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Leute eigener Art

Timm Kröger: Leute eigener Art - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorTimm Kröger
titleLeute eigener Art
publisherGeorg Westermann
seriesTimm Kröger Novellen ? Gesamtausgabe
volumeDritter Band
printrun4.-13. Tausend
firstpub1900 - 1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Wie mein Ohm Minister wurde

»Godn Morgn«, sagte jemand, der bei dem Verlehntsmann Jasper Thun in die Stube trat.

Das war mein Ohm, der Dorfschneider. Früher hatte er sich mit Detlev Reese in die Ehre und in den Verdienst teilen müssen; seitdem man aber Meister Detlev nach dem Kirchhof gebracht hatte (und das war vor vier Wochen geschehen), war er der einzige Kleiderkünstler. Zu Jasper Thun kam er zum ersten mal.

»Godn Morgn«, sagte er und legte einen Packen Handwerkszeug auf die Lade.

Jasper Thun war allein in der Stube, aber Jasper Thun antwortete nicht. Er saß in seinem mit braunem Leder überzogenen Lehnstuhl, das Gesicht an der Ohrenklappe, rechts vom Beilegerofen, gegen den er die Füße stemmte. Er hatte eine dicke Backe, aber das war nichts Schlimmes, sondern eine Prise Kautabak. Auf seinem Kopf trug er eine in Zebrastreifen gehäkelte blauweiße Zipfelmütze. Seine Margret häkelte und strickte ihm hiervon zwei Sorten, eine von Wolle für den Winter, die andere von Baumwolle für den Sommer. Als mein Ohm in die Stube trat und guten Morgen bot, trug Jasper die baumwollene.

Wir verweilen nicht ohne Grund bei der Mütze, denn als der Alte den fremden Schneider sah, zog er das Netz über sein Gesicht und beobachtete ihn durch die Maschen.

Wie? Zu Jasper Thun kommt ein Schneider, der zum Nähen bestellt ist, der Schneider sagt höflich »Guten Morgen«, der Hausherr sitzt hinterm Ofen und kaut Tabak, beantwortet aber nicht den Gruß, sondern verkriecht sich in seine Mütze? Betragen sich so die Leute in deinem Dorf?

Nein, das ist sonst nicht der Brauch. Man ist auch bei uns höflich, das Benehmen war aller Orten ungewöhnlich. Zur Erklärung haben wir indessen zu bemerken, daß Jasper ein außergewöhnlicher Mensch war und mit dem landläufigen Ellenmaß nicht gemessen werden durfte. Er war (das ist buchstäblich zu nehmen) jederzeit seine eigenen Wege gegangen. Schon als Knabe hatte er die breiten Straßen, wenn irgend möglich, vermieden und Schleichwege gewählt, auch wenn sie beschwerlicher und länger waren als der allgemeine Weg. Ein unwiderstehlicher Hang zur Einsamkeit hatte ihn abseits geführt. Er liebte die Freiheit, die Selbständigkeit, und vor allen Dingen liebte er die Bilder seiner wachen Träume. Er galt für klug und wurde, als er groß geworden war, ein guter Erzähler, kam aber bald in den Ruf der Wunderlichkeit. Schließlich war es denn Grundsatz bei ihm geworden, nicht das zu tun, was alle taten. So hatte er sich nach und nach von allem Herkömmlichen, von Brauch und Sitte losgesagt. Mehr und mehr zergrübelte er sich darüber, was es wohl eigentlich mit der Welt auf sich habe, weshalb wohl alle Menschen so unvernünftig seien und Jasper Thun allein vernünftig. Im Mannesalter hatte er noch Freunde gehabt, die ihn halbwegs verstanden; dann hatte er sie mehr und mehr allein gelassen und war von ihnen allein gelassen worden. Und nun war er des Verkehrs mit Menschen ganz entwöhnt. Traf er jetzt mit einem zusammen, so verlor er auf eine Viertelstunde das Selbstvertrauen und schlüpfte in die immer bereite Zipfelmütze, wie ein Krustentier in sein Gehäuse. In seiner Zipfelmütze fühlte er sich wie in der Tarnkappe, dort fand er Zeit, sich zu besinnen, wie der vor ihm befindliche Mensch zu behandeln sei. Peinlich hielt er darauf, daß sie nicht von seinem Haupte komme, diese Zuflucht sollte ihm für alle Fälle bleiben, die Zuversicht wollte er nicht entbehren.

Bei Hans-Ohm brauchte er die Viertelstunde nicht ganz. Wenn die alte Uhr, die ohne Gehäuse an der Wand hing, recht hat, so müssen es nicht mehr als zehn Minuten gewesen sein, sah doch der durch die Maschen beobachtete Schneider durchaus nicht abschreckend aus. Er ordnete in aller Gemächlichkeit seine Sachen: Nadel und Zwirn, Schere und Reißbrett, und kümmerte sich um Jasper Thun und seine Zipfelmütze keinen Deut. Er tat, als sei er allein im Zimmer, schob den für das Zuschneiden bestimmten Tisch zurecht und legte seinen Wachsknäuel sowie ein Stück Kreide auf die Fensterbank. Jaspers Frau, die alte Margret, kam herein und wollte ihm das Blauleinen und den eigengemachten Beiderwand vorlegen. Da sie aber alt und lendenlahm war, stieg Hans Schneider auf einen Stuhl und holte selbst, was gebraucht werden sollte, aus dem über dem Wandbett eingetäfelten Schrank. Margret hatte inzwischen den Tisch gedeckt und ›kragte‹ und bat: »So Hans, nu drink man eerst mal Kaffee.«

Mein Ohm hatte dunkelbraunes, fast schwarzes Haar, kastanienbraune Augen und launig gefaltete Lippen. Mit den Lippen hatte es noch eine besondere Bewandtnis, sie hüteten, wie allgemein bekannt war, Geschichten und Döntjes und Vertelln, die sich hören lassen konnten. Und wenn man genau hinsah, so waren oder schienen die Lippen, auch wenn er schwieg, immer geschürzt, just als wenn sie Geschichten loslassen wollten. Die strebten heraus, stemmten sich gegen die Oberlippe, den Verschluß zu heben und lachend hervorzubrechen. Aber mein Ohm hielt die Bande in Zucht; er wußte, daß sie draußen gar nicht leben konnten, wenn das Wetter nicht danach war; er wußte, daß zum Geschichtenerzählen vor allen Dingen gutes Wetter bei den Hörern nötig ist. Und er war der Mann dazu, gutes Wetter abzuwarten.

Jasper Thun noch immer in der Zipfelmütze. Die gute Uhr schwang ihren Pendel und zählte und zählte. Vielleicht dreihundert mal hatte sie links getickt, dreihundert mal rechts getackt, da schob der Alte sein Netz auf die Stirn zurück und sah mit eisgrauem, verkümmertem Gesichtchen, mit grünlichen, rotunterlaufenen Augen aus schlaffen Tränensäcken auf seinen Kaffee trinkenden Schneider.

Ohm wiederholte seinen Gruß: »Godn Morgn, Jasper!« Aber darauf war der Alte nicht gefaßt gewesen, das war gewissermaßen gegen die in Gedanken mit dem fremden Besuch getroffene geheime Abrede, das war nach seiner Meinung ein ganz infamer Überfall, das erschreckte ihn so, daß er noch einmal, wenn auch auf kürzere Zeit, in die Mütze hinein verschwand. Einhundertundfünfzig mal tickte die Uhr nach links, einhundertundfünfzig mal tackte sie nach rechts, so lange dauerte es, bis Jasper Thuns Gesicht wieder am Frühstückstisch erschien.

Aber wortkarg und für sich blieb der Hausherr den ganzen Tag. Die Kosten der Unterhaltung bestritten Margret, die an der linken Seite des Ofens ihre Kalkpfeife rauchte, und mein Ohm. Und auch dieser fand das Wetter noch nicht nach Wunsch. Die Aussichten besserten sich aber, als der Alte anfing, ab und zu etwas zu murmeln, was etwa klang wie ›das mein ich auch‹ oder ›das ist recht‹, und beifällig mit dem Daumen vom Langfinger auf den Zeigefinger knipste, womit er sagen wollte: ›Dat is wat, Dunner ja, dat is'n Baas vun Kerl!‹

Margret sprach von der neuen Zeit, von der Schlechtigkeit der neuen Welt im allgemeinen und besonders von dem Frevel der neuen Erfindungen, womit man klüger sein wolle als der liebe Gott. Der Schneider widersprach nicht, stimmte hier und da bei, und Jasper knipste. Dann ließ Ohm als Versuchsballon ein kleines Geschichtchen steigen. Die Gesellschaft da drinnen war gar zu ungeduldig geworden, und Hans Meister dachte: ›Versuchen können wirs ja mal. Und wenns nicht geht, es ist ja nicht das erste mal, daß ich eine Historie wegwerfe.‹ Und Veranlassung, etwas zu erzählen, war durch Hinrich Grafs Gänse gegeben.

Hinrich Grafs Gänse waren nämlich in Hans Sodts Weizenkoppel eingebrochen. Darüber hatte sich ein Prozeß entsponnen, der Tagesgespräch im Dorf war. Hinrich Graf war von Hans Sodt vor die klösterliche Obrigkeit geladen, Hinrich Graf hatte eingewandt, daß er der Patrimonialgerichtsbarkeit der Grafen Drage unterstehe, und Hans Sodt war vom Kloster mit seiner Klage›wegen Inkompetenz‹ abgewiesen worden. Mit den verschiedenen Obrigkeiten war es damals eine merkwürdige Sache, um so mehr, als die Jurisdiktionsbezirke keine geschlossenen Flächen bildeten, sondern im Gemenge lagen. So war es zurzeit unserer Erzählung auch noch in Fallingborstel und Umgegend. Die königlichen, die gräflichen, die klösterlichen Grundstücke liefen bunt durcheinander.

Als nun die Gänseangelegenheit besprochen wurde, meldete sich bei Hans-Ohm ein Geschichtchen und bat: ›Lat mi rut, lat mi rut!‹ Und Hans-Ohm gab nach und ließ das arme kleine Geschichtchen heraus. Ich will es ihm nacherzählen:

In unserm Kirchdorf haben einmal ein alter Mann und eine alte Frau gewohnt, und die sind Sonntag für Sonntag zur Kirche gegangen und haben sich das Evangelium vom Pastor auslegen lassen. Und Sonntag Nachmittags haben sie davon gesprochen, wie der Pastor das Evangelium ausgelegt habe. Das heißt: meistens hat die Frau gesprochen, und der Mann hat zugehört, denn die Frau ist klüger gewesen als der etwas tappige, alte Mann.

Aber eines Sonntags hat es sich begeben, daß die Frau nicht mitgehen konnte, da sie sich den Fuß vertreten hatte. Der Mann mußte also allein gehen, aber die Frau hat ihm noch nachgerufen: »Hör god to, wat de Preester seggt, dat du mi dat Evangeeln vörnamiddag utleggn kannst.«

Nun hat der Pastor seiner Predigt das Evangelium zugrunde gelegt: als des Königischen Sohn krank lag zu Kapernaum, und der Königische in seiner Not den Heiland bat, daß er käme und helfe seinem Sohne. Und hat ausgeführt: so, wie des Königischen Sohn krank gelegen zu Kapernaum, so sei die ganze Christenheit auf Erden krank und könne nur an den Heilswahrheiten unsers Heilandes gesunden. Und der alte Mann hat genau zugehört und sich alles gemerkt, damit er seiner Frau nachher erzählen könne, wie der Priester das Evangelium auslege.

»Nu, wat hett de Preester seggt?« fragt die Frau, als er nach Hause gekommen.

»A, ik weet ni«, antwortet er. »Dat weer 'n ol wunnerli Predig.«

»Wosaken weer se denn?«

»A, de Preester sä, den Köni sin Söhn weer krank to Kopenhagn, un de ganze Kristenheit muß to Per.«

»To Per?«

»Ja, Fru, ›auf Pferden‹ hett he seggt. Awer dat geit uns jo nix an. Se sünd jo könili, wi sünd jo gräfli.«

Das Wetter, das die kleine Anekdote bei Margret antraf, war hellsch zweifelhaft. Sie stellte ein paar dumme oder gleichgültige Fragen: wat de Fru do seggt harr, un ob de ol Mann un Fru in Ott Wulf sin Hus, wat immer gräfli wesen weer, wohnt harrn – und bemerkte, wenn de ol Lüd denn würkli gräfli west weern, harrn s' dor jo ok nix mit to don hatt. Dann besann sie sich auf ihre Höflichkeitspflicht und ließ den Deckel ihres alten Kehlkopfs zweimal auf- und niederklappen, was Lachen bedeuten sollte, räumte aber dabei verlegen den Tisch ab. Bei Jasper war gut Wetter, er lachte tief und herzlich von innen heraus und schüttelte sich in seinem braunen Lederstuhl.

 

Wenn wir den alten Sonderling nicht schon ein wenig kennen gelernt hätten, so hätte es auffallen müssen, daß er sich so herzlich über ein so einfach vorgetragenes und so anspruchslos verpuffendes Geschichtchen freuen konnte. Aber es ist schon angedeutet worden, daß es einstmals eine Zeit gegeben hatte, wo dem Alten selbst ein feiner kaustischer Humor eigen gewesen war, und daß er Freunde gehabt hatte, mit denen er sich verstand.

Aber das war lange her. Wo waren die Gesellen seiner Jugend, die Freunde seines Mannesalters geblieben, die auch bei ihm die Kunst des Erzählens zur Blüte gebracht hatten? Das Leben, der Tod, die Geschicke hatten sie getrennt; vielleicht wandelte von ihnen niemand mehr im Lichte der Sonnen. Wie lange war es, seitdem Jasper eine Geschichte erzählt hatte! Er hatte verlernt, zu erzählen. Er fühlte, er hätte es nicht mehr gekonnt, auch wenn er Hörer gehabt hätte.

Eine Geschichte, zwei, vielleicht drei konnte er noch zusammendenken, z.B. die Geschichte von dem Erzlügner Peter Schümann, der vom Turm der Marienkirche in Lübeck nach Rendsburg hinübersah, just als der alte Denker in die Torwölbung hineinfuhr. Denker habe eine geflickte Jacke getragen und den blauen Achsenwagen gefahren. Er, Peter Schümann, habe guten Tag gesagt. Ob Denker gedankt habe, wisse er nicht, der Wind habe es verweht. – So ungefähr hatte ers früher erzählt.

Oder die Geschichte von dem frommen Hein Wendt mit der schönen Seele, auf die der Leibhaftige, der Böse, so happig gewesen war. Um die schöne Seele zu ergattern, habe er einmal den ganzen Hein mit Leib und Seele, just wie der von den Wiesen bei Knevershorst heraufgekommenen, in die Höhe genommen und in die Lüfte entführt. Die Sache wäre für Hein und Heins Seele übel abgelaufen, wenn er nicht die Bibelsprüche so gut in der Schule gelernt gehabt hätte. Aber er habe dem Teufel mit so kräftigen biblischen Verwünschungen entgegentreten können, daß dieser ihn beim Kattbecker Moor als für seine Zwecke ungeeignet wieder abgesetzt habe.

Ja, wenn er darüber nachdachte, so wußte er doch noch mehr Geschichten, als er selbst angenommen hatte, und für sein Leben gern hätte er selbst wieder – und wenn auch nur ein einziges mal – eine Geschichte zum besten gegeben, über die der Kreis der Hörer lache. Aber das konnte er nicht mehr fertig bringen, dazu hatten ihm zu lange Menschen gefehlt, dazu war sein Kopf überhaupt zu alt und zu schwach.

Das ist für immer dahin, dachte er. Aber einem anderen Erzähler zuzuhören, ist auch ein hoher Genuß. Dem alten Mann war auch das lange nicht vergönnt gewesen. Denn ihn besuchte kein Mensch, und der verflossene Detlev-Schneider war schwerhörig gewesen und hatte keine Geschichten erzählt. Margret sprach wohl allerlei, aber das war doch nicht eigentlich das, wonach seine Seele verlangte. Das waren Frauengeschichten »von em un von ehr« und Klatschgeschichten, die den Willen oder die Leidenschaften aufstachelten, aber nicht Geschichten, die einen mit ihren feinen Widersprüchen und lustigen Verknüpfungen noch erfreuen konnten, wenn man sonst nichts mehr vom Leben erwartete. Was weiß Margret von der Kunst des Erzählens? Aber Hans, das war ein echter, das hatte er gleich bei dem Döntjer von dem Evangelium des Königischen herausgehört.

Gegen Abend gab der Schneider noch zwei zum besten. Jasper lachte und lachte.

Und als er abends mit Margret zu Bett ging, sagte er: »Du, Gretjen, de Snieder, de gefallt mi. Dor kann man doch 'n vernünfti Wort mit snacken.«

Ach, der arme, alte Mann, Er hatte noch kein Wort gesagt, aber in seinen Gedanken, da hatte er mit dem Schneider schon viel, sehr viel – geschnackt.

 

Am folgenden Tag schnackte der alte Jasper aber wirklich und sprach schon am Kaffeetisch.

Es war die Rede von Wünschen und was man möchte.

Hans Schneider lobte zwar sein Handwerk, schränkte aber das Lob doch ein. Würde ihm ein Wunsch freigegeben, so möchte er wohl Hofnarr sein.

Was das sei – Hofnarr?

Er habe mal ein Buch gelesen, und alte Theaterstücke seien drin gewesen. Darin seien Könige aus alten Zeiten aufgetreten, bei denen Leute eigens dazu angestellt gewesen seien, Spaß zu machen und Geschichten zu erzählen. Die habe man Hofnarren genannt. Ein Hofnarr hätte er wohl sein mögen, und wenn er sich etwas eingeübt hätte, würde er es auch wohl gekonnt haben.

Dem Alten gefiel die Sache, aber nicht der Name. Narr – warum Narr?

Je länger er sich mit seinem Schneider unterhielt, je mehr Gefallen fand er an ihm. So jung war Jasper Thun lange nicht gewesen. Bei meinem Hans-Ohm fühlte er sich so sicher, hatte er so viel Selbstvertrauen, daß er seinen Lehnstuhl verließ und am Stock mit seinen achtzigjährigen Beinen herumhumpelte. Seine Zipfelmütze hakte über dem Ofenknopf und nicht auf seinem Kopf, er hatte seine Tarnkappe und seine Gefahr ganz vergessen. Seine Phantasie war bei dem langen Insichhineingrübeln vertrocknet, verdorrt und lahm geworden, nun aber war ihm, als ob sie fliegen wolle und wieder fliegen könne.

Es wird sich zeigen, alter Freund, ob sie noch fliegen kann. Vorläufig wurde sie getragen, getragen von den starken Schwingen des Meisters, meines guten Ohms.

»Margret, Gretjen!« rief Jasper. Seine Stimme war hoch und klanglos und schrill. Er hatte immer in hoher Lage gesprochen – das Alter, die Vereinsamung, die Menschenscheu hatten sie noch höher geschraubt und ihr jede Wärme genommen.

»Margret«, wandte er sich an seine Frau. »De Snider seggt ok, mit de Isenbahn, mit de isern Wagns un de isern Weg, de se nu bun wöllt ... kann ni angahn.«

Der Leser nimmt davon Kenntnis, daß wir uns in einer Zeit befinden, wo die Eisenbahn noch mehr ein ungeheuerliches Gerücht als wirkliche Tatsache war, noch nicht ernsthaft genommen wurde.

Margret rauchte und lachte.

Jasper Thun wandte sich an seinen Schneider. »Hans«, sagte er, »Hans! Kann jo ni un nümmer angahn.« Mit dem Stock schlug er an seinen eisernen Ofen. »De Kerl, as he dor steit, kost mi fiev Doler; wovel schöllt denn isern Wagns und isern Weg, Milen lang, wovel schöllt de denn kosten? Wonem schall't Geld herkam?«

»De Sporkaß hett dat ni«, bemerkte Hans-Ohm, einen Faden einwachsend.

»Recht, recht«, stimmte Jasper in den höchsten Tönen bei. »Un wenn de Sporkaß dat ni mal hett ... Gretjen«, unterbrach er sich, »hest hört, wat uns Snider seggt? De Sporkaß hett dat ni.«

Auf der linken Ofenseite wurde eine Kalkpfeife auf dem Gesims ausgeklopft. Die Eignerin dieser Pfeife lachte, aber nicht über ihren Mann, sondern über die Eisenbahn, und murmelte etwas von Dummtüg und Höhnergloben.

Am Nachmittag hatte Jasper Thun wieder Grund, sich zu freuen. »Hest hört«, sagte er wieder. »De Snider seggt 't ok. De Eer is ni rund un breit sik ni un stellt sik nachts ni opn Kopp. Is ok jo to narrsch, so wat to denken. Dor is min Entenkuhl. Bleev jo ken Droppn in, wenn se opn Kopp stünn.«

Auf der linken Ofenseite wiederum Beifallsgelächter. Und all die Tonnen und die Waschbaljen, führte Margret aus, die an der Diele stünden. Und die Töpfe und Schüsseln in Küche und Kammer. Sie müßten ja jede Nacht an die Bodendecke fliegen, wenn die Erde sich nach unten drehte. »Dor kunn jo keen Stück heel vun bliewen«, schloß Frau Thun ganz energisch. »Wokeen schall dat betaln? Wi koent dat ni, un sünst deit dat keen Een. Un all dat Kram Abend för Abend intopacken, dor hev ik keen Tid un keen Kisten to.«

Der Schneider lachte.

Dann kam Jasper auf den Zweck der Welt. »Dor hev ik vel oewer nadacht«, sagte er, »un kann un kann dat ni rutkriegn.«

»Is ok 'n eegen Ding«, meinte Hans-Ohm.

Da war das Welträtsel in der Altenteilsstube des Jasper Thun in Fallingborstel; da war es mit seinen großen Frageaugen.

»Is mi gans klar«, bemerkte die rauchende Margret.

Hätte ich eine Posaunenstimme, die da reichte von Mittag bis Mitternacht und von Morgen bis Abend, der ganzen Menschheit gälte meine frohe Botschaft: die Frage, um die du dich Jahrtausende gemüht hast, ist gelöst. Gelehrte Männer, die ihr mit faustischem Forschungsdrang die Nächte durchwachtet, das unergründliche Geheimnis zu ergründen, legt euch ruhig schlafen! Grete Thun, geborne Riepen, wird es euch sagen, was der Zweck, was die Idee der Weltschöpfung ist.

»Nu, denn segg dat!« forderte Jasper auf.

Und Margret sagte es, sagte ganz kühl, ganz einfach die lapidaren Sätze: »De leewe Gott hett allns erschaffen, ok uns, un will sehn, ob wi dat Böse dot or dat Gode.«

Einen Augenblick atmete das Weltall wortlos, und einen Augenblick atmete auch Jasper Thun, zu überdenken, was eigentlich diese Sätze besagten. Aber dann befriedigten sie ihn und auch das Weltall nicht. Das von Grete angeschnittene Gebiet war Jaspers Feld, darüber hatte er fünfzig Jahre der Einsamkeit nachgedacht. Den Widerspruch zwischen unserer Freiheit und der Allmacht Gottes hatte er erkannt. Jasper war ja von Haus aus Philosoph.

Nein, mit der Lösung des Welträtsels war es nichts. Wacht wieder auf und nehmt die Folianten und die Mikroskope aufs neue zur Hand und die Röhren und die Töpfe und die Tiegel und führt die Stoffe zu neuen Verbindungen!

Die Eheleute Thun gerieten in ein Wortgefecht. Der mit der Zipfelmütze und der hohen knarrenden Stimme folgerichtiger, die mit der Kalkpfeife folgsamer gegenüber alten, geheiligten Ansichten.

Mein Ohm lächelte und nähte und stutzte die Säume.

»Hans, segg du doch mal wat« rief die in die Enge getriebene Margret.

»Ik weet ni, wokeen recht hett«, entgegnete der Schneider. »Dat sitt dor to deep in. Ik weet ni, wer recht hett, awer ik will'n Geschicht vertelln.«

Das wirkte wie ein Zauberwort. »Geschicht vertelln, dat's recht«, sagte Jasper. Margret stopfte sich eine neue Kalkpfeife, Jasper setzte sich in seinem Großvaterstuhl zurecht, nahm eine Prise und schob an seiner Mütze.

»Ji kennt Uhrmaker Stopp«, begann Hans-Ohm.

»Ja, wer schult Stopp ni kenn«, antwortete Margret, »he geit jo mitn Kasten von Hus to Hus. Verleden Wek hett he uns Klock reinmakt un smeert.«

»Den meen ik«, fuhr Hans-Ohm fort. »He is wied bekannt un weet vel Geschichten.

»Verteilt ümmers wat Nies«, bestätigte Margret.

»Awer sin Geschichten hebbt meisttid wat an sik, wat anner Geschichten ni hebbt, so wat Studeertes. He schall opn Preester studeert hebbn, awer vun 'n rechten Globen afkam wesen. Ok is he wull wat int Swutschen un Swieren kam, un do weer dat mit dat Preestern vörbi. Nu geit he rüm un makt Klocken rein.«

»Awer is hel toverlässi«, bemerkte Margret.

»Ja«, entgegnete Hans-Ohm, »wenn he nüchtern is. Jedenfalls is he heel klok. Von em stammt min Geschicht.«

Und Hans-Ohm erzählte; er erzählte plattdeutsch, aber ich will es wortgetreu übertragen:

 

Es ist einmal ein Bauernknecht namens Michel gewesen, und einen gesunden Magen hat er gehabt, und Pellkartoffeln mit Senftunke und Heringen als Abendessen ist sein Leibgericht gewesen. Aber er hat es nicht gekriegt, sondern Abend für Abend dicke Grütze mit Milch, wie überall auf den Bauernstellen Gebrauch und Mode war und wohl noch ist. Da hat er seinen Dienst aufgesagt und hat sich bei einer Witfrau vermietet und hat sich ausbedungen: dreimal abends in der Woche Pellkartoffeln mit Senftunke und Heringen, an vier Abenden könne man dafür aufsetzen, was der Hausstand bringe. Und jeden Abend hat er zu dem lieben Gott gebetet: »Große Schätze verlange ich nicht von dir, lieber Gott. Aber das bitte ich mir aus, daß ich drei Abende in der Woche Pellkartoffeln mit Senftunke und Heringen bekomme und dereinst oben bei dir die ewige Seligkeit, die mir zukommt. Amen!«

Ein ganzes Jahr ist es so hingegangen, und die Witfrau, bei der er gedient hat, hat ihm den Kontrakt getreulich gehalten. Nun hat es sich aber begeben, daß dem Höker des Dorfes die Heringe ausgegangen sind, worüber die Witfrau in große Angst geraten ist, da Michel noch für zwei Tage zu verlangen gehabt hat. Schnell ist der kleine Dienstjunge Hein zur Stadt geschickt worden, Heringe zu holen, aber er ist nicht zurückgekommen, sondern in der wilden Heide, worüber der Weg zur Stadt führte, samt den Heringen von den hungrigen Wölfen gefressen worden und elendiglich umgekommen. So war es nicht zu ändern. Michel kriegte in der Woche an zwei Abenden, wo er Pellkartoffeln mit Senftunke und Heringen verlangen konnte, Pellkartoffeln mit Judentunke und Rauchschinken.

Den ersten Abend ging es noch, aber am zweiten war Michel sehr bös. Aber er aß doch, denn er war hungrig. Und als er in sein Bett gekrochen war, betete er nicht wie sonst: »Große Schätze verlange ich nicht von dir« und so weiter, sondern er machte dem Herrgott Vorwürfe: »Nichts weiter habe ich gewünscht als Pellkartoffeln mit Heringen und Senftunke und nur dreimal die Woche, und die ewige Seligkeit, die ich verlangen kann, wenn ich gestorben bin. Und ich meine, das ist bescheiden genug. Ich will nicht so sein und aufzählen, was andere alles kriegen. Aber das kann ich doch sagen, daß Johann Siepen, der bei Jochim Rohwer dient, manchmal sogar Bratkartoffeln mit Speck bekommt. Und da habe ich gedacht, eine bescheidene Bitte finde auch wohl Erhörung. Aber du bist im Besitze deiner Allmacht und bekümmerst dich nicht um einen armen Bauernknecht, der gern seinen Hering ißt. Du bist schuld, daß der Höker keine Heringe hatte, und du bist auch schuld, daß der kleine Hein von Wölfen gefressen worden ist und mir nicht die Heringe bringen konnte. Und wenn du den Wölfen etwas gönnen wolltest, so hätte das mit dem kleinen Hein auch wohl ein andermal gepaßt.« Und nachdem er so gebetet hatte, schlief er ein.

Er hatte eine Weile geschlafen, da sagte eine Stimme: »Steh auf, Michel, und folge mir!«

Michel öffnete die Augen und sah einen Engel. »Wer bist du?« fragte Michel.

»Ein Engel.«

»Das seh ich an den Flügeln, aber deine Flügel sind groß und schwarz.«

»Ich bin der Engel des Todes. Gott fordert deine Seele.«

»Aha«, erwiderte Michel, »das kann mir passen. Wenn auf das Heringsgericht kein Verlaß mehr ist, dann gehe ich lieber gleich zur ewigen Seligkeit. Der liebe Gott hat wohl eingesehen, daß ich schlecht weggekommen bin.«

Der Engel schwieg.

»Ist es nicht so?«

»Darüber zu urteilen ist nicht meines Amtes, der heilige Petrus wird sagen.«

Und als sie beim heiligen Petrus ankamen, fragte der: »Ist das der Heringsquerulant?«

»Das ist er«, erwiderte der Todesengel.

Der heilige Petrus in seinem Faltengewand mit langem Bart, die Schlüssel zu den Himmelskammern an der Hüfte, die Brille auf die Stirn zurückgeschoben, sah prächtig und hoheitsvoll und doch milde aus. Aber bei aller Milde lag ein verdrießlicher Zug in seinem Gesicht. Den Michel durchdringend ansehend, ließ er seine großen, grauen Augen an der armen Knechtsgestalt auf- und niedergehn. »Wir haben deine Klage gehört«, sagte er.

»Und für gerecht befunden?«

Petrus antwortete nicht darauf. »Du hast mit Gott gehadert«, fuhr er strenge fort.

»Daß ich nicht wüßte. Ich bin nur unzufrieden gewesen, daß die Wölfe den kleinen Hein gefressen haben.«

»Weil du dadurch um dein Heringsgericht gekommen bist.«

»Nun ja! Ich meine, das ist ein bescheidener Wunsch. Und was ein bescheidener Wunsch ist, den mag man sich nicht gern nehmen lassen.«

»Du hast dem lieben Gott aus seiner Allmacht einen Strick gedreht.«

»Ich versteh nicht«, antwortete Michel, »wie du das meinst.« Er verstand es wirklich nicht.

Petrus antwortete nicht. Er zog seine Uhr und setzte sich auf einen Stuhl. »Das muß erst abgemacht werden«, sagte er und murmelte noch etwas, was Michel nicht verstand. Ein kleiner, netter Engel kam angeflogen und fing an, Bart und Haar des Apostels zu stutzen.

Und während der kleine Engel mit der Schere klimperte, fuhr Petrus fort, in sich hinein zu murmeln: »Ist es den Menschenkindern zu verdenken, daß sie damit nicht zurechtkommen? Wenn man nicht weiß, wies gekommen ist, scheints wunderlich. Er hat zwar mit dem Allmächtigen gehadert, aber er wird in sich gehn. Ich will es ihm sagen.«

Der kleine Geflügelte packte alles zusammen, verbeugte sich und flog leicht und zierlich davon. Michel verlor ihn im Säulenwald der Halle aus den Augen. Petrus sah jünger aus als vorher.

»Du hast mit Gott gehadert«, wendete er sich wieder an Michel, »ihm einen Strick aus seiner Allmacht gedreht, ihm vorgeworfen, davon nicht den richtigen Gebrauch gemacht zu haben. Du wirst einsehen, wie sehr du im Unrecht bist, wenn ich dir sage, daß du und all die Heringe, die du verzehrt hast, all die Pellkartoffeln nicht sind und niemals gewesen sind, ja, daß wir beide auch nicht sind und niemals gewesen sind.«

»Das versteh ich nun wieder nicht«, sagte Michel. »Was heißt das?«

»Wir sind nicht, lieber Michel, wir bilden uns nur ein, zu sein.«

Michel lachte, er glaubte, Petrus mache Spaß. Er nicht sein? Und gestern habe er noch dreißig Fuder Mist auf die Lohkoppel am Schirnhudersee gebracht?

Aber Petrus beschwichtigte: »Hör mich an, Michel! Du hast in der Schule gelernt, daß unser lieber Gott im Anbeginn der Ewigkeit mit dem Teufel und mit den bösen Engeln zu tun gehabt, sie aber doch gebändigt und in den Abgrund der Hölle geworfen hat. Das war Kampf, das war Leben. Und es hat dem lieben Gott gut gefallen. Aber als das vorbei war, ist es ein bißchen langweilig im Himmel geworden. Auf dem Wolkenstuhl sitzen und Posaunenkonzert und Hallelujagesang, das ist ganz schön, aber jeden Tag – zuletzt wirds öde.

Eines Tages tritt der Erzengel Michael vor ihn hin.

›Was stellst du für ein Gesicht auf?‹ sagt der liebe Gott.

›Ich habe gar keinen Zeitvertreib, ich langweile mich‹, erwidert dein Namensvetter.

›Lieber Michel, das tu ich auch. Aber was ist zu machen? Das muß mit Geduld ertragen werden.‹

›Aber, Herr Gott, nimm mirs nicht übel, bist du nicht allmächtig?‹

›Das schon.‹

›Nun, dann erschaff doch eine Welt mit guten Menschen drin und mit bösen Menschen drin. Die guten Menschen nehmen wir nach ihrem Erdenwallen zu uns in den Himmel, das gibt Leben; die bösen kommen in die Hölle. Da haben die armen Schlucker von Teufel auch was zu tun.‹

Nun muß ich sagen, der Engel, der hier als Erzengel auftrat, war der verkleidete Teufel in Michaels Gestalt. Und so ist es gekommen, daß diese Welt ebenso gut des Teufels Werk ist wie Gottes Werk, jedenfalls auf Veranlassung des Teufels gemacht.

Und der liebe Gott hat sichs auch nicht recht überlegt, daß er durch seine Weltschöpfung erst das Böse und die bösen Menschen hervorbringe. Und hat zu dem falschen Michael gesagt: ›Dein Vorschlag gefällt mir. Gut – wollen wir machen.‹ Nachher hat er aber eingesehen, daß er in die Falle gegangen war, und hat bei sich gesprochen: ›Ich habe mein Wort gegeben – ich will es halten. Ich will die Welt schaffen, aber nur im Traum.‹

Und die Posaunenengel haben Befehl erhalten, im Himmel nach allen Richtungen auszuposaunen: ›Der Herr Gott bittet sich für eine Stunde Ruhe aus. Er will ein Schläfchen halten und ein bißchen Weltschöpfung träumen.‹

Siehst, lieber Michel Brandt«, schloß Petrus seinen Bericht. »Es schläft Gott der Herr noch immer und träumt und schafft im Traum. Und die ganze Welt, nicht nur deine Wünsche, nein, auch der Himmel mit all seinen Sternen, mit allen Sonnen, deine Erde mit all ihrem Jammer und mit all ihrer Herrlichkeit – all die Dinge sind nur Gebilde und Schöpfungen seines Traums, die in Wirklichkeit nicht sind und auch nicht mehr, so weit sie scheinen, sein werden, sobald der Herr Gott sich nach Ablauf der von ihm selbst festgesetzten Stunde den Schlaf aus den Gottesaugen reibt. Und du und ich, wir beide gehören auch dazu.«

»Da muß ich gegen einkommen«, protestierte Michel, »Das kann mir nicht passen. Ich hab mich bei Abel Boltenhagen in Schirnhude verdungen und erhalte meinen Lohn und mein Essen ...«

»Das hilft nun alles nichts, lieber Michel, das alles ist nun einmal nichts weiter als ein Traum.«

»Nein, so was!« Michel war ganz vom Stück. »Hör mal, Petrus!« sagte er wieder. »Wenn es da unten keine Heringe mehr gibt, dann verlange ich das, was mir nach meinem Tode zukommt, dann verlange ich gleich meine ewige Seligkeit.«

»Michel, auch die ewige Seligkeit ist ein Traum, alles Traum. – Übrigens, Michel, muß ich dir sagen, für dich ist es ein Glück, daß es nur Traum ist. Für einen Bauernknecht, der auf seine Seligkeit pocht, als sei sie ihm gewiß, als sei es eine Schuldigkeit des Himmels, sie ihm zu geben, für einen Knecht, der auf seine Heringe besteht, daß der kleine Hein drob von Wölfen gefressen wird, dem das auch nur deshalb leid tut, weil er infolge dieses Unfalls Pellkartoffeln und Schinken mit Judentunke anstatt mit Hering und Senftunke essen mußte, ja dem lieben Gott vorschlägt, den Jungen bei anderer Gelegenheit den Wölfen hinzugeben, der würde nach den Gesetzen der geträumten Welt nicht in den Himmel kommen, sondern in die Hölle.«

Michel hörte das Letzte nur halb, er fing an zu zittern und war ganz bleich.

Aus der Unterwelt drang nämlich Geheul und Gepfeife. Aus tiefem Abgrund kam roter Flammenschein, Qualm und Schwefelgestank quollen vor der Himmelshalle herauf. Ein schwarzer Dämon, dem ein Feuerstreif da, wo er eigentlich den Schwanz haben sollte, heraus ging, flog, mit einer Feuergabel bewaffnet, an den Bögen der Himmelshalle vorbei. Er flog rasch, fand aber doch noch Zeit, den Michel anzugrinsen und gegen ihn mit der Gabel die Gebärde des Spießens zu machen, just als wollte er sagen: ›Bin in diesem Augenblick pressiert, aber nachher solls mich diebisch freuen, dich in den Ofen zu gabeln.‹

»Sag, guter Petrus, was ist das?«

»Nun ja«, antwortete dieser phlegmatisch, »wenn du den Himmel verlangst, dann ist das sein Gegenbild – die Hölle. Und die kleinen Schwarzen sind des Teufels Lakaien.«

Michel warf sich dem Apostel zu Füßen. »Gnade, teurer Petrus! Ich werde es nie und niemals wieder tun.«

»Haha«, lachte der Alte. »Erschreckt dich so ein Traumgesicht? Siehst dus noch immer nicht? Auch die Hölle und seine Teufel hat Gott vom Anbeginn an nur im Traum erschaffen. Und du – du bist sogar eine Traumgestalt in zweiter – eigentlich dritter Potenz.«

»Potenz?« fragte Michel.

»Jawohl, Potenz.«

»Was ist das, Potenz?«

»Ein Ausdruck, den man auf hohen Schulen lehrt.«

»Ich besuchte keine hohen Schulen.«

»Nun, es will sagen: Wie die ganze Welt ein Traum ist, so träumst du in diesem Traum, daß Gott träumt. Denn du mußt wissen: Du bist gar nicht hier, sondern liegst in der Knechtskammer von Schirnhude und träumst! Und träumst so wunderlich, weil du zu viel Grütze gegessen hast.«

»Grütze?« fragte Michel. »Du meinst Pellkartoffeln.«

»Nein, ich meine Grütze.«.

»Ich habe ja meinen Kontrakt mit Pellkartoffeln.«

»Du hast gar keinen Kontrakt, du hast Grütze gegessen und hast all deine Tage abends nichts weiter gegessen als das.«

»Grütze?« wiederholte Michel ungläubig. – Da war er schon wach.

Am anderen Morgen erschrak Michel ordentlich, als er in die Bauernstube trat. Denn der kleine Hein, der von Wölfen gefressen sein sollte, trat gerade zur Tür herein. Nun erst wachte Michel ordentlich auf. Plötzlich war es ihm klar, daß auch die Heringe und die Senftunke und die Pellkartoffeln geträumt waren, und glücklicherweise auch seine Gebete, und daß man Wölfe in seiner Gegend seit einem Jahrhundert nicht mehr kannte.

 

»Dat 's 'n wunnerli Geschicht«, erklärte Margret. »Dor geit een jo de Piep bi ut.«

Jasper sagte nichts. Er hatte die Zipfelmütze zurückgeschoben und sich weit vorgebeugt. In den alten grünen Augen lag heller Glanz. Er verstand meinen Ohm, und mein Ohm verstand ihn.

In der Altenteilsstube des Jasper Thun in Fallingborstel war es ganz still.

Humor ist Funkenspruch. Wo der Empfänger nicht auf die Feinheit der Schwingungen abgestimmt ist, wartet man umsonst auf ein Aufleuchten und Widerleuchten.

In Jaspers Seele aber stieg ein frohes, mildes und stilles Leuchten herauf.

 

Jasper war den ganzen Abend einsilbig und blieb es, bis er zu Bett ging.

Er lag schon unter der Decke im Wandschrank, und Margret hatte bereits ihre Nachtjacke an, da nahm diese zu ihrem Erstaunen wahr, daß die Zipfelmütze auf dem Ofenknopf hakte. »Vadder, Vadder!« rief sie. »Segg mal, Vadder, wat is di, du hest de Peckmütz jo gar ni op! Töv, will di bringen. Dat is doch wiß in tein Johr ni passeert, Vadder. Wat is mit di?«

Vadder hatte keine Neigung, Bekenntnisse abzulegen. Er zog sich das Ding über den Kopf und kroch tiefer in Decke und Kissen. Die Mütze war ein geknickter Kegel und sah betrübt aus. Plötzlich fragte es daraus heraus: »Wa lang snidert Hans na bi uns?«

»Ja, Vadder, de Jack is jo farig, du hest se jo anpaßt. Morgn neiht he na 'n West un 'n Büx.«

»Hest na Linn, Gretjen?«

»Linn? 'n ganzen Koffer vull.«

»Denn schall he na dre Büxen maken.«

»Awer Vadder!«

»Na dre Büxen! In ganzen veer«, kam es mit eheherrlicher Entschiedenheit aus dem Kegel.

»Veer nie Büxen? Wat in aller Welt wult du mit so vel Büxen.« Margret hatte ihre Röcke abgezogen und hängte sie beim Ofen auf. »Du brukst jo all Jahr man een, un int tachendigst geist doch ok all.«

»Ingraben wüll 'k se.«

»Gott bewahre, wat förn Snack.«

»Und wenn 'k se ni ingrav, denn will 'k s' verschenken, or arm Lüd könnt se kriegn, wenn 'k dot bün.«

»Schall 'k di seggn, wat du wullt?«

Jasper grunzte.

»Du wullt den Geschichtenverteller na länger beholn.«

Jasper antwortete nicht, aber es war so, wie seine Frau sagte. Die Geschichte von dem Heringsmichel hatte ihn erregt. Er fühlte, daß hier mehr sei als das, was er früher erzählt hatte, er fühlte, daß er stumpf und alt geworden war. Ach, wenn er doch auch solche Geschichten wüßte und erzählen könnte!

Er wäre dazu imstande gewesen, wenn er nur in die rechte Bahn gekommen wäre. Das stand fest. Aber Jasper Thun war im Dorfe der Sonderling, der viel Geld hatte und immer in der Peckmütze steckte. Von dem schmerzensvollen Verzicht, auch einmal den inneren Reichtum zu offenbaren, wußte niemand, nicht einmal seine Frau. Margret ging in dem Genuß ihrer Kalkpfeife und in ihren Hausstandssorgen auf, sie war ihm eine liebe Frau, aber über ihres Mannes Sonderbarkeiten grübelte sie nicht.

 

Jasper hätte gern den Schlaf erwartet, aber er mußte immer auf die Stubenuhr hören, die so ganz unnatürlich laut ihr Wesen trieb. Der Geist der Nacht und der Ruhe und des Schlafs saß auf den Stühlen an den Fenstern und wollte zu ihm kommen, konnte aber an der lärmenden Uhr nicht vorbei. Und das weiße, von dem Binsennachtlicht matt beleuchtete Zifferblatt erhielt ein Gesicht und einen grauen Spitzbart und wurde ein Schulmeister und hatte sich vorgenommen, dem alten Jasper Thun eine Rechenstunde zu geben.

»Sieh, Jasper«, fing der Schulmeister an, »laß uns mal sehen, wie lang so eine Nacht ist. Du hast doch Lust? Ja? Nun, denn hör mal zu: Wenn ich meinen Perpentikel von links nach rechts schwinge: ›Tick‹, das ist eine halbe Sekunde; und zurück von rechts nach links: ›Tack‹, wieder eine halbe; zusammen ›Tick-tack‹: eine ganze. So überaus genau wollen wirs nicht nehmen, aber so in meinem gewöhnlichen Gang einmal nach rechts ›Tick‹, und einmal nach links ›Tack‹: eine Sekunde, das kann nicht weit fehlen. So gehe ich denn rechts und gehe links, immer ›Tick-tack‹, immer ›Tick-tack‹, und wenn ichs sechzigmal getan habe, dann ist die Minute voll. Nun machen sechzig Minuten eine Stunde aus, also sechzig mal sechzig Sekunden. Wieviel macht das? Kannst du noch rechnen, alter Jasper? Wieviel mal in einer Stunde muß ich also ›Tick-tack‹ machen? Darüber magst du dir den Kopf nicht zerbrechen, sagst du? Wir wollens gut sein lassen, obgleich bei dem Nichtmögen ein bißchen Unehrlichkeit mit dabei ist. Denn du kannst es einfach nicht, alter Kerl. Dein Kopf ist alt und schwach geworden und kann so große Zahlen nicht mehr zusammenhalten. Nun, gleichviel, wir wollens dabei bewenden lassen: es ist eine große Zahl ... Tick-tack, tick-tack, sagte die Uhr.

Eine ganze Zeitlang sagte sie nichts weiter als Tick-tack. Die Gestalt an den Fenstern bewegte sich. Aber sie wagte nicht zu kommen. Der Pendel war zu laut.

Das Schulmeistergesicht räusperte sich. »Eigentlich hätte ich mit dir noch ein anderes Exempel durchnehmen wollen. Wieviel Sekunden du wohl in einer Nacht verschläfst, wenn du um acht Uhr zu Bett gehst und um acht Uhr aufstehst. Das sind zwölf Stunden, also zwölf mal sechzig mal sechzig. Nur keine Angst, wir wollens nicht ausrechnen, es gibt aber viele Tick-tack. Nun aber bedenk mal, wie übel ich daran bin. Wenn du aufgestanden bist, wenn du Kaffee trinkst, in deinem Lehnstuhl sitzest, wenn du Tabak kaust und wenn du rauchst: den ganzen Tag sage ich ›Tick-tack.‹ Und abends, bevor meine Hängegewichte ganz hinunter sind, kommt Margret und zieht sie wieder auf, damit ich nur ja die ganze Nacht ›Tick-tack‹ sage. Einmal, zweimal habe ich gehofft, Margret sollte vergessen, aber es war gefehlt. Weißt du noch, vergangene Woche? Da war sie schon im Bett. Aber steht sie nicht richtig wieder auf und zieht meine Löte? So mußte ich denn die gewohnte Reise machen, und rechts jagen und links jagen, und meine Lektion aufsagen, ›Tick‹ sagen, wenn ich rechts schwang, und ›Tack‹ sagen, wenn ich nach links ging.

Tick-tack, tick-tack, tick-tack!

Ich werde gleich zehn Uhr schlagen. Nun merk mal auf, wie voll und feierlich und posaunenweltgerichtlich mein Stundenschlag klingt!«

Sie konnte es wirklich gut, die alte Uhr. In der Nacht und in der Stille hatte es was Feierliches: anfangs ein Rasseln, als wenn ein Schiffsanker fällt, darauf langes Sausen, und dann laute, aber weiche, schwingende Schläge.

 

Jaspers Leben war ein langer, immerwährender, schließlich verstummter, aber niemals überwundener Zweifel. Aber an der Melodie des evangelischen Trutzliedes »Ein feste Burg« konnte er sich erbauen, weil sie etwas hatte, was seinem eignen Seelentrotz verwandt war. Von ihren Brausetönen hatte er seine Seele immer gern in den Äther tragen lassen.

Aber das war lange her, damals, als er sich noch unter Menschen gewagt hatte.

Welcher Zusammenhang zwischen dem Choral und dem Stundenschlag bestand? Ich weiß es nicht, genau kann ich nicht einmal angeben, weshalb ich Waffelkuchen rieche, wenn man von Heimat spricht. Aber der Alte hörte den Siegesgesang seiner Seele, als der Metallhammer den Glockenmantel in Schwingung brachte. Und das nicht allein, er hatte auch eine Erscheinung:

Durch die Decke des Wandbettes und des Zimmers und durch das Dach sah er eine Lichtgestalt aufsteigen. In schimmernder Rüstung und reicher Lockenpracht himmelan. Und die Locken quollen unter einer blauweißgestreiften Wollmütze, die Jasper an dem gelben Klunker als die seinige erkannte, hervor. Und dann war ihm, als sei er selbst der ins Unendliche wachsende Held. Nicht das verkümmerte Zerrbild seiner Seele, nicht der hilflose Greis, der in dem Wandbett der Verlehntskate in derselben Zipfelmütze lag, die gen Himmel getragen wurde, sondern die Idee, das Ideal seines Wesens, das hätte verwirklicht werden können, wenn er nicht ... nun,, wenn er eben nicht der Altenteiler Jasper Thun in Fallingborstel und ein so ganz verknöcherter Mensch geworden wäre.

»Tick-tack«, sagte die Uhr.

Ein Sternchen fiel vom Himmel und verlosch im All. »Das bin ich«, seufzte Jasper Thun.

In dem Augenblick entspann sich unter den Fenstern der Altenteilskate ein Gespräch. Die Bretterdecke legte sich über das Wandbrett.

»Dat Wedder blivt god«, sprach eine Stimme, die Jasper als seinem Nachbar Hans Sodt gehörig erkannte.

»Dat glöv ik ok«, erwiderte ein anderer, unverkennbar Hufner Eggert Biß.

»De Roggn ward hellsch witt«, bemerkte Hans Sodt.

»Ik fang morrn an to meihn«, antwortete Eggert Biß.

»Op de hogn Koppeln kann 't ok god angahn, Eggert.«

»Dat meen ik ok, Hans.«

»Godn Nacht!« – »Godn Nacht ok!«

Eggerts Schritte verschluckte der weiche Wegsand, Hans Sodt ging auf dem Steindamm nach Hause.

»Ticktack«, tat die Uhr.

Da jankte die Tür des Nachbarhauses, mit dumpfem Stoß wurde sie zugemacht, dann hörte man den Eisenriegel vorschieben.

 

»Tick-tack, tick-tack«, redete die Uhr wieder. »Was ich noch sagen wollte, alter Jasper: du warst richtig eingeschlafen oder, wenn du es lieber willst, einen Augenblick eingenickt. Denn lange hats nicht gedauert. – Das sei nicht richtig, meinst du? Du hättest nicht geschlafen? Aber ich sage dir: ganz gehörig hast du geschlafen, erst nach Noten geschnarcht, und dann – sag mal, was träumtest du eigentlich? Es war just so, als wenn du schluchztest. Ich kann mich aber geirrt haben. – Nun bist aber wach, und wenn es dir recht ist, so plaudern wir. Nicht wahr?

Ticktack, ticktack! Wir Stubenuhren auf dem Lande gehen eine halbe Stunde vor. Auch Margret stellt mich früh. Der Tag sei auf die Weise länger, meint sie. Ich zeige halb elf, aber eigentlich ist es zehn – Bum bum! Wenn du jüngere Ohren hättest, als du hast, würdest du hören, daß die Turmuhr in Hohenfeld zehn schlägt.

Kirchenuhren sind groß und hoch und hochmütig und haben eine starke Stimme. Aber es gibt viele unter ihnen, womit sonst nicht viel los ist, die, mit einem Wort, liederlich gemacht sind. Die in Hohenfeld geht alle Augenblicke nicht, dann muß Meister Schmidt hinauf und das Ding in Ordnung bringen. Viel Kunst ist nicht dabei, die Räder sind groß, wie Gestellräder am Pflug.

Du hörst ja gern Geschichten. Wenn du erlaubst, erzähl ich dir eine:

Einmal hat Klaus Stäcker, was der Kirchendiener ist und von Haus aus ein Hans Quast, den alten Schmidt anführen wollen und seinen Holzpantoffel ins Gehwerk fallen lassen. Nun tut Meister Schmidt ein bißchen wichtig mit seiner Kunst und hat so 'ne Art und so 'n Anstand, die Brille zu schieben, wenn er ins Maschinenwerk sieht. Aber es hat auch Grund, denn er ist kein Dummer, und den Schabernack, den Klaus Stäker ihm gespielt hat, hat er sofort erkannt. Aber er hat sich nichts merken lassen und so getan, als ob er seine liebe Not habe, den Fehler zu finden, wobei er seine Brille bald auf die Stirn und bald auf die Nase gerückt hat. Klaus Stäker steht nun mit dummpfiffiger Miene dabei und fragt: ›Meister, dat 's wul 'n sware Sak? Und der alte Schmidt nimmt die Brille ab und sieht den Klaus Stäcker von unten bis oben und von oben bis unten an und sagt: ›Schwer gerad nicht, aber gewissermaßen merkwürdig. Wenn ich die Brille aufsetze, dann siehts aus wie dein Holzpantoffel, und wenn ich die Brille abnehme, wie 'n Dummerjungenstreich.‹ – Ha, ha!«

Die alte Stubenuhr wiederholte selbstgefällig die Worte vom alten Schmidt. »Ja, ja«, bekräftigte sie, »so sagte der alte Schmidt. Die Brille abgenommen, oder auf die Stirn geschoben, den dummklugen Klaus Stäcker so recht ›luri‹ von unten angesehen und dann ganz trocken: ›Mit Brille wie 'n Holzpantoffel, ohne Brille wie 'n Dummerjungenstreich.‹ – Köstlich! Mit Brille Holzpantoffel, ohne Brille Dummerjungenstreich. – Ticktack, ticktack. – Was ich noch fragen wollte: nicht wahr, die Geschichte ist gut?«

»Das geht so«, murrte Jasper Thun.

»Geht so? Jasper Thun, du verstehst wohl nicht viel von Geschichten.«

»Na, na!«

»Tick-tack, ich weiß noch eine. Soll ich sie dir erzählen?«

»Ein andermal, ich will schlafen.«

»Es dauert nicht lang. Es kommt eine Turmuhr darin vor, eine von den großen. Die schlägt am hellen Mittag zweihundertsechsunddreißig.«

»Bißchen viel«, bemerkte Jasper und wälzte sich auf die andere Seite. »Reine Feuerglocke.«

»Wurde auch dafür gehalten.«

»Schön, ich will aber schlafen.«

»Es dauert nur einen Augenblick. – Doch halt! Erst muß ich elf schlagen. Horch mal, wies klingt! Ich tus stark und mit Gefühl.«

Die Uhr schlug stark und mit Gefühl und setzte mit eifrigem Tick-tack ein.

»Nun, Jasper, willst die Uhrengeschichte hören? Nein? Nicht die Geschichte, wie der Uhrmacher beim Reparieren anstatt der zum Werk gehörigen Schraube die geteerte Schraube einer Radnabe hineingearbeitet hat, worüber die Turmuhr so außer sich kommt, daß sie zweihundertsechsunddreißig schlägt?«

»Ich will schlafen.«

»Du mußt sie hören! Es lohnt! die Leute meinen, es ist Feuer. Die Feuerwehr kommt mit großem Lärm und Tatarata, und da Rauch aus dem Schornstein des Pfarrhauses steigt, spritzen sie dem Pastor die ganze Bude voll. – Ist das nicht fein?«

»Sehr fein. – Die Feuerwehr spritzt das Pfarrhaus voll, weil die Turmuhr zweihundertdreiundsechzig ...«

»Sechsunddreißig«, berichtigte die Uhr.

»Dreiundsechzig oder sechsunddreißig fällt bei solchen Lügengeschichten wohl nicht ins Gewicht«, fuhr Jasper auf. »Und wenn du nun nicht gleich still bist, schlag ich dich in Stücke, dich und dein Windbeutelzifferblattgesicht.«

»Bist grob, Jasper, und das hätt nun just nicht nötig getan. Wenn ich nur weiß, wies gemeint ist, versteh ich schon ein ruhig Wort.«

Eine halbe Minute schwieg sie. Dann fing sie wieder an: »Spaß kannst also nicht verstehen, alter Freund. Auch gut. Da schweig ich fein still. Mein Geschäft wirst du mir nicht verbieten wollen. Und mein Geschäft ist – Stundenschlag und Pendelgang.«

Die Uhr war ärgerlich und redete nicht mehr. Nur ihr Geschäft versah sie unentwegt, erst energisch und vernehmlich, dann leiser und immer leiser. Und als das Geräusch ihres Gangs im breiten Schweigen der Nacht untergegangen war, da erhob sich der Schatten vom Stuhl, ging ans Bett und drückte dem Alten die müden Augen zu.

 

Ob Jasper ganz wach gewesen ist? Nun träumte er jedenfalls. Der Schulmeister des Zifferblattes versank, ein anderer Schulmeister trat an seine Stelle. Das war der Lehrer, der ihm die vier Spezies und die Religion und den Katechismus beigebracht hatte, als Jasper noch klein war.

Und Jasper war wieder klein und mußte in der Ecke stehen, weil die sonst so ehrliche alte Uhr in der Schulstube an der Wand zweihundertsechsunddreißig geschlagen hatte. Jasper fühlte selbst, daß er schuld daran war, daß die Uhr zweihundertsechsunddreißig geschlagen hatte, fragte sich aber in der Ecke vergebens, auf welche Weise er diese unselige Tatsache wohl versündigt haben mochte.

Er wachte auf, besann sich, hörte auf den ruhigen Pendelschlag seiner Zimmeruhr, schimpfte ein weniges über den wunderlichen Traum und zog die Zipfelmütze tiefer über die Ohren. Und wieder tauchte er unter die Schwelle seines Tagesbewußtseins hinab, und wieder bin ich nicht sicher, ob ich es Traum nennen darf, was den Schleier von längst vergessenen Bildern hinwegzog ...

Ganz jung war er gerade nicht mehr, er war aber auch nicht alt. Und es war Abend, und er saß in seiner Stube und rauchte, und neben ihm saß sein Freund Jochim aus Locklint und rauchte auch. Und beide erzählten sich was. Und als die Uhr neun geschlagen hatte, wollte Jochim nach Hause gehen. Aber Jasper hatte noch eine Geschichte, die ihm das Herz abdrückte, und er begleitete seinen Freund und erzählte. Es war eine laue Sommernacht, und der Fuchs braute in den Gründen, und der Mond schien hell. Sie gingen den Fußsteig, der bei Wilhelm Koopmann über die Koppeln und dann durch die Reder Wiesen und über das Lämmermoor führt. Und wenn eine Geschichte zu Ende war, so fingen sie eine neue an, und als sie bei Jochims Haus in Locklint angekommen waren, wußte dieser noch eine Geschichte, die seine Seele los sein mußte, sie würde sonst nicht selig geworden sein. Und das Wetter war so schön, und die Nacht so lau, und der Mond stand noch immer am Himmel, und Jochim begleitete seinen Jasper nach seinem Dorf zurück. Und dort war nun dem Jasper wieder was eingefallen, das erzählt werden mußte, und um das zu tun, und weil es so ein wunderbar schöner Abend war, ging er wieder mit Jochim nach Locklint. So gingen sie noch mehrmals hin und her, immer eifrig in Unterhaltung und Geschichten erzählend, und wanderten noch, als der Mond schon längst untergegangen war, die Sterne zu erbleichen anfingen und die roten Feuerrosse des Tages heraufdampften. Und wie Mars Eckmann nach seiner Holzwiese im frischen Tau zum Mähen gegangen war und just seine Sense von der Schulter genommen hatte, kamen Jochim und Jasper als dunkle Nebelgestalten durch den Bruch. Jasper und Jochim bemerkten ihn aber nicht, und Jasper sagte gerade: »Jochen, verget din Wör ni. Mi fallt 'n Geschicht in, de will 'k di vertelln, wenn du fari büst.« Da trat Mars Eckmann aus dem Dunkel des Eichenknicks heraus und lachte. Er nannte die beiden Geschichtenerzähler »Lœgnpeter un Rümdriewer«.

Als Jasper das alles noch einmal überdachte, und als er sich die Geschichte wieder zurückrief, die mein Hans-Ohm von dem Knecht Michel und seinem Heringsgebet erzählt hatte, da erwachte in ihm ein gewaltiger Hunger nach kunstvoll geschürzten Histörchen. Bei jener Erzählung war er wieder glücklich gewesen, nun war er entschlossen, die paar Jahre oder Monate oder Tage, die er noch zu leben habe, immer glücklich zu sein.

Und aus den Tiefen seines Gedächtnisses schoß es überall hervor und herauf, was längst vergessen gewesen war. Er überdachte eine Menge Geschichten, alle klar und lebendig, daß er sie sofort hätte wieder erzählen können. Hauptsächlich war es aber eine, die von dem Wächter in Hohenfeld, der sich selbst in Arrest brachte, weil er bei sich auf den Bürgermeister geschimpft hatte. Die trat so scharf und klar vor ihn hin und wollte durchaus erzählt werden, daß Jasper Mitleid mit ihr und mit sich hatte, seine Decke zurückschlug, an den Kleidern, die vor seinem Bette auf dem Stuhl lagen, zu nesteln anfing, die steifen Beine herausarbeitete, mit einem Wort: aufstand, mitten in der Nacht und – just, als die Stubenuhr zwölf schlug.

 

Die alte Margret hatte einen guten Schlaf. Sie verschlief all die Mathematik und all die Uhrengeschichten, die der im Zifferblatt steckende Schulmeister zum besten gegeben hatte, und auch das andere. Nur einmal war sie wach gewesen, da hatte sie gehört, daß Jasper sich auf die andere Seite gelegt und dabei im Schlaf gemurmelt hatte. Sie hatte aber nicht darauf geachtet und war gleich wieder eingeschlafen. Und im Traum kam sie auf das Kindsbier, wo die Frau Hedemann die junge Mutter war, was ihr komisch vorkam. Sie sagte daher auch immer: »Awer segg mal, Annemarie, sünd wi ni tosam konfimeert, un ik gah doch int söbenunsöbentigs Jahr? Dat harrst ok fröher afmaken kunnt.« Und als der Pastor seine Taufrede hielt und alle andächtig umherstanden, hörte sie immer Jaspers Stimme: »Gretjen, Margret, stah op!« – was ihr wiederum sonderbar vorkam, da sie doch stand.

Endlich aber merkte sie, daß die Stimme aus einer anderen Welt komme als aus ihrer Traumwelt. Sie wachte auf und sah eine Gestalt vor ihrem Bett, die immerfort sagte: »Margret, stah op!«, machte Licht und fand ihren Eheherrn mit der Zipfelmütze, aber sonst mangelhaft bekleidet vor den Schubtüren ihres Wandbetts.

»Stah op, Margret«, wiederholte Jasper. »Ik will 'n Geschicht vertelln, ik kann weller Geschichten vertelln.«

»Wat kanns?« fragte Margret.

Jasper hörte die Frage kaum. »Un Hans Snider«, fuhr er fort, »Hans schall de Sniderie opgewen un to uns kam un dat warrn, wat he warrn wull – en Hofnarr, as he seggt, en Hofherr, as ik segg, un schall Spaß maken un Geschichten vertelln.«

Margret war eine kluge Frau. Wenn sie ihren Mann und seine wunderlichen Wünsche auch nicht verstand, so sah sie doch, daß man es hier mit einer Gemütskrisis zu tun habe, die möglicherweise nach oben führen könne. Mit Kindern war ihre Ehe nicht gesegnet worden, und Zeit und Geld hatten sie mehr, als sie brauchten. Sie sagte nur, morgen sei auch noch ein Tag. Der Plan müsse auf ein paar Stunden beschlafen werden.

»Uns' Kellerstuv«, fiel Jasper ein, »dor kann Hans snidern, so vel, as he will. Awer buten Hus schall he ni mehr. Un denn sorg wi för em, ok för de Tid, wenn wi dod sünd. Dat schall de Vagt opsettn.«

»Morrn, Jasper, will wi dat all besnacken. Awer din Geschicht, de kanns mi forts vertelln. Ik will gau en Taß Kaffe kaken. Denn geit dat sovel beter.«

 

Es war schon allerlei passiert in Fallingborstel. Aber daß jemand um Mitternacht seine Frau weckt, um ihr eine Geschichte zu erzählen, daß beide sich vor und hinter den Ofen setzen, gemütlich Kaffee trinken und nun wirklich die Geschichte vornehmen, daß ein Mann, der viele Jahre geschwiegen hat und schmerzlich hat schweigen müssen, die Gabe der Rede wieder erlangt, die Geschichte erzählt, die Geschichte von dem Nachtwächter, der sich selbst in Arrest bringt ... mit solchem Behagen und so gut erzählt, daß die beiden alten Leute, Zuhörerin und Erzähler, nicht aus dem Lachen herauskommen: das war im Dorf doch noch nicht dagewesen. Aber die Geschichte von dem Nachtwächter war auch zu gut, eine Geschichte zum Kranklachen. Ich will sie nicht mitteilen, denn nicht jeder hat eine so derbe Gesundheit wie Margret Thun. Sie lachte bei ihrem Kaffee und bei der Kalkpfeife bis zum Weinen. Und Jasper war über seine eigene Geschichte glücklich, wie er noch niemals gewesen war.

So glaubte er und glaubte es mit Recht. Denn eine innere Freude, erfahren zu einer Zeit, wo man äußere nicht mehr sucht, das gehört einem unverkürzt zu eigen.

 

Die Nachtwächtergeschichte war auserzählt. Da sagte Jasper: »Du, Gretjen ... wo heet na de hogen Lüd, de de Königs sich holt?«

»Ik weet ni«, erwiderte Margret, »Hans Snider seggt jo Hofnarr.«

»Hier is wat to Hofnarr! Ne, ik meen, de eersten, de glik na 'n Köni kamt un allns ünner sik hebbt.«

»Weet würkli ni, min Jasper.«

»Dat ik dor ni op kam kann. Mi... Mi... Mister... Mini... Nu hev ik 't: Ministers, rief Jasper. »Uns' Minister schall Hans Snider waren.«

Margret lachte.

»Sünd wi ni grod Lüd? Bün ik ni 'n riken Knast? Worüm schall ik mi keen Minister holn?«

»Ja, Jasper«, erwiderte Margret. »Wenn Hans Snider son Jungmaker is, denn lat em man Meister, or Mister, or wo 't ol Tüg sünst heet, warrn, so bald as mögli.«

»Und denn, Moder, weets wat?«

»Wat denn?«

»Ik glöv, ik bruk gar keen Peckmütz mehr.«

»Herr Gott«, schrie Margret und schlug sich auf die Kniee. »Din Allmach is grot!«

 

Mein Ohm hatte als Junggeselle seinen Unterschlupf bei einer Schwester auf Nienrade, einer Abbaustelle vom Dorf. In aller Frühe schon ging das Gerücht um, der alte Jasper Wunderlich, wie er im Dorf genannt wurde, sei den Weg nach Nienrade gegangen.

»Du hest di wohl versehn«, sagte Hans Sodt zu seinem Dienstjungen Klas. »Dat 's ol Reimer Siepen west, Jasper geit jo in tein Jahr ni mehr oewern Drüssel.«

»Ik kenn ol Siepen un kenn ok Jasper Wunnerli. He hett mi ja verleden Sommer Suckerappeln ut sin Gaarn gewen. De, denn ik sehn hev, weer Jasper sülwen mit Stock un Rundhot.«

»Keen Peckmütz?«

»Ne, Rundhot.«

»Denn is 't Jasper wiß ni wesen. Jasper hett ümmers 'n Peckmütz op.«

»Ne, uns' Weert«, mischte sich jetzt Antje, die bei Hans Sodt diente, ins Gespräch. »Ik hev em sehn. De Klock kunn fiv wen hebbn, do keem Jasper mit Rundhot un Stock. O, he harr dat so hild un snack ümmer vör sik sülm!«

»Snack vör sik sülm? Dat stimmt bi Jasper.«

»Un denn bög he af, den oln verlorn Stig oerwer de Wischen henlang.«

»Nu is 't gans klar. Dat kann blot Jasper infalln. Also doch Jasper.«

So war es. Jasper war bei Tagesgrauen längs der Dorfstraße gehumpelt in der Richtung nach Nienrade. Es hatte ihn nicht ruhen lassen, er war entschlossen, sich sein Glück zu sichern und ohne Verzug mit Ohm und seiner Schwester zu sprechen, ob Hans nicht als Minister zu ihm ziehen wolle. Und Ohm hatte gewollt.

 

Die trübselige Verlehntskate wurde ein lustiges Haus, die kleine Stube war von Besuchern selten leer. Das ganze Dorf, jung und alt, ja die ganze Umgegend wunderte sich, wie klug und frisch der so lange Zeit lieblos verlassen gewesene für vertrocknet gehaltene Jasper, der nun allen Menschen ohne Zipfelmütze frei ins Antlitz sehen konnte, wie jung der wunderliche Monarch eigentlich war – und wie er erzählen konnte und erzählen mochte.

Einen großen Teil des Tages brachte Jasper in der Schneiderstube bei seinem Minister zu, des Abends kamen Exzellenz zu den Majestäten herüber. Bald erzählte Hans, bald Jasper, ja selbst Ihre Majestät die Königin Margret hat Versuche in epischer Darstellung gemacht.

Der eigentliche Vorrat an Geschichten war schließlich aufgezehrt, aber man verstand es, alte Ideen in neue Form zu bringen; die in die Verlehntskate hineingetragenen platten Tagesereignisse erhielten im Qualm der Tabakspfeifen und durch das Temperament der beiden Erzähler ein neues, heimisch und poetisch anmutendes Kolorit.

Diesem Tabakskollegium wurde Frau Margret zuerst untreu. Nach ganz kurzer Krankheit ging sie voran und bestellte für ihren Jasper bei Petrus Quartier. Sie wurde betrauert, wie sichs gehört.

Als der Monarch mit seinem wohlbestallten Schneiderminister von der Bestattungsfeierlichkeit zurückgekehrt war und in seinem braunen Lederstuhl saß, fühlte er sich zwar etwas angegriffen, wünschte aber doch die Geschichte von dem Bauernknecht Michel Brandt noch einmal zu hören. Und als mein Hans-Ohm zu Ende war, und Michel sich darüber klar geworden war, daß er ein ganzes geträumtes Jahr lang nur geträumte Pellkartoffeln und geträumte Heringe und geträumte Senftunke gegessen hatte, da hatten Majestät den Kopf an die Ohrenklappen Ihres Lehnstuhles gelegt und die Augen geschlossen.

»Jasper-Ohm«, sagte Hans, »dat weer blot 'n Drom.«

Jasper antwortete nicht. Er war wohl eingeschlafen.

»Jasper-Ohm«, rief Hans ihm ins Ohr, »de ganze Welt is 'n Drom!«

Der Alte blieb auch dann noch stumm, als Hans Schneider ihn wach zu rütteln versuchte.

Die Seele war nicht mehr im Gehäuse. Sie unterhielt sich schon mit Petrus über das Rätsel unserer Schuld und über den großen Gottestraum.

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