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Leute eigener Art

Timm Kröger: Leute eigener Art - Kapitel 21
Quellenangabe
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typenovelette
authorTimm Kröger
titleLeute eigener Art
publisherGeorg Westermann
seriesTimm Kröger Novellen ? Gesamtausgabe
volumeDritter Band
printrun4.-13. Tausend
firstpub1900 - 1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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12

So ging Franz nach seinem Dorf zurück, dem Richter entgegen, in seiner Bettlertracht unerkannt und unbeachtet. Der Nebel war dichter geworden, er verhüllte die ganze Bettlerschmach. Franz traf wenige Leute.

Wenn sich im Nebel zwei Menschen im Heckenweg begegnen, es ist wie das Aneinandervorübergleiten von Schiffen auf weitem wildem Ozean. Jeder Wanderer trägt eine graue Wand vor sich her, die ihm wenige Meter Gedankenraum gönnt. Die Figuren, die Gestalten der Begegnenden sind wie das Schattenspiel auf der Netzhaut des Nebelgottes. Erst verwaschen und unbestimmt und grotesk, dann bestimmter, aber immer noch unbestimmt, endlich Rätsellösung, das mit fragend verhaltenen Augen vorüberstreicht. Man sieht sich noch einmal um, aber das Nebelmeer ist bereits über die Erscheinung zusammengeschlagen.

Franz ging lange in Wolken einher. Und als sich schließlich ein Wind erhob und die graue Wand hinwegnahm, stand er vor jedem Busch und Strauch, vor jedem Baum und fand des Staunens über all die Wunderwerke, woran er nun bald dreißig Jahre stumpf vorübergegangen war, kein Ende.

Mittags fiel Regen, dann kam die Sonne, und es war hell und windig, als er auf dem Grab der Mutter stand. Es war eine neue Grube ausgehoben worden, Franz wußte, für wen. Der frische Sand lag im Steig, er schritt darüber hinweg.

An der Mauer des Gotteshauses standen die schönsten Linden des Friedhofs im Herbstschmuck von weichem, biegsamem Gold. Der brausende Wind fuhr hinein. Da flog ein Goldblatt nach dem anderen um die Kirchenecke. Ein Gewirr von Schatten und Licht schob sich über die schmalen Fensterbogen, und zu Franz sagte der Wind: ›Geh in die Kirche und sprich mit dem Herrn deiner Seele.‹ Und wie er über den Fliesensteig des Gotteshauses ging, widerklangen seine Schritte vom Gewölbe.

Und das Gewölbe war ein Abbild desselben Himmels, der sich im Freien über ihn erhob. Es ruhte im Schoße der Gottheit und war in ewige Dämmerung eingelullt. Und hart und scharf fielen die langen Zeichnungen der Fenster auf die weißgetünchte Wand, windgeschüttelter, zerfließender Laubschatten lief darüber her. Für Franz waren es Irrwege gottentfremdeter Seelen.

Unter der Orgel stand der Altar des Herrn. Die braune Sammetdecke hatte lange Fransen. Ihm war sie das Bild der Sanftmut, der Langmut und der Liebe des himmlischen Vaters.

Der Altar stand im Schatten. Wie kam es, daß dorthin Licht verstäubte? Kleine, lebendige Glanzwellen liefen über die Perlenschnüre der Ränder. Franz sah es und deutete sichs als Verheißung himmlischer Gnade.

Der Giftmörder lag vor seinem Gott im Staub. Stunde auf Stunde verging. Die Sonnenfenster waren klein und matt geworden, allgemach leuchteten sie im Widerschein eines blassen Abendrots farbiger auf. Und matter und kleiner wurden all die blanken Punkte, die das Licht nicht eigennützig verbrauchten, sondern den weißen Kirchenwänden zurückgaben: die Orgelpfeifen, der heilige Johannes, das Taufbecken, das Marmorkreuz, der gemarterte Erlöser.

Die feine Stille des Nachmittags war in den dunklen Baßton des brütenden Abends hinübergeflossen; die schemenhaften Gestalten der Nacht machten sich auf, kamen vom Turme herab und aus den Ecken her, setzten sich in die Kirchenstühle, rafften die schwarzen Kutten um den mageren Leib und verhüllten ihr Angesicht. Franz sprach mit seinem Gott.

Wäre er bei wachen Sinnen gewesen, er hätte das schwere, ächzende Gangwerk der Kirchenuhr gehört, die im Glockenturm hing, er hätte auch die Schritte des Kirchendieners vernommen, der die Wände des Gotteshauses abmaß und am Türschloß hantierte. – Aber Franz sprach mit seinem himmlischen Vater.

Schließlich rüttelte ihn doch die Turmuhr auf. Er hörte ihr schnarrendes Geräusch. Wie ein in Beben und Zagen gefaßter entscheidender Entschluß der sündhaften Seele rollte und rasselte es von der Balkenlage des Glockengehäuses herab, ehe mit dem Glockenschlag die erlösende Buße erfolgte. Der letzte Schlag geriet kräftiger und bündiger, der Hammer traf derber. Und in dem alten Kasten summte es befriedigt über die Sühne des Sünders nach.

›Ich will die Obrigkeit nicht länger warten lassen‹, dachte Franz, erhob sich und ging. Aber die Tür, durch die er gekommen, war vom Kirchendiener verschlossen worden. Es war Abend, die Kirche lag einsam. Franz hätte sich nicht bemerkbar machen können, auch wenn er gewollt hätte. Da setzte er sich in den Stuhl seines Erbes, den Morgen zu erwarten. Ganz ruhig. Er konnte sogar an das grausige Gericht denken, das an dieser Stelle über den Spötter ergangen war. Er war getrost, wie es die Magd gewesen war. Er war zwar ein Mörder, aber Gott den Herrn hatte er nicht versucht. Er hatte vor Gott im Staub gelegen, mit dem Strafgericht der Spötter hatte er nichts zu tun.

In der Nacht zu Allerheiligen wiederhole sich, sagte man, der Spuk, und die Nacht brach heute an. Aber auch das schreckte ihn nicht, er war ganz Mut und ganz Ergebung.

Nun mußte sichs zeigen. Hatte der Schöpfer ihn verworfen oder in Gnaden angenommen? Überantwortete er ihn dem Bösen, oder hielt er die schützende Hand über ihn?

›Wer weiß, vielleicht schickt er mir gar einen guten, aus aller Wirrsal erlösenden Traum!‹

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