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Leute eigener Art

Timm Kröger: Leute eigener Art - Kapitel 16
Quellenangabe
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typenovelette
authorTimm Kröger
titleLeute eigener Art
publisherGeorg Westermann
seriesTimm Kröger Novellen ? Gesamtausgabe
volumeDritter Band
printrun4.-13. Tausend
firstpub1900 - 1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081206
projectid28d8ce77
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7

Weh mir, die alte Schuld steigt herauf! Ich lebte bei Welt, ich lebte der irdischen Liebe und vergaß dein!

Ich bin lässig gewesen. Weh mir!

 

Mein Vater hat mich öffentlich beschimpft, er hat mich geschlagen. Und an meiner Geliebten Seite habe ichs erdulden müssen. Ich habe an das Wort der Schrift gedacht: ›So dir jemand einen Streich auf die rechte Backe gibt, dem reiche auch die linke dar.‹ Ich habe geschwiegen.

Erst am andern Tage habe ich zu ihm geredet. Die Freiheit habe ich gefordert. »Und du selbst«, habe ich gesagt, »tu Buße! Oder es möchte Gottes Langmut ein Ende haben.« – »Narr!« hat er geantwortet. »Mach es nicht zu arg mit deiner Verrücktheit!«

Großer Gott! Ich habe ihn umgraben. Er aber bleibt ein unfruchtbarer Baum.

 

Die Toten sprengen ihre Sargdeckel und sitzen im Sterbehemd an meinem Bett.

Die Mutter härmt sich in der Ewigkeit über ihren pflichtvergessenen Sohn. – Warte nur, wirst schon wieder an meine Liebe glauben! Witten, nicht deinetwegen und nicht meinetwegen, nicht unsertwegen! Ich will kein bestochener Richter sein.

Ich will ein Rächer der Toten sein und nicht der Lebendigen.

 

Zum letzten mal! Zum letzten mal, bevor ich das tu, was zu vollbringen meines Amtes ist ... zum letzten mal bete ich zu dir, du Großer, Ewiger, vor dessen Wort Himmel und Erde vergehen, durch dessen Wort wir armen Menschen allein bestehen.

Ich will! – Ja, ich will. Ich will dein gehorsamer Knecht sein.

Aber vielleicht beschließest du in deinem ewigen Ratschluß, den Kelch an mir vorübergehen zu lassen. Ich darf dich bitten, ich darf dich anflehen. Lag doch selbst dein eingeborner Sohn in seiner Schwachheit vor deinem Thron.

Und noch eine Sorge lege ich, du Ewiger, zu deinen Füßen.

Ich höre eine Stimme, sie sagt, sie sei Gottes. Aber des Menschen Wissen ist Stückwerk, und sein Herz ist schwach. Nicht immer erkennen wir deine Stimme. Liebt es doch der Arge, der umhergeht zu sehen, wen er verschlinge, liebt er es doch, deine Gebärde anzunehmen. Gib, o großer Gott, mir ein gnädig Zeichen!

Damit ich getrost bin.

 

Das sind Träume und Stoßseufzer, die den Seelenzustand unseres Franz beleuchten.

»Franz«, sagte der Amtsdiener, »der Kirchspielvogt schickt, du sollst zum Amt kommen.«

»Was ist los?« fragte Franz.

»Ja«, blinzelte der Beamte, »genau weiß ichs nicht, ich glaub, es ist was von deinem Alten gegen dich eingegeben worden.« So war es; der Alte hatte in der Kirchspielvogtei Ermittelungen über den Geisteszustand seines Sohnes erbeten, um allenfalls seine Entmündigung und Verwahrung zu beantragen.

Das war das Zeichen. Nun wußte er ganz gewiß, daß er der von Gott ausersehene Rächer war.

Ein weiser, gottesfürchtiger Mann hat gesagt: ›Ich muß es zwar dulden, daß die Vögel über mein Haupt fliegen, aber daß sie sich Nester in meinen Haaren bauen, kann ich verhindern.‹ Im Kopfe unseres Franz jedoch hatten seine ursprünglich wohl freien Fluggedanken ein Nest hergerichtet, das mit dem einfachen, blanken, freien Willensentschluß nicht mehr zu beseitigen war. Die Idee von dem ihm übertragenen Rächeramt wirkte seelisch wie Zwang. Die sittlichen Gewichte gegen die geplante Tat hätte er gar nicht mehr in die Wagschale werfen können, auch wenn er gewollt hätte. Er hatte nicht mehr die Kraft, sie zu heben.

Er mußte zum Mörder, das heißt zum Mörder im gemeinverständlichen Sinne werden. Und er wurde zum Mörder.

 

Ein vorsichtiger Mörder.

Nicht klug und vorsichtig, sich zu sichern, nein – keinerlei Bemühen, die Spuren seiner Tat zu verdecken, ein Handeln, so unbekümmert um sich selbst, als gäbe es keine größere Ruhmestat als Vatermord. Vorsichtig war er nur, ein Mißlingen und ein nichtgewolltes Unglück zu verhüten. Der Pfeil sollte an allen unschädlich vorüberfliegen, seinen Vater allein treffen.

Und den hat er getroffen.

Er hatte die Dienstboten vorher entfernt und dem Alten dann selbst den Tisch gedeckt, als dieser hungrig und durstig von einer Halbtagsreise nach Hause gekommen war. Man hat angenommen, daß er von dem Vater in dessen Not noch eine Erklärung erpreßt hat, die er für die von ihm erstrebte Reue und Buße angesehen, und daß er nach Entgegennahme dieser Erklärung alles zur Rettung aufzuwenden versprochen hat. Jedenfalls ist er später nach Kräften bemüht gewesen, Rettung zu bringen.

»Das haben wir gut macht...das haben wir wirklich gut gemacht!« hat er halb für sich, halb zu seinem treuen Gaul gesagt, als er davonritt. Dabei hat er dem Schwarzen den Hals geklopft. Alles an ihm hat von einer hohen Befriedigung, von dem Bewußtsein Kunde gegeben, eine gute Tat mehr in seiner Rechnung zu haben...

»Gottlob!« hat er gesagt und die Zügel schießen lassen, »die Seele ist gerettet; nun noch, wenn der gnädige Gott es zuläßt, eine heilsame Medizin, und alles ist aufs beste bestellt.«

Eine Frau Lemster bewohnte mit ihrem Mann unten am Kapuzinerberg ein zur Mühle gehöriges Haus und war in Verlegenheits- und Notfällen ›einzuspringen‹ verpflichtet, übrigens auch nach ihrer hilfreichen Art hierzu gern erbötig.

Die Frau Lemster hat es oft des langen und breiten erzählt, wie Franz dort angekommen ist, hat es später auch vor Gericht bezeugt.

»Ich war allein zu Hause«, hat sie erzählt, »mein Mann auf Arbeit. Ich in der Küche und seh aus dem Küchenfenster, da kommt er auf seinem Schwarzen angesegelt. Dicht vor den Fenstern hält er.

›Mine‹! ruft er, steigt aber nicht ab. Er ruft ›Mine‹ und noch mal ganz laut: ›Mine! mußt flink kommen!‹ Ich trockne rasch die Hände...eins zwei bin ich da.

Der junge Mensch, ich meine natürlich Franz, sieht sehr vergnügt aus, vergnügter, als es sonst seine Weise ist. ›Mine‹, sagt er, ›mußt flink zu Vater gehen. Er ist krank 284 und kein Mensch zu Hause. Ich reit hin nach dem Doktor.‹

›I‹, sag ich, ›krank? Und er ist doch ein so gesunder Mensch, der Herr Jurat. So schlimm, daß man nach dem Doktor muß?‹

›Ja‹, sagt er, ›nach dem Doktor. Er hat das Würgen. Du mußt ihn zu Bett bringen und Tee kochen und warmen Verband machen. Tee und warmer Verband sollen ihm schon gut tun. Lange dauerts ja nicht, dann kommt der Doktor.‹

›Ja‹, sag ich, ›dann will ich gleich hin ... Wie ist denn das gekommen?‹ schlag ich so raus.

›Ja‹, antwortet er und sein Gesicht verändert sich auch nicht ein bißchen, ›ja‹, sagt er, ›ich hab ihm Gift gegeben ... und genug ... Wenn ich den Doktor nicht zu Hause treffen sollte, dann ist er hin.‹

›Gift!‹ schrei ich und bin so erschrocken, daß ich nur noch herausbringen kann: ›Das ist schlimm!‹

›Ja‹, sagt Franz, ›wie mans nehmen will ... Gut ist es und schlimm‹ ... Und schlägt bei diesen Worten mit seiner Reitpeitsche nach unserm kleinen braunen Teckel, der immer um uns herumläuft und dem Schwarzen nach der Schnauze springt.

Wie mans nehmen will ... gut und schlimm, dacht ich. Was ist das für ein Schnack!

›Gehst also hin, Mine? Darauf kann ich mich doch verlassen. Nicht wahr?‹ wiederholt er und reitet im Galopp auf und davon.

›Komm, Schwarzer‹, hat er gesagt, als er die Sporen ansetzte. ›Nun gilts, nun gilts, nun wollen wir zeigen, was wir können.‹ Mit dem ist er auch schon bei der Biegung an Peter Wilhelms Weidenkoppel, und weg ist er. Ich hör ihn aber noch lang krabatschen.

Ich habe später daran denken müssen, daß er mir sagte: ›Gift! .. schlimm? Nun, wie mans nehmen will ... schlimm und gut.‹ Und daran, daß ich fragte: ›Wie ist denn das gekommen?‹ und er antwortete: ›Ich hab ihm Gift gegeben‹ und hinzusetzte ›und genug‹. In dem Augenblick, als ich es hörte, habe ich mir wirklich so Arges nicht dabei gedacht. Ich dachte, er hätte sich versprochen, oder es handle sich um ein Versehen. Was er eigentlich damit gemeint hat, das ist mir erst viel später klar geworden.«

In der Untersuchung ist von der Verteidigung in ihrer ›Defensionsschrift‹ die Vermutung ausgesprochen worden, es liege hier kein Verbrechen, sondern die Tat eines Wahnsinnigen vor. Wir werden es erklärlich finden, daß der Verteidiger diesen Vorstoß versucht hat, wenn man all die Unbegreiflichkeiten in dem Tun unseres Franz überdenkt, namentlich die Unbesonnenheit in seinen Äußerungen und in seinem Handeln, die einen geradezu auf den Gedanken bringen können, er habe sich der Obrigkeit verraten wollen. Alles das ist aber daraus zu erklären, daß Franz sich als Beauftragter himmlischer Mächte gefühlt hat. Im Vergleich zu der Höhe seines Standpunktes waren die etwa eintretenden weltlichen Folgen seiner Tat so klein und winzig, daß seine Gedanken darüber hinwegglitten.

 

Nach einem langen schönen Sommer und nach einer kurzen, kalten Regenperiode im August war ein köstlicher Herbst durchs Land gezogen, ›Weinlaub im Haar‹, ›Frieden in der Gebärde‹. Sonst war es um diese Zeit meistens schon naßkalt und ungemütlich, die Rinder brüllten vor dem Hecktor nach ihren Ställen, aber heuer, tief im Oktober, ruhte noch alles im friedlichen Schoß der Natur.

Der Weg nach der Stadt führte bei Dragensberg an einem berühmten Waldgelände vorbei, zuletzt an Wiesen mit verstreuten Baumgruppen. Da sah man Buchenstämme, vollendet rund und schön, die schimmernde Rinde schlangenglatt, vierzig Fuß und mehr der erste Ast.

Die hochgetragenen Kronen, das krause Laub, alles von resignierten Herbstgedanken und Sonnenstaub beschwert ... rot und braun, wie von reifer Frucht gebogen. So standen sie. Vom blauen Himmel war Glanz gefallen; er hing an jedem Blatt. Wenn so ein Baumriese den schwanken Wipfel schüttelte, dann schneite es braune, wirbelnde, glückliche Schmetterlinge mild und müde in das grüne, von Falllaub farbig gesprenkelte Gras.

Das konnte ein Menschenherz erheben und erwärmen. Wie riesige Weihnachtsbäume hatte der liebe Gott seine Buchen ins Feld gestellt. Das Gold hatte er nicht geschont; es fehlte nur noch der weiße Baumwollschnee und die blanken Eiszäpfchen von Zucker.

Der arme Mensch aber, der auf seinem Schwarzen vorüberjagte, hatte solche Gedanken nicht, ihm war niemals ein Weihnachtsbaum auf den Tisch gestellt worden. Ihn erinnerten die in Sonne getauchten Bäume an Lichter. Er kannte kleine zum Hausgebrauch und große, qualmende Teerstöcke, wenn es eine Feier gab. Für seine Seele, in seiner Anschauung, wurden die Bäume zu flackernden Pyramiden. Und der liebe Gott hatte sie für ihn an den Weg gestellt, zu seiner Ehre. Und unserem Franz schien das nicht so unrecht gehandelt von dem lieben Gott. Er hätte auch nichts dagegen gehabt, es vielmehr in Ordnung gefunden, wenn bei seiner Rückkehr in der Nacht ein Erzengel mit einem Paar Leuchttürme, in jeder Hand einen, ihm durch den Wald geleuchtet hätte. Hatte er nicht Großes getan?

Er hatte gehofft, vor Sonnenuntergang die Stadt zu erreichen, aber das gelang doch wohl kaum. Die Sonne neigte sich mehr und mehr. Ihre Farben wurden prächtiger, die Strahlen versöhnlicher. Sie strichen milder in der Ebene hin, und verschönten und vergrößerten alles. Lags an seinen Augen, lags in der Luft? Alles wuchs groß und lebhaft auf. Der Fackeln, die ihn grüßten, wurden mehr und mehr. In der Nähe brannten sie riesengroß ... in der Ferne kleiner, wenn auch noch immer gewaltig und mit stiller, ruhiger Flamme; am Horizont schloß sich die leuchtende Kette. Wo das Land sich senkte, flatterten leichte Geisterschleier um den Hag. Und wenn er vorbeiritt, erschauerte alles in Schönheit.

Die Sonne erreichte den Horizont nicht ganz, eine Wolkenbank schob sich herauf, aber im breiten Strom sprang das rote Sonnenblut in den Himmel hinauf und strömte auf die Erde hinab. Gott Vater selbst saß auf der Wolke in hehrer Majestät. Sein eingeborner Sohn zu seiner Rechten, und vor ihnen, Kopf an Kopf, das Heer der Getreuen.

Franz sah auch sich selbst. Er war nicht der Allererste vor Gottes Thron, aber in einer der ersten Reihen saß er doch. Und darauf hatte er gewiß Anspruch. Denn wer von allen hatte in Gottes Namen einen Vater vergiftet?

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