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Leute eigener Art

Timm Kröger: Leute eigener Art - Kapitel 13
Quellenangabe
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typenovelette
authorTimm Kröger
titleLeute eigener Art
publisherGeorg Westermann
seriesTimm Kröger Novellen ? Gesamtausgabe
volumeDritter Band
printrun4.-13. Tausend
firstpub1900 - 1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Franz ging zum Pastor. Er wollte die Sache, seine Sache, die Sache seiner toten Mütter, einer obrigkeitlichen Person übergeben. Der Pastor stand ihm, und wenn es auch nicht mehr der alte war, von allen in Betracht kommenden Obrigkeiten am nächsten.

Ein Pastor schien ihm der Berufenste dazu. Er wußte nichts von dem Unterschied der kirchlichen und weltlichen Gewalten. Des Pastors Amt war es, auf die Sünder zu schelten, er mußte also auch wissen, was zur Sühne der Tat geschehen müsse.

Der Pastor war, wir haben es schon gesagt, ein guter Mann; er war aber auch ein bequemer Mann. Er dachte von allen Menschen und von seiner Gemeinde zumal – gut, wenn er sich auch manchmal gab, als raube ihm die Sünde seiner Kirchspielskinder den Schlaf.

Fleißige Kirchengänger hatten nun erst gar die Vermutung frommer Denkweise und frommer Taten für sich. Er war von Herzen vor Gott demütig, aber einen ganz kleinen Heiligenschein legte er sich doch bei, und ein Kirchenjurat hatte einen beinahe ebenso großen Heiligenschein, wie er selbst. Er gönnte allen Menschen Behagen und Behaglichkeit, gönnte es sich vor allen Dingen selbst und liebte es gar nicht, an Nachmittagen gestört zu werden.

Der Besuch von Franz war ihm nicht willkommen. Anfangs wußte er aus dem ihm nur oberflächlich bekannten jungen Menschen nichts zu machen; erst allmählich erhielt er eine Ahnung von seinem Anliegen.

Franz war dem ehrwürdigen und gelehrten Herrn gegenüber schüchtern. Wie er nun in der Stube vor dem aus langer Pfeife rauchenden und im friedlichen Schlafrock steckenden Pastor stand, der ein Bild des häuslichen Glücks und der Ruhe war, da zweifelte er plötzlich an seinem Recht, diese Ruhe zu stören. Da konnte er nur abgerissen, bruchstückweise sprechen, da kam von der Wucht, die in ihm steckte, nichts zum Vorschein. Nichts von dem hellen Flammenschein über dem lodernden Krater. In seiner Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit machte er den Eindruck des Hinterhältigen. Er gab sich in einer Weise, die es zweifelhaft ließ: war er ein Tölpel oder ein Bösewicht? Er brachte alles unzusammenhängend in kurzen, abgebrochenen Sätzen vor, von denen jeder wie ein Vorwurf gegen den Angeredeten klang.

Der ehrwürdige Geistliche verstand nur halb, wovon Franz redete. Aber selbst das Wenige reichte hin, ihn mit Entsetzen zu erfüllen. Daß des Kirchenjuraten Sohn verschlossen und wunderlich sei, hatte er wohl gehört. Aber das, was er jetzt erfuhr, überstieg doch alle Grenzen. Das war ja Wahnsinn, ein sündhafter und gefährlicher Wahnsinn. Dieser junge Mensch mit der engen Stirn und den Grüblerfalten über den finsteren Augen, mit der Bulldoggenenergie um Kinn und Kiefer ... – Was? – Verstand er recht? Wollte der seinen eigenen Vater, den frommen Mann, der zur Kirche, zur Buße und Beichte ging, der mit so gläubigem Herzen mit Rat und Tat überall der Kirche Bestes förderte, wollte dieser ungeratene Sohn einen so vortrefflichen Vater des Mordes beschuldigen?... Wohl, der Müller hatte Grund, sein Haupt vor Gott zu beugen: Gott gefiel es, ihn hart zu prüfen.

Aber der Pastor wollte vorerst milde urteilen, er wollte das Vorbringen des jungen Menschen für einen hysterischen Einfall, für eine Grille und die Erklärung an den Seelsorger für eine Art Beichte, eine Beichte mit der Erwartung eines Losspruchs seiner Seele von dieser teuflischen Eingebung halten. Daß Franz daran gar nicht dachte, sondern von ihm, dem vermeintlichen Organ der Obrigkeit, ein Einschreiten gegen seinen Vater verlangte, das hatte er gar nicht verstanden. Hätte er es verstanden, so würde er möglicherweise nach der Polizei gerufen haben, aber nicht gegen den alten Müller, sondern gegen den jungen Müller und dessen gemeingefährlichen Wahnsinn.

Franz kam nicht auf seine Rechnung. Er verstand nun auch den Pastor wieder nicht, gelangte daher auch nicht zu der Einsicht, daß er in Gefahr gewesen, der Polizei übergeben zu werden. Nur das fühlte er, der Herr Pastor, der sich so ereifere, sei für ihn nicht der rechte Mann.

Es ergoß sich nämlich eine fürchterliche Strafpredigt des ehrwürdigen Herrn über den jungen Menschen. Seine beispiellose Unehrerbietung gegen seinen Erzeuger, den er, der Pastor, als einen frommen Mann kenne, seine Unehrerbietung, die darin liege, daß er ihn einer schlechten Tat und nun gar eines so schändlichen Verbrechens, des größten Verbrechens, das es wohl vor Gott gebe, fähig halte, wurde ihm mit Einprägung des vierten Gebots so scharf, so drohend und so donnernd vorgehalten, wie es der im allgemeinen jede Erregung hassende Pastor nur vermochte. Denn hier wollte er wenigstens fest zugreifen. Dem Pastor ging es gut in seiner Pfarre, er war gesund und lebte in glücklichen Familienverhältnissen. Es war kein Wunder, daß er das Leben und die leiblichen Urheber dieses Lebens hoch einschätzte. Wenn er bei dieser Nachmittagspredigt das Richtige traf, dann hatte Franz Grund, Tag für Tag auf den Knien zu liegen und dem Vater für sein Dasein zu danken.

Das ging wohl eine Viertelstunde fort, so lange bis der Pastor den Jüngling, der übrigens immer gleich finster und brütend drein schaute, für genügend bestraft und erweicht hielt. Er wollte ihn nicht ohne Trost gehen lassen und gab ihm Hoffnung, wegen der durch jenen schändlichen Verdacht begangenen Todsünde bei nachhaltiger Reue Vergebung zu finden.

Bei Franz ging das meiste daneben. Er schied mit der Überzeugung, daß er bei den Obrigkeiten (dafür hielt er den Prediger) kein Entgegenkommen finde, daß die Obrigkeit es ablehne, das Rächeramt auszuüben. Nun sah er sich (er konnte nach seiner Auffassung nicht anders), nun sah er sich genötigt, selbst das zu tun, was er nun mal für notwendig hielt.

 

Die Heilige Schrift bildete noch immer, wie zur Knabenzeit, seine Richtschnur. Er las sie fleißiger als je, fand darin das, was zu seiner vorgefaßten Idee paßte, und übersah das, was er nicht suchte.

Das Ergebnis dieses Studiums war zunächst, daß die blanke Waffe verworfen wurde. Nach der Schrift sollte nur dessen Blut von Menschenhand vergossen werden, der selbst Menschenblut vergossen habe. Und das hatte sein Vater nicht getan, er hatte Gift gebraucht. In dieses Lesers Gehirn fand das Bild, fand die Analogie keinen Platz. Er verstand alles im eigentlichen Sinn und maß die Dinge genau nach dem durch ihre äußere Erscheinung gegebenen Maß.

Mit der Waffe – nein! das ging nicht. Deshalb hatte auch seine Mutter im Traum auf das gleiche Mittel hingewiesen, das der Vater selbst gebraucht hatte. Auge um Auge, Zahn um Zahn, das wollte der Herr.

Was er dazu brauchte, verschaffte er sich auf einer Reise, die er in Sachen der Mühle nach Dithmarschen unternahm.

In der Apotheke zu L... erschien ein junger Mann und gab sich für den Landmannssohn Peter Lund aus Tiebensee aus. Die Ratten, die bösen Ratten!... Als Peter Lund aus Tiebensee zeichnete er auch den ihm vorgelegten Giftschein.

Nun konnte er also das tun, was er für seine Pflicht hielt. Aber vor dem Äußersten schreckte selbst dieser Fanatiker zurück; noch war er ein schwankender Hamlet, noch suchte er Gnadenfristen für sein Opfer ausfindig zu machen und fand in den geheiligten Parabeln den guten, gerechten Gärtner, der einen keine Früchte tragenden Baum ein ganzes Jahr umhackt und umgräbt, bevor er ihn umhaut und ins Feuer wirft.

Auch sein Vater sollte Gelegenheit zur Umkehr, zur Reue, zur Buße, zum Bekenntnis haben. Wenn er nur bekenne und Buße tue, dürfe er ihm das Leben schenken ... Er wollte warten, er konnte warten, er fühlte sich sicher und froh. Die Macht hatte er in Händen, das Symbol dieser Macht war sorgfältig aufzuheben.

Die Macht... ja ... das Gift, das Wunder wirkende Gift. Er tat es in eine Schachtel und versenkte es in ein mit gebrannter Holzasche gefülltes Kistchen. Das Ganze hüllte er noch einmal in Leinen und Wachstuch ein und vergrub es nachts auf dem Grabe seiner Mutter. Es war windig, aber klar, ein dünner Goldreif des Mondes leuchtete über das Kirchendach hin zu dem düsteren Vorgang.

Einstmals war drüben im schwarzen Kirchenschiff ein armer Mensch, der nichts weiter getan hatte, als unziemlichen Scherz getrieben, die halbe Nacht hindurch von dem Teufel an die Wand geworfen worden, und seine Gedärme waren über die Kirchenbank gesponnen. Und Franz, ein wirklich Verirrter, verbarg das für seinen Vater bestimmte Gift in der Graberde seiner Mutter. Und seine Hauptsorge war, ob er nicht ein Unrecht begehe, wenn er sein Rächeramt lässig versehe.

Aber die seinem Vater gegebene Frist glaubte er rechtfertigen zu können. Sorgfältig verschloß er mit dem zurückgelegten Grasfladen die kleine Narbe. Er empfand Genugtuung. In ihrem Schöße ruhte das Mittel, das ihn zum Herrn über Leben und Tod seines Vaters machte. Nun war er getrost; sie, in deren Namen er alles tat, war mit dem Aufschub einverstanden.

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