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Letzte Stücke

E.T.A. Hoffmann: Letzte Stücke - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorE. T. A. Hoffmann
titleLetzte Stücke
publisherWeltbild
seriesSämtliche poetische Werke
volume3
editorHannsludwig Geiger
year1998
isbn3-8289-007-0
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060915
projectid4f42f0be
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Meister Johannes Wacht

Zu der Zeit, als die Leute in der schönen freundlichen Stadt Bamberg, um mit dem bekannten Sprichwort zu reden, gut, d. h. unter dem Krummstab wohnten, nämlich gegen das Ende des verflossenen Jahrhunderts, lebte daselbst ein Mann, der, dem Bürgerstande angehörend, in jeder Hinsicht selten und ausgezeichnet zu nennen.

Er hieß Johannes Wacht und war seiner Profession nach ein Zimmermann. –

Die Natur verfolgt, ihrer Kinder Schicksal erwägend und bestimmend, ihren eignen dunkeln, unerforschlichen Weg, und das, was Konvenienz, was im beengten Leben geltende Meinungen und Rücksichten als wahre Tendenz des Seins feststellen wollen, ist ihr nur das vorwitzige Spiel sich weise dünkender betörter Kinder. Aber der kurzsichtige Mensch findet oft in dem Widerspruch der Überzeugung seines Geistes mit jenem dunkeln Walten der unerforschlichen Macht, die ihn erst an ihrem mütterlichen Busen gehegt und gepflegt und ihn dann verlassen, eine heillose Ironie; und diese Ironie erfüllt ihn mit Grausen und Entsetzen, weil sie sein eignes Ich zu vernichten droht.

Nicht die Paläste der Großen, nicht fürstliche Prunkgemächer wählt die Mutter des Lebens für ihre Lieblinge. – So ließ sie unsern Johannes, der, wie der geneigte Leser es erfahren wird, wohl einer ihrer begünstigtsten Lieblinge zu nennen, auf dem elenden Strohlager, in der Werkstatt eines verarmten Drechslermeisters zu Augsburg, das Licht der Welt erblicken. Die Frau starb vor Jammer und Not gleich nach der Geburt des Kindes, und der Mann folgte ihr nach wenigen Monaten.

Der Rat mußte sich des hilflosen Knaben annehmen, dem der erste Sonnenblick eines künftigen günstigen Geschicks aufging, als der Rats-Zimmermeister, ein wohltätiger ehrwürdiger Mann, es nicht zugab, daß das Kind, in dessen Antlitz, unerachtet es von Hunger entstellt, er dennoch Züge fand, die ihm gefielen, in einer öffentlichen Anstalt untergebracht werde, sondern es in sein Haus nahm, um es selbst mit seinen Kindern zu erziehen.

In unglaublich kurzer Zeit entwickelte sich nicht allein die Gestalt des Kindes, so daß man kaum glauben mochte, das kleine unscheinbare Wesen in der Wiege sei wirklich die farb- und formlose Puppe gewesen, aus der, wie ein schöner Schmetterling, der lebendige bildhübsche goldgelockte Knabe hervorgegangen. Doch wichtiger schien, als mit dieser Anmut der Gestalt sich bald bei dem Knaben eine Eminenz der Geistesfähigkeiten zeigte, die den Pflegevater sowohl als seine Lehrer in Erstaunen setzte. Johannes wuchs in einer Werkstatt auf, aus der, da der Rats-Zimmermeister beständig mit den wichtigsten Bauten beschäftigt war, das Grandioseste hervorging, was das Handwerk zu liefern vermag. Kein Wunder, daß des Knaben alles lebendig auffassender Sinn dadurch aufgeregt wurde und er sich mit ganzer Seele zu einer Profession hingezogen fühlte, deren Tendenz, insofern sie Großes und Kühnes zu schaffen vermag, er in tiefer Seele ahnete. Man kann denken, wie diese Neigung des Knaben den Pflegevater erfreute; er fühlte sich dadurch bewogen, im Praktischen selbst sein sorgfältiger aufmerksamer Lehrmeister zu sein, so wie er den Knaben, da er zum Jüngling heranreifte, in allem, was zum höhern Einsehen und Treiben des Handwerks gehört, wie z. B. in der Zeichenkunst, Architektur, Mechanik usw., von den geschicktesten Meistern unterrichten ließ.

Vierundzwanzig Jahre war unser Johannes alt, als der alte Zimmermeister starb, und schon damals war sein Pflegesohn ein in allen Teilen seines Handwerks völlig erfahrner, durchaus geübter Geselle, der weit und breit seinesgleichen suchte. Er trat zu der Zeit mit seinem treu verbundenen Kameraden Engelbrecht die gewöhnliche Wanderschaft an.

Genug weißt du, geliebter Leser, aus der Jugendzeit des wackern Wacht, und es dürfte nur noch nötig sein, mit kurzen Worten zu sagen, wie es kam, daß er in Bamberg ansässig und Meister wurde.

Als er nämlich nach langer Wanderung auf der Rückkehr in die Heimat mit seinem Kameraden Engelbrecht durch Bamberg kam, war man dort gerade mit der Hauptreparatur des bischöflichen Palastes beschäftigt, und zwar sollte eben an der Seite, wo die Mauern aus der Tiefe eines engen Gäßchens himmelhoch emporsteigen, ein ganz neuer Dachstuhl aus den größten schwersten Balken gesetzt werden. Es galt eine Maschine, die, den möglichst kleinsten Platz einnehmend, mit konzentrierter Kraft die großen Lasten in die Höhe hob. Der fürstliche Baumeister, der auf ein Däuschen herzurechnen wußte, wie die Trajanssäule in Rom zum Stehen gebracht und wie dabei hundert Fehler begangen worden, die er nimmermehr sich hätte zuschulden kommen lassen, hatte auch wirklich eine Maschine, eine Art von Kran, hingestellt, welche sehr hübsch aussah und von allen als ein mechanisches Meisterstück gerühmt wurde. Als aber die Leute die Maschine in Bewegung setzen sollten, fand es sich, daß der Herr Baumeister auf lauter Simsone und Herkulesse gerechnet hatte. Das Räderwerk gab ein gräßliches kreischendes Jammergeschrei von sich, die eingehakten großen Balken blieben sitzen, die Arbeiter erklärten im Schweiß ihres Angesichts, daß sie lieber Holländerbäume steile Treppen herauftragen als in der Maschine die angestrengteste Kraft nutzlos vergeuden wollten, und dabei blieb es.

In einiger Entfernung schauten Wacht und Engelbrecht dem Wesen oder vielmehr dem Unwesen zu, und es mag wohl sein, daß Wacht über die Unkenntnis des Baumeisters ein wenig lächelte.

Ein eisgrauer Altgeselle erkannte an der Kleidung der Fremden das Handwerk, trat ohne weiteres auf sie zu und fragte den Wacht, ob er das Ding mit der Maschine dort denn besser verstehe, da er so klug drein sehe. »Ei nun«, erwiderte Wacht ganz unbefangen, »ei nun, mit dem Besserverstehn ist es immer ein mißliches Ding, denn jeder Narr glaubt, er verstehe alles am allerbesten, aber mich nimmt's nur wunder, daß ihr hierzulande die einfache Vorrichtung nicht kennt, welche das mit Leichtigkeit bewirkt, warum der Herr Baumeister dort vergebens die Leute sich abquälen läßt.«

Den eisgrauen Altgesellen verschnupfte die kecke Antwort des jungen Menschen nicht wenig; er wandte sich murrend weg, und bald wußte jeder, daß ein fremder junger Zimmergeselle den Baumeister mit samt seiner Maschine verhöhnt und sich gerühmt, eine wirksamere Vorrichtung zu kennen. So wie es in der Regel, achtete kein Mensch darauf; sondern der würdige Baumeister sowie die ehrliche Zimmermannszunft zu Bamberg meinte, der aus der Fremde würde auch nicht alle Weisheit gefressen haben und alte erfahrene Meister eines Bessern belehren wollen. »Siehst du nun wohl«, sprach Engelbrecht zu seinem Kameraden, »siehst du nun wohl, Johannes, wie dein Vorwitz schon wieder die Leute, welche wir noch dazu als Handwerksgenossen begrüßen müssen, gegen dich aufgebracht hat?«

»Wer kann«, erwiderte Johannes mit funkelndem Blick, »wer mag es ruhig ansehen, wenn das arme bedauernswürdige Handlangervolk ohne Not über alle Gebühr geschunden und geplagt wird! Und wer weiß, was mein Vorwitz nicht noch für ersprießliche Folgen haben wird.« – Es traf wirklich so ein!

Ein einziger Mann von solch eminentem Geist, daß seinem Scharfblick kein noch so flüchtig hingeworfener Funke entging, faßte die Äußerung des Jünglings, die ihm von dem Baumeister selbst als ein vorwitziges Wort eines jungen Kiekindiewelt hinterbracht wurde, gar anders auf als die übrigen. Dieser Mann war der Fürstbischof selbst. Er ließ den Jüngling vor sich kommen, um ihn näher über seine Äußerung zu befragen, und wurde nicht wenig von seinem Anblick, von seinem ganzen Wesen in Erstaunen gesetzt. Der geneigte Leser muß erfahren, woher dies Erstaunen rührte, und es ist an der Zeit, von Johannes Wachts ganzem Innern und Äußern mehr zu sagen.

Johannes war, was Antlitz und ganze Gestalt betrifft, ein ausgezeichnet schöner Jüngling zu nennen, und doch erhielten diese edlen Züge, dieser majestätische Wuchs erst im männlicheren Alter die volle Bedeutung. Ästhetische Kapitulare nannten den Johannes einen alten Römerkopf, ein jüngerer Domizellar, der auch im strengsten Winter ganz schwarz in Seide einherzugehen pflegte und der Schillers ›Fiesco‹ bereits gelesen, versicherte dagegen, Johannes Wacht sei der leibhaftige Verrina.

Nicht Schönheit und Anmut der äußern Gestalt übt aber jenen geheimnisvollen Zauber, vermöge dessen manche hochbegabten Menschen jeden, dem sie entgegentreten, auf der Stelle für sich einnehmen. Man fühlt in gewisser Art ihre Überlegenheit; aber dies Gefühl ist keineswegs, wie man denken sollte, lästig, sondern erregt, indem es den Geist erhebt, ein gewisses Behagen, das dem ganzen Innern unendlich wohl tut. Die vollkommenste Harmonie verbindet alle Teile des physischen und psychischen Organismus zum Ganzen, so daß die Erscheinung, wie ein reiner Akkord, keinen Mißklang duldet. Diese Harmonie schafft jenen unnachahmlichen Anstand, jenes – man möchte sagen – Bequeme in der kleinsten Bewegung, worin sich das Bewußtsein der wahrhaften menschlichen Würde kundtut. Diesen Anstand lehrt kein Tanzmeister und kein Prinzenhofmeister, und er dürfte wohl deshalb recht eigentlich der vornehme Anstand sein, weil ihn die Natur selbst als solchen gestempelt. Es ist hier nur noch hinzuzufügen, daß Meister Wacht, unerschütterlich in Edelmut, Treue und Bürgersinn, mit jedem Jahre mehr ein Mann des Volks wurde. Er trug alle Tugenden, aber auch jene unbesiegbaren Vorurteile in sich, die gewöhnlich die Schattenseite solcher Männer zu sein pflegen. Der geneigte Leser wird bald erfahren, worin diese Vorurteile bestanden. –

Erklärt möchte nun auch hinlänglich sein, warum des Jünglings Erscheinung auf den würdigen Fürstbischof solch einen ungewöhnlichen Eindruck machte. Lange betrachtete er den jungen stattlichen Handwerksmann schweigend mit sichtbarem Wohlgefallen, dann fragte er ihn über sein ganzes bisheriges Leben aus. Johannes antwortete auf alles freimütig und bescheiden und setzte zuletzt dem Fürsten mit überzeugender Klarheit auseinander, wie des Baumeisters Maschine vielleicht zu andern Zwecken tauglich, die beabsichtigte Wirkung aber niemals hätte hervorbringen können.

Auf die Äußerung des Fürsten, ob Wacht sich wohl getraue, selbst eine zweckmäßigere Maschine anzugeben, die die Lasten emporbringe, erwiderte dieser, daß er, um eine solche Maschine herzustellen, nur eines Tages unter Hilfe seines Kameraden Engelbrechts und einiger geschickter und williger Handlanger bedürfe.

Man kann denken, mit welcher boshaften Schadenfreude im Innern der Baumeister und was ihm anhängig den Morgen kaum erwarten konnten, an dem der vorlaute Fremde mit Schande und Spott nach Hause geschickt werden würde. Es kam aber anders, als wie es diese gutherzigen Leute gedacht und auch wohl gewünscht hatten.

Drei zweckmäßig angebrachte, in der Wirkung ineinandergreifende Erdwinden, jede nur mit acht Arbeitern bemannt, hoben die schweren Balken so leicht bis zur schwindelnden Höhe des Daches, daß diese in den Lüften zu tanzen schienen. Seit diesem Augenblick war des braven geschickten Handwerksmanns Ruf in Bamberg begründet. Der Fürst drang in ihn, in Bamberg zu bleiben und das Meisterrecht zu erlangen, wozu er ihm selbst allen nur möglichen Vorschub leisten wolle. Wacht war zweifelhaft, unerachtet es ihm in dem freundlichen wohlfeilen Bamberg sehr wohl gefiel. Ansehnliche Bauten, die eben im Werke, legten für das Bleiben ein großes Gewicht in die Waagschale; den Ausschlag gab aber ein Umstand, der im Leben gar oft zu entscheiden pflegt. Johannes Wacht fand nämlich ganz unvermutet in Bamberg die bildhübsche ehrsame Jungfrau wieder, die er vor mehreren Jahren in Erlangen gesehen und welcher er schon damals zu tief in die freundlichen blauen Augen geguckt hatte. Mit zwei Worten, – Johannes Wacht ward Meister, heiratete die ehrsame Jungfrau aus Erlangen und brachte es durch Fleiß und Geschicklichkeit bald dahin, daß er ein artiges Haus, welches auf dem Kaulberge gelegen, mit einem großen Hofraum nach den Bergen hinaus kaufen und sich so ganz ansiedeln konnte. Doch wem leuchtet unwandelbar im gleichen Glanz des Glücks freundlicher Stern! Der Himmel hatte beschlossen, unsern wackern Johannes einer Prüfung zu unterwerfen, der vielleicht jeder andere, weniger stark an Geist, unterlegen haben würde. Die erste Frucht der glücklichsten Ehe war ein Sohn, der, ein herrlicher Jüngling, ganz in die Fußstapfen des Vaters treten zu wollen schien. Achtzehn Jahr war dieser Jüngling alt geworden, als in einer Nacht nicht fern von Wachts Hause ein bedeutendes Feuer ausbrach. Vater und Sohn eilten, ihrem Beruf gemäß, zur Dämpfung des Brandes herbei. Kühn kletterte der Sohn mit andern Zimmerleuten herauf, um das brennende Dachgerippe soviel als möglich wegzuschlagen. Der Vater, der unten geblieben, um, wie es immer zu geschehen pflegte, das Hinreißen und Löschen zu leiten, warf einen Blick hinauf, erkannte die entsetzliche Gefahr, schrie: »Johannes, Leute, hinab, hinab!« Zu spät – mit fürchterlichem Krachen stürzte die Brandmauer ein – erschlagen lag der Sohn in den Flammen, die wie im gräßlichen Triumph stärker prasselnd emporloderten. –

Doch nicht dieser entsetzliche Schlag allein sollte den armen Johannes Wacht treffen. Eine unvorsichtige Magd drang mit wütendem Jammergeschrei in die Stube, wo die Hausfrau, erst halb genesen von einer zerstörenden Nervenkrankheit, in Angst und Not lag über das Feuer, dessen dunkelroter Widerschein sich an den Wänden spiegelte.

»Euer Sohn, Euer Johannes ist erschlagen, begraben in den Flammen hat ihn mit seinen Kameraden die Brandmauer!«

So schrie die Magd.

Wie von jäher Gewalt getrieben, richtete sich die Hausfrau aus dem Bett hoch empor; doch tief aufseufzend sank sie wieder zurück auf das Lager.

Der Nervenschlag hatte sie getroffen, – sie war tot.

»Sehen wir nun«, sprachen die Bürger, »wie Meister Wacht sein großes Leid tragen wird. Oft genug hat er uns gepredigt, daß der Mensch dem größten Unglück nicht erliegen, sondern sein Haupt emporhalten und mit der Kraft, die der Schöpfer in jedes Brust gelegt, dem bedrohlichen Verderben so lange widerstehen müsse, als dieses nicht augenscheinlich im ewigen Rat beschlossen. Laßt uns sehen, was er nun für ein Beispiel geben wird!«

Nicht wenig war man verwundert, als man zwar den Meister selbst nicht in der Werkstatt, wohl aber die ununterbrochene Tätigkeit der Gesellen wahrnahm, so daß nicht die mindeste Stockung entstand, sondern die begonnenen Werke so, als ob dem Meister kein Leid widerfahren, gefördert wurden.

»Engelbrecht«, sprach der Meister an demselben Mittage, als er in der Frühe mit standhaftem Mute, festen Schrittes, allen Trost, alle Hoffnung, die ihm sein Glaube, die wahrhafte Religion, die in seinem Innern festgewurzelt blieb, gewährte, in dem verklärten Antlitz, den Leichen seines Weibes und seines Sohnes gefolgt; »Engelbrecht, es ist nun vonnöten, daß ich mit meinem Gram, der mir das Herz abstoßen will, allein bleibe, damit ich vertraut mit ihm werde und mich gegen ihn ermanne. Du, Bruder, bist ja mein wackerer tätiger Werkmeister und weißt wohl, was in acht Tagen zu tun; denn so lange schließ' ich mich in mein Kämmerlein.« –

In der Tat verließ Meister Wacht acht Tage hindurch nicht seine Stube. Das Essen brachte die Magd oft unangerührt wieder hinab, und man vernahm oft auf dem Hausflur seine leise, wehmütige, tief ins Herz dringende Klage: »O mein Weib! o mein Johannes!«

Viele von Wachts Bekannten waren der Meinung, daß man ihn durchaus dieser Einsamkeit nicht überlassen müsse, die ihn, da er beständig seinem Gram nachhänge, zerstören könne. Engelbrecht entgegnete indessen: »Laßt ihn gewähren, ihr kennt meinen Johannes nicht, schickte ihm die Macht des Himmels nach ihrem unerforschlichen Ratschluß diese harte Prüfung, so gab sie ihm auch die Kraft, sie zu überstehen, und jeder irdische Trost würde ihn nur verletzen. Ich weiß, auf welche Weise er sich hinausarbeitet aus seinem tiefen Schmerz.« –

Letzteres sprach Engelbrecht mit beinahe schlauer Miene, ohne sich weiter darüber auslassen zu wollen, was er damit meine. Die Leute mußten zufrieden sein und den unglücklichen Wacht in Ruhe lassen.

Acht Tage waren vergangen; am neunten, und zwar an einem heitern Sommermorgen, früh um fünf Uhr trat Meister Wacht ganz unvermutet hinaus in den Werkhof unter die Gesellen, die in voller Arbeit. Die Äxte, die Sägen sanken ihnen nieder, und halb wehmütig riefen sie: »Meister Wacht, unser guter Meister Wacht!« –

Mit heiterm Antlitz, auf dem die Spuren des überstandenen Grams den Ausdruck inniger Gutmütigkeit bis zum rührendsten Charakter erhöhten, trat er unter seine Getreuen und verkündigte, wie der gütige Himmel den Geist der Gnade und des Trostes auf ihn herabgesandt, und wie er nun, gestärkt mit Mut und Kraft, seinen Beruf erfüllen werde. Er begab sich nach dem Gebäude, das in der Mitte des Hofes zum Aufbewahren des Handwerkszeugs, zum Aufzeichnen der Werke usw. bestimmt war.

Engelbrecht, die Gesellen, die Lehrburschen folgten ihm wie im Zuge; als er eintrat, blieb er fast eingewurzelt stehen.

Man hatte im Schutt des abgebrannten Hauses die Axt des armen Johannes, welche an ganz entscheidenden Zeichen kennbar, mit halbverbranntem Stiel, vorgefunden. Diese war von seinen Kameraden hoch an der der Türe gegenüberstehenden Wand befestigt und rundumher mit ziemlich roher Kunst ein Kranz von Rosen und Zypressen gemalt worden. Unter dem Kranz hatten sie aber Namen, Geburtsjahr ihres geliebten Kameraden, sowie das Datum der unglückseligen Nacht seines gewaltsamen Todes gesetzt.

»Armer Hans«, rief Meister Wacht, als er dies rührende Monument wahrhaft treuer Gemüter erblickte, und ein Tränenstrom stürzte ihm aus den Augen, »armer Hans, zum letzten Male erhobst du jenes Werkzeug zum Wohl deiner Brüder, aber du ruhst im Grabe, und nimmer wirst du mehr an meiner Seite in wackerer Tätigkeit tüchtige Werke fördern helfen!« –

Damit ging Meister Wacht die Reihe umher, schüttelte jedem Gesellen, jedem Lehrburschen treuherzig die Hand und sprach: »Denkt an ihn!« – Alles ging nun wieder an die Arbeit, nur Engelbrecht mußte bei Wacht zurückbleiben.

»Sieh nur, mein alter Kamerad«, sprach Wacht, »welchen wunderbaren Weg die ewige Macht gewählt hat, um mich mein großes Leid überstehen zu lassen. In den Tagen, als mich der Gram über Weib und Kind, das ich auf solch entsetzliche Weise verloren, ganz und gar zermalmen wollte, gab mir der Geist den Gedanken eines besonders künstlichen und zusammengesetzten Hängewerks ein, über welches ich schon lange gegrübelt, das mir aber nie ins klare kommen wollte. Schau' her!« –

Damit rollte Meister Wacht die Zeichnung auf, an der er die Tage über gearbeitet hatte, und Engelbrecht erstaunte ebensosehr über die Kühnheit und Originalität der Erfindung als über die ausnehmende Sauberkeit der vollendeten Arbeit. So künstlich, so sinnig war die Mechanik des Werkes angelegt, daß selbst der vielerfahrene Engelbrecht sich nicht gleich darin finden konnte, desto mehr aber in freudige Verwunderung ausbrach, als, nachdem ihm Meister Wacht das kleinste Detail des ganzen Baues erklärt, er sich von der Unfehlbarkeit des Gelingens in der Ausführung überzeugen mußte. –

Wachts ganze Familie bestand jetzt nur noch aus zwei Töchtern, doch sollte dieser Hausstand gar bald vermehrt werden.

So arbeitsam, so geschickt auch Meister Engelbrecht sein mochte, doch gelang es ihm nicht, die niedrigste Stufe der Wohlhabenheit zu erlangen, welche gleich in der ersten Zeit Wachts Unternehmungen krönte. Der ärgste Feind des Lebens, gegen den keine menschliche Kraft etwas vermag, lehnte sich gegen ihn auf, um ihn zu verderben, und verdarb ihn wirklich; nämlich Siechheit des Körpers. Er starb und hinterließ die Frau mit zwei Knaben in beinahe dürftigen Umständen; die Frau begab sich in ihre Heimat, und Meister Wacht hätte gern beide Söhne in sein Haus genommen, dies war aber nur mit dem ältesten, Sebastian geheißen, tunlich. Dieser war ein kräftiger kluger Junge, der, zum Handwerk des Vaters geneigt, ein tüchtiger Zimmermann zu werden versprach. Eine gewisse Störrigkeit des Charakters, die zuweilen bis ans Bösartige zu grenzen schien, sowie ein gewisses rohes Wesen, oft bis zur Wildheit gesteigert, glaubte Wacht durch eine weise Erziehung besiegen zu können. Der jüngere Bruder, namens Jonathan, war gerade das Gegenteil des ältern; ein kleines bildhübsches, schwächliches Bübchen, dem die Milde und Herzensgüte aus den blauen Augen lachte. Diesen Knaben hatte schon bei Lebzeiten des Vaters der ehrwürdige Doktor des Rechts, sowie erster und ältester Advokat am Orte, Herr Theophilus Eichheimer, zu sich genommen, um ihn, da er einen vorzüglichen Geist, sowie den entschiedensten Hang zu den Wissenschaften zeigte, zum Rechtsgelehrten zu erziehen.

Hier zeigte sich nun eines jener unbesiegbaren Vorurteile unseres Wacht, von denen schon oben die Rede gewesen. Wacht trug nämlich die vollkommenste Überzeugung in sich, daß alles, was man unter dem Namen Rechtsgelehrsamkeit verstehe, nichts anders als künstlich ergrübelte Menschensatzung wäre, die nur dazu diene, das wahre Recht, das in jedes Tugendhaften Brust geschrieben stehe, zu verwirren. Konnte er die Einrichtung der Gerichtshöfe auch nicht geradehin verwerfen, so hatte er doch seinen ganzen Haß auf die Advokaten geworfen, welche er insgesamt, wo nicht gerade für elende Betrüger, doch für solche nichtswürdigen Menschen hielt, die mit dem Heiligsten und Ehrwürdigsten auf der Welt schändlichen Wucher trieben. Man wird sehen, wie der verständige, sonst alle Lebensverhältnisse klar durchschauende Wacht in diesem Punkt dem rohesten aus dem gemeinsten Volke glich. Daß er fürs andere unter den Anhängern der katholischen Kirche keine Frömmigkeit, keine Tugend statuierte, daß er keinem Katholiken traute, möchte ihm eher zu verzeihen sein, da er in Augsburg die Grundsätze eines beinahe fanatischen Protestantismus eingesogen. Man kann denken, wie es dem Meister Wacht das Herz zerschnitt, den Sohn seines treuesten Freundes eine Laufbahn beginnen zu sehen, die er so tief verabscheute.

Doch war ihm des Verstorbenen Wille heilig, und es war so viel gewiß, daß der schwächliche Jonathan nicht zu irgendeinem Handwerk, das nur einigermaßen körperliche Kraft erforderte, erzogen werden konnte; sowie daß, wenn der alte Herr Theophilus Eichheimer mit dem Meister über das göttliche Geschenk der Wissenschaften sprach und dabei den kleinen Jonathan als einen frommen verständigen Knaben lobte, der Meister in dem Augenblick den Advokaten die Rechtsgelehrsamkeit und sein Vorurteil vergaß. Meister Wacht hatte seine ganze Hoffnung darauf gestellt, daß Jonathan, des Vaters Tugenden im Herzen, ein Metier in dem Augenblick verlassen werde, als er, an Jahren gereift, dessen ganze Schändlichkeit einzusehen imstande. –

War Jonathan ein stiller, frommer, dem häuslichen Studieren ergebener Junge, so trieb es Sebastian desto ärger mit ausgelassenem, tollem Wesen. Da er aber rücksichts seines Handwerks ganz der Vater wurde, und an dem Fleiß, sowie an der Nettigkeit seiner Arbeit, nie etwas auszusetzen war, so maß Meister Wacht die bisweilen doch zu argen Streiche dem ungeläuterten Feuer der aufbrausenden Jugend bei, vergab sie dem Jüngling und meinte, er werde sich auf der Wanderschaft wohl die Hörner ablaufen.

Diese Wanderschaft trat Sebastian bald an, und Meister Wacht hörte auch nicht früher etwas von ihm, als bis er, majorenn geworden, von Wien aus sich sein kleines väterliches Erbteil ausbat, welches ihm Meister Wacht von Heller zu Pfennig übersandte, und worüber er eine von den Gerichten zu Wien ausgefertigte Quittung erhielt. –

Eben eine solche Verschiedenheit der Gemütsart, die die Engelbrechts trennte, fand auch bei Wachts beiden Töchtern statt, von denen die älteste Rettel, die jüngere aber Nanni geheißen.

In aller Eil' kann hier bemerkt werden, daß nach der allgemeinen in Bamberg herrschenden Meinung der Vorname Nanni der allerschönste und herrlichste ist, den ein Mädchen führen kann. Fragst du daher, geliebter Leser, in Bamberg ein hübsches Kind: »Wie heißen Sie, mein süßer Engel?« so wird die Holde verschämt die Augen niederschlagen, an der schwarzseidnen Schürze zupfen und, etwas errötend, freundlich lispeln: »I nun, Nanni, Ihr Gnoden!« –

Rettel, Wachts älteste Tochter, war ein kleines rundes Ding mit hochroten Wangen und recht freundlichen schwarzen Äuglein, mit denen sie in den Sonnenschein des Lebens, wie er ihr aufgegangen, keck hineinschaute, ohne zu blinzeln. Sie war rücksichts ihrer Bildung und ihres ganzen Wesens auch nicht eine Linie hoch über die Sphäre des Handwerks gestiegen. Sie klatschte mit den Frau Basen, putzte sich gern, wiewohl in bunten Staat ohne Geschmack; ihr eigentliches Element, worin sie lebte und webte, war aber die Küche. Keiner, und auch der ausgelerntesten Köchin weit und breit, konnte der Hasen- und Gänsepfeffer so schmackhaft geraten, über die Sulzen herrschte sie nach freier Willkür, Gemüse wie z. B. Mirschieg, Keesköhl, bereitete Rettels kunstreiche Hand ohnegleichen, da ein feiner untrüglicher Sinn sie über das plus oder minus des Fetts auf der Stelle entscheiden ließ, und ihre Krapfen spotteten der wohlgeratensten Erzeugnisse der luxuriösesten Kirchweihen.

Vater Wacht war mit der Kochkunst seiner Tochter sehr wohl zufrieden und meinte einmal, es sei unmöglich, daß der Fürstbischof schmackhaftere Schunkennudeln auf seiner Tafel haben könne. Das ging denn nun der guten Rettel so tief ins freudige Herz, daß sie im Begriff stand, eine gewaltige Schüssel mit besagten Schunkennudeln, und zwar an einem Fasttage, dem Fürstbischof aufs Schloß zu schicken. Zum Glück kam Meister Wacht zeitig genug dahinter und verhinderte unter herzlichem Lachen die Ausführung des kühnen Gedankens.

War die kleine dicke Rettel eine tüchtige Wirtschafterin, eine perfekte Köchin und dabei die Gutmütigkeit, kindliche Treue und Liebe selbst, so mußte sie Vater Wacht als ein wohlgeratenes Kind recht zärtlich lieben.

Geistern von Wachts Art ist indessen trotz ihres Ernstes wohl eine gewisse ironische Schalkheit eigen, die sich im Leben anmutig bewegt bei irgendeinem Anstoß, so wie der tiefe Bach den über ihn hinwegstreifenden Windhauch mit silbern spielenden Wellen begrüßt.

Es war nicht anders möglich, als daß Rettelchen mit ihrem ganzen Wesen diese Schalkheit oft anregen mußte, und so erhielt das ganze Verhältnis mit der Tochter oft eine seltsam nuancierte Farbe. Der geneigte Leser wird künftig Beispiele von der Art genug erfahren; vorderhand mag nur eines hier stehen, welches lustig genug zu nennen. In Meister Wachts Hause fand sich ein stiller, hübscher, junger Mann ein, der bei der fürstlichen Kammer angestellt war und sein reichliches Auskommen hatte. Er freite nach gerader deutscher Sitte bei dem Vater um die älteste Tochter, und Meister Wacht konnte, ohne dem jungen Mann und seiner Rettel unrecht zu tun, nicht umhin, ihm den Zutritt in sein Haus zu verstatten, damit er Gelegenheit fände, sich um Rettels Zuneigung zu bewerben. Rettel, von des Mannes Absicht unterrichtet, sah ihn mit gar freundlichen Augen an, in denen man zuweilen lesen konnte: »Zu unserer Hochzeit, Liebster, back' ich die Kuchen selbst!« –

Dem Meister Wacht war diese Zuneigung seiner Tochter gar nicht recht, weil ihm der bischöfliche Herr Kastner gar nicht recht war.

Fürs erste war der Mann natürlicherweise Katholik, fürs zweite glaubte Wacht bei näherer Bekanntschaft an dem Herrn Kastner ein gewisses schleichendes zurückhaltendes Wesen wahrzunehmen, das auf einen befangenen Geist schließen ließ. Gern hätte er den unangenehmen Freier wieder aus dem Hause entfernt, ohne jedoch der Rettel wehe zu tun. Meister Wacht beobachtete sehr scharf und wußte sein Beobachtungen schlau und verständig zu nutzen. So hatte er wahrgenommen, daß der Herr Kastner sich nicht viel aus gut bereiteten Speisen machte, sondern alles ohne sonderlichen Geschmack und noch dazu auf etwas widerwärtige Weise herunterschluckte. Eines Sonntags, als, wie es gewöhnlich zu geschehen pflegte, der Herr Kastner bei dem Meister Wacht zu Mittag aß, begann dieser jede Speise, die die geschäftige Rettel auftragen ließ, gar sehr zu loben und zu preisen und forderte den Herrn Kastner nicht allein auf, in dieses Lob einzustimmen, sondern fragte auch besonders, was er von dieser oder jener Bereitung der Speisen halte. Der Herr Kastner versicherte aber ziemlich trocken, er sei ein mäßiger nüchterner Mann und seit Jugend auf an die äußerste Frugalität gewöhnt. Mittags genüge ihm ein Löffelchen Suppe und ein Stücklein Ochsenfleisch, nur müsse dieses hart gekocht sein, da es so, in geringer Quantität genossen, mehr sättige und man sich den Magen mit großen Bissen nicht zu überladen brauche; zur Nacht sei er gewöhnlich mit einer Untertasse guten Eierschmalzes und einem geringen Schnäpschen abgefunden, übrigens ein Glas extra Bier um sechs Uhr abends, womöglich in der schönen Natur genossen, sein ganzes Labsal. Man kann denken, mit welchen Blicken Rettelchen den unglückseligen Kastner ansah. Und doch sollte noch das Ärgste geschehen. Es wurden bayersche Dampfnudeln aufgetragen, die, hoch – hoch angeschwollen, das Meisterstück der Tafel schienen; der frugale Herr Kastner nahm sein Messer und zerschnitt die Nudel, die ihm zuteil worden, mit der ruhigsten Gleichgültigkeit in viele Stücken. Rettel stürzte mit einem lauten Jammergeschrei zur Türe hinaus.

Der mit der Behandlung bayerscher Dampfnudeln unbekannte Leser mag erfahren, daß sie beim Genuß geschickt zerrissen werden müssen, da sie zerschnitten allen Geschmack verlieren und die Ehre der Köchin zuschande machen.

Rettel hielt von dem Augenblicke an den frugalen Herrn Kastner für den abscheulichsten Menschen unter der Sonne; Meister Wacht widersprach ihr keineswegs, und der wilde Bilderstürmer im Gebiete der Kochkunst hatte die Braut auf immer verloren.

Hat der kleinen Rettel buntes Bild beinahe zu viele Worte gekostet, so werden dem geneigten Leser ein paar Züge hinreichen, sich Antlitz, Gestalt, ganzes Wesen der holden anmutigen Nanni ganz vor Augen zu bringen.

Im südlichen Deutschland, vorzüglich in Franken, und zwar beinahe nur ausschließlich in der Bürgerklasse, trifft man solche feinen, zierlichen Gestalten, solche lieblichen frommen Engelsgesichtlein, süße Sehnsucht des Himmels in den blauen Augen, des Himmels Lächeln auf den Rosenlippen, daß man wohl gewahrt, wie die alten Maler die Originale zu ihren Madonnen nicht weit suchen durften. So ganz diese Gestalt, dies Antlitz, dies Wesen war die Erlanger Jungfrau, welche Meister Wacht freite, und Nanni ihr treustes Ebenbild.

Die Mutter war rücksichts der zartesten Weiblichkeit, rücksichts der wohltuenden Bildung, die nichts ist als der richtige Takt des Lebens, ganz das, was den Meister Wacht als Mann charakterisierte.

Weniger ernst und fest als die Mutter mochte die Tochter sein, dafür aber die Lieblichkeit selbst, und man hätte ihr nur vorwerfen können, daß ihr weibliches Zartgefühl, eine Empfindsamkeit, die einer verschwächten Organisation zuzuschreiben und sich daher leicht bis zur weinerlichen Empfindelei steigerte, sie fürs Leben zu verletzbar machte.

Meister Wacht konnte das liebe Kind nicht ohne Rührung ansehen und liebte es auf eine Weise, die sonst einem starken Gemüte eben nicht eigen.

Es konnte sein, daß Meister Wacht die zarte Nanni von Hause aus ein wenig verzärtelte; wodurch aber jene oft in süßliche Empfindelei ausartende Zartheit ganz besonders Stoff und Nahrung erhielt, wird sich sehr bald zeigen.

Nanni kleidete sich gern höchst einfach, jedoch in die feinsten Zeuge und nach einem Schnitt, der über die Sphäre ihres Standes hinausging. Wacht ließ sie gewähren, da, so gekleidet, das holde Kind gar zu hübsch und anmutig aussah.

Ganz geschwinde muß hier ein Bild vertilgt werden, das dem Leser aufgehn könnte, der vor langen Jahren in Bamberg war und der an den abscheulichen geschmacklosen Kopfputz denkt, der damals die hübschesten Gesichter der Mädchen entstellte. Eine glatte an den Kopf schließende Haube, die nicht das kleinste Löckchen zum Vorschein kommen ließ – ein schwarzes, nicht zu breites, an die Stirne fest schließendes Band, das hinten tief in den Nacken mit einer höchst servilen Schleife zusammenfuhr.

Später wurde dieses Band breiter und breiter, bis es die unbillige Breite von beinahe einer halben Elle erreichte, deshalb besonders in der Fabrik bestellt werden mußte und, mit hartem Karton gefüttert, wie eine Turmhaube emporstieg. Eine Schleife, die vermöge ihrer weit über die Achseln ragenden Breite den ausgespannten Flügeln eines Adlers glich, saß gerade über dem Nackengrübchen. An den Schläfen und bei den Ohren schlängelten sich kleine Löckchen hervor, und mancher kecken Bamberger Inkroyable stand diese Tracht seltsam und anmutig genug.

Einen sehr pittoresken Anblick gab es, wenn man von hinten einen Leichenzug erblickte, der sich eben in Bewegung setzte. Es ist Sitte in Bamberg, daß die Bürger zur Leichenfolge eines Verstorbenen durch die sogenannte Totenfrau eingeladen werden, die ihre Einladung mit kreischender Stimme im Namen des Verstorbenen, wie z. B. »der Herr usw., die Frau usw. läßt sich die letzte Ehre ausbitten«, auf der Straße vor dem Hause eines jeden abschreit. Die Frau Bosen und die jungen Madels, die sonst wenig ins Freie kommen, unterlassen es nicht, sich in großer Anzahl einzufinden, und wenn sich nun der Zug der Weiber zu bewegen anfängt und der Wind sich in die großen Schleifen setzt, so ist es nicht anders, als wenn ein ganzes Heer von schwarzen Raben oder Adlern jählings wach werde und den rauschenden Flug beginnen wolle. Der geneigte Leser wird daher gebeten, sich die hübsche Nanni in keinem andern Kopfputz als in einem niedlichen Erlanger Häubchen zu denken. –

So widerwärtig es auch dem Meister Wacht war, daß Jonathan dem Stande angehören sollte, den er haßte, so ließ er dies doch den Knaben, sowie später den Jüngling, keineswegs entgelten. Er sah es vielmehr gern, daß der stille fromme Jonathan sich nach vollendetem Tagewerk jedesmal bei ihm einfand und die Abende mit seinen Töchtern und der alten Barbara zubrachte. Dabei schrieb Jonathan die schönste Hand, die man nur sehen konnte, und es machte dem Meister Wacht, der eine schöne Handschrift liebte, nicht geringe Freude, als seine Nanni, zu deren Schreibmeister sich Jonathan selbst erkoren, nach und nach dieselbe zierliche Schrift zu schreiben begann als ihr Meister.

Meister Wacht war an den Abenden entweder in seinem Arbeitszimmer beschäftigt, oder er besuchte manchmal ein Bierhaus, in dem er seine Handwerksgenossen und auch die Herren vom Rat antraf und nach seiner Art mit seltenem Geist die Gesellschaft belebte. Im Hause ließ indessen Barbara den Spinnrocken wacker schnurren, während Rettel die Wirtschaftsrechnung fertig schrieb, über die Bereitung neuer unerhörter Schüsseln nachsann oder mit lautem Lachen der Alten wiedererzählte, was diese, jene Frau Bos ihr heute vertraut. Und der Jüngling Jonathan? –

Der saß mit Nanni am Tisch; und die schrieb und zeichnete auch wohl unter seiner Leitung. Und doch, Schreiben und Zeichnen ist für den ganzen Abend ein herzlich langweiliges Ding; und so geschah es denn, daß Jonathan oftmals ein sauber gebundenes Buch aus der Tasche zog und der schönen empfindsamen Nanni mit leiser süßlispelnder Stimme vorlas.

Jonathan hatte durch den alten Eichheimer die Gönnerschaft des jungen Domizellars erworben, der den Meister Wacht einen wahrhaften Verrina nannte. Der Domizellar, Graf von Kösel, war ein schöner Geist und lebte und webte in Goethes und Schillers Werken, die damals wie glanzvolle, alles überstrahlende Meteore am Horizont des literarischen Himmels aufzusteigen begannen. Er glaubte mit Recht in dem jungen Schreiber seines Anwalts eine gleiche Tendenz zu entdecken und fand seine besondere Freude daran, ihn dadurch, daß er ihm nicht allein jene Werke mitteilte, sondern dieselben mit ihm auch gemeinschaftlich durchlas, sich ganz zu assimilieren.

Des Grafen ganzes Herz gewann aber Jonathan dadurch, daß er die Verse, welche der Graf im Schweiße seines Angesichts aus wohlklingenden Phrasen zusammendrechselte, vortrefflich fand und zu des Grafen unaussprechlichem Vergnügen sattsam davon erbaut und gerührt wurde. Wahr ist's indessen, daß Jonathans ästhetische Bildung wirklich durch den Umgang mit dem geistreichen und nur etwas überspannten Grafen gewann.

Der geneigte Leser weiß nun, was für Bücher Jonathan bei der hübschen Nanni aus der Tasche zog und ihr daraus vorlas, und kann selbst ermessen, wie Schriften der Art ein Mädchen, so geistig organisiert wie Nanni, anregen mußten.

»Stern der dämmernden Nacht!«

Wie flossen Nannis Tränen, wenn der liebenswürdige Schreiber also dumpf und feierlich begann!

Es ist eine bekannte Erfahrung, daß junge Leute, die oft zärtliche Duette zusammen singen, sich selbst sehr leicht in die Person der Duettisten umsetzen und besagte Duette für die Melodie und den Text des ganzen Lebens halten; so wie der Jüngling, der einem Mädchen einen zärtlichen Roman vorliest, sehr leicht der Held des Stückes wird, während das Mädchen sich in die Rolle der Geliebten hinüberträumt.

Bei solch gleichgestimmten Gemütern, wie Jonathan und Nanni, hätte es nicht einmal solcher Anregungen bedurft, um zueinander in Liebe zu kommen.

Die Kinder waren ein Herz und eine Seele, die Jungfrau, der Jüngling nur eine rein und unauslöschlich emporlodernde Liebesflamme. – Vater Wacht hatte von diesem Liebesverständnis seiner Tochter auch nicht die leiseste Ahnung; er sollte indessen bald alles erfahren. –

Jonathan hatte es durch unermüdeten Fleiß und wahrhaftes Talent in kurzer Zeit dahin gebracht, daß sein Rechtsstudium für vollendet geachtet und er zur Advokatur gelassen werden konnte, welches denn auch wirklich geschah.

Er wollte mit dieser frohen Nachricht, die ihm seinen Standpunkt im Leben sicherte, eines Sonntags den Meister Wacht überraschen. Doch wie erbebte er vor Entsetzen, als Wacht ihn mit einem flammensprühenden Blick, nie hatte er ihn so aus des Vaters Augen hervorblitzen sehn, durchbohrte. »Was«, rief Vater Wacht mit einer Stimme, daß die Wände dröhnten, »was, du elender Taugenichts, die Natur hat deinen Körper vernachlässigt, aber dich mit herrlichen Geistesgaben reichlich geschmückt, und diese willst du wie ein hinterlistiger Bösewicht mißbrauchen auf schändliche Weise und so das Messer gegen deine eigne Mutter kehren? Mit dem Recht willst du Handel treiben, wie mit einer feilen schnöden Ware auf öffentlichem Markt, und es zu wägen mit falscher Waage den armen Bauern, dem gedrückten Bürger, der vor des starren Richters Polsterstuhl vergebens winselte, und dich zahlen lassen mit dem blutigen Heller, den der Arme dir, in Tränen gebadet, hinreicht?

Mit lügnerischen Menschensatzungen willst du dein Hirn anfüllen und Lug und Trug treiben wie ein einträgliches Handwerk, wovon du dich mästest? Ist denn alle Tugend des Vaters aus deinem Herzen gewichen?

Dein Vater – du heißest Engelbrecht – nein, wenn ich dich so nennen höre, so will ich nicht glauben, daß es der Name meines Kameraden sei, der die Tugend und Rechtschaffenheit selbst war, sondern daß der Satan im äffenden Spott der Hölle den Namen über seinem Grabe hinrufe und so die Menschen verführe, den jungen lügnerischen Rechtsbuben wirklich für den Sohn des wackern Zimmermanns Gottfried Engelbrecht zu halten – fort – nicht mehr mein Pflegesohn – eine Schlange, die ich von meinem Busen reiße – ich verstoße.« –

In den Augenblick stürzte Nanni mit einem kreischenden, die Brust zerreißenden Jammergeschrei dem Meister Wacht zu Füßen.

»Vater!« rief sie, ganz aufgelöst in wildem Schmerz und trostloser Verzweiflung, »Vater, wenn du ihn verstößest, so verstößest du auch mich, mich, deine liebste Tochter, er ist mein, mein Jonathan; nicht lassen kann ich von ihm in dieser Welt.« –

Ohnmächtig schlug die Arme mit dem Kopf gegen den Wandschrank, daß Blutstropfen die zarte weiße Stirn benetzten. Barbara und Rettel sprangen herbei und brachten die Ohnmächtige auf das Kanapee. Jonathan stand da, erstarrt, wie vom Blitz getroffen, nicht der leisesten Bewegung mächtig.

Es möchte schwer sein, die Bewegung zu beschreiben, die von innen heraus sich auf Wachts Antlitz kundtat. Statt der Flammenröte überzog jetzt Leichenblässe das Gesicht, ein dunkles Feuer glühte nur noch in den stieren Augen, kalter Todesschweiß schien auf seiner Stirne zu stehen; er starrte einige Augenblicke schweigend vor sich hin; dann machte sich die gepreßte Brust Luft, und er sprach mit seltsamem Ton: »Das war es also!« – Langsam schritt er denn nach der Türe, in der er noch, einmal stehenblieb und, halb zurückgewandt, den Weibern zurief: »Spart nicht kölnisches Wasser, und die Faxen sind bald vorüber.«

Bald darauf sah man den Meister zum Hause heraus schnell nach den Bergen wandeln. Man kann denken, in welches tiefe Herzeleid die Familie versenkt war. Rettel und Barbara konnten eigentlich gar nicht begreifen, was denn Entsetzliches vorgegangen, und es wurde ihnen dann erst recht angst und bange, als der Meister, wie er es noch niemals getan, nicht zum Essen wiederkehrte, sondern bis spät in die Nacht ausblieb.

Dann hörte man ihn kommen, die Haustüre aufmachen, heftig zuwerfen, die Treppe mit starken Schritten hinaufsteigen und sich in seiner Stube einschließen. –

Die arme Nanni erholte sich bald wieder und weinte still vor sich hin. Jonathan ließ es aber an wilden Ausbrüchen trostloser Verzweiflung nicht fehlen und sprach auch mehrmals vom Erschießen; ein Glück, daß Pistolen eben nicht zum Mobiliar junger empfindsamer Advokaten notwendig gehören oder wenigstens, befinden sie sich darunter, gewöhnlich kein Schloß haben oder sonst nicht im Stande sind.

Nachdem Jonathan einige Straßen durchrannt wie ein toller Mensch, führte ihn instinktmäßig sein Lauf zu seinem hohen Gönner, dem er sein ganzes unerhörtes Herzeleid unter den Ausbrüchen des wütendsten Schmerzes klagte. Es darf kaum hinzugefügt werden, so sehr versteht es sich von selbst, daß der junge verliebte Advokat nach seinen verzweiflungsvollen Beteuerungen der erste und einzige Mensch auf der ganzen Erde war, dem solch Ungeheures geschehn, weshalb er denn auch das Schicksal und alle feindlichen Mächte, als nur gegen ihn verschworen, anklagte.

Der Domizellar hörte ihn ruhig und mit einer gewissen Teilnahme an, die indessen doch das ganze Gewicht des Schmerzes, wie es der Advokat zu fühlen wähnte, nicht ganz zu erwägen schien. –

»Mein lieber junger Freund«, sprach der Domizellar, indem er den Advokaten freundlich bei der Hand nahm und ihn zu einem Sessel führte, »mein lieber junger Freund, ich habe bisher den Herrn Zimmermeister Johannes Wacht für einen in seiner Art großen Mann gehalten, ich sehe aber jetzt ein, daß er dabei auch ein sehr großer Narr ist. Große Narren sind wie stätische Pferde, man bringt sie schwer zur Wendung, ist dieses aber gelungen, so traben sie den gebotenen Weg lustig fort. Des heutigen bösen Auftritts halber, des unsinnigen Zorns des Alten unerachtet, dürftet Ihr die schöne Nanni keineswegs aufgeben.

Doch ehe wir über Euren in der Tat anmutigen und romanesken Liebeshandel weiter reden, laßt uns hier ein kleines Frühstück zu uns nehmen. Ihr seid um den Mittag bei dem alten Wacht gekommen, und ich diniere erst um vier Uhr im Seehof.«

Auf dem kleinen Tisch, an dem beide, der Domizellar und der Advokat, saßen, war in der Tat ein gar appetitliches Frühstück aufgetragen. Bayonner Schinken, rundherum mit Scheiben portugiesischer Zwiebeln garniert, ein kaltes gespicktes Rebhuhn von der roten Art, mithin auch ein Fremdling, in rotem Wein gekochte Trüffeln, ein Teller mit Straßburger Gänseleberpastete, zuletzt ein Teller mit echtem Strachino und ein anderer mit Butter, so gelb und glänzend wie die Maiblumen selbst. –

Der geneigte Leser, der nach Bamberg kommt und dergleichen appetitliche Butter liebt, wird sich freuen, sie auf das schönste und reinste zu erhalten, zugleich sich aber ärgern, wenn er erfährt, daß sie von den Einwohnern aus übertriebener Wirtschaftlichkeit zu einem Schmalz eingeschmolzen wird, der gewöhnlich ranzig schmeckt und alle Speisen verdirbt. –

Dazu perlte in einer schön geschliffenen Kristallflasche edler Champagner von der nicht moussierenden Sorte. Der Domizellar, der die vorgebundene Serviette, mit der er den Advokaten empfangen, gar nicht losgeknüpft hatte, legte, nachdem der Kammerdiener ein zweites Kuvert schnell herbeigebracht, dem verzweiflungsvollen Liebhaber die schönsten Bissen vor, schenkte ihm Wein ein und langte dann selbst tapfer zu. Es hat jemand einmal frech genug behauptet, daß der Magen mit dem ganzen übrigen physischen und psychischen Teil des Menschen al pari stünde. Das ist eine gottlose abscheuliche Meinung, aber so viel ist gewiß, daß der Magen oft als despotischer Tyrann oder ironischer Mystifikant seinen eignen Willen durchsetzt.

Das geschah eben jetzt.

Denn instinktmäßig, ohne daran deutlich zu denken, hatte der Advokat in wenigen Minuten ein mächtiges Stück Bayonner Schinken verzehrt, in der portugiesischen Garnitur schreckliche Verwüstungen angerichtet, ein halbes Rebhuhn, eine nicht geringe Anzahl von Trüffeln, sowie mehr Straßburger Pastete vertilgt, als einem jungen schmerzerfüllten Advokaten ziemlich. Dazu ließen sich beide, der Domizellar und der Advokat, den Champagner so wohl schmecken, daß der Kammerdiener die Kristallflasche bald noch einmal füllen mußte.

Der Advokat fühlte eine angenehme wohltuende Wärme sein ganzes Inneres durchdringen, und sein Herzeleid erfaßte ihn nur mit seltsamen Schauern, die eigentlich elektrischen Schlägen gleichen, welche schmerzen und doch wohltun. Er war empfänglich für die Trostreden seines Gönners, der, nachdem er das letzte Glas Wein behaglich eingeschlürft und sich zierlich den Mund geputzt hatte, sich in Positur setzte und in folgender Art begann:

»Fürs erste, mein lieber guter Freund, müßt Ihr nicht so töricht sein zu glauben, daß Ihr der einzige Mensch auf Erden seid, dem der Vater die Hand seiner Tochter verweigert. Doch das tut hier gar nichts zur Sache. Wie ich Euch schon gesagt habe, ist die Ursache, warum Euch der alte Narr haßt, so höchst abgeschmackt, daß es damit keinen Bestand haben kann, und mag es Euch in diesem Augenblick widersinnig vorkommen oder nicht, ich kann den Gedanken kaum ertragen, daß sich alles ganz nüchtern mit einer Hochzeit endigen und daß man von der ganzen Sache nichts weiter sagen wird als, Peter hat um Grete gefreit, und Grete und Peter sind Mann und Weib worden.

Die Situation ist sonst neu und herrlich, da bloß der Haß gegen einen Stand, den der geliebte Pflegesohn ergriffen, der einzige Hebel ist, welcher eine neue und auserlesene Tragik der Handlung in Bewegung setzen könnte; – doch zur Sache, Ihr seid Dichter, mein Freund, und dies verändert alles. Eure Liebe, Euer Leid muß Euch als poetisches Prachtstück im vollen Glanz der heiligen Dichtkunst erscheinen; Ihr vernehmt die Akkorde der Lyra, die die Euch nahe Muse anschlägt, und in göttlicher Begeisterung empfangt Ihr die geflügelten Worte, die Eure Liebe, Euer Leid aussprechen. Als Dichter seid Ihr in diesem Augenblick der glücklichste Mensch auf Erden zu nennen, da Eure tiefste Brust wirklich verwundet ist, so daß Euer Herzblut quillt; Ihr bedürft also keiner künstlichen Anregung, um Euch poetisch zu stimmen, und gebt acht: Diese Zeit des Grams wird Euch Großes und Vortreffliches erzeugen lassen.

Aufmerksam muß ich Euch darauf machen, daß in diesen ersten Momenten Eurem Liebesschmerz sich ein seltsames, sehr unangenehmes Gefühl beimischen wird, das sich in keine Poesie einfügen lassen will, doch dies Gefühl verrauscht bald. Damit Ihr mich aber versteht! Wenn z.B. der unglückliche Liebhaber von dem erzürnten Vater sattsam abgeprügelt und zum Hause herausgeworfen wird, wenn die beleidigte Mama das Mägdlein in ihre Kammer sperrt und den versuchten Sturm des verzweiflungsvollen Liebhabers durch den bewaffneten Hausstand zurückschlagen läßt, wenn sogar die plebejesten Fäuste vor dem feinsten Tuch keine Scheu tragen« (der Domizellar seufzte bei diesem Worte ein wenig), »so muß diese aufgegärte Prosa der erbärmlichen Gemeinheit erst verdampfen, damit als Niederschlag der reine poetische Liebesschmerz sich setze. Ihr seid garstig ausgescholten worden, mein lieber junger Freund, und dies war die bittere zu überwindende Prosa; Ihr habt sie überwunden, ergebt Euch jetzt ganz der Poesie.

Hier habt Ihr Petrakas Sonette, Ovids Elegien, nehmt, lest, dichtet, lest mir vor, was Ihr gedichtet habt. Vielleicht kommt unterdessen mir auch irgendein Liebesschmerz, wozu mir nicht alle Hoffnung abgeschnitten, da ich mich wahrscheinlich in eine Fremde verlieben werde, die im ›Weißen Lamm‹ auf dem Steinwege abgestiegen ist und von der der Graf Nesselstädt behauptet, sie sei die Schönheit und Anmut selbst, unerachtet er sie nur ganz flüchtig am Fenster erblickt. Dann, o Freund! wollen wir wie die Dioskuren die gleiche glanzvolle Laufbahn in Poesie und Liebesschmerz wandeln. Bemerkt, Freundchen, welchen großen Vorteil mir mein Stand gibt, der jede Liebe, die mich erfaßt, als ein nie zu erfüllendes Sehnen und Hoffen zum Tragischen hinaufsteigert. Doch nun, mein Freund, hinaus, hinaus in den Wald, wie es ziemlich.« –

Dem geneigten Leser müßte es gewiß sehr langweilig, ja unerträglich sein, wenn nun hier weitläuftig und wohl gar in allerlei überaus zierlichen Worten und Redensarten geschildert werden sollte, was Jonathan und Nanni alles in ihrem Schmerz begannen. Dergleichen findet sich in jedem schlechten Roman, und es ist oft lustig genug, wie der preßhafte Autor sich gar wunderlich gebärdet, um nur neu zu erscheinen.

Gar wichtig scheint es dagegen, den Meister Wacht auf seinem Spazier- oder vielmehr auf seinem Ideengange zu verfolgen.

Sehr merkwürdig muß es scheinen, daß ein Mann, stark und mächtig im Geiste wie Meister Wacht, der das Entsetzlichste, was ihm geschah, und das andere minder kräftige Gemüter zermalmt haben würde, mit unerschütterlichem Mute, mit unbeugsamer Standhaftigkeit zu tragen vermochte, durch einen Vorfall außer sich gesetzt werden konnte, den jeder andere Familienvater für ein gewöhnliches, leicht zu beseitigendes Ereignis gehalten haben und auf diese oder jene, schlechte oder gute Weise es wirklich beseitigt haben würde. Gewiß ist der geneigte Leser auch der Meinung, daß dies seinen guten psychologischen Grund hatte. Nur der widerwärtige Mißklang in Wachts Seele erzeugte den Gedanken, daß die Liebe der armen Nanni zu dem unschuldigen Jonathan ein sein ganzes Leben verstörendes Unglück sei. Eben darin aber, daß dieser Mißklang überhaupt in dem harmonischen Wesen des sonst durchaus großartigen Alten forttönen konnte, lag auch die Unmöglichkeit, ihn zu dämpfen oder ganz zum Schweigen zu bringen.

Wacht hatte das weibliche Gemüt von einer einfachen, aber zugleich herrlichen und erhabenen Seite kennen gelernt. Sein eigenes Weib hatte ihn in die Tiefe des wahrhaft weiblichen Wesens blicken lassen wie in einen spiegelhellen See; er kannte den weiblichen Heros, der stets mit unbesiegbaren Waffen kämpft. Sein elternloses Weib hatte die Erbschaft einer steinreichen Base, die Liebe aller ihrer Verwandten verscherzt, dem harten, ihr Leben durch manche Qual erbitternden Eindringen der Kirche mit unerschütterlichem Mut widerstanden, als sie, selbst in der katholischen Religion erzogen, den protestantischen Wacht heiratete und kurz vorher aus reiner glühender Überzeugung in Augsburg selbst zu diesem Glauben übergetreten war. Alles dieses kam dem Meister Wacht in den Sinn, und er vergoß heiße Tränen, als er gedachte, mit welchen Empfindungen er die Jungfrau zum Traualtar geführt. Nanni war ganz und gar die Mutter, Wacht liebte das Kind mit einer Inbrunst, der nichts zu vergleichen, und dieses war wohl mehr als hinreichend, jede auch nur im mindesten gewaltsam scheinende Maßregel, die Liebenden zu trennen, als abscheulich, ja als satanisch zu verwerfen. Überdachte er auf der andern Seite Jonathans ganzes Leben, so mußte er sich zugestehen, daß nicht leicht alle Tugenden eines frommen, fleißigen, bescheidenen Jünglings so glücklich vereinigt werden konnten als in Jonathan, dessen schönes, ausdrucksvolles Gesicht mit vielleicht ein wenig zu weichlichen, beinahe weiblichen Zügen, dessen kleiner und schwächlicher, aber zierlicher Körperbau von einem zarten, geistvollen Innern zeugte. Überlegte er ferner, wie die beiden Kinder immer zusammen gewesen waren, wie offenbar sich ihre Gemütsart zueinander neigte, so konnte er selbst nicht begreifen, wie er das, was geschehen, nicht hatte vermuten und zur rechten Zeit Mittel ergreifen können. Nun war es zu spät. –

Durch die Berge wurde er fortgetrieben von einer sein Inneres gewaltsam zerreißenden Stimmung, die er noch nie gekannt und die er für Versuchungen des Satans zu halten geneigt war, da mancher Gedanke in seiner Seele aufstieg, der ihm im nächsten Augenblick selbst höllisch vorkommen mußte. Er konnte zu keiner Fassung, viel weniger zu irgendeinem Entschluß kommen. Schon war die Sonne im Sinken, als er in dem Dorfe Bug anlangte; er kehrte im Gasthofe ein und ließ sidi etwas Gutes zu essen und eine Flasche vortreffliches Felsenbier auftragen. »Ei! schönen guten Abend, ei! welch eine seltsame Erscheinung, den lieben Meister Wacht hier zu sehen in dem schönen Bug an dem herrlichen Sonntagabend. Fürwahr, ich traute meinen Augen nicht. Werte Familie wahrscheinlich anderswo über Land?«

So wurde Meister Wacht von einer gellenden, quäkenden Stimme angerufen. Es war niemand anders als der Herr Pickard Leberfink, seiner Profession nach ein Lackierer und Vergolder, einer der drolligsten Menschen auf der Welt, der den Meister Wacht in seinen Betrachtungen unterbrach.

Schon Leberfinks Äußeres fiel jedem seltsam und abenteuerlich ins Auge. Er war klein, untersezt, hatte einen etwas zu langen Leib und kurze Säbelbeinchen; dabei aber kein häßliches, gutmutiges, rundes Antlitz mit roten Bäckchen und grauen, lebhaft genug blickenden Äuglein. Täglich ging er nach einer verjährten französischen Mode, hoch frisiert und gepudert; an Sonntagen war aber sein Anzug durchaus merkwürdig. So trug er z.B. einen lila und kanariengelb gestreiften seidenen Rock mit ungeheuren silberbesponnenen Knöpfen, eine buntgestickte Weste, zeisiggrüne Atlashosen, weiß und himmelblau fein gestreifte seidene Strümpfe und glänzend schwarz lackierte Schuhe, auf denen große Steinschnallen blitzten. Rechnet man dazu den zierlichen Gang des Tanzmeisters, eine gewisse katzenartige Geschmeidigkeit des Körpers, eine seltene Virtuosität der Beinchen, in schicklichen Momenten, z.B. beim Überspringen einer Gasse, ein Entrechat zu schlagen, so mußte es geschehen, daß der kleine Lackierer sich überall als eine absonderliche Kreatur auszeichnete. Sein übriges Wesen wird der geneigte Leser bald kennenlernen.

Dem Meister Wacht war es gerade nicht unangenehm, auf diese Weise in seinen schmerzhaften Betrachtungen unterbrochen zu werden.

Der Lackierer und Vergolder, Herr oder besser Monsieur Pikkard Leberfink, war ein großer Geck, dabei aber die treuste, ehrlichste Seele von der Welt, von der liberalsten Gesinnung, freigebig gegen Arme, dienstfertig gegen Freunde. Er trieb sein Metier nur hin und wieder aus purer Liebhaberei, da er dessen nicht bedurfte.

Er war reich; sein Vater hatte ihm ein schönes Grundstück mit einem herrlichen Felsenkeller hinterlassen, das nur durch einen großen Garten von Meister Wachts Grundstück getrennt wurde.

Meister Wacht hatte den drolligen Leberfink gern, seiner Ehrlichkeit halber, und weil er auch ein Glied der kleinen protestantischen Gemeinde war, der man die Übung ihres Religionskultus gestattet hatte. Mit auffallender Bereitwilligkeit nahm Leberfink Wachts Vorschlag an, sich zu ihm zu setzen und noch eine Flasche Felsenbier zu trinken. Schon längst, begann Leberfink, habe er den Meister Wacht in seinem Hause aufsuchen wollen, da er mit ihm über zwei Dinge zu reden, wovon eins ihm beinahe das Herz abdrücke. Wacht meinte, Leberfink kenne ihn ja und wisse, daß man, sei es, was es sei, mit ihm geradeheraus sprechen könne.

Leberfink eröffnete nun dem Meister im Vertrauen, daß der Weinhändler seinen schönen Garten mit dem massiven Gartenhause, der ihre, Wachts und Leberfinks, Grundstücke trenne, ihm unter der Hand zum Kauf angeboten habe. Er glaube sich zu erinnern, daß Wacht einmal geäußert, wie ihm der Besitz des Gartens sehr angenehm sein würde; zeige sich nun eine Gelegenheit, diesen Wunsch zu befriedigen, so erbiete er – Leberfink – sich dazu, den Unterhändler zu machen und alles in Ordnung zu bringen.

In der Tat hatte Meister Wacht längst den Wunsch in sich getragen, sein Grundstück durch einen schönen Garten zu vergrößern; insbesondere weil Nanni sich stets nach den schönen Büschen und Bäumen sehnte, die, in üppiger Fülle duftend, aus jenem Garten emporstiegen. In diesem Augenblick schien es ihm überdem noch eine anmutige Gunst des Schicksals, daß gerade zur Zeit, als die arme Nanni solch tiefen Schmerz erfahren, sich unvermutet eine Gelegenheit darbot, ihr Gemüt zu erfreuen.

Der Meister redete sogleich das Nötige mit dem dienstfertigen Lackierer ab, welcher versprach, daß der Meister künftigen Sonntag in dem Garten, als in seinem Eigentum, lustwandeln solle. »Nun!« rief Meister Wacht, »nun, Freund Leberfink, heraus damit, was Euch das Herz abdrücken will.«

Da begann Herr Pickard Leberfink auf die erbärmlichste Art zu seufzen, die absonderlichsten Gesichter zu schneiden und kauderwelsches Zeug zu schwatzen, woraus niemand recht klug werden konnte. Meister Wacht wurde aber doch klug daraus, schüttelte ihm die Hand, sprach: »Dafür kann Rat werden« und lächelte für sich über die wunderbare Sympathie verwandter Seelen.

Die ganze Episode mit Leberfink hatte dem Meister Wacht wohlgetan; er glaubte auch einen Entschluß gefaßt zu haben, vermöge dessen er dem schwersten entsetzlichsten Ungemach, das nach seiner verblendeten Meinung ihn erfaßt, widerstehen, ja es gar überwinden wollte. Nur das, was er tat, kann den Ausspruch des Tribunals im Innern kundtun, und vielleicht, sehr geneigter Leser! hat dies Tribunal zum ersten Male etwas geschwankt. – Mag hier doch eine kleine Andeutung stehen, die sich später vielleicht nicht füglich einschieben lassen würde. Wie es in derlei Fällen dann wohl geschieht, so hatte sich die alte Barbara an den Meister Wacht gedrängt und das Liebespaar vorzüglich deshalb verklagt, weil es beständig weltliche Bücher miteinander gelesen. Der Meister ließ sich ein paar Bücher, die Nanni hatte, herausgeben. Es war ein Werk von Goethe; leider weiß man nicht, was für ein Werk es gewesen. Nachdem er es durchgeblättert, gab er es der Barbara zurück, um es dort wieder hinzulegen, wo sie es heimlich weggenommen. Niemals entschlüpfte ihm ein einziges Wort über Nannis Lektüre, sondern nur einmal sagte er bei Tische, als es irgendeine Gelegenheit gab: »Es steigt ein ungemeiner Geist unter uns Deutschen auf, Gott gebe ihm Gedeihen. Meine Jahre sind vorüber, meines Alters, meines Berufs ist es nicht mehr; – doch dich, Jonathan, beneide ich um so manches, was der künftigen Zeit entsprießen wird!« –

Jonathan verstand Wachts mystische Worte um so deutlicher, als er erst vor einigen Tagen zufällig, unter andern Papieren halb versteckt, auf Meister Wachts Arbeitstisch den ›Götz von Berlichingen‹ entdeckt hatte. Wachts großes Gemüt hatte den ungemeinen Geist, aber auch die Unmöglichkeit erkannt, einen neuen Flug zu beginnen. –

Andern Tages hing die arme Nanni das Köpfchen, wie eine kranke Taube. »Was ist meinem lieben Kinde«, sprach Meister Wacht mit dem liebreichen Tone, der ihm so eigen und mit dem er alles hinzureißen verstand, »was ist meinem lieben Kinde, bist du krank? Ich will es nicht glauben; du kommst zu wenig an die frische Luft; sieh, schon lange habe ich gewünscht, daß du mir einmal mein Vesperbrot auf die Werkstatt hinausbrächtest. Tue es heute, wir haben den schönsten Abend zu erwarten. Nicht wahr, Nanni, liebes Kind, du tust es, du bereitest mir selbst die Butterwecken, das wird herrlich munden.«

Damit nahm Meister Wacht das liebe Kind in die Arme, strich ihr die braunen Locken von der Stirne, küßte, herzte, hätschelte es, kurz, übte alle Gewalt des liebevollsten Betragens, wie es in seiner Macht stand, und dessen unwiderstehlichen Zauber er wohl kannte.

Ein Tränenstrom entstürzte Nannis Augen, und nur mit Mühe brachte sie die Worte heraus: »Vater! Vater!«

»Nun, nun«, sprach Wacht, und man hätte in dem Ton seiner Stimme einige Verlegenheit bemerken können, »es kann noch alles gut werden.«

Acht Tage waren vergangen; Jonathan hatte sich natürlicherweise nicht blicken lassen und der Meister seiner mit keiner Silbe gedacht. Sonntags, als die Suppe schon dampfte und die Familie sich zu Tische setzen wollte, fragte Meister Wacht ganz heiter: »Wo bleibt denn unser Jonathan?« Rettel sprach aus Schonung gegen die arme Nanni, halb leise: »Vater, wißt Ihr denn nicht, was geschehn! Muß Jonathan nicht Scheu tragen, sich vor Euch zu zeigen?« – »Seht den Affen«, sprach Wacht mit lachendem Ton, »Christian soll gleich hinspringen und ihn herholen.« –

Man kann denken, daß der junge Advokat nicht unterließ, sich alsbald einzustellen, aber auch, daß in den ersten Augenblicken, als er gekommen war, es über allen schwebte, wie eine düstre drückende Gewitterwolke.

Meister Wachts unbefangenem heitern Wesen, sowie Leberfinks drolligem Treiben gelang es indessen, einen gewissen Ton hervorzubringen, der, wenn auch gerade nicht lustig zu nennen, doch das ganze harmonische Gleichgewicht erhielt. »Laßt uns«, sprach Meister Wacht nach Tische, »ein wenig ins Freie, auf meinen Werkhof hinausgehen.« Es geschah.

Monsieur Pickard Leberfink schmiegte sich sehr geflissentlich an Rettelchen, die die Freundlichkeit selbst war, da der höfliche Lackierer sich im Lobe der Speisen erschöpft und gestanden hatte, in seinem Leben, selbst bei den geistlichen Herrn in Banz, habe er nicht delikater gegessen. Da nun Meister Wacht, ein großes Schlüsselbund in der Hand, starken Schrittes voraneilte, mitten durch den Werkhof, so kam der junge Advokat von selbst in Nannis Nähe. Verstohlene Seufzer, leis hingehauchte Liebesklagen, das war alles, was die Liebenden wagten.

Meister Wacht blieb vor einem schönen neugezimmerten Tore stehen, das in der Mauer, die Wachts Werkhof von dem Garten des Kaufmanns trennte, angebracht war.

Er schloß das Tor auf und schritt hinein, indem er die Familie einlud, ihm zu folgen. Alle, Herrn Pickard Leberfink ausgenommen, welcher gar nicht aus dem schlauen Lächeln und leisen Kichern herauskam, wußten nicht recht, was sie von dem Alten denken sollten. Mitten in dem schönen Garten war ein sehr geräumiger Pavillon gelegen, auch diesen öffnete Meister Wacht, schritt hinein und blieb in der Mitte des Saals stehen, aus dessen jedem Fenster man einer andern romantischen Aussicht genoß. »Ich«, sprach Meister Wacht mit einem Ton, der von dem innig erfreuten Herzen zeugte, »ich stehe hier in meinem Eigentum, der schöne Garten ist mein, er mußte mein sein, nicht um mein Grundstück zu vergrößern, nicht den Reichtum meines Besitzes zu vermehren, nein, weil ich wußte, daß ein gewisses herziges Ding sich so nach diesen Bäumen, Büschen, nach diesen schönen duftenden Blumenbeeten sehnte.«

Da warf sich Nanni dem Alten an die Brust und rief: »O! Vater, Vater! du zerreißest mir das Herz mit deiner Milde, mit deiner Güte, sei barm –« »Still, still«, unterbrach Meister Wacht das leidende Kind, »sei nur gut, es kann sich alles fügen auf wunderbare Weise; in diesem kleinen Paradiese ist viel Trost zu finden.« »Ja wohl, ja wohl«, rief Nanni wie begeistert, »o! ihr Bäume, ihr Büsche, ihr Blumen, ihr fernen Berge, du schönes fliehendes Abendgewölk, mein ganzes Gemüt lebt in euch, ich finde mich selbst wieder, wenn eure lieblichen Stimmen mich trösten.« –

Damit sprang Nanni wie ein junges flüchtiges Reh zur offenen Tür des Pavillons hinaus ins Freie, und der junge Advokat, den wohl in diesem Augenblick keine Macht zurückgehalten haben würde, verfehlte nicht, eiligst zu folgen. Monsieur Pickard Leberfink bat sich die Erlaubnis aus, Rettelchen in dem neuen Besitztum herumzuführen. Der alte Wacht ließ sich indessen unter die Bäume nahe am Abhang der Berge, wo er hinabschauen konnte ins Tal, Bier und Tabak bringen und blies die blauen Wolken des echten Holländers recht froh und gemütlich in die Lüfte. Gewiß ist der geneigte Leser über diese Gemütsstimmung des Meisters Wacht sehr verwundert, ja, er weiß sich nicht zu erklären, wie sie bei einem solchen Geiste möglich ist.

Meister Wacht war nicht sowohl zu irgendeinem Entschluß, als zu der Überzeugung gelangt, daß die ewige Macht ihn unmöglich das entsetzlichste Unglück erleben lassen könne, seinem liebsten Kinde einen Advokaten, mithin den Satan selber, verbunden zu sehen.

»Es geschieht was«, sprach er zu sich selbst, »es muß was geschehen, wodurch das unglückselige Verständnis aufgehoben oder Jonathan der Hölle entrissen wird, und es wäre Vorwitz, ja vielleicht verderblicher Frevel, der gerade das Gegenteil bewirken könnte, wenn man versuchen wollte, mit ohnmächtiger Hand hineinzugreifen in das große Schwungrad des Geschicks.«

Es ist kaum zu glauben, welche elenden, ja oft albernen Gründe der Mensch hervorsucht, sich ein Herannahn des Unglücks als abwendbar zu denken. So gab es Augenblicke, in denen Wacht darauf rechnete, daß die Ankunft des wilden Sebastian, den er sich als einen in der vollsten Blüte der Jugend stehenden rüstigen Jüngling, im Begriff, die Mannesjahre zu erreichen, dachte, in dem ganzen Getriebe der Angelegenheiten, wie sie jetzt standen, eine Änderung hervorbringen würde. Der gemeine, wiewohl leider nur oft allzu wahre Gedanke kam ihm in den Sinn, daß ausgesprochene Männlichkeit dem Weibe zu sehr imponiere, um es nicht zuletzt zu besiegen. Als die Sonne zu sinken begann, lud Monsieur Pickard Leberfink die Familie ein, in seinem anstoßenden Garten einen kleinen Imbiß zu sich zu nehmen.

Dieser Garten des edlen Lackierers und Vergolders bildete nun gegen Wachts neues Besitztum den lächerlichsten und seltsamsten Kontrast. Beinahe so klein, daß man ihm nur die schöne Höhe hätte nachrühmen können, war er nach holländischer Art angelegt und Baum und Hecke unter der sorgfältigsten pedantischen Schere gehalten. Sehr hübsch nahmen sich die himmelblauen, rosenroten, eigelben usw. Stämme der dünnen Obstbäume aus, die in den Blumenbeeten standen. Leberfink hatte sie lackiert und also die Natur verschönert. Auch erblickte man in den Bäumen die Äpfel der Hesperiden.

Doch noch mehrere Überraschungen gab es. Leberfink bat die Mädchen, sich einen Strauß zu pflücken, doch sowie sie die Blumen abpflückten, gewahrten sie zu ihrem Erstaunen, daß Stengel und Blätter vergoldet. Sehr merkwürdig war es überdem, daß alle Blätter, die der Rettel zur Hand kamen, wie Herzen gestaltet waren.

Der Imbiß, womit Leberfink seine Gäste regalierte, bestand in dem auserlesensten Kuchen, dem feinsten Zuckerwerk und altem Rheinwein und herrlichem Muskateller. Rettel war über das Gebackene ganz außer sich und behauptete insonderheit, daß das zum Teil herrlich versilberte und vergoldete Zuckerwerk gar nicht in Bamberg fabriziert sein könne; da versicherte ihr Monsieur Pickard Leberfink heimlich mit dem süßesten Schmunzeln, daß er selbst sich ein wenig auf die Kuchen- und Zuckerbäckerei verstehe und der glückliche Autor aller dieser Süßigkeiten sei. Rettel hätte vor Ehrfurcht und Erstaunen vor ihm auf die Knie sinken mögen, und doch stand ihr noch die größte Überraschung bevor.

In der tiefen Dämmerung wußte Monsieur Pickard Leberfink die kleine Rettel sehr geschickt in eine kleine Laube zu locken. Kaum war er aber mit ihr allein, als er ganz rücksichtslos, unerachtet er wieder die Zeisigatlashosen angelegt, mit beiden Knien ins feuchte Gras niederplumpte und ihr unter vielen seltsamen, unverständlichen Jammertönen, den nächtlichen Elegien des Katers Hinz nicht unähnlich, einen ungeheuren Blumenstrauß überreichte, in dessen Mitte die schönste aufgeblühte Rose prangte, die man nur sehen konnte.

Rettel tat, was jeder tut, dem ein Strauß überreicht wird, sie fuhr damit nach der Nase, fühlte aber in demselben Augenblick einen empfindlichen Stich. Erschrocken wollte sie den Strauß wegwerfen.

Welches liebliche Wunder hatte sich indessen begeben! Ein kleiner schön lackierter Liebesgott war aus dem Kelch der Rose gesprungen und hielt der Rettel mit beiden Händen ein flammendes Herz entgegen. Aus dem Munde hing ihm aber ein Zettelchen, worauf die Worte standen:

»Voilà le coeur de Monsieur Pickard Leberfink, que je vous offre!«

»Ojemine«, rief Rettel ganz erschrocken, »ojemine, was tun Sie, lieber Herr Leberfink? Knien Sie doch nicht vor mir, wie vor einer Prinzessin; die schöne atlassenen – bekommen in dem feuchten Grase Flecken und Sie, Bester, den Schnupfen; dafür hilft Fliedertee und weißer Kandis.«

»Nein«, rief der wilde Liebhaber, »nein, o Margaretha, nicht eher entsteigt der Sie auf das innigste liebende Pickard Leberfink dem feuchten Grase, bis Sie ihm gelobt, die Seine zu werden.« – »Heiraten wollen Sie mich?« sprach Rettel, »nun denn, frisch aufgestanden. Sprechen Sie mit meinem Vater, liebstes Leberfinkchen, und trinken Sie heute abend ein paar Tassen Fliedertee.«

Was soll der geneigte Leser mit Leberfinks und Rettels Albernheiten noch länger ermüdet werden; füreinander geschaffen, wurden sie ein Brautpaar, und Vater Wacht hatte recht seine schalkische Freude daran.

Durch Rettels Brautschaft kam ein gewisses Leben in Wachts Haus; selbst das Liebespaar gewann, weniger beobachtet, mehr Freiheit. Es sollte sich etwas Besonderes ereignen, um diese behagliche Ruhe, in der sich alles bewegte, zu stören.

Der junge Advokat schien auf besondere Weise zerstreut, mit irgendeiner Sache, die sein ganzes Wesen einnahm, beschäftigt: er begann sogar sparsamer Wachts Haus zu besuchen und vorzüglich an Abenden auszubleiben, die er sonst nie zu versäumen pflegte.

»Was mag unserm Jonathan geschehen sein, er ist ja ganz zerstreut, ganz ein anderer worden, als er sonst war«; so sprach Meister Wacht, unerachtet er die Ursache oder vielmehr das Ereignis, das auf den jungen Advokaten so sichtlich einwirkte, wenigstens der äußern Erscheinung nach, sehr wohl kannte. Ja, er hielt dies Ereignis für die Schickung des Himmels, durch die er vielleicht dem großen, sein ganzes Leben verstörenden Unglück entgehen werde, von dem er sich bedroht glaubte.

Vor wenigen Monaten war nämlich eine junge unbekannte Dame in Bamberg angekommen, deren ganze Erscheinung mystisch und sonderbar zu nennen. Sie wohnte im »Weißen Lamm«. Ihre ganze Umgebung bestand nur in einem eisgrauen Diener und in einer alten Kammerfrau.

Die Meinungen über sie waren sehr verschieden. Manche behaupteten, sie sei eine vornehme, steinreiche ungarische Gräfin, welche Zwistigkeiten der Ehe nötigten, einen momentanen einsamen Aufenthalt in Bamberg zu nehmen. Andere machten sie dagegen zu einer gewöhnlichen Didone abandonnata; noch andere zu einer verlaufenen Sängerin, die bald die vornehmen Schleier abwerfen und als Konzertgeberin auftreten werde; wahrscheinlich müsse es ihr an Empfehlungen an den Fürstbischof fehlen; genug, die mehresten Stimmen einigten sich dahin, die Fremde, die übrigens nach den Aussagen der wenigen Personen, die sie erblickt hatten, von ausnehmender Schönheit sein sollte, für eine höchst zweideutige Person zu halten.

Man hatte nun bemerkt, daß der alte Diener der Fremden dem jungen Advokaten so lange nachgeschlichen war, bis er ihn eines Tages am Brunnen auf dem Markt, den die Statue des Neptun ziert (welchen die ehrlichen Bamberger gewöhnlich den Gobelmann zu nennen pflegen), festhielt und lange, sehr lange mit ihm sprach. Aufmerksame Gemüter, die niemanden begegnen können, ohne lebhaft zu fragen: »Wo mag er gewesen sein, wo mag er hingehen, was mag er treiben?« usw. hatten herausgebracht, daß der junge Advokat sehr oft, beinahe täglich, zu nächtlicher Weile zu der schönen Unbekannten hinschlich und mehrere Stunden bei ihr zubrachte. Stadtgespräch wurde es bald, daß der junge Advokat sich in die gefährlichen Liebesnetze der jungen Abenteuerin verstrickt habe.

Meister Wachts ganzem Wesen mußte es gänzlich fremd sein und bleiben, diese scheinbare Verirrung des jungen Advokaten als Waffe gegen die arme Nanni zu gebrauchen. Daß sie alles haarklein und gewiß noch mit vergrößerten Umständen erfahre, dafür ließ er die Frau Barbara nebst dem ganzen Anhange der Bosen sorgen. Der ganzen Sache setzte die Krone auf, daß der junge Advokat mit der Dame eines Tages ganz schnell abreisete; niemand wußte, wohin.

»So geht's mit dem Leichtsinn, hin ist des vorwitzigen Herrn Praxis«, sprachen die klugen Leute. Dies war aber nicht der Fall; denn zu nicht geringem Erstaunen aller besorgte der alte Eichheimer selbst die Praxis seines Pflegesohnes auf das pünktlichste, und eingeweiht in das Geheimnis mit der Dame, schien er alle Maßregeln seines Pflegesohns zu billigen.

Meister Wacht schwieg über die ganze Angelegenheit, und wenn einmal die arme Nanni ihren Schmerz nicht bergen konnte, sondern mit von Tränen halberstickter Stimme leise klagte: »Warum hat uns Jonathan verlassen?« so sprach Meister Wacht mit wegwerfendem Ton: »Ja, die Advokaten machen es nicht anders; wer weiß, was für eine Intrige, die ihm Geld und Nutzen schafft, Jonathan mit der Fremden angesponnen.«

Dann pflegte aber Herr Pickard Leberfink Jonathans Partei zu nehmen und zu versichern, daß er seinerseits überzeugt sei, wie die Fremde nichts Geringeres sein könne als eine Prinzessin, die sich in einer äußerst delikaten Rechtssache an den schon weltberühmten jungen Advokaten gewandt. Er kramte dabei soviel Geschichten von Advokaten aus, die durch besondere Sagazität, durch besondern Scharfblick und Geschicklichkeit die verworrensten Knoten entwickelt, die geheimsten Dinge ans Tageslicht gebracht, daß Meister Wacht ihn bat, um des Himmels willen stillzuschweigen, da ihm übel und weh werde, wogegen Nanni sich an allem, was Leberfink hervorbrachte, innig labte und neue Hoffnungen faßte.

Nannis Schmerz hatte eine merkliche Beimischung von Verdruß, und zwar in den Augenblicken, wenn es ihr ganz unmöglich schien, daß Jonathan ihr hätte untreu werden sollen. Hieraus war zu folgern, daß Jonathan sich nicht zu entschuldigen gesucht, sondern über sein Abenteuer hartnäckig geschwiegen.

Einige Monden waren vergangen, als der junge Advokat in der fröhlichsten Stimmung nach Bamberg zurückkehrte, und Meister Wacht mußte aus den leuchtenden Augen, womit Nanni ihn anblickte, wohl schließen, daß er sich ganz gerechfertigt. Es dürfte dem geneigten Leser nicht unlieb sein, die ganze Begebenheit, die sich mit der fremden Dame und dem jungen Advokaten zugetragen, hier gleich einer episodischen Novelle eingeschaltet zu sehen.

Der ungarische Graf Z..., im Besitz von mehr als einer Million, heiratete aus reiner Zuneigung ein blutarmes Fräulein, die den Haß der Familie schon dadurch auf sich lud, daß sie, außerdem daß über ihre Familie ein völliges Dunkel herrschte, keine andern Schätze besaß als alle Tugend, Schönheit und Anmut des Himmels.

Der Graf versprach, seiner Gemahlin mittelst Testaments sein ganzes Vermögen, auf den Fall seines Todes, zuzuwenden.

Einst, als ihn diplomatische Geschäfte von Paris nach Petersburg gerufen hatten und er nach Wien in die Arme seiner Gemahlin zurückkehrte, erzählte er dieser, daß er in einem Städtchen, dessen Namen er ganz vergessen, von einer schweren Krankheit befallen und die Augenblicke seiner Genesung sogleich dazu benutzt habe, um ein Testament zugunsten ihrer aufzusetzen und den Gerichten zu übergeben. Es müsse daher kommen, daß ihn einige Meilen weiter ein neuer Anfall der bösen Nervenkrankheit mit verdoppelter Gewalt gepackt habe, daß ihm Name des Orts, des Gerichts, wo und bei wem er testiert, gänzlich aus dem Gedächtnisse entschwunden, sowie, daß der von den Gerichten über die Niederlegung des Testaments erhaltene Empfangschein ihm verloren gegangen sei. Wie es wohl zu geschehen pflegt, von Tage zu Tage verschob der Graf die Errichtung eines neuen Testaments, bis ihn der Tod übereilte und die Verwandten nicht unterließen, den ganzen Nachlaß in Anspruch zu nehmen, so daß die arme Gräfin das überreiche Erbe bis auf die geringe Summe einiger kostbaren Geschenke des Grafen zusammenschmelzen sah, die ihr die Verwandten nicht entreißen konnten. Mancherlei Notizen über diesen Hergang der Sache waren in den Papieren des Grafen enthalten; da aber solche Notizen, daß ein Testament vorhanden sei, das Testament selbst nicht ersetzen können, so schufen sie der Gräfin nicht den mindesten Nutzen.

Viele Rechtsgelehrte hatte die Gräfin über ihren bösen Fall zu Rate gezogen, bis sie endlich nach Bamberg kam und sich an den alten Eichheimer wandte, der sie aber an den jungen Engelbrecht wies, welcher, weniger beschäftigt, ausgerüstet mit vorzüglichem Scharfsinn und großer Liebe zur Sache, vielleicht doch das unglückliche Testament erspüren oder einen andern künstlichen Beweis über die wirkliche Existenz desselben antreten würde.

Der junge Advokat begann damit, sich bei den kompetenten Behörden die nochmalige genaue Nachforschung in den Papieren des Grafen auf dem Schlosse auszubitten. Er ging selbst mit der Gräfin hin, und unter den Augen der Beamten des Gerichts fand sich in einem bisher nicht beachteten nußbaumen Schrank ein altes Portefeuille, worin zwar nicht der gerichtliche Empfangschein über die Niederlegung des Testaments, wohl aber ein Papier befindlich, was dem jungen Advokaten im höchsten Grade wichtig sein mußte.

Dieses Papier enthielt nämlich die genaue Beschreibung aller Umstände bis ins kleinste Detail, unter denen der Graf zugunsten seiner Gemahlin ein Testament errichtet und einem Gerichtshofe übergeben hatte. Die diplomatische Reise von Paris nach Petersburg brachte den Grafen nach Königsberg in Preußen. Hier fand er zufällig einige ostpreußische Edelleute, die er früher auf einer Reise in Italien getroffen. Der Eilfertigkeit, womit der Graf reisen wollte, unerachtet, ließ er sich doch bereden, eine kleine Streiferei in Ostpreußen zu unternehmen, vorzüglich, da die reichen Jagden aufgegangen und der Graf ein passionierter Jäger. Er nannte die Städte Wehlau, Allenburg, Friedland usw., wo er gewesen. Unmittelbar wollte er nun, ohne nach Königsberg zurückzukehren, vorwärts nach der russischen Grenze.

In einem kleinen Städtchen, dessen Ansehn der Graf nicht erbärmlich genug beschreiben konnte, verfiel er aber plötzlich in die Nervenkrankheit, die ihm mehrere Tage hindurch alle Sinne raubte. Zum Glück befand sich am Orte ein junger, recht geschickter Arzt, der dem Übel kräftigen Widerstand leistete, so daß der Graf nicht allein zu sich kam, sondern auch imstande war, in wenigen Tagen seine Reise fortzusetzen. Schwer fiel es ihm aber aufs Herz, daß ein zweiter Anfall ihn auf der Reise töten und seine Gemahlin in die tiefste Armut versetzen könne. Er erfuhr von dem Arzt zu seinem nicht geringen Erstaunen, daß der Ort, seiner Kleinheit und seines erbärmlichen Ansehens unerachtet, doch der Sitz eines preußischen Landeskollegii sei, und daß er mit aller Förmlichkeit sein Testament dort deponieren könne, sobald es ihm nur gelänge, die Identität seiner Person nachzuweisen. Dies war aber der harte Punkt. Denn wer kannte den Grafen in dieser Gegend?

Doch wie wunderbar ist das Spiel des Zufalls! Gerade als der Graf in dem Städtchen aus dem Wagen stieg, stand ein alter invalider Greis von beinahe achtzig Jahren, der auf einem benachbarten Dorfe wohnte, sich vom Korbflechten nährte und nur selten nach der Stadt zu kommen pflegte, in der Türe des Wirtshauses. Dieser hatte in seiner Jugend in der österreichischen Armee gedient und war fünfzehn Jahr hindurch Reitknecht bei dem Vater des Grafen gewesen. Auf den ersten Blick erinnerte er sich des Sohnes seines Herrn, und er und sein Weib wurden die völlig unverdächtigen Rekognoszenten des Grafen, wie man denken kann, nicht zu ihrem Schaden. Der junge Advokat sah sogleich ein, daß, um Näheres auszumitteln, es hier nur allein auf die Lokalität und deren genaue Vergleichung mit den Notizen des Grafen ankomme, um die nähere Spur, wo der Graf krank geworden sei und testiert habe, zu ermitteln.

Er reiste mit der Gräfin nach Ostpreußen; hier wollte er, womöglich, durch Einsicht der Postbücher die Reiseroute ausmitteln, die der Graf damals genommen. Doch nach vielem vergeblichen Mühen brachte er nur heraus, daß der Graf Postpferde von Eylau nach Allenburg genommen. Hinter Allenburg verlor sich jede Spur, jedoch war so viel gewiß, daß der Graf seine Tour nach Rußland durch das preußische Litauen genommen, und zwar um so mehr, als in Tilsit des Grafen Ankunft und Abreise mit Extrapost wieder eingetragen war. Von hier aus verlor sich aufs neue jede Spur. Auf dem kleinen Wege von Allenburg nach Tilsit schien indessen dem jungen Advokaten, daß man die Lösung des Rätsels suchen müsse. Ganz mißmutig und voller Sorgen traf er einst an einem regnichten Abend mit der Gräfin in dem kleinen Landstädtchen Insterburg ein. Von seltsamen Ahnungen fühlte er sich befangen, als er in die elenden Zimmer des Wirtshauses trat. Es kam ihm so heimisch darin vor, als wenn er schon selbst dagewesen, oder als wenn ihm der Aufenthalt auf das genaueste geschildert worden. Die Gräfin begab sich nach ihrem Schlafgemach; der junge Advokat wälzte sich unruhig auf dem Lager. Als die Morgensonne hell ins Zimmer schien, fiel sein Blick auf die Tapete in einer Ecke des Zimmers. Er gewahrte, daß von einem großen Fleck die blaue Farbe, womit das Zimmer nun übertüncht, abgesprungen und die widerwärtige hochgelbe Grundfarbe zum Vorschein gekommen, worauf allerlei scheußliche Gesichter als anmutige Arabesken im neuseeländischen Geschmack angebracht waren.

Ganz außer sich vor Freude und Entzücken sprang der junge Advokat aus dem Bette; er befand sich in dem Zimmer, in welchem Graf Z... das verhängnisvolle Testament gemacht hatte. Die Schilderung traf zu genau ein; es war nicht daran zu zweifeln.

Was nun noch den Leser mit all den Kleinigkeiten ermüden, die nach und nach eintrafen! Genug, Insterburg war wie noch jetzt der Sitz eines preußischen Obergerichts, damals Hofgericht geheißen. Der junge Advokat begab sich sofort mit der Gräfin zu dem Präsidenten; durch die mitgebrachten, in der authentischen Form ausgefertigten Papiere wurde die Legitimation der Gräfin auf das vollständigste geführt, die Publikation des Testaments als unzweifelhaft vorgenommen, und die Gräfin, welche trostlos in großer Dürftigkeit ihr Vaterland verlassen, kehrte wieder, im Besitz aller Rechte, die ein feindliches Geschick ihr hatte rauben wollen.

Der Nanni erschien der Advokat wie ein himmlischer Heros, der die verlassene Unschuld gegen die Bosheit der Welt siegreich geschützt. Auch Leberfink ergoß sich in übertriebenen Lobeserhebungen, den Scharfsinn und die Tätigkeit des jungen Advokaten hoch bewundernd. Meister Wacht rühmte ebenfalls nicht ohne Nachdruck Jonathans Betriebsamkeit, wiewohl er eigentlich nichts als seine Schuldigkeit getan und es ihm – dem Meister Wacht – bedünken wolle, daß alles auf viel kürzerem Wege zu erlangen gewesen sein würde.

»Diese Angelegenheit«, sprach Jonathan, »halte ich für einen wahren Glücksstern, der mir in meiner kaum begonnenen Laufbahn aufgegangen.

Die Sache hat viel Aufsehen erregt. Alle ungarischen Magnaten waren in Bewegung. Mein Name ist bekannt geworden, und was nicht das Schlimmste dabei ist, die Gräfin war liberal genug, mir zehntausend Stück Brabanter Taler zu verehren.«

Schon während der ganzen Erzählung des jungen Advokaten hatte auf Meister Wachts Gesicht ein seltsames Muskelspiel begonnen, das sich bis zum Ausdruck des tiefsten Verdrusses steigerte.

»Was«, fuhr er endlich mit Flammenblicken und mit einer Löwenstimme heraus, »was, hab' ich's nicht gesagt, das Recht hast du verkauft; dafür, daß die Gräfin ihr rechtmäßiges Erbe von den betrügerischen Verwandten herausbekam, mußte sie Geld zahlen, mußte sie dem Mammon opfern. Pfui, pfui, schäme dich!«

Alle vernünftigen Vorstellungen des jungen Advokaten sowie der übrigen Personen, die gerade anwesend waren, fruchteten auch nicht das allermindeste. Meister Wacht blieb [dabei], unerachtet eine Sekunde hindurch die Vorstellung Platz zu greifen schien, daß wohl nie eine Person mit freudigerem Gemüte ein Geschenk gegeben als die Gräfin bei der plötzlichen Entscheidung ihres Falles, und daß, wie Leberfinkchen auch genau wissen wollte, nur der junge Advokat selbst daran schuld war, daß das Honorar nicht viel stärker und nicht mehr dem Gewinn gemäß ausgefallen; doch sogleich kehrten die alten starrsinnigen Worte zurück: »Sobald von Recht die Rede ist, gibt es kein Geld auf der Erde.«

»Es ist wahr«, fuhr Wacht nach einer Weile beruhigter fort, »bei dieser Geschichte kommen manche Umstände vor, die dich wohl entschuldigen können und zum schnöden Eigennutz verleiten konnten, doch tue mir den Gefallen und halt das Maul von der Gräfin, dem Testament, den zehntausend Talern; es könnte mir manchmal bedünken wollen, daß du an den Platz dort, den du an meinem Tische einnimmst, nicht hingehörtest.«

»Ihr seid sehr hart, sehr ungerecht gegen mich, Vater«, sprach der junge Advokat mit vor Wehmut bebender Stimme. Nanni vergoß stille Tränen; Leberfink, als ein gewandter sozialer Mann, brachte schnell das Gespräch auf die neuen Vergoldungen zu St.Gangolf.

Man kann sich das gespannte Verhältnis wohl denken, in dem jetzt die Familie Wacht lebte. Wo war die Freiheit des Gesprächs, wo aller frische Lebensmut, wo aller muntre Sinn? Ein tötender Verdruß nagte langsam an Wachts Herzen, und auf seinem Antlitz stand das geschrieben.

Von Sebastian Engelbrecht ging durchaus nicht die mindeste Nachricht ein, und so schien auch die letzte schwache Hoffnung, die dem Meister Wacht geschimmert, unterzugehen.

Meister Wachts Altgesell, Andres geheißen, war ein treuer, ehrlicher, schlichter Mensch, der ihm anhing mit einer Liebe ohnegleichen. »Meister«, sprach dieser eines Morgens, als sie eben miteinander Balken abschnürten, »Meister, ich kann's nicht länger tragen, es stößt mir das Herz ab, Euch so leiden zu sehen! Jungfer Nanni! der arme Herr Jonathan!«

Da warf Meister Wacht schnell das Schnürbündel fort, trat auf ihn zu, packte ihn bei der Brust und rief: »Mensch, vermagst du aus diesem Herzen die Überzeugung, was wahr und recht, wie sie die ewige Macht mit Flammenzügen hineingezeichnet hat, herauszureißen, so mag das geschehen, dessen du gedenkest!«

Andres, der nicht der Mann war, sich mit seinem Meister auf Kontestationen der Art einzulassen, kratzte sich hinter den Ohren und meinte verlegen schmunzelnd: »So würde wohl auch ein gewisser Morgenbesuch eines vornehmen Herren auf der Werkstatt von keiner sonderlichen Wirkung sein.« Meister Wacht merkte den Augenblick, daß es auf einen Sturm gegen ihn abgesehen sei, den höchst wahrscheinlich der Graf von Kösel dirigieren werde.

Mit dem Glockenschlage neun Uhr kam Nanni, der die alte Barbara mit dem Frühstück folgte, auf die Werkstatt. Es war dem Meister unangenehm, daß Nanni kam, da dies außer der Regel und die verabredete Karte schon jetzt hervorguckte.

Nicht lange dauerte es, so erschien denn auch wirklich der Domizellar, gestriegelt und geschniegelt wie ein Püppchen; ihm folgte auf dem Fuß der Lackierer und Vergolder, Monsieur Pickard Leberfink, in allerlei bunten Farben gekleidet und einem Frühlingskäfer nicht unähnlich. Wacht tat hoch erfreut über den Besuch, dem er sogleich die Ursache unterschob, daß der Herr Domizellar wahrscheinlich seine neuesten Modelle sehen wolle.

Meister Wacht trug in der Tat große Scheu, die weitläufigen Sermonen zu hören, in die sich der Domizellar nutzlos ergießen würde, um rücksichts Nannis und Jonathans seinen Entschluß zum Wanken zu bringen. Der Zufall rettete ihn, indem er wollte, daß in dem Augenblick, als der Domizellar, der junge Advokat und der Lackierer nebeneinander standen und der Domizellar schon mit den zierlichsten Worten die süßesten Verhältnisse des Lebens berührte, der dicke Hans rief: »Holz her!« der große Peter auf der andern Seite aber so derb zuschob, daß der Domizellar, heftig an der Schulter berührt, auf den Monsieur Pickard stürzte; dieser prallte aber auf den jungen Advokaten, und im Nu waren alle drei verschwunden. Hinter ihnen befand sich nämlich ein hochaufgetürmter Haufen von Holzsplittern, Sägespänen u. a.

In diesen Haufen waren die Unglücklichen begraben, so, daß man von ihnen nichts erblickte als vier schwarze und zwei chamoisfarbene Füße; letztere waren aber die Galastrümpfe des Herrn Lackierer und Vergolder Pickard Leberfink. Es konnte nicht anders möglich sein, die Gesellen und Burschen brachen in ein schallendes Gelächter aus, unerachtet Meister Wachts Ernst und Ruhe gebot.

Am schrecklichsten sah der Domizellar aus, dem die Sägespäne in alle Falten des Kleides und sogar auch in die Locken der zierlichen Frisur gedrungen waren; er floh beschämt wie auf den Flügeln des Windes, und ihm folgte der junge Advokat auf dem Fuße; nur Monsieur Pickard Leberfink blieb froh und freundlich, unerachtet es für gewiß anzunehmen, daß die chamois Strümpfe nicht mehr brauchbar, da besonders feindliche Späne die Pracht der Zwickel gänzlich vernichtet. So hatte ein lächerlicher Vorfall den Sturm, der auf Wacht gewagt werden sollte, vereitelt.

Der Meister hatte keine Ahnung, wie noch heute ihn Entsetzliches treffen würde.

Meister Wacht hatte abgegessen und stieg soeben die Treppe herab, um sich nach dem Werkhofe zu begeben; da hörte er vor dem Hause eine brutale Stimme rufen: »Heda! wohnt der alte spitzbübische Kerl, der Zimmermann Wacht, nicht hier?« Eine Stimme von der Straße antwortete: »Ein alter spitzbübischer Kerl wohnt nicht hier, wohl ist dies aber das Haus des ehrsamen Bürgers und Zimmermeisters, Herrn Johannes Wacht.«

In dem Augenblick wurde mit einem starken Schlage die Haustür eingestoßen, und ein großer starker Kerl von wildem Ansehn stand vor dem Meister. Die schwarzen Haare spießten sich durch die durchlöcherte Soldatenmütze, und überall konnte der zerlumpte Kittel den nackten, von Schmutz und Witterung ekelhaften Körper nicht verbergen; an den Füßen trug der Kerl Soldatenschuhe, und die blauen Striemen an den Knöcheln zeigten die Spur getragener Ketten.

»Hoho!« rief der Kerl, »Ihr kennt mich wohl nicht mehr? Ihr kennt wohl nicht mehr den Sebastian Engelbrecht, den Ihr um sein Erbe betrogen?« Meister Wacht trat dem Kerl mit aller imponierenden Majestät seines Äußern einen Schritt entgegen, indem er unwillkürlich die Hand mit dem Rohrstock vorstreckte. Da war es, als träfe den wilden Kerl ein Blitz; er taumelte ein paar Schritte zurück, streckte die geballten Fäuste drohend empor und schrie: »Hoho! Ich weiß, wo mein Erbteil ist, ich will es mir verschaffen trotz dir, du alter Sünder!«

Er rannte pfeilschnell den Kaulberg hinab, von dem Volke verfolgt.

Erstarrt blieb Meister Wacht einige Sekunden im Flur stehen, bis er auf den angstvollen Zuruf Nannis: »Um Gott, Vater, das war Sebastian!« in die Stube hinein mehr schwankte als ging, erschöpft auf einen Lehnsessel sank, beide Hände vors Gesicht hielt und mit erschütternder Stimme rief: »Ewige Barmherzigkeit des Himmels, das ist Sebastian Engelbrecht!«

Es entstand Lärm auf der Straße, das Volk strömte den Kaulberg herab, und ganz aus der Ferne riefen Stimmen: »Mord! Mord!«

Von den entsetzlichsten Ahnungen ergriffen, rannte der Meister hinab nach Jonathans Wohnung, die eben ganz am Fuße des Kaulbergs gelegen.

Ein dichter Volkshaufe wälzte sich vor ihm her; in der Mitte desselben gewahrte er den wie ein wildes Tier sich sträubenden Sebastian, der soeben von der Wache zu Boden geworfen, so überwältigt, an Händen und Füßen geschlossen und eben abgeführt wurde.

»Jesus! Jesus! Der Sebastian hat seinen Bruder erschlagen!« So wehklagte das Volk, welches sich aus dem Hause drängte. Meister Wacht machte sich Platz und fand den armen Jonathan unter den Händen der Ärzte, die sich mühten, ihn ins Leben zurückzurufen; drei mit der vollsten Kraft eines starken Mannes geführte Faustschläge auf den Kopf ließen das Schlimmste ahnen.

Nanni hatte, wie es gewöhnlich zu geschehen pflegt, durch liebreiche Freundinnen sogleich den ganzen Hergang der Sache erfahren und war nach des Geliebten Wohnung gestürzt, wo sie in dem Augenblicke anlangte, als der junge Advokat, kraft der verschwendeten Naphtha, wieder die Augen aufschlug und die Chirurgen vom Trepanieren sprachen. Man kann sich das übrige denken.

Nanni war trostlos, Rettel, trotz ihrer Brautschaft, in Trauer versenkt, und selbst Monsieur Pickard Leberfink versicherte, indem ihm die Tränen vor Wehmut über die Backen liefen, Gott solle dem gnädig sein, auf dessen Caput eine Zimmermannsfaust niederfalle; der Verlust des jungen Herrn Jonathan sei unersetzlich. Indessen solle der Lack des Sarges an Glanz und Schwärze unübertrefflich sein, die Versilberung der Totenköpfe und anderer anmutiger Embleme ihresgleichen vergebens suchen.

Es ergab sich, daß Sebastian einem Trupp Landstreicher, der vom bayerischen Militär durch das Bambergische transportiert wurde, entsprungen und in die Stadt gelaufen war, um einen wahnsinnigen Vorsatz auszuführen, den er längst im Innern getragen. Sein Lebenslauf war nicht der eines verworfenen verruchten Bösewichts, sondern gab nur das Beispiel eines durchaus leichtsinnigen Menschen, der, der vortrefflichsten Gaben, die ihm die Natur verlieh, unerachtet, sich jeder Verlockung des Bösen preisgibt und zuletzt auf der höchsten Stufe des Lasters untergeht in Elend und Schmach.

Im Sächsischen war er einem Rabulisten in die Hände gefallen, der ihm weismachte, daß er von dem Meister Wacht bei der Auszahlung der väterlichen Erbschaft merklich verkürzt worden, und das zwar zugunsten seines Bruders Jonathan, dem er sein liebstes Töchterlein, namens Nanni, zum Weibe versprochen. Wahrscheinlich hatte der alte Betrüger sich dies Märchen aus verschiedenen Äußerungen Sebastians selbst zusammengesetzt. Der geneigte Leser weiß bereits, wie Sebastian sich Recht verschaffen wollte mit wilder Gewalt. Unmittelbar, als er den Meister Wacht verlassen, war er nämlich hinaufgestürmt in Jonathans Zimmer, wo dieser gerade vor dem Arbeitstische saß, eine Rechnung in Ordnung brachte und Geldrollen zählte, die vor ihm aufgehäuft lagen.

Der Schreiber saß in der andern Ecke des Zimmers.

»Ha, Verruchter!« schrie Sebastian wütend, »sitzest du bei deinem Mammon, zählst du, was du geraubt hast? Her damit, was der alte Bösewicht mir gestohlen und dir zugewandt hat. Du schwächlich Ding von geizigem lüsternen Satan!« Da Sebastian auf ihn eindrang, hielt Jonathan instinktmäßig abwehrend beide Hände vor und rief laut: »Bruder! Um Gottes willen, Bruder!« Dafür versetzte ihm aber Sebastian mit der geballten Faust mehrere harte Schläge an den Kopf, so daß Jonathan ohnmächtig niedersank, packte eiligst einige Geldrollen zusammen und wollte damit fort, welches ihm natürlicherweise nicht gelang.

Zum Glück fand es sich, daß keine von Jonathans Wunden, die äußerlich nur starke Beulen schienen, eine bedeutende Hirnerschütterung verursacht hatte, mithin für lebensgefährlich zu achten. Nach Verlauf von zwei Monaten, als Sebastian nach der Zuchtanstalt, wo er den versuchten Raubmord mit schwerer Strafe büßen sollte, abgeführt wurde, fühlte der junge Advokat sich völlig wiederhergestellt.

Der entsetzliche Vorfall hatte auf Meister Wacht so zerstörend eingewirkt, daß ein zehrender Mißmut davon die Folge war. Diesmal war die stammhafte Eiche von dem Wipfel bis zur tiefsten Wurzel erschüttert.

Oft, wenn man ihn mit ganz andern Dingen beschäftigt glaubte, vernahm man, wie er leise murmelte: »Sebastian! Brudermörder, du mir das getan!« und dann schien er aus einem tiefen Traum zu erwachen. Nur die stärkste, angestrengteste Arbeit erhielt ihn aufrecht. –

Doch wer ermißt die unerforschlichen Tiefen, in denen sich der verborgene Organismus der Gefühle so seltsam verkettet wie in Meister Wachts Seele! Der Abscheu gegen Sebastian und seine verruchte Tat verblaßte, indem das Bild des durch Jonathans Liebe verstörten Lebens sich immer in frischer Farbe lebendig erhielt.

Mancherlei kurze Äußerungen Meister Wachts bewiesen diese Gemütsstimmung. »Also dein Bruder sitzt auf dem Bau in Ketten? – die gegen dich gerichtete Tat hat ihn dahin gebracht? es ist doch schlimm, schuld daran zu sein, daß der eigene Bruder den Bruder auf den Bau gebracht hat – möchte nicht in der Stelle dieses Bruders sein – doch Juristen denken anders, die wollen das Recht, d. h. sie wollen mit der Puppe spielen, die sie ausputzen und ihr einen Namen geben, wie sie wollen.« –

Dergleichen bittere, ja unverständliche Worte mußte der junge Advokat nur zu oft von Meister Wacht hören. Nutzlos würde jeder Versuch der Widerlegung geblieben sein. Der junge Advokat entgegnete daher nichts, sondern brach oft, wenn ihm der verderbliche Wahn des Alten, in dem sein ganzes Glück unterging, die Brust zermalmen wollte, im Übermaß des Schmerzes aus: »Vater, Vater, Ihr tut mir Unrecht, himmelschreiendes Unrecht!«

Eines Tages, als die Familie bei dem Lackierer Leberfink versammelt und Jonathan auch zugegen war, sprach Meister Wacht davon, daß jemand gemeint, wie der Sebastian Engelbrecht, sei er auch als Verbrecher verhaftet, doch Ansprüche gegen den Meister Wacht als seinen gewesenen Vormund im Wege des Rechts geltend machen könne. »Das wäre«, sprach der Meister giftig lachend, indem er sich zu Jonathan wandte, »das wäre so ein hübscher Prozeß für einen jungen Advokaten; ich dächte, du unternähmst den Rechtshandel, du bist vielleicht dabei selbst im Spiele, vielleicht habe ich dich auch betrogen.« Da fuhr der junge Advokat in die Höhe, seine Augen flammten, seine Brust flog auf und nieder, er schien plötzlich ein ganz anderer; er streckte die Hand gen Himmel empor und rief: »Nein, Ihr seid nicht mehr mein Vater, Ihr seid ein Wahnsinniger, der einem lächerlichen Vorurteil ohne Bedenken Ruh' und Glück der liebsten Kinder opfert; nie seht Ihr mich wieder; ich gehe auf die Anträge, die mir heute der amerikanische Konsul gemacht hat, ein, fort nach Amerika!« – »Ja«, rief Wacht, ganz Zorn und Wut, »ja, fort aus meinen Augen, du dem Satan Verkaufter, du Bruder des Brudermörders!«

Mit einem vollen Blick, in dem alle trostlose Liebe, aller Schmerz, alle Verzweiflung des hoffnungslosesten Abschieds lag, auf die halbohnmächtige Nanni verließ der Advokat schnell den Garten.

Schon früher während des Laufs der Geschichte wurde, als der junge Advokat sich à la Werther totschießen wollte, bemerkt, wie gut es sei, daß die dazu nötigen Pistolen mehrenteils nicht gleich bei der Hand. Hier ist es ebenso ersprießlich, anzuführen, daß der junge Advokat zu seinem eigenen Besten sich nicht gleich auf der Regnitz einschiffen konnte, um geradeswegs nach Philadelphia hinüberzuschiffen.

So geschah es, daß die Drohung, Bamberg und die geliebte Nanni auf ewig zu verlassen, auch in dem Augenblick noch unausgeführt geblieben, als endlich, nachdem aufs neue über zwei Jahre vergangen, der Hochzeitstag des Herrn Lackierers und Vergolders Leberfink herangekommen war.

Untröstlich würde Leberfink über diesen unbilligen Aufschub seines Glücks, den freilich das Entsetzliche, was in Wachts Hause Schlag auf Schlag geschehen, herbeiführen mußte, gewesen sein, hätte er nicht dadurch Gelegenheit erhalten, die Verzierungen seines Prunkzimmers, welche sehr sauber in Himmelblau und Silber glänzten, in Hochrot umzulackieren, mit gehöriger Vergoldung, da er seinem Rettelchen abgemerkt, daß ein roter Tisch, rote Stühle usw. ihrem Geschmack besser zusagen würden.

Meister Wacht widerstand nicht einen Augenblick dem Andringen des glücklichen Lackierers, den jungen Advokaten auf seiner Hochzeit zu sehen, und der junge Advokat – ließ es sich auch gefallen.

Man kann denken, in welcher Stimmung sich die beiden jungen Leute, die seit jenem entsetzlichen Augenblick sich wirklich nicht gesehen hatten, wiedererblickten. Die Versammlung war groß, aber kein einziges ihnen befreundetes Gemüt ermaß ihren Schmerz.

Schon stand man im Begriff, sich nach dem Gotteshause zu begeben, als Meister Wacht einen starken Brief erhielt und dann, kaum hatte er einige Zeilen gelesen, erschüttert zur Tür hinausstürzte, zu nicht geringem Schreck der andern, die neues Böses ahnen wollten.

Nicht lange dauerte es, so rief Meister Wacht den jungen Advokaten heraus, und als sie nun beide allein in dem Arbeitszimmer des Meisters sich befanden, so begann dieser, indem er vergeblich die tiefste Erschütterung zu verbergen sich mühte: »Es sind die außerordentlichsten Nachrichten von deinem Bruder eingegangen; hier ist ein Brief von dem Direktor der Gefangenenanstalt, der umständlich schreibt, wie sich alles begeben. Du kannst das nicht alles wissen, ich müßte dir daher, um das Unglaubliche dir glaublich zu machen, haarklein alles sagen; aber die Zeit drängt.« – Bei diesen Worten sah Meister Wacht dem Advokaten scharf ins Gesicht, der beschämt errötend die Augen niederschlug.

»Ja, ja«, fuhr der Meister mit erhöhter Stimme fort, »du weißt nichts davon, daß dein Bruder kaum wenige Stunden auf dem Bau von einer Reue ergriffen worden ist, wie sie wohl kaum jemals eines Menschen Brust zerrissen hat. Du weißt nichts davon, daß der Versuch des Raubmordes ihn zermalmt hat. Du weißt nicht, daß er in wahnsinniger Verzweiflung Tag und Nacht geheult und gefleht hat, daß der Himmel ihn vernichten oder retten möge, damit er fortan durch die strengste Tugend sich rein wasche von der Blutschuld.

Du weißt nicht, daß bei Gelegenheit eines wichtigen Anbaues des Gefangenenhauses, bei dem Züchtlinge als Handlanger gebraucht werden, sich dein Bruder so sehr als ein geschickter kenntnisreicher Zimmermann auszeichnete, daß er bald, ohne daß jemand daran dachte, wie sich das begeben, die Stelle des Poliers vertrat. Du weißt nicht, daß ihm dabei sein stilles frommes Wesen, seine Bescheidenheit, mit der Bestimmtheit des geläuterten Verstandes gepaart, alle zu Freunden machte.

Das weißt du alles nicht, darum mußte ich's dir sagen. Was weiter! Der Fürstbischof hat deinen Bruder begnadigt, er ist Meister geworden; aber wie war das alles möglich ohne Geldzuschüsse?« »Ich weiß«, sprach der junge Advokat sehr leise, »ich weiß, daß Ihr, mein guter Vater, monatlich Geld der Direktion zugesendet habt, um meinen Bruder von den übrigen Gefangenen absondern und besser verpflegen zu können. Ihr habt ihm später Handwerkszeug geschickt.« –

Da trat Meister Wacht auf den jungen Advokaten zu, faßte ihn bei beiden Armen und sprach mit einer Stimme, die in Entzücken, Wehmut, Schmerz auf unbeschreibliche Weise schwankte: »Hätte das dem Sebastian, sproßte auch seine ursprüngliche Tugend mächtig hervor, wieder zur Ehre, Freiheit, Bürgerrecht, Besitztum verhelfen können? Ein unbekannter Menschenfreund, dem Sebastians Schicksal besonders am Herzen liegen muß, hat zehntausend große Taler beim Gericht niedergelegt, um –« Weiter konnte Meister Wacht vor gewaltsamer Bewegung nicht sprechen, er riß den jungen Advokaten an seine Brust und rief, indem er mit Mühe die Worte herauspreßte: »Advokat, mache, daß ich eindringe in die Tiefe des Rechts, wie es in deiner Brust lebendig worden, und daß ich bestehe vor dem ewigen Weltgericht wie du dereinst bestehen wirst. – Doch«, fuhr Meister Wacht nach einigen Sekunden fort, indem er den jungen Advokaten von seiner Brust ließ, »doch, mein geliebter Jonathan, wenn nun Sebastian als ein frommer tätiger Bürger wiederkehrt und mich an mein gegebenes Wort mahnt, wenn Nanni« – »So trag' ich«, sprach der junge Advokat, »meinen Schmerz, bis er mich tötet. – Ich fliehe nach Amerika.«

»Bleibe hier«, rief Meister Wacht, ganz begeistert von Wonne und Lust, »bleibe hier, mein Herzensjunge! Sebastian heiratet ein Mädchen, die er früher verführt und verlassen hatte; Nanni ist dein!« Noch einmal umhalste der Meister den jungen Advokaten und rief:

»Junge, wie ein Schulknabe stehe ich vor dir und möchte dir alle Schuld, alles Unrecht abbitten, das ich dir angetan! – Doch kein Wort weiter; andere Leute warten auf uns.«

Damit faßte Meister Wacht den jungen Advokaten, riß ihn fort in das Hochzeitszimmer hinein und sprach, indem er sich mit Jonathan mitten in den Kreis stellte, mit erhöhter feierlicher Stimme:

»Ehe wir zur heiligen Handlung schreiten, lade ich euch alle, ihr ehrsamen Männer und Frauen, ihr tugendbelobten Jungfrauen und Jünglinge, über sechs Wochen zu einer gleichen Feier in meiner Behausung ein; denn hier stelle ich euch den Herrn Advokaten Jonathan Engelbrecht vor, dem ich in diesem Augenblick meine jüngste Tochter Nanni feierlich verlobe!«

Die Liebenden sanken sich selig in die Arme.

Nur ein Hauch der tiefsten Verwunderung durchlief die ganze Versammlung, doch der alte fromme Andres sprach leise, indem er das kleine dreieckige Zimmermannshütlein vor die Brust hielt:

»Des Menschen Herz ist ein wunderliches Ding, aber der wahre fromme Glaube überwindet wohl die schnöde, ja sündliche Tapferkeit eines verhärteten Gemüts, und alles wendet sich, wie der liebe Gott es will, zum Guten.«

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