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Leute eigener Art

Timm Kröger: Leute eigener Art - Kapitel 10
Quellenangabe
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typenovelette
authorTimm Kröger
titleLeute eigener Art
publisherGeorg Westermann
seriesTimm Kröger Novellen ? Gesamtausgabe
volumeDritter Band
printrun4.-13. Tausend
firstpub1900 - 1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ein Unbedingter

1

Im Norden unseres Landes, wo die Hochebene des Mittelrückens anfängt, wellenartig nach der Eiderniederung abzufallen, liegt ein Kirchdorf... ein alter Ort. Und der Ruhm historischer Ehrwürdigkeit ruht, wie Kellerstaub am Flaschenhals alter feiner Weine, auf seinem verwitterten Turm.

Die Gelehrten behaupten, daß wir es mit einem altberühmten Platz zu tun haben, wo die Holzeten (»so an den Hölzungen wohnen«) ihre erste Kirche erbaut haben. Und der Friedhof soll vor Einführung des Christentums eine heidnische Opferstätte gewesen sein.

Meine Heimat gehörte zu dem Kirchspiel. Wir waren Kirchspielskinder, wohnten aber nicht im Ort, wir fuhren dorthin ›to Kark un to Mark‹, was bei den schlechten Wegen zwar mehr nach einem Wagstück als nach einer Erbauung oder nach einem Vergnügen aussah.

In der ersten Stunde kamen wir nicht viel weiter als bis zum Nachbardorf, in der ersten Hälfte der zweiten ging es durch prächtigen Wald; dann fuhr man sachte den sogenannten ›Vierth‹ hinan.

Schon lange hatte sich der braune Heiderücken als breit ausladende Landschaftswelle vor unserm Auge aufgerollt. Es war die erste Bodenerhebung, die ich überhaupt sah. Und sie hat groß und gewaltig auf mich gewirkt.

Schaukelte unser Wagen auf dem Kamm dahin, dann sahen wir die roten Dächer und den Kapuzinerberg mit der ragenden, im Winde rüstig mahlenden holländischen Mühle, mit dem leuchtenden Ziegeldach des Müllerhauses. Wir sahen die Kirche und ihre Linden, hoch am Bachufer, und vor allen Dingen sahen wir den herausfordernden Hahn auf der Turmspitze.

Einmal hielt Vater hoch oben an, nahm den Peitschenstiel, fing an zu zeigen und an zu erzählen. Unsere Rosse wußten erst nicht, was sie daraus machen sollten. Es kostete einige Mühe, sie zu verständigen, daß der Peitschenstiel nichts weiter sei als der verlängerte Zeigefinger für die Geschichte des Unbedingten, die Vater zum besten gab. Mein Vater erzählte sie mit all dem Wunderbaren, wie sichs zugetragen hat oder doch vom Volk für wahr gehalten wird.

Seit den Schicksalen des Unbedingten ist lange Zeit vergangen. Zweimal, vielleicht dreimal sind die alten Familienhöfe des Kirchspiels in den Kontraktenbüchern und im Schuld- und Pfandprotokoll, zuletzt im Grundbuch von Vater auf Sohn umgeschrieben worden. Die Menschen, die es mit erlebt haben, schlafen wohl alle im Föhrenschaft. Ihre Särge und Leichen sind Staub und Erde geworden, eine neue Folge ist zu ihnen in das alte, satte, gelbe Erdreich der blutgetränkten Opferstätte gesenkt.

Es ist lange her.

Auf dem Kapuzinerberg hat in ganz alter Zeit ein Kloster gestanden; zur Zeit unserer Erzählung wohnte dort der Besitzer eines großen Hofes, zu dem auch die mit einträglichen Zwangs- und Bannrechten versehene Mühle gehörte. Die Müllerei hatte er nicht gelernt, er betrieb sie durch Gesellen. War er hiernach auch Müller im eigentlichen Sinne nicht, so wurde er doch so genannt; wir wollen es in dieser Geschichte ebenso verhalten.

Der Müller war ein lateinischer Bauer, das heißt ein halbwegs gebildeter Mann mit halbwegs städtischen Gewohnheiten. Er hielt sich auch für was Besseres als die Bauern im Dorf und suchte Anschluß an vornehme Leute. Den Organisten und den Kirchspielschreiber hatte er, aber die rechnete er eigentlich nicht. Ihm kam es auf den Kirchspielvogt und auf den Pastor an.

Der Kirchspielvogt, nach der damaligen staatlichen Ordnung der Dinge Inhaber der allgemeinen Staatsverwaltung und der niederen Justiz, war in seinem Juristenhochmut für die Annäherungsversuche des Müllers ein untaugliches Objekt. Aber bei dem Pastor, da gelang es; da war es von Vornherein gelungen. Der zu Beginn unserer Erzählung das Amt versehende Seelsorger hatte bereits ein freundschaftliches Verhältnis zu seinem Amtsvorgänger vorgefunden, er hatte es gern in Anrechnung auf die vierundzwanzig Himpten Roggen und vier Himpten Buchweizen, die die Mühle nebst acht Gänsen an das Pastorat zu leisten hatte, übernommen. Er hatte seinen Augen, seinem Kinn und seinen Mundwinkeln eine nach unten gehende Richtung gegeben. Da nun der Müller ein angesehener Mann in seiner Gemeinde war, da er fleißig zur Kirche ging, sich auch sonst bei kirchlichen Handlungen mit Andacht beteiligte, da er ein frommes Gesicht hatte, und da es ihm gelungen war, die Linien in diesem Gesicht nach dem Muster des Kirchenherrn abwärts zu ziehen, so stieg er zum Range eines ›Kirchenjuraten‹, was der Sache nach einen Kirchenältesten bedeutete, auf.

Es gab aber auch etwas her, wenn der Müller zur Kirche ging. Er stand in der Mitte der fünfziger Jahre, hatte graues, volles Haar, die Hautfarbe zwar falb, das Gesicht selbst aber wohlgenährt und regelmäßig. Mit weißem Hemdkragen und schwarzem Rock, in einem Anzug, der immer glatt und reinlich und gebürstet und neu aussah, das alte Familiengesangbuch mit schwerem Silberbeschlag und Goldschnitt in frommen Händen oder unter demütigem Arm, so betrat er das Gotteshaus.

 

Der Geistliche hatte die Seelen seiner Gemeinde etwa ein Dutzend Jahre geweidet, da beförderte ihn das Konsistorium nach der Stadt.

Der Pastor war mitten im Umzug und packte, er stand zwischen seinen Kisten und Kasten, da erhielt er den Besuch des Juraten. Der Jurat wünschte zum Abschied noch ein vertrauliches Gespräch über einen Gegenstand, der ihm nahe ging. Er wollte wissen, was mit seinem Jungen anzufangen sei.

Mit Franz stand es nämlich nicht so, wie zu wünschen gewesen wäre.

Dessen Seele hatte so viele Seiten, daß man ihn kaum wieder erkannte, je nachdem die eine oder die andere hervortrat. Er tummelte sich gern auf wilden Pferden und hockte ebenso gern, Bibel lesend, in der Stube. Die einen hielten ihn für schüchtern und verschüchtert, die anderen für frech und verwegen, die für gutmütig und gefällig, frei und offen, und die für boshaft und gefährlich und hinterhältig. Die einen lobten seine gefällige, ruhige Bescheidenheit, die anderen tadelten seinen finsteren, brütenden Ernst. Menschenscheu und Vergnügungssucht – es gab fast keine Eigenschaft, die nicht mal den hervorstechenden Zug seines Wesens ausgemacht zu haben schien. Er rannte, wie hinter Scheuklappen nicht neben sich, nicht um sich, nur vor sich sehend, seine Straße daher.

Wie über seinen Charakter, so gingen die Meinungen auch über seine geistigen Fähigkeiten auseinander. Franz war in einzelnen Sachen ein seltenes Talent, in anderen dagegen hoffnungslos vernagelt. In Dingen dieser Welt ein Naiver, ein Kindskopf, der aller Erziehungsversuche spottete, hatte er eine geradezu erstaunliche Fähigkeit, sich im Gehege seines Gedankenganges gut und eindringlich auszusprechen.

»Er hat das Zeug zu einem Wüstenprediger«, hatte der Pastor mal gesagt. Religiöse Fragen gingen ihm ans Herz. Gott und Gottes Beziehungen zu uns machten die schläfrig hinstarrenden Augen dieses Grüblers aufleuchten. Aber auch hier rannte er mit Scheuklappen den ihm gewiesenen Weg. Zu versuchen, über den Zaun zu sehen, den die Kirche gezogen hat – nichts lag ihm ferner als das. Seiner hohen, engen Stirn fehlte die breite, gewölbte Form. Die Bilder und die Sprache der Bibel waren ihm geläufig, er hatte einen schier elementaren Drang, in ihren Wendungen seine Gedanken rednerisch zu entwickeln. Er konnte es auch, wenn er sich das Recht zuschrieb, hervorzutreten. Zweifelte er aber an diesem Recht, so klangen seine Versuche in verunglücktem Stottern aus.

Der Pastor hatte sich Mühe gegeben, ihn in Latein und Griechisch, in den freien Wissenschaften zu unterrichten. Es sollte ein Theologe aus ihm werden. Aber nach zwei Jahren war Franz als hoffnungslos aufgegeben. Sein Interesse und seine Begabung waren zu ungleich.

Der Entwicklung dieses Sohnes sah der Alte mit Unruhe zu, um so mehr, als noch ein Umstand hinzukam, der dem Pastor nicht bekannt geworden war: Franz hegte gegen seinen Vater eine tiefe Abneigung.

Der Kirchenjurat rauchte, mit seinem Pastor zusammen auf Kisten sitzend, eine Zigarre, nahm auch noch eine Wegzigarre mit, aber just nicht viel Beruhigung.

»Ihr Franz«, hatte der Pastor gesagt, »ist ein guter und doch ein gefährlicher Mensch. – Er ist ein ›Unbedingter‹. Unbedingt nenne ich die, die das, was sie für recht und sittlich halten, ausführen, ohne durch Nebenrücksichten gehemmt zu sein. Ich meine, ohne durch das uns Menschen sonst bindende Abhängigkeitsgefühl von dem, was allgemein anerkannt ist, beirrt zu werden, und ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen, daß sie irren könnten. Ein ausgeprägtes Rechtsgefühl, begeisterte Verehrung des Rechts, das ist der Seeleninhalt solcher Menschen und der Ausgangspunkt ihrer Handlungen. – Ich weiß nicht, ob Sie mich ganz verstehen, lieber Freund.«

»Ich glaube, ich verstehe«, hatte der Müller eingeworfen.

»Gefährlich können diese Verehrer des Rechts werden«, so lauteten die weiteren Auseinandersetzungen des Seelenhirten, »weil sie das, was sie selbst für recht halten, für etwas unter allen Umständen Feststehendes ansehen. Die Fähigkeit der Selbstkritik, die Auffassung für den Widerstreit entgegenstehender Rechte geht ihnen ab.

Ihr Franz ist einer Sprengmine zu vergleichen. Sie ist dazu bestimmt, nützliche Bauarbeit zu leisten, und wird es tun, wenn sie am rechten Ort und zur rechten Zeit zur Entladung gebracht wird. Sie kann aber auch unzeitig losgehen und Unglück anrichten. Ihn recht zu leiten, dazu gehören ein wachsames Auge und eine liebevolle Hand. Lassen Sies daran nicht fehlen, lieber Freund. Und achten Sie, daß kein unzeitiger Funke die ganze rücksichtslose Kraft dieser jungen Seele zur Explosion bringt.«

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