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Leute eigener Art

Timm Kröger: Leute eigener Art - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenovelette
authorTimm Kröger
titleLeute eigener Art
publisherGeorg Westermann
seriesTimm Kröger Novellen ? Gesamtausgabe
volumeDritter Band
printrun4.-13. Tausend
firstpub1900 - 1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Gräff

(Trauermahlzeit)

»Wat magst du an leevsten?« Wenn man so fragt, dann handelt es sich nicht um Spiel und Sport, nicht einmal um Trinken, sondern (das weiß jeder im Dorf) nur um Essen, genau ausgedrückt: um das, was man mit Löffel (der Löffel gehört mit dazu) mit Löffel, Messer und Gabel dem Magen zuführt. »Wat magst du an leevsten?« Das ist die direkte Frage nach dem Leibgericht.

Es war ein zeitiges, mildes Frühjahr, junges Grün schoß auf wie Salat, gelbe Hundsblumen wuchsen auf Krischan Suhrs ›Kopteinslage‹, Brunnenkresse im Wallschatten, und die Vögel waren lustig.

Im Sonnenschein räkelten sich Jörn Suhr, Peter Heesch und Hans Thun. Dreizehn bis vierzehn Jahre waren sie alt, sie gingen alle zusammen barfuß; Jörn und Hans hatten kurze, Peter etwas längere Beine. Drei lange Peitschen lagen im Gras, denn alle drei hatten Kühe nach den Weiden getrieben. »Wat magst du an leevsten?« fragten sie sich.

Über ihnen im Knick wuchs ein Eichbaum. Der Westwind hatte ihn gezaust, nun streckte er die Arme nach Osten über Nachbar Thuns ›Haus Kamp‹. Als die Knechte den Knick abgeholzt hatten, war er ein junger Sproß gewesen, dem sie das Leben geschenkt. Nun wuchs er schon eine Reihe von Jahren und schlug sich tapfer mit dem Westwind.

Jörn Suhr, Peter Heesch und Hans Thun kümmerten sich nicht um die Eiche und nicht um den Westwind.

Viele Leute können nicht gleich Antwort geben, wenn man sie nach ihrem Namen fragt. Den drei Knaben ging es ebenso bei der Frage: »Wat magst du an leevsten?« Es ging ihnen wie den Kardinälen bei der Papstwahl. Eine Reihe Papabiles – es gab viele Gerichte, die in Frage kamen. Aber bei jedem fühlte man, daß ihnen zum Allerbesten etwas fehle.

Erbsensuppe, Bohnensuppe, Pfannkuchen, sogenannte fette Mahlzeit, Schinken und Schinkengerichte, allerlei Fische, Schwarzsauer. Es sind gute Gerichte, namentlich Schwarzsauer, wenn tüchtig Speck darin ist und Buchweizenklöße, groß wie eine Bauernfaust und hart, Löcher in den Kopf zu schmeißen. Und dann ›Förtchen‹. Wer nennt all die Herrlichkeiten? Grütze mit Sirup, Grütze mit Sirup vor allen Dingen.

»Ihr habt Aalsuppe vergessen«, sagte Hans Thun. Er stand auf dem linken Bein und scheuerte sich die Wade mit der rechten großen Zeh. »Die Suppe ganz fett, Aalstücke dick wie mein Handgelenk. Mutter hat da Erbsen mit eingekocht. Ich darf langher auf den Tisch kriechen, Augen über den Topfrand, den Grund mit dem Löffel aufwühlen. Was alles in die Höhe kommt: grüne Erbsen, Wurzeln, Klöße, Petersilie. Die Suppe ist ganz lummerig. Vater sagt: ›Jung, friß, heut is Aalsupptag!‹ Und ich fresse.«

Der Vater von Peter Heesch hatte die Fischerei. Peter kriegte dreimal in der Woche Aal oder Fisch; er war nicht für Aal, er war für bunten Mehlbeutel, Reis voran, »das gibts zu Weihnachtsabend und das ist das Best. Moder streut braunen Kaneel und Zucker und gräbt ein Loch in der Mitte und steckt Butter hinein, und wenn der Reis all ist, dann kommt der Mehlbeutel, weißgelb von Mehl und Eiern und rund wie 'n Backofen und voll Korinthen und Rosinen.«

»Ich glaube«, sagte Jörn Suhr, »so eine Suppe, wie man sie auf Gräffs ißt, schmeckt besser als Aalsupp und auch besser als bunter Mehlbeutel.«

Hans Thun und Peter Heesch waren noch nicht auf Gräffs gewesen, aber Jörn Suhr (sein Mars-Ohm von Balkenhof war am letzten Dienstag begraben) konnte davon erzählen: Auf drei Löffel zwei Pfund Fleisch. Reis in der Suppe gekocht, eine Kumme voll für jeden. Wenn er aufgefüllt wird, läuft das gelbe Fett heraus. Klöße aus Eiern, Fett und ein bißchen Weizenmehl, so viel, daß der Löffel in der Terrine steif steht. Man drückt sie mit der Zunge an den Gaumen, und sie zergehen. Am Grund der Terrine liegt es ganz schwarz voll von Klößen aus Fleisch. Der alte Jörn Decker im Moor wird von allen drei Knaben ›Ohm‹ genannt, denn er ist mit allen verwandt. Er ist alt und krank und bettlägerig, lange kann es nicht mehr währen bis zu Jörn Decker-Ohms Gräff. Dann wollen sie alle drei hin und sehen, ob 'ne Gräff besser schmeckt als Aalsupp und bunter Mehlbeutel.

 

Im Himmel dreht man eine Kurbel, woran die Zeit aufgerollt ist. Es fielen viele Jahre aus der Ewigkeit hinab in die Zeit.

Sechzig Jahre sind dahin. Nun wollen wir sehen, wie es auf der Kopteinslage steht und was Jörn Suhr, Peter Heesch und Hans Thun machen.

Wie wurde es mit Jörn Decker-Ohms Gräff?

Bei Jörn Deckers Grabmahlzeit haben sie alle drei geschwelgt, da war es außer Frage: über 'ne Gräff ging nichts.

Aber es ist lange her. Sechzig Jahre ...

Lebt Jörn Suhr noch?

Ja, er lebt noch und ißt sein Leibgericht, so oft er kann.

Er ist Junggeselle geblieben, seines Vaters Stelle hat er verkauft, er sitzt bei fremden Leuten in der Kate auf dem Altenteil, zusammen mit einer alten Haushälterin, die eine erträgliche Suppe kocht.

Die Vorliebe für Trauermahlzeiten hat sich bei ihm vertieft, die Freuden einer Gräff genießt er mit großer Kunst. Wenn irgendwo Gräff ist, dann läßt er seine Wirtschafterin Maleen und Maleens Suppe im Stich. Dann rasiert er sich das Kinn (es hängt inzwischen schwer an faltigen Backen, er ist überhaupt ein altes, graues Männchen geworden), er rasiert sich also das Kinn, kriegt seinen schwarzen Anzug her und seinen alten Topfhut, macht sich fertig, entnimmt einem auf dem ›Gericht‹ im Wandbett liegenden Futteral Messer, Gabel und Löffel, alles in echtem Silber, mit roten Funkelsteinen am Griff, wickelt sie in die ›Itzehoer Nachrichten‹, holt seinen braunen Handstock mit Krücke aus dem Uhrgehäuse, ruft der Alten, die irgendwo in Küche, Kammer oder Keller steckt, zu: »Ik gah na weg«, worauf prompt aus dem Hintergrund die Antwort kommt: »Dat is god«, und gleich darauf hört man die Blangdœr und hört jemand mit dem Stock über die Steine tappen.

Hochzeiten sind ihm zu geräuschvoll, die hat er aufgegeben, Totenmahlzeiten sind seine einzige Freude. Dabei fehlt er aber auch im Dorf und eine halbe Stunde rund herum nie. Man weiß das, man ladet ihn gleich ein. Weshalb soll man dem alten Mann nicht den Gefallen tun? Gräffs und Jörn Suhr gehören zusammen. Sobald er in dem schwarzen Beiderwand mit altem, glattrasiertem Gesicht, das Handwerkzeug in der Brusttasche, erscheint, heißt es: »Jörn, komm her, sett di dal.« Wenn er sich niedergelassen hat, geht ein verhaltenes Zucken vom Kinn aufwärts nach dem Mund und weiter nach den Augen. Das blitzende Handwerkszeug entrollt er und legt es neben seinen Teller, er faltet die Hände, betet und – erwartet die Suppe.

Wir sagen, eine Gräff macht ihm Freude, wir dürfen es sagen, ohne seinem Herzen zu nahe zu treten. Es kommen Todesfälle vor, die ihn betrüben – aber ist das ein Grund, sich die Suppe nicht schmecken zu lassen? Weihevoll ist seine Seele bis zum letzten Fleischkloß; Reis und Mehlklöße und Fleisch, alles verzehrt er, erfüllt von dem Bewußtsein, daß wir alle in Gottes Hand beschlossen sind.

Die Sachen mit den Rubinen sind für ihn feierliche Opfergeräte. Er wacht sorgfältig über ihre Verwahrung, er legt sie selbst auf das ›Gericht‹ seines Bettes.

So wurde ihm der Tod vertraut. »Der Tod ist kein schlechter Mann«, pflegte er zu sagen, »dem Seligen schenkt er Ruhe und den anderen gibt er Suppe. Den Tod fürchte ich nicht. Aber wenn er lange Vorbereitungen macht, das und die Quälereien, die damit vermacht sind, davor habe ich Bange.«

Einmal, es war bei der Gräff des alten reichen Ott, da brachte Jörn Suhr einen mit, einen neuen Gast, aber alten Mann, einen Greis mit langen Beinen und guter Haltung. Man aß auf der Hausdiele, der Neue stand, so lange er noch nicht bekannt gegeben war, ein bißchen verloren herum und lehnte an den aufrecht an die Wand gestülpten Backtrog. Jörn Suhr aber ging stracks zu Frau Ott und sagte: »Guten Tag, Gretchen! Ich hab einen guten Freund mitgebracht, du kennst ihn, er ist ein hiesiger: Peter Heesch heißt er. Er mag auch so gern Gräffs. Darf er ein bißchen mitessen?« Und Gretchen Ott antwortete: »Ja, Jörn, das darf er gern.« Sie wendete sich an den Neuen, ihm die Hand gebend: »Wir kennen uns ja, Peter. Nun komm hier man her und setz dich nieder!« Und Peter Heesch erhielt einen Stuhl neben Jörn. Messer, Löffel und Gabel hatte er mitgebracht, sie sahen einfach aus und waren von Zinn.

Vierzig Jahre vielleicht wohnte Peter Heesch nicht mehr im Dorf. Er hatte auf der dithmarscher Geest eine kleine Stelle gehabt. Es war ihm die Frau gestorben, die Stelle hatte er verkauft. Und nun zog er nach seinem Heimatsdorf zu einer dort verheirateten Tochter.

Nach seiner Einführung bei Frau Ott war Peter Heesch bei Trauermahlzeiten ebensogut ständiger Gast, wie Jörn Suhr. – Von Spöttern wurden Jörn Suhr und Peter Heesch »de Aaskreien« genannt.

Wenn gutes Wetter war, sah man die Kreien im Gefolge, in der Regel aber kamen sie erst, wenn die, die vor Gott im Staub gelegen hatten, sich anschickten, bei Fleischklößen und Reis wieder aufrecht zu sitzen. Erst beschatteten ihre hohen rauhhaarigen Hüte die Dielenfenster, dann öffnete sich die Blangdœr, und die beiden Kreien waren da.

Jörn Suhr hatte ein müdes, verträumtes Auge. Und war wirklich ein Träumer. Träumer und Träume bedürfen aber eines Symbols, woran ihr Sinnen emporklettern kann. Dazu diente unserm Jörn das Blitzende, das Silberne, das sein Futteral barg. Geizhälse setzen sich in eine Ecke und zählen Geld. Jörn Suhr öffnete in Stunden der Andacht sein Futteral und erfreute sich an den blanken Sachen und an den roten Steinen.

Einmal hatte er es wieder getan und das Futteral dann auf das ›Gericht‹ und sich ins Bett gelegt und war eingeschlafen – da fielen plötzlich Messer, Gabel und Löffel auf die Bettdecke. Und eine Stimme sagte laut und deutlich: »Jörn, sieh, das ist dein Löffel und das dein Messer und das deine Gabel, nun gehts bald zu Gräff.« Aber Jörn sprach: »Zu welcher Gräff? Ich weiß von keiner.« Da antwortete die Stimme: »Eben flog eine Seele in den Himmel.« Und dabei nannte sie den Namen eines Mannes im Dorf.

Jörn Suhr richtete sich im Bett auf, fand auf seiner Decke nichts und merkte wohl, daß er geträumt habe. Er versuchte, sich auf den Namen, der ihm im Traum genannt worden war, zu besinnen, konnte es aber nicht, kroch tiefer unter die Decke und schlief wieder ein.

Und siehe! Er träumte denselben Traum noch einmal. Das Futteral ließ seinen Inhalt auf die Decke fallen, eine Stimme rief ihn zur Gräff und nannte ihm einen Namen. Und wieder wachte Jörn auf und konnte sich nicht auf den Namen besinnen. Und zum dritten mal wiederholte sich der merkwürdige Traum.

Um fünf Uhr brachte Maleen, wie immer, den Kaffee ans Bett. »Es hat heut Nacht einen Toten gegeben«, erzählte sie, »Stoffer Kühl hat 'n Schlag gekriegt.« Da wußte Jörn Suhr es: Stoffer Kühl, das war der ihm im Traum genannte Name. Und nach drei Tagen aßen Jörn Suhr und Peter Heesch auf Stoffer Kühls Gräff.

Von da an gehörte, seltsam genug, der prophetische Traum zu einer Gräff so gut wie der Tod zur seligen Leiche. Es war eine gespenstische Erscheinung, aber Jörn Suhr wurde sie vertraut wie der Tiefstand seines Wetterglases vor dem Gewitter. Halb fühlte er sich als Seher gehoben und begnadet, vor allen Dingen aber empfand er die frohe Zukunft der kommenden Gräff.

Von seinen Träumen sagte er keinem Menschen. Selbst zu Peter sprach er nur die fünf Worte: »Gibt bald wieder frisch Supp.« Keine Silbe mehr.

Peter verstand. ›Frisch Supp‹ war das Kennwort für Gräff. Peter Heesch fragte nicht, woher ihm die Kunde komme. Er antwortete nur: »Das ist schön.«

 

Kurbel und Zeitenrad ... Tag fiel auf Tag ... Ein paar Jahre fielen.

Jörn Suhr verlor die Rüstigkeit, er wurde mager. Wenn er zu Gräffs ging, aß er fast nichts, er tat höchstens so. Wenn die Wirte ihn ermunterten zuzulangen, lächelte er mit dünnen, weißen Lippen und – dankte.

Jörn Suhr war krank, er fuhr zum Doktor nach der Stadt, er nahm Medizin, er wurde immer kleiner, er fiel aus den Kleidern – das schwarze Zeug, das er auf Gräffs trug, schlotterte.

Eines Tages hörte er, daß sein Doktor bei Reimer Franzen sei. Der Dienstjunge hatte ein Bein gebrochen. Mit Frau Franzen war er verwandt, weitläufig zwar, aber Frau Franzen mühte sich doch um ihn. Jörn ging nicht oft hin, nun aber beschloß er, es zu tun.

Er traf den Doktorwagen abgespannt auf der Hofstelle, das Dielentor offen und auf der Tenne eine gedroschene Buchweizenlage. Er sah und hörte keinen Menschen. Lautlos ging er auf dem dick umhergestreuten ›Kaff‹ über die Diele.

Da kamen Stimmen aus der Dielenkammer. Es waren der Frau Franzen und des Doktors Stimmen. Er vernahm seinen Namen, er stand still und hörte zu, was man von ihm sprach.

»Ja, liebe Frau«, sagte der Doktor, »so rasch wirds grade nicht gehen. Aber wenn Ihr Ohm noch Testament machen will, dann möglichst bald!«

»Ach Gott, du leeve Gott! Ward he denn ni weller?«

»Je, ja, Frau Franzen, man kann nicht wissen.«

»Denn is dat wull gar Krev in de Mag, Herr Doktor?«

»Kann alles sein.«

Jörn Suhr machte kehrt, ging leise die Diele hinunter, dahin, wo er hergekommen war, ging über die Hofstelle und aus dem Hecktor.

Auf dem Wall wuchsen große Dornbüsche. Dahinter fühlte er sich geborgen, da stand er einen Augenblick still. »Sieh«, sagte er für sich, »wenn man Glück hat! Da steh ich auf der Diele im Kaff und spare Gebühren und Kosten.«

 

Die Kopteinslage ist ein Mittelding zwischen Acker und Wiese, das, was man bei uns Weide nennt. Nach der Dorfseite auf festem Ackerboden wächst der Knick, an dem einstmals das Leibgericht ausgefragt worden ist. Nach Westen zu fallt das Gelände, da sind Wiesen, wassersüchtige, morastige Wiesen. Wall und Knick gleiten dahin, aber es geschieht in langsamer, trostloser Windung – kahl und mager und verdrossen, als seien sie entschlossen, unter keinen Umständen in die grünen, kalten Binsen hinabzugehen.

Nach dem Dorf hin mitten im Knick steht die Eiche, die wir schon kennen. Sie ist ein unbekümmerter Baum geworden, kämpft Tag für Tag mit den ewigen Winden. Mit starken Armen greift sie in die Luft, die Stürme zu fassen, und hofft, es werde noch mal gelingen.

Die zerrenden Winde haben sie kurz gehalten und krumm gebogen. Das macht aber nichts, sie wurde um so zäher und stämmiger. Eine dicke Runzeleiche, steht sie da mit gewundenen, muskelgeschwellten Armen. Die Winde blasen, und die Eichenfäuste greifen. In die Ewigkeit greifen sie hinaus.

Seit ein paar Wochen kommt ein alter, verhutzelter, grauer Mann. Der Wall hat einen Viehsteig, sonst könnte der Greis mit seinem Stecken gar nicht hinaufkommen. So schwach ist er. Und wenn er auf den Wall hinauf ist, prüft er mit den Augen den starken, muskelgeschwellten, hundert Zweige, hundert Hände ausstreckenden Ast. Des Alten Auge prüft die Tiefe, die Lippen bewegen sich. Die Zitterhand des Greises tastet und fühlt den starken, den in die Ewigkeit hinausgreifenden Ast.

 

Die Frau von Reimer Franzen ist gekommen und hat Jörn Suhr vorgeredet, ob es nicht besser sei, »Lebens und Sterbens wegen« Testament zu machen. Und Jörn hat gesagt: »Ja, Wieb, dat is beter, un ik will doran denken.« Zu Peter Heesch sagte er eines Tages: »Peter, in paar Dag' givt weller frisch Supp.«

»Dat is jo schön«, erwiderte Peter Heesch, nicht anders, als er sonst antwortete.

Jörn Suhr steht vor ihm, besinnt sich verloren in sich hinein, kaut an den Lippen und setzt hinzu: »Ik bün dor awer ni mit bi.«

Peter Heesch kommt das sonderbar vor, er lacht und sagt: »Schnack man ni. Ne Gräff un du ni bi?«

Schon am Nachmittag desselben Tages erwiderte Peter den Besuch und ging zu Jörn.

»Hest all hört?« fragte er.

»Nä, wat denn?«

»Hans Thun ist weller dor.«

»Hans Thun?«

»Ja, Hans Thun is int Armenhus un is güstern abend ankam.«

Hans Thun, das war derselbe, der im Beginn unserer Geschichte Aalsuppe lobte.

Er und das Leben hatten sich gegenseitig leicht genommen. Zu Geld und Gut hatte er es nicht gebracht, aber ein lustiges Kerlchen war er geblieben. Er kroch dem lieben Gott noch immer langher auf den Tisch und guckte ihm in den Topf, wenn es was Gutes gab. Der Herr der Erde nahm ihm das nicht weiter übel, deckte ihm aber immer seltener was Leckeres.

Hans Thun hatte eine kleine Landstelle gehabt und von seinen Hypotheken und Schulden herrlich und in Freuden gelebt, so lange, wie es ging. Vor einem Dutzend Jahre ist aber die rücksichtslose Obrigkeit gekommen und hat das Grundstück an den Meistbietenden verkauft. »Mir recht«, hat Hans Thun gesagt, »das Gutsbesitzersein habe ich ohnehin satt, ich lebe um so besser aus freier Hand.«

Er lebte aus freier Hand, bis ihm der Gerichtsvollzieher Bratpfannen und Suppenterrinen wegtrug. »Nun habe ich von jeder Sorte nur noch eine«, sagte Hans Thun, »und das paßt sich nicht für einen Mann, wie ich bin. Da nehme ich lieber meinen Stock und seh, wo ich ein billiges Gasthaus finde.«

Seitdem trieb Hans Thun umher. Arbeitete er irgendwo, für lange war es nicht, er wurde ja ohnehin alt und steif. Ein Jahr lang schon war er als Hilfsbedürftiger im Landarmenhaus, ein Jahr lang hatte sich die Provinz mit dem heimatlichen Armenverband herumgestritten, ob er als Landarmer oder in seiner Heimatsgemeinde unterstützungsbedürftig sei. Nun hatte sein Heimatskirchspiel den Prozeß verloren, nun saß er in seinem Heimatsdorf im Armenhaus.

»Wir hatten heute frische Suppe«, berichtete Peter Heesch. »Meine Tochter hat ihn herangeholt, er hat bei uns gegessen. Wie hats ihm geschmeckt!«

Als Peter gegangen, machte Jörn Suhr sich nach dem Armenhaus auf, Hans Thun zu besuchen.

Hans Thun saß im Garten unter den Linden und rauchte sein Pfeifchen. Er hatte sich gut gehalten, sah vergnügter aus, als je; das Freundschaftsessen, das er im Leibe hatte, warf einen warmen Schimmer auf sein Gesicht.

Grau, gebückt, mager, alt, vorsichtig mit dem Stock tastend, ging Jörn auf ihn zu.

Hans Thun machte große Augen. Er erkannte Jörn nicht.

»Godn Dag, Hans, ik bün Jörn Suhr.«

Hans sprang auf, die alten Freunde schüttelten sich die Hand.

»Donner noch mal«, schrie der ehrliche Armenhäusler, »du hast aber verspielt!«

»Un du hest di god holn, Hans.«

»Ich habs gut.«

»Unds Essen?«

»Man kanns wohl nicht anders verlangen. Freilich, eine Suppe wie die von heut bei Peter ist besser. Donner noch mal!«

»Sag, Hans, möchtest gern mal Fleischklöße und Reis?«

»Na du, das sollt ich nicht mögen?«

»Hans!« Jörn trat dicht an ihn heran. »Möchtest gern mal zu Gräff?«

»Ist eine Leiche im Dorf?«

»Nein, noch nicht. Aber sie kommt.«

»Ja«, lachte Hans, »das glaub ich auch, daß mal eine kommt.«

»Möchtest denn mit?«

»Na, Jörn, ist das ne Frage? Natürlich möcht ich!«

»Das ist schön«, antwortete Jörn Suhr.

Hans sah ihn an, Jörn hatte was Merkwürdiges in seinem Wesen. »Jörn«, fragte er, »was hast du?«

Der Abendhimmel stand flammendrot hinter den Gartenbüschen der Anstalt. Der alte Mann hatte was in seinem Gesicht, in seinen milden Augen hatte er was, das zwischen ihm und dem vergehenden, durch die Nacht zur Wiedergeburt vergehenden Tag eine Gedankenbrücke schlug.

»Was hast du?« fragte Hans Thun wieder.

»Wie meinst du das?«

»Du tust so wunderlich, wie 'n Pastor in der Kirche, wenn er den Segen spricht.«

Es war wirklich was Feierliches, was Priesterliches, was Bewegtes.

»Nichts, Hans, ich hab nichts. Ich freue mich, daß ich dich sehe und daß du zu Gräff willst.«

Er drückte ihm mit fliegender, kalter Hand die Finger der Rechten: »Verlaß dich auf mich, Hans, wir haben zusammen die Schule besucht, wir haben zusammen die Kühe gehütet; ich will an dich denken. Dir soll Suppe und Löffel nicht fehlen, du sollst zu Gräff.«

Hans Thuns Pfeife war ausgegangen. Er fand noch ein Streichhölzchen in der Tasche und rieb es am Knie. Es gelang, die Pfeife brannte. Nun sah er gesammelt und zufrieden, ein glücklicher Mann, so sah er Jörn Suhr nach.

Der Schattenriß eines krank und müde davonschleichenden Greises schwankte hinter den Gartenbüschen am roten Abendhimmel einher.

 

»Meine Haushälterin Maleen Sierken soll aus meinem Nachlaß zweitausend Mark erhalten, mein Freund Peter Heesch eintausend und, da sein zinnernes nicht zum Ansehen ist, mein silbernes Eßbesteck mit den roten Steinen. Hans Thun soll sich aus meinem Nachlaß ein ebensolches mit grünen Steinen anschaffen.

Hans Thun, der mein Haupterbe sein wird, soll mit diesem Eßbesteck alle Trauermahlzeiten (Gräffs) im Dorfe und eine halbe Stunde darum herum, sofern man ihn nicht hinausweist, besuchen und, wenn er ohne gerechte Ursache fehlt, jedesmal fündig Mark an die Kasse unsers Armenverbands zahlen.

Ich habe, soweit in meinen Kräften stand, alle Gräffs meines Dorfs und der nächsten Umgebung mitgemacht. Nun soll nach meiner Beerdigung ein großes Leichenessen hergerichtet werden, wozu das ganze Dorf und alle, die in einer Stunde Umkreis wohnen, einzuladen sind. Es soll aber jeder Messer, Gabel und Löffel mitbringen.

Mir liegt, sintemal ich viele Gräffs mitgemacht habe, daran, daß meine groß und reich und reichlich sein wird. Wenn Maleen auch gut kocht, so hat sie doch für große Gastmähler keine Übung. Deshalb soll Silja Tank, die das gut kann, ihr helfen. Dafür soll Silja Tank fünfzig Mark haben. Fleischklöße und Mehlklöße und Reis und Fleisch und alles, was dazu gehört, soll es die Hülle und Fülle geben. Und soll bei meiner Gräff nichts gespart werden.

Hans Wieben, der die längste Diele im Dorfe hat, bitte ich, die Gräff einzunehmen. Dafür sollen ihm fünfzig Mark ausgezahlt werden.

Worüber ich nicht verfügt habe, das soll mein Universalerbe Hans Thun erhalten. Ich werde von oben ein Auge darauf haben, ob er gut wirtschaftet und nichts durchbringt. Hier auf Erden soll mein Freund Peter Heesch es für ihn verwalten und ihm zuteilen. Dafür soll Peter Heesch fünfzig Mark im Jahr bekommen.«

So lautete das Testament, das Jörn Suhr beim Notar zu Protokoll gab. Als Grundlage diente ein Zettel, den er selbst geschrieben hatte; der Beamte schliff aber ein bißchen juristisch und ein bißchen nach Grammatik und Rechtschreibung ab. Er fügte noch allerlei hinzu, was er für die Ausführung und für den Bestand wichtig hielt. Das haben wir nicht mit abgeschrieben.

Jörn Suhr wünschte eine beglaubigte Abschrift der Urkunde. Zur Ausfertigung mit Siegel, Stempel und Unterschrift verging etwas Zeit, Jörn saß inzwischen wartend in der Schreibstube auf einem Stuhl vorübergebeugt und stützte sich mit beiden Händen auf seine Handkrücke. Sein kaum verlautbarter letzter Wille war ihm schon nicht mehr recht, er meinte, er hätte Reimer Franzens Frau nicht ganz übergehen sollen, er hätte auch allen Familien, bei denen er zu Gräff gewesen, noch etwas Geld vermachen müssen. Aber das wäre zu weitläufig gewesen, es würde auch kaum was für Hans Thun übrig geblieben sein, er wollte das Testament lassen, wie es war.

Fünf Schreiber saßen in der Stube und schrieben, daß Papier und Federn stöhnten, und der Sekretär stand an seinem Pult und registrierte. Jörn Suhr ging das nichts an, er saß über seinem Stab gebogen und fing an zu überschlagen, wann die Gräff sein müsse. Sonnabends paßte es nicht, das war der Tag vor der Predigt, Sonntags nicht, das war der Tag des Herrn. Montags nicht, es war der erste Arbeitstag, man hielt auch nicht für gut, am Montag was zu beginnen. Mittwochs war Schweinemarkt, Donnerstags und Freitags, da war es Herkommen, Gesetz und Recht, wie man so sagt, daß man zur Mühle fuhr oder das Backen besorgte. Das würde viele Leute abhalten. Dienstags paßte es am besten, er war auch meistens Dienstags zur Gräff gewesen.

Er stellte den Stock an den Nachbarstuhl und legte die bisher auf den Knien gehaltene Mütze darauf, lehnte sich zurück und machte mit kalten, zitternden Fingern die Daumenmühle. Fünf Schreiber saßen in der Stube: die Federn jagten. Was die wohl jagen? Was für eine Masse Papier wird da verdorben! Es ist alles Unsinn, alles Unsinn, jawohl, und – Dienstag soll Gräff sein.

Der Leichenschmaus war ihm eine wichtige Handlung, darin erschöpfte sich die letzte Verantwortung, die er der Welt gegenüber fühlte. In seinen Gedanken begann er die Plätze zu verteilen und zu belegen. Hans Thun sollte Peter Heesch gegenüber, links von Mars Stemann, rechts von Henning Thöm sitzen. So war es auch in der Schule gewesen. Das hätte auch noch ins Testament hineingeschrieben werden können. Das war nicht, nun sollte es bleiben, wie es war, nun mochten sie selbst sehen. Hans Wiebens Diele war groß genug. Genügte sie nicht, Hans Sievers nebenan hat auch ein großes Haus, eine lange Tafel zu machen. Da können denn die Knechte und Mägde sitzen. Das werden sie schon zurecht kriegen. Jörn sah, wie man die großen Terrinen auftrug und wie man Messer und Gabel und Löffel hervorzog. Fleischklöße ohne Ende, dick im Grund, Mehlklöße, lose wie Butter, viel Fleisch und – Reis, fünfzig Kummen voll. Nun begann das Essen und das Plaudern und das Spaßen, auch über ihn. Ihm aber war, als liege seine Seele auf dem Hausboden gleich über der Diele und höre alles mit an und freue sich über die große, die gelungene Gräff. ›Dienstag soll Gräff sein‹, überlegte er. ›Drei Tage muß eine Leiche stehen, die Vorbereitungen machen auch Umstände, unter drei Tagen wird unser Tischler gar nicht mit dem Sarg fertig. Er hat nur einen Gesellen, und die Tischlerei in dem Neubau von Martin Böge hat er auch noch. Unter drei Tagen geht es nicht. Einen fertigen Sarg aus der Stadt will ich nicht, ich will in einem Dorfsarg zur Gruft kommen; die Stadtsärge sind auch viel zu teuer. Montag, Sonnabend, Freitag ... drei Werktage. Heut ist Donnerstag, da müßte noch heut nacht ...?‹

Der kranke, blasse, graue Mann stützte sich wieder auf den Stock.

›Auf acht Tage kommt es ja nicht an‹, grübelte er. ›Ich kanns ja auf künftigen Donnerstag festsetzen. Aber nein, das will ich nicht. Ich werde von Tag zu Tag schwächer, ob ichs nach acht Tagen noch kann, weiß ich nicht. Und wenn ichs nicht kann, dann liege und sterbe ich wochenlang, vielleicht monatelang. Nur das nicht! Und dann will ich auch nicht wortbrüchig werden. Hans Thun und Peter Heesch warten. Bis ein Uhr ist Mondschein ...‹

Eine fremde Stimme fuhr in sein Sinnen hinein. Es war die Stimme des Sekretärs. »Hier, Suhr!« Er hielt ihm die fertige Abschrift hin.

Der alte Mann schrak auf. Der Stock fiel zu Boden, der Sekretär nahm ihn auf. »Se ward beweri, Suhr.«

»Ja, Sekretär, dat Öller, dat Öller un de Krankheit.«

Jörn funselte in seiner Westentasche. »Dor«, sagte er dann, »för Se un de annern.« Zwanzig Mark fielen in die Hand des Sekretärs.

»Was soll ich damit, Suhr?«

»Blots 'n Andenken för den Sekretär un de jungen Lüd.«

»Awer, Suhr, so vel?«

»Is ni to vel.«

»Dat is awer dankenswert. – Nicht wahr«, wendete sich der Sekretär an seine Schreiber, »wir danken alle.«

»Vielen Dank!« riefen fünf Stimmen. Sechs Hände drückten seine Zitterhand.

Der alte Knabe ging die Treppe hinab. Neben dem Notar wohnte ein Seiler, da ging er hinein.

 

Hoch über der Kopteinslage wandert der Mond. Er hat klare Bahn. Die schwarzen Wolken, die vor ihm herfliegen, sind klein. Aber im Westen dräut schwarze Nacht.

Zwei Minuten noch, nur zwei Minuten! Dann ist es geschehen. Dann darfst du in Finsternis wandeln, guter Mond...

Die Drossel lärmt und singt am Tage, und nachts schläft sie in den Zweigen der Eiche.

In der Nacht weckte sie ein Ruck; die Zweige schaukelten. Sie gurrte und fragte sich, was das gewesen sei, schlief aber wieder ein.

Die Eiche greift mit muskelgeschwellter Kraft in die Ewigkeit hinaus.

 

Morgens schien die Sonne.

»Hierher, hierher!« schreit Hans Thun. Sie suchten Jörn Suhr. »In die Kopteinslage hinein geht die Spur«, ruft Hans Thun.

Ein halbes Dutzend Männer drängten sich durchs Heck.

Hans Thun war vorangegangen. Blaß und eilig kommt er zurück. »Betet ein Vaterunser, Jörn Suhr hängt in der Eiche.«

Wiederbelebungsversuche waren fruchtlos.

In der Rocktasche des Toten steckte ein Papier. Das nahm der Bauervogt an sich und sah hinein.

»Eine Testamentsabschrift«, sagte er. Er las ... las weiter. »Das ist wichtig für die Gräff. Und auch für dich, Hans Thun, für dich besonders. Du kriegst silbernes Eßgerät und noch viel mehr. Du auch, Peter Heesch, aber nicht so viel. Dienstag ist Gräff, und ich geb die Diele her.«

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