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Leute eigener Art

Timm Kröger: Leute eigener Art - Kapitel 14
Quellenangabe
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typenovelette
authorTimm Kröger
titleLeute eigener Art
publisherGeorg Westermann
seriesTimm Kröger Novellen ? Gesamtausgabe
volumeDritter Band
printrun4.-13. Tausend
firstpub1900 - 1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5

Während Franz in Gedanken seinen Alten wie einen Baum umgrub, beschloß dieser, seinen Sohn zu verheiraten. Seit dem nächtlichen Auftritt fürchtete der Alte seinen düsteren Sohn. Was sollte er mit ihm anfangen? So fragte er sich. Schließlich beschloß er, ihn in eine andere Umgebung zu bringen und dadurch die alten Erinnerungen und Träume auszulöschen, und als das wirksamste Mittel erschien ihm die Ehe. ›Da wird er wohl vernünftig werden‹, dachte der Jurat, und wenn nicht, so wollte er mit seinem Gewicht als Kirchenjurat alles erdrücken, was Franz etwa gegen ihn unternahm. Ein Antrag, seinen Sohn gerichtlich für wahnsinnig zu erklären, blieb ihm als äußerstes Mittel. Der alte Müller suchte also nach einer Braut für seinen Sohn.

Die reichste Partie im Dorf war Betty Harder. Auf sie hatte der alte Müller es abgesehen. Sie war Eigentümerin eines schönen Hofes, den ihr Stiefvater nach Kontrakt bis zu ihrem vierundzwanzigsten Jahr in ›Setzwirtschaft‹ verwaltete. Jetzt war sie dreiundzwanzig, das paßte sehr gut. Auf diese Weise konnte Franz selbständig werden, ohne ihn zu verdrängen.

Betty war allerdings nicht schön, sie war schon eher häßlich. Sie hatte eine Art Pferdegesicht und Züge von hervorstechender Männlichkeit, eine Schulter, die nicht ganz gerade, und einen Fuß, der auch nicht normal war. Wenn man ganz offen und wahr sein will, so war sie ein bißchen verwachsen und hinkte ein wenig.

Bei dem alten Müller verschlug das nichts, und wir dürfen hinzufügen: es verschlug auch nicht viel bei Franz.

Ein Adonis war er ja auch nicht. Bisher hatte er die Schönen ebensowenig angezogen wie sie ihn; dazu war seine Jugend zu freudlos gewesen, dazu war auch sein ganzes Wesen zu freudlos.

Die Selbständigkeit, die ihm in Aussicht stand, konnte die Häßlichkeit seiner Braut wettmachen. Und diese Selbständigkeit sollte sich sofort verwirklichen, der Stiefvater wollte ihm die Verwaltung ohne Verzug überlassen. Franz durfte das alte Verlehntshaus beziehen und sein Reitpferd mitnehmen.

Und die Verlobung kam glatt zustande.

Da wollte der Zufall, daß Franz (die Kirchdorfleute haben ihre Frühjahrseinsaat immer daher bezogen) nach einem an den Rändern der Eiderniederung belegenen Dorf kam. Bei dem Hufner Karsten Detel sah er, sprach er das hübsche Dienstmädchen Witten Struve und war – hin. Als ein Verwandelter kam er zurück.

Ob Witten anfänglich von der Verlobung unseres Franz mit Betty Harder nichts gewußt, oder ob sie sich gar unterwunden hat, den reichen Erben dessenungeachtet wegzufangen? Leider müssen wir berichten, daß sie eine tiefere Liebe für Franz nicht gefühlt hat, vielleicht einer wahren Neigung überhaupt nicht fähig gewesen ist.

Hübsch war sie, dunkel, und ein Paar Augen hatte sie, die gut und fromm und freundlich blicken konnten, wenn sie wollten. Diese Augen hatten große, schläfrige Lider, und die Lider lange, sogenannte seidene Wimpern. Meistens lagen sie geheimnisvoll und liebreich über dem großen, braunen Oval der Linse. Aber prächtig verstanden Lider und Wimpern zu arbeiten, wenn es ihnen darauf ankam, zu gefallen. Ihren Händen und Armen wußte sie, mochten sie nun, selbst faul und untätig, an dem weichen faulen Leib wie ein Zierat herabhängen oder die Schönheit in der Bewegung zeigen: immer wußte sie ihnen den Anschein gar reizvoller Unschuld zu geben. Und immer war es unmöglich, an der runden, netten Figur vorbeizusehen, ohne sich an dem liebreichen Fluß der Linien zu erfreuen.

Witten ... Sie kannte die Schwächen der Männer ... genau, ach, wie genau!

Karsten Detel hat das alles nicht bedacht, als er Franz bat, sich selbst den Hafer einzumessen, und Witten befahl, mitzugehen, den Sack aufzuhalten.

Wie sie flink die Treppe hinaufflog, wie sie sich beim Einschaufeln bückte und bog!

Wir sagten es schon, Franz kehrte als ein Verwandelter von seiner Reise zurück. Bald war es Tagesgespräch, daß der Müllersohn nachts zu einem Mädchen reite, das bei Karsten Detel diene. Allen wurde es bekannt, nur nicht der Braut und deren Familie und dem alten Müller. Und doch hätten just diese Personen sich am meisten dafür interessiert.

Der Brotträger Denker hat es zuerst herum gebracht, ihn hatte Franz auf ein Haar niedergeritten. Das sauste wie die wilde Jagd an ihm vorüber, ehe er sichs versah, war er von Wegschlacken bedeckt. Im Mondschein erkannte er aber den Übeltäter an der Haltung. Franz trug den Kopf auf langem Hals wie auf einen Pfahl gesteckt. »Gott du vergev mi«, fluchte Denker, »den Möller sin Franz.«

Die am Weg wohnenden Vierthbauern gewöhnten sich bald, wenn Franz vorbei ›krabatschte‹. Es war meistens um die Zeit, wo sie den Schatullenschlüssel ablegten und die Uhren aufzogen, zu Bett zu gehen. Die donnernde, polternde Rückkehr des wilden Reiters mahnte dagegen wie erster Hahnenschrei.

Der alte Hinnerk Steen hat es meinem Vater selbst erzählt. Hinnerk Steen hat als junger Knecht mit der Witten Struve zusammen bei Karsten Detel gedient.

Hinnerk Steen wollte nichts auf das junge Mädchen sagen. Es liege nun mal in der menschlichen Natur, daß man so hoch wie möglich zu steigen versuche, meinte er. Jung sei Witten gewesen und hübsch, und was Apartes und was Feineres, als man auf dem Dorf gewohnt sei, habe sie in ihrem Wesen gehabt. Es sei kein Wunder gewesen, daß sie über ihren Stand hinausgestrebt habe.

Franz sei bei Karsten Detels Hof ein nächtlicher und häufiger Besuch geworden. Immer zu Pferd. Im Dorf habe er freilich langsam geritten, aber wie er den Schwarzen gebraucht, das habe der Schaum bewiesen, der dem Tiere auf dem Rücken gestanden. Von dem Pferd war Hinnerk noch nach so vielen Jahren entzückt. War das ein Gaul! Ohne Abzeichen, im Rücken gerade, dabei ein Kopf, ein Beinwerk ... da sei wirklich kein Fehler an gewesen. Das bißchen Hahnentritt habe nur ein ganz feiner Kenner bemerken können.

Wenn Franz, erzählte Hinnerk, sein ›Brr!‹ gerufen hatte, stieg er ab, zog die Halfterleinen durchs Staket und ging dann zu Witten und mit ihr zusammen in das hinter der Scheune belegene Gehölz. Witten lag schon bei seiner Ankunft im Kammerfenster. Inzwischen stand der Schwarze draußen und stampfte und schwitzte und erkältete sich. Das konnte Hinnerk nun nicht mit ansehen, das ging ihm wider die Natur, dazu war er zu pferdelieb. Erst dachte er freilich: ›Laß ihn! Was gehts dich an? Es ist sein und nicht dein Pferd.‹ Es hatte mal eine Zeit gegeben, wo Hinnerk selbst auf Witten seine Augen geworfen. Das war lange her und war verschmerzt, aber daß er die Besuche mit unbändigem Pläsier sah, konnte er nicht sagen. Aber schließlich bekam seine Pferdeliebe die Oberhand, das arme Tier konnte nicht darunter leiden. Und wenn die Witten nun just mal 'n Narren in Franz gefressen hat, oder viel eher wohl in sein Geld und Gut, und wenn ihr die Mühle in die Augen sticht, und wenn sie glaubt, ein so groß Genie zur Müllersfrau zu haben – laß sie, es ist ihre Sache. Aber um den Schwarzen ist es schade.

So dachte er. Mit einem Wort, die Gutmütigkeit unsers Hinnerk war so abgrundtief, daß er anfing, hinauszugehen und dem dampfenden Schwarzen seines Nebenbuhlers eine Decke überzulegen, oder ihm das Fell mit Stroh abzureiben, ihn umher zu ziehen, das Tier schließlich gar mit Brot zu füttern.

Das gefiel dem Franz und auch dem Schwarzen. Und beide wurden dreister gegen Hinnerk und sahen seine freiwillig gespendeten Dienste als eine ihnen zukommende Schuldigkeit an. Wenn Franz vom Pferde gesprungen war, so rief er einfach: »Hinnerk!«, der Schwarze wieherte dann dazu.

»Wie sah er denn eigentlich aus?« fragte mein Vater, dem er das alles erzählte. »Was hatte er für Haare?«

Diese Frage erfüllte Hinnerk merkwürdigerweise mit Entsetzen. »Sprecht nicht von seinen Haaren, sprecht nicht von seinem Kopf ... O je, o je, wenn ich daran denke, da hab ich was gesehen, da hab ich was erlebt.«

»Ist es so fürchterlich, Hinnerk, kann mans nicht erzählen?«

»Man kanns schon erzählen und ich möchts auch wohl sagen. Aber man wird mich Lügner schelten.«

»Aber Hinnerk!«

»Nein, Lügner wohl nicht. Daß der alte Hinnerk ›lügt‹, wird man nicht sagen. Aber die Leute werden sagen: ›Er ist narrsch geworden und bildet sich was ein.‹«

»Und wenn mans sagte, Hinnerk ... was denn? Du bliebest doch der ehrliche Hinnerk.«

Hinnerk ist dicht an meinen Vater herangetreten und hat ihm ins Ohr geraunt: »Glaubt Ihr an Vorwanken?«

»Ja, Hinnerk, ich weiß nicht, ob ich glaube. Erzähl, vielleicht antworte ich nachher.«

»Ihr fragt, was Franz für Haare gehabt hat. – Nun, sie sahen aus wie Buchweizenstroh, das ein bißchen angetrocknet ist. Ich aber muß immer denken, wie er sie schnitt und wie er sie trug...

Wenn Franz ›Hinnerk‹ gerufen hatte, stand ich also auf und ging auf den Hof. Ich ging durch die kleine, dicht beim Milchkeller befindliche Tür, wir nannten sie die Buttermilchstür. Es war Sommer und die Abende klar und hell, auch wenn der Mond nicht schien. Meistens war, wenn ich aus der Buttermilchstür kam, Franz dabei, die Halfterleine seines Schwarzen um das Staket zu binden. Er trug sein Haar, wie es zur damaligen Zeit Mode war, was man ›Polkahaar‹ nannte. Auf dem Kopf dicht, wie bei Frauen, im Nacken aber kurz und gerade geschnitten und der Hals rasiert. Schön sah es nicht aus, zumal der rasierte Nacken, der sah aus, wie man Schweine schabt beim Schlachten. Und bei Franz sah er nun gar nicht gut aus, denn er hatte so 'n langen, schlenkrigen. Ich habe dabei immer merkwürdige Gedanken gehabt. Bei dem Polkahaar nun gar. Und dann im Mondschein, da fiel mir immer der Kopf auf, wie er beim Anbinden des Halfters hin- und herschlenkerte.

Franz kam vielleicht zwei mal in der Woche. Einmal dachte ich, er ist lange nicht hier gewesen, das Wetter ist schön, heute abend wird er kommen. Ich hatte mich so hineingedacht, daß ich förmlich auf der Lauer liege und immer denke, nun muß er kommen. Aber die Uhr, die bei Karsten Detel auf der Diele stand, schlug halb elf und elf... und schließlich halb zwölf... und Franz ist nicht da. Da ärgere ich mich, daß ich auf eine Sache warte, die mich gar nichts angeht, daß ich nicht schlafen kann, und schlafe erst recht nicht.

Die Dielenuhr hatte einen schweren Gang und ging und ging, und endlich schlug sie zwölf. Das klang wie Grabgeläute und klang, als ob das ganze Haus bis zum Sparrenwerk hinauf voller Glocken hänge. So rollte und summte es im Gebälk. – In dem Augenblick kommt es draußen ... trapp ... trapp ... einer zu Pferde... Ich denk nicht anders als: nun ist er da, das ist Franz.

Mit dem ruft es auch schon: ›Hinnerk!‹ Und der Schwarze wiehert. Das huppert und stößt im Pferdebauch ordentlich nach, wie es bei jedem ordentlichen Wiehern ist.

Erst schimpf ich, wie immer, in meinem Bett und mag nicht aufstehen, murmele für mich, dabei höre alles auf; zum Schluß kommt es aber, wie immer. Ich steh auf und geh durch die Buttermilchstür und seh ... seh mit den Augen, die ich noch jetzt im Kopfe habe... den Schwarzen seh ich. Er steht und scharrt. Und Franz seh ich. Er ist dabei, den Halfter um den Pfahl zu binden. Ja, so war es. Der Schwarze steht und scharrt, und Franz ist dabei und bindet den Halfter um den Pfahl. Alles hell und klar. Der Mond kam auf und schien über die Pappeln, der Schatten vom Ziehbrunnen am Sod fiel auf den Vorderbug des Schwarzen.

Und ich sehe ... Franz hat keine Polkahaare, er hat gar keinen Kopf.

Mein erstes: ich greif nach meinem. Ja, der ist da, aber die Haut über ihm zieht sich zusammen und meine Polkahaare (ich trug sie ja auch) steigen steil zu Berg. Ich sehe noch mal hin ... Franz hat keinen Kopf.

Er hat keinen Kopf und bindet doch den Schwarzen an. Dabei zieht er den Knoten fest an und faßt das Tau mit beiden Händen und lehnt sich nach hinten, wie man dabei tut. Und, ganz grausig! der lange Hals schlenkert hin und her. Er hat keinen Kopf.«

»Ihr dürft nicht lachen«, fährt Hinnerk meinen Vater an, obgleich es diesem gar nicht eingefallen war, das zu tun. »Nicht lachen, es war zu schrecklich! Ich weiß, was ich gesehen habe. Und ich habe es gesehen, so wahr ich hier sitze.«

»Es muß wohl Teufels Blendwerk gewesen sein«, fährt Hinnerk fort, »dauerte auch nur einen Augenblick, und alles war weg ... Franz und der Schwarze... Und der Mond schien beim Staket auf glatte Steine.

Wie ich ins Bett gekommen bin, weiß ich nicht. Die ganze Nacht habe ich die Decke über den Kopf gezogen. Einmal war mir, als ob die Pforte klappe... und gleich darauf schlug der Hund des Nachbarn an.«

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