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Leute eigener Art

Timm Kröger: Leute eigener Art - Kapitel 17
Quellenangabe
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typenovelette
authorTimm Kröger
titleLeute eigener Art
publisherGeorg Westermann
seriesTimm Kröger Novellen ? Gesamtausgabe
volumeDritter Band
printrun4.-13. Tausend
firstpub1900 - 1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8

Bei dem Doktor wiederholte sich der Vorgang, der sich bei Frau Lemster abgespielt hatte, ins Städtische und Gelehrte übersetzt. Auch der Unterschied ist zu erwähnen, daß der Arzt nicht ohne weiteres annahm, er habe sich verhört. Der junge, düstere Mann kam ihm ohnehin wunderlich und unheimlich vor. Da er in eine eingehende Erörterung des Falles eintreten mußte, um zu wissen, welche Gegenmittel mitzunehmen seien, so kannte er nach fünf Minuten die äußeren Tatmerkmale und auch den Täter.

Er hatte einige Mühe, ruhig zu bleiben oder doch ruhig zu scheinen. Er tat aber so, als ob Franz nichts getan habe, womit er sich zu verkriechen brauche. »Ja, das ist gut, daß Sie sofort gekommen sind, da tut Eile not.«

Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb ein Rezept und noch einen Zettel, den er in einen Umschlag steckte.

»Sind Sie zu Pferde gekommen?«

»Jawohl, Herr Doktor!«

»Und füttern im ›Prinzen‹?«

»Jawohl, Herr Doktor!«

Der Doktor klingelte nach dem Mädchen, befahl, ein Rezept nach der Apotheke zu bringen und dem Kutscher zu sagen, daß er anspanne. »Und dann, Tine«, fügte er hinzu, »dieser Brief, der auch eilig ist.«

Von der Adresse des Briefes nahm Tine auf dem Hausflur Kenntnis und war befriedigt. Der Polizeimeister wohnte neben dem Apotheker. »Das ist ein Gang«, dachte sie.

Sie machte sich zum Ausgehen fertig und begab sich nach dem Stall. Der Knecht schmierte die Sielen ein und troff von Tran und Fett, versprach aber, in fünf Minuten vorzufahren.

Franz hatte inzwischen den Schwarzen im ›Prinzen‹ eingestellt und ihm Brot und Hafer ausgewirkt. »Der Gaul hats schlimm gehabt«, sagte er zu dem Hausknecht, »hat auch heut abend noch einen tüchtigen Gang vor sich. Paß gut auf, es soll dein Schade nicht sein!«

Zu Hause sah Franz immer selbst nach, ob der Schwarze erhalte, was ihm zukam. Hier im Wirtshaus glaubte er dazu kein Recht zu haben; er blieb in der Gaststube, sich nach seiner sparsamen Weise an einem Glas Bier, etwas Butterbrot und an einer dunklen Ecke genügen lassend.

Die geräumige Stube war ziemlich besetzt. Die Gäste meistens Landleute, zum Teil aus Franzens Kirchspiel. Hinter der Tonbank stand der Wirt. In dem stickigen Zimmer summte eine auf mehrere Gruppen verteilte Unterhaltung. Der Wirt fragte, wie er es für seine Pflicht hielt, den neuen Gast aus.

»Na, Franz«, hieß es, »nach dem Doktor?«

»Jawohl, nach dem Doktor.«

»Hats der Alte nicht gut?«

»Nein, er ist krank.«

»I was! Ein so gesunder, strebiger Mann! Wo hat ers denn?«

»Im Magen und im Leib.«

»Hat wohl was gegessen, was nicht gut ist?«

»Das hat er, er hat Gift gegessen.«

Als Frage und Antwort auf diesen Punkt angelangt waren, verstummte das Summen. Wie das Krebsgeschwür alle Nachbarzellen verzehrt, so verzehrte das Gespräch, worin von Gift die Rede war, alle andere Unterhaltung.

»Gift!« rief der Wirt ganz erschrocken. »Was du sagst! Wie kommt denn dein Vater dazu, Gift zu nehmen?«

»Er hats nicht genommen, man hats ihm gegeben.«

»Gegeben? Wer denn?«

»Ich«, sagte Franz trocken und bestellte in demselben Zug zwei Zigarren zu einem Schilling.

»Ich«, hatte Franz gesagt. Der Wirt war über die Wendung, die das Gespräch genommen hatte, so entsetzt, daß er vergaß, seinem Gast die bestellten Zigarren zu geben.

Man hätte eine Stecknadel auf den Boden fallen hören können. So still war es.

Einmal wurde die große Stille unterbrochen, nämlich dadurch, daß Franz den Wirt daran erinnerte, er habe zwei Zigarren bestellt.

»Jawohl«, sagte der Wirt und gab die Zigarren, von denen Franz sich umständlich und gemütlich eine anzündete. Dann schlug das peinliche Schweigen wieder über die im ›Prinzen‹ Versammelten zusammen.

Die Uhr im Gehäuse schlug, sie schlug eine Vollstunde – In der großen Stille rollte und klang es wie erschütternde Klage.

Wenn ein Stein in einen Froschpfuhl geworfen worden ist, schweigen alle Sänger ... Es ist gemeinhin ein mutiger Frosch, der sich wieder auf seine Sangesfreude besinnt.

Der mutige Frosch hieß Hans Trede. Er nahm das Wort und kam auf die große Wetterfrage. Ob das Wetter sich wohl noch lange halten werde, stellte er zur Diskussion, und die allgemeine Meinung ging dahin, das sei fraglich. Übermorgen sei Allerheiligen und »Allerhillgen sitt de Winter opn Tilgen«.

Da summte es wieder. Ein rechtes Gespräch wollte aber nicht mehr in Fluß kommen. Was gesprochen wurde, war mehr Hinquälen als Unterhaltung, obgleich es an dem Gemütlichkeitsrauchnebel einer deutschen Bauernwirtsstube nicht fehlte.

Franz glaubte die Stimme des Nachbarn Jürn Schütze, den er hinter dem Knick unfreiwillig belauscht hatte, zu hören. In der dunklen Ecke aber, wo es herkam, lagerte eine dichte Wolke, das Gesicht konnte er nicht erkennen.

Da Zeit verflog, allmählich empfahlen sich die Gäste, Franz saß vor einem leeren Glas und rauchte. Rauchte und grübelte und träumte vor sich hin ...

Wir kennen die Gedankenrichtung des gutgläubigen Giftmischers und schließen daraus auf seine Betrachtungen. Diesmal trugen ihn die verstiegenen Phantasien nicht ganz so hoch wie sonst. Sie blieben an einem kleinen Bild idyllischen Glücks haften.

Seine irdischen Wünsche waren vor den Bewegungen der letzten Tage in den Hintergrund gekommen. Nun dachte er an Witten Struve. Er dachte an sie, wie alle seine Gedanken waren, mystisch und – sehnsuchtsvoll, aber auch mit einem geheimen Zorn im Herzen. Ihren Reizen und Liebkosungen gegenüber fühlte er sich machtlos. Was hatte das Mädchen für Augen! Franz war zornig auf sich, weil er dieser Macht nicht gewachsen war, zornig auch auf Witten, weil sie die Macht gebrauchte. »Aastüg ist all das Weibervolk«, murmelte Franz und ... rauchte. Und saß schon lange vor einem leeren Glas ... Außer ihm schien nur noch ein Fremder in der Stube zu sein. Der Wirt hätte wohl beide Gäste gern fortgeschickt. Er klapperte mit allerlei Sachen hinter der Tonbank und fing an, Gläser und Krüge wegzutragen und die Tische zu wischen.

Aber Franz dachte an Witten. Da fühlte er den Atem eines sich zu ihm in die Ecke beugenden Mannes. Es war ein Bauerngesicht, ein wenig roch es nach Schnaps ... Jürn Schütze.

»Wenn du nicht für ungut nimmst, setz ich mich ein bißchen zu dir«, sagte Jürn, »und wir trinken noch ein Glas.«

»A, Detel«, rief er auf den Wirt. »Noch zwei Gläser!«

»Wenn wir die aus haben«, wandte er sich wieder an Franz, »gehen wir. Du bist wohl auf deinem Schwarzen hier?« fragte Jürn und fuhr nach Bejahung fort: »Ich bin zu Wagen.«

»Franz«, sprach er weiter, aber vorsichtig und ganz leise. »Ich weiß nicht, wie du vorhin dazu kamst, so was zu sagen. Das mußt du nicht tun. Ernst wird das just kein Mensch nehmen, aber die Leute denken sich was dabei. Und dann gibt es Schnack. Überall gibt es schlechte Leute. Sei vorsichtig, Franz, das sag ich dir!«

Er sog an seiner Pfeife und rückte seinem Bankgenossen, wenn möglich, noch näher. »Wie es gekommen ist«, flüsterte er, »weiß der Teufel. Aber es ist hier nicht richtig, es muß der Polizei was gesagt worden sein. War vorhin einen Augenblick in der Scheune. Da sitzen zwei Leute mit rotem Rand an der Mütze bei Friech auf der Futterkiste. ›Na‹, schlag ich so raus, ›polizeilicher Schutz?‹ Aber sie antworteten nicht, machten ein geheimes Gesicht. Nachher legte ich mit Friech meinen Braunen die Sielen im Stall auf. Da hab ichs gehört. Die lauern auf einen, den wollen sie in den Kasten stecken. ›Aber still und ohne Aufsehen‹, hat der Polizeimeister gesagt. Erst wollte Friech mirs nicht sagen, schließlich hab ichs aber doch erfahren. Die Polizisten warten auf dich, Franz. Weil dein Gaul im Stall ist, meinen sie, müßtest du ihnen kommen. Und weil es nun mal still abgehen soll, wollen sie lieber nicht in die Gaststube. Ich sag immer, die dümmsten Leute bekommen allemal die Amtsmütze auf den Kopf. Warum ich dir das sage? Wir sind Nachbarn und Dorfkinder, mein Matthies und du waren Schulkameraden, da hält man zusammen. – Nun weißt du Bescheid!«

Franz konnte den Sprecher nur wortlos ansehen.

»Du meinst, was dabei zu machen?« fuhr Jürn fort. »Willst auf einen alten Freund hören? Nichts für ungut, Franz, ich mag dich leiden, ich tus aus gutem Herzen.

Den Pferdestall kennst du, kennst auch den Krautgarten, der zum ›Prinzen‹ gehört. Du gehst gleich links durch die Küche, aus der Küche ins Freie und bist drin. An den Krautgarten stößt der Pferdestall mit der Rückwand. Da ist eine Tür. Ich habe sie losgekettet, als ich im Stall war. Es führt ein Steig, breit ist er just nicht, aber ein Pferd läßt sich doch durchziehen, nach einer Heckpforte. Die Heckpforte ist offen. Du gehst durch den Krautgarten und durch die Hintertür in den Stall, nimmst deinen noch immer gesattelten Gaul (die Zügel hängen ihm überm Hals), ziehst ihn durch die Heckpforte und bist in der Feldstraße. Und dann weißt du Bescheid. – Ich hab immer was für dich übrig gehabt, immer das Gefühl gehabt: der muß darunter durch. Und ist doch ein so guter Mensch. – Wie du nun dazu gekommen bist, so was, wie du vorhin sagtest, herauszuschlagen, das begreife ich nicht. Ich sag noch einmal: so was mußt du nicht tun. Man weiß nicht, was man davon halten soll, und es stellt dich, es mag gemeint sein, wie es will, stellt dich in ein schlechtes Licht.

Um kein Aufsehen zu machen, zwei Minuten sitzen wir hier noch beisammen. Dann gehe ich hinaus und lasse Friech anspannen. Und wahrend Friech und ich meinen Wagen zurechtmachen, reitest du von hinten weg.«

Zwei, drei Minuten also hatte Franz, sich mit der neuen Lage der Dinge abzufinden. Die weltliche Obrigkeit wollte was von ihm, sie wollte sich mit ihm, obgleich er ein Gottgesandter war, befassen. Es war lächerlich, aber er sah ein, daß ihm Unannehmlichkeiten drohten. Freilich: das Bibelwort, es solle dessen Blut wieder vergossen werden, der Menschenblut vergösse, das paßte auf ihn nicht. Menschenblut hatte er, auch wenn sein Vater starb, nicht vergossen. Ob es ein Gesetz gab für seinen Fall? Er wußte es nicht, er hatte sich niemals um Gesetze bekümmert. Einmal hatten in seinem Dorf ein Dienstjunge und ein Dienstknecht zusammen Geld gestohlen. Der Knecht hatte vierzehn Tage bei Wasser und Brot, der Junge fünfundzwanzig Hiebe bekommen. Alles das paßte nicht. Und ihm, dem vom Herrgott Berufenen, konnte keiner was anhaben.

›Aber, wird man mir glauben? Kann ich es beweisen?‹

Er kam zu dem Ergebnis, daß er Jürn Schütze hören wolle. Es tat ihm freilich weh, daß auch der für die Gerechtigkeit seiner Sache so gar kein Verständnis habe, und einen Augenblick meinte er, er müsse den freundlichen Warner, weil der annahm, es sei gar nicht wahr, daß er dem Vater Gift gegeben, berichtigen. Aber wie sollte er auch nur Jürn Schütze von dem göttlichen Auftrag überzeugen?

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