könne kein Handelsmann mehr betrügen. Falsche Gewichte werfe die Wage selbst heraus. Der Doktor Hans Stäwelmann aber, der bei Wilhelm Möller wohne, wolle an die Erfindung nicht glauben.«

»Meine Mutter und ich wohnen noch immer bei Wilhelm Möller, eine Treppe hoch. Die Treppe muß zu einer Zeit gezimmert sein, wo die Tannen der ostpreußischen Wälder die Lieder verstanden, die der Sturmwind blies. Es ist eine gefühlvolle Treppe, und wenn ich in meiner Stube sitze, lausche ich ihren Gesängen. Wenn jemand kommt: auf den untern Stufen schwingt es voll dumpfer Zweifel, klingender und zuversichtlicher steigt es herauf, und aller Sorgen ledig hallt es über die Dielen nach meiner Zimmertür.

Die Treppe singt immer neue Lieder, ein anderer Schritt lockt aus dem alten Holz andere Töne. Ich kenne viele Spiele: das unseres blonden Dienstmädchens, Gretens unbekümmertes Lied. Die Frau Möller, der Meister Möller – bei ersterer hör ich die hausmütterlichen Sorgen heraus, bei ihm einer guten Arbeit ruhiges Gewissen. Ich kenne das Lied des Briefträgers – ich weiß schon nach dem Schritt, was er bringt. Ich höre der wackeren Freunde trauten Gang, und vor allen Dingen das Liebeslied der alten Frau, die nur noch für mich, Hans Stäwelmann, lebt. Ich höre ... ich höre ... ich höre ...

Ach, wie kann all das Liebe, was ich höre, wie kann, wie darf es mich trösten für das Treppenlied, das aus dem Register gestrichen ist? ›Ich bin dir gut‹, sagte die erste, ›ich hab dich lieb‹ die zweite, ›ich trag die Hoffnung im Herzen‹ die dritte, ›der liebe Gott wird uns gnädig sein‹ die vierte – und so weiter. ›Ich bin die Jakobsleiter‹, sangen die oberen Stufen, ›die Engel Gottes steigen herauf‹. ›Der Engel‹, sangen die Bretter, ›schwebt über die Dielen daher – er reißt die Tür sperrangelweit auf, damit die schönen Flügel keinen Schaden leiden.‹ So klang das alte, das aus dem Register gestrichene Lied.

Das war eine liebe Treppe, jetzt ist sie eine böse ... Sie täuschte mir eben die ganze Jakobsleiter-Melodie vor, ich mache die Tür auf, es ist niemand da. Da setzte ich mich in meinen Sessel. Ja, ja .. da konnte ich nicht anders, da hab ich geweint.

Ich weiß nicht, ob ich so namenlos glücklich oder unglücklich bin. Aber zuweilen überkommt mich das Gefühl, daß es so nicht weiter geht.«

»›Sie sind immer so ruhig‹, sagte Wilhelm Möller, der Goldschmied, unser Hauswirt, zu mir. ›Heute früh reckte sich schon meine Hand über den Lehrbuben, da dachte ich an Sie und – sieh! meine Hand fand den Weg zurück.‹

Hab ich ein so verlogenes Gesicht? ›Wenn der uralte heilige Vater‹ – Und so weiter. Ich wollt, ich hätte nur ein bißchen Göttliches, ein ganz klein wenig vom Jupiter an mir.«

»Heute Nacht sah ich sie. Ich war ganz wach, das Zimmer im Dämmerschein des Nachtlichtchens. Da hörte ich ihr Lied die Treppe herauf, da öffnete sich die Tür, da kam sie und schritt lautlos durch mein Stübchen. Sie sah mich ernst und bedeutungsvoll an und hatte den Finger erhoben.«

Das Städtchen, von dem wir erzählen, war wie andere auch. Zwei wie Öl und Wasser geschiedene Volkskasten; die Honoratiorenkaste schwamm oben auf und war durch festgewurzelte Sitten, die wie hohe Schutzzölle wirkten, gegen das Eindringen nicht dahingehöriger Elemente geschützt. Insbesondere war es hergebrachter Satz: die Heiratskandidaten der Honoratioren gebühren den Honoratiorentöchtern.

Es waren wenige zu vergeben, es wären zu wenig gewesen, wenn man die Söhne der zunächst belegenen Höfe nicht mit in den Honoratiorenkreis einbezogen hätte. Das Angebot für den nicht weibliche Seelen umfassenden Kreis heiratslustiger und heiratsfähiger höherer Öltöchter war aber auch dann noch knapp; es war in unsrer Stadt wie überall, Kampf um den Futtertrog der Liebe oder vielmehr der Ehe.

Kampf war da, aber er verlief in gesitteten Formen. Man tat erfreut, man tat, als habe man auch nicht entfernt daran gedacht, den Gockelruf für sich zu hören, man brachte Blumen und Glückwünsche. Aber im Herzenskämmerlein und im eigenen Kämmerlein, da schwoll manchmal ein Herz vor Wut und Neid. Und (auch das ist vorgekommen) wenn das Herzchen gar zu stark aufbegehrte, dann wurde ein Federchen genommen, in Gift – Tinte wollte ich sagen, getaucht, dem Verlobten wurde mit verstellter Hand eine kleine niedliche Verleumdung der Braut geschrieben. Es half selten oder nie, die Liebe ist nun mal blind, das hatte man auch gar nicht erwartet. Man hatte aber Ärger und Mißtrauen gesät, das war auch schon was. Und nichts macht die Seele so frei, wie eine kleine Bosheit.

Da schritt eines Tages eine Frau in den mittleren Jahren mit drei Töchtern über den Markt. Die Mutter war eine feine Dame, die drei Töchter waren schön, nicht gerade alle blutjung, aber sie waren schön. Alle Wetter! sagten die Heiratskandidaten und zogen vor der Familie den Hut. Die Privilegierten sahen sie von der Seite an und lächelten häßlich mit ›breiten Wolfszähnen auf den Lippen‹. (Gottfried Keller sagt so.) Was wollen die hier? Was wollen doch die alten Schachteln?

Ja, was wollten sie und wo kamen sie her? – An der Ecke der Sand- und Poststraße lag ein großes rotes Haus, ein in bewegten Formen aufgeführtes Gebäude, ganz anders als die andern Häuser der altfränkischen Stadt – kühn und keck in den schattigen Garten, der an der Poststraße entlang sich bis zur Chaussee ausdehnte, hinausgereckt und dort in junges, frisches Grün getaucht. Da hatte ein alter Offizier seine Pension verzehrt, nun wohnte die Frau mit den schönen Töchtern im roten Haus. Sie kam weit her. Man sagte, von der andern Seite des großen Stroms, von einer jedenfalls zur Ortskaste nicht gehörigen Gegend. Durch diesen Zuwachs vermehrte sich das Angebot bedrohlich. Wie verschärfte die Unglücksfamilie den Kampf um den Futtertrog der Ehe, der ehelichen Versorgung! Man fing an, allerlei über die Familie zu reden, die Klatschwellen gingen hoch, die Damen aus dem roten Haus gingen aber, wie einst der Wundertäter am See Genezareth, hoch und leicht über die Wogen hinweg.

Die Jüngste kam nicht in Betracht, die war den Kinderjahren kaum entwachsen; aber die beiden Älteren, die Dunkle und die um ein Jahr jüngere Blonde. Die Älteste sollte sprechende Ähnlichkeit mit der verstorbenen Elfriede haben. Das überhebt uns, viel von ihr zu sagen.

Die Familie vom roten Haus wurde zu den von dem Bürgerverein veranstalteten Festlichkeiten zugezogen. Pastor Ritter war Vorsitzender, man munkelte von Kämpfen des Präsidenten mit Vätern heiratsfähiger Töchter, man munkelte bald, Pastor Ritter sei mit der großen Dunklen aus dem roten Hause verlobt. Und vielleicht hatte das Gerücht nicht unrecht.

Die Poststraße ist so gar breit nicht; geht man vom Plankenzaun des ›Landschaftlichen Hauses‹ (es liegt dem roten Hause gegenüber) hinunter, so sieht man die Schattenwolken des Gartens und der Gartenterrasse. In der Rotbuche pfeifen die Amseln ihr Liedchen auf den Kaffeetisch hinab und, wenn die Glastür offen ist, auch in den Saal hinein. Die zum Garten hinabführende Treppe verschwindet in den Wirrnissen der Kletterpflanzen, man sieht nur die gefällig hinabfließenden oberen Stufen.

An schönen Nachmittagen, wenn die Zitronenfalter in zitternder Sonnenwärme vor den Baumkronen gaukeln, kannst dus erleben (du mußt aber deinen guten Tag haben), daß alle Anmut und Schönheit, die das rote Haus birgt, oben um den Kaffeetisch sitzt. Einen Augenblick darfst du dich ›verloren‹ an die Planke drücken und dich der Fülle der jungen Schönheit und ihres Lachens freuen, da darfst du auf die weichen, runden Stimmen und auf das Tassengeklapper hören. Es klingt die Heiterkeit des guten Gewissens wie Summen darüber her.

Ich rate dir: geh hinunter nach der in die reichen Marschen führenden Chaussee. Du magst die hundert feisten Ochsen zählen, die Vollmacht Krohn auf den Bleekwiesen weidet. Und dann komm zurück!

Es hat sich (ich will es so), die Gesellschaft hat sich vermehrt. Neben der Dame des Hauses sitzt ein junger Mann in schwarzem Rock und unterhält die Mutter und scherzt mit den Töchtern. Der Dame ist etwas auf die Erde gefallen. Der Gast bückt sich, er hebt es auf, er überreicht es. Da siehst du sein Gesicht; es ist – Pastor Ritter. Es muß doch wohl etwas daran sein, denkst du, an dem Gerücht, daß Pastor Ritter mit der ältesten Tochter aus dem roten Hause versprochen sei.

Wenn die große dunkle Schönheit durch die Straßen ging, so wunderte man sich immer über die Ähnlichkeit mit der verstorbenen Elfriede Bruhn, verheirateten Sell. »Gott, wie hab ich mich erschrocken!« hieß es immer wieder. »Wir stießen an der Ecke von Möllingsweg aufeinander. Da war mir doch, als wenn die Toten auferstünden. ›Frieda!‹ hätt ich bald gerufen. Dieselbe Größe, dieselbe Haltung, dieselbe Miene!« So und ähnlich erzählten sich die Damen der Stadt.

»Ähnlichkeit ist freilich vorhanden«, versetzten die Ruhigen, die Verständigen, insbesondere sagte so Hans Stäwelmanns Schwager, Rechtsanwalt Bruhn. »Ähnlichkeit freilich, auf den ersten Blick sogar eine bestürzende. Beim längeren Ansehen entdeckt man aber doch Verschiedenheiten. Meine Schwester Elfriede hatte etwas Flackerndes im Auge, Fräulein Anna blickt scharf aber ruhig. Elfriede hatte wirklich schwarzes Haar, das tiefglänzende, blauschwarze, Fräulein Annas Haar hat eine mattere, stumpfere Farbe. Eigentlich ist es gar kein Schwarz, sondern tiefes Brünett. Annas Stirn ist auch runder und hat einen kleinen Leberfleck über dem Auge. Wenn sie spricht, dann sieht man kleine Grübchen in den Backen (die hatte Elfriede nicht), dann denkt man kaum noch an eine Ähnlichkeit.«

Wenn Hans Stäwelmann sie sähe!

Hans war nicht da, wird voraussichtlich nicht wiederkommen. Man wußte nicht viel von ihm, und selbst sein Schwager nicht alles. Von der Reise sollte er zurückgekehrt und jetzt ganz gesund sein. Eine Zeitlang hat er in seinem Heimatsdorf in der Holzvogtei gewohnt. Dort hat er die einzige, die ihm nahe stand, die alte Mutter, beerdigt. Dann ist er wieder abgereist, angeblich, ein milderes Klima aufzusuchen. Und seitdem ist seine Spur verloren.

Seine Spur war verloren, bis man sie in dem Lesezimmer des Bürgervereins wiederfand. Er tauchte zu gleicher Zeit in der ›Gäa‹ und in der ›Gegenwart‹ auf.

In der ›Gegenwart‹ las man einen langen Aufsatz: »Eine neue Teleologie der Liebe«, in der ›Gäa‹ die Besprechung eines Buchs: »Die natürlichen Einrichtungen für den Liebestrieb der Lebewesen auf ihre teleologischen Prinzipien zurückgeführt und dargestellt von Doktor Hans Sell.«

Was in der ›Gäa‹ stand, wollen wir hier nicht berücksichtigen. Es ist für uns zu gelehrt. Die ›Gegenwart‹ tadelte nur den etwas umständlichen Titel und erging sich dann in einem hohepriesterlichen Posaunenton des Lobes. »Der erste geistreiche Versuch, eine Überfülle interessanter Erscheinungen unter einen einheitlichen Gesichtspunkt zu bringen.« Es wurde viel von der lex parsimoniae der schaffenden Natur, aber auch von ihrem Charakteristikum als Vergeuderin des Samens geredet. Die Steigerung des natürlichen Triebes bis zur Zerbrechung beider Subjekte sei Verwilderung natürlicher Instinkte. In allen diesen Punkten wurden dem neuen Buche große Verdienste nachgesagt. Die Damen unsrer Stadt waren noch Damen alten Stils. Nur ein kleiner Bruchteil las die Abhandlungen über Hans Sells Buch. Sie hörten, daß ein Mann, der »unser gewesen war«, ein berühmtes Buch geschrieben habe – das genügte. Sie dachten sich bei Teleologie der Liebe etwas wie Gottesgelahrtheit der Liebe im Sinn der berühmten Korintherstelle: »Die Liebe verträgt alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. Sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das ihre.« Und so weiter. Die etwas reife Jungfrau Elisabeth Nöthig hatte für den stillen Doktor immer eine platonische Neigung gehegt, sie verschaffte sich den Artikel der ›Gegenwart‹. Sie las eine Seite, sie las zwei Seiten: ihr Haar, soweit es nicht festgebunden war, fing an, sich zu sträuben, sie klappte das Heft zu, ihr armes Leben war um ein Ideal ärmer.

Und plötzlich ging der Verfasser der Teleologie der Liebe in Person über den Marktplatz der Stadt – jünger, frischer, heiterer, denn je. Er bezog die alte Wohnung bei Wilhelm Möller. »Das hätte er nicht tun sollen«, sagten Wohlmeinende. »Die Erinnerungen, die sie hervorruft, könnten eine zu starke Probe für seine Nerven sein.«

Er suchte seine alten Freunde auf. Bei Pastor Ritter fiel ihm unglücklicherweise ein Photographiealbum in die Hand, kamen ihm Bilder der Damen aus dem roten Hause vor Augen. Die dunkle Anna starrte er an. Er war bestürzt. »Was?« sagte er zu seinem Freund, »du hast ein Bild der Verewigten, und ich weiß nichts davon?«

»Komm«, erwiderte der Pastor und nahm ihm das Buch sanft aus der Hand, »komm, Hans, darüber wollen wir später mal reden.«

»Du kannst recht haben«, antwortete der Doktor, »das sollst du mir mal sagen, wenn ichs ganz hinter mir habe.«

Er schien kräftiger, ruhiger, gesünder als vor Jahren. Er besuchte die Bürgervereinsabende; von allen Seiten regnete es Komplimente wegen seines guten Aussehens und wegen der Teleologie der Liebe. Der literarischen Schmeicheleien erwehrte er sich mit gutem Anstand. Er machte es wie mein Freund Altenteiler Jörn Kock. Bei Schlachtfesten wird Jörn von seinen Schwiegertöchtern beschenkt. Wenn sie weggehen, bittet er, das Geschenkte wieder mitzunehmen. Er müsse ja doch was wiederschenken. Das tue er gleich, da sei es ein Abwaschen.

Von seinen Erlebnissen sprach Hans Stäwelmann nicht viel und von seiner Krankheit gar nicht. Man fragte auch nicht darnach. Nur Professor Fesch glaubte dem armen geheilten Mann ein Trostwort sagen zu sollen. Er spielte Billard mit einem Herrn aus der Kaufmannsgilde. Andere, darunter Hans Stäwelmann und Pastor Ritter, saßen in den Fensternischen vor ihren Deckelkrügen und sahen zu.

»Es ist doch schön«, sagte Fesch zu dem Verfasser der Teleologie der Liebe, indem er das Leder seines Billardstocks kreidete, »es ist doch schön, daß Sie den häßlichen Anfall überwunden haben.« Er hielt noch die weiße Kreide in der Hand und strich, um die Handkrücke ganz glatt zu machen, einige Male über die Politur des Stockes, ohne zu bemerken, daß Hans so blaß wurde wie seine, Professor Feschs, Kreide war. Fesch glaubte seinem Trost noch einen Trumpf zusetzen zu müssen: »Ja, verehrter Freund, wenn man nur ein reines Folium im Himmel hat, dann kommt alles wieder zurecht.«

Doktor Sell, alias Hans Stäwelmann, hatte sein Glas zum Munde führen wollen, er setzte es nieder. Auch das merkte der ganz in sein Spiel vertiefte Professor nicht. Er saß auf dem Billard und zielte mit einem hinter dem Rücken geführten Stoß. Noch überlegte er, ob er von vorne per Bande spielen oder von hinten erst die Bande berühren solle. Er hatte die letzte Nummer zu machen und mußte einen angesagten Bandenball leisten. Da fühlte er plötzlich Hans Stäwelmanns heißen Atem an seinem Ohr: »Sagen Sie, Professor! Was wissen Sie von meinem Schuldkonto im Himmel und was von meinem Schmerz?«

Professor Fesch wollte seinen Stoß zurückhalten, konnte es aber nicht mehr; es gab einen Kickser, Professor Fesch verlor die Partie. Hans Stäwelmann rief »Zahlen!« und rechnete mit dem Aufwärter ab. Dann griff er nach seinem Hut, grüßte kurz und ging nach Haus.

»Ich fürchte, Herr Professor«, sagte Pastor Ritter, »Sie haben unserm Freund einen schlechten Dienst geleistet. Aber es soll Ihr Konto im Himmel nicht belasten. So viel ich weiß, sieht man dort auf das Herz und auf den Willen.«

Hans Stäwelmann ging verstimmt nach Haus. »Sie stechen roh und verständnislos in meine Wunden«, sagte er zu sich. »Die Menschen verstehen mich nicht, ich verstehe auch wohl die Menschen nicht, da will ich lieber darauf hören, was ich mir selbst zu sagen habe.« Er mied bis weiter jede Gesellschaft.

Wenn er im Bett lag, so war ihm, als stehe ein schwarzer Schatten am Kopfende, ein Schatten mit Flügeln. »Was will er?« fragte er sich, und antwortete darauf: »Er will Wahnideen an den Mann bringen. Aber da kann er lange warten. Darauf lasse ich mich nicht ein, in meinem Bett schläft ein gesunder, von Selbstvorwürfen freier Mann.«

Der schwarze Geflügelte kam mit der alten Sache, mit dem Fluch, wodurch Hans alles Elend auf sein Haupt herabgeschworen habe. Aber der Doktor philosophierte ihn kräftig nieder. »Bin ich ein Gott?« rief er, »bin ich einer, der mit dem Allwissenden, dem Allgütigen, dem Allmächtigen, dem Herrn des Himmels und der Erden Verträge schließen

223 kann? Hat Gott, als ich das unbedachte Wort sprach, gesagt: ›Schön, nun will ich die junge Frau mit Leid schlagen, ich hätte es nicht getan, wenn ihr Mann mir nicht die Erlaubnis gegeben hätte?‹ Hat der Allmächtige, als ich zu ihm die Hand erhob, gesagt: ›Gut, Hans Stäwelmann, die Sache wollen wir abmachen. Erst sollst du haben, was du für dein Glück ansiehst, aber nachher, dann komme ich mit meinen Skorpionen?‹ Das sollte er gesagt und getan haben? Das glaube ich nicht. Der liebe Gott sollte eine Schleife in der Bahn der Weltordnung gemacht, nicht aber nach seinem in Ewigkeit gefaßten Ratschluß gehandelt haben? Stand ich so hoch, einen Bund mit dem Allmächtigen zu machen, und mein Weib so niedrig, sein Strafmittel zu sein?«

So philosophierte er den Schwarzen an, aber der erwiderte: »Das sind hohe Worte, der Glaube aber fehlt dir. Dein Fluch steht im Buch des Frevels, dein Fluch wirkt für und für, darauf kannst du dich verlassen.«

»Es ist alles Unsinn«, sagte Hans Stäwelmann zu sich. »Ich träume zwar wilde Träume, aber sie sollen schon wieder sanft und zahm werden. Ich steh als Wächter über meinen Gedanken vor dem Tor meiner Seele, ich sieh mit der Wurfschaufel in der Hand, zu sondern. Und ich sondere Unechtes von Echtem, Spreu von Weizen.«

Der Pastor Ritter suchte den Grübler eines Tages auf.

»Laß mich,« sagte Hans Stäwelmann, »laß mich noch einige Tage! Ich hab mit einem Gesicht zu tun. Den Burschen muß ich niederkämpfen, es dauert nicht mehr lange, dann liegt er am Boden.«

»Wenn es so steht, dann solltest du gleich mitgehen«, erwiderte der Freund. »Ich halte nichts von Kämpfen mit Erscheinungen, die man nicht greifen kann.«

Aber Hans Stäwelmann wollte nicht. Er fing an, nach dem Eckstedter Vierth zu gehen. Auf dem Eckstedter Vierth sitzt König Ringelhaar in seinem Schloß tief in der Erde Schoß. Unter dem letzten Hünengrab sitzt er. Stumm inmitten seiner Mannen und wartet des Tags. »Ich möchte nicht mittun«, redet Hans Stäwelmann zu sich, »wenn die frechen Spaten klirren, wenn die urnenlüsternen Herren die Wände des Grabes aufwühlen.«

Hinrich Wilhelm, der mit vollem Namen Hinrich Wilhelm Hotje heißt, hat eine Kate am Wald. Hans Stäwelmann ißt bei ihm Eier und Milch. Hinrich Wilhelm erzählt von einer am Fuß des Hünengrabes wachsenden Eiche. Es ist ein kleines, ein schwaches Bäumchen. Davon erzählt er eine Geschichte:

Vor vielen, vielen hundert Jahren ist auf der Heide eine Schlacht geschlagen worden, die hat drei Tage gedauert, und gesiegt hat der König, der die meisten Soldaten und den stärksten Gott gehabt hat. Mit eigener Hand hat er seinen Feind, den König, und auch dessen Sohn erschlagen. Und das hat er getan, weil der fremde Königssohn vor übergroßer Liebe seine Frau, die Königin, mit Gewalt geraubt und entführt hatte. Der siegreiche König ist nicht so jung gewesen wie seine Frau. Aber er hat nicht an ihrer Treue und hat an ihrer Liebe nicht gezweifelt.

Nun hat der kleine Eichbaum damals schon da gestanden, wo er jetzt steht, und ist nicht viel anders gewesen, als er jetzt ist, nämlich dünn und schwach. Und nach der Schlacht hat der König bei dem Eichbaum, als die Wurzeln noch das Blut des Erschlagenen tranken, da hat er zur Königin gesagt: ›So gewiß der Sproß kein Baum wird, groß und stark genug, eines Mannes Gewaffen zu tragen, so gewiß halte ich dich, mein Weib, rein und treu in Händen, und so gewiß werd ich deiner Liebe ewig sicher sein.‹

Hinrich Wilhelms blonde Tochter grub, als der Vater das erzählte, im Garten und hörte das. Und steckte den Spaten ein und sagte: »Nein, Vater, das weißt du nicht recht. Er hat zum Eichbaum gesagt: ›So gewiß du ein großer Baum wirst, einen Schild daran zu hangen, so gewiß liebt mich mein Weib.‹ Aber sein Weib hat den toten Sohn des fremden Königs lieb gehabt und hat zu ihrem Manne gesprochen: ›Die Treue geht bis in den Tod, die Liebe nehme ich mit ins Grab, die nehme ich mit in Wodans Halle. Denn wisse: der junge Königssohn, dessen Blut die Heide trank, hatte meine Liebe und wird sie ewig haben. Und das soll ein Zeichen für meine Worte sein: die junge Eiche wird klein und schwach bleiben, daß sie eines Mannes Gewaffen nicht tragen kann. Dir, mein Gemahl, bring ich meine Treue unversehrt zurück, und die sollst du nie vermissen.‹ – Da ist die Eiche klein geblieben«, sagte die Maid und grub weiter. Sie steckte aber den Spaten wieder ein und sagte: »Drei Tage darauf hat man die Königin bei der Eiche am Hünengrab, den eignen Dolch im Herzen, tot aufgefunden.« Und die Blonde grub und grub.

Sie haben was Versonnenes, Hinrich Wilhelm und seine Tochter. Das macht die Einsamkeit, die weite Ebene macht es, das Meer und des Meeres Winde, der Zug der weißen Wolken.

Wolken? Sie fahren dahin wie die weißen, die ruhigen, die leidenschaftslosen Götter. Hans Stäwelmann freute sich immer, wenn sie groß und weiß, des Lichtes trunken, vom Meer aufstiegen. Seine Gedanken flogen, sie wollten hin. ›Du hast, Allerhöchster, du hast die Allmacht! Sei auch ein Gnädiger!‹

Hans Stäwelmann dachte an die Eiche und an den auf ihr lastenden Fluch. Unser Freund ging hin und stand kopfschüttelnd vor dem angeblichen Wunder, dem alten, dem sagenumwobenen Baum. Der Zwerg? Er grub mit seinem Stock im Moos herum, er untersuchte die Wurzeln. »Das ist ja ein ganz sprantiges, verkümmertes Ding! Das Ding ist ja noch nicht zwanzig Jahre alt!«

Er stand und lachte: »So also sieht ein verfluchter tausendjähriger Baum aus? Tausend Jahr? Das ist unmöglich, Doktor Sell, was sagt deine Wissenschaft dazu? Ob ich gebiete: ›Leid über mich!‹ oder Josua befiehlt: ›Sonne steh still! und Mond, wandle nicht mehr!‹ – das ist alles gleich Und gleich ist es auch, ob eine heidnische Königin sagt: ›Eiche, wachse nicht mehr!‹ Es bleibt immer ein seiner natürlichen Schranken entkleideter Wille.«

Da kam neben Hans Stäwelmann in der Heide ein Schatten herauf. Hans sah sich um, ein junger Bauer stand bei ihm; Hans kannte ihn, es war Hein Gripp, der Blonden Bräutigam. »Was macht Ihre Braut für Geschichten?« fragte Hans und erzählte.

Hein Gripp griente: »Ja, das ist Stinens Pläsier.« Und Hans Stäwelmann erfuhr, früher habe man die Geschichte von einer Eiche erzählt, die in der Bornholder Feldmark gestanden habe. Als man den Fleck urbar gemacht und die Eiche ausgerodet habe, sei die Sage eine Zeit landflüchtig gewesen, habe aber in den letzten Jahren bei dieser Eiche Niederlassung genommen.

»Nun ist alles klar«, sagte Hans Stäwelmann zu sich, »nun liegt der Schwarze am Boden, nun will ich wieder unter Leute gehen.«

 

An demselben Abend erschien Hans Stäwelmann im Bürgerverein, am andern Tag saß er zusammen mit seinem Hauswirt auf den gelben Bänken, einer rechts von der Haustür, der andere links. Von Wilhelm Möllers gelben Bänken sah man über den freien Marktplatz links nach der Apotheke hinüber und rechts nach der Kirche. Es war ein warmer Nachmittag. Zitterluft webte um das Kirchendach, helle Sonne lag auf dem Steinpflaster. Dem wackeren Goldschmied ist noch alles im Gedächtnis; der kurze Schatten der linken Häuserreihe, die gackernde Henne, die nach Nachbar Löcks Gang trippelte und bei jedem Schritt mit den Krallen kräftig auf den Granit aufschlug, als sie über die Steinstufen seiner Haustür lief.

Sie saßen rechts und links auf ihren Bänken und dachten wenig und sprachen nichts. Da ging eine junge Dame, die aus der Langstraße gekommen war, langsam an ihnen vorüber. Wie saß ihr das Kleid, wie sanft und geduldig trug sie das von dunkeln Flechten beschwerte Haupt! Wilhelm Möller grüßte und Hans Stäwelmann auch. Just so trug sich die verstorbene Elfriede, so war ihr Haar, so ihr Haupt und so ihr Gang. Beim Grüßen lief ein Lächeln über ihr Gesicht. So tat auch die Verstorbene. Sie ging langsam über den Markt nach der Apotheke zu. Das pflegte auch Elfriede zu tun, wenn sie nach der Poststraße ging. Dabei die gleiche, bescheidene und doch stolze Hoheit. Aus der Klosterstraße kamen zwei Herren vom Gymnasium; die zogen tief den Hut. War es nicht just so wie früher, wenn Hans Stäwelmann auf der Bank saß, wo er jetzt war und seiner Frau nachsah? Sie machte dann bei der Postmeisterin Besuch. Dann traf sie auch wohl Herren, die tief und verbindlich grüßten. Die Dame ging an der Apotheke vorüber und verschwand in der Poststraße.

»Um Gottes willen!« rief Hans Stäwelmann.

Der Goldschmied sah sich nach ihm um: Sein Mietsmann war weiß im Gesicht. »Fehlt Ihnen was, Herr Doktor?«

»Um Gottes willen!« rief Hans wieder. Aber er rief es mehr in sich hinein, als zu Wilhelm Möller und auf den Markt hinaus: »Um Gottes willen! Was ist das?« Wilhelm Möller stand vor ihm. »Sie sind krank, Herr Doktor!« sagte er. »Kommen Sie, legen Sie sich zu Bett. Dann gehts vorüber. Meine Frau soll heißen Fliedertee machen, das tut gut. Sie glauben gar nicht, was Fliedertee tut. Ich trinke ihn immer, trinke ihn gegen jedes Unwohlsein. Einen halben Tag zu Bett – Fliedertee – eine Nacht Schlaf, und alles ist vorüber.«

Hans Stäwelmann sagte nur: »Meister, haben Sie gesehen?«

»Ich verstehe nicht, Herr Doktor.«

»Sie verstehen nicht? Haben Sie denn nicht gesehen? Die Toten stehen auf. Meine Frau ... sagen Sie selbst: war das nicht meine Frau?«

Wilhelm Möller wußte nicht, was zu machen und wie er antworten solle. »Ihre Frau, Herr Doktor, ruht in Kirchhofserde.«

Hans Stäwelmann sah ihn mit flackernden Augen an. »Das ist es ja eben. Wie kann sie denn hier gehen?« Er schritt auf und ab und stampfte das Pflaster. »Diesen Boden hat ihr Schuh berührt, das müssen Sie doch gesehen haben?«

»Ja, Doktor! Was soll ich darauf sagen? Was reden Sie? Was malen Sie sich aus? Die, die hier vorbeiging, die hab ich wohl gesehen, und die kenne ich genau genug. Das war Fräulein Anna aus dem roten Hause. Sie wissen wohl nicht, die Familie ist von der anderen Seite hergekommen – kein Mensch weiß recht, weshalb. Der Vater ist gestorben, sie haben ihren Hof verkauft. Anna hat viel Ähnlichkeit mit Ihrer Frau, das sagt die ganze Stadt. Aber deshalb ist sie es doch nicht. Doktor, schlagen Sie sich doch solche Sachen aus dem Kopf! Die, die hier ging, ist ein Mädchen von Fleisch und Blut, sie ist (wenn es auch noch nicht deklariert ist), jedenfalls hält man allgemein dafür, daß sie die verlobte Braut von unserm Pastor Ritter ist.« »Nehmen Sie Ihre Worte in acht!« schrie Hans Stäwelmann. Irr und wirr stand er vor seinem Wirt.

»Weshalb soll ich meine Worte in acht nehmen? Die ganze Stadt weiß es, was ich sage, und Schande ist doch nicht dabei.«

»Seine Braut! Hör es, Himmel – seine Braut!« Der kranke Hans Stäwelmann hob die Hände gen Himmel. »Her mit dem Leid – ich habs gewollt! Du hast ganz recht, ich habs gewollt, her mit dem Haufen Leid, der in der Ecke des Himmels liegt, der keinem Menschen gehört! Mir kommt er zu. Ich habs herausgefordert, ich habs gewollt, ich darf mich nicht beklagen. Gott, du bist Gott, und ich bin, so scheints, ich bin auch einer. Zwei Götter schlossen einen Pakt, wir wurden uns einig. Nun bekomme ich, was mir gehört. Dafür aber bin ich ein Gott. In vollen Strömen über mich, Schmerz und Leid! Kollege du! Du bist ein starker, eifriger Gott. Im Katechismus, in den zehn Geboten stehts. Du bist ein starker, eifriger Gott. Du trägst die Schalen des Zorns in Händen. Du kannst wehtun, du kannst züchtigen. Jehova, zeig es an mir, daß du es kannst!« So frevelte Hans Stäwelmann.

Wilhelm Möller war ratlos. In nächster Nähe bemerkte man keine Menschen, man hörte aber sicherlich rings umher in den angrenzenden Straßen die Stimme eines Aufgeregten. Bei der Apotheke stand ein Haufen Leute auf dem Markt, die herübersahen und herüberhörten und sich die Szene nicht deuten konnten. Im Eckhaus an der Hauptstraße (die Fenster gingen nach Wilhelm Möller) lugte ein alter Weiberkopf durch die Vorhänge.

»Lieber Herr Doktor!« bat Wilhelm Möller und rang die derben Hände. »Lieber Herr Doktor, tun Sie mir den einzigsten Gefallen, seien Sie wieder gut und beruhigen Sie sich! Die Ähnlichkeit des Fräuleins mit Ihrer seligen Frau hat Sie aufgeregt. Sie sind ohnehin nicht wohl. Sie haben sich überarbeitet, da kommt so was vor. Was wollen Sie auch immer in der Natur herumarbeiten? Sie habens ja nicht nötig. Gönnen Sie sich Ruhe! Sie haben nicht geschlafen, das greift an, da kommt so was vor. Ich kenne viele Leute, die das auch gehabt haben, und ist alles wieder gut geworden. Das wird sich irgendwie alles geben. Tun sie mir nur den Gefallen und lassen den lieben Gott aus dem Spiel! Wenn ers auch nicht übel nimmt, es hört sich häßlich an.«

»Her mit dem Leid!« fing Hans Stäwelmann wieder an.

»Ruhig, ganz ruhig, Doktor! Die Leute stehen still, was sollen sie denken! Witten Keller, ich sehe sie, steht hinter den Gardinen und macht ne große Geschichte daraus. Nachbarin Witten kann es, die versteht es. Und sehen Sie hin! Da bei der Apotheke, da sind welche, die sehen her. Wenn Sie nicht bald still sind, dann heißt es morgen im Ort: ›Doktor Hans Stäwelmann (bitt um Entschuldigung! Hans Sell wollt ich sagen), Doktor Hans Sell (so gehörts sichs), Herr Doktor Hans Sell hat zu viel studiert und ist unklug geworden.‹ Und das wollen wir uns doch nicht nachsagen lassen.«

 

Hans Stäwelmann wurde ganz ruhig und vernünftig, ging in seine Stube, legte sich zu Bett und bequemte sich sogar zu Fliedertee. Er sah den Widerspruch, der darin lag, die Erscheinung für seine verstorbene Frau zu halten und eifersüchtig darauf zu sein, daß das Fräulein aus dem roten Hause sich dem Pastor Ritter verlobt habe.

Der Goldschmied und die Goldschmiedsfrau brachten ihn zu Bett. Sie wachten bei ihm, der Fliedertee tat ihm gut, Hans Stäwelmann wurde ganz vernünftig. Er lachte und scherzte und spottete über seine Grille. Die Besorgnis seiner treuen Wirte schwand. Hans Stäwelmann erzählte aus seiner Jugend, vom Hof Sellentwiel und warum er Stäwelmann heiße und ein geheimer Baron sei. Als Frau Möller ihren eigenen Hausstand besorgen mußte, politisierte er noch eine Weile mit dem Goldschmied. Dieser ein Verehrer der deutschen Einheit, so wie sie etwa später geworden ist, Hans ein Großdeutscher. Um elf Uhr verließ Möller ihn, Hans Stäwelmann wollte schlafen. »Es geht alles gut«, sagte der Goldschmied zu seiner Frau.

Hans Stäwelmann schlief ... Da tauchte der Mann mit den schwarzen Flügeln, da tauchte der Schatten wieder auf und stellte sich an das Kopfende des Betts.

»Es ist das letzte mal«, sagte er, »sie ist im roten Hause. Wenn sie ohne Vergebung wieder zur Gruft hinabstiege!«

»Das darf nicht sein«, antwortete Hans Stäwelmann.

»Du mußt hin«, sagte der Schatten.

»Ich will noch warten«, antwortete Hans, »ich will überlegen, vielleicht bilde ich mir alles ein.«

In einer Ecke seiner Stube brannte ein auf Olivenöl schwimmendes Nachtlicht. Das Glas mit dem Nachtlichtchen stand auf einem kleinen Tisch.

»Vielleicht bilde ich mir alles ein«, sagte der Träumer. »In der Welt geht alles natürlich zu. So ist es mit der Dasselfliege, so mit allen andern Einrichtungen. Was tot und begraben ist, ist für uns wirklich tot. Wir hoffen nur, hoffen auf eine andere, eine unsichtbare Welt. Natur geht vor und duldet keine Ausnahme. Masse zieht die Masse an, es strebt alles nach unten, nach der Erde hin.«

»Dann bin ich auch wohl eine eingebildete Größe?« fragte der Geflügelte, der am Kopfende stand.

»Ich hoffe es und wünsche es«, antwortete Hans Stäwelmann.

»So!« höhnte der Dunkle, »und alles strebt nach unten, der Erde zu. So sagtest du doch.« »So sagte ich.«

»Was hat denn das Nachtlicht oben zu tun?«

Ja, was hatte es oben zu tun? Der kleine Tisch mit dem Lichtchen war an der Wand hinaufgeklettert, an der Zimmerdecke längs gegangen und stand senkrecht über Hans Stäwelmanns Bettstelle, von einer unsichtbaren Kraft gehalten.

»Geht das natürlich zu?« fragte der Schatten.

»Nein, das geht nicht natürlich zu.«

»Und das?«

Das Tischchen glitt an seinen alten Platz zurück, dafür klebte Hans Stäwelmann mit seiner Bettstelle an der Decke.

»O weh«, seufzte Hans, »nun falle ich.«

»Du fällst nicht«, sagte der Mann des Schattens.

Und er fiel wirklich nicht, er klebte mit seinem Bett an der Decke.

»Die Erdkugel kann sich verschoben haben«, sagte Hans.

»Na, na! Das laß Doktor Stäwelmann nicht hören!« erwiderte der Dunkle. »Ich denke, du bist vernünftig und gehst.«

»Ich seh, du hast recht. Ich will, laß mich nur wieder hinunter.«

Der Dunkle tat es, und Hans Stäwelmann stand auf.

Die Turmuhr schlug zwölf, als er auf die Straße trat. Und über ihm lachten ... ja, da lachten dreizehntausend Sterne. Dreizehntausend Sterne funkelten, zwinkerten, lachten über Hans Stäwelmann – fern, unnahbar, stillvergnügt. Er kannte manche, es fiel ihm eine ganze Masse seiner kosmologischen Kenntnisse ein, das ernüchterte ihn.

In halber Höhe stand ein großer, roter Stern (Hans Stäwelmann hatte gleich seinen astronomischen Steckbrief im Kopf), der sagte: »Hans, Hans! Bist ein geheimer Baron und stehst wie ein Narr auf der nackten Steinstraße! Bist eine Art Naturwissenschaftler, hast die Teleologie der Liebe geschrieben und läßt dich von Träumen foppen? Nein, guter Junge, so nicht – immer kühl und ruhig und vernünftig und so vergnügt, wie du zu sein verdienst. Und rasch mit dir hinein ins Bett!«

»Das will ich auch«, erwiderte Hans. Er ging zur Haustür hinein und stieg die Treppe hinauf. Dreizehntausend Sterne lachten hinter ihm her.

›Der Schwarze soll mir nur kommen‹, dachte Hans, als er sich niederlegte. Der Schwarze kam nicht, der Schwarze hatte keinen Mut.

 

Was ist das mit Hans Stäwelmann? So ging es in aller Frühe in einer Menschengruppe, die auf dem Marktplatz stand. Die ›grüne Grete‹ (Grete handelte mit Grünkram) erzählte, den Goldschmied und seine Frau habe er umgebracht, ihm habe er die Kehle abgeschnitten, die Frau habe er erwürgt und dann in Stücke gehackt. Ein Bein sei in der Waschküche gefunden, ein Bein im Keller, den Kopf habe man noch immer nicht.

»Ha, ha!« lachte Karl Moor. Er hieß Karl ›Moor‹, weil er mit Torf handelte.

Die grüne Grete schrie: »Dor is nix bi to lachen!«

»'t is ok so«, erwiderte Karl. »Ik lach ok jo blots und freu mi, bat Lene Möller Kopp un Arm un Veen weller hett. Kikt mol, wakeen kommt dor ut Voß sin Kramladen?«

»Herr du meines Lebens!« schrie die Grüne. »Warrafti!«

Wahrhaftig, da ging des Goldschmieds Frau frisch und gesund und im unverkürzten Besitz ihrer Glieder.

Die Grüne reckte einen mageren Arm nach dem Eckhaus. »O Witten, Witten!«

So rief die Grüne, im stillen aber dachte sie: es ist doch schade, daß so gar nichts dran ist. Wenns doch nur ein bißchen gewesen wäre! Wenn er ihr nur einen ganz kleinen Finger abgebissen hätte! Es wäre doch was. Aber es war so rein gar nichts dran.

Frau Möller war sofort umringt worden. Ob der Doktor nicht krank sei? »Krank? nicht im geringsten. Gesund wie ein Fisch im Wasser.«

Aber warum er denn gestern so geschrien habe? »Geschrien? Das habe man für Schreien genommen? Er habe ihrem Mann ja nur gezeigt, wie man in Wien Theater spiele.«

Die Grüne hat es Wirten und Hans Stäwelmann niemals vergeben, daß sie um eine unschuldige Freude kam.

Stäwelmann saß im Lehnstuhl und sah in die Sonne oder vielmehr auf die Blätter der Palme, die sich im freundlichen Sonnenschein dehnten. Für eine Zimmerpalme war das Bäumchen ein Riese, es hatte erst vor zwei Jahren einen neuen Kübel erhalten, aber über den Wurzeln hob sich schon wieder die Erde. Und die Blätter strebten zur Zimmerdecke. Als Ästhetiker betrachtete Hans Stäwelmann die Natur mehr im ganzen als ihre einzelnen Dinge. Aber die Palme hatte seine Liebe. Ein Organismus, den der Schöpfer mit so viel Respekt gemacht, den Lene Möller mit so viel Liebe pflegte, mußte auch seiner Liebe wert sein.

Hans Stäwelmann saß und sah in die Sonne und sah in die Palme. Er fühlte sich ein wenig matt, er fühlte sich ein bißchen schwach, aber schwach, wie sich ein Genesender fühlt, dem neue Kräfte und neue Gesundheit aus geheimen Quellen rinnen. Noch ist es nicht genug, aber er fühlt, wie sichs mehrt. Wie erging es doch dem ›tumben‹ Märchenhans? Es liegt ein Schwert bei dem schlafenden, die Schätze bewachenden Riesen. Hans kann es nicht heben. Aber neben dem Schwert steht ein Wein, steht die Flasche der Kraft. Er trinkt: sein Blut beginnt zu rollen – wie wohlig beginnt es zu rollen! Er trinkt und wird stark, er kann das Schwert heben, er kann dem Riesen den Kopf abschlagen, und tut es.

Unsern Hans Stäwelmann dürstete nach keines Riesen Blut. Aber sonst war ihm wie dem Märchenhans. Er atmete und trank Kraft, Ruhe, Genesung und sah in die Sonne und sah in die Palme.

So saß er, in der Hand einen Brief, eine Art Gedicht, das ihm mit der ersten Post auf den Tisch geflattert war. Erst kamen die alten Reime, die wir kennen:

»Mein Auge richt ich himmelan,
ich suchs zu tragen, wie ich kann.
Geh, Liebster, du den Pfad!«
So ungefähr. Und dann:

»So schrieb ich einst in trüber Stund ...
Ich beugte vor dem Himmel mich,
o glaube mir, um dich, um dich!
Ich bat auf meinem Angesicht:
Ihm jedes Glück, ihm alles Licht,
auch wenn darob mein Herz zerbricht!«

Und weiter:

»Im Himmel ist die Bitt verweht,
nicht ist erfüllt, was ich erfleht.
Du watetest durch großes Leid,
die Bahn war schwer, die Bahn war weit.
Noch immer bin ich an dem Steg
Und sehe traurig auf den Weg.
Ich sehe dich in Zweifeln stehn – «

»Könnt ich mit dir zusammengehn!!« ergänzte Hans Stäwelmann Strophe und Reim. Es wurde um ihn geworben, er wußte auch, von wem. Sie war es, die er in den Anlagen nach Ludwigstal hinunter selbst darum gebeten hatte. Die Geigen der ›Erholung‹, die jauchzenden Geigen, die klagende Klarinette – die Spaziergänge nach Ludwigstal hinaus und die Abschiedsszene, der in der Holzvogtei geträumte Traum: er sah, er hörte, er durchlebte alles wieder. Die kleine Anna und das große dunkle Mädchen vom roten Haus: es ist dieselbe Anna.

›Es ist meine Liebe, meine erste Liebe, meine Liebe an sich kat exochen, wie wir Gelehrte sagen – meine einzige. Sie kann wohl in unterschiedlicher Gestalt einherwandeln und bleibt doch dieselbe. Hab ich nicht immer das Gefühl gehabt, ich hätte Elfriede schon als großes, herbes Kind gekannt?‹

»Grete!« Er riß am Klingelzug. Grete, beim großen Sonnabends-Reinmachen, erschien in aufgesteckten Röcken, dampfend und triefend. Die war nicht zu gebrauchen, Hans Stäwelmann holte sich Zylinderhut und Besuchsanzug selbst.

Und er tat es, ein anderer Hans, als er sonst war. Vor dem Kleiderschrank summte er, in die neuen Bügelbeinkleider fahrend, sang er, und zwar in tiefen Tönen; als er den Zylinderhut bürstete, in hohen. Und als er die Handschuh anzog, lachte er. Und lachend ging er die Jakobsleiter hinab.

Grete wusch mit Seife und Bürste die Treppe ab, auf der Terrasse vor der Haustür erhielten die alten Polstermöbel Schläge von Frau Möller. »Guten Morgen!« rief der angstrohrgeschmückte Doktor, »Guten Morgen, Frau Möller!«

Frau Möller tat noch einen tüchtigen Schlag, bevor sie den Gruß erwiderte. »Machen Sies nicht zu schlimm«, sagte er, »bedenken Sie, Frau Möller, ein Polster ist eine Zusammensetzung von Haar und Haut, und der, dem es mal zugehört hat, der ist tot und fühlt nichts.«

»Was meinen Sie, Herr Doktor?« Der geheime Baron antwortete nicht, er ging über den Markt und krähte leise vor sich hin. ›Ist doch ein wunderlicher Mann.‹ Die Goldschmiedsfrau vergalt diese Ansicht den toten Geweben. Im roten Haus war so gut Sonnabend wie bei Frau Möller. In der Küche wurde getuschelt, wo der Besuch zu empfangen sei. Das Mädchen kam zurück und führte ihn die Treppe hinauf. Frau Lassen sei ausgegangen, sagte sie, Fräulein Anna lasse den Herrn Doktor bitten, einen Augenblick zu verweilen.

Das Zimmer ging auf den Hof. Hans Stäwelmann stand am Fenster. Ein gelbgestreiftes Frauenkleid wurde eilfertig ins Haus getragen. Wie prächtig wird es zum dunkeln Haar passen!

Die Doppelflügeltür führt nach anderen Gelassen, da wird sie nicht eintreten. Sie wird die Treppe heraufkommen. Hans, Hans! Du verstehst dich auf Jakobsleiter und ihre Gesänge. Was wird die Treppe singen, wenn der Engel die Sprossen berührt?

Sein Auge nahm die Maße des Türrahmens. ›Für Engelsflügel ein bißchen klein, aber sie wird gelernt haben, ihre Fittiche säuberlich zu falten.‹ Die Familienbilder an den Wänden sahen ihn lustig an: ›Und wärst du auch zehnmal ein Geheimer – wir kennen dich durch und durch.‹

Horch! Die Haustür! Hans Stäwelmann hörte Stimmen, weibliche – Frau Lassen war zurückgekehrt. Die wird doch nicht? Hans Stäwelmann ging ans Fenster. Gott sei Dank! Frau Lassen strebte quer über den Hof nach dem Garten.

Und wieder die Haustürschelle, Pastor Ritters Stimme. Wird er? Bewahre, wie sollte der hierher kommen? Auch Pastor Ritter ging dem Garten zu.

Da kommt jemand, ein Mädchenschritt. Schurr, schurr! Es steigt die Stufen herauf ...

Geheimer, wie ist dir?... Der Engel, der Engel! – Die Treppe... Was sagt die Treppe? – Die Treppe fängt an zu tönen, die Treppe fängt an zu jubeln. Unten tief, dann hoch und immer höher. Und fein klingt es aus. – Wie wird es mit den Flügeln und wie mit dem ährengelben Kleid? Und wird sie alles, was sie bei Ludwigstal auszeichnete: die rehbraunen Augen, die Haarpracht, die Stirn, das Leberfleckchen, die Wangengrübchen – wird sie das alles noch beisammen haben?

Die Treppe schwieg; der Engel schritt schon über die in stummer Freude erbebenden Bohlen hin nach der Tür. Hans Stäwelmann ärgerte sich über den Türgriff (der war von Messing), wie er so stumpf und dumpf und unbeweglich, ohne Ahnung und Begeisterung dasaß, und wie er sich dann so trocken und geschäftsmäßig drehte.

Da stand Anna Lassen im gelben Kleid im Türrahmen, streckte beide Hände aus und sagte: »Hans Stäwelmann, da bin ich.«

»Ja«, erwiderte Hans, »du büst dat.« Wären sie beide in den Anlagen des Ludwigstal gewesen, er hätte im Promenadensteig Striche mit seiner Stiefelhacke gezogen.

»Ja«, sagte er noch einmal für sich, »das ist denn nun so.« Schließlich breitete er die Arme aus und rief: »Nu, Anna, gute Anna, liebe Anna, dann komm her zu mir!«

So fanden sie sich. Und taten sich Liebes an.

Flüstern ... So schwatzt und tropft ein lieber Bach im schmalen Felsental.

Einmal sagte er: »Du hast einen bösen Bräutigam. Das ist hin, das wird nie wieder glatt.« Und sie erwiderte: »Macht gar nichts, Hans. Es ist ein Waschkleid.«

Aber plötzlich reißt Hans Stäwelmann sich los und springt auf. »Was hörte ich, was hörte ich für ein Wort! Du bist Braut, Anna?«

»Ja, Hans, bin ichs denn nicht? Bin ich nicht deine Braut?«

»Meine, und nicht des andern?« »Aber, Liebster, wessen Braut sollte ich denn sonst noch sein?«

»Anna, ich hörte ein böses Wort. Pastor Ritter, so sagte man, habe die Braut in diesem Haus.«

»Und da hat man die Wahrheit gesagt. Sieh, da sitzen sie.«

Sie stieß die Flügeltür auf, Hans Stäwelmann stand. Er sah in einen Saal und weiter auf die Terrasse und in den Garten hinein. Auf der Terrasse saß eine kleine Gesellschaft beim Frühstück: Pastor Ritter und seine blonde Verlobte, die Mutter und die junge Emma.

Ein wacher Traum bannte Hans Stäwelmann. Er sann und sann, wie er doch und wann er doch alles schon mal gesehen habe: die wogenden, weißen Saalgardinen, das ungestüm die Treppen hinabstürzende Klettergrün, die munter gewundenen Gartensteige, die schläfrig geballten Gebüsch- und Baumwolken ... Alles, auch die Zitronenfalter vor den Rosenbüschen.

Er hörte Ritters Stimme: »Da haben wir das Paar.« Tassen- und Tellergeklapper hörte er. Sprechen und Schwärmen und Klingen und Schwingen. Er saß, ehe er sichs versah, mitten unter den Glücklichen. Aber noch immer war ihm wie im Traum.

Da saß er, und da wollen wir Hans Stäwelmann lassen.

 

Es sind viele Jahre vergangen. Wir alle haben von einer großen Leuchte der Wissenschaft gehört, die Hans Sell heißt, Professor, Geheimer und schließlich Wirklicher Geheimer wurde.

Sollte der berühmte Hans Sell mit Hans Stäwelmann eine und dieselbe Person sein? Dann könnte man um so bestimmter behaupten, daß er wirklich ein Geheimer gewesen und auch geblieben ist.

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