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Leute eigener Art

Timm Kröger: Leute eigener Art - Kapitel 19
Quellenangabe
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typenovelette
authorTimm Kröger
titleLeute eigener Art
publisherGeorg Westermann
seriesTimm Kröger Novellen ? Gesamtausgabe
volumeDritter Band
printrun4.-13. Tausend
firstpub1900 - 1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081206
projectid28d8ce77
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10

Hinnerk Steen kann nicht schlafen. Er liegt und liegt und zählt der Dielenuhr die Stunden nach. Die Uhr schlägt zwölf. Und der Schall rollt wie einst im Sparrenwerk. Es war ganz, wie es schon mal gewesen war. Nun kommt auch Pferdegetrappel und der Ruf ›Hinnerk!‹ und gleich darauf das Wiehern des Schwarzen mit den beiden nachklingenden Bauchstößen, und Hinnerk wird mit sich einig: du gehst nicht hinaus, es mag kommen, was will. Es fällt ihm ein, die Buttermilchstür ist nicht verschlossen, aber das ist einerlei: du gehst nicht hinaus.

Er hört Geräusch in der Mädchenkammer, Witten macht das Kammerfenster auf. Nun kommt es ihm: sollst doch mal sehen, ob Franz einen Kopf hat. Sollst mal aus dem Fenster gucken. Er tut, wie gedacht. Es ist wie damals ... Der Mond scheint schräg über die Pappeln, der Schatten der Sodstange fällt auf den Pferdebug. Franz ist abgestiegen und zieht den Knoten fest.

Ob er wohl einen Kopf hat? – Ja, diesmal hat er einen, die Polkahaare gehen im Mondschein hin und her.

Bei Witten dauert das Geräusch fort. Sie ist dabei, aus dem Fenster zu steigen. Sehen kann Hinnerk es nicht, aber sie hängt am Pfosten, er hört das Geräusch der Pantoffeln. die einen Halt an der Mauer suchen und auf den Vorsprung des Fundaments treten.

Hinnerk weiß nicht recht, was er tun soll. Soll er wieder zu Bett gehen oder aufbleiben? Er zieht Beinkleid und Weste an und setzt sich auf die Bettkiste.

Witten und Franz sprechen draußen. Verstehen kann Hinnerk nicht, aber sie haben es wichtig. Einzelne Worte unterscheidet er.

»Witten, liebe Witten, tu es!« bittet Franz. Aber Witten spricht im brüsken Ton, wie ihre Art ist, wenn ihr an einer Person nichts mehr gelegen. Das tue sie nicht, sagt sie, um alles in der Welt nicht. Wie sie dazu kommen solle? Das sei Verrücktheit. Ohne die Mühle? Sie lacht kurz und höhnisch auf.

Aber Franz redet und redet. Es muß was Fürchterliches sein, was er redet. Witten kann immer nur rufen: »Gott, ach Gott! Das ist ja schrecklich!« Sie wird wohl gleich haben weglaufen wollen, er muß sie festgehalten haben. Denn auf einmal schreit sie wild: »Laß mich, laß oder ich schreie, ich rufe das Haus zusammen! Was willst du von mir, willst mich auch ermorden?«

In demselben Augenblick knattern auch schon Wittens Holzpantoffeln über das Steinpflaster. Die Buttermilchstür wird aufgerissen und wieder zugeknallt; der alte taube Mops in der Wohnstube schlägt an. Und bevor Hinnerk weiß, was vorgeht, stürmt das Mädchen in Leibchen und Unterrock zu ihm in die Kammer, hängt die Kette rasch über und fällt ihm verstört um den Hals. Sie fällt dem Knecht verstört, in Tränen aufgelöst um den Hals und fleht: »Und wenn er hier herein kommt, dann nehmen wir den Bettstock und schlagen ihn tot!«

Hinnerk hat Not, sie zu beruhigen. »Was ist denn? Sei ruhig, er ist schon weggeritten, ist schon bei Jürn Thun. ... Das willst nicht glauben? Hör doch auf den Hund, der ihm nachbellt ...« Nach einer Weile, als sie ruhiger geworden: »Und nun sag mir mal, was war mit Franz, was hat er dir getan?«

»Getan?« ruft sie. »Mir hat er nichts getan. Aber seinen Vater hat er vergiftet. Ach, du Guter, du bist immer so lieb gegen mich gewesen. Hätte ich doch dich genommen und mich nicht mit dem Fürchterlichen abgegeben!« Sie hing noch immer an seinem Halse und bedeckte Hinnerk Steen mit Küssen.

Wie wir Witten kennen gelernt haben, muß es zur Beruhigung gereichen, daß Hinnerk von der Sirene nicht umgarnt worden ist. Sie hat sich später mit einem Schmiedsgesellen verheiratet, ist mit ihm nach Hamburg gegangen, und kein Mensch weiß so recht, wo sie geblieben ist. Aber an dem Abend hat Hinnerk viel Liebes von ihr erfahren.

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