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Leute eigener Art

Timm Kröger: Leute eigener Art - Kapitel 15
Quellenangabe
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typenovelette
authorTimm Kröger
titleLeute eigener Art
publisherGeorg Westermann
seriesTimm Kröger Novellen ? Gesamtausgabe
volumeDritter Band
printrun4.-13. Tausend
firstpub1900 - 1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081206
projectid28d8ce77
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6

Jahrmarkt:

Geruch von Schmoraal und neuen Stiefeln, lackierten Steckenpferden und süßen Kuchen, und Bären und Geschrei und Musik; Musik von schwermütigen Orgeln, von herausfordernden Gongs und wahnsinnigen Dudelsäcken, alles in allem – ein betrunkener Ameisenhaufen.

Es ist der Schöpfer nicht genug dafür zu loben, daß er Kirchdorfs Jahrmarkt erschaffen hat. Aber man muß Bauernknecht sein und dreißig Wochen lang die Schaufel gehoben haben, um die Jahrmarktsidee zu verstehen. Unser Bauernknecht ist eigentlich gar nicht drin in dem Gewühl, sondern eintausend Meter drüber. Hoch oben im blauen Äther schwebt er und hat ein Gefühl – Gott, welch ein Gefühl! Das beseligende, das sieghafte Gefühl hat er, endlich einmal frei, wirklich frei zu sein.

 

Jahrmarkt!

Ein Trupp Tagelöhner und ihre Söhne. Die Knaben sind barfuß und barhaupt. Sie sind Hütejungen gewesen. Ihren Sommerlohn: drei Taler, hat der Alte in der Tasche; aber vier Schilling Marktgeld haben sie selbst in der Weste.

Eine Stunde später. Ein halber Taler ist eine Mütze geworden; Friech ist nicht mehr barhaupt. Zwei Taler sind in Schmierstiefel verwandelt; Klas ist nicht mehr barfuß. Und die vier Schillinge? Zwei hat der Kuchenmann, einen der Ringmaschinenmann erhalten und den letzten der große Zauberer – Professor Reimers.

»Allns Oogenverschælen«, erklärt Friech, als sie aus dem Hexenzelt herauskommen. »Es war ja ganz nett, aber Kopfabschneiden, das kann der Professor nicht.«

Seine Kameraden sehen ihn fragend an. »Das kann auch keiner«, sagt Klas. »Kein ein, meinst du? Und mein Ohm hats selbst gesehen, in Hamburg ist es gewesen!«

»Dein Ohm in Hamburg? Dein Ohm in Hamburg? Das glaub, wers will.«

»Nu, vielleicht wars Rendsburg. Wer kann das so genau wissen? Es ist aber in einer Stadt gewesen. Da ist ein Zaubermann gewesen, der hat alles gekonnt. Menschen hat er verschwinden lassen und wieder erscheinen, und Köpfe hat er abgeschnitten und wieder aufgesetzt.«

»Hat das dein Ohm gesehen?«

»Jawohl hat ers gesehen. Aber eines Tages, da hat dem großen Zauberer nichts gelingen wollen. Da hat er gesagt: Ich merke wohl, hat er gesagt, daß hier einer ist, der mir entgegen ist und mehr kann als ›recht Wort‹. Aber ich werd ihn schon kriegen, ich bin ihm doch über. Und hat drei Lichter hingesetzt. Und hat sie angezündet. Und hat ein Federmesser genommen und ist damit durch die Flammen gefahren und hat beim ersten gesagt:

        ›Ist er ein Schwefelmann,
Muß er beim ersten dran‹

Beim zweiten:

        ›Bist du ein schwarzer Bub,
Kommst du jetzt zum Schub‹

Beim dritten:

        ›Hörst du zum Höllentrab,
Fällt dir der Kopf jetzt ab.
        Hatschi!‹

Und bei dem Hatschi ist einem seinen Herrn in der dritten Reihe der Kopf vom Rumpf geflogen, und der Schwarzkünstler hat ihn nicht wieder aufgesetzt.«

 

Jahrmarkt!

Bei Hans Looft hat man freien Eintritt, da rauscht schon in den Frühstunden Walzermusik aus offenen Fenstern. Es stiegen die Röcke der Mädchen im kalkgetünchten Saal. Aber sie entschleiern kein Schwanenunterzeug und keine Geheimnisse. Weiße Unterröcke tragen die Tänzerinnen bei Hans Looft nicht. Man tanzt bei Hans Looft mit lang ausgestrecktem Arm. Wenn man seinem Reigennachbarn was zuleide tut, so sagt man: ›Hopla!‹ – was so viel heißt wie: Das macht nichts, da kann ich nichts dafür, das ist ›Höhere Gewalt‹.

Es ist gemütlich und ungeniert bei Hans Looft, feiner aber bei Peter Bock.

Man erlegt seinen Obolus; für die Eintrittskarte gibt es ein Glas Grog. Blumenmalerei schlingt sich durch die hohe Wölbung. An der Stirnseite fliegen zwei nackte Englein männlichen Geschlechts, schlagen mit rundem Hinterteil jauchzend nach oben aus und blasen mit vollen Pausbacken unmenschlich große Posaunen. Bei Peter Bock fegen weiße Unterröcke über glatte Bretter, man tanzt mit eingezogenen Armen oder mit hoch emporgereckten Trutzhänden, bei Peter Bock geht es nobel zu.

Es ist Jahrmarkt.

Wie hing Witten so fromm und vertrauensvoll am Halse ihres Franz bei Peter Bock, wie unschuldig ruhte sie an seiner Brust bei Hans Looft!

Franz und Witten zeigten sich aller Welt. Sie tanzten bei Hans Looft und bei Peter Bock. Sie tanzten mit lang horizontal ausliegenden Armen in Galgenformat, sie tanzten mit hoch zum Rütlischwur unverbrüchlicher Treue erhobenen Händen, zuweilen auch eingezogen, Hände an den Hüften, bereit, sich durch jedes Hindernis hindurchzuwinden. Franz und Witten Struve tanzten den ganzen Tag miteinander. Franz ließ sie nicht los. Wie reizend lagen die seidenen Wimpern auf ihrem Augapfel! Wie schadenfroh und hochmütig lächelte das kleine nichtsnutzige Ding, wenn sie die Stachelreden ihrer Mitschwestern hörte, die weiße Unterröcke trugen und doch unbegehrt auf der Lästerbank an der Wand saßen.

Und was so eine bei Peter Bock wolle, hieß es. Die hätte der Müllerssohn auch bei Hans Looft lassen können, wo sie hingehöre. Eigengemachte Röcke oben über, und Unterröcke von Twist darunter, dazu blaue Strümpfe – brr! Sie sei ein ganz gewöhnliches Mädchen, diene dem Bauern in des Kirchspiels Osterkrug – so was gehöre nicht bei Peter Bock.

Übrigens Scham- und Ehrgefühl sei so wenig in ihm wie in ihr. Mit der verwachsenen Betty Härder sei er verlobt, und den ganzen Sommer schon verkehre er heimlich mit der da. Nun zeige er sich gar mit ihr auf dem Markt und im Saal.

Was der Alte wohl für ein Gesicht machen wird, wenn er es hört?

Es ist Jahrmarkt.

Wie die Mückenschwärme aus dem Moor steigen, sobald die Sonne weicht, so stiegen die Gerüchte aus dem Jahrmarktsgewühl, sobald das erste Erstaunen überwunden war.

Was bisher noch halb verschämt geschehen war, lag jetzt vor aller Augen. Es war eine förmliche Wolke, die über den Markt daher summte, es waren kleine Wölkchen, die sich in die Häuser verloren. ›Summ, summ!‹ sagten sie zu den Philistern, die auch am Markttage beim hausbackenen Brei saßen. ›Bleibt ruhig sitzen!‹ sagten die kleinen Gerüchte. ›Eßt weiter, sperrt den Mund auf, eure Löffel einzuführen, und die Ohren, unsere Neuigkeiten aufzunehmen! Wir wissen was, wir wollen euch was erzählen.‹

Und die Guten, sie taten den Mund auf und löffelten ihre Milch und ihren Brei und aßen ihr Brot und ihre Wurst und sperrten die Ohren auf und waren sehr neugierig und hörten genau zu.

Was der Alte für ein Gesicht machen wird? Darauf waren alle neugierig.

Ja, was für ein Gesicht!

Dicht beim Kapuzinerberg wohnte Thomas Gripp. Sein Fritz war im ganzen Ort als ein dreister und geweckter, leider auch etwas schadenfroher Mensch bekannt.

Der sah es zuerst, das Gesicht, auf das alle neugierig waren.

Er lief nicht mehr nüchtern, aber auch nicht zu schlimm betrunken dem Müller und Kirchenjuraten in den Weg. Dieser hatte sich bei Eintritt der Dämmerung entschlossen, auch mal durch die Buden zu gehen.

»Na, Fritz«, scherzte der aufgeräumte Jurat. »Bald acht Uhr und noch keine Braut?«

»Leider nein, Nachbar Müller«, erwiderte der Angeredete keck. »Nicht alle jungen Leute haben so viel Glück wie Euer Franz.«

»Franz?« wiederholte der Alte. »Wie soll ich das verstehen? Die Betty geht nicht zu Tanz.«

»Hat sich was zu Betty. Nein, Nachbar, heut hat er sich was Schöneres zugelegt. Er tanzt schon mit ihr den ganzen Tag, bei Peter Bock und auch bei Hans Looft. Es lohnt zu sehen, wie das Ding aussieht und wie sie die Füße zu setzen versteht.«

»Spaß ein andermal, ich versteh nicht!«

»Hat sich was zu spaßen. Eben zogen sie wieder zu Hans Looft. Könnt ja mal hingehen und nachsehen, wenn Ihr mir nicht glauben wollt.«

Das Gesicht, das der Kirchenjurat machte, kitzelte den übermütigen Fritz. Er fuhr fort: »Habt Ihr den Schwarzen in der letzten Zeit gesehen? Nicht wahr? Abgetrieben. Aber mehrmals die Woche nachts meilenlang im Galopp, das hält kein Gaul aus.«

Der Alte begriff zwar den Zusammenhang noch nicht, ahnte ihn aber, ahnte, daß Franz ihn und die Betty betrüge.

»Junger Freund«, sagte er und setzte ein einfältiges, treuherziges Gesicht auf, »ich will nicht sagen, daß du noch nichts oder noch nicht genug getrunken hast. Aber es ist nicht alle Tage Markt. Da kann man mal eine Ausnahme machen. Komm, ich geb paar Gläser Portwein aus, wir wollen ein halbes Stündchen beisammen sein. Wir gehen in die ›Starke Eiche‹ bei Steffen Hagen. Da stört uns keiner. – Ja, mit dem Schwarzen, das ist mir auch schon aufgefallen. Das kannst du mir denn erzählen. – Keine Zigarre, Fritz? Am Markttag nicht mal eine Zigarre? Sind zwar eine neue Mode, schmecken aber gut. Komm, steck dir eine an! Sollst man mal sehen, ist was Feines. – Nun will ich mir auch eine ins Gesicht stecken, dann können wir hin rauchen und brauchen nicht zu gehen.«

 

Es ist Jahrmarkt.

Und der Jahrmarkt pflegt, wenn die Dunkelheit in die Gassen fällt und die Budenleute ihre Zelte abzubrechen anfangen, dann pflegt er die bis dahin in den Formen der Sitte gebundene altdeutsche Kampflust frei zu machen.

Bei Hans Looft geht es gemütlich zu. Wenn man einem Nachbarn auf die Hühneraugen tritt, so sagt man: ›Hopla!‹, was so viel bedeutet: das hat nichts zu sagen, das macht nichts. Bei Hans Looft hat man das Gefühl, frei zu sein. Nicht nur, was man sonst ›frei‹ nennt, wenn man nicht gerade unter Kommando steht, sondern auch frei von den Worten lügnerischer Höflichkeit. Bei Hans Looft war es prächtig. Und die Kirchenuhr schlug gerade zehn, da tauchte zum Erstaunen aller Marktgäste der reiche Müller und Kirchenjurat, der fromme Kirchengänger, bei Hans Looft im Saal auf, ging leise an seinen Sohn, der eben mit Witten Struve die Arme horizontal zum Walzer ausgelegt hatte, heran und schlug ihn unversehens mit voller Faust ins Gesicht. Bei Hans Looft!

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